Heute in der Oper: "Die Meistersinger von Nürnberg" live aus London

  • Seit einigen Augenblicken läuft die konzertante Aufführung der "Meistersinger" in der Londoner Royal Albert Hall. Mitgehört werden kann hier.


    Im Juni gab Bryn Terfel sein Debüt als Hans Sachs, Grund genug, heute einen Live-Bericht zu dieser Aufführung zu schreiben, in der er ebenfalls auf der Bühne steht. Die Besetzung:


    Bryn Terfel: Hans Sachs
    Raymond Very: Walther von Stolzing
    Amanda Roocroft: Eva
    Christopher Purves: Sixtus Beckmesser
    Andrew Tortise: David
    Anna Burford: Magdalene
    David Soar: Ein Nachtwächter
    Brindley Sherratt: Veit Pogner
    Simon Thorpe: Fritz Kothner
    David Stout: Konrad Nachtigall
    Paul Hodges: Hans Schwarz
    Rhys Meirion: Balthasar Zorn
    Andrew Rees: Ulrich Eißlinger
    Stephen Rooke: Augustin Moser
    Arwel Huw Morgan: Hans Foltz
    Geraint Dodd: Kunz Vogelgesang
    Owen Webb: Hermann Ortel


    Chor und Orchester der Welsh National Opera
    Musikalische Leitung: Lothar Koenigs


    Ich werde in der ersten Zeit der Aufführung nur sporadisch kommentieren können, da ich noch einen Reisebericht zu meinem München-Trip und Besprechungen zu "Dialogues de Carmélites" und "Le nozze di Figaro" an der Bayerischen Staatsoper schreiben muss. Aber auch Kommentare anderer Nutzer sind natürlich sehr erwünscht und willkommen ;)


    :hello:

  • Erster Eindruck: Koenigs dirigiert sehr umsichtig, bei Very bin ich mir nicht sicher, ob er den kompletten Abend durchhalten wird...

  • Bis auf einen kleinen Kiekser am Ende hat Andrew Tortise Davids Regelkabinett beeindruckend bewältigt. Obendrein singen die Mitwirkenden beeindruckend akzentfrei.

  • In die Reihe kann sich leider nicht Simon Thorpe stellen, der ein Vibrato hat, durch das man einen Flugzeugträger schieben könnte...


    Terfel gefällt mir in seinen ersten Takten ebenfalls eher weniger. Mal sehen, ob er sich bessert.

  • Ich höre seit ein paar Minuten auch rein, ich sitze nämlich leider auch noch am Schreibtisch und muss arbeiten....


    Zitat

    Original von Basti
    Obendrein singen die Mitwirkenden beeindruckend akzentfrei.


    Das finde ich auch. Da habe ich schon ganz anderes gehört.

    Viele Grüße,


    Marnie

  • Terfel hat sein erstes Solo beendet und klingt bedenklich abgesungen. Die hohen Töne werden regelrecht herausgestoßen. Mal gucken, wie er den Abend durchhält ;(

  • "Das schöne Fest...": Sherratt als Pogner gefällt mir in technischer Hinsicht recht gut, sein Bass ist für die Rolle vielleicht eine Spur zu wenig "schwarz" und etwas profilierter könnte die Rollengestaltung auch sein. Des Kothners Wobble ist in der Tat reichlich prominent, beim Aufruf der Meister schien mir auch die Intonation ziemlich misslungen. Beckmesser ist bislang okay, die anderen Meister sind so lala. Terfels Timbre hört sich ziemlich strohig und zerfasert an, auf die Monologe bin ich gespannt.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Gleich ist der erste Akt zu Ende und hinterlästig zwiespältige Empfindungen. Terfel scheiterte leider völlig an der irre schwierigen Phrase "...zu schmähen vor der ganzen Schul' ?" und bleibt auch interpretatorisch vieles schuldig.

