Widerstand gegen das Regietheater wächst unaufhörlich - ist das Ende nah?

  • jaja die Nazikeule...
    (von mir mit Sicherheit nie u. nirgends..................) ...schöne Ferien denn...


    Knuspi, so gänzlich unbeteiligt bist Du aber nicht dran hm ;) ;)
    - das (aus Deiner Sicht) "Regietheaterpack" zu "v e r f l u c h e n", is auch nimmer recht druckreif...


    MICHA

  • Wann ist eine Oper eine Regieoper? Wenn die Hauptdompteuse in rotem Ballkleid antritt statt in dem erwarteten schwarzen? Oder erst, wenn sie ganz ohne Kleid in einer Bretterbudenumgebung erscheint?


    Und warum sollte es nicht beides geben dürfen?


    Mich stört es allenfalls, wenn ich als Steuerzahler die Bretterbudenaufführung mitfinanziere (die andere aber auch), obwohl ich so gar keine Tendenz dazu habe, sie zu besuchen.

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    Ach, denkt doch, was Ihr wollt.


    Sowieso :beatnik:

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Zitat

    Wann ist eine Oper eine Regieoper?


    Wenn elementare Elemente des Librettos, beispielsweise Zeit und Ort der Handlung verändert werden, und beispielswiese aus einem Herrscher der Renaissance ein Manager eines Konzerns im 20.
    Jahrhundert wird. etc etc.
    Ich glaub prinzipielll weiß jeder wo "Regietheater " beginnt, und wo es nicht beginnt.


    Und sollte man mich einmal mehr verunglimpfen wie oben beschrieben - es lässt mich kalt wie die Antarktis....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Wenn ich schon als Vorbild nicht tauge - lasst mich wenigstens ein schlechtes Beispiel sein !



  • Zitat

    Es ist doch immer wieder nett mit der PR-Abteilung von "Regietheater heute" zu...plaudern: Da attackiert mich doch tatsächlich so ein wildgewordenes Regiemarketingmonster auf youtube, es habe meine Beiträge bei tamino gelesen und ich sei ein Nazi, wie Dr. Goebbels. Wirklich reizend.


    nun, wenn man überall seine platten Parolen ausbreiten muss, dann muss mit entsprechendem Echo rechnen.
    Ich hab das bei youtube gesehen, finde diese Reaktion allerdings auch eher niveaulos.
    Auf soetwas sollte man überhaupt nicht reagieren, genau wie auf jene Parolen.


    Zitat

    Mich stört es allenfalls, wenn ich als Steuerzahler die Bretterbudenaufführung mitfinanziere (die andere aber auch), obwohl ich so gar keine Tendenz dazu habe, sie zu besuchen.


    Das große Glück in unserem Land ist, das trotz Demokratie, dem normalen Steuerzahler GOTTSEIDANK in kulturellen Dingen keinerlei Mitsprache Recht eingeräumt wird.
    Ich fürchte sonst wären wir in Sachen Kunst und Kultur nicht auf einen der ersten Plätze, sondern auf dem Niveau von irgendwelchen Entwicklungsländern.
    Anstatt über irgendwelche Künstler zu schimpfen, solltet ihr lieber mal gegen diese grenzenlose und völlig realitätsfremde Geldverschwendung in der Sportszene angehen. :pfeif:



    Zitat

    Wenn elementare Elemente des Librettos, beispielsweise Zeit und Ort der Handlung verändert werden, und beispielswiese aus einem Herrscher der Renaissance ein Manager eines Konzerns im 20. Jahrhundert wird. etc etc.


    So hat Joachim Kaiser, zu dessen Video dieser eher primitive Schlagaustausch geführt wurde, gerade soetwas als
    "Konzept-Theater" bezeichnet.... aber ist ja auch egal.


    Sehr diplomatisch der Mann, beantwortet die Frage nicht und bezieht selbt keine eindeutige Position - sehr gekonnt :D:jubel:
    Aber vor allem vermied er es mit Kraftausdrücken umsich zuwerfen und sich absolut daneben zu benehmen, wie des öfteren hier zu sehen war.
    War sehr angenehm, mal ein so beherrschtes Statement zu sehen.

  • Zitat

    Das große Glück in unserem Land ist, das trotz Demokratie, dem normalen Steuerzahler GOTTSEIDANK in kulturellen Dingen keinerlei Mitsprache Recht eingeräumt wird.


    Da ich ja kein unbedingter Verfechter der "Basisdemokratie" bin (weil sie nie funktioniert hat - und auch in Zukunft nicht funktionieren wird) widerspreche ich nur "schaumgebremst"


    Aber es ist - das stelle ich dennoch fest - ein etwas eigenartiges Demokratieverständnis aus dem Mund eines demokraisch orientierten Menschen (?) ;)


    mfg aus Wien


    Alfred

    Wenn ich schon als Vorbild nicht tauge - lasst mich wenigstens ein schlechtes Beispiel sein !



  • Zitat

    Original von der Lullist


    Das große Glück in unserem Land ist, das trotz Demokratie, dem normalen Steuerzahler GOTTSEIDANK in kulturellen Dingen keinerlei Mitsprache Recht eingeräumt wird.


    Klar, geheimbündlerisch mafiöse Strukturen in der Kulturfinanzierung.


    Der Sport verdient wenigstens seine eigenen Mäuse, wenn man da auch ab und an nur verzweifeln kann aufgrund der unglaublichen Übertreibungen - aber es ist nun mal Angebot und Nachfrage - schaut keiner mehr Bundesliga, gibt es keine Fernsehknete und die Gehälter gehen wieder in Richtung "Normalität".


