Lukas und Markus B-A-C-H

  • So tragisch es ist, dass uns Bachs Original-Komposition der Markus-Passion aus dem Jahr 1731 nicht erhalten ist, so spannend finde ich es aber auch, dass sich anhand zahlreicher, immerhin in großen Teilen gut nachvollziehbarer Fakten zu den „Grundelementen“ dieser Passionsmusik kreativen Komponisten und Musikwissenschaftlern somit eine Möglichkeit bietet, sich auch einmal schöpferisch mit einem Bachwerk auseinanderzusetzen!
    Wo hat man schon einmal Gelegenheit zu solch einem kreativen Experimentieren? Das ist ja schließlich auch eine Form der nach wie vor äußerst lebendigen Bach-Rezeption! Und immerhin eine, die sich nicht nur auf rein interpretatorischer Ebene abspielt.
    Vergleichbar ist dies wohl am ehesten mit ähnlichen Stücken, die aus den unterschiedlichsten Gründen Fragmente geblieben sind, z. B. Mozarts Requiem oder seine c-moll-Messe. Auch hier wurden und werden ja immer wieder einmal Versuche unternommen, diese Werke möglichst "im Geiste Mozarts" zu vervollständigen... :wacky:


    Auch zur Markus-Passion gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von ganz unterschiedlichen Versuchen, dieses Werk in eine aufführbare Form zu bringen, also eine vollständige Passionsmusik erklingen zu lassen; reklov29 und BigBerlinBear haben weiter oben in diesem Thread ja schon einige interessante Hinweise hierzu gegeben.


    Da mich solche Themen („unvollendete Werke und deren Rekonstruktionsversuche“) ungemein reizen, habe ich mal ein bisschen recherchiert und wollte Euch anlässlich der beginnenden Karwoche ein paar weitere Fakten zur Markus-Passion präsentieren:


    Da im Zuge der Aufteilung des musikalischen Nachlasses von Johann Sebastian Bach unter seine vier Söhne und seine Witwe Anna Magdalena wohl etliche Werke im Zuge später oft aus akuter Geldnot erfolgter Weiterverkäufe als unwiederbringlich verloren gelten müssen (obwohl man ja niemals nie sagen sollte!), kann man wohl mit einiger Sicherheit sagen, dass die Partitur der Markus-Passion unter diese Gruppe fällt – leider!


    Aber immerhin ist eine nicht zu vernachlässigende Komponente erhalten geblieben: Das vollständige, von Picander (Christian Friedrich Henrici) verfasste Textbuch dieser "Paßions-Music nach dem Evangelisten Marco"!
    Der Text findet sich abgedruckt im 3. Teil der Gesamtausgabe der picanderschen Gedichte – mit dem Hinweis, dass selbiger am "Char-Freytage 1731" aufgeführt worden sei.
    Auch wenn im Text keine Angabe des Komponisten gemacht wird, besteht eigentlich kein Zweifel, dass nur Bach dies gewesen sein kann, denn zu seinen Aufgaben als Thomaskantor gehörte nun einmal auch die Komposition der Passionsmusik, die am Karfreitag abwechselnd in der Leipziger Thomas- und der Nikolaikirche gegeben wurde.
    Am Karfreitag, dem 23. März 1731, war turnusgemäß übrigens die Thomaskirche Schauplatz der Aufführung (die Matthäus-Passion war hier entweder 1727 oder 1729 ebenfalls uraufgeführt worden).


    Der Text der weltberühmten Matthäus-Passion befindet sich – nebenbei bemerkt – im 2. Teil der Picander-Werke abgedruckt (1729 erschienen) und auch hier wird kein Komponist genannt!


    Bach hat schließlich zu dieser Zeit häufig mit Picander zusammengearbeitet und somit besteht eigentlich kein Zweifel, dass uns zumindest der Text seiner verschollenen Markus-Passion als Grundlage der Vertonung erhalten wurde – eine überaus wichtige Grundlage für die weitere Vorgehensweise sämtlicher Rekonstruktionsversuche!


    Interessant für diese Rekonstruktionen ist natürlich zunächst ein Blick auf die Konzeption und den Umfang der Textdichtung.
    Ein wesentlicher (und naturgemäß stets unveränderter) Bestandteil der Markus-Passion ist natürlich der entsprechende Evangelientext in der Übersetzung Martin Luthers. Picander steigt wie in der Matthäus-Passion zu einem relativ frühen Zeitpunkt in die Handlung ein: Die Salbung in Bethanien, die nach einer List zur Ergreifung Jesu suchenden Hohepriester und das letzte Abendmahl werden in den Passionsbericht einbezogen. Viele Passionsmusiken, darunter auch Bachs Johannes-Passion von 1724, beginnen erst mit der Schilderung der Ereignisse im Garten Gethsemane am Ölberg.
    Die Markus-Passion besteht aus den üblichen 2 Teilen („Vor und nach der Predigt“), der zweite Teil beginnt wie die Matthäus-Passion mit dem Verhör Jesu vor dem Hohepriester Kaiphas.
    Der entscheidende Unterschied der Konzeption der Markus-Passion im Gegensatz zur vorangegangenen Matthäus-Passion besteht nun darin, dass die Markus-Passion deutlich weniger die biblische Handlung unterbrechende und kommentierende Arien enthält, nämlich „lediglich“ 6 Stück (das sind noch weniger als in der Johannes-Passion!).
    Hinzu kommt, dass die zahlreichen Arien in der Matthäus-Passion fast ausnahmslos jeweils ein längeres Arioso vorangestellt erhalten – diese „Formpaarung“ fehlt in der Anlage der Markus-Passion vollständig. Dafür wird die biblische Handlung wesentlich häufiger durch verschiedene Choralstrophen (insgesamt 16!) unterbrochen, als dies in Matthäus- und Johannes-Passion der Fall ist.
    Ich denke, man kann also schon davon sprechen, dass Bach und Picander nach der gewaltigen Matthäus-Passion bewusst eine ganz andere Konzeption der neuen Passionsmusik geplant haben, nach dem Motto: „Die Matthäus-Passion können wir sowieso nicht mehr übertreffen – üben wir uns diesmal etwas mehr in Selbstbeschränkung und Einfachheit!“ Wer weiß, vielleicht reagierten beide auch nur auf Kritik aus den Reihen der „Offiziellen“, denen die Matthäus-Passion zu ausschweifend und umfangreich gewesen war und die sich nun eine etwas zurückgenommenere und kleiner dimensionierte Passionsmusik erbaten?


    Jedenfalls ist diese „bescheidenere“ Anlage der Markus-Passion ein Glücksfall für die heutigen Rekonstruktionsversuche: Müssen doch beispielsweise an größeren Stücken „nur“ die Noten für die erwähnten 6 Arien und den Eingangs- und Schlusschor ge- bzw. erfunden werden. Man stelle sich die weitaus größere Schwierigkeit des Unterfangens vor, wenn uns die Noten der Markus-Passion erhalten geblieben wären und man stattdessen jetzt versuchen würde, anhand der Picander-Dichtung die verschollenen Klänge der Matthäus-Passion zu rekonstruieren...