  • Thorpe hat sich in der Tabulatur wieder ein bisschen rehabilitieren können, wenngleich das Tremolo nicht wegzudiskutieren ist. Purves als Beckmesser angemessen gallig und ironisch, die Aussprache ist bis auf die typisch angelsächsischen Vokalverfärbungen gut. Very empfinde ich dagegen als ziemliche Enttäuschung, die Partie des Stolzing ist eindeutig eine Nummer zu groß für seine dezidiert unheldische Stimme, sie klingt an beiden Enden (Höhen und Tiefen) sehr mager, er muss ziemlich stemmen und der Atem knappt manchmal auch ziemlich. Um den Sachs von Terfel mache ich mir auch Sorgen. Er versucht zwar, dynamisch zu differenzieren, aber die Stimme klingt nicht rund, sondern schartig und sie springt nicht mehr so mühelos an wie früher.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Ich habe den Eindruck, dass Terfel sich derart konzentrieren muss, dass er wenig differenzieren kann. Mittlerweile ist er aber besser "drin".

  • Raymond Very hat immer noch ziemlich zu knapsen und beendete sein Solo gerade mit einem Schrei, der klang, als sei er gerade als Siegfried erschlagen worden :D. Frau Roocroft gefällt mir gut, jetzt bin ich gespannt auf "Jerum! Jerum!".

  • Terfel hat sein beginnendes (Alters-)Tremolo noch einigermaßen im Griff, aber das Timbre klingt irgendwie angerauht. Allerdings hat er im Fliedermonolog und in der Szene mit Eva einige schöne Schattierungen und dynamische Differenzierungen gebracht. Zufriedenstellend, aber m.E. nicht auf dem Niveau der allerbesten Rolleninterpreten. Der Pogner wieder gut und diesmal auch interpretatorisch fein, ebenso der David von Tortise. Anna Burfords Magdalene dagegen klingt sehr matronenhaft, schrill und "wobbly", zudem artikulatorisch unsauber. Roocrofts Eva geht in Ordnung ohne besonders hervorzustechen.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Um Gottes Willen. Ein derart geschmissenes f' habe ich selten gehört. Terfel schob den Ton von unten an, aber getroffen hat er ihn nicht. Wie er die Wotane an der Met bewältigen will, ist mir ein Rätsel.

  • Terfel fühlt sich in den Konversations-Teilen seiner Partie hörbar am wohlsten, da blüht er förmlich auf. Wenn es hingegen stimmlich anspruchsvoll und fordernd wird, muss die ganze Kraft und Konzentration in die technische Kontrolle gehen... Und das geht dann auch mal schief. Deutlich ist jedenfalls seine Tendenz, Spitzentöne von unten anzusingen (bzw. anzustemmen) und dann nachzukorrigieren. Purvis´Beckmesser klingt dagegen technisch sehr sicher (Ständchen) und kann glänzen.


    In der Prügelfuge gelingt Koenigs die Koordination zwischen Orchester und Bühne nur bedingt (liegt vielleicht auch an dem ziemlich schnellen Tempo, das er schlägt). Guter Nachtwächter.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Nun ist auch der zweite Akt rum und ich weiß noch immer noch nicht so recht, was ich von der Aufführung halten soll. Koenigs Dirigat ist prima.
    Jetzt bin ich gespannt, wie sich Terfel im dritten Akt schlägt - dort liegen die richtigen Bewährungsproben, an denen sich zeigt, wie er sich den Abend eingeteilt hat.


    Die folgende Pause dauert etwa 60 Minuten, gegen 21 Uhr geht es dann weiter.

  • Höre jetzt, seit dem III. Akt, auch mit.
    Der Terfel gefiel mir schon als Scarpia letztens nicht wirklich. Klang ziemlich abgesungen. Mal schauen, wie das hier ist ...

