Regietheater - letzte verbliebene Schrumpfform linker Ideologie ?

  • Weil ich den Eindruck habe, dass die künstlerische Freiheit, die die Grundlage einer jeder Opernaufführung ist, hier zwischen den Zeilen durchaus in Frage gestellt wird.

    Die Freiheit des Künstlers endet dort, wo Freiheit des anderen beginnt… Regisseure oder Musiker sind Interpreten, und sind deswegen durch das Originalwerk zu gewissem Grad eingeschränkt. Wie ein porträtist durch sein Model es ist.

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • Die Freiheit des Künstlers endet dort, wo Freiheit des anderen beginnt… Regisseure oder Musiker sind Interpreten, und sind deswegen durch das Originalwerk zu gewissem Grad eingeschränkt. Wie ein porträtist durch sein Model es ist.

    Ich denke, dass dein Begriff "Originalwerk" hier nicht passt. Ein Modell ist zweifellos kein solches, sondern erst das Bild des Malers. Dazu würde ich gerne mal Gedanken von Picasso hören (wieviel Dora Maar steckt in "Die weinende Frau"?).

    Der "Urtext" einer Komposition kann zwar womöglich als "Originalwerk" bezeichnet werden (ich wäre da vorsichtig), aber lediglich mit Blick auf mögliche Kopien oder Varianten davon - also weitere Niederschriften bzw. Abschriften. Die Niederschrift z.B. einer Oper ist nämlich definitiv keine Musik und definitiv kein Theater. Es ist also nicht das "Werk", das wir in der Regel rezipieren. Das "Originalwerk" einer Oper wäre immer die jeweilige Aufführung, ansonsten bekäme niemand jemals eine Oper zu Gesicht und Gehör. Und wenn man das zu Ende denkt, kann man sich das mit dem "Original" dann auch sparen.

  • Die Niederschrift z.B. einer Oper ist nämlich definitiv keine Musik und definitiv kein Theater. Es ist also nicht das "Werk", das wir in der Regel rezipieren. Das "Originalwerk" einer Oper wäre immer die jeweilige Aufführung, ansonsten bekäme niemand jemals eine Oper zu Gesicht und Gehör. Und wenn man das zu Ende denkt, kann man sich das mit dem "Original" dann auch sparen.

    Weswegen die Originalhandschriften ja auch so extrem billig verscherbelt werden ... irgendwas ist da doch anders.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Weswegen die Originalhandschriften ja auch so extrem billig verscherbelt werden ... irgendwas ist da doch anders.

    Ist die Frage, was du meinst. Ich habe kürzlich irgendwo im Forum geschrieben, dass Partituren für mich eigenständige Kunstwerke sind. Und "Originalhandschriften" sind in diesem Sinne vielleicht vergleichbar mit einem Original von Picasso, von welchem es massenhaft billige Kopien zu kaufen gibt - aber das Original ist zurecht unbezahlbar. Beethovens Autograph der 9. Sinfonie ist ein kultureller Schatz, der selbstverständlich nicht "verscherbelt" gehört.

    Aber die Notation einer Komposition ist eben keine Musik. Erst im Zuge einer künstlerischen Interpretation, einer musikalischen Aufführung, wird sie zum "klingenden Werk" transformiert, also zu etwas, das sie vorher von ihrer reinen Beschaffenheit her überhaupt nicht war. Und "Originalmusik" muss doch dem Wort und Sinn nach etwas "Klingendes" sein.

  • Lieber D911/24,


    ich stimme Dir in allem voll zu (natürlich). Für mich ist aber dennoch das Autograph das Original. Nenne es von mir aus Originalhandschrift, denn die Originalmusik gibt es natürlich nicht (selbst wenn sie damals hätte aufgenommen werden können, wäre es bloß eine ähnliche Kopie). Insofern ersetzt für mich das Autograph diesen Teil.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Ja, gedankliche Genauigkeit und Kohärenz sind insbesondere bei dieser Thematik natürlich echte Bremsklötze. Es geht hier ja eh überwiegend um persönliche Vorlieben, die man spaßeshalber und unbefangen scheinargumentativ aufplustert. Das passt auch gut zum lustigen Wort 'Regietheater'.