    Schaut aber keiner "Bretterbudenaufführung", kann es denen egal sein, sie haben schließlich einen annähernd göttlichen Erziehungsauftrag und jede Menge garantierte Staatsknete.

  • Lieber Freund aus Iserlohn,


    ich bin fast ganz an Deiner Seite. Zwar sehe ich durchaus die Notwendigkeit ein, daß es übergeordnete Instanzen geben muss, die zur Kultursicherung beitragen, da ich dem gemeinen Volke diese Aufgabe nicht zutrauen kann (oder möchstest Du ein demokratisch zur Hochkultur erhobenes Musikantenstadl? Genau, ich auch nicht!). Indes: wer wird mit diesen Aufgaben betraut? Da haben wir doch das gleiche Problem wie bei allen anderen politischen Fragen. Die eingeteilten Beamten/Politiker werden nach allen mögliche Erwägungen bestellt nur nach einer nicht: Fachkompetenz.


    Kultur verdient natürlich auch Mäuse. Durch direkte Einnahmen, durch Verwertungsrechte (wenn sie gut ist) und natürlich als Marketinginstrument (da müsste eigentlich der ganz und gar undemokratische und eher royalistische Alfred :D in Rezitativ und Arie zur Bestätigung ein Lied von singen können. Oder gibt's in Wien noch Einnahmequellen jenseits des Kulturmarketings? :baeh01: ).#


    Es ist mir allerdings sehr unangnehm, diese Erwiderung in gerade diesen Thread zu schreiben.


    Es hat übrigens in Wien einstmals einen trefflichen Museumsmenschen gegeben, Otto Neurath. In punkto Ausstellungsplanung für mich ein Idol. Einer der ganz wenigen, die sich Gedanken über die Leute gemacht haben, die die Ausstellung besuchen sollten. Der hat in Wien ein Museum für Arbeit eingerichtet. Das hatte wahnsinns Besucherzahlen. Neurath hatte die Öffnungszeiten so eingerichtet, dass der werktätige Interessierte das Museum besuchen konnte (also nach Feierabend).


    Dieser Otto Neurath hatte eine ausgeprägte Besucherorientierung zur Grundlage seiner Arbeit. Allerdings nicht um jeden Preis. In seiner Schrift "Museen der Zukunft" beklagt er die den Umstand, daß Ausstellungen von Spezialisten ohne Berücksichtigung einen Gegenübers konzipiert würden. Zwar kehrt er in seiner theoretischen Vorstellung das Prinzip um, formuliert aber auch: Die Museen der Zunkunft sollten auf alle Fälle nicht so sein, wie ich sie gerne haben möchte, sondern wie Besucher und Benutzer sie sich wünschen würden, sofern si wüßten, was ein Museum ausmacht."


    Nun denn, ihr Lieben, das lässt sich auch auf Operninszenierungen übertragen. Ich fürchte, daß die Herren Fundamentalisten ("Es steht im Libretto, pochpochpoch....") hier nicht so sehr viel beitragen können, Radikalregielies genausowenig.


    Vielleicht schickt uns der heilige Gral einen Ritter, der uns diesbezüglich sinnstiftende Auskünfte gibt. Ich will ihn auch bestimmt nicht nach seiner Herkunft befragen.....


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

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  • Man darf ja nicht davon ausgehen, daß die "Fundamentalisten" Theater rein auf Librettobasis machen würden, bzw ist zu belegen, daß so etwas in der Regel nie gemacht wurde. Jeder Inszenierung, vor hundert Jahren genauso wie heute hat dem Werk - gewollt oder ungewollte - ihren sehr individuellen Stempel aufgedrückt.
    Der Unterschied gegenüber dem "RegieTheater" ist lediglich die Dosierung, bzw der akzeptierte Spielraum gegenüber dem Original.
    Heute versetzt man ja die Geschichten an andere Schauplätze und verfremdet sie derart, daß sie kaum mehr erkennbar sind, belegt sie mit politischen Inhalten (zumeist linker Natur, ich kenne keine "rechtstendenziellen" "Regietheaterinszenierungen (die würde ich natürlich auch ablehnen, weil Gegenwartsbezug zu "Museumsstücken" generell abzulehnen ist - und ich sehe nun mal Opern der vergangenen Jahrhunderte als Museumsstücke.
    Ein überpinselter Rembrandt wäre mir genauso zuwieder wie eine durch unzulässige Regieeingriffe zerstörte Verdi- oder Mozartoper.


    Ich glaube auch icht, daß es je zu einem "Musikantenstadldiktat" kommen würde - denn Oper wird ja immer von Opernpublimum bestimmt - nicht von der "breiten Masse"
    Eine Wiederkehr von Lortzing, Flotow, Auber, Cimarosa, Brüll, Adam, Salieri und Paisiello auf die Opernbühen - dagegen hätte ich nur wenig einzuwenden......


    Deren Werke werden derzeit nämlich vernachlässigt, sie taugen nicht fürs "Regietheater" und sind zudem noch "unterhaltsam" - pfui Deibel !!! ;)


    mfg aus Wien


    Alfred


    mfg aus Wien


    Alfred

    Wenn ich schon als Vorbild nicht tauge - lasst mich wenigstens ein schlechtes Beispiel sein !



