Daniel Barenboim - Licht und Schatten eines internationalen Stars

  • Damit nicht der Eindruck entsteht, ich wäre jetzt ein bekennender Anhänger von Barenboim: dem ist nun nicht so. Gerade deswegen war ich persönlich von seinem Bayreuther "Ring" überraschend angetan. Ich wollte jetzt auch nicht behaupten, dass ich den insgesamt einem Keilberth, Knappertsbusch oder Goodall vorzöge, aber in Details finde ich Barenboim schon verdammt gut.



    Bei Barenboim bin ich in aller Regel eher skeptisch. Als Pianisten kenne ich ihn so wirklich eigentlich nur von den fünf Beethoven-Klavierkonzerten unter Klemperer, die nach allgemeiner Auffassung ja auch sehr gelungen sind, auch wenn man hinzufügen sollte, dass gerade auch Klemperer seinen Teil dazu beiträgt. Ich habe sie mir seinerzeit jedenfalls wegen Klemperer, nicht wegen Barenboim zugelegt.



    Als Dirigenten finde ich von Barenboim insgesamt angesichts seines "Output" aber auch erstaunlich wenige Aufnahmen wirklich herausragend. Darunter ganz vorne wieder die fünf Klavierkonzerte von Beethoven, diesmal aber als Dirigent und mit dem greisen Rubinstein als Pianisten. Insgesamt ist das sogar meine absolute Lieblingsgesamtaufnahme dieser Werke. Einen aristokratischeren Beethoven habe ich noch nicht gehört, was erstmal Rubinsteins spezifischer Stil ist, dem sich Barenboim hier kongenial anschließt. (Abgebildet habe ich jetzt nur die z. Zt. lieferbare Ausgabe des 2. und 5. KK.)



    Als Fan des Chicago Symphony Orchestra muss ich ehrlich sagen, dass mir aus der immerhin 15-jährigen Ära Barenboim aus dem Stegreif nichts einfällt, wo ich finden würde: muss man unbedingt haben. Mir scheint Barenboim in den letzten zehn, zwanzig Jahren ein wenig allzu routiniert geworden zu sein. Das schließt natürlich nicht ab und an dennoch sehr gute Ergebnisse aus. Jetzt fällt mir doch eine Nominierung ein: Er hat mit dem CSO tatsächlich Furtwänglers 2. Symphonie eingespielt, wofür man ihm wirklich danken muss. Überhaupt scheint ihm Furtwängler sehr viel zu bedeuten, was man auch an seinem Dirigierstil merkt (m. E. früher noch deutlicher als heute).

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Überhaupt scheint ihm Furtwängler sehr viel zu bedeuten, was man auch an seinem Dirigierstil merkt (m. E. früher noch deutlicher als heute).


    Das liegt sicher daran, dass er Furtwängler 1954 in Salzburg traf und mit ihm arbeitete, was mehreren Quellen zufolge prägend für den noch jungen Barenboim war.

  • Dieser Tage kam ich irgendwie wieder auf Barenboims Einspielung des "Rings" aus Bayreuth.

    Damit nicht der Eindruck entsteht, ich wäre jetzt ein bekennender Anhänger von Barenboim: dem ist nun nicht so. Gerade deswegen war ich persönlich von seinem Bayreuther "Ring" überraschend angetan. Ich wollte jetzt auch nicht behaupten, dass ich den insgesamt einem Keilberth, Knappertsbusch oder Goodall vorzöge, aber in Details finde ich Barenboim schon verdammt gut.

    In der führenden britischen Tageszeitung Guardian fand ich folgenden höchst interessanten Artikel:


    Der Link zu dem Artikel:

    https://www.theguardian.com/mu…im-ring-master-of-our-age


    ‘The finest Wagner conductor of the modern era’ - Daniel Barenboim conducts the Berlin Staatskapelle
    Photograph: Hiroyuki Ito/Getty Images


    Moderation hat das VOLLZITAT gelöscht - das könnte sonst teuer werden

    Der Link enthält den gesamtem Text MOD 001 Alfred


    Das ist natürlich sehr schade, aber wohl verständlich.

    Ich kann nur ermutigen, den Artikel aufzurufen und zu lesen:

    Er ist vielleicht ein bedenkenswertes Korrektiv für die merkwürdig verklemmte Diskussion, die hier in unserem Lande und auch speziell in diesem Forum über den Wagner-Dirigenten Barenboim geführt wird.


    Caruso41




    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Vor ein paar Wochen erschien eine Neuaufnahme der Sea-Pictures (Edward Elgar) von Elina Garanca unter der Leitung von Daniel Barenboim. Ich habe sie mir mal angehört, weil mich interessierte, wie Garanca das Stück wohl singen würde. Wer die Stimme der lettischen Mezzosopranistin liebt, wird seine Freude daran haben. Sie singt das mit großem Ton und wagnerischem Pathos – aber leider völlig unidiomatisch.


    Dass ich die CD dennoch gekauft habe geht auf das Konto von Daniel Barenboim, der ja schon zuvor bewiesen hat, dass er ein herausragender Dirigent für Edward Elgar ist. Auf der nämlichen CD überzeugt er nicht nur in der Gestaltung der Sea-Pictures sondern auch mit einer famosen Aufnahme der Falstaff (Op. 68) von Elgar.


    Die Staatskapelle Berlin spielt unter seiner Leitung als sei sie das beste aller englischen Orchester. Die ganze Interpretation hat so viel Lebensfreude, Energie und Kraft aber auch eine unbändige Lust an der Ausmalung der oft skurrilen Episoden, am Schwadronieren, an Verstellung und Prahlerei, dass es eine Lust ist. Seit ich das Werk unter Barbirolli mit den Berliner Philharmonikern gehört habe, hatte ich keine Live-Aufführung und keine Aufnahme davon gehört, die mich ähnlich gefesselt und begeistert hätte!


    Hier im Forum sind ja Elgar-Interpretationen nicht so oft Thema.