  • Ich denke, dass dein Begriff "Originalwerk" hier nicht passt. Ein Modell ist zweifellos kein solches, sondern erst das Bild des Malers. Dazu würde ich gerne mal Gedanken von Picasso hören (wieviel Dora Maar steckt in "Die weinende Frau"?).

    Der "Urtext" einer Komposition kann zwar womöglich als "Originalwerk" bezeichnet werden (ich wäre da vorsichtig), aber lediglich mit Blick auf mögliche Kopien oder Varianten davon - also weitere Niederschriften bzw. Abschriften. Die Niederschrift z.B. einer Oper ist nämlich definitiv keine Musik und definitiv kein Theater. Es ist also nicht das "Werk", das wir in der Regel rezipieren. Das "Originalwerk" einer Oper wäre immer die jeweilige Aufführung, ansonsten bekäme niemand jemals eine Oper zu Gesicht und Gehör. Und wenn man das zu Ende denkt, kann man sich das mit dem "Original" dann auch sparen.

    „Weinende Frau“ sollte doch nicht Dora Maar, sondern eine weinende Frau darstellen, nicht war? Das ist dann nicht genau, was ich unter einem Porträt hier meinte. Beim porträtieren einer Person soll der Maler sich mit dieser Person beschäftigen und diese darstellen und zwar so, wie er die sieht, und in seinem eigenen Still. Ich persönlich akzeptiere dabei, dass es zwei Striche auf der Leinwand werden können oder ein realistisches Bildnis. Das gleiche erwarte ich von einem Regisseur. Er soll sich mit der Musik und dem Libretto beschäftigen, sich mit den Gedanken des Autors auseinandersetzen und diese im seinem Still und Interpretation präsentieren und nicht mit seinen eigenen (Geschichtlichen, Gedanken etc.) ersetzen. Mir geht „Griselda“ in Wuppertal nicht aus dem Kopf. Schon im Foyer wurde erzählt, dass die Junge Regisseurin so eine Geschichte nicht erzählen wollte… (In den Müll mit Boccaccio!) Dann soll sie diese auch nicht inszenieren! Es ist nicht ihre Aufgabe neue Geschichten zu schreiben!
    Die Rolle des Regisseurs ist per se untergeordnet, was allerdings nicht bedeutet, dass die unwichtig ist.

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • „Weinende Frau“ sollte doch nicht Dora Maar, sondern eine weinende Frau darstellen, nicht war? Das ist dann nicht genau, was ich unter einem Porträt hier meinte. Beim porträtieren einer Person soll der Maler sich mit dieser Person beschäftigen und diese darstellen und zwar so, wie er die sieht, und in seinem eigenen Still. Ich persönlich akzeptiere dabei, dass es zwei Striche auf der Leinwand werden können oder ein realistisches Bildnis. Das gleiche erwarte ich von einem Regisseur. Er soll sich mit der Musik und dem Libretto beschäftigen, sich mit den Gedanken des Autors auseinandersetzen und diese im seinem Still und Interpretation präsentieren und nicht mit seinen eigenen (Geschichtlichen, Gedanken etc.) ersetzen. Mir geht „Griselda“ in Wuppertal nicht aus dem Kopf. Schon im Foyer wurde erzählt, dass die Junge Regisseurin so eine Geschichte nicht erzählen wollte… (In den Müll mit Boccaccio!) Dann soll sie diese auch nicht inszenieren! Es ist nicht ihre Aufgabe neue Geschichten zu schreiben!
    Die Rolle des Regisseurs ist per se untergeordnet, was allerdings nicht bedeutet, dass die unwichtig ist.

    Danke. Ich denke, dass ich deine Ansicht verstehe (und hatte mich ja eh nur eingebracht wegen deines Begriffs "Originalwerk").


    Und da wir schon beim fröhlichen Rausposaunen von Meinungen zum Thema sind: Ich halte überhaupt nichts davon, etwas von Regisseuren zu erwarten. Wenn ich in die Oper gehe, lasse ich möglichst alle Erwartungen an der Garderobe und hoffe einfach darauf, dass das Theater mich auf möglichst vielen "Ebenen" bewegt oder sogar aufwühlt und "nachhallt". Wo die "Geschichte" herkommt, interessiert mich nicht, wenn sie gut ist. Und noch weniger interessiert mich, was man einem toten Komponisten resp. Librettisten spekulativ in den Mund legen könnte in der hypothetischen und sinnfreien Annahme, er wäre Zeuge des Abends gewesen.