  • Zitat

    Heute versetzt man ja die Geschichten an andere Schauplätze und verfremdet sie derart, daß sie kaum mehr erkennbar sind, belegt sie mit politischen Inhalten (zumeist linker Natur, ich kenne keine "rechtstendenziellen" "Regietheaterinszenierungen (die würde ich natürlich auch ablehnen, weil Gegenwartsbezug zu "Museumsstücken" generell abzulehnen ist - und ich sehe nun mal Opern der vergangenen Jahrhunderte als Museumsstücke. Ein überpinselter Rembrandt wäre mir genauso zuwieder wie eine durch unzulässige Regieeingriffe zerstörte Verdi- oder Mozartoper.


    Das ist eben der große Unterschied, für mich sind Opern, oder Kunst allgemein absolut aktuell, nämlich indem Moment indem ich mich damit beschäftige.
    Da spielt es eigentliche keine Rolle wann sie entstanden sind.


    Aber gerade Musik kann ich am wenigsten als museal empfinden.
    Mit vielleicht einer Ausnahme: Richard Strauss


    Ich habe gestern nochmal einen Versuch gewagt, es gab da eine Übertragung des "Rosenkavaliers" in einer Inszenierung von Herbert Wernicke, den ich sehr schätze.
    Und es war wirklich witzig und gut gemacht. (Zumindest das was ich gesehen habe)


    Aber diese völlig sinnlose Aneinanderreihung von Noten, dieses überbetonen bestimmter geschraubter Textpassagen hatte den üblichen Effekt bei mir, den Strauss stets hervorruft: Brechreiz.


    Den Vogel hat aber meine Freundin abgeschossen, wärend der unglaublichen Ouvertüre (im negativen Sinne) fauchte sie aus dem Nebenzimmer: "Sach ma, guckst Du jetzt Sissi ?!"


    Nachdem ich aufgehört hatte zu lachen, bekam sie dafür erstmal einen extra-Kuss.
    Denn wo ich so lange nach Erklärung suchte, mir die rechten Wörter nicht einfielen, hat sie es auf den Punkt gebracht.
    Strauss ist Kitsch und zwar von der unangehmsten Sorte.
    Es trifft es: Sissi.
    Soetwas kann ich wenigstens halbwegs ertragen wenn es gerade nicht auch noch auf der Bühne in Plüsch und Stuck dargeboten wird.
    Ich kenne ja die historischen Kostümentwürfe und Bühnenbilder die eigentlich für diesen Kram vorgesehen war.....


    Trotzdem hab ich es nicht durchgehalten, wäre ich in der Oper gesessen, ich wäre auch gegangen. Vor Jahren hab ich das zum letzten Mal gehört und gedacht so schlimm kann es doch nicht sein, aber doch...genauso schlimm ist es.
    Das wird jedenfalls ganz klar dazu führen, das auch weiterhin meine CD Sammlung eine Richard Strauss freie Zone bleiben wird.


    Manche Opern bedürfen des Regietheaters um überhaupt noch spielbar zu bzw. im genannten Fall halbwegs erträglich zu sein. Gerade solche Werke, die mit der heutigen Ästhetik kaum noch etwa gemein haben.




    Zitat

    Ich glaube auch icht, daß es je zu einem "Musikantenstadldiktat" kommen würde - denn Oper wird ja immer von Opernpublimum bestimmt - nicht von der "breiten Masse" Eine Wiederkehr von Lortzing, Flotow, Auber, Cimarosa, Brüll, Adam, Salieri und Paisiello auf die Opernbühen - dagegen hätte ich nur wenig einzuwenden......


    Na Du hast aber ein Vertrauen in das Publikum :P


    Genau jene Opernkomponisten würden für immer von der Bildfläche verschwinden.
    Und wie sicher das Opernpublikum in seiner Kritik ist, sieht man ja ganz deutlich an der Aufführungsgeschichte der Werke von Mozart und einigen anderen - gerade in Wien :pfeif:
    Es ist nunmal so, dass das Publikum zum größten Teil aus "was der Bauer nicht kennt - Leuten" besteht - das ist nunmal so.

  • Die Diskussion, ob Oper denn nun "museal" oder zeitlos ist, habe ich erst neulich mal wieder geführt. Ich komme dabei mehr und mehr zum Schluß, daß zumindest die von mir bevorzugten Opern (und das ist jetzt in allererster Linie eben Wagner) uns auch im 21. Jahrhundert noch etwas zu sagen haben – aber war das wirklich ursprünglich geplant? Ist es nicht vielmehr Zufall?


    Ein Bezug zur Entstehungszeit des jeweiligen Werks läßt sich kaum abstreiten. Daß die "Meistersinger" – um nur mein Musterbeispiel anzuführen – einen direkten Bezug auf die Situation zur Zeit der Entstehung (1860er) haben, ist offenkundig. Freilich: Die Grundaussage dieser Oper gilt noch heute ("Ehrt eure deutschen Meister").


    Aber ist dies nun als zeitlose Oper gleichsam geplant gewesen oder ist es nur zufällig auch heute noch gültig? Komponieren heutige Komponisten denn wirklich auch für ein Publikum im Jahre 2150? Wird Wagner heute nur noch aufgeführt, weil seine Opern uns auch heute noch etwas sagen?


    Dies würde ja zumindest erklären, wieso zeitgebundenere Werke (etwa Donizettis "Elvida", die für einen ganz speziellen Anlaß im Jahre 1826 [Geburtstag der Königin beider Sizilien] geschrieben wurde – um nur eines von unzähligen Beispielen zu nennen) heute vergessen und von den Spielplänen verschwunden sind. Diese "Krönungs- und Geburtstagsopern" – es ließen sich hier Dutzende aufzählen – wurden m. W. manchmal ja nur ein einziges Mal aufgeführt und verschwanden dann Jahrhunderte lang in der Versenkung. Daß sie sich fürs moderne Regietheater nicht anbieten, liegt auf der Hand.


