Beethovens Gesamtwerk - gehört von Alpha bis Omega

  • CD 69


    Und wieder Lieder vom Schubert der Jahrhundertwende 1800. Schottische
    Volkslieder Op. 108. Man könnte sie als ganz schön bezeichnen, es sind sogar
    wirkliche Höhepunkte wie "Dim, dim is my eye" dabei. Aber letztlich zeichnet
    diesen Zklus von 25 Liedern nichts besonderes aus, finde ich. Die Freude am
    Hören wird auch etwas gedämpft durch die Solisten des Rundfunkchors
    Leipzig, die teilweise einen so bösen deutschen Akzent haben, dass man
    manchmal denken könnte, es wäre als Parodie gemeint.


    Was aber immer wieder faszinierend ist, dass man hier die Volksmusik des
    18ten Jahrhunderts hören kann - wenn auch bearbeitet - und man verflucht
    umso mehr alles, was heutzutage unter Volksmusik firmiert.


    Schließlich noch fünf weitere Lieder, darunter das "Lied aus der Ferne" WoO
    137, das sich wieder sehr schuberthaft anhört. Naja, der Franz kam ja auch
    nicht aus dem Nichts. Und "Sehnsucht" WoO 146 könnte man glatt in die
    Winterreise einfügen.


    .

  • CD 73


    Und noch mehr Lieder: Mehrstimmige Italienische Gesänge WoO 99 - die ich
    ziemlich fad finde. Zuvor wurde mir aber der bisherige Skandal der Box zu
    Gehör gebracht: Stück Nr. 8 auf dieser CD "Chor auf die verbündeten
    Fürsten" WoO 95 - der Chor ist in Ordnung, aber das Orchester kommt ganz
    eindeutig aus dem Synthesizer. Gut, es ist nur ein Stück, trotzdem heftig
    daneben.


    Die schönsten Stücke in diesem Konvolut sind "Neues Liebe, neues Leben"
    WoO 127 und "Der Erlkönig" WoO 131. Besonders das Erstere ist toll. Ebenso
    begeistert mich das Wallisische Lied "Constancy" aus WoO 155.
    Hingegen "Ye shepherds of this pleasant" aus WoO 156 hört sich an wie von
    den Monty Pythons...
    Und Stück Nr. 32 ist von so erbärmlicher Aufnahmequalität, dass man an
    Sabotage denken könnte.


    .

  • CD 63


    Eine Scheibe mit Variationen, beginnend mit denen für Klavier und Flöte Op.
    105, die bis auf die Variationen über "Das Schüsserl und a Reindl" auf mich ein
    wenig farblos wirken. Hingegen die Variationen für Klavier und Flöte Op. 107
    hören sich schon inspirierter an: zum zweiten Mal eine Bearbeitung des
    Volkslieds "I bin a Tiroler Bua", das Beethoven offenbar sehr gemocht hat.
    Auch die Variationen über "Bonny laddie, highland laddie" sind sehr
    tiefgründig, so wie Beethoven sowieso die Bearbeitungen des schottischen
    Liedguts meist am Besten gelingen.


    Und das "Volkslied aus Kleinrußland" hat schon etwas von einem späten
    Sonatensatz. Davon abgesehen sind diese Variationen, wie auch fast alle
    schottischen Volkslied-Bearbeitungen, für den schottischen Verleger George
    Thomson geschrieben worden, der sie für die "Ladies" publizierte, sie sollten
    also technisch nicht zu schwer sein, um für den Hausgebrauch gespielt werden
    zu können. Teilweise hat sich Beethoven nicht die Bohne daran gehalten.


    Die dazwischen gestreuten tiroler Lieder erkennt man sofort, sie haben alle die
    gleiche fröhliche Struktur, sie hören sich an wie Variationen ihrer selbst.
    Am schönsten aber sind die Variationen auf "Peggys daughter", die ohne
    weiteres in die "Pastorale" passen würden.
    Geschrieben wurden Op. 105 und 107 in den Jahren 1818 und 1819, also
    zeitgleich mit der Hammerklavier-Sonate.


    .

  • CD 82


    Heute "Christus am Ölberge" Op. 85. Ein ebenfalls eher unbekanntes Werk,
    auf das ich sehr gespannt war, das mich aber etwas entäuscht hat. Das
    Oratorium rauschte ein bißchen an mir vorbei. Das kann allerdings auch an mir
    liegen, da ich heute recht unkonzentriert bin.


    Man würde bei solch einem Thema ja ein heroisches oder aber
    schwermütiges Werk erwarten, in Wirklichkeit hört sich das Stück teilweise wie
    eine Oper an. Es ist dann auch in zeitlicher Nachbarschaft zum "Fidelio"
    entstanden und zur dritten Symphonie. Und es ist nicht schwer einzusehen,
    warum es von diesen dreien am seltesten gespielt wird.