    Weiterhin hilfreich für Rekonstruktionsansätze ist die Tatsache, dass Bach in den 1730er-Jahren, in denen die Markus-Passion entstand, häufig zum „Recycling“ bereits komponierter (meist weltlicher) Stücke neigte (die Musikwissenschaft nennt dies das „Parodieverfahren“, aber ich mag den Begriff nicht so sehr, weil ich mit „Parodie“ irgendwie immer etwas komisches assoziiere und das scheint mir im Zusammenhang mit einer Passionsmusik wenig hilfreich...).
    Als wirtschaftlich denkender Mensch wollte er ungern etwas Gelungenes verkommen lassen (recht so!) und arbeitete so sehr ökonomisch – und durchaus zeitgemäß, denn im Barock machten dies fast alle Compositeurs mit Vorliebe so, wobei „Anleihen“ nicht nur bei älteren eigenen Werken erfolgten... ;)


    Und was nun etlichen erfolgreich „recycelten“ Stücken im bachschen Oster-, dem Weihnachts- und dem Himmelfahrts-Oratorium recht sein sollte (entstanden 1725, 1734 und 1735) - oder auch in den lateinischen Messvertonungen - könnte doch ohne Weiteres auch in der Markus-Passion so praktiziert worden sein – so hypothetisch erscheint mir diese Annahme nicht.


    Die Tatsache, dass die Original-Partitur der Markus-Passion offenbar von einem der Erben Johanns Sebastians verkauft wurde, wird durch die Tatsache gestützt, dass in einem Verkaufskatalog von Breitkopf in Leipzig im Jahr 1764 eine (allerdings nur) 48 Seiten umfassende Partitur "Anonymo, Paßions-Cantate, secundum Marcum" angeboten wurde, die den Titel „Geh, Jesu, geh zu deiner Pein“ trägt (das ist der Beginn des Eingangschorals der Picander-Dichtung der Markus-Passion).
    Wenn man mal davon absieht, dass die nur 48 Seiten evtl. nur ein Teil der Partitur gewesen sein dürften (z. B. Bibelworte und Choräle), ist es nicht unwahrscheinlich, dass es sich hierbei tatsächlich um Bachs Passionsmusik gehandelt haben könnte – es müsste herausgefunden werden, wie viele andere Komponisten außer Bach sich noch an der Vertonung der Dichtung Picanders versucht haben.
    Meines Wissens war aber Picanders Wirkungskreis als Dichter außerhalb Leipzigs nicht so bedeutend groß und welcher Komponist sollte zur damaligen Zeit eine Markus-Passion vertonen, wenn er nicht eine Aufführungsgelegenheit dafür gehabt hätte?
    Es hätte sich dabei also mindestens um einen Kantor einer nicht unbedeutenden Stadt handeln müssen, die über genügend Kräfte verfügte, eine Passionsmusik auf die Beine zu stellen, die immerhin eine Besetzung mit „Sopran, Alt, Tenor, Bass; 2 Traversflöten, 2 Oboen, Streicher, Viola da gamba und Basso continuo“ erforderte. Diese Besetzungsangaben sind nämlich ebenfalls in dem erwähnten Breitkopf-Katalog enthalten (und ein weiterer nützlicher Hinweis für Rekonstrukteure der heutigen Zeit!).
    Leider fehlt jedoch die Angabe eines Komponisten und das erstaunt schon. Konnte sich 1764 – also immerhin 33 Jahre nach der Uraufführung – kein Leipziger mehr an die gleichnamige Markus-Passion des langjährigen Thomaskantors Bach erinnern? Es wäre in diesem Verkaufskatalog sicher ein umsatzfördernder Hinweis gewesen, hätte man die angebotene Partitur (und wenn auch nur aus bloßen „Verdachtsgründen“) um den Komponisten-Namen des sicher noch vielen Leipzigern geläufigen Thomaskantors Bach geschmückt.


    Es ist übrigens nicht bekannt, welchen Weg die derart feilgebotene Partitur genommen hat...


    Jedenfalls konnte bereits im 19. Jahrhundert der Musikwissenschaftler Wilhelm Rust (1822-92) durchaus plausibel auf mögliche Quellen aus dem Bach-Oeuvre verweisen, die Vorlage für in der Markus-Passion verwendete Parodien gewesen sein könnten. Das Bach regelmäßig solche Verfahren anwendete, war damals schon bekannt.


    Er stellte vor allem in Bezug auf Metrum und Reimschema einiger Texte fest, dass Bach Musikstücke aus folgenden Kantaten für seine Markus-Passion entliehen und weiterverarbeitet haben könnte:


    BWV 198 „Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl“ (Trauerode)
    BWV 244 a „Geh, Leopold, zu deiner Ruh“ (Trauermusik)


    Die Arie „Falsche Welt, dein schmeichelnd Küssen“ der Markus-Passion glaubte er ebenfalls recht überzeugend als parodierte ursprüngliche Eingangs-Arie aus der Kantate BWV 54 "Widerstehe doch der Sünde" wiedererkannt zu haben.


    Somit ließen sich sowohl der Eingangs-, wie auch der Schlusschor, sowie 4 von 6 Arien der Markus-Passion mehr oder weniger rekonstruieren. Zu beachten ist dabei allerdings, dass Bach beim „Parodieren“ älterer Stücke nie nur die Texte austauschte und evtl. noch die Instrumentation veränderte. Er verstand es meisterhaft, oft nur durch kleine, aber ungemein wirkungsvolle Änderungen, das ältere Musikmaterial perfekt an jedwede neuere Herausforderung anzupassen. Wer merkt z. B. dem Weihnachtsoratorium noch an, dass viele seiner Einzelsätze ursprünglich weltlichen (meist recht banalen) Kantaten entstammen?
    Und gerade diese Kunstfertigkeit Bachs erschwert natürlich die Arbeit der Rekonstrukteure von heute ungemein.


    Die beiden Arien “Welt und Himmel“ und “Angenehmes Mord-Geschrey“ sind demnach als einzige ohne erkennbare Parodievorlagen geblieben und wurden 1731 von Bach eventuell neu komponiert.


    Der Musikforscher Friedrich Smend (1893-1980) wiederum hat sich unter anderem um die „Wiederherstellung“ der zahlreichen Choräle, die in der Markus-Passion verwendet werden, sehr verdient gemacht. Glücklicherweise ist das von Bach hinterlassene „Repertoire“ an von ihm vierstimmig gesetzten Chorälen sehr umfangreich.
    Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel hat allein aus dem ihm zur Verfügung stehenden Nachlass eine vierteilige (!) Sammlung von Chorälen zusammengestellt und herausgegeben.
    Es gibt natürlich mehrere Möglichkeiten, hier zum Teil aus mehreren Fassungen ein und desselben Chorals zu wählen (und verschiedene Rekonstruktions-Fassungen wählen hier tatsächlich ganz unterschiedlich aus) – aber das ist im Vergleich zu den anderen Schwierigkeiten bei der „Wiederherstellung“ der Markus-Passion wohl der „luxuriöseste“ Part der gesamten Übung...