    Was mich als angehenden Historiker stört, ist, wenn man Libretto-Anweisungen grob zuwider handelt. Wieder die "Meistersinger": Für mich ist klar: Das Stück spielt im Nürnberg Mitte des 16. Jahrhunderts, das ist für mich gar nicht verhandelbar. Beißt sich die Inszenierung mit dem Libretto nämlich bereits, wenn man es in die Zeit der Uraufführung 1868 verlegt (damals gab es kein Heiliges Römisches Reich mehr, wie im Libretto eben logischerweise schon noch), so wird das Ganze noch viel grotesker, spielte es heutzutage. Heute gibt es keine Freien Reichsstädte mit Zünften mehr, ein Meistersänger ist zeitgebunden an die frühe Neuzeit. Bei Werken, die keine genaue Handlungszeit haben ("Der Ring des Nibelungen") bin ich viel eher geneigt, diversen Eigeninterpretationen offener gegenüber zu stehen. Wie gesagt: Mir gelten die grad bei Wagner minutiösen Anweisungen im Libretto viel, drücken sie doch den Willen des Komponisten aus.


    Aber um zum eigentlichen Thread-Thema zurückzukommen: Ja, ich denke auch, daß sich über die Jahre ein vermehrter Widerstand gegen das Regietheater herausgebildet hat. Was in Bayreuth 1976 noch revolutionär war, wirkt heute abgeflacht und langweilig. Immer wirrer, immer weiter weg vom Libretto, so scheint's, lautet die Devise der Regietheater-Regisseure. Innovationen sind die Ausnahme. Das Regietheater hat seinen Zenit überschritten. Sehen wir Bayreuth 1976 als Beginn dieser Revolution, so erinnert mich dies an den Sturm auf die Bastille 1789. Nach Jahrzehnte langen Kriegen (hier: Kampf Regietheater-Jünger vs. Konservative) war man der Umwälzung überdrüßig und wollte zurück zum Altbewährten. Und wenn ich diese Diskussion hier als "zweiten Wiener Kongreß" (wie passend, hat Tamino doch ebenfalls seinen Sitz in Wien) begreife, wo die alte Ordnung wieder aufgerichtet werden soll, so sehe ich auch hier eine Restauration im Kommen. Vielleicht wird es auch diese Restauration übertreiben, vielleicht gibt es dann in einiger Zeit wieder eine Revolte (vergleichbar 1830 und 1848/49) und dann wieder eine "Reaktionsära" – vielleicht muß sich beides hin und wieder abwechseln.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Zitat

    Was mich als angehenden Historiker stört, ist, wenn man Libretto-Anweisungen grob zuwider handelt. Wieder die "Meistersinger": Für mich ist klar: Das Stück spielt im Nürnberg Mitte des 16. Jahrhunderts, das ist für mich gar nicht verhandelbar


    Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.


    Selbstverständlich gibt es hier noch jede Menge Spielraum , Inszenierungen waren ja auch in der Vergangenheit nicht "uniform"
    Das Publikum war begierig darufzu sehen wie X das Nürnberg des 16- Jahrhunderts darstellte und welche (kleinen) Regiegags eingebaut wurden. Ich erinnere mich genau, daß ein und dasselbe Werk sich gelegentlich sehr unterschiedlich anbot - aber immer im vorgegebenen Rahmen.


    Aber es gab auch immer schon "Verbesserer" - von der Umstellung von Szenen bis hin zur Änderung von Texten. Nicht mal die Musik wurde verschont. Gustav Mahler wäre hier als abschreckendes Beispiel zu nennen, zu Lebzeiten gehasst - heute beinahe sakrosankt.....


    Kommen wir wieder zur Ausgangsfrage - was "Joseph II" ja schon dankenswerterweise getan hat.


    Zitat

    Das Regietheater hat seinen Zenit überschritten. Sehen wir Bayreuth 1976 als Beginn dieser Revolution, so erinnert mich dies an den Sturm auf die Bastille 1789. Nach Jahrzehnte langen Kriegen (hier: Kampf Regietheater-Jünger vs. Konservative) war man der Umwälzung überdrüßig und wollte zurück zum Altbewährten. Und wenn ich diese Diskussion hier als "zweiten Wiener Kongreß" (wie passend, hat Tamino doch ebenfalls seinen Sitz in Wien) begreife, wo die alte Ordnung wieder aufgerichtet werden soll, so sehe ich auch hier eine Restauration im Kommen. Vielleicht wird es auch diese Restauration übertreiben, vielleicht gibt es dann in einiger Zeit wieder eine Revolte (vergleichbar 1830 und 1848/49) und dann wieder eine "Reaktionsära" – vielleicht muß sich beides hin und wieder abwechseln.


    Ich zitiere hier ungekürzt - in voller Länge.


    JA das sogenannte Regietheater hat seinen Zenit überschritten.
    Kehlmanns Rede - und der frenetische Beifall des Salzburger Festspielpublikums, das - egal wie man es einschätzt - immerhin eine "Opinion-Leader" Funktion hat, die Buhwelle neulich in Wien (das Publikum wurde hier im Foruim sofort INDIREKT als "Mob" bezeichnet - was ich als eklatante Verdrehung der Realität empfinde) und - last -but not least - die heftigen Reaktionen auf unsere "Regietheaterthreads" hier im Tamino Klassikforum.
    Sie wurden ja immer wieder als "überflüssig" abgetan, haben aber die höchsten Einschaltquoten überhaupt.
    Ich werte sie als Indiz dafür daß ein Teil der sogenannten "Musikalischen Welt" diese Threads als Stimmungsbarometer sieht- und einge über die Tendenz in Panik geraten. Gut so.
    Das Wort ist eine Waffe, schärfer als jedes Schwert und was an Waffen sonst noch entwickelt wurde - und das Wort ist MEINE Domäne.
    Die Institution Regietheater ist schwer angeschlagen - Ihr Fall ist - meiner persönlichen Einschätzung nach - nur mehr eine Frage der Zeit.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Wenn ich schon als Vorbild nicht tauge - lasst mich wenigstens ein schlechtes Beispiel sein !





