Regietheater - Konzepttheater - altbackene versus moderne Inszenierung

  • Zitat

    Zitat von MSchenk: Letztlich geht die Frage, Regietheater - Ja oder Nein? dem wesentlich größeren Teil der Bevölkerung (zu recht?) am Allerwertesten vorbei; einzig, wie ich immer wieder gerne betone, stellt sich dort höchstens die Frage, warum überhaupt Steuergelder für eine so sinnlose, realitätsferne und zweckfreie Kunstform, wie die Oper verschwendet werden sollten!?

    Lieber Michael,


    du hast natürlich recht. Aber wenn von dem - leider - kleineren Anteil der Bevölkerung auch noch ein großer Teil - wie ich und viele, die hier schreiben und auch viele, die ich in meiner Umgebung kenne - durch die verstörenden und für die meisten nicht in Zusammenhang mit dem erwarteten Werk in Verbindung zu bringenden Experimente modischer Regisseure aus den Opernhäusern vertrieben werden, dann wird sich noch mehr die Frage stellen, ob die Steuergelder für den verbleibenden Rest nicht wirklich zum Fenster hinausgeworfen sind.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Du musst schon genauer lesen. Ich schrieb "bei vielen Stücken". Und MEIN Büroalltag ist bestimmt nicht öde, da muss ich Dich enttäuschen. Lachs und Schampus mag ich auch nicht - und überhaupt: Wagnerianer finde ich albern in ihrer gottähnlichen Verehrung des hohen Meisters und in ihrer Humorlosigkeit. Und natürlich habe ich das Recht, mich auf Komponisten zu berufen, genauso, wie es die Regietheaterfraktion hat, die gerade jügst in der Spielplanvorschau der Züricher Oper wieder so einen Quark verzapft, dasss Gounod seinen "Faust" schrieb, um die Gesellschaft zu kritisieren. Da kann ich Dir aber gleich drei Textstellen nennen, wo er was ganz anders sagt.



    Erfreulich - wie ich gerade sehe, hast Du Dich in einem anderen eitrag bereits selbst korrigiert und eingeräumt, dass es durchaus Opern gibt, die "nur" unterhalten möchten. Wie schwer das zu erreichen ist und wie viele daran gescheitert sind, das muss ich Dir bestimmt nicht sagen- Denk mal nur an "Das Liebesverbot"...


    Operus hatte schon recht. Durch das ausschließliche Operieren mit Verallgemeinerungen - ich nehme mein obiges Statement nicht aus - bewirkt man nur , dass lautstark aneinander vorbeidiskutiert wird. Ich nehme an, dass Du nicht jeden "Wagnerianer" lächerlich findest, sondern einen gewissen - immer kleiner werdenden - Hardcoreflügel derselbigen.


    Meine Position ist die folgende: ob Eingriffe der Regie Sinn ergeben, hängt erstens davon, welches Werk gegeben wird, zweitens ob sie dem Verständnis dienen, und drittens, ob sie den Intentionen des Autors zuwiderlaufen oder nicht. Insgesamt vertrete ich also wohl eine eher konservative Sicht, möchte aber betonen, dass man sich jeden Fall gesondert ansehen muss. Damit bin ich wahrscheinlich mit Michael Schenk und Thomas Pape auf einer Linie. Bei der Diskussion hier habe ich sehr den Eindruck, dass mehrere Aspekte miteinander vermischt werden: tatsächlich grauenvolle Inszenierungen, die grundsätzliche Absage an Eingriffe der Regie in die historisch vorgegebene Szenerie, und eine grundätzliche Sicht auf die Kunst, nämlich die einer vergnüglichen Abwechslung vom Alltag.

  • Lieber Michael,


    was Wagner auch immer seinen Freunden mitgeteilt haben mag, in seiner Oper jedenfalls hat er Lohengrin für mich als strahlenden Helden angelegt und nicht als auf dem Boden kriechenden Epileptiker, wie wir ihn in der letzten Scala-Inszenierung erlebt haben. Es gibt noch eine Reihe weiterer Texte im Libretto, in denen der Held angesprochen ist, aber das würde den Umfang hier sprengen:


    ELSA.
    In lichter Waffen Scheine
    ein Ritter nahte da,
    so tugendlicher Reine
    ich keinen noch ersah:
    ein golden Horn zur Hüften,
    gelehnet auf sein Schwert, -
    so trat er aus den Lüften
    zu mir, der Recke wert;
    mit züchtigem Gebaren
    gab Tröstung er mir ein; -
    des Ritters will ich wahren,
    er soll mein Streiter sein!
    ………
    DIE MÄNNER
    Seht! Seht! Welch ein seltsam Wunder! Wie? Ein Schwan!
    Ein Schwan zieht einen Nachen dort heran!
    Ein Ritter drin hoch aufgerichtet steht.
    Wie glänzt sein Waffenschmuck! Das Aug' vergeht
    vor solchem Glanz! -
    Seht, näher kommt er an!
    An einer goldnen Kette zieht der Schwan!
    Seht hin! Er naht! Seht, er naht!
    Ein Wunder! Ein Wunder! Ein Wunder ist gekommen,
    ein unerhörtes, nie geseh'nes Wunder!
    …………
    DIE MÄNNER UND FRAUEN.
    Gegrüßt, du gottgesandter Held!
    Sei gegrüßt, du gottgesandter Mann!
    ………..
    DER KÖNIG, ALLE MÄNNER UND FRAUEN.
    Ertöne, Sieges Weise,
    dem Helden laut zum Preise!
    ……….
    DER HEERRUFER.
    Und weiter kündet euch der König an,
    daß er den fremden, gottgesandten Mann,
    den Elsa zum Gemahle sich ersehnt,
    mit Land und Krone von Brabant belehnt;
    doch will der Held nicht Herzog sein genannt -
    ihr sollt ihn heißen: Schützer von Brabant!
    DIE MÄNNER.
    Hoch, der ersehnte Mann!
    Heil ihm, den Gott gesandt!
    Treu sind wir untertan
    dem Schützer von Brabant!
    DER HEERRUFER.
    Nun hört, was Er durch mich euch sagen läßt:
    heut feiert er mit euch sein Hochzeitsfest -
    doch morgen sollt ihr kampfgerüstet nahn,
    zur Heeresfolg' dem König untertan;
    er selbst verschmäht, der süßen Ruh zu pflegen,
    er führt euch an zu hehren Ruhmes Segen!
    DIE MÄNNER mit Begeisterung.
    Zum Streite säumet nicht,
    führt euch der Hehre an!
    Wer mutig mit ihm ficht,
    dem lacht des Ruhmes Bahn!
    Von Gott ist er gesandt
    zur Größe von Brabant!


    Und nun sage mir, ob und wie das wohl auch zu dem Rattengrin, dem Klassengrin oder dem Baustellengrin passt.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Lieber Gerhard,


    was Wagner auch immer seinen Freunden mitgeteilt haben mag, in seiner Oper jedenfalls hat er Lohengrin für mich als strahlenden Helden angelegt [...]

    so funktioniert es doch nicht! - Ich kann m.E. nicht einerseits darauf verweisen, dass Wagner sich bei Ansicht aktueller Lohengrin-Inszenierungen im Grabe umdrehen würde, aber andererseits seine eigenen Aussagen zum Stück als im Prinzip gegenstandslos betrachten!?



    Es gibt noch eine Reihe weiterer Texte im Libretto, in denen der Held angesprochen ist, ...

    Natürlich gibt die von dir zitierte Textstelle wieder, dass Lohengrin als Held empfangen wird; wie sollte es Aufgrund der Handlung im ersten Aufzug auch anders sein! Aber sofort kann ich doch die Frage stellen, ob er im weiteren Verlauf des Stückes dieser ihm zugedachten Rolle überhaupt gerecht wird? - Mit Verlaub, eine Frage, die sich jeder x-beliebigen Abiturient im Deutsch-Unterricht gefallen lassen müsste.



    Und nun sage mir, ob und wie das wohl auch zu dem Rattengrin, dem Klassengrin oder dem Baustellengrin passt.

    Nein, nein und nochmals nein! - Darum geht es doch überhaupt nicht; nicht nach der Schlüssigkeit der einzelnen Inszenierung ist gefragt, sondern nach dem Interpretationshorizont des Stückes. Und diese Frage kann doch gerade bei Wagner, der ja nicht irgendwelche Libretti vertont, sondern seine Texte selber gedichtet hat und sich nicht "nur" als Komponist, sondern eben auch als Dramatiker verstand, nicht einfach wegdiskutiert werden.


    Ich meine, jeder ernstzunehmende Sänger dieser Rolle muss sich doch die Frage stellen, ob Lohengrin tatsächlich der Held ist, für den ihn zu Anfang alle Anderen halten. - Ich habe mir in letzter Zeit diverse alte da capo-Interviews angeschaut und eine Frage, die August Everding jedesmal stellt, ist die nach der Wichtigkeit der (Rollen-)Interpretation. Und bis jetzt hat keiner der befragten Sänger gesagt: "Interpretation ist mir schnuppe! Ich singe, was im Textbuch steht."

  • Zitat

    Zitat von MSchenk: Natürlich gibt die von dir zitierte Textstelle wieder, dass Lohengrin als Held empfangen wird; wie sollte es Aufgrund der Handlung im ersten Aufzug auch anders sein! Aber sofort kann ich doch die Frage stellen, ob er im weiteren Verlauf des Stückes dieser ihm zugedachten Rolle überhaupt gerecht wird?