    Auf jeden Fall aber möchte ich mal herausstreichen, dass Barenboim ein wunderbarer und eindrucksvoller Interpret der Werke des großen englischen Komponisten ist:



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    -


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Ich gönne dem Haus und Berlin dieses Problem von Herzen. :untertauch: Es ist nämlich nicht lösebar. Gewählt ist gewält. Warum hatte man nicht aus dem Fall Karajan lernern wollen?

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Gewählt ist gewält.

    So einfach ist es freilich auch nicht. Im Gegensatz zu den Berliner Philharmonikern, die ihren Chefdirigenten tatsächlich selbst bestimmen dürfen, war das im Falle der Staatskapelle Berlin damals vor 22 jahren jediglich eine Willensbekundung ohne jede rechtsberbindliche Wirkung. Der Vertrag hätte seitens des Arbeit- und Geldgebers Berliner Senat jederzeit gekündigt werden können bzw. hätte einfach nicht verlängert werden müssen. Aus Angst, dann ein Problem zu haben, scheute man sich davor - nun hat man stattdessen ein Dauerproblem.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Wobei man ja auch sagen muss, dass die Staatskapelle Berlin ohne Barenboim wohl kaum aus dem großen dunklen Schatten der Berliner Philharmoniker herausgetreten wäre. Dass sie in der 1. Liga der besten Orchester auf der Welt mitspielen, verdanken sie also ihm. Er ist wohl ein Dirigententyp "vom alten Schlag", weniger "demokratisch" und statt dessen autoritativ - die heutige Generation ist offenbar anders. Die Gefahr ist, dass sie ohne Barenboim wieder in die zweite oder dritte Reihe rücken und nie mehr die öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die sie jetzt genießen. Insofern wäre es wohl am besten für alle Seiten, sich zu arrangieren zu einer weiteren guten Zusammenarbeit. Barenboim ist jetzt bereits 80 - es ist ja absehbar, dass er irgendwann vielleicht auch selbst in diesem Alter die Belastungen so einer Position nicht mehr aushalten möchte. Ashkenazy, mit dem Barenboim zusammen musiziert hat, hat sich schließlich auch bereits zurückgezogen. Dies verbleibende Zeit von Barenboim im Amt sollte man doch bestmöglich nutzen können und noch schön gelungene Aufführungen und Aufnahmen hinbekommen. Diese Zeit kommt gewiss nicht wieder!


    Schöne Grüße

    Holger

  • Dies verbleibende Zeit von Barenboim im Amt sollte man doch bestmöglich nutzen können und noch schön gelungene Aufführungen und Aufnahmen hinbekommen. Diese Zeit kommt gewiss nicht wieder!

    Das sehe ich auch so und bin froh, daß wir ihn in Berlin haben. Es grüßt Hans

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Wobei man ja auch sagen muss, dass die Staatskapelle Berlin ohne Barenboim wohl kaum aus dem großen dunklen Schatten der Berliner Philharmoniker herausgetreten wäre. Dass sie in der 1. Liga der besten Orchester auf der Welt mitspielen, verdanken sie also ihm. Er ist wohl ein Dirigententyp "vom alten Schlag", weniger "demokratisch" und statt dessen autoritativ - die heutige Generation ist offenbar anders. Die Gefahr ist, dass sie ohne Barenboim wieder in die zweite oder dritte Reihe rücken und nie mehr die öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die sie jetzt genießen.

    Da wird sie wieder gestrickt, die beliebte Legende von der Zweitklassigkeit des Orchesters vor Barenboim, die einfach nur ein großer Unfug ist, wie zahlreiche internationale Gastspielreisen und Aufnahmen aus der Zeit vor Barenboim (vor allem unter dem langjährigen GMD Otmar Suitner) belegen. Der beste Zeuge, wie unsinnig diese Legende ist, ist übrigens Herr Barenboim selbst, der sich begeistert über den dunklen Klang des Orchesters äußerte, als er es das erste Mal hörte, und deshalb auch unbedingt dort arbeiten wollte.


    Die öffentliche Aufmerksamkeit ist wieder ein anderes, die ist bei ihm zweifellos da, wenn auch in den letzten Jahren zunehmend anders als wünschenswert. Aber zumindest in der Ferne scheint der große Bluff noch zu funktionieren.


    Aber unabhängig von allen Fragen der künstlerischen Qualität: Was dort seit vielen Jahren bezüglich des Arbeitsklimas abgeht, ist einfach unsäglich. Die Zeiten des unkritischen Personenkults sollten doch eigentich lange vorbei sein - aber wie man sieht, ist der Boden durchaus noch fruchtbar.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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  • Barenboim hat das Orchester nahtlos von Otmar Suitner übernommen. Zuvor hat so ziemlich alles, was Rang und Namen hatte, die Staatskapelle dirigiert. Besonders durch Suitner, dem Grazer im Osten und Pendler zwischen beiden Welten, hat die Staatskapelle eine rege Aufnahmetätigkeit entfaltet. Die Platten erscheinen im Westen unter dem Ariola Eurodisk-Label. Von Zweitklassigkeit ist bei diesem Orchester wahrlich nicht die Rede. Ich kann mich allerdings an einen der ersten Auftritte Barenboims mit diesem Orchester in der Kölner Philharmonie. Und der war fürchterlich. Beethovens 9. gab's. Peter Schreier war mitgereist, die drei anderen Solitsten habe ich nicht mehr im Kopf. Und da wirkte der gute Suitner nach, der einen anderen Zugriff auf Beethoven hatte als Barenboim. Ein wenig mehr Feinfühligkeit hätte DB gut zu Gesicht gestanden. Auf die Idee, dass das Orchester -das ich ja von einigen Platten her kannte- schlecht sein könnte bin ich damals nicht gekommen, sondern habe mich eher in meiner Einschätzung von Barenboim, dem Dirigenten bestätigt gefühlt.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Da wird sie wieder gestrickt, die beliebte Legende von der Zweitklassigkeit des Orchesters vor Barenboim, die einfach nur ein großer Unfug ist, wie zahlreiche internationale Gastspielreisen und Aufnahmen aus der Zeit vor Barenboim (vor allem unter dem langjährigen GMD Otmar Suitner) belegen. Der beste Zeuge, wie unsinnig diese Legende ist, ist übrigens Herr Barenboim selbst, der sich begeistert über den dunklen Klang des Orchesters äußerte, als er es das erste Mal hörte, und deshalb auch unbedingt dort arbeiten wollte.

