Meistersinger in Hildesheim

  • Muss denn ein kleines Stadttheater die „Meistersinger“ machen? Sicher nicht, aber man wird ja doch neugierig, und so fand ich mich letzten Sonntag im Hildesheimer Stadttheater, kürzlich nolens-volens mit der Landesbühne Hannover zum „Theater für Niedersachsen“ fusioniert, ein.
    Das Schlimmste vorweg: Es ist laut. Es ist derartig dauerlaut, dass die Ohren grüne Punkte sehen.
    Das liegt m.E. aber nicht an der in den zu langen Pausen heftig gescholtenen elektronischen Verstärkung des extrem klein besetzten Orchesters, denn diese war offenbar nur für den Nachhall installiert, sondern an der brutalen Raumakustik. Werner Seitzer, der GMD des Hauses, wurde kräftig ausgebuht, was aber, so wurde mir schon vorher versichert, an einer kleinen Pöbelcombo liegt, die das immer tut. Verdient hat er das wärmste Lob: Er hielt das Orchester des TfN und die Trompeten des Kreisverbandsorchesters samt den Rührtrommeln des Spielmannszugs Groß Düngen (sic!) großartig zusammen. Besonders der 1. und der 3. Hornist und die/der 1. Klarinettist(in) leisteten Großartiges, und die extrem klein besetzte Streichergruppe hielt beherzt und sehr homogen dagegen.
    Für die Inszenierung zeichnet Hans-Peter Lehmann verantwortlich. Ein exzellenter Kenner des Stückes, aber auch ein Konservativer. Das sollte per se kein Problem sein, aber hier kapituliert er offenbar vor dem Faktischen. Das Theater hat kaum Seitenbühnen, der Extra- und Sinfonische Chor ist nicht professionell zu inszenieren, und überhaupt kann man offenbar nicht auf große Unterstützung für szenische Einfälle bauen. Eine Inszenierung im eigentlichen Sinne findet also nicht statt. Mit dieser inszenatorischen Totalverweigerung korrespondiert ganz gut der Strich von 14 Takten im Schlussmonolog, wo vom c-Moll-Tremolo (habt Acht!) an die stets inkriminierte Stelle vom „welschen Dunst“ etc. fehlt.
    Männer in Strumpfhosen und Frauen in ausladenden Kleidern laufen also durch ein ganz ordentlich gemaltes Klischee-Nürnberg und werden nicht an der Ausübung ihres Jobs gehindert: Singen.
    Und das tut man hier ganz erstaunlich!
    Eva (Isabell Bringmann) und David (James Daniel Frost) sind vom Hause, dementsprechend bejubelt, und leisten Achtbares. Uwe Tobias Hieronimi als Beckmesser verzichtet zwar auf das hohe A im dritten Akt, stellt sonst aber einen guten Beckmeser dar, der sängerisch und darstellerisch viel Charisma hat. Die Meister, Magdalene etc. waren adäquat besetzt, und selbst der Nachtwächter war untadelig.
    Das eigentliche Ereignis aber ware die Gäste, übrigens wie fast alle Hauptrollen Debütanten: Wolfgang Schwaninger als Stolzing bestach nicht nur durch die in dieser Partie seltene Eigenschaft, größer als die Geliebte und leichter als deren Vater zu sein, sondern konnte sich über den Dauerlärm des Orchesters fast unangestrengt hinwegsetzen. Mit glänzendem Stahl in der Stimme bewältigte er auch strapaziöse Momente. Dann der Sachs. Der Sachs ist es ja immer, mit dem das Stück steht und fällt. Und mit Johannes von Duisburg hat man einen phantastischen Fang gemacht. Nie muss man um die Stimme bangen, durchweg strahlt er höchste Souveränität aus, und erstaunlicherweise gelingt es ihm, unter den widrigen Umständen schön abphrasierte Legati zu singen und einfach herrliche Musik zu machen. Chapeau!
    Man darf gespannt sein, wo man Schwaninger und v. Duisburg demnächst in diesen Partien erleben kann. Allein das Erleben dieser Rollendebuts war den Besuch in Hildesheim wert.
    Einen Eindruck gibt es auf theater-tv.com.

  • Danke Alberich - ich finde es ganz toll, dass sich ein kleineres Theater an große Oper wagt. Hut ab! Bass erstaunt war ich angesichts der Szenenfotos. Das es so was noch in Deutschland gibt, habe ich erfreut zur Kenntnis genommen: Meistersinger in gemalten Kulissen und mit historischen Kostümen in einer Neuinszenierung. Mutig! Und? Hat die Kritik feste zugeschlagen?

  • Genau, daß es sowas in Deutschland noch gibt...! Daß man das noch erleben darf! :faint:
    Diese Aufführung wird bestimmt demnächst von linken Feuilletonisten, Intellektuellen, Rot-Rot und Adorno-Jüngern verboten. Also schnell hingehen...

  • Zitat

    Original von Mengelberg
    Genau, daß es sowas in Deutschland noch gibt...! Daß man das noch erleben darf! :faint:
    Diese Aufführung wird bestimmt demnächst von linken Feuilletonisten, Intellektuellen, Rot-Rot und Adorno-Jüngern verboten. Also schnell hingehen...


    Verboten? Den Machtanspruch hätten Sie wohl gern. Aber zu wenig mehr als billiger Hetze reicht es da nimmer.