Maurice Ravel: Bolero

  • Der "Bolero" ist IMO eines der heikelsten Stücke der gesamten Musikliteratur. Kein anderes ist so völlig abhängig von der richtigen Tempowahl. Meistens wird das Tempo zu schnell genommen - und das ist nervtötend. Aber ein richtig auf den Punkt gebrachter "Bolero" kann ein echtes Vergnügen sein. Primitiv ist diese Musik nämlich keineswegs. Ich halte das Werk, ganz im Gegenteil, für eine der raffiniertesten Vereinfachungen, die je einem Komponisten eingefallen sind.

    ...

  • Hallo Wolfgang,


    ich werde noch zu meiner neuen Aufnahme etwas schreiben.
    Als ich Claus danach fragte meinte er, dass hier das von Ravel imaginierte ziemlich langsame Tempo durchgehalten wird.
    Nach einmal Hören kann ich noch nichts dazu sagen - aber wenn es so ist, dann trifft es ja letztlich auch den 'Wunsch' von Edwin.


    Wie gesagt, ich stelle die Aufnahme später noch vor - so lange musst du dich noch gedulden ;)


    Gruß, Maik

    Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.


    Sirach 32, 7

  • Meine Lieblingsaufnahme des Bolero ist von Karajan, 1987 live, gibt es scheinbar auf DVD. Ich sah es nur bei youtube.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Es gibt im Bolero außer der Tempofrage noch ein anderes Problem:
    Anhand zweier wichtiger Stellen kann man meines Erachtens zwingend nachweisen, daß die von Ravel beabsichtigte Klangwirkung nur mit antiphonischer Violinenaufstellung verwirklicht werden kann.
    Im Thread zum Klavierkonzert linke Hand schrieb ich anläßlich der Besprechung der Aufnahme mit Anima Eterna (Jos van Immerseel) dazu vor einiger Zeit folgendes:


    Zitat

    Original von Khampan
    Anima Eterna
    ich kenne davon nur La Valse: grandios gespielt, einfach straight durch im Tempo, das sorgt heutzutage allein schon für zahllose überraschende Wendungen, gefällt mir *interpretatorisch* ausgezeichnet.
    Auch der Bolero, im von Ravel vorgeschriebenen langsamen Tempo, sorgt mit seinen ungewohnten Klangfarben für Überraschungen und Gesprächsstoff. Leider weigert sich Immerseel, die Violinen antiphonisch aufzustellen, und daher weigere ich mich, diese CD zu kaufen. Denn ausgerechnet im Bolero gibt es einen der besten Beweise für die Notwendigkeit der geteilten Violinenaufstellung:
    An einer Stelle sind die 1. und 2. Violinen in identischer Weise in 4 Minigrüppchen unterteilt, die jeweils (die entsprechenden Grüppchen der 1. und 2. Violine) das gleiche zu spielen haben. Das Thema wird hier von den Violinen in parallelen Akkorden vorgetragen, die offensichtlich von der ganzen Breite der Bühne erklingen sollen. Wäre dem Komponisten dieser Breitwandeffekt egal gewesen, dann hätte er die vierstimmigen Akkorde nämlich auf 2x2 Gruppen (1. und 2. Violine je zweifach) verteilt, was spieltechnisch wesentlich einfacher wäre.
    Klar, das macht auch sonst kein Orchester (?). Aber wenn sich einer schon soviel Mühe gibt, das letzte Museumsstück eines originalen Instruments für seine HIP-Aufnahme ausfindig zu machen und dermaßen den originalen Sound auf seine Fahnen schreibt, auf der anderen Seite aber auf einen original intendierten wichtigen Effekt verzichtet (der generell ein Hinweis darauf ist, daß Ravel von der antiphonischen Sitzordnung ausgegangen ist), dann bin ich einfach nur ratlos.


