So tragisch es ist, dass uns Bachs Original-Komposition der Markus-Passion aus dem Jahr 1731 nicht erhalten ist, so spannend finde ich es aber auch, dass sich anhand zahlreicher, immerhin in großen Teilen gut nachvollziehbarer Fakten zu den „Grundelementen“ dieser Passionsmusik kreativen Komponisten und Musikwissenschaftlern somit eine Möglichkeit bietet, sich auch einmal schöpferisch mit einem Bachwerk auseinanderzusetzen!
Wo hat man schon einmal Gelegenheit zu solch einem kreativen Experimentieren? Das ist ja schließlich auch eine Form der nach wie vor äußerst lebendigen Bach-Rezeption! Und immerhin eine, die sich nicht nur auf rein interpretatorischer Ebene abspielt.
Vergleichbar ist dies wohl am ehesten mit ähnlichen Stücken, die aus den unterschiedlichsten Gründen Fragmente geblieben sind, z. B. Mozarts Requiem oder seine c-moll-Messe. Auch hier wurden und werden ja immer wieder einmal Versuche unternommen, diese Werke möglichst "im Geiste Mozarts" zu vervollständigen... :wacky:
Auch zur Markus-Passion gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von ganz unterschiedlichen Versuchen, dieses Werk in eine aufführbare Form zu bringen, also eine vollständige Passionsmusik erklingen zu lassen; reklov29 und BigBerlinBear haben weiter oben in diesem Thread ja schon einige interessante Hinweise hierzu gegeben.
Da mich solche Themen („unvollendete Werke und deren Rekonstruktionsversuche“) ungemein reizen, habe ich mal ein bisschen recherchiert und wollte Euch anlässlich der beginnenden Karwoche ein paar weitere Fakten zur Markus-Passion präsentieren:
Da im Zuge der Aufteilung des musikalischen Nachlasses von Johann Sebastian Bach unter seine vier Söhne und seine Witwe Anna Magdalena wohl etliche Werke im Zuge später oft aus akuter Geldnot erfolgter Weiterverkäufe als unwiederbringlich verloren gelten müssen (obwohl man ja niemals nie sagen sollte!), kann man wohl mit einiger Sicherheit sagen, dass die Partitur der Markus-Passion unter diese Gruppe fällt – leider!
Aber immerhin ist eine nicht zu vernachlässigende Komponente erhalten geblieben: Das vollständige, von Picander (Christian Friedrich Henrici) verfasste Textbuch dieser "Paßions-Music nach dem Evangelisten Marco"!
Der Text findet sich abgedruckt im 3. Teil der Gesamtausgabe der picanderschen Gedichte – mit dem Hinweis, dass selbiger am "Char-Freytage 1731" aufgeführt worden sei.
Auch wenn im Text keine Angabe des Komponisten gemacht wird, besteht eigentlich kein Zweifel, dass nur Bach dies gewesen sein kann, denn zu seinen Aufgaben als Thomaskantor gehörte nun einmal auch die Komposition der Passionsmusik, die am Karfreitag abwechselnd in der Leipziger Thomas- und der Nikolaikirche gegeben wurde.
Am Karfreitag, dem 23. März 1731, war turnusgemäß übrigens die Thomaskirche Schauplatz der Aufführung (die Matthäus-Passion war hier entweder 1727 oder 1729 ebenfalls uraufgeführt worden).
Der Text der weltberühmten Matthäus-Passion befindet sich – nebenbei bemerkt – im 2. Teil der Picander-Werke abgedruckt (1729 erschienen) und auch hier wird kein Komponist genannt!
Bach hat schließlich zu dieser Zeit häufig mit Picander zusammengearbeitet und somit besteht eigentlich kein Zweifel, dass uns zumindest der Text seiner verschollenen Markus-Passion als Grundlage der Vertonung erhalten wurde – eine überaus wichtige Grundlage für die weitere Vorgehensweise sämtlicher Rekonstruktionsversuche!
Interessant für diese Rekonstruktionen ist natürlich zunächst ein Blick auf die Konzeption und den Umfang der Textdichtung.
