Beethoven: Klaviersonate Nr 18 Op. 31 Nr 3 "Die Jagd"

  • Eigentlich handelt es sich bei dieser 1801/1802 komponierten Sonate Nr 18 Opus 31 Nr. 3 um eine "namenlose" Sonate - gelegentlich wurde er auch der Name "Die Jagd" oder "Jagssonate" verliehen.


    Interessant ist schon der Beginn des ersten Satzes, der eigentlich einleitungslos erfolgt, ganz so als würde man mitten im Stück beginnen.


    Der zweite Satz, als Scherzo bezeichnet hat etwas motorisches an sich, ich musste unwillkürlich an an eine Dampflok denken - aber die war zu Beethovens Lebzeiten noch nicht im Einsatz. Immer wieder wird der Lauf der "Maschine" unterbrochen um sofort wieder in gleichem Rhythmus fortzufahren, anscheinden immer mehr und mehr beschleunigend, bis zum nächsten "Break"
    Allein diesen faszinierenden Satz könnte ich stundenlang hören (speziell in der Interpretation von Friedrich Gulda, der die Rhythmik hier vorzüglich gerausarbeitet.


    Fast wie das Thema einer behaglich-biedermeierlichen Spieluhr mutet hingegen als Kontrast das Thema des dritten Satzes (Menuetto: Moderato et grazioso) an.-Natürlich immer wierder durch kurze, typisch beethovensche dramatische Einschübe unterbrochen.....


    Der Finalsatz ist mit Presto con fuoco überschrieben und er macht dieser Beschreibung alle Ehre: ein aberwitzig schneller Kehraus der das Werk perlend und mit Attacke effektvoll zu Ende bringt....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo, Alfred, hallo, miteinander!


    Die in Es-Dur, op. 31/3, ist mir von allen Beethoven-Sonaten eine der liebsten. Schlichtweg der wiederholte Anfangsakkord stellt bereits eine Pointe dar, eine hochromantische, raffinierte. Durch die "sixte ajoutée", die der Dreiklangsmotivik hinzugefügte Sexte, zusammen mit einer weiteren Sext-Wirkung verweist er quasi explizit, sich nicht nur zufällig innerhalb thematischer Arbeit ergebend, zunächst auf Schumann und letztlich auf die Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts.


    An diesem Motiv hat sich mein Interesse für die Sonate entzündet, die im Übrigen noch manch andere Überraschungen im Stil des mittleren Beethoven bereithält. Alfred hat Diverses erwähnt.


    Ich besitze zumindest vier Aufnahmen, von denen mich Alfred Brendel und Friedrich Gulda am meisten ansprechen.


    Besten Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Der dritte Satz enthält für mich eine der schönsten Melodien, eine Melodie, die aus der Tiefe kommt, fängt wie im Schatten an und fliegt immer höher, sie ist schmerzhaft und traurig und doch süß und glücklich singend - und das alles in kaum fünf-sechs Takten. Dieser Teil erinnert mich an Schubert. :angel:


    Gute Nacht - ich höre mir diesen Satz jetzt noch einmal an.
    :hello:

  • Zu Aufnahmen dieser Sonate wurde bereits hier einiges gesagt:


    Beethoven: op. 31


    Die eigentümliche Satzfolge mit einem Scherzo/Scherzando anstelle des langsamen Satzes hat das Werk mit der 8. Sinfonie und dem Quartett op.18,4 gemeinsam. (Einige frühe Haydn-Sonaten, z.B. die in cis-moll haben ein Scherzo als Mittelsatz und ein Menuett-Finale.) Allerdings hat vorliegende Sonate von diesen Werken das schnellste Scherzo und das langsamste/lyrischste Menuett, so dass man eher dieses als "Ersatz" für einen langsamen Satz ansehen mag.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo, liebe Beethoven-Freunde,