    Das finde ich geht jetzt an der Sache vorbei. Es gibt auch andere Weltstädte, wo es mehrere Spitzenorchester gibt: etwa Wien oder London. Das bedeutet erst einmal Konkurrenz. Und dabei es ist doch klar, wer da der "Platzhirsch" ist. In Wien sind es die Wiener Philharmoniker und nicht die Symphoniker, auch wenn man Letztere vielleicht in ihrem Niveau weit unterschätzt. Wer über Orchester in Berlin redet, denkt zuerst einmal an die Berliner Philharmoniker. Und die lukrativen Verträge was Aufnahmen und Engagements heimst zuerst das Orchester mit Rang und Namen ein. Es ist kaum zu bestreiten, dass die vielen lukrativen Verträge, die dem Orchester jede Menge Geld bringen, eingeschlossen der Aufmerksamkeit, welche die Verkaufszahlen in die Höhe schnellen lässt und dann in einem Kreisgang wieder zu neunen lukrativen Vertragsabschlüssen führt, mit dem Namen Barenboim verbunden sind. So ein schillernder Name ist für jedes Orchester erst einmal ein Glücksfall. Und Ottmar Suitner mit Barenboim zu vergleichen ist - tut mir leid - nicht mehr als Lokalpatriotismus. Wenn man in New York oder London den Namen Suitner erwähnt, werden nur ein paar Kenner wissen, von wem die Rede ist. Barenboim dagegen kennt Jedermann.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Das finde ich geht jetzt an der Sache vorbei.

    Deine Verteidigung Barenboims mit dem Hinweis auf die angebliche Erstklassikkeit des Orchesters unter ihm bei angeblicher Zweitklassigkeit des gleichen Orchesters vor ihm war allerdings an der Sache vorbei. Das wirst du sicherlich einsehen, wenn du den langen VAN-Artikel tatsächlich noch liest.


    Im Übrigen traf das ja auch für andere DDR-Orchester und DDR-Künstler zu, dass sie international gefeiert waren - nur gerade in der alten Bundesrepublik nahezu unbekannt waren. Das hat mit den Mechanismen des klaten Krieges zu tun, die dazu führten, dass Auftritte für DDR-Künstler (von genehmigten Ausnahmen abgesehen) in Westdeutschland weit schwieriger zu realisieren waren und daher auch weit seltener stattfanden als etwa in Österreich, Japan oder sogar in den USA. Eine direkte Konkurrenzsituation zwischen den Berliner Philharmonikern und der Staatskapelle Berlin bestand zu Mauerzeiten nicht - nicht zuletzt durch ebendiese Mauer die dafür sorgte, dass eine Stadt eben nicht wirklich eine Stadt war.


    Dass Herr Barenboim nach der Wende seinen entscheidenenden Beitrag dazu geleistet hat, dass die Staatskapelle Berlin in der öffentlichen Wahrnehmung mehr in den Mittelpunkt rückte als zuvor, ist unbestritten. Kann man damit aber alle persönlichen Verfehlungen, die im Artikel detailliert geschildert werden, rechtfertigen? Ich denke nicht. Und ein "Glücksfall" war Herr Barenboim für dieses Orchester eben nur in der öffentlichen Wahrnehmung - und wohl auch in deiner eigenen. Das Orchester hat das um 2000 auch noch so gesehen, aber die Zeiten ändern sich, nur Herr Barenboim nicht...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Wenn man in New York oder London den Namen Suitner erwähnt, werden nur ein paar Kenner wissen, von wem die Rede ist. Barenboim dagegen kennt Jedermann.


    Schöne Grüße

    Holger

    Das ist nun pures Marketing. Und auch der Wien-Vergleich hinkt, da diese Stadt m.W. nach nicht geteilt war. Und ja, natürlich vergleiche Suitner mit Barenboim. Und ziehe Suitner deutlich vor. Als Dortmunder und langjähriger Kölner bin ich da wohl nicht des Lokalpatriotismus verdächtig. Was die Orchester betrifft: die Ostorchester sind im Westen immer gerne als zweite Wahl abgestempelt worden, das hatte wohl etwas mit Politik zu tun. Auch haben die sich bis zum Fall des Einsernen Vorhangs beharrlich geweigert, dem Einheitsklang der Westorchester anzupassen. Wenn dann noch ein Dirigent aus dem Westen freiwillig in den Osten geht, dann hat er zumindest in der BRD schlechte Karten. Kurt Sanderling wurde ja auch immer gerne unterschlagen. Es mag sicher gute Aufnahmen mit Barenboim geben (Joseph II nannte oben ein paar), aber nicht in der ihm produzierten Menge.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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  • Deine Verteidigung Barenboims mit dem Hinweis auf die angebliche Erstklassikkeit des Orchesters unter ihm bei angeblicher Zweitklassigkeit des gleichen Orchesters vor ihm war allerdings an der Sache vorbei. Das wirst du sicherlich einsehen, wenn du den langen VAN-Artikel tatsächlich noch liest.