  • Dann soll sie diese auch nicht inszenieren!

    Warum? Sie kann es durchaus, wenn ihr ein Intendant diese Aufgabe anvertraut und sie den Auftrag annimmt. Wer sagt, das sie das nicht machen soll? Vielleicht doch noch einmal das UrhG lesen, das ich oben zitiert habe?

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  • Das gleiche erwarte ich von einem Regisseur. Er soll sich mit der Musik und dem Libretto beschäftigen, sich mit den Gedanken des Autors auseinandersetzen und diese im seinem Still und Interpretation präsentieren und nicht mit seinen eigenen (Geschichtlichen, Gedanken etc.) ersetzen. Mir geht „Griselda“ in Wuppertal nicht aus dem Kopf. Schon im Foyer wurde erzählt, dass die Junge Regisseurin so eine Geschichte nicht erzählen wollte… (In den Müll mit Boccaccio!) Dann soll sie diese auch nicht inszenieren!

    Da hast Du das Entscheidende auf den Punkt gebracht!

    Ich halte überhaupt nichts davon, etwas von Regisseuren zu erwarten. Wenn ich in die Oper gehe, lasse ich möglichst alle Erwartungen an der Garderobe und hoffe einfach darauf, dass das Theater mich auf möglichst vielen "Ebenen" bewegt oder sogar aufwühlt und "nachhallt". Wo die "Geschichte" herkommt, interessiert mich nicht, wenn sie gut ist. Und noch weniger interessiert mich, was man einem toten Komponisten resp. Librettisten spekulativ in den Mund legen könnte in der hypothetischen und sinnfreien Annahme, er wäre Zeuge des Abends gewesen.

    Entschiedener Widerspruch! Wenn ich in die Oper gehe, um Carmen zu sehen, will ich Carmen sehen und nicht ein Gebilde, welches die vom Feminismus und dem woken Zeitgeist, MeToo usw. angehauchte Regisseurin wie in Münster daraus gemacht hat, weil sie meint, das "Original" könne man dem heutigen Publikum nicht mehr zumuten, sondern müsse ein neues Stück schreiben, was ihren eigenen Vorstellungen und denen des woken Zeitgeistes von heute entspricht. Dann sagst Du: Solche Einwände sind gegenstandslos, mich interessiert nicht, wo die Geschichte herkommt und ironisierst meine berechtigte Erwartung als sinnfrei, dass ich gerne "Carmen" erleben möchte mit der Aussage von Carmen, also was Bizets Stück mir eigentlich sagen will.


    Für mich darf ein Regisseur ein Stück bearbeiten. Ja, aber die Grundlage muss immer die Interpretation des Stücks sein. Der Regisseur ist der Interpret des Stückes und sollte es bleiben. Sonst erzählt er seine eigene Geschichte und nicht mehr die des Stückes. Er kann freilich seine eigene Geschichte dazugeben und soll es auch, aber die Zugabe muss eine Zugabe bleiben, wo man die originale Geschichte noch erkennt. Sonst wird Regietheater nämlich sinnfrei - weil es so sinnzerstörerisch ist. Und dann wird es ideologisch. Wenn dazu nämlich als Rechtfertigung gesagt wird, es gibt kein "Original", das Stück von Bizet sei kein Kunstwerk, das aufgeführt wird, das Kunstwerk sei einzig und allein das, was der Regisseur auf die Bühne bringt, dann kann ich noch nicht mal sagen zur Regisseurin aus Münster: Deine Interpretation von Carmens Tod als "Femizid" ist eine krasse woke Fehlinterpretation und hat mit der Aussage des Stückes nichts mehr zu tun, weil es ja nichts mehr gibt, was interpretiert wird (das "originale Werk"), also man von einer Fehlinterpretation gar nicht mehr sprechen kann, weil der Regisseur gar nicht interpretieren will, sondern nur noch kreativ sein will, "frei" sein, und nur noch seine Aussage verkündet und verkünden will, auch wenn sie mit dem Stück nichts mehr zu tun hat. Wenn das Regietheater sein soll, ist es zutiefst fragwürdig, und dann lehne ich es kategorisch ab und würde, wenn alle Inszenierungen nur so wären, nicht mehr in die Oper gehen und zuhause bleiben.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Entschiedener Widerspruch! Wenn ich in die Oper gehe, um Carmen zu sehen, will ich Carmen sehen und nicht ein Gebilde, welches die vom Feminismus und dem woken Zeitgeist, MeToo usw. angehauchte Regisseurin wie in Münster daraus gemacht hat, weil sie meint, das "Original" könne man dem heutigen Publikum nicht mehr zumuten, sondern müsse ein neues Stück schreiben, was ihren eigenen Vorstellungen und denen des woken Zeitgeistes von heute entspricht. Dann sagst Du: Solche Einwände sind gegenstandslos, mich interessiert nicht, wo die Geschichte herkommt und ironisierst meine berechtigte Erwartung als sinnfrei, dass ich gerne "Carmen" erleben möchte mit der Aussage von Carmen, also was Bizets Stück mir eigentlich sagen will.

