Bartok, Bela: Konzert für Orchester

  • Manchmal ist es ja so, dass man eine liebgewonnene Aufnahme eines Werkes mehr oder minder als Favoriten für sich festgelegt hat. Im Falle des Konzerts für Orchester ist das seit geraumer Zeit die Solti-Aufnahme. (Allerdings ohne die Kenntnis derer von Boulez mit NYPO) Nun habe ich aber mittlerweile mehrfach Boulez mit den Berliner Philharmonikern beim Europakonzert 2003 gehört und bin absolut hingerissen. Man höre alleine den letzen Satz, der hat wahnsinnigen Schwung und Energie, ohne dabei zu dick aufgetragen oder forciert zu sein. Fast schon beiläufig klingt das, deshalb umso beeindruckender...



    LG
    B.

  • Habe jüngst mich wieder einmal durch die mir zugängigen Aufnahmen gehört und musste mein Urteil nicht revidierten. Die beiden von Iván Fischer beidemal mit der Budapester Festspielorchester sind mir immer noch die liebsten, wobei ich doch die Philips-Aufnahme deutlich abgeschlagen hinter der älteren Aufnahme von Hungaroton sehe.


    :hello:

    Gruß ab


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    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat von ThomasBernhard

    In die Wiederkehr des Serenadenthemas bricht darauf dratisch ein roher Gassenhauer ein, der in groteskret Verzerrung das frivole Couplet "Heut geh ich ins Maxim" aus Franz Lehárs Operette "Die Lustige Wittwe" herbeizitiert, Musik eines Komponisten, den Bartók bekanntermaßen gehasst hat.


    Ich dachte immer, es sei eher eine Anspielung auf Schostakowitschs 7. Sinfonie, die ja gerade zu der Zeit weltberühmt war. Weiss da jemand genaueres?


    maticus

  • Zitat von maticus

    Ich dachte immer, es sei eher eine Anspielung auf Schostakowitschs 7. Sinfonie, die ja gerade zu der Zeit weltberühmt war. Weiss da jemand genaueres?


    maticus


    Beides stimmt: Auch Schostakowitsch verwendete Motive aus Franz Lehars Die lustige Witwe, die zu Hitlers Lieblingswerken gehörte: Beide entstanden unter dem Eindruck der faschistischen Herrschaft in Europa.
    :hello:

    Gruß ab


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    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Es gibt hier wohl unterschiedliche Hypothesen. Angeblich soll das "Einmarsch-Thema" aus Schostakowitschs 7. Sinf. eine Verballhornung von "Dann geh ich zu Maxim" aus DLW sein. Bartok habe die Sinfonie im Radio gehört und angeblich nicht sehr geschätzt. Aber es ist unklar, ob das Auftreten im Intermezzo interrotto nun eine Verzerrung des Lehar sein sollte (dessen Musik Bartok wohl nicht in erster Linie wegen ihrer Popularität bei den Nazis, sondern wegen des Pseudo-Ungarischen Tonfalls verabscheute) oder eine Anspielung auf Schostakowitsch. Ich muß ehrlich sagen, daß ich die Gemeinsamkeiten der Motive nicht so extrem offensichtlich finde, wenn sie auch sicher bestehen. (Wie bei Brahms 1., iv/Mahlers 3., i kann der Charakter völlig anders sein, auch wenn einige Noten übereinstimmen.)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Lieber Johannes,


    es gibt unterschiedliche Hypothesen, aber a.b. hat das Wesentliche bereits gesagt: Schostakowitsch verwendete das Thema schon mit einem Hintergedanken - und mit einem zweiten gleich dazu: Die "Witwe" war nämlich nicht nur Hitlers Lieblingsoperette, auch Stalin schätzte sie über die Maßen. Die Bedrohung Leningrads kommt bei Schostakowitsch also sowohl von Seiten Stalins (der die Leningrader Intelligenzija ermorden ließ) als auch von Seiten Hitlers.


    Bei Bartók wird meiner Meinung nach weder auf Hitler noch auf Schostakowitsch direkt angespielt. Ich glaube, Bartók zitiert einfach ein "banales Thema", das er tingeltangelmäßig aufpulvert - meiner Meinung nach, um "Vergnügen" zu illustrieren; das wischt er dann mit unwirscher Bewegung weg und kommt wieder zu seinem melancholischen eigenen Gesang. Ich sehe es also als Kontrast zwischen "innerer Welt" und "äußerer Welt".