    Das habe ich so nicht gesagt. Um Objektivität geht es hier auch nicht, sondern um Politik. Es ist eben so, dass die Wahl des Chefdirigenten entscheidend ist für die öffentliche Wahrnehmung. Die Tschechische Philharmonie z.B. ist ein Spitzenorchester mit großer Tradition. Sie haben es aber einfach nie geschafft, nach dem großartigen Vaclav Neumann und vielleicht noch Behlolavec eine international renommierte Dirigentenpersönlichkeit dauerhaft zu verpflichten. So bleiben sie in ihrer Nische... Das ist sehr schade und bedauerlich, aber ein Fakt. Wobei ich Barenboim so einschätze, dass er nach so langer Zeit eine prägende Wirkung schon hatte. Daran ändert nichts, dass Suitner und Kurt Sanderling wirklich bedeutende Dirigentenpersönlichkeiten waren.

    Kann man damit aber alle persönlichen Verfehlungen, die im Artikel detailliert geschildert werden, rechtfertigen? Ich denke nicht.

    Das sind interne Probleme des Orchesters, die mich als Musikliebhaber erst einmal reichlich wenig interessieren. Alle Beteiligten tun eigentlich gut daran, die intern zu lösen. Das öffentlich breit zu treten, nutzt keiner Seite, sondern schadet nur dem Ansehen sowohl des Orchesters als auch seines Chefs .

    Dass Herr Barenboim nach der Wende seinen entscheidenenden Beitrag dazu geleistet hat, dass die Staatskapelle Berlin in der öffentlichen Wahrnehmung mehr in den Mittelpunkt rückte als zuvor, ist unbestritten.

    Zustimmung!

    Das ist nun pures Marketing.

    So ist es aber leider, lieber Thomas. In den USA müssen die Top-Orchester ihre Marktposition behaupten, indem sie ihr Marktsegment mit neuen Aufnahmen mit international bekannten Dirigenten ständig neu ausfüllen. Und denke mal an Günter Wand. Er war der Typ des Anti-Stars und uneitlen Kapellmeisters höchster Güte. Die Anerkennung wurde ihm aber erst in hohem Alter zuteil. Die Welt ist ungerecht... ;(


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Thomas Pape, sei bedankt für deine beiden Beiträge, die ich sehr zu schätzen weiß. Trotzdem muss ich dich in zwei Details korrigieren:


    Barenboim hat das Orchester nahtlos von Otmar Suitner übernommen.

    "Nahtlos" war diese Übergabe ja nun nicht, Suitner hatte in den 1980er Jahren zunehmend gesundheitliche Probleme und dirigierte immer weniger, seine letzten großen Premieren am Haus waren "Palestrina" (1983) und "Don Giovanni" (1985) - nach der Wiedereröffnung der restaurierten Staatsoper 1986 hat er keine einzige Premiere mehr im Großen Haus dirigiert. 1987 machte er noch eine musikalische Neueinstudierung der "Ariadne auf Naxos" - ich habe einen Mitschnitt der zweiten Vorstellung: das ist so desaströs und fällt gerade im Vorspiel dermaßen auseinander, dass ich diesen Mitschnitt gut unter Verschuss halte. Spätestens seit der desaströsen Münchner "Freischütz"-Premiere war klar, dass es nicht mehr geht. Im Frühherbst 1990 trat Suitner aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme von seinem Amt zurück.

    Die "Naht" füllte GMD Heinz Fricke, der trotz seines (personenbezogenen) GMD-Titels aus Schweriner Zeiten eigentlich die Stelle des 1. Kapellmeisters ausfült und nun - nicht zum ersten Mal - für Suitner einsprang und das verwaiste Amt des geschäftsführenden GMD' ausfüllte. Ihm habe habe ich zahlreiche wunderbare Wagner-Abende zu verdanken, er leitete auch das umfangreiche Japan-Gastspiel im Spätherbst 1990. Allerdings war er nur fünf Jahre jünger als Suitner, wurde im Februar 1992 65 Jahre alt und schied somit im Sommer 1992 altersbedingt aus. Zur Spielzeit 1992/92 trat dann Daniel Barenboim als Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper an. Nachdem er einen ersten Intendanten verschlissen hat und die Verlängerung seines Vertrages über 2002 hinaus am seidenen Faden hing, verzichtete er formell auf das Amt des Künstlerischen Leiters des Hauses und blieb "nur"noch GMD, nur dass davon in der Praxis nichts zu spüren war, wie nicht nur das Wegmobben von Mussbach bewies, sondern auch das Verhältnis zum jetzigen Intendanten, das im VAN-Artikel ja nachlesbar ist. Also: "Nahtlos" von Suitner zu Barenboim sing es nicht. Ich habe das Haus ab der Spielzeit 1989/90 regelmäßig besucht und Suitner kein einziges Mal mehr live erlebt.



    Suitner, dem Grazer im Osten

    Suitner wurde 1922 in Innsbruck geboren, war also Tiroler. Das Wort "Graz" kommt in seinem Wikipedia-Artikel gar nicht vor.


    Das sind nur zwei kleine Details, die nicht stimmten, dem Großen und Ganzen deiner Ausführungen stimme ich hingegen völlig zu. :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Muss man im Falle Daniel Barenboim in Berlin nicht strenggenommen sowieso unterscheiden zwischen seiner Funktion als GMD der Staatsoper Unter den Linden und derjenigen als Chefdirigent der Staatskapelle Berlin? Letztere Position hat er seit 22 Jahren "auf Lebenszeit" inne, erstere ist aber wohl doch zeitlich befristet. So könnte die Berliner Staatsoper ihn wohl durchaus leichter irgendwann loswerden, die Staatskapelle Berlin hätte da aber vermutlich juristisch seit 2000 (selbstverschuldete) Schwierigkeiten. Andererseits ist sie doch quasi auch das Orchester der Staatsoper Berlin, oder gibt es da eine strenge Unterscheidung wie zwischen Wiener Philharmonikern und Orchester der Wiener Staatsoper? Zumindest fragte ich mich schon öfter, wieso auf manchen CD-Covern "Chor und Orchester der Staatsoper Berlin" steht, auf anderen aber "Chor der Staatsoper Berlin / Staatskapelle Berlin".