    .

  • Fein, da kann ich wieder dazwischenlabern... Du hast nicht diese Interpretation:




    Ludwig van Beethoven [1770-1827]
    Christus am Ölberg op. 85


    Simone Kermes, Sopran
    Steve Davislim, Tenor
    Eike Wilm Schulte, Bass


    chorus musicus
    das neue orchester
    Christoph Spering


    Nachdem das Werk hier mit Simone Kermes m. E. goldrichtig besetzt ist, kann ich mir auch eine Neunte mit Kermes als sehr hörenswert vorstellen. Hoffentlich kommt das bald! Mich wundert es gar, daß Simone Kermes diese Einspielung gar nicht auf ihrer Homepage in ihrer Diskographie aufführt (diese sollte ja eigentlich allumfassend sein)? Jedenfalls erwischte ich die CD per Zufall in der 2001günstigen naive-Box histoires sacrées, welche auch Bachs Motetten BWV 225-30, 3 sacred oratorios Charpentiers und Kantaten Vivaldis enthält.


    Natürlich sind auch die anderen beiden Partien mit Steve Davislim und dem mir bislang unbekannten Eike Wilm Schulte bestens besetzt! Spering und sein chorus musicus nebst das neue orchester sind ohnehin für den Blindkauf verantwortlich.


    :faint:


    Da das Libretto regelrecht auf Konversation aufbaut, könnte ich mir eine szenische Darstellung des musikalisch wenig christlich klingenden Oratoriums bestens vorstellen! Leider ist es dafür etwas zu kurz geraten...


    :jubel:
    :jubel: :jubel:
    :jubel: :jubel: :jubel:
    :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
    :jubel: :jubel: :jubel:
    :jubel: :jubel:
    :jubel:

  • CD 79


    Beginnen wir mit der Fantasie Op. 80. Ein überraschendes Stück, besonders
    wenn man - so wie ich - nicht wußte, dass es eine Chorfantasie ist. Grandios,
    die Chorpassagen erinnern teilweise an den Choral der Neunten Smphonie.
    Text und Musik sind aus dem Jahre 1808, ersteres wurde von dem Dichter
    Christoph Kuffner geschrieben. Das Werk ist eine der großen Entdeckungen
    für mich. Ebenso wie das sich anschließende Op. 136 "Der glorreiche
    Augenblick", das zwar schon 1814 geschrieben wurde, aber erst zehn Jahre
    nach Beethovens Tod veröffentlicht wurde. Op. 136 ist eine Kantate die es in
    sich hat, sie ist weltlichen Inhalts und wurde anlässlich des Wiener Congresses
    komponiert.


    Anton Schindler berichtet dazu: Die großen politischen Ereignisse, welche
    fast alle europäischen Herrscher zu einem Congresse in Wien
    zusammengeführt hatten, wirkten wesentlich mit, um diesen 29. November zu
    dem Tage des höchsten Glanzes und Ruhmes zu gestalten, den ein Künstler
    wie Beethoven erleben konnte [...] Beethoven selber machte persönlich die
    Einladung bei allen Monarchen, die [fast] sämmtlich bei der Feier erschienen
    waren.


    Und auf dieser Feier wurden zeitgleich die Uraufführungen der Siebten
    Symphonie und von Wellingtons Sieg zelebriert. Mit großem Erfolg.
    Ich finde, diese Kantate kann ohne weiteres mit der Siebten mithalten,
    vielleicht übertrifft sie sie sogar.


    Schließlich noch das "Gratulationsmenuett" WoO 3 und "Es ist vollbracht"
    WoO 97. Beides schöne Stücke, sie können aber nicht mit dem zuvor
    gehörten mithalten.


    .

  • Zitat

    Original von Florian Voß
    Und auf dieser Feier wurden zeitgleich die Uraufführungen der Siebten
    Symphonie und von Wellingtons Sieg zelebriert. Mit großem Erfolg.
    Ich finde, diese Kantate kann ohne weiteres mit der Siebten mithalten,
    vielleicht übertrifft sie sie sogar.


    Ich finde, man sollte op. 80 als Ersatzstück die das Finale der Neunten heranziehen...


    :untertauch:


    Zu den 'Ähnlichkeiten' habe ich an dieser Stelle etwas verfasst.


    Außerdem gibt's natürlich musikalische Ähnlichkeiten zwischen 'Wellingtons Sieg' und der 7. Sinfonie (mich wundert, daß das in einem Konzert niemandem aufgefallen ist :pfeif: ).


