Regietheater - Konzepttheater - altbackene versus moderne Inszenierung

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    Wieso "wir"?


    Wirf mich bitte nicht in Deinen Topf. :rolleyes:



    Leider, mein Freund, das gilt auch für Siegfried, sind wir hier alle mitgemeint - als Menschen einer Epoche und Sozialisation, für die die vorletzte Jahrhundertwende bloß nostalgisch offensteht. Wolltet ihr mir das ernsthaft bestreiten?


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!


  • Na sicher - als ob ich auf Deine Regenbogenpresse fixiert wäre.
    :wacky:

  • Na, in Wien, da gehn die Uhren halt anders ...


    :angel:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Dieser Artikel stammt zwar bereits aus 2004:
    http://www.focus.de/kultur/med…floetchen_aid_201384.html


    Aber bis heute hat sich folgende Erkenntnis bei vielen Opernhäusern noch nicht durchgesetzt, dass eine
    (Zitat aus dem Artikel)"Mehrheit von Konservativen.." diese Verunstaltungen des Originalwerks verabscheut. Wir können unsere Abscheu - auch wenn einige das nicht mehr lesen wollen (es zwingt sie ja niemand dazu) - deshalb immer nur aufs Neue öffentlich machen. Dass zumindest einige, die es lesen sollten, es auch lesen, ist ja durch böse Zuschriften an Alfred bewiesen.

    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Es geht auch anders. Heute war in der WAZ eine Besprechung des neuen Essener Parsifal; verfasst von Lars von der Gönna, einem der klügsten Journalisten. Der Regisseur hatte den Parsifal in eine Klinik verlegt. Einen Veriss kann man das nicht mehr nennen, es war eine schmetternde Demontage dieses Stücks und des Regisseurstheaters überhaupt, geschrieben mit beißendem Sarkasmus. Es gibt also inzwischen wieder Journalisten, die sich trauen zu sagen, dass der Kaiser nichts anhat. Auch das Publikum buhte kräftigt, einige sollen schon nach 10 Minuten eingeschlafen sein. So ganz allein sind wir also gar nicht.

    Computer kaufen keine Autos (Jochen Hensel)

  • Ich hätte zwar eine Karte für den Essener Parsifal umsonst bekommen können bin aber nicht hingegangen, da ich weiss, wie in Essen Wagner Opern verunschandelt werden. Und genau das kreide ich Herrn Solltesz als Intendanten an, das es ihm immer egal war wer Regie geführt hat, Hauptsache es gibt einen Premierenskandal. Ich kann mich noch gut an den fliegenden Holländer erinnern, wo im zweiten Akt Senta und der Holländer zum einen den Geschlechtsakt vollzogen und ein paar Minuten später man sehen konnte, wie Senta eine Plastikpuppe aus ihrer .... zog. Die Premiere musste für einige Minuten unterbrochen werden, da es Tumulte unter den Zuschauern gab und viele Zuschauer bei dem Anblick auf der Bühne laut schimpfend das Theater verlassen hat. Einfach nur traurig.

  • Zitat

    Zitat von Dr.Pingel: So ganz allein sind wir also gar nicht.

    Lieber Dr.Pingel,


    da hast du vollkommen recht, wir sind sogar eine erhebliche Menge, wenn ich mich schon allein in meinem Bekanntenkreis umsehe, von denen jeder, aber auch jeder diesen Murks verurteilt. Leider sind nicht alle bereit, technisch nicht in der Lage oder zu bequem, um hier mitzureden. Ich glaube, dann würde sich unsere Zahl erheblich vergrößern und die wenigen Befürworter solchen Schwachsinns weit abgeschlagen hinter sich lassen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Ich habe die Kritik zu Parsifal wiedergefunden; die schönsten Sätze gebe ich hier zum Genießen wieder. Der Autor ist Lars von der Gönna, der nicht nur ein sehr gebildeter Journalist ist, sondern auch sehr witzig schreibt.
    Auf einen Zusammenhang lege ich hier keinen Wert, genießt einfach die Formulierungen.