  • Was für ein schöner Fehdehandschuh! Gerade Mahler ist ja ein willkomenes Beispiel, daß die Musik zumal im ausgehenden 19. Jh. einen Diskurs über sich selbst zu führen beginnt - einen implizit historischen, stark selbstreferentiellen.


    Wenn die Meistersinger zur Lutherzeit spielen, oder etwas später (Sachs starb 1576) - wie, bitteschön, kommt dann die Ironisierung der meistersängerlichen Regelhaftigkeit als verschroben kontrapunktierter Bach in die Musik? - Und ist damit nicht eine späte Ehrenrettung der "modernen", also romantischen Musik gemeint, die sich zuletzt ihrer Wurzeln entschlagen muß (Stolzing als Originalgenie)? Wagner führt seine satztechnische Kunstfertigkeit nur vor, um sie zu überschreiten.


    Von den sprachlichen Anachronismen mal ganz zu schweigen.


    Mir tut eine peinlich deutschtümelnde Fachwerk- und Pluderhoseneinrichtung hier in den Augen weh. Das Deutschrenaissance-Tableau hat sehr viel vom Stilhistorismus der Gründerzeit, das kann man hören.


    Zum Thema des Threads aber möchte ich festhalten: Das hier gerügte linke Regietheater ist bloß ein Sonderfall der universellen künstlerischen Freiheit. Eine Bühne ist eine Zauberinsel, wo alle Gesetze außer Kraft gesetzt werden, außer denen der Bühne.


    Shakespeare kann man ja auch nicht naturalistisch inszenieren, strenggenommen, da seine Bühnenrealität in der Sprache steckt (und bloß verdoppelt würde). Eine Violetta ist keine Funktion des Dekors; und ein Drama folgt nicht logisch deduzierbar aus einem Arrangement von Requisiten.


    Daher folgt aus dem konservativ herbeigeredeten Ende der Linken keineswegs ein Rückfall der Oper in den kostümierten Fasching - leider, meine Lieben, diese Hoffnung muß ich euch rauben.


    Denn was eine Königin der Nacht, ein Wasserfall, ein Hüter der Tempelschwelle, ein Platz in Sevilla oder ein Lindwurm zu sein hat, das steht in keiner Regieanweisung, und das kann sogar unser Herr Schmidt nicht sagen; er könnte es bloß im Rahmen einer Inszenierung zeigen.

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Zitat

    Original von farinelli
    Denn was eine Königin der Nacht, ein Wasserfall, ein Hüter der Tempelschwelle, ein Platz in Sevilla oder ein Lindwurm zu sein hat, das steht in keiner Regieanweisung, und das kann sogar unser Herr Schmidt nicht sagen; er könnte es bloß im Rahmen einer Inszenierung zeigen.


    Hm. Dafür gibt es aber z. T. original erhaltene Bühnenbilder oder Stiche, außerdem sind die Angaben in Libretti diesbezüglich doch recht deutlich - es sei denn, man ignoriert bewußt die Entstehungszeit:


    TAMINO kommt in einem prächtigen javonischen Jagdkleide rechts von einem Felsen herunter, mit einem Bogen ohne Pfeil.


    Ziemlich detailliert und doch bleibt ausreichend Spielraum, nicht wahr? Wie ein Wasserfall 1791 wohl aussah, kann man doch recht gut nachempfinden, ebenso ein 'Platz in Sevilla', wobei sich bei letzterem die Frage stellt, ob er nicht per se wie im 17. Jahrhundert auszusehen hat. Jedenfalls sicherlich nicht wie eine Tiefgarage. Was die Königin der Nacht betrifft, so gibt es Kupferstiche als Anhaltspunkt, wobei ich der Meinung bin, daß der märchenhaften Fantasie hier keine Grenzen gesetzt sind, außer der des guten Geschmacks... über den lässt sich bekanntlich trefflich streiten...


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Zitat

    Original von UlliJedenfalls sicherlich nicht wie eine Tiefgarage.
    Ulli


    Gerade vor dem Hintergrund der m.E. sehr zutreffenden Ausführungen von Farinelli muss ich doch mal fragen: Wieso denn nicht?
    Wer gebietet denn, wie mein Marktplatz auszusehen hat? Und woher weiß er das?

  • Hier haben wir es mit Sophismen zu tun. die alles Hinterfragen.
    Letztlich könnte ich mit Einstein sagen, die Zeit wäre eine Illusion - und esistierte real gar nicht - D´accord


    Aber wenn ich auf diesem Erdball einen Teller fallen lasse´dan spekuliere ich in der Regel nicht, ob die Gravitation nun so funktioniert daß zwei Körper sich proportional zu der ihnen innewohnenden Masse gegenzseitig anziehen, ich beruhige mich auch nicht mit dem Gedanken, daß es ein naturgewollter Vorgang ist - sondern ich stelle fest, daß mein Service jetzt um einen Teller ärmer ist -ich was neue- meist hässlicheres nachkaufen muss - und ärgere mich.