    Ich wollte dich nicht ironisieren. Dass du erwartest, "Carmen" zu sehen, ist dein gutes Recht. Mein "sinnfrei" bezog sich auf etwas Anderes. Und ich habe auch nicht gesagt, dass ich ein solches "Gebilde", wie du es gesehen hast, gut fände. Ich kann mich darüber schlicht nicht äußern.

  • Ich wollte dich nicht ironisieren. Dass du erwartest, "Carmen" zu sehen, ist dein gutes Recht. Mein "sinnfrei" bezog sich auf etwas Anderes. Und ich habe auch nicht gesagt, dass ich ein solches "Gebilde", wie du es gesehen hast, gut fände. Ich kann mich darüber schlicht nicht äußern.

    Das verstehe ich. Nur fände ich es hilfreich, wenn auch mal deutlich gesagt würde von Seiten der Künstler, warum so etwas nicht gut ist. Das wäre hilfreich für die Akzeptanz des Theaters überhaupt, die darunter leidet, wenn der Eindruck der Orientierungslosigkeit nicht ausgeräumt wird.

  • Das wäre hilfreich für die Akzeptanz des Theaters überhaupt, die darunter leidet, wenn der Eindruck der Orientierungslosigkeit nicht ausgeräumt wird.

    So schlimm sieht es damit ja gar nicht aus. Die oben im Thread gezeigten Zahlen zeigen ja, dass eher eine Met mit konservativen Inszenierungen die Zuschauerprobleme hat, was Menge und Altersstruktur angeht.


    Das ist auch mein Eindruck von großen Teilen der Diskussion. Hier wird eine Debatte, die vor vierzig Jahren aktuell war, wieder aufgewärmt. Die Zuschauer scheinen sich längst entschieden zu haben, wie die Zahlen ja zu belegen scheinen.

  • Das ist auch mein Eindruck von großen Teilen der Diskussion. Hier wird eine Debatte, die vor vierzig Jahren aktuell war, wieder aufgewärmt. Die Zuschauer scheinen sich längst entschieden zu haben, wie die Zahlen ja zu belegen scheinen.


    Das trifft es eigentlich recht gut. Vielleicht haben die Zuschauer sich nicht "entschieden", aber sie haben sich zumindest arrangiert. Die aktuelle Theaterkultur spielt auf jeden Fall nicht die Häuser leer, auch wenn einige das immer mal wieder gerne behaupten. Die Zeit der großen Aufreger scheint weitgehend vorbei zu sein.


    Das heißt nicht, dass alles, was im Theater läuft (ob nun mit oder ohne Musik) gelungen ist. Ich ärgere mich auch manchmal, aber die Möglichkeit des Scheiterns gehört zur Kunst dazu. Eine Kultur der Risikolosigkeit schadet der Theaterkunst im Zweifelsfall weitaus mehr als eine blödsinnige Inszenierung.


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Nur fände ich es hilfreich, wenn auch mal deutlich gesagt würde von Seiten der Künstler, warum so etwas nicht gut ist.