    Der umfangreiche Evangelientext (inklusive der zahlreichen Turba-Chöre) hingegen ist wohl tatsächlich nicht mehr auffindbar und wird wohl auch schon 1731 von Bach komplett neu vertont worden sein (ähnlich wie beim ja ebenfalls recht „parodielastigen“ Weihnachtsoratorium von 1734).
    Das ist zweifellos der größte Verlust an der gesamten vertrackten Geschichte derMarkus-Passion!
    Auf Parodievorlagen kann man somit nicht zurückgreifen, weshalb bei allen Rekonstruktionsversuchen hier auch die einschneidendsten (und interessantesten) Lösungen gefunden werden mussten.
    Lediglich der Turba-Chor „Pfui dich, wie fein zerbrichst du den Tempel“ wird in einigen „Neufassungen“ der Markus-Passion mit der Melodie des Chors „Wo ist der neugeborne König der Jüden“ aus dem Weihnachtsoratorium unterlegt, wobei mir der deutlich friedlichere Charakter des WO-Chores (immerhin tragen ihn die Weisen aus dem Morgenland vor!) nicht sonderlich gut zu dem eigentlich erforderlichen aggressiven Charakter zu passen scheint, den die erregte Volksmenge, die Jesus derart schmäht, haben müsste. Außerdem ist das Weihnachtsoratorium dreieinhalb Jahre nach der Markus-Passion entstanden – damit ist die Theorie einer „Entleihung“ des Chores eh nicht zu halten (so gesehen müsste es dann eigentlich eher umgekehrt gewesen sein)!


    Soweit zur Ausgangslage – auf diesem (in seiner Bestimmung mehr oder weniger gesicherten) Material aufbauend, sind im Lauf der letzten knapp 50 Jahr doch erstaunlich zahlreiche Versuche unternommen worden, die verlorene Markus-Passion von Johann Sebastian Bach irgendwie zu neuem Leben zu erwecken.

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Im März 2003 erschien in der mittlerweile leider in dieser Form nicht mehr existierenden Chorzeitschrift „Cantate“ ein zweiteiliger Artikel mit dem hübschen Titel „Gesichter eines oratorischen Phantoms“, in dem der Autor Alexander Reischert sich die beachtenswerte Mühe gemacht hat, alle bisher unternommenen Versuche einer Rekonstruktion der Markus-Passion aufzulisten. Er kommt immerhin auf die stolze Anzahl von 16 Versionen!
    Ich möchte Euch eine kurze Aufzählung hier nicht vorenthalten, evtl. kann der eine oder die andere von Euch ja mal vergleichen, welche dieser Versionen er oder sie daheim im CD-Schrank stehen hat (sofern eine Markus-Passion überhaupt bei Euch daheim im Plattenschrank zu finden ist...):


    Diethard Hellmann war demzufolge 1964 der Erste, der versuchte, die Markus-Passion für eine Praxis-Aufführung aufzubereiten. Er verfuhr hierbei wie oben aufgelistet nach den Erkenntnissen, die vor allem die Herren Rust und Smend schon herausgefunden hatten. Die Arie “Welt und Himmel nehmt zu Ohren“ parodierte er aus der Arie „Leit, o Gott, durch deine Liebe“ aus der Trauungskantate BWV 120a.
    Für die Arie “Angenehmes Mord-Geschrey“ fand auch er keine passende Vorlage – sie blieb wie der Evangelientext unvertont. Hellmann verzichtet auf jegliche eigene Neukomposition und bietet damit nur ein „Grundgerüst“ auf der Basis der bis dahin gewonnenen musikwissenschaftlichen Erkenntnisse. Um die Markus-Passion trotzdem aufführen zu können, empfiehlt er entweder das bloße Vorlesen des Evangeliumstextes oder das vollständige Weglassen desselben, wodurch die Markus-Passion eher den Charakter einer "normalen" Kantate (die ja in der Regel keine durchgehende Handlung besitzt) bekäme.


    1974 wagte sich mit dem Ratzeburger Kirchenmusikdirektor Neithard Bethke der erste Komponist an eine Neuvertonung der Evangelistenworte. Er legte seiner Version der Markus-Passion die oben beschriebene Fassung von Hellmann zugrunde und vervollständigte einige Chöre und Arien aus Sätzen des Weihnachtsoratoriums.


    1978 wiederum suchte Gustav Adolph Theill für seine Version sogar für die zu vertonenden Rezitative Parodievorlagen in Bachs Oeuvre und bediente sich dabei einiger Passagen der Kantate BWV 187 „Es wartet alles auf dich“ und vor allem bei der Matthäus-Passion – vor allem letzteres ist eine gut nachzuvollziehende Entscheidung, denn der Evangeliumstext von Markus und Matthäus weist gerade in der Passionsgeschichte etliche fast identische Passagen auf. Und durch dieses Verfahren konnte sich Theill somit auch auf größtenteils authentische Bach-Rezitativ-Kompositionen stützen. Die Arie “Welt und Himmel nehmt zu Ohren“ unterlegt Theill im Gegensatz zu Hellmann jedoch mit der Musik des dritten Satzes der Messe in A-Dur BWV 234. Die Arie “Angenehmes Mord-Geschrey“ erhält bei ihm die Musik des 8. Satzes der Kantate BWV 204 „Ich bin in mir vergnügt“, dort heißt es im Original – nicht ganz passend – „Himmlische Vergnügsamkeit“...


    1978/ 79 vertonte auch der Herforder Kirchenmusiker (und ehemalige Thomaner) Johannes H. E. Koch die Rezitative selber und entschied sich hierbei jedoch, gar nicht erst in irgendeine Konkurrenz zu Bach treten zu wollen. Er vertonte die Evangelistenworte in einem gemäßigt modernen Tonfall, reich an vielfältigen Harmonien, aber trotz aller Expressivität immer akribisch dem Sprachfluss des Evangelistentextes folgend. Diese Rezitative (und Turba-Chöre) werden nur von der Orgel – die Christusworte hingegen von zwei Gamben begleitet (quasi eine Hommage an die Matthäus-Passion).
    Ich finde die Idee von hörbar modern klingenden Rezitativen an sich gar nicht schlecht – es gibt dem Werk gar nicht erst den Anschein einer barocken „Authentizität“ (die es nicht haben kann!) und verleiht einer Aufführung eine interessante künstlerisch-musikalische Erweiterung durch das ständige Hin- und Her zwischen „Alt“ und „Neu“.
    Diese Version hat reklov29 weiter oben im Thread bereits vorgestellt und auch Max Thomaner hat auf eine ab und an vom Thomanerchor der Jetzt-Zeit gesungene Version hingewiesen (er wusste allerdings nicht, welche das war) – ich könnte mir gut vorstellen, dass diese hier erwähnte, vom Ex-Thomaner Koch verfasste Version damit gemeint sein könnte.