    - Singen, bis der Arzt kommt (Überschrift).
    - Das Publikum tobt. Vor Wut. (Überschriift 2)
    - Auf jedes Bravo kamen im Schlussbeifall etwa 100 Buh-Rufe. Das Theater war zur Intensiv-Station geworden.
    - Amfortas jedenfalls, König der Gralsritter, scheint Privatpatient geworden zu zu sein und unbelehrbar dazu. Ein halbes Dutzend Mal (erst der Sänger, später ein Statist) purzelt der Blutende aus dem Bett. Es helfen eiligen Schrittes: Chefarzt, Schwestern, Putzkolonne, schließlich Hausjuristen des Spitals.
    - Es hilft nicht die (tanzende) Verdoppelung der Sünderin Kundry und nicht die "Dark-Side" des Zauberers Klingsor. Sein Garten ist augenscheinlich ein Bordell mit Damen im Kunstpelz. Sie tragen drei Sorten T-Shirts, manche mit "S", manche mit "E", dritte mit "X". Dürfen wir lösen, Frau Gilzer? Buchstabiert so eine Regie, die ihr Publikum für dumm hält?
    - Schloemers inszenatorische Hausapotheke blieb auf manchen im Parkett nicht ohne Wirkung. Es gab Menschen, die verloren nach 10 Minuten vorübergehend das Bewusstsein - und schliefen ein.
    - Am Schluss lässt Schloemer 100 Statisten in Alltagskleidung den Gral finden: Ein Kind im Soldatenmantel bietet eine Leuchtkugel feil. Kitsch ist auch keine Lösung.
    - Operation misslungen. Dass der Patient tot ist, war bei Redaktionsschluss nicht zu bestätigen. Dem Vernehmen nach ist Wagner einfach nicht kaputtzukriegen.

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  • Der letzte Heuler
    des Essener Intendanten

    Es ist erstaunlich, dass die Presse es endlich einmal wagt, die Wahrheit über diesen Schund zu sagen. Vielleicht gibt es jetzt noch weitere Morddrohungen.

    Hier ein paar Verknüpfungen zu den Artikeln:
    http://waz.m.derwesten.de/dw/s…39288.html?service=mobile
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/2044364/
    http://www.come-on.de/nachrich…efan-soltesz-2809223.html
    http://www.klassikinfo.de/Parsifal-Essen.1735.0.html


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Ich bin hier emotional nicht involviert, da ich fast nie in die Oper gehe. Die wenigen Male, die ich gegangen bin, bekam ich vollkommen "normale" Inszenierungen zu sehen. Prinzipiell habe ich für so manche Regieideen auch wenig Sympathie. Vieles ist da in seiner Grellheit banal und öde. Ich bin also kein Freund extremer Regieexzesse kann aber trotzdem nicht ganz nachvollziehen, weshalb hier aufgrund eines anonymen Facebook-Eintrags (?) geschlossen wird, die "mafiöse Vereinigung" der "radikalen Ragisseure" hätte eine Fatwa gegen diese Kritikerin ausgesprochen. Wir wissen doch gar nichts. Das könnte ganz einfach Spinner gewesen sein, oder ein schlechter Scherz, was weiß ich? Die Annahme Martin Kusej, beispielsweise, würde jetzt ein Mordkomplott gegen diese Frau planen, scheint mir doch reichlich absurd. Auch die Annahme, dass Leute wie Kusej so wie Dagobert Duck im Geld baden, scheint mir illusionär. Wer Geld machen will, wird nicht Künstler.

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  • Ich bin hier emotional nicht involviert, da ich fast nie in die Oper gehe. Die wenigen Male, die ich gegangen bin, bekam ich vollkommen "normale" Inszenierungen zu sehen. Prinzipiell habe ich für so manche Regieideen auch wenig Sympathie. Vieles ist da in seiner Grellheit banal und öde. Ich bin also kein Freund extremer Regieexzesse kann aber trotzdem nicht ganz nachvollziehen, weshalb hier aufgrund eines anonymen Facebook-Eintrags (?) geschlossen wird, die "mafiöse Vereinigung" der "radikalen Ragisseure" hätte eine Fatwa gegen diese Kritikerin ausgesprochen. Wir wissen doch gar nichts. Das könnte ganz einfach Spinner gewesen sein, oder ein schlechter Scherz, was weiß ich? Die Annahme Martin Kusej, beispielsweise, würde jetzt ein Mordkomplott gegen diese Frau planen, scheint mir doch reichlich absurd. Auch die Annhame, dass Leute wie Kusej so wie Dagobert Duck im Geld baden, scheint mir illusionär. Wer Geld machen will, wird nicht Künstler.


