Piotr ANDERSZEWSKI - Ein grosser Pianist - ein grosser Musiker.

Alfred_Schmidt · 2 Beiträge · letzte Antwort von florian

  • Liebe Forianer


    Den Threadtitel hab ich sozusagen von der "offiziellen Webseite" des Künstlers übernommen - aber es besteht von meiner Seite auch kein Einwand gegen diese Behauptung.
    Der Name war mir schon bekannt - aber da gibt es soo viele berühmte Pianisten die ich noch nicht gehört habe (Siehe meine Liste im Thread: Persönlich vernachlässigte Pianisten - Eine "Beichte" - und die ist noch lange nicht komplett - im Gegenteil sie wird immer länger)
    So wurde die Anschaffung von Einspielungen dieses Pianisten - wie viele andere auch - immer wieder verschoben.


    Vor einigen Tagen war es dann so weit - mir stachen zwei CD diese Pianisten regelrecht ins Auge. Und ich erwarb sie.
    Gehört habe ich bis jetzt diese CD:



    Und wie klingt das ganze jetzt ?
    Besonders analytisch? besonders ausgetüftelt ? Originell ?
    auf äusserste Brillanz getrimmt ?


    Zunächst einmal hatte ich den (falschen) Eindruck, einer "ganz normalen" Einspielung. Verdächtig war aber, daß ich nicht - wie ich zu informationszecken vorhatte - einzelne Tracks lediglich anspielte - sondern von der Aufnahme nicht loskam. Speziall die langsamen Sätze hatten es mir angetan, sie blühten regelrecht auf - da hatte auch das Scotish Chamber Orchestra seinen Anteil dran, das ich sellten so bewusst wahrgenommen habe wie auf dieser Aufnahme.
    Allmählich wurde mir klar, daß die Aufnahme an sich exorbitant ist - ohne im ersten Moment "spektakulär" zu sein. Aber da gibt es schon einige Momente in den schnellen Sätzen wo ein sehr eigenwilliger Künstler zu hören ist - aber stets zum Vorteil des Werkes.
    Ein Pianist mit sehr viel Individualität, der das Werk nie "verstaubt" oder "beliebig" klingen lässt, sondern eigene Wege geht - ohne den Hörer zu verstören
    Die Kadenz im 3. Satz des Klavierkonzertes Nr 20 KV 466 stammt aus eigener Feder (oder ist improvisiert ?), jene des ersten Satzes stammt von Beethoven.
    Im Klavierkonzert Nr 17 KV 453 werden Kadenzen von Mozart realisiert.


    Ich bin gespannt ob jemand weitere CDs dieses Pianisten vorstellen kann - oder meinen subjektiven Höreindruck bestätigt oder ihm widerspricht....


    mfg aus Wien


    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Den Höreindruck durch eine CD kann ich nicht bestätigen. Dafür fehlt mir die CD. Trotzdem gewann ich einen fulminanten Eindruck - und zwar vorgestern Abend auf Arte, wo der Pianist polnisch-ungarischer Herkunft anderhalb Stunden während einer Tournee durch Osteuropa porträtiert wurde.
    Anderszewski hat sich einen Eisenbahnwaggon umbauen lassen zu einer Art Wohnmobil inklusive Küche und Steinway-Flügel. Diesen Waggon läßt er an die Züge auf seiner Tourneeroute anhängen und seinen Flügel am jeweiligen Konzertort in den Saal transportieren (erinnert irgendwie an Horowitz). Und so fährt der Künstler auf nicht alltägliche Weise durch die Lande, und wenn das Kind im Manne zum Vorschein kommt, dann setzt er sich für ein paar Stationen auch mal zum Lokomotivführer und spielt auf seine Art Eisenbahn.
    Auf der Reise präsentierte sich ein charmanter, weltläuifiger, sprachgewandter, jugendlich wirkender Musiker von ungemeiner Gedankentiefe, der ewig auf der Suche zu sein scheint und mich in seinen künstlerischen Anforderungen an sich selbst etwas an Carlos Kleiber erinnert. Bei einem Konzert in Paris spielte er eine Partita von Bach, kam hinter die Bühne und erklärte, er habe nur 30% dessen gegeben, was er vermöge, ging auf die Bühne zurück und teilte dem verdutzten Publikum mit, er sei mit seiner Interpretation nicht zufrieden und werde daher die Partita jetzt noch einmal spielen. Wo gibt es solche Skrupelhaftigkeit mit der eigenen Leistung sonst im Konzertbetrieb?
    Man sah Anderszewski bei einer CD-Einspielung des Beethoven KK 1 mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die er auch dirigierte (eine spielerisch-mitreißende Interpretation, in der sich die Freude der Musiker am delikaten Wechselspiel auf den Gesichtern widerspiegelte) sowie mit dem Brahms KK 2 mit dem Philharmonia Orchester unter Gustavo Duhamel. Gleichzeitig erklärte Anderszewski, er wolle fortan weitgehend auf Klavierkonzerte verzichten, da dies zu viele Kompromisse mit sich bringe.
    Und zwischendurch spielte in seinem Waggon ständig Mozart, darunter die halbe Zauberflöte, während er redete. Seine Liebe zu Mozart scheint nicht frei von Fanatismus zu sein. Natürlich empfindet er sich als Pole Chopin verpflichtet, doch bevorzugt er eine dosierte Annäherung, denn Chopin als ständiger Begleiter seiner Konzerte führe rasch zur Übersättigung. Manches, was er sagt, wirkt etwas exzentrisch, anderes tiefgründig durchdacht. Mich beeindruckte die Glaubwürdigkeit seines künstlerischen Strebens, die bei aller Intellektualität eine naive Lauterkeit nicht ausschließt.
    Meinethalben hätte der Porträt-Film noch weitergehen können - ein übrigens exzellent gemachter Film von einem polnischen Franzosen, dessen Namen mir Schwierigkeiten macht, der mir aber mit einem Porträt des alten Sjatoslaw Richter (mit Fischer-Dieskau als dessen deutscher Stimme) in bester Erinnerung ist.
    So wie sich Piotr Anderszweski in diesem Porträt vorstellte, haben wir es mit einem Künstler zu tun, der sich nur sehr bedingt dem üblichen Klassikbetrieb zur Verfügung zu stellen scheint. Ich war von diesem mir bisher unbekannten Pianisten sehr angetan. Eine überzeugende Persönlichkeit, nicht nur musikalisch.


    Florian