    1981 schuf Volker Bräutigam (er ist heute Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle/ Saale) eine noch „radikalere“ Version:
    Die rekonstruierte Hellmann-Version der Markus-Passion ergänzte er mit einem Evangelienbericht, der auf einer Zwölftonreihe basiert und von Orgel und Schlaginstrumentarium begleitet wird (also hören würde ich diese Fassung schon mal gern –wie das wohl klingen mag??)...
    Dieses „neutönende“ Ensemble soll während einer Aufführung auch räumlich getrennt von den übrigen Ausführenden stehen – der Chor hingegen als verbindende „Brücke“ zwischen den beiden Vertretern so unterschiedlicher Klangwelten.


    1983 komponierten auch Tadeusz Maciejewski und Stefan Sutkowski die Rezitative der Markus-Passion neu und machten zugleich anscheinend sehr großzügige Anleihen sowohl bei der Matthäus- wie auch der Johannes-Passion und sogar in der eigentlich nicht als von Bach geltenden Lukas-Passion.


    Einen ähnlichen Weg wählte 1984 der Organist Christoph Albrecht, der jedoch auf ein allzu großes (und wahllos erscheinendes) Zusammenstellen von Anleihen aus verschiedenen Werken zugunsten nur einer beliehenen Quelle verzichtete (was ich eigentlich auch konsequenter finde): Die Markus-Passion vom Dresdener Kreuzkantor Gottfried August Homilius (1714-85) – ein Komponist, der ja erst in den letzten Jahren eine gewisse „Renaissance“ erlebt hat. Der Vorteil: Wie alle anderen Komponisten einer Markus-Passion auch, verwendet Homilius (natürlich) Luthers Bibeltext – die Rezitative können somit „passgenau“ in die zu rekonstruierende Bach-Version übernommen werden. Albrecht kombiniert diese mit der schon mehrfach erwähnten Hellmann-Fassung.


    1993 entschied sich der Freiburger Komponist Otfried Büsing für eine weitere Variante: Er vertonte den Evangelistenbericht in einer modernen Bibelübersetzung (der von Walter Jens), weil zugegebenermaßen die zur Bach-Zeit noch verwandte Luther-Fassung doch einige Formulierungen enthält, die ohne Erläuterungen heute nicht mehr verstanden werden. Im Gegensatz zu Bach (und der Praxis der damaligen Zeit) wird der Evangelist hier nicht von einem Tenor, sondern von einem Bariton gesungen, während die Christusworte ein Tenor übernimmt (um dessen Rolle als noch recht jungen Mann zum Zeitpunkt des Geschehens besser zu verdeutlichen).
    Die Begleitung dieses Passionsberichtes übernimmt ein Kammerorchester.


    Ebenfalls 1993 griff der britische Musikwissenschaftler Simon Heighes auf die Markus-Passion des in Hamburg tätigen Reinhard Keiser (1674-1739) zurück. Immerhin stammt von Bach höchstpersönlich eine Abschrift dieser Passion! Wenigstens 2 Aufführungen (je einmal in Weimar und Leipzig) unter Bachs Leitung sind überliefert. Eine nicht geringe Wertschätzung Bachs seinem Kollegen gegenüber dürfte damit wohl erwiesen sein. Die Inspiration Bachs durch Keisers Komposition ging unter anderem soweit, dass Bach in seiner Matthäus-Passion auf dessen Idee zurückgriff, die Christusworte von einem Streichensemble und nicht vom „bloßen“ Continuo begleiten zu lassen! So gesehen scheint Heighes’ Idee, für die Rekonstruktion der bachschen Markus-Passionauf eine Passion Keisers zurückzugreifen, naheliegender als die Wahl von Homilius’ Markus-Passion, die Christoph Albrecht 1984 getroffen hatte.


    Konstantin Köppelmann (Kantor der Münchner Immanuelkirche) orientierte sich 1994 für seine Fassung an den Versionen von Gustav Adolph Theill und Diethard Hellmann. Allerdings rekonstruierte er die Arie “Welt und Himmel nehmt zu Ohren“ auf der Grundlage einer Bass-Arie aus der Johannes-Passion (evtl. ist hier „Mein teurer Heiland, lass dich fragen“ gemeint?).
    Auch Köppelmann komponierte die fehlenden Rezitative neu - allerdings wieder im Bachstil.


    Anlässlich der 75-Jahr-Feier seiner niederländischen Bachvereinigung wählte 1996 Jos van Veldhoven Teile der Markus-Passion des in Dresden tätigen Komponisten Marco Giuseppe Peranda (1625-75) aus, um sie mit den Fragmenten der Markus-Passion von Bach zu kombinieren. Der von Peranda vertonte Text ist – naturgemäß – mit dem Picanders weitgehend identisch (zumindest in den für die Rekonstruktion benötigten Evangelientexten). Interessanterweise ist in dieser Version nunmehr Bachs Musik plötzlich die „modernere“ – Perandas Musik ist ganz dem Stil des 17. Jahrhundert verhaftet und obendrein durchweg a cappella gehalten. Somit können auch ungeübte Zuhörer jederzeit unterscheiden, welcher Komponist gerade vorgetragen wird.
    Auch in dieser Fassung kommt wieder das Stilelement „alte Musik“ in Kontrast zu „neuerer Musik“ zum Tragen, diesmal wie erwähnt allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.


    1997 wählte der britische Literaturprofessor Austin Harvey Gomme eine ähnliche Lösung wie Simon Heighes es 4 Jahr zuvor getan hatte: Er „borgte“ die Evangelistenpartie aus der Markus-Passion von Reinhard Keiser. Beide Versionen unterliegen allerdings der Problematik, dass Keisers Markus-Passion erst mit der Szene im Garten Gethsemane beginnt (wie viele Passionsmusiken dies tun) und nicht wie Picanders Passionstext bereits mit der Salbung in Bethanien und dem letzten Abendmahl. Somit muss hier das Bachfragment umgestellt und angepasst werden – betroffen sind immerhin eine Arie und drei Choräle, die Gomme entsprechend umplatzieren muss. Auch dies wiederum eine Notlösung.


    Die Notlösung umging der Hamburger Kirchenmusikdirektor von St. Jacobi Rudolf Kelber im Jahr 1998/99 auf pragmatische Weise: Er komponierte die fehlenden Szenen zu Beginn der Passion einfach selber und kombinierte ansonsten ebenfalls den restlichen Evangelienbericht aus der Markus-Passion von Reinhard Keiser mit dem Bachfragment. Außerdem integrierte er drei weitere Bach-Arien in seine Fassung der Markus-Passion. Bei seinem Amtsvorgänger Telemann bediente er sich außerdem, indem er einige Turbae-Chöre Keisers durch dessen Vertonungen ersetzte (schließlich stammen auch von Telemann einige Passionsmusiken, darunter meines Wissens auch mehrere Fassungen einer Markus-Passion).


