Regietheater - letzte verbliebene Schrumpfform linker Ideologie ?

  • Zwei positive Beispiele:


    1. Die wirklich eindrucksvolle Inszenierung von Händels Alcina in Münster.


    Das ist eine Barockoper, aber sie wurde nicht wie im Barock inszeniert, sondern modern expressionistisch. Auf der Bühne war eine Eiswelt zu sehen, als Ausdruck der Innenwelt von Alcina. Die Bilder waren sehr eindrucksvoll und bleiben mir unvergesslich im Gedächtnis, besonders in der großen Schmerz-Arie, wo dann Alcinas übergroßer Schmerz das Eis schmelzen lässt. Das Bemerkenswerte: Obwohl - oder gerade weil - das eine moderne Inszenierung war, wurde das ganz Andere und Fremde dieser Barockwelt deutlich: keine Empfindsamkeit wie bei Mozart und Beethoven, sondern der beherrschende Affekt, so dass man eine Ahnung und ein Erlebnis davon bekam, was die "Gewalt" des Ausdrucks starker Affekte in der antiken Tragödie einmal bedeutete. Eine historisierende Inszenierung im Stile einer barocken Bühnenmaschinerie hätte statt einer solchen Ausdruckstiefe nicht mehr gebracht als ein oberflächliches Spektakel zur Unterhaltung, wie es heute jedes x-beliebige Musical bietet.


    2. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Brecht/Weill - inszeniert von Ulrich Peters in Münster


    Die vielleicht beste Inszenierung, die ich gesehen habe. Ulrich Peters kommt vom Brecht-Theater her, er liebt dieses Stück. Man merkte es an der liebevoll-sorgfältigen Inszenierung, die durchdacht war bis in das letzte Detail. Und sie hat ganz großen Spaß gemacht mit dem höchst einfallsreichen und originellen Bühnenbild. Das war tiefgründig und höchst unterhaltsam zugleich, wie es nach Brecht/Weill auch sein soll. Das reine Vergnügen! Ich war bei der Premiere. Eine riesen Enttäuschung war das Publikum. In der Pause habe ich in die Gespräche reingehört. Beim Sekttrinken gab es den üblichen Tratsch über Alltagsbanalitäten. Unfassbar! Kein Gespräch drehte sich über das Stück oder was man gerade gesehen hatte. Wieso gehen die Leute dann nicht einfach in die Kneipe?


    Die Besonderheit: Ulrich Peters hat tatsächlich den Schluss geändert. Gemerkt hat das vom Publikum aber wohl kaum Jemand. ^^ Einmal, weil sie das Stück nicht kennen und aber auch, weil dieser Schluss von Ulrich Peters so schlüssig entwickelt war, dass er auch der originale Schluss hätte sein können. Das ist der große Unterschied zu der misslungenen Carmen-Inszenierung in Münster: Peters bearbeitet das Stück so, dass dies dramaturgisch schlüssig ist und diese Bearbeitung somit vom Stück her eine Möglichkeit darstellt, wie es eben auch sein könnte. Das ist entwickelt in Auseinandersetzung mit dem Stück und konsequent im Sinne des Brecht-Theaters, das ja nicht den Zuschauer berauschen, sondern ihn zur Reflexion anregen will. Man kann sich so als Zuschauer fragen: Warum ist der Schluss so wie er ist? Könnte er nicht auch anders sein? Was ist die überzeugendere Schlussvariante? Oder sind vielleicht beide gleich gut möglich? Das ist anregend im Unterschied zur misslungenen Münsteraner Inszenierung von Carmen, wo dieser Schluss der feministischen Regisseuren vom Stück her unmöglich so sein kann und deshalb nur ein Ärgernis ist.


    Fazit: Es gibt sie, die schlüssige und akzeptable werkgerechte Bearbeitung, welche über die Nutzung von gegebenen Interpretationsspielräumen hinausgeht, wenn ihr eine ernsthafte und von daher höchst respektable Interpretation des Stückes zugrunde liegt und die Veränderung so fundiert eine erweiterte Interpretationsmöglichkeit darstellt. Dann führt so eine Bearbeitung durch den Regisseur zum Nachdenken über das Stück als solches und ist eine Bereicherung. :) :thumbup:

  • Stichwort Museum: So einfach ist es mit dem Museum auch nicht:


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    Caspar David Freidrich. Der Kreidefelsen auf Rügen. Das Bild ist sehr bekannt. Nur wenn man meint, man versteht es quasi unmittelbar, ist man auf dem Holzweg. Es ist der typische romantische Blick in die Ferne. Ja. Nur kaum ein Betrachter wird realisieren, dass der Herr rechts mit dem Hut eine Kleidung trägt, die 1818, als C.F. Friedrich das Bild gemalt hat, Niemand mehr getragen hat. Es ist nämlich die Studententracht der Renaissance. Und der Mann mit dem Zylinder, der am Boden herumkriecht und irgend etwas sucht? Der Betrachter von 1818 verstand das spontan: Der Mann mit dem Zylinder ist der Spitzel der Restaurationszeit. Ihm fehlt im Unterschied zum Studenten, der sich nach einer anderen Zeit sehnt, der Weitblick für eine bessere Zukunft. Um diese versteckte politische Botschaft zu verstehen, muss man heute gelehrte Bücher lesen oder eine Vorlesung in Kunstgeschichte hören. Auch das ist letztlich eine Vermittlungsinstanz so wie die Aufführung einer Oper mit Regie eine Vermittlungsinstanz ist.


    Wenn das nun die Szene in einer Oper wäre, würde der Regisseur dem Publikum diese Mühe abnehmen, also im Prinzip eine genau solche Vermittlung leisten wie ein Buch oder eine Vorlesung. Er würde die Figur rechts in der Kleidung der 1920iger Jahre vielleicht zeigen, um deutlich zu machen, dass er nicht in dieser Zeit leben will und den Mann am Boden die Uniform eines Polizisten anziehen, damit die Botschaft spontan verständlich wird. Dieser Kleiderwechsel diente dem Sinnverständnis.

  • Das sind doch zwei interessante Beispiele und zusammen mit den Beispielen von Dr. Pingel und Thomas macht mich das viel neugieriger als vermeintlich korrekte, historisierende Aufführungen. Mein Fazit: Damit die Werke am Leben bleiben, müssen sie neu entdeckt und neu inszeniert werden. Das kann auch mal schiefgehen und muss nicht immer glücken. Ein historisierender Umgang ist jedoch unweigerlich die Vorstufe zur musealen Mottenkiste, in der Werke bald vergessen werden.

  • De facto ist jede Inszenierung "Regietheater", weil immer etwas "verfälscht" wird. Manchen gefällt es, anderen nicht.


    Und es stimmt wirklich: Viele Inszenierungen hängen sich einfach an den jeweils aktuellen Zeitgeist, sind aber mit dem Anspruch, "gutes" Theater zu machen, heillos überfordert. Und tatsächlich bekommt man heute mit einem feministischen Zugang leichter ein Engagement als früher.


    Eigentlich haben wir es da mit "zeitgenössischer Kunst" zu tun. Ist einerseits spannend, andereseits sagt die Statistik, dass von der "neu hergestellten" Kunst (zu der die aktuelle Malerei, Musik und eben auch Inszenierungen zählen) nur ein Bruchteil in die Geschichte eingeht. 99% der aktuellen Kunst wird recht bald wegen Belanglosigkeit in Vergessenheit geraten.


    Das war in der Kunst schon immer so. Es bringt daher nichts, sich aufzuregen. Alternativen, z.B. ein Opernhaus, das nur erfolgreiche historische Inszenierungen wiederholt, scheinen ja auch nicht zu funktionieren. Ansonsten gäbe es ja solche Theater zumindest in den europäischen Großstädten.

  • Alternativen, z.B. ein Opernhaus, das nur erfolgreiche historische Inszenierungen wiederholt, scheinen ja auch nicht zu funktionieren.

    In Drottningholm funktioniert das seit Jahrzehnten.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Wenn das nun die Szene in einer Oper wäre, würde der Regisseur dem Publikum diese Mühe abnehmen, also im Prinzip eine genau solche Vermittlung leisten wie ein Buch oder eine Vorlesung. Er würde die Figur links in der Kleidung der 1920iger Jahre vielleicht zeigen, um deutlich zu machen, dass er nicht in dieser Zeit leben will und den Mann am Boden die Uniform eines Polizisten anziehen, damit die Botschaft spontan verständlich wird. Dieser Kleiderwechsel diente dem Sinnverständnis.

    Das würde dem Betrachter die Gelegenheit weg nehmen seine Kenntnisse zu erweitern. In diesem Fall, wie die Studenten damals angezogen waren. Das gleiche passiert, wenn in den Büchern die Begriffe, die nicht mehr im Umgang sind, ersetzt werden. Ich bevorzuge die Variante mit dem Glossar und einen Museumsbesuch mit einem Audioguide.

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • Stichwort Museum: So einfach ist es mit dem Museum auch nicht [....] Caspar David Freidrich. Der Kreidefelsen auf Rügen [. ...] Nur kaum ein Betrachter wird realisieren, dass der Herr rechts mit dem Hut eine Kleidung trägt, die 1818, als C.F. Friedrich das Bild gemalt hat, Niemand mehr getragen hat. Es ist nämlich die Studententracht der Renaissance.

    Ach ja? Dann waren einige Studenten der Renaissance Ihrer Zeit aber weit voraus. Oder die Kleidung ist vielleicht gar nicht die der Renaissance. Die Beinkleider des Mannes sehen doch mehr nach frühem 19. Jahrhundert aus.


    Detail aus dem Gemälde:

    Caspar-David-Friedrich-s-Chalk-Cliffs-on-R-genneu.jpg


    Die Kopfbedeckung mag allerdings an die Renaissance erinnern


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    Ich melde mich ab vom 11. März bis Anfang April 2026. Ein Monat Kur im Thermalbad.

  • In Drottningholm funktioniert das seit Jahrzehnten.

    Die machen aber auch Regietheater, nur nicht so krass.


    Aber Drottningholm ist eine Nische, von der Art gibt es noch mehr in Europa, aber zahlenmäßig ist das einfach vernachlässigbar.


    Ich meine Folgendes:

    Jede große Stadt in Deutschland hat mindestens eine leer stehende Location für Opernaufführungen. Leicht zu erkennen daran, dass bei einer Renovierung des städtischen Opernhauses in der Regel problemlos ein Ausweichquartier gefunden wird. Dort könnte man also kostengüstig ältere, "klassische" Inszenierungen wiederholen. Man braucht weniger Personal (Regisseure, Dramaturgen, Bühnenbilder, samt Assistenten), und angeblich wären auch die Sänger Feuer und Flamme für solche Inszenierungen. Was auf Dauer fehlen wird: Das Publikum. Irgendwann hat auch der konservativste Zuschauer Lust auf was Neues.

  • Das mag ja sein, dass Friedrich hier nicht ganz stilecht ist. Amfang des 19. Jhd. hatte man wohl nicht ein so präzises Wissen wie heute, was die wirklich historische Kleidung dieser Zeit war. Das ist auch nicht entscheidend, denn es geht nur darum, dass der Betrachter diese Andeutung und Anspielung versteht. Und das kann er. Diese Deutung stammt auch nicht von mir, sondern von dem Kunsthistoriker Donat de Chapeaurouge.


    Warum das so interessant ist in diesem Kontext ist die Analogie: So wenig ein Blick in den Notentext ausreicht, um ein wirklich lebendiges ästhetisches Erlebnis von der Musik zu bekommen, genauso wenig reicht dafür der bloße Blick auf das Bild in einem Museum. In beiden Fällen bedarf es da einer Vermittlungsinstanz, damit die Bedeutung lebendig wird: einer Aufführung oder einer Wissensvermittlung. Beide interpretieren. Es gibt keine interpretationsfreie museale Dimension - weder in der bildenden Kunst noch in der Musik.

  • Die machen aber auch Regietheater, nur nicht so krass.

    Hm, nö ... ein paar Späßle, ja ... ansonsten würde sicher jemand das Ding rigoros abfackeln.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

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  • Verstehe ich, nicht Symbol: Wenn man bestimmte Musikrichtungen nicht goutiert, ist man musikalisch unterentwickelt?


    Wer hat das denn behauptet?


    Übrigens habe ich das Thema aufgegriffen, weil ich es für interessant und zeitgemäß halte, bin aber noch nicht so lange dabei, um alle Argumentationslinien zu kennen.


    Und ich lehne diese Entwicklung auf den Bühnen dezidiert ab


    Wenn Du die Sachargumente nicht kennst, aber "diese Entwicklung auf den Bühnen" (welche eigentlich?) ablehnst, dann kann Deine Äußerung zum Thema höchstens eine Mitteilung Deiner geschmacklichen Präferenz sein. Damit haben wir aber ein Problem. Wieso sollte Dein Geschmack für die Sache von Bedeutung sein?


    Bevor jetzt der nächste Strohmann kommt (man hört ihn schon nahen): Natürlich darf man seine geschmacklichen Präferenzen anderen mitteilen. Man sollte sich nur fragen, ob Mitteilungen des eigenen Geschmacks für Sachdiskussionen fruchtbar sind. Finde ich zumindest.


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Wenn Du die Sachargumente nicht kennst, aber "diese Entwicklung auf den Bühnen" (welche eigentlich?) ablehnst

    Ganz einfach und für alle verständlich: Wenn traditionelle und anerkannte Opern so verfälscht dargestellt werden, dass sie unverständlich werden und den Intentionen der Schöpfer (Librettist, Komponist) nicht mehr entsprechen, dann ist genau dieser Bruch da, den ich gemeint habe. Und viele Werke sind nur auf der Zeitebene verständlich, in der sie ursprünglich angesiedelt sind.

  • Ganz einfach und für alle verständlich: Wenn traditionelle und anerkannte Opern so verfälscht dargestellt werden, dass sie unverständlich werden und den Intentionen der Schöpfer (Librettist, Komponist) nicht mehr entsprechen, dann ist genau dieser Bruch da, den ich gemeint habe. Und viele Werke sind nur auf der Zeitebene verständlich, in der sie ursprünglich angesiedelt sind.

    Wo Du recht hast...

  • Und viele Werke sind nur auf der Zeitebene verständlich, in der sie ursprünglich angesiedelt sind.

    Welche denn zum Beispiel?

    Ich wage mal die These, dass ein Werk, das nur auf der Zeitebene seiner Entstehung verständlich ist, heute nicht mehr aufgeführt wird.

    Du kannst gerne das Gegenteil beweisen.

  • Ganz einfach und für alle verständlich:

    Guter Ansatz, klingt zwar etwas genervt, aber die wohlmeinende Absicht zählt.

    Wenn traditionelle und anerkannte Opern

    Was meinst du damit? Gibt es auch nicht-traditionelle oder nicht-anerkannte Opern? Und könnte man mit denen dann machen, was man möchte - nur mit den anderen eben nicht?

    so verfälscht dargestellt werden, dass sie unverständlich werden

    Das ist nicht gut.

    so verfälscht dargestellt werden, dass sie [...] den Intentionen der Schöpfer (Librettist, Komponist) nicht mehr entsprechen

    Oha. Was genau sind die Intentionen der Schöpfer? Das wird spannend.

    Und viele Werke sind nur auf der Zeitebene verständlich, in der sie ursprünglich angesiedelt sind.

    Wie Christian B. anmerkt: Hier sind Beispiele hochwillkommen.


    Vermutlich hilft "ganz einfach" hier einfach nicht weiter.

    "Jein".

    Fettes Brot

  • Gibt es auch nicht-traditionelle oder nicht-anerkannte Opern?

    Ich meine damit Opern-Markenprodukte von Verdi, Wagner, Puccini etc., jene eben, die mehrheitlich aufgeführt werden und sich auch verkaufen lassen - Marketing und die Art der Finanzierung in der Kultur wird immer wichtiger. Und kein halbwegs intelligenter Marketingexperte wird Produkte anbieten, die sich nicht verkaufen lassen. Bei einer Tosca oder einem Lohengrin in halbwegs guter Besetzung kann nichts anbrennen. Auch in der Musikkultur gilt die alte Pareto-Regel 80:20. 20 % der Werke werden zu 80 % aufgeführt. Hier sollte man die These des französischen Ökonom Say umdrehen: Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

  • Hier sind Beispiele hochwillkommen.

    Beispiele zur Zeitebene gibt es genug. Eine ägyptische Sklavin in der Gegenwart ist genau so unsinnig wie ein absoluter Monarch - gemeint sind "Aida" und "Don Carlo", beliebig fortsetzbar. Ich bleibe dabei, die Zeitebene ist ein wichtiger Faktor der Szene. Aus welchen Gründen soll man das verfälschen, außer den perversen Intentionen eines Regisseurs folgend, der möglicherweise Komplexe hat und sich wichtiger machen möchte als das Werk.

  • Da ich zu denjenigen gehöre, die die Formulierung von Musikprofessor ohne Schwierigkeiten verstanden haben, gebe ich ein Beispiel, das mir sofort in den Kopf kam, als ich seinen Beitrag gelesen habe.
    In einer vor ca 25 Jahren in Aalto Theater in Essen aufgeführte „Manon Lescaut“ versetzte der Regisseur die Handlung in die Gegenwart. Dabei wirkte die Tatsache, dass Manon auf dem Weg in ein Kloster ist, eher seltsam und unrealistisch, und genau so unrealistisch kam die Reaktion von Grieux rüber, der von Manons Schicksal ohne jegliche Überraschung erfahren hat. Das, was in der Zeit, wo die Geschichte spielen sollte, funktionieren würde, ergab, aus dieser Zeit gerissen, gar keinen Sinn.

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • Ich bleibe dabei, die Zeitebene ist ein wichtiger Faktor der Szene.

    Das ist schlichtweg falsch. Wenn dir solche grundlegenden Tatsachen der Theaterwissenschaft nicht bekannt sind, hat eine Diskussion keinen Sinn.


    Im übrigen halte ich deinen Nickname für keine gute Idee. Aber das ist deine Sache. Anfangs dachte ich noch an Ironie...

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  • Statt den "Musikprofessor" und sein Anliegen hier ständig mit überheblichen, scheinintellektuellen Schlagworten niederzumachen, fände ich es viel angebrachter, wenn diese ach so hochgebildeten Freunde des Regietheaters einmal dem normal denkenden und empfindenden Menschen klarmachen würden, welchen Sinn denn ein Radames auf dem Motorrad, ein Rigoletto unter Schimpansen, der Pilgerchor aus dem Tannhäuser auf der Rolltreppe eines Warenhauses und all die völlig entarteten, oft sexuellen Exzesse in einer klassischen oder romantischen Oper mit den Inhalt des Werkes und den Intentionen des Komponisten bzw. Librettisten zu tun haben. Ich vermisse da immer wieder jeden Zusammenhang, und solange mir den keiner schlüssig erklären kann, halte ich solche Auswüchse für die durchgeknallten Ergüsse eines Regisseurs, der unbedingt Aufmerksamkeit erregen möchte, aber vom aufgeführten Werk entweder keine Ahnung hat oder dem die Handlung komplett am A.... vorbeigeht, weil er sich wichtiger nimmt als den Komponisten und den Textdichter.


    Ich habe mich bisher an den endlosen Diskussionen über das sogenanne Regietheater nicht beteiligt und möchte das auch in Zukunft nicht tun, aber ich warte seit vielen Jahren auf eine plausible Erklärung, was diese modernen "Interpretationen" dem Zuschauer bzw. -Hörer sagen wollen. Bisher habe ich noch keine gefunden. Für eine möglichst kurze, aber präzise Antwort wäre ich dankbar, aber bitte eine, die auch ich als geistig Minderbemittelter mühelos nachvollziehen kann.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ein Beispiel steht bevor:

    Heute abend ARD Mediathek/ Bayerische Staatsoper München: Premiere Rigoletto.

    Gem. Trailer und der Diskussion hier bin ich gespannt auf eure anschließenden Kommentare, da es Anlässe dafür gibt - wenn ich das richtig gesehen habe.

    Trotz Opern-Erfahrung ausschließlich aus dem Orchestergraben fehlt mir die visuelle Kompetenz völlig.

    Es bleibt spannend.


    GC

  • Statt den "Musikprofessor" und sein Anliegen hier ständig mit überheblichen, scheinintellektuellen Schlagworten niederzumachen, fände ich es viel angebrachter, wenn diese ach so hochgebildeten Freunde des Regietheaters einmal dem normal denkenden und empfindenden Menschen klarmachen würden, welchen Sinn denn ein Radames auf dem Motorrad, ein Rigoletto unter Schimpansen, der Pilgerchor aus dem Tannhäuser auf der Rolltreppe eines Warenhauses und all die völlig entarteten, oft sexuellen Exzesse in einer klassischen oder romantischen Oper mit den Inhalt des Werkes und den Intentionen des Komponisten bzw. Librettisten zu tun haben. Ich vermisse da immer wieder jeden Zusammenhang, und solange mir den keiner schlüssig erklären kann, halte ich solche Auswüchse für die durchgeknallten Ergüsse eines Regisseurs, der unbedingt Aufmerksamkeit erregen möchte, aber vom aufgeführten Werk entweder keine Ahnung hat oder dem die Handlung komplett am A.... vorbeigeht, weil er sich wichtiger nimmt als den Komponisten und den Textdichter.

    Ich bin zwar hochgebildet (Promotion), aber kein "Freund des Regietheaters". Ich akzeptiere schlichtweg Kunst, Theater und Theaterkust so wie sie ist. Und ich habe diese Thematik schon mehrfach erklärt, und zwar so, dass es auch Normalgebildete verstehen. Aber manche Leute wollen es einfach nicht verstehen.


    Ok, nun also sicher zum zehnten Mal:

    Kunst wird nicht immer verstanden. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Die Qualität von Kunst reicht von "intellektuell anspruchsvoll" bis "einfach nur schlecht". Da Regie eine Kunstform ist (als Teil der Theaterkunst), trifft das auch auf die hier diskutierte Thematik zu.


    Allgemeine Diskussion bringen nichts, das geht nur unter Fachleuten. Wer mehr wissen will, einfach mal googeln: "buch über theaterwissenschaften"


    Was in einem Forum wie hier problemlos geht, ist die Diskussion zu konkreten Beispielen. Dazu muss man sich aber dennoch ein bisschen Mühe geben. Irgenwelche Fotos einstellen und dann "bäh" sagen, reicht nicht.

  • Das ist schlichtweg falsch. Wenn dir solche grundlegenden Tatsachen der Theaterwissenschaft

    Hast du vielleicht ein Buch-Tipp zum Thema. Würde mich interessieren.

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • Pauschalisierungen sind selten zielführend. Es gibt Opern, wo die Veränderung der zeitlichen Ebene hochproblematisch ist (und ich sie persönlich ablehnen würde), aber es gibt eben auch Beispiele, wo es (wenn gut gemacht) klappen kann. Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" ist zwar im zaristischen Russland der 1860er Jahre angesiedelt, doch klappte eine Verlegung in die stalinistischen 1930er Jahre (in denen das Werk enstand) durchaus überzeugend (Inszenierung an der Wiener Staatsoper vor einigen Jahren). Nun könnte man sich diesen Stoff wohl sogar im heutigen Russland mit seinen Repressionen vorstellen, sofern ein Könner am Werke ist.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • ich warte seit vielen Jahren auf eine plausible Erklärung, was diese modernen "Interpretationen" dem Zuschauer bzw. -Hörer sagen wollen.

    Holger Kaletha, Dr. Pingel und Thomas Pape haben doch gute Beispiele dafür gebracht, wie eine gelungene moderne Inszenierung aussehen und was sie beim Zuschauer auslösen kann. Ich bleibe dabei: Die Stücke landen in der Mottenkiste und werden schließlich irgendwann einmal vergessen, wenn sie nicht in der Gegenwart immer wieder neu entdeckt werden.


    Nehmen wir AIDA als Beispiel wie vorgeschlagen. Ich kenne zwar keine zeitgenössische Inszenierung (mich hat diese Oper nie sonderlich inszeniert, Verdi musste überredet werden, sie zu schreiben) und die Kulisse des alten Ägyptens mag hier auf den ersten Blick eine wichtige Rolle spielen. Aber schon zu Verdis Zeiten musste das beschafft werden und deswegen hat sich die Uraufführung verzögert. Dabei wurden Kostüme- und Kulissen verwendet, wie man sich im 19Jh das alte Ägypten so vorgestellt hat. Eine Fiktion also.


    Der Kern der Geschichte ist jedoch universell und lässt sich problemlos in andere Zeiten übertragen und er funktioniert auch in diesen ohne Sinnverlust: Eine Frau wurde verschleppt und wird von einem Anführer des feindlichen Lagers begehrt, der dadurch in einen Loyalitätskonflikt gerät... Universeller geht es nicht. Das funktioniert im 21. Jahr jedenfalls ganz genauso - ich halte die Szenenführung für viel wichtiger als die Kulisse. Es gibt genügend historisierende Aufführungen mit einer miserablen Szenenführung. Da hilft es dann auch nicht, dass Kostüm und Kulisse stimmen.

  • Beispiele zur Zeitebene gibt es genug. Eine ägyptische Sklavin in der Gegenwart ist genau so unsinnig wie ein absoluter Monarch - gemeint sind "Aida" und "Don Carlo", beliebig fortsetzbar. Ich bleibe dabei, die Zeitebene ist ein wichtiger Faktor der Szene. Aus welchen Gründen soll man das verfälschen, außer den perversen Intentionen eines Regisseurs folgend, der möglicherweise Komplexe hat und sich wichtiger machen möchte als das Werk.

    Das ist in der Tat sehr einfach gedacht. Man kann Opern derart rein historisch darstellen - macht auch mal Spaß zu sehen. Ist dann aber nur die Anbetung eines - möglicherweise - irrelevant gewordenen historischen Stoffs. Theater aber ist etwas lebendiges, immer gewesen und wenn es aufhört das zu sein, dann gibt es bald kein Theater mehr. Es ist eigentlich gar nicht so schwierig einen Schritt weiterzudenken, ein 'Musikprofessor' sollte das schaffen. Um ein Stück relevant über die Zeiten hinweg zu halten geht es weniger um die "ägyptische Sklavin" oder den "absoluten Monarch" konkret, sondern um die Ebenen dahinter. Die Stücke sind doch nicht so eindimensional, wie du sie gerne darstellen möchtest. Schillers Don Karlos war zu seiner Zeit modern - und zwar grade in den Tiefenschichten und verborgenen Ebenen des Stückes. Warum sollte dieses Stück jetzt dazu verdammt sein, immer und immer wieder in der Weise inszeniert zu werden, wie es beim ersten Mal war, ohne seine Potenziale zu entfalten. Das geht doch völlig am Sinn von Theater und Regie vorbei.


    Um die von nemorino genannten Beispiele zu beurteilen, müsste man die jeweiligen Inszenierungen ganz gesehen haben. Selbstverständlich sind auch sog. RT-Inszenierungen (der Begriff bleibt eigentlich Unsinn) manchmal völlig verhauen. Als würde jede klassische Inszenierung gelungen sein. Man muss jede Inszenierung in ihrer je eigenen Stimmigkeit beurteilen. Naja, ein Pilgerchor im Warenhaus - da kann man eigentlich schnell auf mögliche Assoziationen kommen...


    Und was diese Wortwahl immer soll: "perverse Intentionen eines Regisseurs" das ist mir völlig unklar und das halte ich auch für unangemessen. Was dir nicht gefällt oder sich dir nicht erschließt, das ist dann "pervers"?

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Warum sollte dieses Stück jetzt dazu verdammt sein, immer und immer wieder in der Weise inszeniert zu werden, wie es beim ersten Mal war, ohne seine Potenziale zu entfalten.

    Da die Herrschaften ja nicht mehr ins Theater gehen, um sich Zumutungen jeglicher Art zu entziehen, ist das das große Los: Die immer gleichen Aufführungen in unveränderten Kulissen und Kostümen in einer unendlichen Wiederholungsschleife.

  • Ich wage mal die These, dass ein Werk, das nur auf der Zeitebene seiner Entstehung verständlich ist, heute nicht mehr aufgeführt wird.

    Dann erkläre mir mal, um bei der Oper zu bleiben, warum Werke wie Mozarts DON GIOVANNI (UA: 1787), Beethovens FIDELIO (UA: 1805) oder Verdis TROVATORE (UA: 1853) die Zeitläufte bis heute überstanden haben, obwohl sie doch bis in die 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, stets in traditioneller Form aufgeführt wurden. Wenn Deine gewagte These stimmen würde, hättest Du wahrscheinlich den TROVATORE niemals kennengelernt, es wäre längst in der "Mottenkiste" gelandet. Die Handlung ist übrigens alles andere als intellektuell, bis heute streiten die Gelehrten darüber. Es ist die Musik, die das Werk am Leben hält, ganz bestimmt nicht das moderne RT.

    Ich bleibe dabei: Die Stücke landen in der Mottenkiste und werden schließlich irgendwann einmal vergessen, wenn sie nicht in der Gegenwart immer wieder neu entdeckt werden.

    Jedes Stück wird irgendwann einmal vergessen sein, aber immerhin haben es viele geschafft, einige Jahrhunderte zu überleben, und das ganz ohne die Hilfe des Regietheaters.

    "perverse Intentionen eines Regisseurs"

    Ich entsinne mich nicht, irgendwo die Vokabel "pervers" verwendet zu haben.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

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