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Muss man im Falle Daniel Barenboim in Berlin nicht strenggenommen sowieso unterscheiden zwischen seiner Funktion als GMD der Staatsoper Unter den Linden und derjenigen als Chefdirigent der Staatskapelle Berlin? Letztere Position hat er seit 22 Jahren "auf Lebenszeit" inne, erstere ist aber wohl doch zeitlich befristet. So könnte die Berliner Staatsoper ihn wohl durchaus leichter irgendwann loswerden, die Staatskapelle Berlin hätte da aber vermutlich juristisch seit 2000 (selbstverschuldete) Schwierigkeiten. Andererseits ist sie doch quasi auch das Orchester der Staatsoper Berlin, oder gibt es da eine strenge Unterscheidung wie zwischen Wiener Philharmonikern und Orchester der Wiener Staatsoper? Zumindest fragte ich mich schon öfter, wieso auf manchen CD-Covern "Chor und Orchester der Staatsoper Berlin" steht, auf anderen aber "Chor der Staatsoper Berlin / Staatskapelle Berlin".

    Lieber "Joseph II.",


    das Orchester der Staatsoper Berlin ist die Staatskapelle Berlin, es gibt hier keine Unterscheidung wie zwischen Wiener Staatsopernorchester vs. Wiener Philharmoniker, die juristisch etwas anderes sind. Sogar "Berliner Philharonisches Orchester" und "Berliner Philharmoniker" sind nicht deckungsgleich, aber das alles ist bei der Staatskapelle Berlin nicht der Fall. Die Ausrufung von Herrn Barenboim zum "Chefdirigenten auf Lebenszeit" durch die Staatskapelle Berlin im Jahr 2000 war ein (damaliges) Bekenntnis des Orchesters zu ihrem Chef, eine kulturpolitische Manifestation, allerdings ohne jedwede juristische Bedeutung, denn die Staatskapelle Berlin ist eben kein eigenständiges Orchester, das dazu berechtigt wäre. Letztlich wird Herr Barenboim im Spätsommer dieses Jahres 30 Jahre lang GMD der Staatsoper Berlin (Generalmusikdirektor, also generell für alles, für Musiktheater und Konzert) und damit auch Chef der Staatskapelle Berlin gewesen sein - nicht wegen einer Akklamation im Jahre 2000, sondern weil sein Vertrag mit dem Lang Berlin immer wieder von den jeweilgen Kultursenatoren verlängert wurde (2x, 2000/01 und 2019) stand diese Verlängerung auf Messers Schneide - und die Bedingungen, die beim letzten Mal daran geknüpft wurden, hat Herr Barenboim in der Folge eindeutig nicht erfüllt, wie der VAN-Artikel zeigt. :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Zum "Stardirigenten" Barenboim

    Als Pianist war er immer schon unbestritten, aber als er (um 1970 ?) zu dirigieren begann, waren seine Kritiken nicht gerade euphorisch, sondern teilweise sogar voll Häme.

    Ich selbst sehe es - vielleicht ungerechterweise - immer irgendwie mit Skepsis, wenn Pianisten, Geiger oder Sänger sich plötzlich zum Dirigenten berufen fühlen. Und letztlich hat das auf meine CD-Auswahl einen signifikanten Einfluss. Ich habe von diesen Personen nur in Ausnahmefällen Aufnahmen, teil aus der Zeit wo mich Interpreten wenig interessierten, teils wenn ein Werk nur unter einem solchen Interpreten zu bekommen war. Das gilt bei mir auch für Interpreten, die sich politisch engagieren....


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Ich selbst sehe es - vielleicht ungerechterweise - immer irgendwie mit Skepsis, wenn Pianisten, Geiger oder Sänger sich plötzlich zum Dirigenten berufen fühlen.

    Was ist mit


    Georg Solti - war Pianist und hat sogar einen internationalen Klavierwettbewerb gewonnen

    Lorin Maazel - war Geiger

    Vaclav Talich - war zuerst Konzertmeister der Berliner Philharmoniker unter Artur Nikisch

    Vaclav Neumann - war Bratschist im Smetana-Quartett

    Claudo Abbado - wollte ursprünglich bei Gulda studieren und Pianist werden

    Mikhail Pletnev - Pianist und Dirigent

    Christoph Eschenbach - Pianist und Dirigent

    Vladimir Ashkenazy - Pianist und Dirigent

    Leonard Bernstein - Pianist, Dirigent, Komponist

    usw. usw. ^^


    Schöne Grüße

    Holger

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  • Zum "Stardirigenten" Barenboim

    Als Pianist war er immer schon unbestritten, aber als er (um 1970 ?) zu dirigieren begann, waren seine Kritiken nicht gerade euphorisch, sondern teilweise sogar voll Häme.

    Zum Weg dieses "Stardirigenten", bevor er die Staatsoper Berlin auf dem Silbertablett serviert bekam, gehört u.a. sein Scheitern als "Fidelio"-Premierendirigent an der Deutschen Oper Berlin in den 1980er Jahren und sein Scheitern als musikalischer Leiter der Bastille-Oper in Paris. Kulturminister Jacques Lang zog im letzten Moment gerade noch rechtzeitig die Notbremse. So viel Mumm hatte man in Berlin leider zu keinem Zeitpunkt und so musste sich bei ihm ja langsam aber sicher der Eindruck verfestigen, dass er sich dort alles erlauben darf.



    Vladimir Ashkenazy - Pianist und Dirigent

    Das ist genau so ein Fall, wo ein Musiker, der seinen Ruhm als Pianist erworben hat, von diesem Ruhm als Dirigent zehrte, obwohl er sich als solcher diesen Ruhm nie erworben hätte. Ich habe Ashkenazy als Chefdirigent des BSO/DSO in Berlin u.a. mit Mahlers Zweiter erlebt - zum Davonlaufen!