    DAnke!

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Lieber Thomas Pape,


    Mir ist einfach nicht klar, warum Sie sich derartig, und dies seit Jahren, für das Regietheater in die Bresche werfen! Langweilt sie eine traditionelle Oper wirklich derart oder mögen Sie die Oper an sich gar nicht?

  • Lieber m.joho,


    die Antworft ist schnell gegeben: ich nehme solche Unterscheidungen nicht vor, da alles, was auf der Bühne zu sehen ist, Regie unterliegt. So gesehen ist alles Regietheater oder nichts ist Regietheater. Ich schaue gewiss nicht so viele Opern wie Sie, hatte aber durchaus Vergnügen am Schlingensief-Parsifal (wie Sie aus dem Wf wissen werden), an dem von Herheim, am Carson-Ring und Knabes Samson und Dalila, um ein paar herauszugreifen. An Felsensteins "Schlauem Füchschen" indes auch oder Dew's Tristan, seinen Tannhäuser oder Halevys Jüdin ebfalls von Dew inszeniert. Wenn überhaupt ich eine Unterscheidung mach dann ist es der Gegensatz forderndes vs. berieselndes Theater. Und es gibt, da haben Sie völlig recht, jede Menge anödendes (was nicht unbedingt an Komponist und Librettist liegt). Zu Verallgemeinerungen werden Sie mich ebensowenig verlocken können wie zu irgendwelchen Lagerbekenntnissen. Das beleidigt ehrlich gesagt, einen akademischen Geist. Aber wem sag' ich das.


    Doch das ist ja nicht der Gegenstand dieses Threads. Hier geht es ja um angebliche Morddrohungen (der Sachverhalt ist nach wie vor nicht erwiesen) und den entsprechenden Causalzusammenhang. Aber da will ja selbst das Opfer mit den Fakten nicht so recht rausrücken....

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    Zitat von Thomas Pape: ich nehme solche Unterscheidungen nicht vor, da alles, was auf der Bühne zu sehen ist, Regie unterliegt. So gesehen ist alles Regietheater oder nichts ist Regietheater.


    Lieber Thomas,


    ich kann es ja verstehen, dass du das Wort "Regietheater" anders siehst, denn - wie du richtig sagst - wird ja überall Regie geführt. Leider ist ja nun offiziell alles mit diesem tatsächlich nicht ganz passenden Namen belegt, was das Originalwerk verfremdet, in eine Zeit verlegt, in die es historisch absolut nicht hineingehört, örtlich verändert, die Handlung des Originalwerks - teilweise bis zur völligen Unkenntlichkleit - entstellt, ja sogar manchmal ins Gegenteil verdreht, wahnwitzige Phantasien verirrter Regisseure, die an der Musik - um die es ja in erster Linie geht - oft überhaupt nicht interessiert sind, den Sängern aufdiktiert, ohne dass diese sich wehren können, wollten sie nicht ihr Engagement verlieren. Aber den Namen "Verunstaltungstheater" magst du für diese Art von Inszenierung ja auch nicht akzeptieren. Wie also sollte man nach deiner Meinung diese vielen absurden und lächerlichen Inszenierungen, von denen wir ja Beispiele genug aufgeführt haben, bezeichnen? Wie würdest du all die Inszenierungen, die z.B. im Sammelplatz für absurde und lächerliche Inszenierungen betrachtet werden können und von denen auch in vielen anderen Themen berichtet wird, nennen?
    Wahrscheinlich wäre der Protest nicht so groß, wenn die Liebhaber von Inszenierungen, die das Werk nicht zerstören, eine Alternative hätten. Doch hat fast nur noch der Wahnsinn Methode. Zu dem Negativen und Albernen, das man tagtäglich hört und sieht, muss uns jetzt auch noch die Oper nur noch Negatives, Ekelhaftes oder Albernes einpeitschen. Und das Fernsehen, das ja nun die Möglichkeit hätte, abwechselnd für beide Richtungen etwas zu bringen, zeigt in den letzten Jahren auch fast nur noch diese verunstalteten Werke. Deshalb kann der Protest - auch wenn es einige nicht gerne sehen und es zu leugnen oder zu beschönigen suchen - nur weitergehen, nicht genug mit drastischen Beispielen aufwarten und immer mehr Leute anregen, sich gegen diese Diktatur zu wehren. Jeder Tropfen höhlt den Stein.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Und, wie gesagt: eine Inszenierung muss mich überzeugen. Das kann Ponelle sein, das kann Felsenstein sein, dass kann Konwitschny sein das kann Schlingensief sein. Ist das so schwer zu begreifen? Offensichtlich.