    Lieber Michael,


    ich finde, dass die Aussage Wagners, die du zitiert hast, noch nicht einmal im Gegensatz zu dem Auftreten als Helden im ersten und im zweiten Akt steht. Die von dir genannte Frage kann man natürlich stellen. Aber nur in einer der von mir genannten Inszenierungen in der Scala hat sich der Regisseur vielleicht diese Frage gestellt, aber nicht erst im weiteren Verlauf des Stückes, sondern er führt ihn, trotz der völlig anderen Aussage des Textes bei seiner Ankunft, den ich ja zitiert habe, garnicht erst, schon zu Beginn als schwachen, auf der Erde kriechenden Epileptiker ein.
    Ich sehe hier einen totalen Gegensatz zu den Intentionen Wagners. Ich denke schon, dass Wagner sich im Grabe herumdrehen würde, wenn er sehen würde, in welche Richtung solche Worte, wie von dir zitiert, verdreht werden können. Damit meine ich jetzt nicht dich, denn dass du auch diesen Aspekt in Lohengrin siehst, ist durchaus nachvollziehbar. Aber damit hat ein Rattengrin, ein Klassengrin und ein Baustellengrin nun rein gar nichts zu tun. Und der Epilepsiegrin läßt diese Frage erst garnicht zu, er zwingt uns diese Interpretation als allein gültig schon da auf, wo sie absolut aufgrund des Werkes nicht hingehört. Wenn Lohengrin am Schluss des Stückes nicht mehr so heldenhaft erscheinen würde, sondern als enttäuschter Liebhaber abziehen würde, was er ja auch tatsächlich tut, so entspricht das durchaus dem Bild, das Wagner in deinem Zitat zeichnet.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Allerdings sollten wir bedenken, dass dies eben nur "für uns" gilt! - Letztlich geht die Frage, Regietheater - Ja oder Nein? dem wesentlich größeren Teil der Bevölkerung (zu recht?) am Allerwertesten vorbei


    Lieber MSchenk,


    ausnahmsweise haben wir einmal fast dieselbe Meinung. Als jahrzehntelanger Anrechtsbesucher konnte ich immer wieder eines feststellen: Wenn der Tag des Abos kommt, dann zieht sie ihre Pumps und ein Kleid an (manchmal auch nicht) und er in der Regel einen Anzug, sogar mit Schlips und Kragen. Oft habe ich erlebt (außer in Premieren), daß beim Einlaß die Frage kam _ was wird denn eigentlich heute gespielt. Einer der Höhepunkte: Man spielte Ödön von Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald". Au fein, sagte der betagte Herr, heute ist Schrammelmusik.


    Will damit sagen, daß ein Teil der Anrechtsbesucher ins Theater geht, weil heute gerade Theatertag ist. Denen ist es völlig egal, ob Rigoletto einen Buckel hat oder Gilda. Ich sage einfach mal, die haben keine Ahnung, gehen aber hin, weil es vielleicht zum guten Ton gehört, ins Theater zu gehen, auch um zu beweisen, wie gebildet man ist. Eine Freundin war jetzt in einer Carmen, wo Menschen und Waffen geschmuggelt werden, Kalaschnikows. Und auch ansonsten eine in meinen Augen miserable Inszenierung. Ihr hat es gefallen, sie hatte ja Anrecht. Wir haben kein Anrecht mehr, haben uns aber durch die euphorische Kritik zum Besuch verleiden lassen - sind aber in der Pause gegangen.


    Einige nehmen auch Anrecht, die sich seit Jahrzehnten mit Oper bzw. Schauspiel befassen. Ich kenne ehemalige Sänger und Schauspieler in Gera, die natürlich damit vergleichen, wie man das früher gemacht hätte. In Diskussionen mit denen ist immer wieder Enttäuschung zu hören, und viele dieser ehemaligen Leistungsträger unseres Theaters haben das Anrecht verlassen, weil sie sich mit den Regieverunstaltungen nicht mehr identifizieren können. So geht es auch vielen älteren Zuschauern.


    Und dann gibt es eine dritte Gruppe, die ins Theater gehen, um etwas neues zu sehen, denen es direkt ein Bedürfnis ist, einmal zu sehen, daß Gilda den Buckel hat und nicht Rigoletto.


    Also teile ich die Theaterbesucher in drei Gruppen ein:


    die erste Gruppe geht in alles, denen gefällt alles, die finden keine Kritikpunkte, weil sie kritiklos sind. Die können auch zu Hansi Hinterseer gehen. Es ist eine Grruppe, die bei uns die Mehrzahl stellt


    die zweite Gruppe will das sehen, was im Opernführer steht, zeit- und kostümgerecht. Man kann sie auch konservativ nennen.


    die dritte Gruppe ist die experimentierfreudige, in meinen Augen die zahlenmäßig geringste. Man kann auch sagen, sie sind der Avantgarde zuzurechnen.