    Im Bach-Jahr 2000 viel beachtet worden ist die Fassung, die Ton Koopman 1999 erstellte: Er blendete quasi sämtliche bisher gewonnenen Erkenntnisse zu parodierten Stücken aus und begann quasi „janz von vorn“ mit der Arbeit.
    Dabei stellte er sich vor, ein Schüler Bachs zu sein, der im Kompositionsunterricht von diesem folgenden Auftrag erhält: „Hier ist ein Textbuch; vertone es und verwende dazu so viel wie möglich aus den Werken, die ich bis heute (1731) geschrieben habe. Was du nicht finden kannst, das komponiere selbst.“
    Im Booklet zu seiner Einspielung der Markus-Passion schreibt Koopman, dass er vor allem in den Partituren der Kantaten auf die Suche ging und tatsächlich für einige Stücke gleich mehrere brauchbare Lösungen finden konnte. Für einige Chöre hätte er in der Johannes-Passion eventuell brauchbare Lösungen finden können, doch aus dieser wollte er sich nicht bedienen (was ich aufgrund der Bekanntheit dieses Werks auch gut finde!) Koopman ist der Ansicht, dass die seit der Hellmann-Version immer wieder aus der Trauerode BWV 198 herangezogenen Stücke gar nicht so besonders gut zur Rekonstruktion der Markus-Passion geeignet sind – er erwähnt „hervorragende Lösungen, die die Verwendung der Trauerode überflüssig machen“. Das größte Manko des Booklets dieser Aufnahme ist es dann, sich konsequent darüber auszuschweigen, wo Koopman denn nun seine Anleihen stattdessen gemacht hat – sehr ärgerlich, wie ich finde! Warum daraus ein solches Geheimnis machen??
    Bei der erforderlichen Neukomposition der Rezitative kommt Koopman immerhin seine immense Musizierpraxis zugute: Er kennt Bachs geistliche Musikwelt wohl so gut wie kaum ein anderer! Trotzdem war die Neukomposition der Rezitative der Markus-Passion à la Bach für ihn eine große Herausforderung, die den Thomaskantor in seiner Bewunderung noch weiter steigen ließ, wie er schreibt.


    2001 fertigte der Schweizer Komponist Matthias Heep eine Fassung an, die wiederum mit dem bewussten Stilbruch „Alt gegen Neu“ operiert: Er komponierte acht in sich geschlossene Sätze für Soli, Chor und modernes Orchester, die sich jeweils mit Abschnitten der rekonstruierten Markus-Passion abwechseln. Offensichtlich verzichtete Heep auf alle Choräle der Textvorlage und integrierte lediglich einen (im Originaltext nicht vorkommenden) Choral „Kyrie, Gott Vater“, den er ins Zentrum der gesamten Passion platziert.


    Nach siebenjähriger Vorarbeit (in der das gesamte Oratorien- und Kantatenwerk Bachs studiert wurde) erlebte schließlich im Jahre 2003 die Fassung des italienischen Komponisten Guido Mancusi ihre Erstaufführung. Auch er komponierte die Rezitative im Bachstil neu (diese ganzen Neukompositionen müsste man mal miteinander vergleichen – das könnte sehr interessant werden!) und wählte einige andere Parodievorlagen als in älteren Rekonstrukt-Versionen der Markus-Passion.



    Wie gesagt: Ich bin ziemlich beeindruckt von den so unterschiedlichen Herangehensweisen – es zeigt sich, wie sehr die Kreativität von so einem Fragment befördert werden kann! Sehr spannend!
    Auch für die Zukunft kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass noch weitere Rekonstruktionen der Markus-Passion auf ganz verschiedene Arten folgen werden. Ich bin gespannt!

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Zitat

    1981 schuf Volker Bräutigam (er ist heute Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle/ Saale) eine noch „radikalere“ Version: Die rekonstruierte Hellmann-Version der Markus-Passion ergänzte er mit einem Evangelienbericht, der auf einer Zwölftonreihe basiert und von Orgel und Schlaginstrumentarium begleitet wird (also hören würde ich diese Fassung schon mal gern –wie das wohl klingen mag??)... Dieses „neutönende“ Ensemble soll während einer Aufführung auch räumlich getrennt von den übrigen Ausführenden stehen – der Chor hingegen als verbindende „Brücke“ zwischen den beiden Vertretern so unterschiedlicher Klangwelten.


    Hallo Marc, also das "klingende Ergebnis" der Bräutigam-Verison ist auf CD
    erhältlich und überzeugt mich persönlich durchaus mehr, als die diversen "historisierenden" Versuche. Bräutigam ist der wohl letzte lebende Vertreter
    einer evangelischen Kirchenmusik, der in den Jahren nach 1960 NICHT den bequemen Weg der Gefälligkeit gegangen ist, dessen zweifelhafte Ergebnisse
    man im Ev. Kirchengesangbuch, speziell was da seit den 1970ger Jahren an "Neuem" aufgenommen wurde, und das so furchtbar ist, daß es einen Hund graust, qualvoll "nacherleben" kann.


    Deshalb meine ganz persönliche Empfehlung zur Passionszeit diese Aufnahme hier:


    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Zitat

    Original von BigBerlinBear
    einer evangelischen Kirchenmusik, der in den Jahren nach 1960 NICHT den bequemen Weg der Gefälligkeit gegangen ist, dessen zweifelhafte Ergebnisse
    man im Ev. Kirchengesangbuch, speziell was da seit den 1970ger Jahren an "Neuem" aufgenommen wurde, und das so furchtbar ist, daß es einen Hund graust, qualvoll "nacherleben" kann.


    ...bin ich also nicht der einzige, der diesen Ökomist verabscheut.


    :rolleyes:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Hallo BBB,


    danke für den Tipp mit der Aufnahme der Bräutigam-Version - die werde ich mir nicht entgehen lassen und bin schon recht neugierig :hello:


    An dieser Stelle möchte ich die mir vorliegenden Aufnahmen der Markus-Passion auch mal kurz vorstellen - sie bieten eine interessante Ergänzung zu den hier im Thread schon von BigBerlinBear und Volker näher vorgestellten Versionen von Volker Bräutigam und Johannes H. E. Koch:


    Für die "Puristen" wäre da zunächst die Grundlage der meisten Rekonstruktionsversuche, die Version von Diethard Hellmann aus dem Jahr 1964 (meine Erläuterungen zu den Eigenarten dieser Version siehe oben!).
    Da Hellmann keinerlei Eigenkompositionen, Ergänzungen aus Fremdwerken zulässt, bzw. auf Übernahmen/ Parodien von Bach-Stücken verzichtet, deren Verwendungsmöglichkeit in der Markus-Passion auf noch theoretischeren Füßen stünde, als die von den Bachforschern Rust und Smend "identifizierten" Stücke das eh schon tun, ist diese Version sicher die "kargste" - sie beinhaltet quasi lediglich den Kern dessen, was nach wie vor als einigermaßen gesichert zur Markus-Passion J. S. Bachs im Jahr 1731 gehört haben dürfte.