    Das sei dir doch unbenommen. Jedoch zum Unterschied von Ponnelle oder Felsenstein setzen sich die beiden anderen Herren selbstherrlich über Anweisungen und Intentionen der tatterigen Komponisten (sind ja schon lange tot und konnten deshalb keine Ahnung haben, daß man ihre Werke heutzutage an der Weltsicht der konsumbenebelten jugendlichen Porsche- und Mercedesfahrer auszurichten habe) hinweg und diktieren dergestalt eine Bühnenästhetik, die als moderne Heilslehre die einzig richtige zu sein hat.


    Auch gewisse Dirigenten passen sehr gut in dieses Schema. Harnoncourt, der eine desaströse Fidelio-Produktion im Theater an der Wien zu verantworten hat, erklärte vor der Premiere, er opfere den Schönklang der Dramatik ...

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Das ist ja endlich mal wieder ein qualifizierter Beitrag (und der ähnlich lautende von Gerhard weiter oben). Ich glaube, das sich unser Dissens recht einfach beschreiben lässt: die eine Partei wünscht sich die Umsetzung der OPper übner das Libretto und die entsprechenden Handlungsanweisungen. Und die andere wünscht sich eine Analyse des Werkes und die Übertragung seines Abstraktionsgerüstes in eine nachvollziehbare Gegenwart (wobei mir allerdings das 3. Reich als Gegenwart etwas überstrapaziert wird; das scheint mir dann wirklich ein Thema der 68er-Generation zu sein).


    Wahrscheinlich wäre die Verständigung leichter, wenn wir uns uns jenseits dessen, was das Libretto so schreibt darüber austauschen würden, was als visuelle Zumutung hinnehmbar ist und was nicht. Auch wenn es für Dich, lieber Fritz, ein Reizthema ist: ich bin religiös, käme aber nie auf die Idee, die Bibel wörtlich zu nehmen. Es sind immer wieder andere Texte, die plötzlich eine bestimmte Bedeutung gewinnen und deren Bedeutung sich mit entsprechender Beschäftigung verändert.


    Übertragen auf die Oper: die Zauberflöte kenne ich grob seit meinem 5. Lebensjahr. Und im Laufe der Jahre hat sich meine Wahrnehmung der handelnden Personen so ziemlich geändert. Damals war ich noch Katholik (heute Protestant) und Sarastro als Priesterchef war für mich sakrosankt.. Tamino war der Held, Pamina das weibliche Doofchen, ein Gegensatz, den die Oper ja auch munter mit knackigen Zitaten schürt. Heute ist mein Held dieser Oper der gute Papageno und außer Sarastro haben meine alten Zauberflötenhelde ihren Lack verloren. Jaja, Papageno und Papagena sind das komische Einsprengsel nach Shakespeare, das die Größe der Figurenkonstellation Tamino, Pamina, KdN und Sarastro aufzeigt, um dann jenseits der alten Dramentheorie doch zu den wahren Größen der Oper aufzusteigen. Sagt der Christ. Sagt der Sozialist. Sagt der Mensch. Wie inszeniere ich das? Frage ich Dich, lieber Fritzt, lieber Gerhard, lieber Hans.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Die Zauberflöte kenne ich grob seit meinem 5. Lebensjahr. Und im Laufe der Jahre hat sich meine Wahrnehmung der handelnden Personen so ziemlich geändert. Damals war ich noch Katholik (heute Protestant) und Sarastro als Priesterchef war für mich sakrosankt.. Tamino war der Held, Pamina das weibliche Doofchen, ein Gegensatz, den die Oper ja auch munter mit knackigen Zitaten schürt. Heute ist mein Held dieser Oper der gute Papageno und außer Sarastro haben meine alten Zauberflötenhelde ihren Lack verloren. Jaja, Papageno und Papagena sind das komische Einsprengsel nach Shakespeare, das die Größe der FGigurenkonstellation Tamino, Pamina, KdN und Sarastro aufzeigt, um dann jenseits der alten Dreamentheorie doch zu den wahren Größen der Oper aufzusteigen. Sagt der Christ. Sagt der Sozialist. Sagt der Mensch. Wie inszeniere ich das? Frage ich Dich, lieber Fritzt, lieber Gerhard, lieber Hans.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:


    Lieber Thomas,


    hätte ich dieses Werk zu inszenieren, würde ich vor allem die einzig wahre Menschengestalt, den Papageno, als sympathischen Naturburschen zeigen, den widrige Umstände in ein Prüfungsszenario verschlagen, das er gar nicht gewollt hatte. Daß ihm ein Mädchen gleich ihm verhießen wird, wendet die Sache für ihn schlußendlich doch zum Guten. Die Königin der Nacht ist ambivalent und eigentlich eine Böse, die auch vor Mord nicht zurückschreckt. Der schrecklichste Typ ist jedoch der Sarastro, der mit salbungsvollen Worten seine despotische Herrschaft verschleiert. Schon sein Auftritt im Gefolge seiner Untertanen "Es lebe Sarastro, Sarastro lebe!" gemahnt in beklemmender Weise an den Führerkult von Hitler über Stalin bis Pol Pot. Indem er Verschwiegenheit, Gehorsam und völlige Unterwerfung einfordert, kann man dieses Vorgehen nur als Gehirnwäsche bezeichnen. Wenn der freie Wille des Individuums gebrochen zu werden hat, liegt der Vergleich zu diversen Religionen doch recht nahe. - Das restliche Personal der Zauberflöte (mit Ausnahme der natürlich-kecken Papagena) kann man getrost als Versatzstücke im Sinne der herkömmlichen Operntradition sehen.


    Die Musik jedenfalls gehört zum Schönsten und Unbeschreiblichsten, was der Opernkanon zu bieten hat.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Wichtig ist dabei auch noch der Hinweis von Thomas Pape, dass Oper nicht nur unterhaltend sein soll, sondern auch auch Herausforderung und aktuelle Gesellschaftskritik beinhalten muss.


    Soll sie das nicht? Muss Sie das? Wer sagt denn das? Ich sehe das nämlich bei vielen Stücken genau anders.


    Für Deine anderen Ausführungen danke ich Dir und schicke viele Grüße,


    Knuspi

  • Wichtig ist dabei auch noch der Hinweis von Thomas Pape, dass Oper nicht nur unterhaltend sein soll, sondern auch auch Herausforderung und aktuelle Gesellschaftskritik beinhalten muss.


    Soll sie das nicht? Muss Sie das? Wer sagt denn das? Ich sehe das nämlich bei vielen Stücken genau anders.


    Für Deine anderen Ausführungen danke ich Dir und schicke viele Grüße,


    Knuspi

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  • Soll sie das nicht? Muss Sie das? Wer sagt denn das? Ich sehe das nämlich bei vielen Stücken genau anders.


    Ja das soll sie und muss sie. Oder glaubst Du etwa ernsthaft, Wagner und Verdi hätten sich in mehrjähriger Schwerstarbeit ihre Opern geradezu aus dem Leib gerissen, um Dich bei Lachsbrötchen und Schampus zu unterhalten und den öden Büroalltag vergessen zu lassen? Klar kannst Du das so halten, aber Du hast sicherlich kein Recht, Dich dabei auf die Komponisten zu berufen. Auf welcher Seite Wagner stünde, d.h. auf der des gegen die Welt ergrimmten Regisseurs, der ein paar Nackerpatzeln auf die Bühne schickt, oder auf Deiner, dem "stressgeplagten Büromenschen", der ein wenig ausspannen möchte, da brauch ich nicht lange zu überlegen....

  • Soll sie das nicht? Muss Sie das? Wer sagt denn das? Ich sehe das nämlich bei vielen Stücken genau anders.


    Ja das soll sie und muss sie. Oder glaubst Du etwa ernsthaft, Wagner und Verdi hätten sich in mehrjähriger Schwerstarbeit ihre Opern geradezu aus dem Leib gerissen, um Dich bei Lachsbrötchen und Schampus zu unterhalten und den öden Büroalltag vergessen zu lassen? Klar kannst Du das so halten, aber Du hast sicherlich kein Recht, Dich dabei auf die Komponisten zu berufen. Auf welcher Seite Wagner stünde, d.h. auf der des gegen die Welt ergrimmten Regisseurs, der ein paar Nackerpatzeln auf die Bühne schickt, oder auf Deiner, dem "stressgeplagten Büromenschen", der ein wenig ausspannen möchte, da brauch ich nicht lange zu überlegen....