    Die zweite Stelle sei hier ebenfalls erwähnt:
    ziemlich in der Mitte des Bolero spielen die 1. und 2. Violinen das Thema in Oktaven, die 2. Violinen haben die untere Oktave. Auch hier wird die Klangfläche nach vorangehender stetiger Steigerung plötzlich merkwürdig gestutzt, wenn alles von der linken Hälfte kommt (Thema links, Begleitung rechts...). Geradezu amputiert klingt es darüberhinaus, wenn die Violinen stark gestützt sind und man die Stützmikrofone punktgenau irgendwo auf der linken Seite orten kann :no:


    Kennt jemand eine Aufnahme mit antiphonischer Aufstellung?



    Frage an Maik:
    welches war nun deine geheimnisvoll angekündigte Aufnahme mit dem langsamen Tempo?


    Gruß, Khampan

  • Zitat

    Original von Felipe II.
    Meine Lieblingsaufnahme des Bolero ist von Karajan, 1987 live, gibt es scheinbar auf DVD. Ich sah es nur bei youtube.


    Korrektur: Es handelt sich hierbei um das Silvesterkonzert vom 31.12.1985 aus der Berliner Philharmonie.



    An dieser Aufnahme - die es scheinbar leider nur auf DVD gibt - müssen sich m.E. die anderen messen. Ich würde sie mit zu den besten Aufnahmen Karajans überhaupt rechnen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Hallo zusammen,


    Maurice Ravels Boléro wurde weltberühmt durch die Kür von Jayne Torvill und Christopher Dean bei der Eistanz-WM von 1984. Die Preisrichter vergaben damals für diese weltmeisterhaft vorgetragene Choreographie 10 mal die Höchstnote 6,0.
    :hello:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Hallo Siegfried


    Zitat

    Original von Siegfried
    Hallo zusammen,


    Maurice Ravels Boléro wurde weltberühmt durch die Kür von Jayne Torvill und Christopher Dean bei der Eistanz-WM von 1984. Die Preisrichter vergaben damals für diese weltmeisterhaft vorgetragene Choreographie 10 mal die Höchstnote 6,0.
    :hello:


    Hatten wir das nicht schon einmal? Natürlich waren die Winterspiele 1984 in Sarajewo ein Popularitätsschub für den Bolero, aber einen eher noch größeren gab es fünf Jahre zuvor durch den Film "10" von Blake Edwards!

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Für mich sind "Bolero" und "Bilder einer Ausstellung" regelrechte Hass-Objekte.



    Ich habe den Bolero dreimal an der zweiten Oboe gespielt, und schon beim ersten Mal habe ich das Stück auch richtig hassen gelernt. Eintöniger gehts nimmer, man pustet sich die Lunge aus dem Hals, und spätestens beim tausendsten Faulenzer gegen Schluß fliegt man irgendwann raus (was aber auch weiter niemandem auffällt!).


    Einges von Ravel liebe ich sehr (die KLavierkonzerte oder die Opern), aber der zudem noch völlig totgedudelte Bolero gehört dringend auf den Index! :motz: Das Stück mag ja seinerzeit eine raffinierte Überraschung gewesen sein, aber heute.... :no:


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Bernd Schulz
    der zudem noch völlig totgedudelte Bolero gehört dringend auf den Index!


    eine komplett andere Betrachtungsweise :D


    LG, Paul

  • Zitat

    Original von Bernd Schulz
    aber der zudem noch völlig totgedudelte Bolero gehört dringend auf den Index! :motz: Viele Grüße


    Bernd


    Ich glaube, man darf dem Stück nicht entgegen halten, daß es derartig populär geworden ist.

  • Paul und Achim, das mit dem Index war natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber es ist schon interessant, wie sich die Perspektiven verschieben, wenn man die Sachen selber spielt. Viele Werke höre UND spiele ich sehr gerne (Telemann, Bach, Dvorak, Wagner, Puccini....), andere machen beim Spielen eine Menge Spaß (Danzi, Reicha, Spohr), aber sind beim Hören grottenöde, und gegen wieder andere entwickelt man regelrechte Aggressionen, sobald man an ihrer Aufführung beteiligt ist. Zu dieser Kategorie zählt bei mir ganz unbedingt der Bolero (und nebenbei bemerkt so einiges von Verdi).


    Beste Grüße


    Bernd

  • Lieber Bernd,
    wieviel Opern hat Ravel denn geschrieben ?
    Ich kenne nur "L'Heure espagnole".