    Das Problem ist nur, wie stelle ich alle drei Gruppen zufrieden. Zugleich geht das nicht. Gruppe 1 und 3 jubelt gemeinsam, während zur gleichen Zeit Gruppe 2 Buh ruft. Oder Gruppe 1 und 2 jubelt und 3 ist unzufrieden. Es allen recht zu tun, ist eine Kunst die keiner kann. Aber leider tut man in vielen Häusern nur etwas für die Gruppe 3, und die Gruppe 1 muß mit hin. Ergebnis in Gera: die Anrechtsbesucher werden weniger, selbst in Premieren wird der 2. Rang geschlossen und in vielen Veranstaltungen übersteigt die Zahl der Aktiven die der Passiven. Eine Fehlentwicklung.


    Ich spreche nicht für große Häuser wie Wien u.a. Da ist das anders, da gehen viele hin, weil sie eine bestimmte Aufführung, bestimmte Sänger oder auch bestimmte Regisseure sehen wollen. Ich möchte höchstens deshalb Intendant sein, weil seine Vergütung exzellent ist. Er muß als Erfolg verkaufen, was zum Sinken der Besucherzahlen führt. Und das könnte ich nicht.


    La Roche - der Theaterdirektor aus Capriccio

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Lieber La Roche


    Danke für Deinen wunderbaren Beitrag. Du sprichst mir im Wesentlichen aus dem Herzen und triffst in Deiner Beschreibung alles punktgenau. So ähnlich sind auch meine Beobachtungen und Feststellungen.
    Wie ich mitteilte, war ich vor einer Woche in meiner heimatlichen "Traviata". Ich erlebte eine hervorragende Violetta (Antje Bitterlich), die wirklich eine großartige Leistung bot. Natürlich gab es Szenen- und Schlußbeifall. Und doch merkte man, daß da nur das "normale Publikum" drin saß, genau wie Du es beschreibst. Die wenigsten werden begriffen haben, daß hier eine überragende Leistung geboten wurde. Wenn da das "richtige Publikum" drin sitzen würde, die was davon verstehen und ihrer Begeisterung und Euphorie freien Lauf lassen, dann wäre das für die Solisten ein weiterer Ansporn für Höchstleistung und das Publikum hätte dann noch mehr davon. Das ist doch eine gegenseitige Wechselwirkung. Aber hier war ein Publikum "heute gehen wir halt mal ins Theater".
    In diesem Zusammenhang fällt mir immer wieder der unvergeßliche Opernhöhepunkt seinerzeit mit der Tosca in der Berliner Staatsoper ein.
    In der ersten Vorstellung nach der Premiere war das so, Publikum und Solisten verschmolzen zu einer Einheit, haben sich gegenseitig alles gegeben, die einen Höchstleistung, die anderen enthusiastischen Beifall bis zur Erschöpfung und es wurde für alle zu einer unglaublichen, unvergessenen Sternstunde.
    Und ich war überglücklich mit dabei...


    Herzliche Grüße (aus dem zwar sonnigen, aber saukalten "westsibirischen Eispalast", - 7°C) und ein schönes WE
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Was ich bislang auch festgestellt habe, das auch die Stimmung im Opernhaus davon abhängt, was für ein Abo Publikum grade da ist. An der Rheinoper gibt es reine Opernabos und dann solche die mit Schauspiel bzw. Ballet gemischt sind. Bei denen die ein reines Opernabo haben, ist die Stimmung eher gelangweilt so nach dem Motto : Wir haben das Abo als müssen wir dorthin gehen. oder: Das Stück haben wir doch schon 100 mal gesehen. Diejenigen die noch Schauspiel bzw. Ballet im Abo mithaben da ist die Stimmung schon etwas enthusiastischer. Die Beste Stimmung herrscht aber wenn freier Vorverkauf ist. Da gehen dann meistens eh nur die Leue rein, die sich wirklich für die Oper interessieren.

  • Leider trifft Eure Zustandsbeschreibung im Wesentlichen zu. Um so mehr müssen wir, denen die im Grunde anachronistische - aber meiner Meinung nach vollkomendste, herrlichste - Kunstform Oper am Herzen liegt, dafür kämpfen, dass sie als ein wesentlicher Teil der Kultur des Abendlandes erhalten bleibt, blüht und noch weitere Generationen erfreuen, herausfordern und beglücken kann.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber LaRoche,