  • Auf welcher Seite Wagner stünde... da brauch ich nicht lange zu überlegen....

    Ich und viele andere auch nicht. Wir könne ihn ja leider nicht mehr fragen und unsere Antwort und Meinung dazu ist also nur spekulativ. Ich bin mir aber relativ sicher, daß Wagner seinen Lohengrin bestimmt nicht als "Rattengrin" mißbraucht und verunstaltet hat haben wollen. Und das ist leider nur ein Beispiel von vielen.
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...


  • Nun, Wagner und Verdi waren Genies, die ihre Opern so komponiert haben, wie es geschehen ist - ganz gleich, welcher Zweck damit verfolgt wurde. In erster Linie waren es aber erfahrene Theaterleute und Praktiker, die genau wussten, worauf es auf der Bühne ankam: das Publikum anzusprechen. Jawohl, und das kann auch durch "Unterhaltung" passieren. Jemanden zu unterhalten ist durchaus keine billige "Beschäftigungstherapie", sondern eine hohe Kunst, die erst einmal verstanden werden will. Ansprechen, anregen, eine Geschichte erzählen, zum Nachdenken bringen - all das kann sich unter dem viel geschmähten Begriff der "Unterhaltung" verbergen.
    Sich als selbsternannter Lehrmeister des Publikums aufzuspielen, es zu verhöhnen, zu schocken, zu gängeln, wütend zu machen - das ist damit allerdings nicht gemeint. Und das ist auch gut so.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Zitat

    Zitat von crissy: Ich bin mir aber relativ sicher, daß Wagner seinen Lohengrin bestimmt nicht als "Rattengrin" mißbraucht und verunstaltet hat haben wollen.

    Und sicherlich auch nicht als Klassengrin, Baustellengrin und Epilepsisgrin!!!!!!!


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Zitat von »Felix Meritis«




    Auf welcher Seite Wagner stünde... da brauch ich nicht lange zu überlegen....
    Ich und viele andere auch nicht. Wir könne ihn ja leider nicht mehr fragen und unsere Antwort und Meinung dazu ist also nur spekulativ. Ich bin mir aber relativ sicher, daß Wagner seinen Lohengrin bestimmt nicht als "Rattengrin" mißbraucht und verunstaltet hat haben wollen. Und das ist leider nur ein Beispiel von vielen.
    CHRISSY


    Selbstverständlich muss nicht jeder aktualisierende Ansatz sinnvoll oder gerechtfertigt sein! Ich bin nur der Meinung, dass ersnthafte Meisterwerke prinzipiell auf anspruchsvollem Niveau gehalten werden müssen, weil das der Intention der Komponisten am nächsten kommt. Einlullende Kulissen und hübsche Kostüme können einen dramaturgischen Zweck erfüllen, meistens tun sie das aber eher nicht. Im Falle von Lohengrin halte ich es auch für Unsinn, so weit von der Vorgabe abzuweichen, denn Wagner hat absichtlich eine Szenerie entwickelt, die auch bereits damals als "fantastisch" gewertet wurde. Andererseits sehe ich keinen Grund dafür, Hamlet in Strumpfhosen auftreten zu lassen. Dänemark ist hier ein reines Fantasieland und die Zeit wurde von Shakespeare nicht als bedeutender Faktor gesehen. Hier verfälscht man das Stück geradezu, wenn man es übermäßig historisch inszeniert.

  • Zitat Felix Meritis:

    Zitat

    Auf welcher Seite Wagner stünde, d.h. auf der des gegen die Welt ergrimmten Regisseurs, der ein paar Nackerpatzeln auf die Bühne schickt, oder auf Deiner, dem "stressgeplagten Büromenschen", der ein wenig ausspannen möchte, da brauch ich nicht lange zu überlegen....

    Aber es geht auch nicht, daß du die schrecklichen Inszenierungen von Kusej und Calixte Bieito verharmlost. Das ist nicht mehr mit "ein paar Nackerten" abgetan!

    W.S.

  • Zitat

    Hier verfälscht man das Stück geradezu, wenn man es übermäßig historisch inszeniert.


    Was ist denn "übermäßig historisch"? Ich sehe keinen Grund, Hamlet nicht in historischen Kostümen aufzuführen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass das gemacht wurde - und oh Wunder - Shakespeares großartiges Stück ist dadurch nicht in Vergessenheit geraten. Jahrhundertelang nicht. Komisch!


    Mit dem Wort "Verfälschen" würde ich angesichts heutiger Schauspielregiepraxis, wo willkürliche Striche, textfremde Einschübe etc. an der Tagesordnung sind, im Bezug auf frühere Aufführungen doch sehr sorgsam umgehen.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Ich und viele andere auch nicht. Wir könne ihn ja leider nicht mehr fragen und unsere Antwort und Meinung dazu ist also nur spekulativ. Ich bin mir aber relativ sicher, daß Wagner seinen Lohengrin bestimmt nicht als "Rattengrin" mißbraucht und verunstaltet hat haben wollen. Und das ist leider nur ein Beispiel von vielen.
    CHRISSY


    Nun, Wagner und Verdi waren Genies, die ihre Opern so komponiert haben, wie es geschehen ist - ganz gleich, welcher Zweck damit verfolgt wurde. In erster Linie waren es aber erfahrene Theaterleute und Praktiker die genau wussten, worauf es auf der Bühne ankam: das Publikum anzusprechen. Jawohl, und das kann auch durch "Unterhaltung" passieren. Jemanden zu unterhalten ist durchaus keine billige "Beschäftigungstherapie", sondern eine hohe Kunst, die erst einmal verstanden werden will. Ansprechen, anregen, eine Geschichte erzählen, zum Nachdenken bringen - all das kann sich unter dem viel geschmähten Begriff der "Unterhaltung" verbergen.
    Sich als selbsternannter Lehrmeister des Publikums aufzuspielen, es zu verhöhnen, zu schocken, zu gängeln, wütend zu machen - das ist damit allerdings nicht gemeint. Und das ist auch gut so.

    Der Punkt ist doch, dass selbst Theaterwissenschaftler oft nicht wissen, weshalb ein Opernkomponist/Dramtiker gewisse Vorgaben setzte, bzw. wie diese Vorgaben vom zeitgenössischen Publikum verstanden wurden. Manches von dem, was uns als Dekor erscheint, kann damals eine Aussage gehabt haben. Ein Beispiel: irgendwo in diesem Thread (oder einem anderen, ähnlichen) mokiert sich Figaroo darüber, dass Romeo und Julia in einer Inszenierung in Schuluniformen auftraten. Jetzt ist es aber so, dass die beiden gemäß Shakespeares Angaben etwa 15 Jahre alt sind, was viele, die das Stück ansehen, wissen, aber eben nicht jeder. Hier können die Schuluniformen schon nützlich sein, um klar zu machen, um welche Menschen es sich hier handelt - nämlich de facto um unreife Halbwüchsige. Natürlich gab es bei der Premiere um 1600 keine Schuluniformen. Allerdings wissen wir nicht, ob Shakespeare für seine Protagonisten nicht solche Kostüme wählte, die jedem im zeitgenössischen Publikum klar machten, dass es sich um sehr junge Menschen handeln muss.

  • Was ist denn "übermäßig historisch"? Ich sehe keinen Grund, Hamlet nicht in historischen Kostümen aufzuführen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass das gemacht wurde - und oh Wunder - Shakespeares großartiges Stück ist dadurch nicht in Vergessenheit geraten. Jahrhundertelang nicht. Komisch!


    Es verfälscht deswegen, weil es den Aspekt des "Historischen" einführt, der von Shakespeare so sicher nicht gewollt war. Ich bin sicher, dass Shakespeare seine Schauspieler im Hamlet in damals üblicher (Theater)-Kleidung auftreten ließ. Das Stück sollte damals durchaus als aktuell verstanden werden und nicht als historisch. Selbstverständlich wird der Hamlet nicht schlecht, wenn man die Schauspieler in Strumpfhosen auftreten lässt, geschweige denn vergessen, aber es widerspricht meiner Meinung nach Shakespeares Konzept. Bei Lohengrin sieht das, wie gesagt, anders aus....

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