    (Man sollte den "Bolero"nicht unbedingt von der
    Oboe aus beurteilen, oder verurteilen).


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Hallo Herbert,


    außerdem gibt es noch "L'Enfant et les Sortilèges". Beide Opern habe ich schon mehrfach auf der Bühne gesehen, "L'Enfant et les
    Sortilèges" ist für mich das musikalisch reizvollere Stück.


    Zitat

    (Man sollte den "Bolero"nicht unbedingt von der


    Hast ja prinzipiell Recht - aber Tierquälerei bleibt Tierquälerei! :kotz:


    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo Bernd,


    Du hast recht. Man kann"Das Kind und der Zauberspuk"


    auch als Oper bezeichnen. Ich habe es immer als ein Ballett


    mit Gesang betrachtet.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Es wurden bisher wenige Referenz-Aufnahmen genannt, und wenn, dann ist das mittlerweile ewig her.


    Vielleicht sollten wir nochmal einige aufführen. :hello:


    Also ich tendiere zu Karajan, 80er-Jahre-Aufnahme.


    Wie steht es etwa hiermit?


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Besprochene Aufnahmen des Bolero


    1. Maurice Ravel, Aufn. Paris 1930, Orchestre de Concert Lamoureux
    CD SP 4209 >Ravel conducts Ravel<
    2. Ernest Ansermet, Orchestre de la Suisse Romande (Decca)
    3. Claudio Abbado, London Symphony Orchestra (DGG)
    4. Sergui Celibidache, Münchner Philharmoniker (Live-Mitschnitt) (EMI)


    >Leidenschaft Bolero -- Maurice Ravel< ist der Titel einer filmischen Dokumentation von Michel Follin (Frkr. 2007), die kürzlich von Arte gesendet wurde. Sie gibt schöne Einblicke in eine der merkwürdigsten Erfolgsgeschichten eines Musikstücks. Ist der Bolero überhaupt ein Musikstück? Ravel selbst hat diese Frage eindeutig verneint. Der Bolero sei ein "reines Orchesterstück ohne Musik", nichts als ein "langes, progressives Crescendo". Daß diese >Unmusik< das Publikum in aller Welt derart in seinen Bann schlagen würde, konnte weder der Komponist noch seine Interpreten auch nur ahnen. Die alte Dame, die sich nach einer Aufführung zum Komponisten des Bolero entrüstete: >Der spinnt doch!< blieb eher die Ausnahme. Selbst ein so großer Dirigent wie Arturo Toscanini meinte allen Ernstes, dieser ungewöhnlichen Komposition kapellmeisterliche Hilfestellungen geben zu müssen, damit sie überhaupt Erfolg haben könne. Der alte Artur Rubinstein erzählt dazu in seiner gewohnt launigen Art -- mit rauchender Zigarre -- die folgende Anekdote:


    "Ich hatte meinen Platz im Parkett in der Oper -- hinter mir saß zufällig Ravel mit seiner guten Freundin, der Geigerin Morhange. Wir begrüßten uns. Ich sagte zu ihm: "Ich freue mich, den Bolero zu hören!" Ravel winkte nur ab. Toscanini dirigierte unglaublich, aber doppelt so schnell. Das Publikum war begeistert. >Bravo! Bravo! Zugabe!< Toscanini mußte zweimal herauskommen. Ich machte den Fehler, mich zu Ravel umzuwenden. Ravel war außer sich vor Wut über Toscanini. Er schrie immer wieder laut in den Saal: "Ich bin der Komponist!" Ich rief ihm zu: "Stehen Sie doch auf, Meister!" Er aber weigerte sich und schimpfte: "Das Schwein hat zu schnell gespielt, das ist unverzeihlich! Das ist unglaublich! Das Stück ist ruiniert!""


    Das anschließende >Gespräch< Ravels mit Toscanini ist überliefert. Ravel zu Toscanini: "Das entspricht nicht meiner Tempobezeichnung!" Toscanini: "Wenn ich Ihr Tempo spiele, hat es überhaupt keine Wirkung!" Ravel: "Gut, dann spielen Sie den Bolero eben nicht!" Toscanini: "Sie haben keine Ahnung von Ihrer Musik. Das ist die einzige Möglichkeit, damit Ihre Musik überhaupt ankommt!"