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Im Wahnmonolog konnte Terfel einige schöne, resignative Akzente setzen. Aber die Stimme spricht im piano nicht mehr richtig an, das Tremolo wird beim Crescendieren überdeutlich. Das "Johannisnacht" gelingt nur halb, da Terfel nicht (mehr) piano, sondern nur noch mezzoforte ansetzen kann. Schade.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Auch "...fasst zu einem Meisterliede Mut!" bekam er nicht richtig in die Kehle. Raymond Very markiert inzwischen nur noch.

  • Terfel gefällt mir jetzt etwas besser, schmiss aber sogar das nicht einmal besonders hoch liegende "...und ihr den Ton erreicht!". Purves lässt das hohe A aus und oktaviert, eine kluge Maßnahme.
    Was Terfel dringend abstellen muss, ist das Abreißen von Wörtern mit einem n am Ende.

  • Very auch in der Schusterstube enttäuschend, da wieder nicht aussingend. Terfel spielt seine Stärken in der Konversation aus. Purvis bekommt hingegen seine Probleme mit der deutschen Aussprache beim schnellen Geplänkel mit Terfel, zudem gibt es Probleme beim Timing (mit Koenigs). Purvis vermeidet außerdem beim "...schusterlich blüh´und wachs´" den Spitzenton. Versagensangst?

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Vermute ich mal, finde das aber recht klug gelöst. Immerhin nicht wie Karl Schmitt-Walter, der einfach einen Schrei ausstößt. Aber da bei den meisten anderen Mitwirkenden auch nicht wirklich von Gesang die Rede sein kann, wäre das vermutlich gar nicht weiter aufgefallen :pfeif:...

  • Roocroft beim "O Sachs, mein Freund!" bedenklich schrill und tremolierend. Kaum zu verstehen, was sie singt, die Aussprache ziemlich schlecht. Terfel dagegen sehr fein dynamisch differenzierend bei "Mein Kind, von Tristan und Isolde...".

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Auch "Ein Kind ward hier geboren" bekam Terfel recht achtbar hin. Das folgende Quintett ließ mich aber ziemlich kalt.


    Die Trompeten auf der Festwiese scheinen von der Londoner Feuerwehrkapelle geliehen zu sein :D.

  • Das Schusterstubenquintett verlief besser als ich befürchtet hatte. Auch wenn sich die Stimmen nicht wirklich gemischt haben, es gab zumindest keine größeren Ausfälle. Insbesondere Frau Roocroft scheint ihre Konzentration wiedergefunden zu haben. Dasselbe kann man von den Bläsern der Welsh National Opera zumindest am Beginn der Festwiese nicht sagen: 3 mal daneben gehauen innerhalb von einer Minute!

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Auch mit dem fürchterlich schweren Ende von "Euch macht ihr's leicht, macht ihr's schwer" hat Terfel große Probleme, obwohl Koenigs das Orchester hörbar zurück nimmt. Nicht nur, dass er "dass er dies Reis erringen" sang, auch das hohe F war ein undefinierbarer Laut - ein hohes F definitiv nicht.

  • Ein großes Lob für den Chor, der "Wach auf!"-Choral war großartig!


    Bei der ersten Festwiesenansprache erleidet Terfel einen Beinahe-Schiffbruch. Er versucht, nicht allzu offen zu singen, aber bei "...als von der lieblich Reinen,
    die niemals soll beweinen" bricht die Stimme unter der Anstrengung fast weg. Terfel klingt heiser.


    Purvis´Beckmesser kommt ordentlich durch seinen Festwiesenauftritt, der Eindruck wird lediglich durch einige Textfehler und das Verschlucken von Endsilben getrübt.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • ...und wie Terfel auf die Zeile "und mit Meiste Rechter hieß" kommt, wird auch sein Geheimnis bleiben... Mal sehen, ob es noch gröbere Schnitzer gibt.

  • Die Schlussansprache kann er nur noch brüllend bewältigen, und das "Heil'ge Röm'sche Reich" muss er gar oktavieren. Mit dieser Partie hat sich Bryn Terfel eindeutig keinen Gefallen getan, und er sollte sie schleunigst ad acta legen, wenn er die Wotane an der Met überleben will.