    Daher wird der Evangelientext in der hier vorgestellten Aufnahme auch von einem Sprecher vorgetragen, die Choräle werden ohne Instrumentalbegleitung vom Chor a cappella vorgetragen (was im Rahmen der ursprünglichen Aufführung dieser Passion sicher auch nicht so der Fall war - aber die Art der Original-Instrumentierung der Choräle ist eben auch nicht gesichert! Eigentlich fast schon ein Wunder, dass Hellmann sich überhaupt auf konkrete Choralsätze Bachs festgelegt hat...)


    Die relativ neue Aufnahme stammt aus dem Jahr 1997:
    Christiane Oelze, Sopran
    Rosemarie Lang, Alt
    Peter Schreier, Tenor
    Wolf Euba (Sprecher, Evangelist)
    Favorit- und Capellchor Leipzig
    Neues Bachisches Collegium Musicum Leipzig
    Peter Schreier, Leitung


    Die Hochpreis-Version sah so aus:



    Aber in der Reihe eloquence ist diese (bei PHILIPS mittlerweile aus dem Katalog gestrichene?) Aufnahme soeben ganz frisch zum dort üblichen, supergünstigen "Rausschmeiß-Preis" erschienen:



    Bizarrerweise plötzlich unter dem Labelnamen von Decca, aber mit derartigen Labelvertauschungen haben die bei Universal seit einiger Zeit wohl ein paar Probleme (wie z. B. hier bei einer Aufnahme von Beethovens Violinkonzert) :wacky: :wacky: :D:D


    Egal - freuen wir uns, dass diese Aufnahme preisgünstig neu erschienen ist :yes:


    Der Chor klingt sehr gut - transparent, deutliche Artikulation. Schreier wählt zügige Tempi, was vor allem dem Eingangs- und Schlusschor sehr gut bekommt. Auch das Instrumentalensemble klingt nach einer angenehmen Mischung aus größtenteils modernem Instrumentarium und historisch informierter Interpretationsweise!


    Bach scheint (so diese rekonstruierte Version denn nun tatsächlich seiner verschollenen Originalpartitur nahekommt) gerade für den Charakter des Eingangschors der Markus-Passion - quasi als "Eintrittsportal" in seine Passionsmusik - eine ganz neue Aussage gefunden zu haben, die erheblich von dem hymnusartigen Charakter des Eingangschores der Johannes-Passion und dem wie ein endloser Zug Klagender am Hörer vorbeiziehenden Eröffnungssatz der Matthäus-Passion abweicht:
    So klingt das "Geh, Jesu, geh zu deiner Pein!" rhythmisch sehr akzentuiert - fast ein bisschen an eine französische Ouvertüre einnernd - und eigentlich überhaupt nicht trauernd oder zerknirscht, sondern eher freudig-erwartungsvoll (aber nicht jubelnd!). Hier spielt wohl das "Ostergeschehen im Hinterkopf" schon eine Rolle!
    Bach hat ja häufiger seine Kantaten mit solchen ouvertürenartigen Sätzen eröffnet (z. B. BWV 61), warum sollte er es mit einer Passionsmusik nicht ähnlich halten?


    Da in der Hellmann-Version die Arie “Angenehmes Mord-Geschrey“ mangels passender Vorlage unvertont blieb, erklingen also nur fünf Arien in dieser Aufnahme, davon eine mit Peter Schreier als Solist, den ich lange nicht mehr gehört habe, schon gar nicht in einer Aufnahme, die gerade mal 10 Jahre alt ist! Die meisten Aufnahmen mit ihm kenne ich aus den 1970er Jahren. So gesehen fand ich es interessant, ihn mal wieder zu hören. Seine Stimme scheint ein wenig nachgedunkelt zu sein, aber ansonsten klingt er routiniert und so angenehm anzuhören wie früher!


    Am ungewohntesten in dieser Aufnahme sind sicherlich die gesprochenen Bibeltexte aus dem Markus-Evangelium, was hier der bekannte Rezitator Wolf Euba übernimmt (er ist vor allem beim Bayerischen Rundfunk seit Jahren tätig). Er trägt sehr eindrücklich den Text (weitgehend) in der alten Übersetzung Luthers vor.
    So, wie er zu Bachs Zeiten üblich war und von ihm in der verlorenen Originalpartitur der Markus-Passion schließlich auch in den Rezitativen (und Turbae-Chören) vertont worden ist.


    Manko des bei eloquence-CDs immer äußerst sparsamen "Booklets" (das immerhin darauf hinweist, dass es sich bei dieser Markus-Passion um eine Rekonstruktion durch Diethard Hellmann handelt!!) ist allerdings, dass sich die Trackliste so darstellt:


    Zitat

    1. Geh, Jesu, geh zu deiner Pein! (Chor)
    2. Und nach zwei Tagen war Ostern (Rezitativ: Evangelist)
    3. Mir hat die Welt trüglich gericht't (Choral)
    4. Und am ersten Tag der süßen Brote (Rezitativ: Evangelist)
    ...


    Wer immer diese Trackliste zusammengestellt hat, konnte sich anscheinend nicht vorstellen, dass es bei dieser Version der Markus-Passion keine Rezitative, sondern einen Erzähltext gibt. :no: :wacky: :no:


    Und wer immer nun unwissend diese CD spielt und ins "Booklet" mit der Trackliste schaut, der wundert sich sicher sehr, was das mit dem Erzähler denn soll, der die "ausgeschilderten" Rezitative nicht mal singen kann :D


    Wahrscheinlich muss man dankbar sein, dass die Herrn Euba nicht auch noch mit dem evangelistenüblichen "Tenor"-Hinweis in der Besetzungsliste versehen haben :hahahaha:


    Naja - wer Tamino liest, weiß ja jetzt Bescheid (könnten die bei Universal Classics ruhig auch mal tun....) :boese2:

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Dann gibt es eine Einspielung von Brilliant Classics (leider ohne Aufnahmedatum), die zum einen wie immer bei Brilliant sehr preisgünstig ist (und meines Wissens auch Teil der dort erschienenen Bach-Gesamteinspielung sein müsste?), zum anderen aber leider auch äußerst sparsam ausgestattet ist - 2 CDs plus Hülle und eine Track- und Besetzungsliste auf der Rückseite. Das war's - kein Booklet, nix :rolleyes:


    Naja - bei dem Preis...