    Das Werk verdankt seine Entstehung einem Auftrag der Tänzerin Ida Rubinstein. Sie war ehemaliges Mitglied des berühmten Ballett-Ensembles von Sergei Dhiagilev, der in Paris u.a. Strawinskys >Sacre du Printemps< und Debussys >Jeux< uraufführte. Ihren Reichtum nutzte sie, um Auftragskompositionen für Ballettaufführungen zu erteilen. Das Konzept lautete: Unbekannte Werke bekannter Komponisten. Ravel sollte ein spanisches Werk liefern. Vorgesehen war ursprünglich, daß er ein Stück aus Isaac Albeniz Klavierzyklus >Iberia< orchestrierte: Über Ravels Besuch bei Ida Rubinstein berichtet wiederum Artur Rubinstein (der mit ihr übrigens nicht verwandt ist!):


    "Kennen Sie die Geschichte vom Bolero? Zu dieser Zeit ging es Ida Rubinstein sehr gut. >Aber mein Lieber<, sagte sie zu Ravel, >das Stück soll eigentlich nicht länger als 12 Minuten dauern. Aber ich kann keine 5 Ballette hintereinander aufführen. Ich brauche mindestens 18 Minuten." Ravel wütend: >Immer diese Minutenzählerei!< >Ich werde über ein Thema schreiben, das nicht mal eine Minute dauert.< Das war sein Konzept -- Minuten gewinnen!"


    Der Bolero war offenbar für Ravel selbst eine Provokation -- >keine Musik<. Warum? Da wird ein archaisch einfaches Thema weder variiert noch entwickelt, sondern schlicht 18 Mal so wie es ist wiederholt! Aber das ist alles andere als geistlos. Über den Sinn solcher Wiederholungen schreibt der Maler Wassily Kandinsky in >Über das Geistige in der Kunst<: "Die Wiederholung derselben Klänge, die Aufhebung derselben verdichtet die geistige Atmosphäre, die notwendig ist zum Reifen der Gefühle (auch der feinsten Substanz), so wie zum Reifen verschiedener Früchte die verdichtete Atmosphäre eines Treibhauses notwendig, eine absolute Bedingung zum Reifen ist. Ein leises Beispiel ist der Mensch, auf welchen Wiederholungen von Handlungen, Gedanken, Gefühlen einen schließlich gewaltigen Eindruck macht, wenn er auch wenig fähig ist, die einzelnen Handlungen usw. intensiv aufzusaugen, wie ein ziemlich dichter Stoff die ersten Regentropfen."


    Die Wiederholung hat einen Verdichtungseffekt, wie die Wolken, die sich zu einem Gewitter zusammenballen. Und diese Verdichtung vollzieht sich kaum merklich, in winzigen Schritten und Stufen -- es entsteht so der Eindruck eines allmählichen, kontinuierlichen Wachstums. Dabei ist es gerade die unveränderte Wiederholung, die solche unglaublich kleinen Veränderungen der Orchestrierung und Klangfarbe merklich werden läßt. Die magische Anziehungskraft von Ravels Bolero beruht nicht zuletzt auf dem Zauber der Gebürtlichkeit, dem Eindruck taufrischen, erwachenden Lebens, den er vermittelt. Der Zartheit und Vagheit zu Beginn weicht schließlich ein Sturm der Leidenschaft, die sich in einer Art befreiender Explosion auflöst. Das Erwachen des Lebens hat Ravel auch in seinem Ballett >Daphnis et Chloe< geschildet. Dort gibt es im Finale die wahrlich überwältigende Schilderung eines Sonnenaufgangs -- die Musik wirkt hier eindrucksvoller, als es jeder >wirkliche< Sonnenaufgang zu sein vermag! Das tragisch-düstere D-Dur Klavierkonzert für die linke Hand beginnt mit einem Brodeln in der Tiefe, das sich zu einem wahren Sturm steigert und mit einer gewaltigen Eruption endet, die das Solo einsetzende Klavier mit abstürzenden Kaskade beantwortete. Und >La Valse< beruht auf einem ähnlichen unendlichen Crescendo wie der Bolero: Ein Walzer, der von den destruktiven Kräften seiner Dynamik, die er entfacht, schließlich gefressen wird: Ravel, der Komponist des dämonischen 20. Jahrhunderts, kann keine naive Walzerseligkeit mehr komponieren!