    "Königin der Nacht" - ein gutes Beispiel :Da es sich ja um eine erfundene Person handelt sind der Fantasie nur wenig Grenzen gesetzt.
    Dennoch waren sich die meisten Ausstatter durch die Jahrhunderte hindurch einig, daß ihr einige Attribute zugeschrieben werden sollten:
    Die Farbe dunkelblau, Sterne und Mondmuster auf ihrem Kleid, und estwas dunkles-majestätisches, faszinierendes - anziehend und abstossendes zugleich.


    Nirgendwo steht geschrieben, daß sie nicht in kurzen Hosen und oben ohne erscheinen darf - dennoch verbietet sich derlei von selbst - eine Königin - da hat man schon bestimmte Vorstellungen.


    Ebenso erwarte ich mir, wenn ich "Sevilla" lim Libretto lese, daß keine verschneite Winterlandschaft auf die Bühne gestellt wird - selbst wenn es in Sevilla gelegentlich schneien sollte....


    Zitat

    Das hier gerügte linke Regietheater ist bloß ein Sonderfall der universellen künstlerischen Freiheit. Eine Bühne ist eine Zauberinsel, wo alle Gesetze außer Kraft gesetzt werden, außer denen der Bühne.


    Das ist völlig richtig.
    Auffalledn jedoch ist, daß dieser "Sonderfall" die Mehrheit darstellt - und ich eigentlich keine Inszenierung moderner Machart gesehen habe, die - sagen wir es mal vorsichtig - "bürgerliche Werte" glorifiziert.


    Zitat

    Denn was eine Königin der Nacht, ein Wasserfall, ein Hüter der Tempelschwelle, ein Platz in Sevilla oder ein Lindwurm zu sein hat, das steht in keiner Regieanweisung, und das kann sogar unser Herr Schmidt nicht sagen; er könnte es bloß im Rahmen einer Inszenierung zeigen.


    Das wäre in der Tat eine Herausforderung.
    Man könnte die genannten allenfalls als "Plasmawolken" darstellen, die sich nach ihren Auftritten "entmaterialisieren" um zu zeigen, daß es sich bloß um Illusionen handelt. Ich weiß nicht ob man dies mittels 3D Laserprojektionen einigermaßen glaubhaft realisieren könnte -einen Versuch wäre es allemal wert. Es ergibt sich weiters die Frage, inwieweit man die Oper wörtlich nimmt - oder sie als generelle Illusion darstellt an deren Ende alles in einem Feuerball - der Sonne - oder des umgedrehten Urknalls - einer Implosion statt Explosion vergeht.


    Aber ich glaube,letztlich, daß eine auf dem Boden der (scheinbaren Realität) fußende "altertümelnde" Wiedergabe mehr anklang beim Publikum fände - Stephen Spielberg weiß beispielsweise wie man etwas erfolgreich und publikumswirksam in Szene setzt-


    Aber das wäre schon wieder ein weiterer Thread : "Taminos Inszenieren eine Oper" - vielleicht gibts den mal.....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Wenn ich schon als Vorbild nicht tauge - lasst mich wenigstens ein schlechtes Beispiel sein !



  • Man könnte ja auch mal andersherum fragen, inwiefern die Historisierungswelle auf den Hund gekommen ist - von der Malerei (Tableau vivant, Charade) übers Theater (Wilhelminische Vaterlandsdramen) bis ins Kino (Sandalenfilm).


    "Und das soll russisch sein!" ruft verächtlich die Herzogin von Guermantes aus, als man das Beethovensche op. 59 Nr. 2 zu Gehör bringt.


    Offensichtlich hat die Herzogin genaue Vorstellungen davon, was russisch ist, vielleicht geprägt durch das russische Ballett.


    Und entsprechend wußte auch Bizet weit besser, wie ein folkloristisches Spanien klingen müßte, im Vergleich zu Mozart (Don Giovanni) oder gar Beethoven (Fidelio).


    "Die Kriegskunst der Alten blendet und erfüllt mich; ich kotze Katapulte, ich habe Schleudermaschinen im Arsch und pisse Skorpione." (Flaubert an Feydeau, ca. 15.09. 1861)


    Das ist die Kehrseite der halluzinatorischen Wiederbelebung eines doch bloß imaginären Karthago. Und im Kino wollen wir es heute noch realistischer haben, teils weil wir ja besser unterrichtet sind als selbst ein Flaubert mit seinem veralteten Kenntnisstand; teils weil sich die Grenzen der Darstellbarkeit verschoben haben, moralisch wie technisch.


    Folgten wir wirklich Verdis Aplomb, wenn er Alfredo der Violetta das Geld vor die Füße schleudern läßt - wie obszön müßte diese erniedrigende Szene auf die Bühne kommen?


    Der Hörraum Oper entzündet sich zwar an bestimmten theatralischen Situationen, an denen auch das Kolorit eines settings beteiligt sein mag. Ohne theatralische Vision aber schrumpft jedes historisierende Kolorit zum Kitsch zusammen, nicht anders als der Wasserfall am Goldfischteich.

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Zitat

    Original von Alberich


    Gerade vor dem Hintergrund der m.E. sehr zutreffenden Ausführungen von Farinelli muss ich doch mal fragen: Wieso denn nicht?
    Wer gebietet denn, wie mein Marktplatz auszusehen hat? Und woher weiß er das?


    Allmählich nervt es wirklich: Ist es so schwer nachvollziehbar, daß es zum Entstehungszeitpunkt der betreffenden Oper keine Tiefgaragen gab?