    Meine Liebe:



    Ludwig van Beethoven [1770-1827]


    Chorfantasie c-moll op. 80
    nebst Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73


    Robert Levin, Hammerflügel [Salvatore Lagrassa, 1812]


    Angela Kazimierczuk, Sopran
    Constanze Backes, Sopran
    Susanna Spicer, Alt
    Julian Podger, Tenor
    Robert Johntson, Tenor
    Julian Clarkson, Baß


    The Monteverdi Choir
    Orchestre Révolutionaire et Romantique


    John Elliot Gardiner


    Einfach dieser sukzessive Aufbau: Klaviersolo + Orchester + Soli + Chor. Am besten käme dies rüber, wenn man den Titel nicht bekanntgäbe und die jeweiligen Musizierpartner so nach und nach hinzukämen, quasi als Pendant zu Haydns Abschied-Sinfonie. Aber das lässt sich ja heute kaum noch als Überraschungseffekt vermarkten.


    Jedenfalls bietet diese Scheibe dem technisch versierten Tonträgereinleger die Möglichkeit, zwischen drei Klaviersoli zu Beginn zu wählen. Hier also die "Drei-in-Eins"-Lösung...


    Natürlich ganz wunderbar gespielt und gesungen - allerdings könnte ich mir doch an manchen Stellen etwas mehr Reibung vorstellen [auch das KK 5 wirkt etwas glattgebügelt].


    Dennoch bis auf Weiteres: :jubel: :jubel: :jubel:

  • Lieber Ulli,


    ganz meine Meinung, was das Finale der Neunten anbelangt - wobei das
    natürlich auch großartig ist. Man könnte jeweils abwechselnd den Choral und
    Op. 80 spielen. Oder beide hintereinander. Dann wäre die Neunte fünfsätzig.
    Auch nicht schlecht... :angel: :pfeif: :faint:


    Was den Aufbau dieser Chorfantasie anbelangt, ich kannte sie ja noch nicht,
    hatte auch nur flüchtig auf´s CD-Cover geschaut, und ich dachte zu Anfangs:
    Ah, eine Klavierfantasie, dann: Ah, ein Klavierkonzert oder sowas Ähnliches,
    und war dann völlig verblüfft, als der Chor einsetzte.
    Insofern kann Unwissenheit manchmal von Vorteil sein... :wacky:


    (Nun hab ich aber den anderen Unwissenden den Spaß der Überraschung
    verdorben).


    .

  • Hallo Florian,


    ich erlaube mir, als „Neuling“ in eure Diskussion einzusteigen, und möchte zunächst sagen, dass ich dieselbe Mammut-Box aus ähnlichen Gründen wie Du erworben habe. Es haben mich vor allem die vielen „WoO’s“ interessiert, von denen man außer „Für Elise“, den „Eccossaisen“ und vielleicht noch dem „Andante favori“ so gut wie nichts kennt und auch nicht bekommt. Deshalb war ich über Deinen Thread in Tamino sehr erfreut, über den ich gestolpert bin, weil ich mehr über die merkwürdige Bezeichnung (z.B.) „Hess 34“ via Google erfahren wollte. Tja, und dann tauchte auch noch ein Herr Biamonti auf, und die Verwirrung war komplett. Ich vermute mal, dass es Werke gibt, die im Verzeichnis des einen aufgeführt sind, aber in dem der jeweils beiden anderen fehlen. Dazu habe ich zwei ganz konkrete Fragen:
    1) Welches Verzeichnis – Kinsky-Halm, Hess, Biamonti – ist das zuverlässigste?
    2) Gibt es irgendwo so etwas wie eine Synopse der drei Verzeichnisse?


    Nun ganz konkret: Ich mache es genau so wie Du, nämlich mehr oder weniger nach dem „Prinzip Zufall“ CDs aus der Box zu hören, wobei ich allerdings die mir bisher unbekannten Werke bevorzuge. Bei denen, die Du bereits angesprochen hast und die ich selbst gehört habe, kann ich Deiner Einschätzung weitestgehend folgen. Bei den „bekannten“ Werken möchte ich zunächst zur CD 1 (1. und 6. Sinfonie) sagen, dass ich auch hier mit Deiner Bewertung der Aufnahmen vollkommen übereinstimme. Zusätzlich glaubte ich in der langsamen Einleitung der 1. zumindest zwei deutliche Schnittfehler bemerkt zu haben; m. E. fehlen da ganze Zählzeiten! Hör nochmal rein.