    :hello:

    ...

  • Der generelle Zusammenhang zu dem Lehar-Thema war mir schon bewusst. Ich meine nur, ich hätte mal gelesen, dass Bartok sich darüber geärgert hätte, dass Schostakowitschs siebte so populär war, oder so ähnlich.


    :hello: maticus

  • Lieber Maticus,


    das habe ich auch gelesen. Ich kann mir nur nicht vorstellen, daß das wirklich der Antrieb für den Satz war. Bartók ist an sich kein Spötter. Es paßt irgendwie nicht zu der Noblesse, die ihm von allen, die ihn kannten, ausnahmslos nachgesagt wird.


    :hello:

    ...

  • Ich kann neuerdings auch sehr empfehlen:


    Royal Philharmonic Orchestra
    Rafael Kubelik
    EMI 1959


    enthalten in dieser Wallet-Box von Documents: Bela Bartok: Klassiker der Moderne

    Gruß ab


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    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Es gilt Ähnliches, wie bei der Dance-Suite schon geschrieben:
    Solti lässt in der älteren Aufnahme mit dem LSO von 1965 mehr Emotionen zu, es klingt eindeutig weniger gesittet; die Ecken und Kanten sind spürbarer; es ergeben sich deutlich mehr Kontraste. Solti´s ungestümere Art ( :thumbsup: Soltis absolute Megaklasse hier noch deutlicher als in der Dance-Suite) mit dem LSO führt an einigen aufgewühlten Stellen zu leichten Unsauberkeiten. Das stört aber gar nicht, weil die Fastzination gerade an diesen Stellen durch diesen unsagbar packenden Zugriff überwiegt.


    Solti geht die drei zügigen Sätze 1,2 und 4 in der späteren CSO-Aufnahme noch etwas zügiger an, was aber an der unglaublichen Impulsivität in der LSO-Aufnahme keineswegs kratzt.


    Den mittleren Satz Elegia hatte ich immer als ruhigen Einschub empfunden, eben ein elegischer ruhiger Satz. Was Solti mit dem LSO an Spannung aufbaut, würde ich als "Tanz auf dem Vulkan" bezeichen - Whow ! Davon kann sich selbst eine andere Spitzenaufnahme - Reiner /CSO (RCA) noch ne dicke Scheibe abschneiden.


    Das Intermezzo interotto habe ich noch nie so kontrastreich mit allen Ecken und Kanten und aberwitzigem Spielwitz gehört - der Wahnsinn.


    Worte sagen oft mehr als nötig - von daher ist die seine spätere CSO-Aufnahme von dieser Leistung ja gar nicht so weit entfernt - aber so überdreht wie hier mit dem LSO, hört man das Finale selten. Die einzige Aufnahme der ich einen ähnlich packenden Zugriff attestieren würde, ist mein weiterer Favorit Boulez / New Yorker PH (SONY). Der Finalschluss hat (genau wie bei Boulez) in Solti´s LSO-Aufnahme sogar ungleich mehr Power mit absolutem Gänsehautfeeling.
    Da sage ich nur noch:
    :thumbsup: Man, ist das ne Spitzen- Interpretation !



    Decca, 1965, ADD


    ;):D Wie ich inzwischen feststelle sind die günstigen Angebote dieser CD bereits alle ausverkauft ... den Wahnsinn sollte sich auch keiner entgehen lassen.



    Man kann die gleichen LSO-Aufnahmen auch in dieser Decca-Legends - Ausgabe erwerben:

    Decca, 1965, ADD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang


  • Heute mal wieder gehört. Stokowski, der Klangmagier, ist hier ganz in seinem Element und legt IMO eine der besten Aufnahmen des Katalogs vor und das mit einem nicht unbedingt erstklassigen Orchester.

  • Antal Dorati / CGBO Amsterdam


    Die abgebildete CD hatte ich mir wegen der wirklich hochkarätigen Aufnahme des Konzertes für 2 Klaviere, Schlagzeug und Orchester mit Freire/Argerich/Zinman zugelegt.