    Keine Sorge, die sind da schon kritisch genug. Aus sehr gesicherter Quelle kenne ich folgende Anekdote. Es war Generalprobenwoche in Bayreuth, und zwar zu Zeiten, als der Neuenfels-"Lohengrin" (der mit den Ratten :)) im Programm war. Die seinerzeitige Neuproduktion wurde gespielt. Als der letzte Ton verklungen war, hörte man im Zuschauerraum Maestro Neuenfels mit seiner rauchigen Stimme sagen: "Endlich ist es vorbei." ^^


    LG :hello:

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  • Warum? Sie kann es durchaus, wenn ihr ein Intendant diese Aufgabe anvertraut und sie den Auftrag annimmt. Wer sagt, das sie das nicht machen soll? Vielleicht doch noch einmal das UrhG lesen, das ich oben zitiert habe?

    Sollen die Gesetze über Kunst entscheiden? Ich finde das komisch hier auf die Paragrafen zu pochen.

    Das erinnert mich an einen Literaturprofessor, der uns, sehr besserwisserischen Erstjahr-Studenten, empfohlen hat den Aufsatz über das Buch zu schreiben, das wir gemocht haben und nicht über ein, das uns nicht gefallen hat. Der Grund ist gut nachvollziehbar: nur dann würden wir uns mit dem Werk ausreichend beschäftigen wollen; nur dann würde uns kein Detail entgehen und nur dann würden wir die notwendige Inspiration für eigene Arbeit finden.
    Wenn ein Regisseur die Oper nicht mag, wird er keine Inspiration von dieser schöpfen können. Dann könnte auch kein kreatives Prozess stattfinden. Egal, was die Gesetze dazu sagen.

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • So schlimm sieht es damit ja gar nicht aus. Die oben im Thread gezeigten Zahlen zeigen ja, dass eher eine Met mit konservativen Inszenierungen die Zuschauerprobleme hat, was Menge und Altersstruktur angeht.


    Das ist auch mein Eindruck von großen Teilen der Diskussion. Hier wird eine Debatte, die vor vierzig Jahren aktuell war, wieder aufgewärmt. Die Zuschauer scheinen sich längst entschieden zu haben, wie die Zahlen ja zu belegen scheinen.

    Und die Scala beweist den Gegensatz - klassische Inszenierungen und volles Haus. Die Zahlen zeigen nicht unbedingt den Grund. Ich bin auch überzeugt, dass das Publikum die Regie hinnimmt und wegen den Stimmen und dem Orchester in die Oper geht. Vielleicht spielt auch das Prestige des Hauses für ein Teil der Besucher eine Rolle.

    Du hast natürlich recht - das Thema ist nicht neu, doch die bleibt für viele Opernliebhaber sehr aktuell. Ich vermisse die Oper-Besuche sehr!

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    Galileo Galilei

  • Sollen die Gesetze über Kunst entscheiden?

    Gesetze schaffen nur einen Rahmen und der besteht hier in der Kunstfreiheit. Wenn Du sagst, „dann soll sie das nicht machen“ ist ein Verbot quasi impliziert. Du könntest das ja vielleicht auch anders formulieren.

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  • Das gleiche erwarte ich von einem Regisseur. Er soll sich mit der Musik und dem Libretto beschäftigen, sich mit den Gedanken des Autors auseinandersetzen und diese im seinem Still und Interpretation präsentieren und nicht mit seinen eigenen (Geschichtlichen, Gedanken etc.) ersetzen.


    Sollen die Gesetze über Kunst entscheiden? Ich finde das komisch hier auf die Paragrafen zu pochen.

    Eben. Um welche Gesetze geht es denn? Ich wollte ja nichts mehr dazu sagen, weil für den interessierten Leser sowieso schon alles gesagt wurde.


    Ich habe in der Diskussion hier im Forum erfahren, dass sich Regisseure wie Peter Konwitschny natürlich sehr intensiv mit Libretto und auch Partitur auseinandergesetzt haben. Also wurde der "Sorgfaltspflicht" auf jeden Fall genüge geleistet. ;) Mein direkter Eindruck war sogar der, dass diese Künstler weit mehr von diesen Dingen verstanden als viele ihrer sogenannten Kritiker.


    Aber am Ende entscheidet eben die Kunst (in persona des Künstlers) wie ein Libretto im Zusammenhang mit der Musik umzusetzen ist und kein Regelwerk. Und selbstverständlich ist das Kunstvolle an einem Portrait auch nicht die Tatsache, dass da eine reale Person dargestellt wird. Da würde ein Foto mit einem iPhone reichen!