    Maurice Ravel wurde am 7. März 1875 in Ciboure im Baskenland geboren. Sein Vater Pierre-Josef, Franzose, Ingenieur und Erfinder eines "mit Mineralöl geheizten Dampfkessels" sowie eines >Überdruck-Zweitaktmotors< kam infolge des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 nach Spanien und heiratete dort, wo er mit dem Ausbau der Eisenbahn beschäftigt war, die junge Baskin Maria Deluarte. Die baskische Herkunft Ravels ist in vielen seiner Werke unüberhörbar, so in der Uhrenoper >Spanische Stunde< (LHeure Espagnole), der Rhapsodie espagnole für Orchester, dem Klavierstück >Alborada del Gracioso< (>Morgenständlichen eines Narren<) aus den >Miroirs< (>Spiegel<). Und die Jazz-Elemente im D-Dur-Klavierkonzert klingen alle merkwürdig spanisch! Im Bolero steckt der baskische Kolorit in der Orchestrierung, wie der Komponist Michel Sendrez im Film erläutert: Das Pizzicato der Streicher imitiert ein baskisches Hirteninstrument, das Tjun Tjun, ein Saitentambourin, das mit dem Stock geschlagen wird. Die helle Trommel erinnert an ein Atabal und die Flöte an ein Tschischtu. (Ich hoffe, das ist richtig geschrieben!)


    Die Anekdote mit Toscanini ist auch heute noch aktuell: Die meisten Aufführungen des Bolero sind eindeutig zu schnell! Ravel selbst in seiner Aufnahme von 1930 erreicht zwar auch nicht die ursprünglich vorgesehenen 18 Min., er kommt auf immerhin 16.14 Min! Er demonstiert hier den Dirigenten vom Fach, daß ein einheitliches Grundtempo erforderlich ist, ohne Dehnungen und Stauchungen zum Schluß. Auch heute nehmen sich manche Interpreten die Freiheit heraus, den Kulminationspunkt durch einen Tempowechsel dramatisch zu unterstreichen: So zieht Abbado zum Schluß das Tempo an, Lorin Maazel wird breiter, auch das erzielt einen dynamischen Schlußeffekt. Ravel selbst zeigt allerdings, daß der Bolero solche theatralischen Gesten nicht nötig hat. Seine Aufnahme ist hörenswert, wenn sie auch einige Wackler und Ungenauigkeiten aufweist! Erstaunlich, daß selbst ein so berühmter Interpret der Musik von Debussy und Ravel, Ernest Ansermet, den Bolero in zügigen 14.20 Min. zuende bringt -- Abbado benötigt exakt dieselbe Zeit! Hatte Toscanini also doch recht?


    Da belehrt einen schließlich Meister Celibidache eines besseren! Celibidache läßt den Bolero in exakt 18 Min. (18.11) zur Entfaltung kommen! Und wenn man diese unglaubliche Aufnahme einmal gehört hat, dann wird man das Gefühl nicht mehr los: So und nicht anders muß es sein! Den Bolero schnell zu dirigieren, ist wahrleich keine Kunst! Aber in dem vergleichsweise langsamen Tempo die Spannung nicht abbrechen zu lassen und exakt im Rhythmus zu bleiben, ist ein wahres Kunststück! Bei Celibidache kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Von der ersten Note an bekommt der Bolero etwas insistierend Marsch- und gebetsmühlenhaft Litaneiartiges. Es entsteht so eine knisternde Spannung, die wie in Kandinskys Ausführungen über die Wiederholung und Verdichtung sich bis zum Bersten steigert. Die phantastischen Bläser haben Individualität, sind geradezu aufopferungsvoll engagiert und hochexpressiv. Dank Celibidaches Probenfanatismus wird jede einzelne melodische Linie bis in die kleinsten Bebungen akribisch ausgehorcht. Und Celibidache hat ein schier unglaubliches Gespür für die Orchesterwirkung: Wie er das groß angelegte Crescendo durch subtile Veränderungen der Balance zwischen den Orchestergruppen zum Ereignis werden, den Rhythmus am Schluß fast schon martialisch und bedrohlich auftrumpfen läßt: einfach atemberaubend! Für mich gibt es nur diesen einen Bolero!