Ein wesentlicher (und naturgemäß stets unveränderter) Bestandteil der Markus-Passion ist natürlich der entsprechende Evangelientext in der Übersetzung Martin Luthers. Picander steigt wie in der Matthäus-Passion zu einem relativ frühen Zeitpunkt in die Handlung ein: Die Salbung in Bethanien, die nach einer List zur Ergreifung Jesu suchenden Hohepriester und das letzte Abendmahl werden in den Passionsbericht einbezogen. Viele Passionsmusiken, darunter auch Bachs Johannes-Passion von 1724, beginnen erst mit der Schilderung der Ereignisse im Garten Gethsemane am Ölberg.
Die Markus-Passion besteht aus den üblichen 2 Teilen („Vor und nach der Predigt“), der zweite Teil beginnt wie die Matthäus-Passion mit dem Verhör Jesu vor dem Hohepriester Kaiphas.
Der entscheidende Unterschied der Konzeption der Markus-Passion im Gegensatz zur vorangegangenen Matthäus-Passion besteht nun darin, dass die Markus-Passion deutlich weniger die biblische Handlung unterbrechende und kommentierende Arien enthält, nämlich „lediglich“ 6 Stück (das sind noch weniger als in der Johannes-Passion!).
Hinzu kommt, dass die zahlreichen Arien in der Matthäus-Passion fast ausnahmslos jeweils ein längeres Arioso vorangestellt erhalten – diese „Formpaarung“ fehlt in der Anlage der Markus-Passion vollständig. Dafür wird die biblische Handlung wesentlich häufiger durch verschiedene Choralstrophen (insgesamt 16!) unterbrochen, als dies in Matthäus- und Johannes-Passion der Fall ist.
Ich denke, man kann also schon davon sprechen, dass Bach und Picander nach der gewaltigen Matthäus-Passion bewusst eine ganz andere Konzeption der neuen Passionsmusik geplant haben, nach dem Motto: „Die Matthäus-Passion können wir sowieso nicht mehr übertreffen – üben wir uns diesmal etwas mehr in Selbstbeschränkung und Einfachheit!“ Wer weiß, vielleicht reagierten beide auch nur auf Kritik aus den Reihen der „Offiziellen“, denen die Matthäus-Passion zu ausschweifend und umfangreich gewesen war und die sich nun eine etwas zurückgenommenere und kleiner dimensionierte Passionsmusik erbaten?
Jedenfalls ist diese „bescheidenere“ Anlage der Markus-Passion ein Glücksfall für die heutigen Rekonstruktionsversuche: Müssen doch beispielsweise an größeren Stücken „nur“ die Noten für die erwähnten 6 Arien und den Eingangs- und Schlusschor ge- bzw. erfunden werden. Man stelle sich die weitaus größere Schwierigkeit des Unterfangens vor, wenn uns die Noten der Markus-Passion erhalten geblieben wären und man stattdessen jetzt versuchen würde, anhand der Picander-Dichtung die verschollenen Klänge der Matthäus-Passion zu rekonstruieren...
Weiterhin hilfreich für Rekonstruktionsansätze ist die Tatsache, dass Bach in den 1730er-Jahren, in denen die Markus-Passion entstand, häufig zum „Recycling“ bereits komponierter (meist weltlicher) Stücke neigte (die Musikwissenschaft nennt dies das „Parodieverfahren“, aber ich mag den Begriff nicht so sehr, weil ich mit „Parodie“ irgendwie immer etwas komisches assoziiere und das scheint mir im Zusammenhang mit einer Passionsmusik wenig hilfreich...).
Als wirtschaftlich denkender Mensch wollte er ungern etwas Gelungenes verkommen lassen (recht so!) und arbeitete so sehr ökonomisch – und durchaus zeitgemäß, denn im Barock machten dies fast alle Compositeurs mit Vorliebe so, wobei „Anleihen“ nicht nur bei älteren eigenen Werken erfolgten... ![]()
Und was nun etlichen erfolgreich „recycelten“ Stücken im bachschen Oster-, dem Weihnachts- und dem Himmelfahrts-Oratorium recht sein sollte (entstanden 1725, 1734 und 1735) - oder auch in den lateinischen Messvertonungen - könnte doch ohne Weiteres auch in der Markus-Passion so praktiziert worden sein – so hypothetisch erscheint mir diese Annahme nicht.