  • Du hast natürlich recht - das Thema ist nicht neu, doch die bleibt für viele Opernliebhaber sehr aktuell. Ich vermisse die Oper-Besuche sehr!

    Das scheint ja einigen so zu gehen, die aber eben doch eine, wie es scheint, ins Alter gekommene Minderheit darstellen. Da stelle ich mir eigentlich dieselbe Frage, die der Kollege Tristan2511 weiter oben schon gestellt hat. Wenn das Theatererlebnis so wichtig ist, wieso nicht einmal über eine vielleicht unglückliche Inszenierung hinwegsehen? Es kann doch nicht alles nur am Bühnenbild und den Klamotten liegen?


    Wie gesagt: der historisch im Lumpen auftretende Gefangenchor damals im Fidelio war eine ausgesprochene Monty Python Nummer, ohne dass es der Regie aufgefallen wäre ;)


    Wenn ein Regisseur die Oper nicht mag, wird er keine Inspiration von dieser schöpfen können. Dann könnte auch kein kreatives Prozess stattfinden. Egal, was die Gesetze dazu sagen.

    Ich hänge mich hier einmal aus dem Fenster. Kein Regisseur, der ein Künstler ist, wird eine Oper inszenieren, die ihm nichts sagt. Auch Gould hat natürlich Mozart eingespielt, weil er ihn mag. Auch wenn es viel Kritik an dieser Einspielung gegeben hat, kann man das hören, wenn man es kann. ;):P


    Die Zahlen zeigen nicht unbedingt den Grund. Ich bin auch überzeugt, dass das Publikum die Regie hinnimmt und wegen den Stimmen und dem Orchester in die Oper geht.

    das reicht eben als Argument nicht, es sei denn, die Met hätte jetzt ein mieses Orchester und miese Sänger bestallt ;)

  • Ich habe in der Diskussion hier im Forum erfahren, dass sich Regisseure wie Peter Konwitschny natürlich sehr intensiv mit Libretto und auch Partitur auseinandergesetzt haben. Also wurde der "Sorgfaltspflicht" auf jeden Fall genüge geleistet. ;) Mein direkter Eindruck war sogar der, dass diese Künstler weit mehr von diesen Dingen verstanden als viele ihrer sogenannten Kritiker.

    Natürlich gibt es auch gute Inszenierungen und „pflichtbewusste“ :) Regisseure. Doch ich mag es nicht, einen Künstler auch davon zu befreien sich verständlich auszudrücken zu müssen. Eine Metapher, die nicht entziffert werden kann hat keine Wirkung. Wem Meinung des Publikums unwichtig ist, soll sein Schaffen auch nicht dem Publikum präsentieren.
    Dass Du wegen den Lumpen schmunzeln musstest kann ich gut nachvollziehen. Mir geht es auch oft so, allerdings eher wegen der Diskrepanz zwischen dem Text und der Handlung.

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  • Ich habe in der Diskussion hier im Forum erfahren, dass sich Regisseure wie Peter Konwitschny natürlich sehr intensiv mit Libretto und auch Partitur auseinandergesetzt haben. Also wurde der "Sorgfaltspflicht" auf jeden Fall genüge geleistet. ;) Mein direkter Eindruck war sogar der, dass diese Künstler weit mehr von diesen Dingen verstanden als viele ihrer sogenannten Kritiker.


    So ist es. Gerade ein Konwitschny war und ist für seine minutiöse Kenntnis der Stücke geradezu berühmt-berüchtigt, ebenso (aus der etwas jüngeren Generation) ein Stefan Herheim.


    Auch hierzu wieder eine Anekdote aus sehr gesicherter Quelle. Konwitschny sollte einen Workshop mit Regie- und Gesangs-Studierenden an einer Musikhochschule abhalten. Die Studis wurden vom organisierenden Professor teilweise recht kurzfristig informiert, der Termin lag wohl auch etwas ungünstig. Konwitschny pochte dann im Workshop auf einer genauen Kenntnis des Stücks und der historischen Gegebenheiten seiner Entstehung. Als er merkte, dass dies (aufgrund der ihm nicht bekannten organisatorischen Umstände) bei den Teilnehmern nicht hinreichend gegeben war, bekam er einen seiner gefürchteten Ausbrüche (er soll ein ziemliches Temperament haben :)).