    Im Übrigen antwortete mir ein nicht ganz unbedeutendes Mitglied der Musikszene, als ich es auf den VAN-Artikel aufmerksam machte: "Ach ja, der Barenboim. Wenn ich an seine Mozart-Klavierkonzerte mit dem English Chamber Orchestra denke, bin ich glücklich. Aber alles in den letzten Jahren..."


    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Zu dem usw. gehört auch Nikolaus Harnoncourt, ein ehemaliger Wiener Cellist- über seine Qualitäten als Dirigent sollte es keinen Streit geben.

    Und ja, natürlich vergleiche Suitner mit Barenboim. Und ziehe Suitner deutlich vor. Kurt Sanderling wurde ja auch immer gerne unterschlagen.

    Ich ziehe Suitner auch vor, er hatte natürlich als Chef der (Ost-)Berliner Staatskapelle im Westen keine Lobby. Ähnliches gilt für Kurt Sanderling.

    Sorry, aber ich finde deine ganze Argumentation zur Verteidigung der persönlichen Verfehlungen Barenboims unter Hinweis auf seine künstlerischen Verdienste (über die man diskutieren kann) einfach nur widerlich - gerade angesichts der Diskussion, die gerade um den Missbrauch in der katholischen Kirche stattfand. Es ist genau dieselbe Tendenz, Probleme am liebsten unter den Teppich kehren zu wollen.

    Nicht diese Vergleiche! Damit wird das, was leider in der katholischen Kirche lange Jahre lang praktiziert wurde, verharmlost. Barenboim ist mit seinen 80 Jahren vielleicht noch ein Dirigent alter Schule, dem autoritäre Züge nicht fremd sind. Künstlerisch hat er schon seine Verdienste, an sinfonischer Musik habe ich seinen Brahms- und seinen Beethoven-Zyklus. Brahms ist schon sehr gut, Beethoven, na ja der hätte nicht sein müssen. Bei Barenboim hat man in Berlin m.E. politische Bedenken, ihn aufs Altenteil zu schicken, er ist immerhin Israeli und Palästinenser zugleich. Mehr will ich dazu nicht sagen.

    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Meine Herren, Ihr nehmt es mir gewiss nicht übel, dass ich die persönliche Fehde in den Bereich des Unlesbaren verschoben habe. Ich fasse zusammen,dass Dissens besteht über das menschliche Verhalten Barenboims gegenüber seinem Orchester und seiner musikalische Leistung/Bedeutung.


    Als Privatmeinung geäußert: mit diesen ganzen Vorwürfen -von Übergriffen welcher Art auch immer- die lange Jahre zurückliegen, kann ich wenig anfangen. Ich bin auch nicht der Auffassung, daß das mit den Missbrauchsfällen der Kirchen vergleichbar ist und sehe in den Fällen, die zufälligerweise vorzugsweise Prominente betreffen (Fallhöhe scheint da sehr wichtig zu sein) eine Grauzone, die sich einer externen Bewertung nahezu entzieht. Verhielten sich die Dinge wie berichtet fände ich sie übel, aber auch dann jenseits meiner Bewertungskompetenz. Und sie sind ebenso außermusikalisch wie bei den Damen und Herren Ney, Pfitzner, Levine oder Domigo. Man kann da gewiss noch mehr aufzählen, und ich bitte darum, hier kein entsprechendes Fass aufzumachen.


    Der musikalische Output ist das eigentlich Diskutierenswürdige. Es gibt und gab einige Stars der Szene, die wurden regelrecht durch das virtuose Bedienen der PR-Maschinerie dazu gemacht. Solti, Karajan, Maazel, Menuhin, Lang Lang, auch Barenboim gehören dazu, einige wurden von ihren Plattenfirmen zur Art ihres Musizierens gedrängt, wie etwa Tzimon Barto und Ivo Pogorelich (die, befreit von den Majors plötzlich völlig anders spielen und klingen) oder durch Vertriebsstrategien der Plattenfirmen mehr oder weniger zu Lokalmatadoren gemacht wie Samson Francois, Aldo Ciccolini oder André Cluytens. Kommen noch Entwicklungen in der Reproduktionstechnik als außermusikalische Ausschlusskriterien hinzu dazu und es zeigt sich, dass wir in der Bewertung von musikalischen Leistungen ausschließlich auf unser eigenes Hören und Empfinden angewiesen sind Was ich damit sagen will: ob man diesseits und jenseits des große Teiches einen Künstler kennt, oder auch nicht, ist zumeist nicht von den Künstlern zu vertreten und insofern kein wirkliches Argument.


    In meiner Plattensammlung spielt Barenboim mangels persönlichen Interesses kaum Rolle: die fünf Beethovenkonzerte mit Klemperer und mit Rubinstein stehen da, die Beethoven-Sonaten haben es noch nicht auf meinen Hörwunschzettel geschafft, bei Bruckner und bei Beethoven konnte ich gut den Verlockung von Budget-Zyklen widerstehen (bei Beethoven habe ich tatsächlich Suitner vorgezogen), Wagner könnte ich mir interessant vorstellen und gerne geghrt und auch im Bestand vorhanden sind die Mozart-Konzerte. Und damit erschöpft sich Barenboim für mich. Er steht, um es mal deutlich zu formulieren, bei mir nicht im relevant Set bei Neunanschaffungen. Aber ich lese mit Neugierde gerne auch andere Einschätzungen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Thomas Pape,


    Ich fasse zusammen,dass Dissens besteht über das menschliche Verhalten Barenboims gegenüber seinem Orchester und seiner musikalische Leistung/Bedeutung.

    Bezüglich seiner musikalischen Leistung/Bedeutung gibt es ganz sicherlich einen Dissenz. Zur Frage nach seinem menschlichen Verhalten gegenüber dem Orchester kann es eigentlich keinen Dissenz geben, wenn man die Fakten im von mir eingestellten VAN-Artikel (der nicht der erste dieser Art ist) liest. Da gibt es höchstens eine Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung des Herrn Barenboim.