Die Tatsache, dass die Original-Partitur der Markus-Passion offenbar von einem der Erben Johanns Sebastians verkauft wurde, wird durch die Tatsache gestützt, dass in einem Verkaufskatalog von Breitkopf in Leipzig im Jahr 1764 eine (allerdings nur) 48 Seiten umfassende Partitur "Anonymo, Paßions-Cantate, secundum Marcum" angeboten wurde, die den Titel „Geh, Jesu, geh zu deiner Pein“ trägt (das ist der Beginn des Eingangschorals der Picander-Dichtung der Markus-Passion).
Wenn man mal davon absieht, dass die nur 48 Seiten evtl. nur ein Teil der Partitur gewesen sein dürften (z. B. Bibelworte und Choräle), ist es nicht unwahrscheinlich, dass es sich hierbei tatsächlich um Bachs Passionsmusik gehandelt haben könnte – es müsste herausgefunden werden, wie viele andere Komponisten außer Bach sich noch an der Vertonung der Dichtung Picanders versucht haben.
Meines Wissens war aber Picanders Wirkungskreis als Dichter außerhalb Leipzigs nicht so bedeutend groß und welcher Komponist sollte zur damaligen Zeit eine Markus-Passion vertonen, wenn er nicht eine Aufführungsgelegenheit dafür gehabt hätte?
Es hätte sich dabei also mindestens um einen Kantor einer nicht unbedeutenden Stadt handeln müssen, die über genügend Kräfte verfügte, eine Passionsmusik auf die Beine zu stellen, die immerhin eine Besetzung mit „Sopran, Alt, Tenor, Bass; 2 Traversflöten, 2 Oboen, Streicher, Viola da gamba und Basso continuo“ erforderte. Diese Besetzungsangaben sind nämlich ebenfalls in dem erwähnten Breitkopf-Katalog enthalten (und ein weiterer nützlicher Hinweis für Rekonstrukteure der heutigen Zeit!).
Leider fehlt jedoch die Angabe eines Komponisten und das erstaunt schon. Konnte sich 1764 – also immerhin 33 Jahre nach der Uraufführung – kein Leipziger mehr an die gleichnamige Markus-Passion des langjährigen Thomaskantors Bach erinnern? Es wäre in diesem Verkaufskatalog sicher ein umsatzfördernder Hinweis gewesen, hätte man die angebotene Partitur (und wenn auch nur aus bloßen „Verdachtsgründen“) um den Komponisten-Namen des sicher noch vielen Leipzigern geläufigen Thomaskantors Bach geschmückt.
Es ist übrigens nicht bekannt, welchen Weg die derart feilgebotene Partitur genommen hat...
Jedenfalls konnte bereits im 19. Jahrhundert der Musikwissenschaftler Wilhelm Rust (1822-92) durchaus plausibel auf mögliche Quellen aus dem Bach-Oeuvre verweisen, die Vorlage für in der Markus-Passion verwendete Parodien gewesen sein könnten. Das Bach regelmäßig solche Verfahren anwendete, war damals schon bekannt.
Er stellte vor allem in Bezug auf Metrum und Reimschema einiger Texte fest, dass Bach Musikstücke aus folgenden Kantaten für seine Markus-Passion entliehen und weiterverarbeitet haben könnte:
BWV 198 „Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl“ (Trauerode)
BWV 244 a „Geh, Leopold, zu deiner Ruh“ (Trauermusik)
Die Arie „Falsche Welt, dein schmeichelnd Küssen“ der Markus-Passion glaubte er ebenfalls recht überzeugend als parodierte ursprüngliche Eingangs-Arie aus der Kantate BWV 54 "Widerstehe doch der Sünde" wiedererkannt zu haben.