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Doch ich mag es nicht, einen Künstler auch davon zu befreien sich verständlich auszudrücken zu müssen.


    Wer soll denn eine solche Befreiung gefordert haben? Im Gegenteil wird man wahrscheinlich großen Konsens erzielen können, dass Theater mit den Mitteln des Theaters funktionieren muss (mit welchen Mitteln denn auch sonst?). Soll heißen: eine Idee, die theoretisch interessant klingt, sich auf der Bühne aber nicht vermitteln lässt, ist für das Theater eine sehr fragwürdige Idee. Unter anderem deswegen ist Regie eine Betätigung, die man minutiös erlernen muss und die man nicht (mal eben so) per Quereinstieg stemmen kann, auch wenn die Engagements-Politik einiger Theater und Opernhäuser letzteres suggerieren mag (wenn mal wieder ein TV-Schauspieler eine Oper inszenieren darf).


    Umgekehrt darf man - gerade bei bedeutender Kunst - aber auch gewisse Anforderungen des Mitdenkens an das Publikum stellen. Wenn man sich nur berieseln lassen möchte, ist ein Opernhaus vielleicht nicht der ideale Ort dafür.


    LG :hello:

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  • P.S. Ich glaube nicht, dass die Vorlieben für einen Bestimmten Still altersbedingt sind. Soweit ich von meinem, musikalisch aktiven Kind höre, streitet die Nachwuchs über RT genauso, wie wir. Das ist, natürlich, keine umfangreiche Statistik…

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    Galileo Galilei

  • Hier wird eine Debatte, die vor vierzig Jahren aktuell war, wieder aufgewärmt.

    Dieser Thread datiert auch bereits auf 2009. Die große Wende weg von dem, was als "modernes Regietheater" gilt, ist in den letzten 17 Jahren erkennbar nicht eingetreten. Nichts deutet darauf hin, dass sich daran grundsätzlich etwas ändern wird. Die von manchen leise gehegte Hoffnung, mit einem politischen Schwenk gen rechts täte sich in dieser Hinsicht etwas, lässt sich offenbar nicht recht belegen.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Wer soll denn eine solche Befreiung gefordert haben?

    Ich bezog mich auf den folgenden Satz

    Mein direkter Eindruck war sogar der, dass diese Künstler weit mehr von diesen Dingen verstanden als viele ihrer sogenannten Kritiker.

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • Ich bezog mich auf den folgenden Satz


    Was ist denn gegen den Satz einzuwenden? Es ist recht wahrscheinlich, dass wir als "herkömmliches" Publikum ohne spezifische Expertise die Stücke weitaus weniger genau kennen als ein versierter Regisseur, der/die sein/ihr Handwerk versteht. Wenn man im Theater sitzend nicht nachvollziehen kann, was ein Regisseur mit einem bestimmten Einfall wollte, so muss dies auch nicht unbedingt am Regisseur oder am Einfall liegen, sondern vielleicht liegt es auch an einem selbst. ;)


    LG :hello:

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  • Was ist denn gegen den Satz einzuwenden? Es ist recht wahrscheinlich, dass wir als "herkömmliches" Publikum ohne spezifische Expertise die Stücke weitaus weniger genau kennen als ein versierter Regisseur, der/die sein/ihr Handwerk versteht. Wenn man im Theater sitzend nicht nachvollziehen kann, was ein Regisseur mit einem bestimmten Einfall wollte, so muss dies auch nicht unbedingt am Regisseur oder am Einfall liegen, sondern vielleicht liegt es auch an einem selbst. ;)


    LG :hello:

    Die Rede war ja über die Kritiker, die sich schon mit der Materie auskennen (sollen), deswegen habe ich hier die komplette Schuld dem hypothetischen Regisseuren gegeben. Möge der mir das verzeihen:) Ansonsten hast du, natürlich, recht: meistens liegt es an den mangelnden Kenntnissen des Rezipienten. Anspruchsvoll soll es trotzdem auf jeden Fall bleiben! Dagegen würde ich nie etwas sagen!


    PS Obwohl, es gibt schon Unterschied zwischen einer schlechten (z.B. ungenauen oder zweideutigen) und einer anspruchsvollen Metapher (bleiben wir bei Metapher). Ich meinte, natürlich, die erste.

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