Populärklassik versus Richtige Klassik

  • Hallo, liebe Freunde der "richtigen" Klassik,


    ich für meinen Teil will es mal so formulieren: ich bin, ich weiß nicht wem dankbar, vielleicht unserem Schöpfer, dass mir die Liebe für die klassiche Musik in die Wiege gelegt wurde, wenn auch leider nicht die Begabung für das Klavierspielen, aber für leidliches Chorsingen hat es immerhin gereicht.
    Ich fühle, dass ich glücklich sein kann über die viele schöne klassische Musik, die ich höre, über die vielen wunderbaren Konzerte, die ich besuchen darf und auch über die vielen erfüllenden Auftritte, die ich als Chorsänger in einem Kirchenchor habe und über das jährliche große Konzert, bei dem ich mitsingen darf.
    Dieses Glück hat nicht jeder, und ich werfe keinem vor, wenn er diese Gelegenheit nicht hat oder diese Musik nicht mag. ich freue mich nur, dass ich daran teilhaben darf.


    Schönen Sonntag


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Ich glaube, das ist durchaus zutreffend.
    Versteht mich nicht falsch, die klassische Musik (die "richtige") hat es so an sich, dass sie den Hörer in einen tiefen, emotionalen See zieht, aus dem man wegen der großen, anfänglichen (durchaus auch naiven) Begeisterung nicht mehr raus kann.


    Was weder nur positiv, noch nur negativ zu verstehen ist.
    Aber dennoch glaube ich nicht, dass das reine "Hören" alles ist.
    Die Beschäftigung mit der Musik ist ein Kernthema, ein großer Unterschied zur Unterhaltungsmusik, oder zur oben genannten, "Populärklassik".
    Denen geht es nur ums "Hören". Diese Leute nehmen klassische Stücke her, schreiben sie um, verkürzen sie, instrumentalisieren sie, wie sie es gerade wollen, vollkommen ungeachtet der musikalischen Botschaft...


    DAS ist "Populärklassik".
    Wenn wir in der "richtigen Klassik" (ich mag diese Wörter echt nicht) anfangen, "nur" zu hören und die Beschäftigung mit der Musik vergessen, werden wir, als Verurteiler der Populärklassik vom Regen in die Traufe geraten.
    Zumal es äußerst paradox ist, einerseits die Populärklassik zu verurteilen und andererseits genau das, was die Populärklassik ausmacht, selbst zu betreiben...


    ...nämlich das reine "Hören" der Werke...


    Natürlich ist das Hören ansich schon eine Beschäftigung, aber sie sollte nicht die einzige sein, da wichtige Aspekte um das Werk herum nicht entdeckt werden können.
    Es ist also IMO notwendig sich mit "reiner" Klassik näher zu beschäftigen, soll heißen, das Werk studieren, die Hintergründe entdecken, das Werk vielleicht sogar zu singen oder zu spielen, und - natürlich - aufs Hören nicht vergessen, denn (und das sollte jede Art von Musik gemein haben) das Hören ist doch das Wichtigste (wenn auch nicht das Einzige) in der Musik..


    Gruß :hello:

    Komponiert ist schon alles - aber geschrieben noch nicht. (W.A. Mozart)

  • Das ist ja richtig, dass man sich mit 'richtiger Klassik' beschäftigen soll und muß.


    (Beim Instrumentieren in der Reihe Populärklassik möchte ich milden Einspruch erheben und zumindest zu bedenken geben, dass man bei der Instrumentation von Klavierstücken oder Bach-Fugen durchaus zu interessanten Ein- und Ansichten gelangen kann)


    Das polarisiert mir die Sache jedoch in einer falschen Richtung - das klingt wie: klassische Musik ist für das Hirn und Populärklassik fürs Herz. Und das ist es eben nicht. Ich musste mir das in meiner Vergangenheit immer vorwerfen lassen (heute vermutlich auch noch, heute bin ich aber alt genug, um das zu ignorieren): "Du hörst Mahler-Symphonien (um nur ein Beispiel anzuführen, bei dem das passiert ist) nur, um deinen Intellekt zu befriedigen und zeitgenössische Popmusik ist dir halt zu simpel."
    Ja zum zweiten. Aber das ist nicht nur meinem Intellekt, sondern auch meiner Seele zu simpel. Ich höre klassische Musik, weil sie mir und meiner Seele unglaublich viel gibt.


    Ich stimme einem Vorredner weiter oben zu: aus dem Bann kommt man nicht mehr los, zum Guten wie zum Bösen. Ich habe der klassischen Musik meine Seele - nein: nicht verkauft, sondern geschenkt.


    Abgesehen davon bereitet mir bei Popmusik das häufige laute Herumschlagen auf simplen Baßfiguren und der allgemein viel zu hohe Dauerlärmpegel körperliche Schmerzen. Klassische Musik ist bisweilen auch laut, aber auf natürlichem Wege - ich verabscheue künstlich verstärkte Klassik.
    Spätestens, wenn jemand einer Geige einen Verstärker einpflanzt, ist für mich Populärklassik erreicht.

  • Zitat

    Original von Travinius


    (Beim Instrumentieren in der Reihe Populärklassik möchte ich milden Einspruch erheben und zumindest zu bedenken geben, dass man bei der Instrumentation von Klavierstücken oder Bach-Fugen durchaus zu interessanten Ein- und Ansichten gelangen kann)


    Da hast du vollkommen Recht. Es wäre falsch zu sagen, es kommt nur Blödsinn beim Instrumentieren von klassischen Stücken raus, das habe ich sehr schlecht formuliert...
    Denn gute Instrumentationen haben durchaus ihren Reiz und können alle Zuhörer (auch jene, die sonst eher nicht "reine" Klassik hören) zu klassischer Musik reizen.


    Zitat

    Das polarisiert mir die Sache jedoch in einer falschen Richtung - das klingt wie: klassische Musik ist für das Hirn und Populärklassik fürs Herz.


    Das ist es nicht, was ich meine, sondern


    Zitat

    Ich höre klassische Musik, weil sie mir und meiner Seele unglaublich viel gibt.


    Wieder einmal habe ich mich vollkommen unverständlich ausgedrückt.
    Natürlich ist Klassische Musik nicht nur Musik fürs "Hirn" oder für den Intellekt, natürlich ist der durchaus WESENTLICHE Part das Hören.
    Aber "Populärklassik" und alle anderen Nachahmungen werden mich niemals so tief berühren, so ungemein emotional treffen und mich innerlich erschüttern, wie (reine) Klassische Musik!


    Das Denken und das "Verstehen-müssen", und das "hinhören, was die Musik dir anvertrauen kann", ist nirgends so stark, so ungemein wichtig, wie in der Klassik.


    Während die Populärklassik eher mit einem kleinen Bach vergleichbar ist, in dem man ab und zu baden kann, um sich neckisch darin zu amüsieren, ist die (reine) Klassik wie ein Strom, der dich mitreißt, mit dem du durch so viele verschiedene Landschaften reist, das du immer wieder aufs Neue etwas entdeckst.


    Zitat

    Ich habe der klassischen Musik meine Seele - nein: nicht verkauft, sondern geschenkt.


    :jubel: :jubel: :jubel:


    Gruß :hello:

    Komponiert ist schon alles - aber geschrieben noch nicht. (W.A. Mozart)

  • Zitat

    Original von Travinius
    Dann sind wir wohl doch näher beieinander, als ich zunächst dachte...


    :lips:


    Gruß :hello:

    Komponiert ist schon alles - aber geschrieben noch nicht. (W.A. Mozart)

  • Hallo, liebe Vorredner!


    Bei einigen der vorhergehenden Beiträge fürchtete ich schon, ich sei im falschen Forum, da ich weder Musik studiert habe noch sie ausübe(leider). Also scheine ich als reine Klassikhörerin völlig disqualifiziert zu sein, der Musik den ihr zustehenden Rang zuzuerkennen. Ich sehe die Sache daher völlig simpel:
    1. Popmusik nervt mich wegen ihrer Lautstärke und Primitivität. Sie ist nicht in der Lage, mir irgendeine gefühlsmäßige Reaktion zu entlocken.
    2. Populäre Klassik stört mich nicht. Sie ist wunderbar geeignet, haushaltstypische Arbeiten (z.B. Bügeln o.ä.) zu begleiten.


    3. "Echte Klassik" ist in der Lage, mich emotional zu berühren. Ich muss sie ungestört und konzentriert hören. Dabei ist es mir völlig egal, wie der Komponist das angestellt hat, im Gegenteil, das Wissen würde mich eher ablenken. Ich werde nie vergessen wie mein Musiklehrer uns bei der Besprechung von Wagners Meistersingern uns darauf hingewiesen hat, die Bläser spielten in der Einleitung zum "Fliedermonolog" Nonenakkorde. Seitdem fällt mir jedesmal, wenn ich diese Musik höre, ein "Aha, die Nonenakkorde", und der Musikgenuss ist beim Teufel.


    Im übrigen fällt mir noch der Spruch ein - von wem weiß ich nicht mehr - Die Musik drückt das aus, was sich mit Worten - und das heißt doch wohl mit dem Intellekt - nicht ausdrücken lässt. Von daher ist es mir völlig egal, w i e die Architekten die Hagia Sopgia gebaut haben - sie beeindruckt mich dennoch.


    Viele Grüße


    Mme Cortese

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

  • Zitat

    Original von Mme. Cortese


    Also scheine ich als reine Klassikhörerin völlig disqualifiziert zu sein, der Musik den ihr zustehenden Rang zuzuerkennen.


    Das bist du nicht, denn


    Zitat

    "Echte Klassik" ist in der Lage, mich emotional zu berühren. Ich muss sie ungestört und konzentriert hören.


    Das "Hören" der Klassik ist ja, wie oben bereits schrieb, Beschäftigung, ja sogar der "WESENTLICHE" Part der Beschäftigung mit Musik.
    Alles andere wäre ja absurd, wenn anderes in der Musik wichtiger wäre, als das "Hören" ebenselber.
    Du "hörst" die Musik ja, es wäre vollkommen lächerlich und unangebracht, dich als "falsche" Klassikliebhaberin hinzustellen.
    Du beschäftigst dich ja mit der Musik!!! :yes:


    Trotzdem ist es eben diese Beschäftigung, die den Reiz der Klassischen Musik ausmacht.
    Ich sagte nie, dass mich "Populärklassik" stört, ich sagte sogar, sie kann sehr wohl ihren Reiz und ihre Eleganz und Verspieltheit besitzen.
    Aber dennoch kann sie mich emotional (bei weitem) nicht so berühren, wie die "reine" Klassik.
    Dich begleitet Populärklassik beim Bügeln, dafür ist sie zweifelsohne wunderbar geeignet, wie auch durchaus einige Pop- und Rocknummern, die mir bei dieser Gelegenheit gerade durch den Kopf gehen.
    Es sind schöne Ohrwürmer, die man vor sich hin pfeift und leicht ins Ohr gehen...


    Aber den Unterschied macht eben die Beschäftigung aus.
    Du sagtest selber, dass du Klassische Musik ("die echte") konzentriert hören musst, um alles zu begreifen und zu erfassen.
    Du beschäftigst dich mit der Musik.
    Du fühlst jede Note, hörst auf alles, was dir die Musik sagen will und kann.
    Du bist völlig in ihrem Bann.
    Die Beschäftigung ist es, die den Unterschied ausmacht.
    Das konzentrierte Hören gehört sicherlich dazu, ist wesentlicher Part der Beschäftigung.


    Ich lese mir eben beispielsweise gerne die Partituren durch, wenn ich sie vor mir habe, um in sie einzutauchen, um möglicherweise etwas zu erfahren, das mir bisher nicht aufgefallen ist.
    Oder ich befasse mich mit Geschichte des Werkes, auch dabei kann man viel lernen..
    Ich glaube, je vielfältiger die Beschäftigung, desto mehr kann man interpretieren...


    Popmusik und Populärklassik sind sehr schön für zwischendurch,
    aber richtig "packen" tuts mich nur bei "echter" Klassik, das ist Ergriffenheit, die keine andere Musikrichtung schafft... :jubel:


    PS: Ich ebensowenig ein "Studierter" wie du, sondern erfahre das meiste ebenfalls durch Hören der Musik.
    Was mich aber nicht davon abhält dann und wann einmal zu einer Partitur zu greifen, um darin zu lesen ;)


    Gruß :hello:

    Komponiert ist schon alles - aber geschrieben noch nicht. (W.A. Mozart)