    wenn man epochal hört, einen Zyklus mit einem Interpreten immer ganz durchhört, bevor man ihn mit dem nächsten Interpreten (irgendwann) auch ganz durchhört, kann es passieren, dass einem der eine oder andere einzelne Satz einer Sonate gar nicht so auffällt.
    So geschah es mir lange Zeit mit dem Scherzo der Es-dur Sonate op. 31 Nr. 3, bis sich eines Tages etwas ganz Bestimmtes ereignete. Ich surfte wieder mal in den Fernsehprogrammen herum und langte bei Classica an. Da saß Sviatoslav Richter am Klavier, ich wusste nicht wo und wann, und er hatte laut Anfangszeit gerade mit einer Beethovensonate begonnen. Der erste Satz ging zu Ende, und dann-
    begann er, dieser sehr humorvolle und in Richters Interpretation extraschnelle Satz, jedenfalls im Vergleich zum Beispiel mit Arrau. Erst hinterher erfuhr ich, dass es sich um das Scherzo aus. o.a. Sonate handelte. Aber wie Richter das spielte, das war phänomenal. Ich setzte mich nach dem Konzert hin und hörte die Sonate gleich noch einmal, in der Interpretation mit Gulda, auch sehr gut, aber es war nicht das Gleiche.
    Heute habe ich die Sonate natürlich auch von Richter im CD-Regal, in der Brilliant-Kassette. Das Konzert war wohl live in Moskau mitgeschnitten worden und wurde dann später unter dem Signum "Russian Archives" auf CD gepresst.
    Heute höre ich die Sonate sehr oft.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Diese Sonate ist eine meiner liebsten überhaupt. Ich finde, dass alle Sätze organisch zusammenpassen, was ich bei manchen Sonaten Beethovens vermisse.
    Wie schon von William gesagt gefällt auch mir Richters Aufnahme; genauso auch Gilels'.
    Das originelle, suchende, humoristische und improvisatorische in diesem Werk ist genau das, was mich als Hörer oder Spieler fasziniert.
    Allerdings wünschte ich mir im Gegensatz zu den üblicheren Interpretationen das Scherzo etwas langsamer gespielt und nicht so direkt. :hello:

    Die Dame des Hauses erhebt sich vom Klaviersessel: "Das war Siegfrieds Tod." Ein Zuhörer zu seinem Nachbarn: "Kann ich verstehen."

  • Zitat

    Original von AlexScria
    Diese Sonate ist eine meiner liebsten überhaupt. Ich finde, dass alle Sätze organisch zusammenpassen, was ich bei manchen Sonaten Beethovens vermisse.


    Wo denn zum Beispiel?
    (Ich hätte interessanterweise eher das vorliegende Werk allein aufgrund der recht ungewöhnlichen Satzfolge für eines gehalten, bei dem man diesem Zusammenhalt vermissen könnte...)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo,


    zunächst finde ich es schade, das die Frage von Johannes nicht beantwortet wird. Es ist eine bemerkenswerte Behauptung die absolut besprechungswürdig wäre. Ich hoffe, das sich AlexSria doch noch zu einer Antwort bewegen läßt... Zeit zum Nachdenken hatte er ja genug ;)


    Das Scherzo ist für mich einer der Brückenschläge von Beethoven direkt in die heutige Zeit. Wieviele Jazz-Interpretationen dadurch wohl inispiriert wurden? Es lädt ja auch geradezu zu eigenwilligen Interpretationen ein. Doch auch das Finale passt in seiner Rythmik hervorragend zum Scherzo.


    Viele Grüße Thomas


  • Hallo, Thomas!


    Jetzt, da der Thread quasi wieder offen ist, vermisse ich eine Antwort auf die von Dir gemeinte Frage ebenso.


    Das früh-jazzoide Element ist gar nicht so uncharakteristisch für Beethoven, man denke an die Arietta-Variation aus op. 111. Auf eher kabarettistischer Ebene würde ich außerdem op. 101 ansetzen, wo im Finale die Beatles aufblitzen, oder op. 109 mit dem Anton-Karras-Zitat ( ;) :P ).


    Jedenfalls eine höchst interessante Sonate, die für mich vor allem das kaum enthält, was mir Beethoven bisweilen etwas verleidet (und mich ein andermal wiederum zu ihm hinzieht), obwohl (da) es zentral zu seinem Wesen gehört, nämlich dualistisches Pathos und zu viel Pathos ... 8)


    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Hallo WolfgangZ,


    und dabei versteckt sich das Werk noch ganz unscheinbar mitten in den Sonaten....


    Wunderbar, dein Hinweis auf andere Sonaten passt, ich hoffe, es melden sich noch mehr Meinungen.


    Das mit dem zuviel Pathos bei Beethoven kann ich voll verstehen. Aber als Beethoven-Verehrer kommt man auch um eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik nicht herum. Wenn schon Jochaim Kaiser in einer seiner SZ-Kolumnen sagt, das die heutigen Interpretationen nicht pathetisch genug sind... :rolleyes:


    Aber wie soll Op31Nr.3 pathetisch gespielt werden? Gibt es Interpretationen, wo dieser Aspekt, quasi aus einem Allgemein-Verständnis Beethoven`s Musik gegenüber, herausgestellt wird?


    Viele Grüße Thomas

  • Zitat

    Zitat von Alfred zum 2. Satz (Scherzo):


    Allein diesen faszinierenden Satz könnte ich stundenlang hören ( speziell in der Interpretation von Friedrich Gulda, der die Rhythmik hier vorzüglich herausarbeitet.