    Als Privatmeinung geäußert: mit diesen ganzen Vorwürfen von Übergriffen welcher Art auch immer, die lange Jahre zurückliegen, kann ich wenig anfangen.

    In seinem Falle liegen diese Vorwürfe eben nicht lange Jahre zurück, sondern es geht um die letzten fünf Jahre bzw. die Gegenwart.


    Und sie sind ebenso außermusikalisch wie bei den Damen und Herren Ney, Pfitzner, Levine oder Domigo. Man kann da gewiss noch mehr aufzählen, und ich bitte darum, hier kein entsprechendes Fass aufzumachen.

    Es ist immer gefährlich, erst ein entsprechendes Fass selbst aufzumachen und dann darum zu bitten, kein entsprechendes Fass aufzumachen. Natürlich liegen die von dir genannten Fälle alle extrem unterschiedlich.

    Nehmen wir nur Barenboims Kumpel Domingo, beide Herren haben natürlich ihre Gemeinsamkeiten, wenn auch meines Erachtens weniger in der künstlerischen Bedeutung, denn Domingo war zweifellos einer der allerwichtigsten Tenöre der zweiten Hälte des 20. Jahrhunderts.

    Aber es gibt eben gravierende Unterschiede: Domingo hat sich nicht nur für sein Fehlverhalten entschuldigt, sondern ist auch von allen seinen Leitungspositionen zurückgetreten. Genau diese Einsicht und Folgekonsequenz vermisse ich im Falle von Herrn Barenboim.



    Der musikalische Output ist das eigentlich Diskutierenswürdige.

    Sicher. aber darum geht es aktuell am Haus und im von mir eingestellten VAN-Artikel gerade nicht. Es geht gerade um die die Gegenwart relevantere Sachen, die das Wohl vieler Mitarbeiter betreffen. Der VAN-Artikel trägt übrigens eine meines Erachtens sehr passende Überschrift: "Lebenslänglich" - bekanntlich ist das in Deutschland die Höchststrafe...


    P.S.: Dass meine Antwort auf "timmiju" jetzt verschoben wurde, gefällt mir gar nicht. aber ich will jetzt kein neues Fass aufmachen, sondern lediglich darauf hinweisen, dass es mir nicht darum ging, Verfehlungen unterschiedlicher Art miteinander zu vergleichen, sondern den Umgang mit ihnen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Ehrlich gesagt fand ich den in diesem thread aufgetretenen Dissens zwischen "Stimmenliebhaber" und "Dr. Holger Kaletha" nicht so wahnsinnig ausufernd, als dass jetzt gleich wieder die große Threadsäuberung angebracht gewesen wäre. Es sollte doch wohl für das führende Klassikforum im deutschsprachigen Raum möglich sein, einmal einen Konflikt auszuhalten, insbesondere auch deswegen, weil sich die besonders harmoniebedürftigen Mitglieder dem Forum den Rücken gekehrt und sich woanders eine entsprechende Spielwiese errichtet haben... Daher mein Plädoyer für mehr Nachsicht in solchen Fällen, das ganze ist ein emotionales Thema, da können aus meiner Sicht ruhig schon mal ein bisschen "die Fetzen fliegen".

  • Er steht, um es mal deutlich zu formulieren, bei mir nicht im relevant Set bei Neunanschaffungen. Aber ich lese mit Neugierde gerne auch andere Einschätzungen.

    Als Sammler von Beethoven Sonaten und auch Mozart Sonaten, taucht er bei mir mehrfach in der Sammlung auf. Ich habe musikalisch ein gespaltenes Verhältnis zu ihm. Seine Einspielung der Mozart Sonaten bei EMI haben mir eine zeitlang viel Spaß gemacht.


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    Ich habe beide LP-Boxen :). Barenboim hat einen sehr schönen Klavierton, der sich gut an die Mozartsche Musik anpassen kann. Leider fällt auf die Dauer eine gewisse Zusammenhanglosigkeit des Spieles auf und eine fehlende an die Musik angepasste Subtilität des Spiels. Es werden immer wieder ähnliche Klangideen wiederholt, die sich einmal als ganz passabel erwiesen haben, unabhängig davon, ob der Kontext nicht anderes hergeben könnte.


    Man höre zum Vergleich einfach mal das absolut subtil austarierte Spiel von Friedrich Gulda



    oder die hervorragenden Einspielungen von Maria João Pires oder Mitsuko Uchida


    und


    die an jeder Stelle Gefühl und Durchdachtheit vermitteln. Der von Barenboim gewählte Zugang wirkt dagegen etwas improvisiert und nicht immer geglückt.


    Bei Beethoven ist diese Art des Spielens für mich völlig unpassend und seiner letzten Einspielung auf DGG kann ich nicht viel mehr als einen außergewöhnlich guten Klang abgewinnen.


    Anders scheint es im Zusammenspiel mit seinem Sohn zu sein. Die von mir sehr geschätzten Klaviertrios von Mozart kommen in der Version mit Michael Barenboim und Kian Soltani bei mir hervorragend an. Der Klangsinn Barenboims wird hier durch das Zusammenspiel ganz offensichtlich noch einmal inhaltlich konzentriert.



    Mein persönliches Urteil (und mehr ist es nicht) ist also durchwachsen. Seine Interpretationen machen auf mich meistens einen etwas fahrigen Eindruck. In Kombinationmit seinem Klangsinn und äußeren Umständen (Zusammenspiel) bietet sich durchaus die Möglichkeit zu einer interessanten Interpretation.


    So my two cents.

  • Daher mein Plädoyer für mehr Nachsicht in solchen Fällen, das ganze ist ein emotionales Thema, da können aus meiner Sicht ruhig schon mal ein bisschen "die Fetzen fliegen".

    Meine persönliche Meinung hierzu: (kann gerne auch gelöscht werden...)