    Gruß Holger

  • Lieber Holger,


    danke für den Interpretationsvergleich und vor allem für die Diskussion der Tempofrage. Die erhebliche Spannweite der Tempi bei diesem Werk, das scheinbar gegenüber "Interpretation" resistent ist, fand ich schon immer beachtlich. Weil ich den "Bolero" in einer 14+x-Minuten-Version kennengelernt habe, ist es mir zunächst schwergefallen, langsamere Auffassungen zu goutieren. Inzwischen scheinen mir 16 - 16 1/2 Minuten das "ideale" Tempo zu sein. Die Celibidache-Interpretation kenne ich leider nicht.



    Viele Grüße


    Berrnd

  • Ich kenne die Celibidache-Aufnahme, die kurz vor seinem Tod entstanden sein dürfte. Sie ist wirklich eine der besten, die ich je gehört habe. Dagegen erscheint selbst die Karajan-Live-Aufnahme schnell.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Man sollte jetzt nicht in den Wahn verfallen, je langsamer. umso besser. Ravel braucht in seiner eigenen Innterpretation ca.15 Min.
    Mir erscheint das auch, als ein angemessenes Tempo. Wenn das Werk als Ballett aufgeführt muß man wahrscheinlich an die Choreographie Kompromisse machen, ansonsten finde ich 15 Min. als eine gute Zeit.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Der Bolero wurde in meiner Kindheit um 1954 so oft im Radio gespielt, dass er als Ohrwurm bei mir hängen blieb und ich die Schallplatte unbedingt haben mußte. Das war dann meine erste Platte, eine 17 cm 45er, man mußte sie mitten drin umdrehen, um den Bolero zu Ende zu hören (dem Spannungsaufbau ja nicht gerade förderlich). Dann gab es in Hamburg im Park "Planten und Blomen" eine Wasserlichtorgel, ein beleuchtetes steuerbares Fontainenensemble mit Musik (aus Hochdrucklautsprechern), und da war der Bolero besonders beliebt. Bei jeder Wiederholung eine andere Fontainenkombination mit anderen Lichtfarben. Und gegen Ende, beim Tonartwechsel schoß die große Mittelfontaine, ganz weiß, empor, einfach herrlich...


    Auf CD habe und brauche ich den Bolero nicht. Er wird ja immer noch gelegentlich im Radio gespielt. Dann lehne ich mich zurück, mache die Augen zu und sehe die leuchtenden Fontainen.


    Liebe Grüße


    Manuel

  • Hallo Bernd,


    ich selbst bin mit Abbados Aufnahme (14.20 min.) gewissermaßen groß geworden und fand sie immer sehr gut. Nur wenn man einmal Celibidache gehört hat und danach die CD mit Abbadp einlegt, kann man das zügigere Tempo nicht mehr ertragen - so geht es mir jedenfalls!


    Gruß Holger

  • Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Hallo Bernd,


    ich selbst bin mit Abbados Aufnahme (14.20 min.) gewissermaßen groß geworden und fand sie immer sehr gut. Nur wenn man einmal Celibidache gehört hat und danach die CD mit Abbadp einlegt, kann man das zügigere Tempo nicht mehr ertragen - so geht es mir jedenfalls!


    Hallo Holger,


    mir geht es mittlerweile genauso. :D
    Die 18 Min. sind wirklich keine Sekunde zu lange.


    Kennt jmd. eine ähnlich langsame Aufnahme?