Somit ließen sich sowohl der Eingangs-, wie auch der Schlusschor, sowie 4 von 6 Arien der Markus-Passion mehr oder weniger rekonstruieren. Zu beachten ist dabei allerdings, dass Bach beim „Parodieren“ älterer Stücke nie nur die Texte austauschte und evtl. noch die Instrumentation veränderte. Er verstand es meisterhaft, oft nur durch kleine, aber ungemein wirkungsvolle Änderungen, das ältere Musikmaterial perfekt an jedwede neuere Herausforderung anzupassen. Wer merkt z. B. dem Weihnachtsoratorium noch an, dass viele seiner Einzelsätze ursprünglich weltlichen (meist recht banalen) Kantaten entstammen?
Und gerade diese Kunstfertigkeit Bachs erschwert natürlich die Arbeit der Rekonstrukteure von heute ungemein.
Die beiden Arien “Welt und Himmel“ und “Angenehmes Mord-Geschrey“ sind demnach als einzige ohne erkennbare Parodievorlagen geblieben und wurden 1731 von Bach eventuell neu komponiert.
Der Musikforscher Friedrich Smend (1893-1980) wiederum hat sich unter anderem um die „Wiederherstellung“ der zahlreichen Choräle, die in der Markus-Passion verwendet werden, sehr verdient gemacht. Glücklicherweise ist das von Bach hinterlassene „Repertoire“ an von ihm vierstimmig gesetzten Chorälen sehr umfangreich.
Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel hat allein aus dem ihm zur Verfügung stehenden Nachlass eine vierteilige (!) Sammlung von Chorälen zusammengestellt und herausgegeben.
Es gibt natürlich mehrere Möglichkeiten, hier zum Teil aus mehreren Fassungen ein und desselben Chorals zu wählen (und verschiedene Rekonstruktions-Fassungen wählen hier tatsächlich ganz unterschiedlich aus) – aber das ist im Vergleich zu den anderen Schwierigkeiten bei der „Wiederherstellung“ der Markus-Passion wohl der „luxuriöseste“ Part der gesamten Übung...
Der umfangreiche Evangelientext (inklusive der zahlreichen Turba-Chöre) hingegen ist wohl tatsächlich nicht mehr auffindbar und wird wohl auch schon 1731 von Bach komplett neu vertont worden sein (ähnlich wie beim ja ebenfalls recht „parodielastigen“ Weihnachtsoratorium von 1734).
Das ist zweifellos der größte Verlust an der gesamten vertrackten Geschichte derMarkus-Passion!
Auf Parodievorlagen kann man somit nicht zurückgreifen, weshalb bei allen Rekonstruktionsversuchen hier auch die einschneidendsten (und interessantesten) Lösungen gefunden werden mussten.
Lediglich der Turba-Chor „Pfui dich, wie fein zerbrichst du den Tempel“ wird in einigen „Neufassungen“ der Markus-Passion mit der Melodie des Chors „Wo ist der neugeborne König der Jüden“ aus dem Weihnachtsoratorium unterlegt, wobei mir der deutlich friedlichere Charakter des WO-Chores (immerhin tragen ihn die Weisen aus dem Morgenland vor!) nicht sonderlich gut zu dem eigentlich erforderlichen aggressiven Charakter zu passen scheint, den die erregte Volksmenge, die Jesus derart schmäht, haben müsste. Außerdem ist das Weihnachtsoratorium dreieinhalb Jahre nach der Markus-Passion entstanden – damit ist die Theorie einer „Entleihung“ des Chores eh nicht zu halten (so gesehen müsste es dann eigentlich eher umgekehrt gewesen sein)!
Soweit zur Ausgangslage – auf diesem (in seiner Bestimmung mehr oder weniger gesicherten) Material aufbauend, sind im Lauf der letzten knapp 50 Jahr doch erstaunlich zahlreiche Versuche unternommen worden, die verlorene Markus-Passion von Johann Sebastian Bach irgendwie zu neuem Leben zu erwecken.