    :faint: :wacky: :beatnik:


    Zitat


    Und entsprechend wußte auch Bizet weit besser, wie ein folkloristisches Spanien klingen müßte, im Vergleich zu Mozart (Don Giovanni) oder gar Beethoven (Fidelio).


    Eben drum muß man sich ja auf das 'Niveau' der damaligen Zeit herablassen. Eine 'Verbesserung' (so gut sie auch gemeint sein mag), wird hier meistens (nicht immer!) zu einer Verschlechterung.


    :hello:

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Banner Trailer 2 Gelbe Rose
  • Zitat

    Man könnte ja auch mal andersherum fragen, inwiefern die Historisierungswelle auf den Hund gekommen ist - von der Malerei (Tableau vivant, Charade) übers Theater (Wilhelminische Vaterlandsdramen) bis ins Kino (Sandalenfilm).


    In der Tat eine interessante Frage


    Ich beantworte sie gerne so, daß sich die "Vertreter der Alten Schule" so sicher in ihrem Geschmack und ihren Machtansprüchen waren, daß sie sich nicht vorstellen konnten, daß sie dereinst aus dem Sattel geworfen werden könnten, und man ihre Wertvostellungen und ihre Statussymbole dereinst auf den Spermüll der Geschichte werfen könnte.


    Als sie die Gefahr in ihrer vollen Bedrohung erkannten - da war es schon zu spät. Vielleicht hätte es aber auch gar nichts genützt - das Pendel der Geschichte - es schwingt von einem Extrem zum anderen - lässt sich durch nichts und niemanden DEUERHAFT aufhalten....


    Weil hier "Carmen" erwähnt wird.
    Leider finde ich derzeit meinen Opernführer aus dem Jahre 1912 im Augenblick nicht - also muß ich sinngemä0ß aus der Erinnerung zitieren.
    Dort wird über "Carmen" geschrieben, daß dieses "amoralische Stück seine Daseinsberechtigung allein aus Bizets Musik ableite, welche immerhin ein vortreffliches Lokalkolorit auf die Bühne bringe...." :D


    Zitat

    Folgten wir wirklich Verdis Aplomb, wenn er Alfredo der Violetta das Geld vor die Füße schleudern läßt - wie obszön müßte diese erniedrigende Szene auf die Bühne kommen?


    Ich glaube nicht, daß das im 19 Jahrhundert irgendjemanden im Zuschauerraum erschüttert hat. Man hat es vermutlich eher so gesehen:
    "Was lässt er sich auch mit einer Hure - jenseits des "Geschäftlichen ein ? - Recht geschieht ihm - Wer sich nicht standesgemäß benimmt, der múß die Konsequenzen tragen."


    Ich höre förmlich den entrüsteten Aufschrei einiger Taminos, wenn ich solche Behauptungen aufstelle - Aber im 19. Jahrhundert waren die bürgerlichen Ansichten ziemlich rigoros. Man nehme nur das pädagogische Lehrbuch "Struwelpeter" des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann als Beispiel, das an Härte kaum zu überbieten ist.
    Dabei hatte er es nur für seinen Sohn als Weihnachtsgeschenk geschrieben, weil ihm die andere damals verfügbare Kinderliteratur zu "spiessig "vorkam !!!!


    Nein mit Violetta hatte wohl niemand Mitleid im Zuschauerraum.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Wenn ich schon als Vorbild nicht tauge - lasst mich wenigstens ein schlechtes Beispiel sein !



  • das Regietheater bezieht sich ja leider nicht nur auf die Oper. Auch was zurzeit im Schauspiel auf die Bühne gebracht wird ist meiner Meinung nach nicht der Versuch neue Ansätze bei alten Stücken zu finden, um diese dem heutigen Publikum näher zu bringen, sondern ganz einfach eine Methode, mit skandalträchtigen Inszenierungen Neugierige anzulocken. Dafür benutzt man möglichst dekadente Mittel (kunstblutüberströmte Bühnen, sich darin wälzende Nackte, Sexszenen in allen Variationen - St. Pauli lässt grüßen - Erbrechen, Stuhlgang u. a. körperliche Ausscheidungen auf offener Bühne, Hauptsache schön eklig. :no:)
    Bei solchen Aufführungen ist man leider größerer bzw. intensiverer Erwähnung in den Zeitungen bzw. im TV sicher. Die Neugierde treibt dann ein großes Publikum in diese Aufführungen.
    Verstehen kann ich das allerdings nicht, ich würde mir einen solchen Horror nicht antun - aber wie gesagt, das ist meine persönliche Meinung. ?(
    Ich wünschte mir so sehr, dass wenigstens diese Mode eine Ende findet.


    Ich habe absolut nichts dagegen, wenn Theaterstücke oder Opern "entstaubt" werden, doch man sollte sie bitte nicht entstellen.

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ich glaube nicht, daß das im 19 Jahrhundert irgendjemanden im Zuschauerraum erschüttert hat. Man hat es vermutlich eher so gesehen:
    "Was lässt er sich auch mit einer Hure - jenseits des "Geschäftlichen ein ?


    Nein mit Violetta hatte wohl niemand Mitleid im Zuschauerraum.


    Ein sehr guter Einwand; weil er ja vor allem den Abstand zur Rezeptionshaltung heutzutage vor Augen führt. Wir können schlichtweg nicht mehr den moralisch rigiden und unbarmherzigen Standpunkt der Gesellschaft Verdis einnehmen - der Garbo sei Dank, ist Violetta im Himmel eine Dame geworden.


    Wir können auch das Schockierende des Plots nicht mehr in uns auffühlen.