    Nur ganz kurz möchte ich noch auf die CD 79 eingehen. Da wundert mich Deine sehr „milde“ Besprechung der Aufnahme (was vielleicht auf den „Überraschungs-Effekt“ zurückzuführen ist). Ich finde diese Aufnahme – weniger in musikalischer als in technischer Hinsicht – absolut katastrophal. Zunächst mal ist das Klavier miserabel gestimmt (oder habe ich schiefe Ohren?), sodann kriegen es die Tontechniker nicht fertig, die Gesangssolisten in eine vernünftige Balance zum Orchester zu bringen – sie klingen manchmal wie Schulmädchen bzw. gerade aus der Pubertät entsprungene Jünglinge. Mich wundert es, dass ein so „alter Hase“ wie Konwitschny diese Aufnahme freigibt.


    Zu dem Problem „Chorfantasie – 9. Sinfonie“ werde ich mich morgen noch einmal melden.


    Viele Grüße nach Berlin aus dem verschneiten Odenwald (Gorxheimertal liegt ca. 15 km nordöstlich von Heidelberg),


    Harry

  • Lieber Harry,


    schön dass sich noch jemand außer Ulli "einmischt"... je mehr kommentieren,
    um so besser. Und dass du die gleiche Box besitzt, trifft sich natürlich gut.
    Ich bin gespannt.


    Mit den Bedeutungen der verschiedenen ergänzenden Werkverzeichnisse
    kenne ich mich nicht gut aus, aber es scheint mir, dass Willy Hess das
    wesentliche erstellt hat und die anderen zwei darauf aufbauen. Ulli wird mich
    sicher verbessern. :D


    Was Op. 80 anbelangt, ich habe nochmal reingehört, und ich kann musikalisch
    nichts wirklich Schlechtes daran finden, auch scheint mir das Klavier nicht
    verstimmt zu sein, und mein Gehör ist eigentlich ganz gut. (Gerade Günter
    Kootz am Piano finde ich ziemlich gut) Zur Tontechnik und zur
    Aufnahmequalität kann ich nur sagen, dass ich ursprünglich vom Jazz
    und New Wave komme, ich habe schon immer alte oder schlecht
    aufgenommene Musik gehört, ich bin abgehärtet. Auch heutzutage höre ich
    viel historisches, auch Aufnahmen aus der Prä-Elektrischen-Ära.


    Viele Grüße nach Baden (es gibt badische und unsymbadische... :wacky: :pfeif:)


    .

  • Guten Abend,


    zunächst mal vielen Dank an Ulli für seinen Link - das ist ja wirklich sehr interessant. Der von mir genannte "Biamonti" taucht da gar nicht auf, dafür aber Grove, der mir natürlich ein Begriff ist, und den ich gestern vergessen hatte. Ich finde meine Vermutung bestätigt, dass viele Werke in einem Verzeichnis gelistet sind, während sie in einem oder sogar in beiden anderen fehlen. Das führt natürlich unweigerlich zu der Frage, ob denn überhaupt alle (erhaltenen) Werke Beethovens vollständig erfasst sind.


    Nochmal zu op. 80, lieber Florian: Also auf meiner Anlage klingen zumindest die Akkord-Kaskaden am Anfang irgendwie "merkwürdig", ich dachte beim ersten Hören sogar an so etwas wie einen Hammerflügel. Na ja, vielleicht liegt's an der Anlage; vielleicht auch daran, dass man eine andere Aufnahme im Kopf (Ohr) hat. Musikalisch gibt es nichts auszusetzen; ich schrieb ja, dass meine Kritik der technischen Seite gilt. Und was Deine Bemerkung zu Günter Kootz betrifft, kann ich Dir nur zustimmen: Schlicht hervorragend!


    Nun noch etwas zur 9. Sinfonie / Chorfantasie. Als ich Letztere zum ersten Mal hörte, erschrak ich regelrecht beim Einsatz des Chors: Das darf doch nicht wahr sein, da bringt er ja das Thema aus der 9.! Natürlich währte der Eindruck nicht lange, denn die "Übereinstimmungen" haben sehr bald ein Ende. Ich weiß ja nicht, wie ernst der Vorschlag gemeint war, den letzten Satz der 9. evtl. durch die Chorfantasie zu ersetzen. Hinsichtlich der musikalischen "Qualität" hätte ich dagegen keinerlei Bedenken. Aber es geht aus einem anderen Grund nicht - und auch die frappierende Ähnlichkeit der beiden Hauptmelodien würde daran nichts ändern - : Betthoven zitiert im letzten Satz der 9. im Orchestervorspann, also bevor die Vc/Kb mit der Hauptmelodie beginnen, Themen und Motive aus den vorangegangenen Sätzen (vorliegende Aufnahme aus der Box: 1. Satz bei 0:50, 2. Satz bei 1:27, 3. Satz bei 1:50) und bindet damit die Sinfonie zu einem untrennbaren Ganzen zusammen.