    Das Konzert für Orchester wird hier von einem der grossen Bartok-Dirigenten Antal Dorati dirigiert - hier mit dem CGBO Amsterdam.


    :huh: :/ Aber diese Aufnahme des KfO kommt bei mir bei weitem nicht so gut an, wie seine Alte und ungleich Feurigere mit dem LSO (Mercury, 1962).

    Dorati geht es recht bedächtig (mit ungewohnten Weichzeichnern) an und macht Generalpausen, wo bei anderen Dirigenten gar keine sind; es fehlt an allen Ecken an Spannung ... wie mitreissend das geht, hat u.a Boulez in seiner New Yorker Aufnahme (SONY), oder Solti in Beiden mit dem CSO und LSO (Decca) gezeigt. An den Spielzeiten kann es aber auch nicht liegen, denn die liegen im angemessnen Rahmen:

    9:52 - 6:33 - 6:49 - 4:33 - 9:30

    Erst der Finalsatz gelingt Dorati so angemessen, wie man es von den favorisierten Aufnahmen gewohnt ist, bei denen man von den ersten Takten an gebannt wird ...

    trotzdem (viele Worte sagen mehr aus als nötig) liegt hier aber insgesamt auch eine hochkarätige KfO-Aufnahme vor ...


    Die ganze CD überzeugt voll von der sehr guten digitalen Klangtechnik von 1983 (KfO) und 1986.


    Philips, 1983, 1986, DDD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • (Dutton/SACD Stereo & Multi-ch 5.1)


    Béla Bartók (1881-1945)

    Concerto for Orchestra

    The Miraculous Mandarin, op19

    New York Phi!harmonic

    Pierre Boulez

    1972/71


    Remastered from the original analogue tapes (QUADRAPHONIC) by Michael J.Dutton.


    Hier meine Eindrücke zur angegebenen Bartók/Boulez Aufnahme im Remastering durch Herrn Dutton, lieber teleton.

    Ich habe die Dutton Ausführung mit der aus meiner Boulez Box - 'The complete Columbia recordings' aus 2014 verglichen.



    Das Klangbild ist bereits im Stereo Modus um einiges klarer und offener. Die Instrumente

    deutlicher ausgestellt, der Bass klarer definiert. Dies fiel doch recht schnell auf.

    Wo hier und da mehr unkontrollierter Bass hörbar war, ist das in der Dutton Version gar nicht mehr vernehmbar.

    Allerdings ist der Unterschied zwischen Dutton und Columbia/Sony im reinen Stereo nicht so frappierend wie im Multi-Channel (Mehrkanal).


    Und hier liegt ganz klar die Stärke, im Mehrkanal offenbart sich die wahre Pracht des Remastering.

    Man hat das Gefühl, als säße man mitten im Orchester.

    Jetzt könnte man sagen, im wahren Leben sitzt man doch auch nicht mitten im Orchester? Stimmt, und leider macht das die ganze Sache ein wenig unnatürlich. Aber, wenn man sich darauf einlässt, kann es eine bezaubernde Wirkung erzeugen. Columbia hatte damals sogar bestimmt, aus wlechem Lautsprecher, welche Instrumente erschallen. Bin mir aber nicht sicher, ob dies nur für Bartoks "Concerto for Orchestra" galt oder auch für andere Aufnahmen. Nur hier ist es ganz deutlich hörbar.


    Da ich jetzt neun Aufnahmen dieser Serie besitze, ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich doch jede Einspielung für sich klingt. Und ja, das Alter können die Aufnahmen auch nicht ganz verbergen. Die Mehrkanaltechnik klingt bei heutigen Aufnahmen natürlicher als in den '70 Jahren.


    Letztendlich obliegt es jedem selbst, ob man seine Lieblingsaufnahme in Mehrkanal hören möchte.

    Wie bereits erwähnt, klingen die Aufnahmen auch in Stereo besser als alle bisher mir bekannten Veröffentlichungen.


    Michael J. Dutton hat hier wirklich sehr gute Arbeit geleistet und ich werde wohl noch öffter zugreifen.



    Grüße

    Apollon