    In "Madame Bovary" läßt Flaubert Charles und Emma im Theater von Rouen in der Oper mit Léon zusammentreffen; gegeben wird die Lucia di Lammermoor.


    Während der unbedarfte Charles die Geschichte nur verdreht zusammenbringt, spielt Emma die Kunstbeflissenen und träumt sich anhand der Opernhandlung in eine romantische Scheinwelt hinein, um an Léons Seite ihrer schalen Ehe zu entrinnen.


    Die auf den Kulminationspunkt des Sextetts hin minutiös konzipierte Romanszene zitiert zugleich das Vorbild des Oktett-Finales zum 2. Akt der Traviata.


    Verdis Oper benutzt ein etabliertes Modell hochtragischer Verdichtung, um es auf eine banale und unpassende, ja frivole und häßliche Situation anzuwenden.


    Flauberts raffinierte Doppeloptik von zeitgenössisch-trivialem Ehebruchsdrama und großer historischer Oper wird von Verdi in ein divergierendes Bühnentableau gepackt.


    Schockierend dürfte vor allem das Explizitwerden ihrer Liaison durch Alfredos Tat gewirkt haben (weniger das Mitleid mit Violetta). Alfredo konfrontiert ja nicht allein seine Geliebte, sondern auch die Öffentlichkeit des Salons mit der häßlichen Wahrheit. Wie im Fall Oscar Wildes verzeiht keine Gesellschaft das Spiel mit den Spielregeln. Hinter Violettas Niedergang im 3. Akt steht ja nicht so sehr ein Krankheits-Schicksal, sondern ihre Exkommunikation aus der mondainen Society, in die kein Weg zurückführt.

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Um wieder auf die Grundfrage zurückzukommen: Der momentan laufende Fidelio aus Valencia bestätigt m.E. wirklich, dass (endlich!!!) die 68er Visionen bezüglich der Opernregie von breiten Kreisen nicht mehr goutiert werden. Warum nämlich diese Inszenierung, die ich wirklich eindrücklich finde? Keine Naziuniformen, keine Fabrikhallen, keine künstliche Aktualisierung (oder gar ein Stuss, wie der Bauarbeiter- Lohengrin aus München), aber stattdessen eine Inszenierung, die den Werkcharakter beibehält und eine durchaus nachvollziehbare Gestik + eine für heutige Verhältnisse hervorragende Besetzung. (Immer mehr fällt mir übrigens auf, dass die Gesten, wie auch die Anordnung der Personen im Bühnen bild, sich gar nicht so sehr von Wieland Wagners Inszenierung in Stuttgart unterscheiden. Die Hoffnung nimmt immer mehr zu....) Würde wohl 3sat eine derartige "werkgetreue" Inszenierung aus "fernen Landen"ausstrahlen, wenn es in deutschsprachigen Ländern Adaequates gäbe und wenn nicht die Zahl derjenigen, die (Pardon!) den Schwachsinn von Eurotrashregisseuren nur noch goutieren, wenn er durch das Werk, bzw. sängerische Spitzenleistungen tolerabel wird, immer grösser würde ?

    Einmal editiert, zuletzt von m.joho ()

  • Zitat

    Eben drum muß man sich ja auf das 'Niveau' der damaligen Zeit herablassen. Eine 'Verbesserung' (so gut sie auch gemeint sein mag), wird hier meistens (nicht immer!) zu einer Verschlechterung.


    :hello:


    Dann spielen wir den Freischütz ohne die Hörner im Jägerchor - die gab's nämlich noch nicht. :baeh01:


    Wieso ist eigentlich historische "Richtigkeit" von Belang? In einer Oper ist doch gar nichts naturrealistisch, wie überhaupt in der Kunst.
    Oder ist Franz Marc ein schlechte Maler, weil er Pferde nicht in der Farbe gemalt hat, wie Hein Blöd von nebenan sich seinen Fury halt vorstellt?


    Immer dieser Wunsch nach Fototapeten... :no:

  • Zitat

    Allmählich nervt es wirklich: Ist es so schwer nachvollziehbar, daß es zum Entstehungszeitpunkt der betreffenden Oper keine Tiefgaragen gab?



    also in Versailles gab es eine Tiefgarage für Kutschen und Senften.
    Das ganze Areal ist unterhölt von Katakomben, Gängen, Lagerräumen und Stellplätzen.
    Mann kann die Zugänge teilweise sogar auf den Gemälden sehen.


    das nur mal so am Rande :beatnik:

  • Zitat

    Original von der Lullist
    also in Versailles gab es eine Tiefgarage für Kutschen und Senften.
    Das ganze Areal ist unterhölt von Katakomben, Gängen, Lagerräumen und Stellplätzen.
    Mann kann die Zugänge teilweise sogar auf den Gemälden sehen.


    das nur mal so am Rande :beatnik:


    Die sah bzw. sieht dann dennoch anders aus als eine heutige Karstadt-Tiefgarage... :lips:


    Gegen eine Inszenierung in der historischen Tiefgarage von Versailles wäre ja nichts einzuwenden


    :beatnik:

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Zitat

    Original von Alberich
    Wieso ist eigentlich historische "Richtigkeit" von Belang? In einer Oper ist doch gar nichts naturrealistisch, wie überhaupt in der Kunst.
    Oder ist Franz Marc ein schlechte Maler, weil er Pferde nicht in der Farbe gemalt hat, wie Hein Blöd von nebenan sich seinen Fury halt vorstellt?


    Nö, Franz Marc ist kein schlechter Maler, aber Bizet ist nicht Boulez.
    :hello:

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