    Letzter Satz zur konkreten Aufnahme: Nein - wegen der Sinfonien sollte man sich diese Box nun wirklich nicht kaufen!


    Herzliche Grüße,
    Harry


    PS. Kleine Korrektur noch ganz zim Schluss: Auch wenns in der Nähe von Heidelberg liegt: Gorxheimertal ist hessisch!

    Einmal editiert, zuletzt von harry ()

  • CD 3


    So, zwischendurch mal wieder was Bekanntes: die Dritte und die Achte
    Symphonie Op. 55 und Op. 93. Die Dritte eingespielt von der Slowakischen
    Philharmonie unter Kosler - ich finde dieses Orchester ja immer wieder
    verblüffend gut. Der erste Satz recht zackig, der zweite sehr ausdifferenziert,
    vor allem die Streichersektion spielt mit viel Spannung. Die Dynamik könnte
    manchmal vielleicht etwas federnder sein.
    Ich müßte nahezu alle Symphonien aufgenommen von diesem Orchester
    haben, und keine hat mich bislang wirklich enttäuscht.


    Die Achte wird gegeben von der Süddeutschen Philharmonie unter Günter
    Neidlinger. Das Orchester scheint mir in Wirklichkeit das Studiopseudonym der
    Jungen Kammerphilharmonie Freiburg zu sein. Vielleicht auch besser eben ein
    solches Pseudonym zu verwenden. Die Bläser klingen hier passagenweise wie
    ein (!) verstimmtes Harmonium. Schlapp und uninspiriert gespielt. Teilweise so
    mäuschenstill hingehaucht, dass man denkt: gleich hören sie auf. Das Ganze
    hört sich von Interpretation und Klang irgendwie matschig an. Naja, aber die
    Achte, die ich ja sehr gerne habe, die überlebt alles.


    .

  • Zitat

    Original von harry


    Ich weiß ja nicht, wie ernst der Vorschlag gemeint war, den letzten Satz der 9. evtl. durch die Chorfantasie zu ersetzen.


    Och, ich mein das schon ziemlich ernst, weil mir das Solistengekreische im Finalsatz tierisch auf den Sender geht :pfeif: Ich bin aber nachwievor davon überzeugt, daß es an den Interpretationen liegt und nicht an der Komposition selbst ;) (denn die Chorfantasie mit Gardiner s.w.o. gefällt mir recht gut, die Solisten haben dort zwar nicht ganz so extreme Dinge zu bewältigen, aber die Richtung ist ja durchaus angezeigt).


    Zitat


    Hinsichtlich der musikalischen "Qualität" hätte ich dagegen keinerlei Bedenken. Aber es geht aus einem anderen Grund nicht - und auch die frappierende Ähnlichkeit der beiden Hauptmelodien würde daran nichts ändern - : Betthoven zitiert im letzten Satz der 9. im Orchestervorspann, also bevor die Vc/Kb mit der Hauptmelodie beginnen, Themen und Motive aus den vorangegangenen Sätzen (vorliegende Aufnahme aus der Box: 1. Satz bei 0:50, 2. Satz bei 1:27, 3. Satz bei 1:50) und bindet damit die Sinfonie zu einem untrennbaren Ganzen zusammen.


    Ich hätte damit keine Probleme, da ich (wie man vielleicht anhand meiner obigen Äußerung erraten kann) den Finalsatz meistens ganz weglasse.


    :untertauch:


    Allerdings kann man die Chorfantasie allein deswegen nicht nehmen, weil die Tonart nicht stimmt.

  • CD 47


    Bleiben wir erstmal bei den Symphonien, heute aber eine Bearbeitung der
    Zweiten: Trio Op. 35. Die Zweite Symphonie arrangiert für Piano, Violine und
    Cello. Sehr schön dargeboten vom Canadian Trio. - Ich muß sagen, die Zweite
    ist ja mein Favorit der frühen Symphonien, und in dieser Bearbeitung des
    Meisters selbst gefällt sie mir fast noch besser.


    Es folgt das Trio für Klavier, Klarinette und Violoncello Op. 38, ein wirklich sehr
    großes und interessantes Stück, das Beethoven 1803 schrieb, und das eine
    Bearbeitung des Septett Op. 20 ist - und dieses Septett liebe ich ja, ich habe
    auf Vinyl eine wunderschöne Aufnahme vom Philharmonischen Oktett Berlin.
    Und auch als Trio: phantastisch. Das Adagio cantabile ist zum
    dahinschmelzen. Besonders hervorzuheben ist Jürgen Demmler an der
    Klarinette. Aber auch Peter Grabiger am Piano und Markus Tillier am Cello sind
    Oberliga. - Wie so oder so die Aufnahmen dieser Box von allgemein hohem
    Nivau sind, von einigen Ausfällen bei z.B. den Symphonien abgesehen. Es sind
    auch bestimmt ein Drittel der CDs lizensiert von Naxos, die ja keinen Müll
    produzieren.