    Es musizieren:


    Rogers Covey-Crump (Evangelist, Tenor)
    Gordon Jones (Christusworte, Bariton)
    Connor Burrowes (Knabensopran)
    David James (Altus)
    Paul Agnew (Tenor)
    Teppo Tolonen (Bariton)
    The Ring Ensemble of Finland
    European Union Baroque Orchestra
    Roy Goodman, Leitung


    Laut CD-Hülle wurde die aus dem Jahr 1993 stammende Rekonstruktions-Version von Simon Heighes eingespielt, wie einem kleinen Hinweis neben dem Werktitel zu entnehmen ist.


    Aber irgendwas scheint da nicht ganz zu stimmen mit dieser Angabe (Besonderheiten der Heighes-Version siehe oben!) - ich konnte an manchen Stellen des Evangelienberichts zwar Passagen aus der Markus-Passion von Reinhard Keiser heraushören, die in dieser Fassung in Ermangelung der originalen Bach-Noten Verwendung findet, aber an anderen Stellen erklangen auch wieder irgendwelche anderen Vertonungen - vor allem in einigen Turbae-Chören...



    Außerdem beginnt - wie oben bereits erwähnt - die Keisersche Passion erst später (Ölberg-Szene), während bei Bach schon die vorhergehenden Geschehnisse vertont wurden.
    Es stellt sich also die Frage, was für eine Musik in den Rezitativen ganz zu Beginn dieser Einspielung zu hören ist, die von Keiser kann es ja nicht sein.


    Aus Bachs Weihnachtsoratorium wurden übrigens mindestens 2 Anleihen gemacht:
    Die Hohenpriester stellen direkt zu Beginn "Ja nicht auf das Fest, auf das nicht ein Aufruhr werde!" fest und singen dabei allerliebst zur Melodie von "Lasset uns nun gehen gen Bethlehem" (so singen es die Hirten im WO, 3. Kantate) :wacky:


    Und später in der Kreuzigungs-Szene wird das "Pfui, wie fein zerbrichst du den Tempel" auf die Weise der Weisen aus dem Morgenland gesungen (WO, 5. Kantate): "Wo ist der neugebor'ne König der Jüden?"


    Irgendwie stört mich das schon sehr, wenn solch bekannte Stellen hier "zweckentfremdet" werden, die im WO einen ganz anderen Charakter haben und zudem noch mehr als 3 Jahre nach der Markus-Passion von Bach komponiert wurden! :no:


    Außerdem hätte zumindest für das "Pfui!"-Chörchen eine Vorlage von Reinhard Keiser existiert - aber man scheint sich in dieser Aufnahme hinsichtlich der Vorlagen nach Belieben und wohl auch etwas willkürlich bedient zu haben...
    Sollte dies alles wirklich so von Simon Heighes stammen, wie auf dem Cover angegben??


    Das Tempo der Einspielung ist deutlich langsamer als in der Schreier-Aufnahme (denn es werden dieselben 5 Arien und der Eingangs- und Schlusschor aus der allgemein als Grundlage geltenden Hellmann-Version verwendet, so dass zumindest hier ein Vergleich möglich ist) und die ganze Goodman-Aufnahme wirkt vom Klang her nicht so klar und deutlich wie die von Schreier.


    Auch die Aussprache der Solisten und des Chores wirkt (Unsicherheiten wegen der Sprachbarriere?) undeutlicher und auch irgendwie teilnahmsloser...


    Die Besetzung der hohen Solo-Stimmen mit Knabensopran und Altus mag ja historisch korrekt sein, aber mich stört das gewaltig, zumal wenn es so klingt, wie in dieser Aufnahme:
    Der Altus David James singt streckenweise (zumindest für meine Ohren) wie eine Parodie eines Altisten: Er heult und jault und seine Stimmfärbung ist nur schwer erträglich.
    Und der Knabensopran ist (wie oft in solchen Besetzungen) irgendwie mit dem Audrucksgehalt seiner beiden Arien total überfordert.
    Außerdem hat (nicht nur) er hörbare Schwierigkeiten mit dem deutschen Text. Ich bin nicht sicher, ob er wirklich weiß, was er da eigentlich singt. :rolleyes:
    Und da er seinen Text in den Arien ständig wiederholen muss, nervt es irgendwann, wenn er zum x-ten Mal "Errrr kommt, errr isss vorhanden" oder "Angenehmes Mordsgeschrei" von sich gibt :no:
    Es mag ja sein, dass es bei Pilatus damals ein Mordsgeschrei gab, aber das ist ja wohl definitiv was anderes, als das im Arientext eigentlich gemeinte "Mord-Geschrei"....


    Mein Fazit zu dieser Aufnahme also: Interessante Version der Markus-Passion (da man nicht zu 100% weiß, von wem sie nun eigentlich stammt) zu einem Spottpreis.
    Aber das rächt sich eben durch die insgesamt etwas schlampig-lieblose Interpretation (und das nicht vorhandene Booklet). Schade eigentlich :no:

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Heute bekam ich die schon anderorts erwähnte (aber irgendwo in einem Thread dessen Titel nicht darauf schliessen läßt, also schwer auffindbar ist) Brillant-Classic-Box mit sämtlichen Passionen Bachs.



    Meine ersten schnellen Höreindrücke (speziell von Besetzung und Klangqualität) sind durchwegs positiv doch von der Lukas-Passion bin ich leider doch ziemlich enttäuscht. Hierbei handelt es sich bei den Beteiligten um die Balinger Kantorei unter Gerhard Rehm.
    Wo bei den anderen Passionen die Distanz zu den Mikrofonen als auch die Besestzungsgröße ungefähr passen ist bei dieser Interpretation ein m.M. nach viel zu großer Chor mit zu weiter Mikrofonplatzierung wahrnehmbar, also alles andere als einer guten Durchhörbarkeit zuträglich (was dann gerade den polyphonen Stellen nicht gut tun würde) Da ich gerade in meiner Bach-(gründlich kennenlern)Phase bin und gerade auch das Buch C.Wolffs lese so fiel mir folgendes zur Interpretation auf, worin steht:
    "Die in Bachs >Entwurff< von 1730 geforderte, von Andrew Parrott in Zweifel gezogene Normalbesetzung des kirchenmusikalischen Vokalensembles von je drei Sängern pro Stimmlage wird durch zwei historische Chorlisten von 1729 mit 12 Sängern für den von Bach geleiteten Chor I bzw. 1744-45 mit 17 Sängern für Chor I bestätigt."