    Das kann ich nur bestätigen, lieber Alfred. Meinst du die Interpretation von 1967/68 (Amadeo). Die habe ich damals kurz nach Erscheinen angeschafft, und sie ist mit heute noch (natürlich auf CD) einer meiner Lieblingszyklen.


    Aber höre dir, wenn du sie hast, diese Sonate, speziell das Scherzo, auch mal von Swjatoslaw Richter an. Ich finde, dass er die Motorik und auch den Humor dieses Satzes noch etwas besser herausarbeitet.


    Als ich damals diesen Satz zum ersten Mal im Fernsehen (Classica) mit Richter sah, konnte ich ihn nicht sofort zuordnen, zumal er hinterher nicht mehr genannt wurde, und so hatte ich das Vergnügen, mir damals von Opus 2 Nr. 1 sämtliche Sonaten in chronologischer Reihenfolge (aus dem auch sehr empfehlenswerten Zyklus mit Alfredo Perl) anzuhören, bis ich endlich bei der Nr. 18 fündig wurde:



    Liebe Grüße


    Willi ^^

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven: Klaviersonate Nr. 18 Es-dur op. 31 Nr. 3 „La Chasse“


    Arthur Rubinstein, Klavier, rec.: 21. – 23. 4. 1975


    Spielzeiten: 9:36-5:07-5:04-4:44 – 24:31 min.;


    Am Ende der 3. Einspielung der Konzerte Beethovens ging Arthur Rubinstein noch einmal ins Studio, um die Sonate Nr. 31 Nr. 3 ein letztes Mal aufzunehmen. Er hat zwar insgesamt nur 7 Sonaten Beethovens aufgenommen, aber diese hier mehrmals. Ich werde am Ende dieses Textes die Spielzeiten dieser Aufnahme mit den Spielzeiten seiner Einspielung vom 29. Dezember 1954 vergleichen, enthalten in der Ausgabe der ersten Gesamtaufnahme der KK 1956.
    Vielleicht ist es kein Zufall, dass er gerade diese Sonate mehrmals eingespielt hat, da sie doch ein typisches Beispiel für den Humor Beethovens ist, der vor allem im Scherzo.Allegretto vivace zum Tragen kommt.
    Interessant ist auch, dass diese Sonate keinen wirklich langsamen Satz enthält. Vielleicht nimmt sich Arthur Rubinstein deswegen des Moderato e grazioso, dem Menuett, besonders liebevoll an, legt es im Tempo besonders moderat an, was die Wirkung dieses wunderschönen Satzes noch verstärkt. Vielleicht ist es ja Altersweisheit, auf jeden Fall aber die Summe künstlerischer Erfahrung aus mehr als einem ¾ Jahrhundert pianistischer Tätigkeit, die aus diesem genialen Vortrag sicherlich den musikalischen Höhepunkt dieser Sonate macht, während die anderen drei Sätze vor Komik und Humor nur so strotzen. Auch das bringt Rubinstein in kongenialer Weise zum Klingen.
    Wenn man so einen großartigen Vortrag hört, ist es um so bedauerlicher, dass Rubinstein nicht mehr Beethovensonaten aufgenommen hat.
    Ich möchte am Ende die Spielzeiten der beiden Rubinstein-Aufnahmen von 1954 und 1975 mit einer Aufnahme vergleichen, die nur wenige Tage nach der zweiten Rubinstein-Aufnahme, am 1. Bis 6. Mai 1975 entstand, und deren Pianist, Alfred Brendel, zu dem Zeitpunkt genau halb so alt war wie Rubinstein, dieser 88 und jener 44 Jahre alt, sicher nur ein Zufall. Interessant ist, dass Brendel und Rubinstein ähnliche temporale Vorstellungen vom Scherzo hatten und der frühere Rubinstein das Moderato in nahezu gleichem Tempo gespielt hat wie Brendel. Ebenso verhält es sich mit dem Kopfsatz und dem Finale. Hier handelt es sich offenbar um zwei Pianisten, die zwar altersmäßig 44 Jahre auseinander waren, aber über das Tempo dieser Sonate ganz ähnliche Vorstellungen hatten. Vielleicht schaue ich mir die Sonaten-CD Rubinsteins (op. 13, op. 27 Nr. 2, op. 57 und op. 81a) ja unter diesem Gesichtspunkt noch einmal an, um sie mit dem mittleren Brendel zu vergleichen.


    Rubinstein 1954: 8:49-5:21-4:11-4:29 – 22:40 min.;
    Brendel 1975: 8:54-4:52-4:13-4:40 – 22:39 min.;
    Rubinstein 1975: 9:36-5:07-5:04-4:44 – 24:31 min.;


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).