Kritik an Klassikikonen von gestern

  • Kritik ist immer zulässig, aber wenn daraus dann ein Draufknüppeln
    entsteht, wird es unangenehm. Ich spreche ausdrücklich nicht von
    diesem Forum, aber in meinem Umfeld (Berliner Kunst- und
    Literatenszene) wird z.B. Fischer-Diskau teilweise mit sehr bösen
    Bemerkungen abgetan, und ich, als Diskau-Hörer, werde als geradezu
    reaktionär angesehen.


    Was Kempff und Backhaus anbelangt, ist es einfach eine unumstößliche
    WAHRHEIT, dass Kempff der Beste und Backhaus der Zweitbeste
    Beethoven-Interpret ist. :pfeif: :D


    .

  • Zitat

    Original von Florian Voß


    Was Kempff und Backhaus anbelangt, ist es einfach eine unumstößliche
    WAHRHEIT, dass Kempff der Beste und Backhaus der Zweitbeste
    Beethoven-Interpret ist. :pfeif: :D


    .


    Bin untröstlich widersprechen zu müssen, aber selbstverständlich verhält es sich genau umgekehrt. :pfeif: :D :baeh01:


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Wenn wir immer den Besten küren wollen, kommen wir zwangsläufig
    in Bewertungsprobleme. Warum können wir alle die großen Künstler, die hier genannt wurden, nicht in den Fächern und Partien anerkennen, in denen sie Außergewöhnliches geleistet haben?
    Im Liedgesang begann nach der Ära Schlusnus, Hüsch, Rehkemper usw. mit Fischer-Dieskau eine neue Ära. Liedgesang, der die Interpretation des Textes bis in die letzten Feinheiten zelebrierte. Hier leitete Fischer-Diekau einen Paradigmenwechsel ein und das ist sein historischer Verdienst. Nun ist es klar, wenn sich wie Fi-Di ein Sänger jahrzehntelang mit Liedern auf höchstem Niveau auseinandersetzt, dass irgendwann die Variationsmöglichkeiten erschöpft sind und die Nachschöpfungen maniriert empfunden werden. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass die frühen Aufnahmen im Liedgesang der Höhepunkt und Maßstab seines Schaffens sind und bleiben werden.
    Aus der Diskussion möchte ich dann nur noch Karl Böhm herausgreifen. Meines Erachtens ist es keine Frage, dass Böhm einer der herausragendsten Dirigenten seiner Zeit war. Ich möchte neben seinen dirigentischen Fähigkeiten den Fokus auf einen anderen Aspekt seines Schaffens legen. Böhm hat in starkem Maße das legendäre Ensemble der Dresdner Staatsoper mit Künstlern wie Margarete Teschemacher, Elfriede Trötschel, Helena Rott, Bernd Aldenhoff, Hans Hopf, Mathieu Ahlersmeyer, Paul Schöffler, Josef Herrmann, Kurt Böhme, Gottlob Frick, Heinrich Pflanzl usw. geschaffen und geprägt. Viele Große hat er entdeckt und gefördert z. B. Gottlob Frick. Nachdem er dann nach Wien wechselte, hat er vielen Künstlern die Treue gehalten und seine Lieblinge mit nach Wien genommen.
    Wie von Zeitzeugen berichtet wurde, konnte Böhm sehr grantig sein, besonders wenn ein Sänger oder Musiker seinen Anforderungen nicht entsprach oder gar unvorbereitet war. Auf der anderen Seite berichtete z. B. Gottlob Frick, dass Böhm die Liebenswürdigkeit in Person war, wenn ihn eine Leistung befriedigte. Künstlern, die er auf Grund ihrer Leistungen anerkannte und mochte, war er ein lebenslanger Freund und Förderer.
    Wir sollten also versuchen, alle Aspekte und Verdienste von Künstlerpersönlichkeiten zu berücksichtigen, besonders wenn wir
    pauschale Urteile abgeben oder sie sogar in etikettierende Schubladen stecken.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Mir stellt sich ja angesichts einzelner *Künstler* weniger die Frage, warum sie heutzutage "gebasht" werden, sondern eher die, warum es menschenverachtende Muffköppe wie Karl Böhm zu Lebzeiten überhaupt so weit gebracht haben?