    Zur Lukas Passion und deren genauen Anteil Bachs bin ich in diesem Buch zwar noch nicht gekommen aber ich würde mich diesbezüglich generell fragen inwieweit dann in der Praxis wirklich Rücksicht auf solche
    "Vorgaben" des Komponisten genommen wird - ich kenne nicht allzu viele Einspielungen und schon garnicht von der Lukas und Markuspassion, kann mir aber vorstellen das auch abseits Karajans noch ein paar andere Dirigenten etwas zu dick aufgetragen haben (?)
    Zum Kennenlernen der Lukas-Passion würde ich diese Einspielung jedenfalls nicht weiterempfehlen.
    Ich werde mich in den nächsten Tagen mal genauer durch alle Passionen dieser Box durchhören (und mich weiter durchs Buch wühlen) und ggf. etwas dazu schreiben. Hat eigentlich sonst noch jemand diese Box und falls ja wie zufriedenstellend wäre die Interpretation für sich?


    lg
    Thomas

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Dieser Thread ruht schon sehr lange. Deshalb ist die in meinen Augen bisher überzeugendste Lösung der Markuspassion noch nicht erwähnt worden. Das Konzept der Aufnahme von Jordi Savall mit Le Concert des Nations ist für mich das bisher stimmigste. Die Aufnahme die dabei herausgekommen ist, hat leider ihre Schwächen.



    Zunächst mal zum Konzept ("Vollständig neu revidierte Fassung von Jordi Savall, gestützt auf die Forschung, Rekonstruktion und Adaption für Chöre und Rezitative von Alexander Grychtolik"): In der Bachforschung hat man sich schon länger von der Idee verabschiedet, dass eine komplette originale Passion Bachs verschollen ist. Picanders Text liegt vollständig vor, wie oben von Marc schon ausgeführt wurde. Allerdings enthält sie neben dem Lutherischen Evangeliumstext acht Arien (nicht nur fünf wie oben erwähnt). Hinzu kommen ganze 16 Choräle. Das macht das Werk im Verhältnis zum chorallastigsten Bachs (16 von 46 Nummern, im Vergleich sind es in der Matthäuspassion 13 von 68). Aufgeführt wurde sie mindestens 1731 und nochmals umgearbeitet 1744 in der Thomaskirche.

    Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass die Markuspassion von Anfang an Pasticcio war. Erhalten ist die Musik nicht, so dass unklar bleibt, ob neben Parodie auch Neukomposition enthalten war. Wichtigste Quelle dürfte, das haben mehrere Studien u.a. von Dürr ergeben, die Trauerode "Lass Fürstin, lass doch einen Strahl" BWV 198 sein. Viele der Picanderschen Textstücke passen hervorragend zur dieser Ode. Weitere Quellen sind wahrscheinlich die Kantaten "Widerstehe doch der Sünde" BWV 54, sowie BWV 2. In den Chorälen zudem BWV 20, 80 und 135. Apropos Choräle: Picanders Text gibt an, zu welcher Melodie die Choräle gesungen werden sollten. Freilich lassen sich die entsprechenden Choralvertonungen dann im Werk Bachs finden und einfügen, allerdings fehlt leider die konkrete Harmonisierung, denn Bach hat Choräle für verschiedene Anlässe ja mit verschiedenen Sätzen vertont.

    Savalls Konzept ist es, die Lücken mit Anleihen nur aus Bachs eigenem Werk zu schließen. Nicht mit Neukompositionen wie bei Koopman (2000), oder mit Ergänzungen aus Reinhard Keisers Markus-Passion (versch. Versionen). Das bedeutet, dass er neben den wahrscheinlichen Elementen (Arien und Chöre aus BWV 198 sowie Choräle aus verschiedenen eigenen Quellen), die Lücken der Rezitative und Turbae-Chöre in ihnen aus Bachs sonstigen großen oratorischen Werken füllt: Matthäuspassion, Johannespassion und WO. Beim Hören gibt es somit häufig Aha-Erlebnisse, zumindest beinahe, da die Texte nun freilich aus dem Markusevangelium stammen und die Musik daran angepasst wurde.

    Damit ergibt sich eine inhaltlich geschlossene, vollständige Passion, deren musikalischer Duktus die Sphäre Bachscher Oratorien bzw. sogar Passionen nie verlässt. Homogener geht es nach momentanen Kenntnisstand nicht.


    Zur Aufnahme muss man sagen, dass sie leider sehr unter einigen Sängern leidet. Konstantin Wolffs Jesus ist verwaschen und undeutlich mit einem Timbre das für die vox christi eher unglücklich ist. Und David Szigetvári als Evangelist ist leider sehr unidiomatisch unterwegs, was bei Bachschen Rezitativen ein sehr großer Nachteil ist. Da wird leider überhaupt kein Wert auf Textverständlichkeit gelegt. Ähnlich agiert zeitweise auch der Chor. Die weiteren Solisten und das Orchester sind absolut in Ordnung. Etwas verwunderlich ist Savalls Herangehensweise in den Chorälen, die sehr dick und teilweise fast romantisierend daher kommen.

    Man kann nur sagen: Die Savall-Version der Markuspassion setzt sich hoffentlich durch und wird dann bitte nochmal besser eingespielt!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Zu Ullis vor langer Zeit gestellte Frage kann ich hinichtlich der Lukas-Passion von Bach auf Taminos Oratorienführer verweisen, denn da habe ich unter Johann Sebastian Bach (zugeschrieben) Lukas-Passion nach der Beschreibung des Inhalts der Passionsmusik in den Informationen etliche Hinweise gegeben. Darunter war auch die Meinung eines gewissen Felix Mendelsohn Bartholdys, der einem Sänger namens Hauser, der die Handschrift der Passionsmusik erworben hatte und Mendelssohns Meinung dazu wissen wollte, folgendes geschrieben:


    Es thut mir leid, daß du für die „Passion St. Lucas“ so viel Geld gegeben hast; zwar als unbezweifeltes Manuscript ist es nicht zu theuer bezahlt, aber ebenso gewiß ist diese Musik auch nicht von ihm (…) Du fragst, aus welchem Grunde der Lucas nicht von Sebastian Bach sein soll? Aus inneren (...); wenn das von Sebastian ist, so lass‘ ich mich hängen, und doch ist‘s unleugbar seine Handschrift. Aber es ist zu reinlich, er hat es abgeschrieben.(...)


    Seinerzeit habe ich unterstellt, dass es aus der Feder des Herrn Compositeurs Molter stammt, der es im Stil der Frühklassik geschrieben hat. Ob sich an der Beweisführung seit damals - die Angaben wurden 2013 gemacht - etwas geändert hat, weiß ich nicht. Gehört und gelesen habe ich darüber nichts mehr....

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    MUSIKWANDERER

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  • Ich habe noch einmal nachgesehen und vermag auch zur Markus-Passion einiges an Informationen nachzutragen. Der interessierte Leser mag bitte im Oratorienführer unter Markus-Pasion nachsehen. Da habe ich zu den damalig vorhandenen Informationen einiges zusammengetragen, darunter auch Angaben zu den vorhandenen Bearbeitungen gemacht. Das war 2013 und ich weiß nicht, ob sich seit den 13 Jahren seit damals Neues ergeben hat. Tatsache ist, dass Bach eine Markus-Passion komponiert hat und die Information darüber stammt von Picander, dem Text-Lieferanten Bachs, denn der hat den Text in der Veröffentlichung seiner gesammelten Werke genannt.

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    MUSIKWANDERER