    Ich finde diese Diskussion nicht interessant. Wenn Barenboim so ist, wie in obigem Artikel beschrieben, dann haben wir hier ein kulturpolitisches Thema. Die Auseinandersetzung damit ist nötig und wird ganz offensichtlich auch betrieben. Das ist aber von seiner musikalischen Leitung zu trennen. Sollte diese gut sein, macht das auch selbstverständlich menschliche Verfehlungen nicht wett. Mehr gibt es dazu ehrlicherweise doch nicht zu sagen.


    Hier fliegen also Fetzen, die wirklich langweilig und schmuddelig sind und ich nicht wirklich sehen möchte ....

  • Wenn Barenboim so ist, wie in obigem Artikel beschrieben, dann haben wir hier ein kulturpolitisches Thema. Die Auseinandersetzung damit ist nötig und wird ganz offensichtlich auch betrieben. Das ist aber von seiner musikalischen Leitung zu trennen. Sollte diese gut sein, macht das auch selbstverständlich menschliche Verfehlungen nicht wett. Mehr gibt es dazu ehrlicherweise doch nicht zu sagen.

    Ich stimme dir völlig zu (ganz besonders deiner klaren Aussage, dass gute künstlerische Leistungen menschliche Verfehlungen eben nicht aufwiegen können) und habe ansonsten mit der Moderatoren-Entscheidung keine Probleme. :hello:


    Edit:

    Hier fliegen also Fetzen, die wirklich langweilig und schmuddelig sind und ich nicht wirklich sehen möchte ....

    Die fliegen hier nach der Verschiebung ja nun nicht mehr, daher muss man eigentlich auch nocht nochmal auf etwas hinweisen, was gar nicht mehr da ist.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Bezüglich seiner musikalischen Leistung/Bedeutung gibt es ganz sicherlich einen Dissenz. Zur Frage nach seinem menschlichen Verhalten gegenüber dem Orchester kann es eigentlich keinen Dissenz geben, wenn man die Fakten im von mir eingestellten VAN-Artikel (der nicht der erste dieser Art ist) liest. Da gibt es höchstens eine Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung des Herrn Barenboim.

    Ich habe den VAN-Artikel gelesen und kann Deinen letzte Satz bestätigen. Das Orchester wirkt da allerdings auch ein wenig unsortiert.

    Es ist immer gefährlich, erst ein entsprechendes Fass selbst aufzumachen und dann darum zu bitten, kein entsprechendes Fass aufzumachen.

    Da muss ich Dir leider recht geben.

    Sicher. aber darum geht es aktuell am Haus und im von mir eingestellten VAN-Artikel gerade nicht. Es geht gerade um die die Gegenwart relevantere Sachen, die das Wohl vieler Mitarbeiter betreffen. Der VAN-Artikel trägt übrigens eine meines Erachtens sehr passende Überschrift: "Lebenslänglich" - bekanntlich ist das in Deutschland die Höchststrafe...

    An anderer Stelle in diesem Thread fiel bereits der Kommentar, dass Barenboim ein Autokrat alten Schlages sei. Das fürchte ich auch. Celibidache war auch nicht dafür bekannt, besonders zartfühlend zu sein. Wahrscheinlich ist die Zeit solcher Autokraten vorbei. Ganz sicher aber sind auch Mitglieder eines Orchesters eine sehr heterogene Gruppe. Kaum vorstellbar, dass die sich alle untereinander lieb haben und von oben abgekanzelt werden. Der Artikel lässt mich ein wenig ratlos zurück.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • An anderer Stelle in diesem Thread fiel bereits der Kommentar, dass Barenboim ein Autokrat alten Schlages sei. Das fürchte ich auch.

    Es fiel genau folgender Kommentar:



    Barenboim ist mit seinen 80 Jahren vielleicht noch ein Dirigent alter Schule, dem autoritäre Züge nicht fremd sind.


    Darauf habe ich in einem inzwischen verschobenen Beitrag geantwortet: "Das verdient eine Nominierung für die Untertreibung des Jahrhunderts."


    An anderer Stelle in diesem Thread fiel bereits der Kommentar, dass Barenboim ein Autokrat alten Schlages sei. Das fürchte ich auch. Celibidache war auch nicht dafür bekannt, besonders zartfühlend zu sein. Wahrscheinlich ist die Zeit solcher Autokraten vorbei. Ganz sicher aber sind auch Mitglieder eines Orchesters eine sehr heterogene Gruppe. Kaum vorstellbar, dass die sich alle untereinander lieb haben und von oben abgekanzelt werden. Der Artikel lässt mich ein wenig ratlos zurück.

    Orchester sind selten einig, aber das ändert nichts daran, dass bestimmte Verhaltensweisen von Dirigenten, die vielleicht im letzten Jahrhundert noch "akzeptabel" waren, heute einfach nicht mehr gehen. Und ein Karajan (der Name fiel ja zum Vergleich in dieser Rubrik auch) wäre niemals auf die Idee gekommen, dem gewählten Orchestervorstand zu sagen, dass er mit ihm nicht mehr spreche. Er hätte auche keinem Mediationsverfahren zugestimmt und dieses dann sofort wieder platzen lassen. Gemeinsam ist sicherlich die nachlassende künstlerische und geistige Potenz des Dirigenten in der Endphase der langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Stardirigenten und seinem Orchester - das war bei Karajan Mitte/Ende der 1980er Jahre ganz ähnlich wie jetzt bei Barenboim und der Staatskapelle. Insofern lässt mich der Artikel (der nicht der erste gut recherchierte seiner Art ist) überhauüt nicht ratlos zurück, sondern er macht meines Erachtens sehr deutlich klar, dass es so nicht weitergeht, nicht weitergehen kann. Im Hinblick auf seine künstlerischen Verdienste also alles weiter laufen lassen, ist definitiv keine Lösung. Und der Vorschlag, die verbleibende gemeinsame Zeit einfach nur noch zu "genießen", wie hier von einem User vorgeschlagen, ist einfach nur eine Verhöhnung der Leidtragenden vor Ort.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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