    Eine Erklärung?


    "Gott hat in seiner Schusseligkeit ein Riesentalent einem Riesenarschloch verliehen."
    Werner Burkhardt (leider nicht mehr unter uns) über Miles Davis
    Hier trifft es vielleicht auch zu.
    Gruß S.


    PS. Böhm als Naziprofiteur war für mich nie ein Thema. Das er einer war, habe ich erst sehr spät erfahren.
    Passt aber zu "Hitler war ein Deutscher und Beethoven Österreicher! (hahaha)"

  • Bei aller Mühe, die ich mir gebe, kann ich an den zahlreichen Böhm-Aufnahmen, die ich besitze, nichts Außergewöhnliches finden. Wenn ich mir eine davon zu Gemüte führe, höre ich ein solides, durchaus *gutes* Dirigat, eine Leistung, welche - immer an der Maßstäben ihrer Zeit gemessen - neben Böhm auch viele andere bekannte und weniger bekannte Kapellmeister zuwege gebracht haben oder hätten. Mir ist nicht klar, wodurch Böhm sich im Hinblick auf die interpretatorische Qualität z.b. von einem Otto Gerdes (um mal einfach einen weniger geläufigen Namen herauszugreifen) stark abhebt.


    Es muß wohl an meinen Ohren liegen. Deren Unmusikalität ist, wenn ich den Aussagen im Nachbarthread glauben kann, wegen mangelnder sängerischer Fähigkeiten klar erwiesen.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Bernd,


    Wenn Du Deinen Ohren vertraust hörst Du für Dich richtig und bildest Dir Dein ganz eigenes Urteil. das Du nicht in Zweifel ziehen solltest.
    Ich habe in meinem Beitrag versucht, die Bedeutung Karl Böhms über seine dirigentischen Fähigkeiten und Verdienste hinaus darzustellen. Er war in seiner Zeit auch als Operndirektor eine der prägenden Persönlichkeiten dieser Musik- und Opernepoche. Vielleicht muss mehr zusammenkommen als reines dirigieren, um als einer der Großen wahrgenommen und in Erinnerung zu bleiben. Bestes Beispiel das Multitalent Karajan.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Vielleicht muss mehr zusammenkommen als reines dirigieren, um als einer der Großen wahrgenommen und in Erinnerung zu bleiben.


    Mag sein. Mir ist jedenfalls wichtig, daß Dirigenten mit den Verhaltensweisen eines Karl Böhm nicht nur als Größen wahrgenommen werden, sondern auch als Menschen, die anderen hochqualifizierten Musikern das Leben zur Hölle gemacht und in einigen Fällen dadurch deren Existenz vernichtet haben.


    Diejenigen, die das am liebsten unter den Teppich kehren oder mit dem Hinweis auf ein paar gemaßregelte Suffköppe unter den Orchestermusikern verniedlichen möchten, sind bezeichnenderweise meistens selber keine Instrumentalisten und haben noch nie am eigenen Leibe erfahren, wie es tut, wenn man einem zynischen Pulttyrannen mehr oder minder wehrlos ausgeliefert ist. Und generell sind sich viele Klassikkonsumenten nicht wirklich darüber im Klaren, welche brutale Form von Mobbing da ablaufen kann und häufig genug auch abläuft.