    Liebe Grüße :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • HAllo zusammen,


    habe am Sonntag auf NDR-Kultur die Fassung mit Immerseel gehört, die gerade erschienen ist



    Wenn man die Besprechungen dazu liest, wird die Aufnahme eigentlich immer in den höchsten Tönen gelobt.
    Das Tempo ist der urspünglichen Intention Ravels angenähert, also eher langsam. Wenn ich die Rückseite der CD richtig entziffere (bei JPC), sind es 16.57 Minuten.
    Ich habe das Stück nur im Radio gehört, muß aber sagen, daß mir der Schluß nicht gefiel. Irgendwie hatte ich den Eindruck, daß aufgrund des Tempos die (von mir geschätzte) Dynamik des Stücks verloren gegangen ist.
    Vielleicht ist man aber doch nur in den alten Hörgewohnheiten gefangen - ich kenne nur "schnelle" Fassungen (zB Abbado).


    Grüsse
    Achim :hello:

  • Ich hatte mir ebenfalls aufgrund der hervorragenden Kritiken die Immerseel-Aufnahme zugelegt (und weil ich damals erst das Label zigzag entdeckt hatte und total hin und weg war).


    Während mir bei einigen der anderen Ravel-Stücke auf der CD ein wenig - wie soll ich es nennen? - die Klangsinnlichkeit abgeht (vor allem in den Streichern), überzeugt mich persönlich der Bolero sehr. Der große Reiz dieser Einspielung liegt meiner Meinung nach vor allem im Klang der alten Instrumente, die ganz hervorragend eingefangen sind. Aber auch in dem gemächlichen Tempo, das Immerseel anschlägt, liegt für mich ein großer Reiz.
    Für mein Empfinden schafft Immerseel es auch, die Spannung bis zum letzten Moment zu halten. Leider schaffe ich es dafür nur selten, die dynamische Bandbreite bis zum Schluss auszukosten. ;( Meistens drehe ich der armen Nachbarn halber drei bis vier Minuten vor dem Ende leiser. (Gut, ich könnte natürlich gleich leiser anfangen, aber dann würden die Soli am Anfang nicht mehr so wunderbar klingen).
    Sicher ist dies nicht der Bolero für jedermann, aber ich würde gerne jeden ermutigen zumindest mal hinein zu hören, wenn sich die Gelegenheit bietet.

  • Lieber Holger :


    Du hast einen sehr augiebigen und sorgfältigen Artikel über Maurice Ravel und dessen Bolero geschrieben Dafür Danke .


    Ich hatte im Frühjahr privat etwas über meine bevorzugte Aufnahme des Werkes geschrieben ; diese war Ravels eigenes Dirigat .


    Draufhin bekam ich eine Email mit dem Inhalt eines mir persönlich bekannten sehr kenntnisreichen und sorgfälzig rechercherenden Klasikliebhabers , dass Maurice Ravel dies uns bekannte Aufnahme n i c h t selbst dirigiert habe .


    Der Verfasser dieser Email ist ledier im Augsut 2008 verstorben und hat sich auf Nachfragen meinerseits bedingt durch den vor seinem Tod liegenden Urlaub nicht mehr äussern können .


    M i r ist kein Hinweis bekannt , dass diese Meinung des Musikfreundes zutrifft .


    F r a g e : Kennst Du für diese Aussage einen gesicherten oder vermuteten Hinweis ?


    Dank im voraus für Deine Mühen .


    Grüsse ,


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Im Laufe der Jahre haben sich insgesamt 4 Einspielungen des Bolero zuhause angesammelt


    Barenboim, Orchestre de Paris
    Dutoit, Orcheste Symphonique de Montreal
    Solti, Chicago Symphony Orchestra
    Immerseel, Anima Eterna


    Die ersten drei nur auf LP und entsprechend lange nicht mehr gehört. Aber ich erinner mich noch an die subjektiven Unterschiede der Einspielungen (so hab ichs seinerzeit ungläubigen Nichtkennern erklärt: Barenboim = preußisch zackiger Zugriff; Dutoit = antreibend, vorwärtsstrebend; Solti = tänzelnd. Einfache Worte für einfache Leute ;-)
    Immerseels kürzlich erschienene HIP Aufnahme ist schon der Hammer; so hört man den Bolero nicht allzu oft. Allein die Klangfarben sind überwältigend.