    .


  • Das geht mir genauso - bis auf das 'fast' :D


    Kennengelernt hab ich die Version vom Beaux-Arts-Trio (not bad, aber auch not HIP). Daher:



    Gibts nur noch als mp3-Download, hier


    dafür mit dem interessanten Hinweis:


    Zitat


    Rechte für den privaten Gebrauch: unbegrenzt kopieren, unbegrenzt brennen, unbegrenzt abspielen


    Besonders letzteres ist ja sehr gnädig... alles andere wurde in weiser Voraussicht bereits umgesetzt :D


    :angel:

  • CD 68


    Beginnen wir heute mit Kanons, Epigrammen und Scherzen. Verblüffend
    schöne Sachen darunter, leider meist sehr kurz. Der Dreistimmige Kanon WoO
    160 hört sich fast an, wie ein Stück aus der Renaissance. Ich frage mich, ob
    das beabsichtigt war - ich kann es mir kaum vorstellen - aber vielleicht hat
    Beethoven hier ja eine sehr alte Volksmelodie verarbeitet.


    Es folgen Liebeslieder. Sehr herzergreifend ist "Gedenke mein" WoO 130. Und
    das darauf folgende "Der Liebende" WoO 138 hört sich schon wieder so
    schuberthaft an, würde man das Lied unter sein Werk mischen, niemandem
    würde es auffallen, behaupte ich. Auch "Die Liebende" - sehr schön. All das
    dageboten von einem ziemlich guten Tenor: nämlich Peter Schreier :D... der
    auch die sich anschließenden ernsten Lieder singt. Hier ist "Klage" WoO 113
    hervorzuheben - ein großes Drama in drei Minuten.


    Wenn ich von den Massen an schottischen und irischen Liedern absehe, denen
    man teilweise die Auftragsarbeit anmerkt, und mich in erster Linie auf die
    deutschen, die ernsten Lieder konzentriere, auf die Liebeslieder, auf die Göthe-
    Vertonungen, dann muß ich feststellen, Beethoven scheint das deutsche
    Kunstlied erfunden zu haben... oder?


    Schließlich noch Arietten und Canzonetten, die auch ganz großartig sind. Hier
    singt wieder Schreier aber auch der Bariton Alexander Svéd (und das ist ganz
    sicher nicht DDD, wie so vieles in dieser Box, obwohl es so auf der Box steht,
    denn Svéd ist 1979 gestorben, und diese Aufnahme hört sich nach späten
    40ern an - aber egal, Svéd ist phantastisch).


    Ich bin durch diese Box jedenfalls mittlerweile zum Verehrer auch des
    Liedwerks des großen Meisters geworden.


    .

  • Zitat

    Original von Florian Voß
    Der Dreistimmige Kanon WoO
    160 hört sich fast an, wie ein Stück aus der Renaissance. Ich frage mich, ob
    das beabsichtigt war - ich kann es mir kaum vorstellen - aber vielleicht hat
    Beethoven hier ja eine sehr alte Volksmelodie verarbeitet.


    Ich nehme eher an, daß es sich dabei um eine kontrapunktische Übung zum stile antico handelt - davon gibt's zum Beispiel bei Mozart auch jede Menge. Ich kenne das Stück allerdings nicht.


    :hello:

  • Kanonische Studien KV 73x


    Vier Rätselkanons KV 73r
    Acht Kanons KV 508a


    Weiteres im Stile, nicht unbedingt Canoni:


    Miserere KV 73s
    Antiphon KV 73u
    Antiphon KV 73v



    :hello:


  • Es gibt davor einige deutsche Lieder von Mozart oder Komponisten wie J.F. Reichardt (1752-1814) und natürlich ältere Vorläufer, besonders geistliche Lieder und Arien (CPE Bach vertonte wie später Beethoven zB Chr. F. Gellert).


    Bei den angelsächsischen Liedern sind schon ein paar Perlen dabei, z.B. das Terzett "Womankind", "The soldier's dream", "Faithfu' Johnnie" usw. und ein paar lustige Trinklieder. Die scheinen mir durchaus mit Liebe bearbeitet zu sein, selbst wenn die Melodien überlieferte waren.


    Weiterführendes evtl. hier


    :hello:

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Aber, lieber Johannes, würde man die genannten Beispiele bereits
    als "Kunstlieder" bezeichen können, denn Lieder und Gedichtvertonungen gab
    es ja z.B. auch schon im 16ten Jhdt (Senfl!)..?
    Und lass mich noch klarstellen: ich habe nur gesagt, dass manche von den
    schottischen und irischen Auftragsliedern nicht zu Beethovens besten Werken
    gehören, aber weiß Gott nicht alle.


    .

  • Hallo,


    nach einer Zwangspause (aus zeitlichen Gründen - die Zeugniskonferenzen nahen) melde ich mich wieder einmal zu Wort.
    Zunächst zum Thema "Letzter Satz 9. vs. Chorfantasie": Schimpft mich meinetwegen einen Pedanten, aber ich bleibe dabei: Der Tausch des Ersteren gegen Letztere ist einfach undenkbar, u.z. schonmal aus grundsätzlichen Erwägungen (des Komponisten Willen ist sein Himmelreich), sodann wegen der bereits genannten Bezüge zu den übrigen Sätzen. Auch das Transponieren ist hier keine mögliche Alternative, 1. weil es eine Tonarten-Charakteristik oder auch -Symbolik gibt (kein Komponist wählt seine Tonart zufällig) und 2. weil dadurch eventuell das eine oder andere Instrument an die Grenzen der Ausführbarkeit stoßen könnte (was aber genauer untersucht werden müsste).


    Lieber Florian, zu den von Dir vorgestellten CDs einige Bemerkungen:
    Zur CD 3: Die Achte finde ich eigentlich gar nicht so sehr "schlapp", wie Du sie siehst - bis auf den letzten Satz, der ja wirklich daneben geraten ist. Aber der letzte Satz gehört halt auch dazu. Die Dritte ist insgesamt deutlich besser; allerdings stört mich zuweilen das etwas "lärmende" Blech.


    Zur CD 47: Diese CD war eine echte Entdeckung für mich - ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich diese Bearbeitungen bisher nicht kannte (was darauf zurückzuführen ist, dass ich eher ein sinfonischer als kammermusikalischer Typ bin). Auch wenn ich die 2. Sinfonie als Sinfonie" immer noch bevorzuge, ist die diese Bearbeitung ein absolutes Highlight im kammermusikalischen Schaffen des Meisters, und hier auch noch ausgezeichnet interpretiert, wie ich finde. Einer der echten Lichtblicke der Box.


    Zum Schluss: Die Lieder, wobei es jetzt völlig egal ist, welche CD der Box man meint (es war mir wiedrum aus zeitlichen Gründen nicht möglich, die CD 68 nachzuhören). Da komme ich auf meine Motivation zum Erwerb dieser Box zurück, nämlich auch die sehr unbekannten Werke Beethovens kennenzulernen, und angesichts der Kostbarkeiten gerade in diesem Genre nehme ich die teilweise unzulängliche Klangqualität und die interpretatorischen Mängel (wie Du sie bei anderen CDs noch feststellen wirst) gerne in Kauf. Man muss froh sein, diese Stücke überhaupt einmal zu hören zu bekommen.


    Zu einer anderen Aufnahme, die hier noch nicht angesprochen wurde, werde ich mich morgen nochmals melden.


    Viele Grüße, Harry

  • Zitat

    Original von harry
    nach einer Zwangspause (aus zeitlichen Gründen - die Zeugniskonferenzen nahen) melde ich mich wieder einmal zu Wort.
    Zunächst zum Thema "Letzter Satz 9. vs. Chorfantasie": Schimpft mich meinetwegen einen Pedanten, aber ich bleibe dabei: Der Tausch des Ersteren gegen Letztere ist einfach undenkbar, u.z. schonmal aus grundsätzlichen Erwägungen (des Komponisten Willen ist sein Himmelreich), sodann wegen der bereits genannten Bezüge zu den übrigen Sätzen.


    Überdies ist es eine völlig groteske Vorstellung, die Chorfantasie sei "besser" als das Finale der 9. Die Fantasie ist tatsächlich eine solche, ein ziemlich schnell zusammengestoppeltes Stück. Das Finale ist in jeder Hinsicht himmelhoch überlegen (außer beim Klavierpart).


    Man könnte gerade so gut vorschlagen, das "Andante Favori" als langsamen Satz für op.106 zu nehmen... :rolleyes:


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)


  • Ich schätze den Finalsatz der IX. durchaus - aber bisher hat er mich nur 'auf dem Papier' überzeugen können. Im Sinne einer Neuerung bei der klassischen Sinfonie wäre aber die Chorfantasie allein durch das Vorhandensein eines Soloklaviers dem Finalsatz weit überlegen ;)


    Im Übrigen hat z.B. Pierre-Auguste-Louis Blondeau die Klaviersonaten Beethovens op. 2 Nrn. 1 bis 3 als Streichquartett bearbeitet. Bei der f-moll-Sonate fügt er aber das Andantino aus der a-moll-Violinsonate op. 12 Nr. 2 ein.


    :hello:

  • Lieber Harry,


    das mit dem Transponieren war von mir nicht ganz Ernst gemeint.
    Andererseits habe ich (glaube ich mich zu erinnern) demletzt gelesen, dass
    wohl Beethoven selbst darüber nachdachte, die Chorfantasie für die Neunte zu
    verwenden. Letztendlich sollten wir des Meisters Finale so lassen wie es ist,
    denke ich... :pfeif:


    Was die Symphonien anbelangt, also, die Achte fand ich schon ziemlich
    schlecht eingespielt, und ich verzeihe an und für sich wirklich vieles. Und dass
    das Blech scheppert ist mir in der Dritten nicht (störend) aufgefallen, wie
    gesagt, ich verzeihe vieles... :D


    Ja, die Bearbeitung der Zweiten war auch für mich ein wirklicher Lichtblick. Wie
    so viele Werke, die ich zuvor noch nie gehört hatte - ich war bislang ja der
    Standard-Beethoven-Hörer: Symphonien, Streichquartette, Klaviersonaten -
    und es gibt in der Box so massenhaft Neuentdeckungen für mich.


    .

  • Lieber Florian,


    der Reihe nach: 1. Das mit dem Transponieren dachte ich mir schon.
    2. Dass Beethoven selbst daran gedacht haben soll, die Chorfantasie als Finale der Neunten zu verwenden, wäre mir neu. Wenn Du die Quelle erinnern könntest, wäre das schön; würde mich sehr interessieren!
    3. Die Achte ist aufs Ganze gesehen natürlich ein echter Ausfall, wenn ich auch die ersten drei Sätze noch ganz akzeptabel fand (Ich verzeihe auch vieles...). Aber ich schrieb ja auch, dass zum Ganzen eben auch der letzte Satz gehört, und der ist ja wirklich total daneben.
    4. Bei der Dritten störte mich das "lärmende Blech" nur zuweilen, nicht etwa durchgängig.


    Nun zu einer anderen CD der Box, und Du nimmst es mir nicht übel, dass ich jetzt einmal den Anfang mache? Weil mir danach war, habe ich mir vorgestern die CD 26 angehört, die Hammerklavier-Sonate, deren 3. Satz für mich so ziemlich das Ungeheuerste ist, was Beethoven überhaupt für das Klavier geschrieben hat. Nun muss man ja ganz sicher nicht alles so rasant spielen wie Gulda, aber was Daniela Ruso hier bietet, ist schon ein wenig grenzwertig. Ich hab einfach mal, nachdem ich den sehr vorsichtigen Beginn der Sonate gehört hatte, einen Zeitvergleich (aufgrund der Angaben auf den CD-Hüllen) gemacht und festgestellt, dass Ruso für die Sonate über 10 Minuten mehr benötigt als Gulda. Das ist dann vielleicht doch des Guten ein wenig zu viel. Und das hat für den 3. Satz schon irgendwie Konsequenzen, nämlich für die großen ausgesungenen Bögen, die da teilweise doch ein wenig auf der Strecke bleiben. Allerdings - und das wird bei der "Les-Adieux-Sonate" noch deutlicher - kann daran auch ein wenig die Aufnahmetechnik schuld sein. Gerade Letztere klingt auf meiner Anlage sehr hart und scharf; schade,weil ich die Interpretation (Capova) insgesamt um einiges besser finde als die der Hammerklavier-Sonate. Insgesamt würde ich bei dieser CD nicht gerade von einer "Enttäuschung" sprechen, aber beide Interpretationen muss man nicht unbedingt haben. Bin gespannt, wie Du die CD findest.
    Grüße, Harry

  • Hallo Florian,
    was ist los? Hast Du das Handtuch geworfen - angesichts der Berge von CDs, die in der Beethoven-Box noch ungehört schlummern? Ehrlich gesagt, hatte ich auch keine Zeit und Muße, um mir weitere Aufnahmen anzuhören (eine gewisse Stress-Freiheit gehört zum unbefangenen Hören und ggf. Genießen von Musik unbedingt dazu), aber ich werde mich in den nächsten Tagen wieder mit neuen Hörerlebnissen melden. Bis dann und liebe Grüße,
    Harry