    Ich als Ausführender habe jedenfalls ein großes Interesse daran, daß Dirigenten mit den entsprechenden Verhaltensformen ("Wenn Sie die Stelle morgen nicht können, sind Sie übermorgen an der Ostfront!") nicht nach oben und möglichst überhaupt nicht mehr vor ein Orchester gelangen, ganz unabhängig von ihren sonstigen *künstlerischen* Qualitäten.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Auf Anregung dieses Forums und vor allem dieser Diskussion hier, habe
    ich mir endlich mal eine Aufnahme Böhms angehört (Philips-LP aus den
    70ern mit Beethovens Neunter; war in einem Konvolut, dass ich vor ein
    paar Monaten ersteigert habe) - und ich muß sagen: also, Durchschnitt
    ist der wahrlich nicht. Mir ist das teilweise zu heroisch, insbesondere der
    Choral, aber der Mann hat einen Standpunkt, das ist doch schon mal
    was. (Er guckt nur so schlechtgelaunt aus der Wäsche auf dem
    Cover :D ).
    Und ich fand die Bläser im Allegro zu sehr betont.


    .

  • Ja, der schaut vielfach grantelnd drein. Wahrscheinlich hat er sich nicht gerne fotografieren lassen. Der konnte ja nicht einmal posieren. Der war halt irgendwie authentisch (großer Unterschied zu Karajan). Ich schätze die AUfnahmen von Karl Böhm ungemein. Und finde es unangemessen, 85 Jahre Leben in üblen Zeiten auf einen Ausspruch zu reduzieren. Von dem man den Zusammenhang nicht kennt. Ein Vorschlag, wie's gewesen sein könnte: Böhm setzt sich für eine Anzahl von Musikern ein, um sie vom Militärdienst zu bewahren. Sagt, dass sie so gut sind, dass er sie nicht entbehren kann (hat's bei Furtwängler gegeben, auf Filmseite z.B. bei Rühmann bei der Prduktion der "Feuerzangenbowle"). Jetzt probt dieses Orchester und muss rechtefertigen, dass die Musiker eben nicht an der Front oder sonstigem Kriegseinsatz sind, sondern musizieren. Da wird ein hoher Anspruch gestellt. Und ein Musiker spielt bei der Probe vielleicht schlecht. Und da sagt Böhm diesen oben genannten Satz. Wie sagt er den? In Sorge, dass der Musiker Anlass geben könnte, einzelne Musiker doch in den Einsatz zu schicken? Ironisch vielleicht? Und wenn ironisch: hat der Angeredete die Ironie verstanden? Hat Böhm etwas ironisch gesagt und dabei jemanden getroffen, der das aufgrund eigene biographischer Prägung bitterernst genommen hat?


    Alles nicht mehr nachvollziehbar. Somit auch nicht tauglich, um gegen Böhm verwendet zu werden. Beethoven; Schubert, Strauß, Berg - was Böhm da eingespielt hat, ist nicht so ohne weiteres zu toppen. Und auch mit dem Ostfront-Zitat nicht niederzureden.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    Original von Florian Voß
    Auf Anregung dieses Forums und vor allem dieser Diskussion hier, habe
    ich mir endlich mal eine Aufnahme Böhms angehört (Philips-LP aus den
    70ern
    mit Beethovens Neunter; war in einem Konvolut, dass ich vor ein
    paar Monaten ersteigert habe)...
    .


    Böhm und Philips-LP kann ich nicht recht glauben!


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus


    Böhm und Philips-LP kann ich nicht recht glauben!


    :hello:


    Doch, doch Theo, Böhm hat auch für Philips aufgenommen. Der "Ring" z.B. ist bei Philips erschienen. Einige dieser Aufnahmen erschienen dann später bei dem Budget-Label "Fontana", einem Philips-Ableger.


    Die von Florian genannte Platte hieß schlicht "Die Neunte" und hatte ein großes Karl-Böhm vorne auf dem Cover. Hier ist es:



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • ... und zwar einen großen, ziemlich schlecht gelaunten Karl Böhm mit
    schwerem 70er-Jahre Brillengestell auf der Nase und erhobenem Taktstock in
    der Hand. Das von Thomas gezeigte Cover hat zwar die gleiche Typographie
    aber nicht das selbe Photo. Die Platte ist 1979 in der Philipsreihe "SEQUENZA"
    erschienen und heißt nicht "Die Neunte" sondern noch schlichter "Neunte".
    Das Erstpublkationsjahr ist laut Label 1967.


    .

    Einmal editiert, zuletzt von Florian Voß ()