    du hast deine Beobachtungen, die auch ich in ähnlicher Weise gemacht habe, mit sehr guten Bespielen, die den Nagel auf den Kopf treffen, beschrieben.
    Auch ich habe erlebt, dass Abonnenten gar nicht so recht wussten, was sie sich mit dem Abonnement eingekauft hatten. Das meine ich jetzt nicht in Bezug auf die Inszenierung, sondern auf das Werk überhaupt. Dieses Laufstegpublikum, das du beschreibst, besteht aber zur Hauptsache aus älteren Leuten, jüngere sind nach meinem Eindruck nicht mehr so sehr daran interessiert, sich in der Öffentlichkeit darzustellen, es sei denn, sie bekleideten ein Amt, bei dem sie glauben, dass sie sich sehen lassen müssten. Diese Publikum wird sich wahrscheinlich automatisch reduzieren.
    Die Gruppe 2, die über Werk informiert ist und an einer zum Werk passenden Inszenierung interessiert ist, wird leider immer geringer, da viele wegen der Verunstaltungen kein Abonnement mehr nehmen oder keine Einzelkarten mehr kaufen. Wahrscheinlich verschwindet sie mit der Zeit weitgehend aus den Opernhäusern.
    Bleibt die - auch nach meinen Beobachtungen geringe - Gruppe 3, die Experimente lieben. Und bei deren Anzahl kann das Opernhaus dann künftig vermutlich schließen.
    Was die weitere Gruppe, die du für große Opernhäuser noch siehst, betrifft, glaube ich auch nicht, dass sie bereit ist, ständig wegen berühmter Sänger mit geschlossenen Augen in die Oper zu gehen. Zwar spielt die Musik immer noch die entscheidende Rolle, aber man geht doch auch ins Opernhaus, um etwas zu sehen. Sonst kann ich doch in konzertante Aufführungen, die leider noch recht dünn gesät sind, gehen, bei denen es sogar auch mal vom Standardrepertoire abweichende Opern zu hören gibt. Und wenn das Bild im Opernhaus überhaupt nicht mehr zu dem Werk passt, denke ich, werden das viele mit der Zeit auch leid.
    Der ersten Gruppe, der es ohnehin egal ist, und der zweiten Gruppe, die zusammen die entscheidende Mehrheit stellen, kann man es sicherlich mit werkgerechten Inszenierungen durchaus recht machen. Für die dritte Gruppe mag es dann einzelne Experimente geben, an denen sie ihr Mütchen kühlen kann. Der Trend ist jedoch der, dass fast nur noch diese kleine Minderheit bedient wird.
    Aber diese Betrachtungen gehören wiederum besser in das andere Thema, in das Thomas ein Teil der Beiträge verschoben hat. Also bitte, lieber Thomas, walte deines Amtes!


    Liebe Grüße
    Gerhard


    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

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  • Es gibt also neben Musik und Libretto mindestens noch eine weitere Ebene des Werkes; und die Frage, wie mit dieser (Deutungs-)Ebene angemessen umgegangen werden kann, umschiffen wir allesamt in unseren oftmals verhärteten Diskussionen was so elegant, wie ein weißer Schwan auf einem Parksee ... :pfeif:


    Da gibt es nichts zu "umschiffen" - so es diese Deutungsebenen gibt (was von Oper zu Oper verschieden ist), werden sie dem interessierten und leidenschaftlichen Opernfan, der sich mit den Werken auseinandersetzt, auch beim bloßen Hören der CDs und beim Lesen des Librettos klar werden, da sie in Musik und Text enthalten sind. Selbstherrliche Regisseure sind dafür allerdings so hilfreich und so nötig wie ein Kropf.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Zitat

    Zitat von Strano Sognator: Da gibt es nichts zu "umschiffen" - so es diese Deutungsebenen gibt (was von Oper zu Oper verschieden ist), werden sie dem interessierten und leidenschaftlichen Opernfan, der sich mit den Werken auseinandersetzt, auch beim bloßen Hören der CDs und beim Lesen des Librettos klar werden, da sie in Musik und Text enthalten sind. Selbstherrliche Regisseure sind dafür allerdings so hilfreich und so nötig wie ein Kropf.

    Liebe Strana,


    genauso ist es doch. Der interessierte Opernhörer und -zuschauer findet diese Ebenen sicher selbst. Der "modische" Regisseur jedoch verdirbt durch seine irren und meist abwegigen Deutungsversuche die in der Handlung erkennbaren Deutungsebenen. Das nennt man dann "Neudeutung", aber sie entspricht nicht mehr dem Werk. Deshalb steht für mich diese - wie du es richtig nennst - selbstherrliche Umdeutung dem Werk völlig entgegen und zerstört es.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Da gibt es nichts zu "umschiffen" - so es diese Deutungsebenen gibt (was von Oper zu Oper verschieden ist), werden sie dem interessierten und leidenschaftlichen Opernfan, der sich mit den Werken auseinandersetzt, auch beim bloßen Hören der CDs und beim Lesen des Librettos klar werden, da sie in Musik und Text enthalten sind. Selbstherrliche Regisseure sind dafür allerdings so hilfreich und so nötig wie ein Kropf.


    Das ist das Schöne an Deinen "Argumenten", Strano! - Diese erfrischende Basta!-Haltung, die auch nichts anderes, als eben ein Umschiffen ist ... :stumm:


  • Das ist das Schöne an Deinen "Argumenten", Strano! - Diese erfrischende Basta!-Haltung, die auch nichts anderes, als eben ein Umschiffen ist ... :stumm:


    Mir war völlig klar, dass du das so sehen und auch entsprechend antworten würdest. Das ist zwar nicht gerade erfrischend, aber wenigstens konstant und verlässlich.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Lieber Michael,


    wie du gesehen hast, stimme ich - und wahrscheinlich auch viele andere hier - vollkommen mit Strana überein. Sicherlich gibt es Leute, die für sich denken lassen, auch wenn dann das Ergebnis nicht stimmt. Mir (uns) braucht aber niemand das eigene Denken abzunehmen!!


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Lieber Michael,


    wie du gesehen hast, stimme ich - und wahrscheinlich auch viele andere hier - vollkommen mit Strana überein. Sicherlich gibt es Leute, die für sich denken lassen, auch wenn dann das Ergebnis nicht stimmt. Mir (uns) braucht aber niemand das eigene Denken abzunehmen!!


    Liebe Grüße
    Gerhard


    Schade eigentlich! - Immerhin hatte ich den Eindruck, wir hätten mit den Beiträgen 91 & 92 so etwas, wie eine ernstzunehmende Diskussion über Deutungs- bzw. Interpretationsproblematiken einer Oper - abseits von Grabenkämpfen bzgl. Regie- oder non-Regietheater - führen können. Wenn ihr aber alle nun so viel klüger seid als ich, lassen wir es doch einfach und schmeißen weiter undifferenziert mit Förmchen :baeh01:

  • Das ist das Schöne an Deinen "Argumenten", Strano! - Diese erfrischende Basta!-Haltung


    Ja, das ist auch schön, ihre fundierten sach- und fachlichen Argumente und das dazugehörende hartnäckige und selbstbewußte Verteidigen. Und nebenbei, wo sie Recht hat, hat sie Recht.


    Herzliche Grüße
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • . Wenn ihr aber alle nun so viel klüger seid als ich, lassen wir es doch einfach und schmeißen weiter undifferenziert mit Förmchen :baeh01:


    Die Frage, wer hier wirklich mit "Förmchen schmeißt" , sich beleidigt in seine Ecke zurückzieht und dabei den anderen haltlose Vorwürfe macht, sollte wohl noch diskutiert werden... :sleeping::sleeping::rolleyes:

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Lieber Michael,


    es geht ja hier nicht gegen dich, sondern gegen diese Art von Regisseuren, die uns eine bestimmte (ihre häufig absurde) Deutung aufzwingen wollen. Wie du siehst, habe ich in Beitrag 92 geschrieben, dass ich durchaus in der Lage bin, die von dir angeschnittene Deutung auch in einer normalen, d.h. werkgerechten Inszenierung zu sehen, wenn ich den dritten Akt von Lohengrin betrachte, in dem er zum Schluss auch nicht mehr als strahlender Held gesehen werden kann. Dazu braucht aber das Werk gar nicht erst "umgestrickt" und völlig entstellt werden. Und alle die Inszenierungen der letzten Zeit, die ich gesehen habe, waren solche Entstellungen, die eben nicht auf das hinausliefen, was du zitiert hast.
    Diese Deutungsebene braucht also auch in einer normalen Inszenierung vom Regisseur nicht besonders hervorgehoben werden, sie ist ohne dies erfassbar.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

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  • Die Frage, wer hier wirklich mit "Förmchen schmeißt" , sich beleidigt in seine Ecke zurückzieht und dabei den anderen haltlose Vorwürfe macht, sollte wohl noch diskutiert werden... :sleeping::sleeping::rolleyes:


    Ich bitte sogar darum! - Tut Euch nur keinen Zwang an ...

  • 50 Jahre ZDF
    – unter diesem Motto werden in diesen Tagen jede Menge olle Kamellen im TV wiederholt.


    So z.B. auch eine beliebte Serie der 80er: „Ich heirate eine Familie“ mit Peter Weck.
    In der ersten Folge (1982 gedreht, 1983 erstmals gesendet) geht das Pärchen, um sich besser kennenzulernen, in die Oper (Ort der Handlung: Berlin).
    Nach der Vorstellung – Aida – entwickelt sich etwa folgender Dialog: „Schöne Musik, gute Sänger – aber warum mussten die Ägypter Wehrmachts-Stahlhelme tragen? – Keine Ahnung, fand ich aber auch störend“
    Auf dem Weg zum Parkplatz ein anderes, jüngeres, Pärchen; sie sagt zu ihm: „Ich fand das ja ganz toll, nur die altmodische Musik hat gestört“


    Scheinbar hat der Berliner Autor Curt Flatow bereits 1982 das Regietheater gekannt.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Auf dem Weg zum Parkplatz ein anderes, jüngeres, Pärchen; sie sagt zu ihm: „Ich fand das ja ganz toll, nur die altmodische Musik hat gestört“


    :hahahaha::hahahaha: Eine Meinung, die viele "mutig-innovative" "Regisseure" durchaus teilen dürften :-)

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Und gestern eine tolle Fortsetzung. Die Moderatorin Maibrett Illner sah sich veranlaßt, bei der Demonstration einer Wette aus "Wetten daß" zu bemerken: "Nur gut, daß sie das nicht nach der Musik vom Hummelflug von Rachmaninow machen mußten".


    Damit hat sie sich für höhere kulturelle Beiträge qualifiziert. Schade, bisher mochte ich sie. Man hätte sie ja auch auf den Fehler aufmerksam machen und eine Richtigstellung mit einem kleinen Satz veranlassen können. Aber das hat wohl in der ZDF-Abendregie bzw-dramaturgie auch keiner gemerkt.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Zitat

    Zitat von LaRoche: Damit hat sie sich für höhere kulturelle Beiträge qualifiziert.

    Lieber LaRoche,


    hattest du etwas anderes von ZDF erwartet? Nachdem im Hauptsender fast alles, was es in den Anfangsjahren (selbst zur besten Sendezeit und obwohl es noch kein 24-Stunden-Programm gab) an Kultur gab, gestrichen wurde, gabe es ja noch eine Zeitlang den Theaterkanal. Aber auch dieser wurde - obwohl er sich hochtrabend "Zdf-Kultur" nennt - weitgehend zum Schwachsinnssender umfunktioniert (Von Kultur keine Spur). Woher soll den beim ZDF, dass sich immer mehr auf der seichten Ebene bewegt, noch das Wissen herkommen, von welchem Komponisten der "Hummelflug" tatsächlich stammt?


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Und gestern eine tolle Fortsetzung. Die Moderatorin Maibrett Illner sah sich veranlaßt, bei der Demonstration einer Wette aus "Wetten daß" zu bemerken: "Nur gut, daß sie das nicht nach der Musik vom Hummelflug von Rachmaninow machen mußten".

    Die fette Hervorhebung habe ich mir gestattet - was für eine wunderschöne Verballhornung des Moderatorinnen-Namens!!! Ich habe sowas von gegrinst...


    :jubel:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Diese erfrischende Basta!-Haltung


    Hallo MSchenk,


    diese Haltung ist doch längst out. Wer hatte sie "damals" (wie lang, lang ist's her?) wieder "en voge" gemacht?


    Das war doch dieser "Schröder, du dummer Hund"


    NEIN, NEIN, natürlich nicht der!!! Wie kann ich das verwechseln? - so was von eigener Dummheit (Demenz?)!


    "Schröder, du dummer Hund" ist nämlich (ohne "h"! - sonst wär' ich nämlich dähmlich) der Titel eines "Ravensburger Taschenbuches" - ich zitiere aus dem (halt die) Klappe(n)text: ""Und wo er auftaucht, gibt's Ärger" - (Zufälle gibt's, nicht zu fassen.)


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass man hier nicht aneinander vorbeidiskutiert.
    Der eine führt seinen verständlichen Hass auf "Regietheater" auf die Extrembeispiele Bieito, Neuenfels etc. zurück.
    Der andere begründet seine Begeisterung für "Regietheater" mit Inszenierungen von Marelli, Decker etc.


    Und was soll ich sagen...beide haben meiner Meinung nach absolut recht und sollten aber nicht Äpfel mit Birnen wegdiskutieren wollen. Das führt zu nichts.


    Liebe Grüße,
    Markus

    "Provinz ist nicht, wo man singt, sondern wie man singt."

  • Meine Position ist die folgende: ob Eingriffe der Regie Sinn ergeben, hängt erstens davon, welches Werk gegeben wird, zweitens ob sie dem Verständnis dienen, und drittens, ob sie den Intentionen des Autors zuwiderlaufen oder nicht.

    Das ist für mich auch des Pudels Kern. Wenn man Opernliebhaber ist, dann wird es einem doch in der heutigen Zeit wahrlich nicht leicht gemacht. Mit etwas Glück erwischt man noch konventionelle (das ist für ganz forsche Regieleute schon ein Schimpfwort!) Inszenierungen, deren Premieren schon allerhand Jahre zurückliegen. Ich möchte aber nicht auf Opern verzichten, auch in fünf oder zehn Jahren noch nicht. Was dann tun? Für sich Kompromisse schließen, die da lauten: An erster Stelle ist die Musik, die kann einem keiner nehmen, wenn das gut ist, dann ist die Aufführung schon zu einem großen Teil gelungen. Nun aber zum szenischen Teil. Natürlich müssen sich die verschiedenen Darbietungen an verschiedenen Häusern schon unterscheiden, denn nur Kopien von Altbewährtem gehen ja nun mal auch nicht. So muss also jeder Regisseur irgendeine Sichtweise auf das Werk anbieten, die sich eben von anderen unterscheidet. Und da sind für mich ziemlich unveränderlich Raum und Zeit vorbestimmt. Jede Oper spielt in einem vorgegebenen Raum und einer vorgegebenen Zeit. Innerhalb dessen kann es Spielraum für diese oder jene Deutung geben.



    Zitat

    Nach der Vorstellung – Aida – entwickelt sich etwa folgender Dialog: „Schöne Musik, gute Sänger – aber warum mussten die Ägypter Wehrmachts-Stahlhelme tragen? – Keine Ahnung, fand ich aber auch störend

    Genau, das ist es. So etwas habe ich schon mal beim "Ring" in Kassel erlebt, nein danke! Den "Lohengrin" an der DOB fand ich dagegen akzeptabel. Natürlich werden sich Puristen auch hier schwer tun. Jeder sollte z.B. anhand von Rezensionen entscheiden, mute ich mir das zu oder nicht. Der neue "Ring" an der Staatsoper hat bei mir keine Chance, trotz überragender Musikalität.
    Ich war in dieser Saison viermal in der Berliner Staatsoper, weil ich auch mal das Wahlabo nutzen wollte und alle Inszenierungen noch nicht kannte.
    Nur die "Zauberflöte"hat mich überzeugt. "Madame Butterfly" ging noch, "Freischütz" und "Aida" sind durchgefallen. Sogar sängerisch gabs außer beim Mozart (Pape) keine Offenbarung.


    Dieses Thema ist wahrlich ein Dauerbrenner, für mich denke ich eine Position gefunden zu haben, die mir die Oper auch in der Gegenwart nicht völlig vermiest.


    Mit besten Grüßen


    :hello:


    Manfred

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Eigentlich wollte ich diesen Beitrag im Thread "Regietheater" eingeben, aber der ist gesperrt.
    Ich hoffe, daß ich hier als Ausweich einigermaßen richtig bin.


    Ich habe heute im Netz zufällig eine Leserzuschrift aus meinem regionalen Tageblatt "Sächsische Zeitung" gefunden, die zwar schon 8 Jahre alt ist, aber an Aktualität nichts eingebüßt hat.
    Ich möchte Euch diese zur Kenntnis geben, weil ich schon oft in unserem Forum lobend von selbst erlebten Inszenierungen aus dem tschechisch / böhmischen Theater Liberec berichtet habe und sehe dies als Ergänzung und Bestätigung zu meinen bisherigen Ausführungen.
    Ich möchte betonen, daß ich mit dem Autor nicht identisch bin, ihn auch nicht kenne und keinerlei Verbindung habe. Aber dieser Aussage stimme ich vollinhaltlich zu.
    CHRISSY


    Sächsische Zeitung
    Donnerstag, 16.02.2006
    "Rigoletto in Turnschuhen"


    Seit acht Jahren besuche ich regelmäßig Opern- und Operetten-Aufführungen im Südböhmischen Theater in Budweis. Auch das Budweiser Theater spielt wie in Liberec Opern und Operetten so, wie sich das Autoren, Texter und Komponisten vorgestellt haben, so dass die Vorstellungen einen nachhaltigen sehr positiven Eindruck bei den Besuchern hinterlassen, und die – egal ob Tschechen, Deutsche oder andere – den wohlverdienten Applaus spenden.
    Opern werden in der Originalsprache, Operetten in tschechisch dargeboten. Auch stilisierte Bühnenbilder sind zu erleben, doch sind sie stets dem Original nachempfunden. Die Kostüme und Handlungen orientieren sich an den Uraufführungen und werden keinesfalls in die Jetztzeit transponiert. Kurzum: Das Südböhmische Theater fühlt sich voll dem klassischen nationalen und internationalen Kulturerbe verpflichtet (und bietet aber auch zeitgenössisches Theater). Regisseure, Sänger und Orchester sind erstklassig und professionell.
    Wenn man dagegen die Regieklamotten in unseren großen Staatstheatern sowohl in Dresden, Berlin und anderswo sieht, fragt man sich, ob die staatlichen Zuschüsse für diese Theater nicht zu hoch bemessen sind, weil dadurch Intendanten und Regisseure offensichtlich nicht mehr gewillt und genötigt sind, Theater für die Zuschauer zu machen und sich als „Elitäre Schicht“ über den Geschmack der Mehrzahl der Zuschauer hinwegsetzen.
    Das Schlimmste dabei ist für mich, dass gestandene Sänger diesen Unsinn mitmachen. So z. B. in der komischen Oper in Berlin, wo der Herzog im „Rigoletto“ als Peter-Kraus-Verschnitt der 60-er Jahre in Jeans und Turnschuhen auf einem Dampfer á la Titanic auftritt, oder wo sie ihre Arien in einem Puff singen, wenn sie „Die Entführung aus dem Serail“spielen. Von der „Seppelhosen-Fledermaus“ der Semperoper ganz zu schweigen. Johann Strauß würde diesen Inszenierungs Klamauk verbieten lassen, zumal die Aufführung eigentlich nur wegen des „Stumpi-Frosch‘s“ und der Musik besuchenswert ist.
    Wie man modernes Musiktheater spielen kann und soll, zeigen die sehenswerten Lloyd-Webber-Musical-Aufführungen oder die Opern zeitgenössischer Komposition.


    Claus Gärtner, Lommatzsch


    (Erklärung zu "Stumpi- Frosch": Gemeint ist hier der beliebte Schauspieler "Wolfgang Stumph", der ein "Dresdner Original" ist und wohl in dieser Semperoper - Fledermaus den Frosch gegeben hat).

    Jegliches hat seine Zeit...

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