    Aber die mit Abstand aufregendste Interpretation hörte (erlebte) ich vor einigen Jahren während eines Open-Air-Konzertes in Ingolstadt mit dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt. Diese interpretierten den Bolero als echten Tanz – man spürte förmlich, dass da ein Tanz dahinterstecken muß. Ravel hat das Stück ja meines Wissens in der Form eines spanischen Balletts geschrieben. Das gab dem Stück eine völlig neue Sicht – und Sinn. Leider gibt’s hiervon keine Auszeichnung. Schade.

  • Der Name Ernest Ansermet fiel hier (zurecht) einige Male.


    Es existiert noch eine weitere, frühere Aufnahme, die mir noch besser gefällt als die von 1963:



    Der Bolero enstand in frühesten Stereo-Tagen (September 1954), klingt dafür aber ausgezeichnet.


    Ansermet ist hier deutlich langsamer (15'35'' statt 14'19'') und betont die komplizierten "Rhythmen im Hintergrund" deutlicher als in der späteren Einspielung. Beeindruckend ist die Unerbittlichkeit, mit der Ansermet sein einmal angeschlagenes Tempo hält (so soll es ja auch sein...).


    1963 ist Ansermet "eleganter", 1954 "strenger" und noch weniger auf Effekte bedacht.


    Wer den Bolero "klassisch" mag, kommt hier auf seine Kosten.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Ich kenne jetzt auch diese immer so hoch gepuschte Immerseel-Aufnahme – hat mich sehr enttäuscht. :no:


    Hier wird jeder bestätigt, dem HIP immer suspekt war: Schroffer Klang, keine Klangschönheit, gar keine Stimmung kommt da auf. Es klingt seltsam monoton – wo sind die Steigerungen? Selbst das Finale langweilig. Klingt irgendwie, als würde es irgendein Musikprogramm am Computer ohne Seele abspielen.


    Definitely not my cup of tea. ;)


    Weiterhin favorisiert: Karajan (Silvester 1985), Celibidache live.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • O.K. Mittlerweile muß ich meine harsche Kritik an Immerseel doch sehr relativieren. Von den HIP-Aufnahmen sicherlich eine gute Wahl. Man muß sich eben dran gewöhnen ...


    Aber ich pflichte Edwin Baumgartner absolut bei: Zu schnell dirigiert wird der Boléro dermaßen nervtötend ... Das hat scheinbar auch der grandiose Charles Munch erkannt. Man vergleiche seine Versionen mit dem Boston Symphony Orchestra von 1962 [13:57] und jene mit dem Orchestre de Paris von 1967 [17:18]. Das ist neben Celibidaches ganz später Aufnahme von 1994 [18:12] wohl mein Favorit heute. Daneben noch eine weitere sehr gute Aufnahme ist die von Scherchen mit dem Wiener Staatsopernorchester von 1957 [14:46].


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • ;( Das ist ja gruselig - den Bolero in 18:12 als Verzögerungstaktik a´la Celi.


    Ich halte 15 Minuten für ein gutes Mittelmass ! Der Bolero ist so komponiert, das auch bei schnelleren nterprettionen bei entsprechender Aufnahmetechnik kein Detail verloren gehen muss. Aber Spannung geht den Bach runter, wenn man übertrieben gesagt ein Largo daraus macht !
    ;) Es gibt viele die dieses Werk ohnehin wegen der andauernd gleichen Themenweiderholung nicht mögen - und dann das Ganze noch auf über 18 Minuten aufgebohrt - grrrrrrrrrrrrrrrr


    :thumbsup: Meine Favoritenaufnahme ist Ansermet: Wenn am Schluss die Tonart geändert wird und das fulminante Finale ertönt, dann ist das in sauberen 14:22 absolute Megaklasse !
    Auch wenn es nicht hier her gehört - auch La Valse ist mit Ansermet die fetzigste, umwerfenste und ja - "geilste" Interpretation aller Zeiten - Beides auf dieser preiswerten Decca-CD:



    DEcca, 1963, ADD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang