Was bewog Komponisten um 1900 Lieder zu schreiben ?

  • Der Streit zwischen Brahmsianern und Neudeutschen geht also lustig weiter - Brahms als gesunde Musik und die Neudeutschen als Dekadenzler (im Sinne von Goethe: das Klassische nenne ich gesund, das Romantische krank). :D


    Ich bin ja gar kein so leidenschaftlicher Brahmine, ich habe nur Probleme mit der spätromantischen Ästhetik. Aber das bespreche ich lieber in einem anderen Thread. :untertauch:

  • Für "Von ewiger Liebe" gebe ich freiwillig mindesten fünfzig Lieder jedes anderen Komponisten, wer immer es ist.


    Das ist wirklich ein unglaubliches Lied - es hat mich sofort in seinen Bann geschlagen, als ich es kennenlernte auf dieser CD - Jessye Norman singt es als Erstes in diesem Programm. Da vereinigt sich zudem alles, was ich an Brahms so liebe:



    Aber zurück zur eigentlichen Frage. Was ist mit Schönbergs 2. Streichquartett mit Singstimme, eine ungewöhnliche Formation, wo er zwei Texte von Stefan George vertont? Oder mit Pierrot Lunaire? Hängt die Affinität zum Lied in dieser Zeit nicht auch mit dem Expressionismus zusammen und dessen Tendenz zur Lyrik?


    Schöne Grüße
    Holger

  • Was ist mit Schönbergs 2. Streichquartett mit Singstimme, eine ungewöhnliche Formation, wo er zwei Texte von Stefan George vertont? Oder mit Pierrot Lunaire? Hängt die Affinität zum Lied in dieser Zeit nicht auch mit dem Expressionismus zusammen und dessen Tendenz zur Lyrik?


    Das würde ich auch vermuten. Sicher ebenfalls interessant, wie die Idee "musikalischer Prosa", die sehr stark in Spätromantik und Expressionismus vertreten wurde, mit der Textvertonung zusammengeht.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zit: „Hängt die Affinität zum Lied in dieser Zeit nicht auch mit dem Expressionismus zusammen und dessen Tendenz zur Lyrik?“

    Das scheint mir ein wenig zu kurz gegriffen, obwohl es natürlich ein durchaus wichtiger Ansatz ist, der Fragestellung dieses Threads näher zu kommen.
    Es ist ja keineswegs die Lyrik des Expressionismus, die der überwiegenden Mehrzahl der Lieder von den Komponisten, um dies es hier geht, zugrundeliegt, - es ist eine Form von Lyrik, die, für die Jahrhundertwende und danach so ganz zeittypisch, zwischen gleichsam dekadent-romantischer Reminiszenz, Impressionismus, Naturalismus und Jugendstil hin und her pendelt.


    Bei dem für diesen Thread eigentlich repräsentativsten Liedkomponisten, Richard Strauss nämlich, kann man all dem begegnen.
    Ohnehin scheint mir, dass dieser das ideale „Studienobjekt“ hier sein könnte.

  • Wenn ich oben meinte, dass mein Theorem vom „liedkompositorisch abgegrasten Feld“ revisionsbedürftig sei, so stand dahinter das Wissen um die Tatsache, dass Liedkomposition nach Robert Schumann und Hugo Wolf natürlich weiterging und die Komponisten, die sich ihr zuwandten, durchaus ihre je eigene, neue und darin zeitgemäße Liedsprache zu entwickeln vermochten. Wobei der zentrale Aspekt dabei natürlich der musikalische Umgang mit dem lyrischen Text ist.


    Ich hatte in einem Beitrag oben schon darauf hingewiesen, dass man in der Entwicklung des Kunstliedes, was die dahinterstehende kompositorische Intention und die daraus resultierende Liedsprache anbelangt, in der Zeit nach Schubert zwei auseinanderlaufende Linien feststellen kann, von denen die eine zu Brahms, die andere zu Hugo Wolf führt. Die in ihrem Schaffen sozusagen ins zwanzigste Jahrhundert hineinragenden Liedkomponisten entwickeln zwar ihre je eigene Liedsprache, in ihrem liedkompositorischen Ansatz knüpfen sie aber jeweils mehr oder weniger stark an eine dieser beiden Entwicklungslinien des Liedes an, - wobei dies bei Johannes Brahms häufiger erfolgt als bei Hugo Wolf. Dieser hatte als unmittelbare Nachfolger eigentlich nur solch unbekannt gebliebene Komponisten wie Siegmund von Hausegger, Walter Courvoisier und Hermann Bischoff. Der einzige Liedkomponist von Rang, der deutlich an ihn anknüpft, ist Othmar Schoeck. Dieser versucht dabei, wie im entsprechenden Thread nachzulesen ist, allerdings eine Art liedkompositorische Synthese von Schubert und Hugo Wolf.


    Im Thread zu Alban Berg wurde aufzuzeigen versucht, wie er, in seiner liedkompositorischen „Jugendzeit“ an Brahms anknüpfend, seine eigene Liedsprache entwickelte, die ihn sogar bis in die Atonalität führte. Auch Richard Strauss steht in seinem liedkompositorischen Ansatz Brahms näher als Hugo Wolf. Nicht ohne Grund hatten sich beide, obwohl sie einander kannten, im Grunde nichts zu sagen. Der eine, Hugo Wolf nämlich, rechnete den anderen zu den „musikalischen Tollhäuslern“, und dieser nahm den Anderen erst gleich gar nicht zur Kenntnis und bezeichnete ihn einmal beiläufig an „puren Dilettanten“ (was aus der Perspektive von Strauss ein vernichtendes Urteil war).


    Richard Strauss war in seinem liedkompositorischen Wesen Melodiker. Und eben darin liegt er sozusagen auf der Linie von Johannes Brahms – und ist darin zugleich meilenweit von der sprachbezogenen und –orientierten deklamatorischen Melodik Wolfs entfernt. Wenn er feststellt: „Der Vers gebiert die Gesangsmelodie“, so dokumentiert sich darin dieser elementare Unterschied zu Hugo Wolfs liedkompositorischem Ansatz. Die „Gesangsmelodie“ ist nicht das musikalische Abbild der Sprachmelodie, wie bei diesem, sondern sie ist musikalische Ausgeburt des lyrischen Verses. Und als solche führt sie dann sozusagen ein musikalisches Eigenleben. Und das ist bei Strauss eben das des Konzertpodiums, der großen Bühne also.


    Von Hugo Wolf stammt die Feststellung: „Die Poesie ist die eigentliche Urheberin meiner musikalischen Sprache. (…) Da liegt der Hase im Pfeffer“. Das ist ein kompositorischer Ansatz, den Johannes Brahms niemals vertreten hätte. Der Gedanke, dass der Liedkomponist gleichsam „Diener“ des Dichters ist, und dass seine Aufgabe darin besteht, dessen poetische Aussage mit den Mitteln der Musik zu interpretieren und um Aussagedimensionen zu bereichern, auf die lyrische Sprache nicht verfügt, war ihm völlig fremd. Er ging bei seiner Liedkomposition von der Eigenständigkeit der Musik aus, die in ihrer jeweiligen strukturellen Entfaltung gleichsam eine Inspiration und eine Prägung durch die Lyrik und ihre sprachliche Gestalt erfährt. Von daher also seine berühmte Bemerkung: „Wissen Sie, ein Lied muß man … pfeifen können, dann ist es gut.“


    Ein solcher Satz wäre Hugo Wolf nicht über die Lippen gekommen. Interessant ist aber, dass er sich der Problematik dieses liedkompositorischen Konzepts sehr wohl bewusst war, wie man seiner Äußerung entnehmen kann:
    „Es liegt etwas Grausames in der innigen Verschmelzung von Poesie und Musik, wobei eigentlich nur der letzteren die grausame Rolle zufällt. Die Musik hat entschieden etwas Vampyrartiges in sich.“