Zwei positive Beispiele:
1. Die wirklich eindrucksvolle Inszenierung von Händels Alcina in Münster.
Das ist eine Barockoper, aber sie wurde nicht wie im Barock inszeniert, sondern modern expressionistisch. Auf der Bühne war eine Eiswelt zu sehen, als Ausdruck der Innenwelt von Alcina. Die Bilder waren sehr eindrucksvoll und bleiben mir unvergesslich im Gedächtnis, besonders in der großen Schmerz-Arie, wo dann Alcinas übergroßer Schmerz das Eis schmelzen lässt. Das Bemerkenswerte: Obwohl - oder gerade weil - das eine moderne Inszenierung war, wurde das ganz Andere und Fremde dieser Barockwelt deutlich: keine Empfindsamkeit wie bei Mozart und Beethoven, sondern der beherrschende Affekt, so dass man eine Ahnung und ein Erlebnis davon bekam, was die "Gewalt" des Ausdrucks starker Affekte in der antiken Tragödie einmal bedeutete. Eine historisierende Inszenierung im Stile einer barocken Bühnenmaschinerie hätte statt einer solchen Ausdruckstiefe nicht mehr gebracht als ein oberflächliches Spektakel zur Unterhaltung, wie es heute jedes x-beliebige Musical bietet.
2. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Brecht/Weill - inszeniert von Ulrich Peters in Münster
Die vielleicht beste Inszenierung, die ich gesehen habe. Ulrich Peters kommt vom Brecht-Theater her, er liebt dieses Stück. Man merkte es an der liebevoll-sorgfältigen Inszenierung, die durchdacht war bis in das letzte Detail. Und sie hat ganz großen Spaß gemacht mit dem höchst einfallsreichen und originellen Bühnenbild. Das war tiefgründig und höchst unterhaltsam zugleich, wie es nach Brecht/Weill auch sein soll. Das reine Vergnügen! Ich war bei der Premiere. Eine riesen Enttäuschung war das Publikum. In der Pause habe ich in die Gespräche reingehört. Beim Sekttrinken gab es den üblichen Tratsch über Alltagsbanalitäten. Unfassbar! Kein Gespräch drehte sich über das Stück oder was man gerade gesehen hatte. Wieso gehen die Leute dann nicht einfach in die Kneipe?
Die Besonderheit: Ulrich Peters hat tatsächlich den Schluss geändert. Gemerkt hat das vom Publikum aber wohl kaum Jemand.
Einmal, weil sie das Stück nicht kennen und aber auch, weil dieser Schluss von Ulrich Peters so schlüssig entwickelt war, dass er auch der originale Schluss hätte sein können. Das ist der große Unterschied zu der misslungenen Carmen-Inszenierung in Münster: Peters bearbeitet das Stück so, dass dies dramaturgisch schlüssig ist und diese Bearbeitung somit vom Stück her eine Möglichkeit darstellt, wie es eben auch sein könnte. Das ist entwickelt in Auseinandersetzung mit dem Stück und konsequent im Sinne des Brecht-Theaters, das ja nicht den Zuschauer berauschen, sondern ihn zur Reflexion anregen will. Man kann sich so als Zuschauer fragen: Warum ist der Schluss so wie er ist? Könnte er nicht auch anders sein? Was ist die überzeugendere Schlussvariante? Oder sind vielleicht beide gleich gut möglich? Das ist anregend im Unterschied zur misslungenen Münsteraner Inszenierung von Carmen, wo dieser Schluss der feministischen Regisseuren vom Stück her unmöglich so sein kann und deshalb nur ein Ärgernis ist.
Fazit: Es gibt sie, die schlüssige und akzeptable werkgerechte Bearbeitung, welche über die Nutzung von gegebenen Interpretationsspielräumen hinausgeht, wenn ihr eine ernsthafte und von daher höchst respektable Interpretation des Stückes zugrunde liegt und die Veränderung so fundiert eine erweiterte Interpretationsmöglichkeit darstellt. Dann führt so eine Bearbeitung durch den Regisseur zum Nachdenken über das Stück als solches und ist eine Bereicherung.
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