Reinhards kleine Pilzkunde – oder: Ein deutsch-deutscher Wirtschaftskrimi mit klassischen Nebenwirkungen

  • Es geschah einmal vor inzwischen ziemlich vielen Jahren hinter sieben Bergen und sieben Wäldern im schönen Thüringen, daß der Sozialismus und die gleichnamige Planwirtschaft am Ende waren, genauso wie der dazugehörige Staat.
    Nun schauten die Brüder und Schwestern aus der „Zone“ sehr begierig und sehr, sehr naiv auf die Segnungen der freien Marktwirtschaft.
    Da begab es sich, daß in ihren Wäldern ein Pilz auftauchte: Reiner Pilz, und eigentlich war er sogar einer der ihren. Einer, der ihnen versprach, ein Märchen wahr zu machen. Und sie glaubten ihm und öffneten ihre Herzen und ihre Geldbörsen und die Politik räumte alle Hindernisse aus dem Weg und in Albrechts in Thüringen begann ein kleines Wirtschaftswunder sein Leben….


    Ein Leben, daß leider ein ziemlich kurzes war. Als die mittlerweilen Neu-Bundesbürger begannen, ihre Naivität abzuschütteln und die Gesetze der freien Marktwirtschaft kapiert hatten, mußten sie feststellen, daß aus dem versprochenen Märchen eine Posse geworden war. Eigentlich eine Tragödie, die aber gewisser komischer Elemente durchaus nicht entbehrte.


    Aber lest selbst, ich habe einige Presseveröffentlichungen zusammengefaßt und stark gekürzt. Alle dürften sich auch relativ leicht ergoogeln lassen, falls tieferes Interesse besteht.



    Und so fing alles an:


    Zitat

    12.01.1990 – Computerwoche
    Robotron und Pilz vereinbaren Joint-venture
    BERLIN (vwd) - Am Rande der politischen Gespräche wurde in Dresden das erste deutsch-deutsche Joint-venture zwischen dem Kombinat Robotron und der Firma Pilz, Kranzberg bei München, vereinbart. Das Projekt sieht den Bau eines Produktionswerkes für Compact Discs vor, meldete ADN am Mittwoch. Pilz hält 33 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen. Die Finanzierung wurde mit Vertretern der Dresdner Bank beraten. Die Anlage wird voraussichtlich Ende 1991 die Produktion aufnehmen und dann rund 250 Mitarbeiter beschäftigen.
    Die Investition werde über weltweite Exporte refinanziert. Neben der CD-Produktion entstehe auch die größte Boxen- und Trays-Fertigung zur Verpackung von CD in Europa. Der Bedarf der DDR an CD für Unterhaltungselektronik und optische Datenträger werde damit zugleich gedeckt.


    Da war die Welt noch in Ordnung:


    Zitat

    26.04.1993 – Focus
    Neuer Sound aus Thüringen
    Wenn Bürgermeister Bruno Endter aus dem Fenster schaut, kann er den Aufschwung sehen.
    Der neue Stolz steht am Hang oberhalb von Albrechts: Ein futuristischer Flachbau aus Glas, Stahl und Granit, die modernste CD-Fabrik Europas. Seit der Münchner Compact-Disc-Hersteller Reiner E. Pilz an einem neuen Werk für jährlich 50 Millionen Silberscheiben baut, boomt das 1000-Seelen-Dorf.
    Mit der Einweihung der Fabrik am Mittwoch nächster Woche geht ein Kapitel deutsch-deutscher Geschichte zu Ende. Die CD-Fabrik war das erste nationale Joint-venture. Gleich nach der Wende zwischen Pilz und dem damaligen Kombinat Robotron vereinbart, hatte es alle Probleme des Aufschwungs Ost: Grundstücksstreit und Bürokratie, Pleite des ostdeutschen Partners und Menschliches zwischen Ost und West. Aber es beweist: Der Aufschwung ist machbar. Pilz und Albrechts – ein Mikrokosmos der deutschen Einheit.
    Durch die Produktion in Thüringen wird Pilz zum fünftgrößten CD-Hersteller der Welt und damit Konkurrent von Sony und Philips.



    Vor der Pleite kam das Pech:


    Zitat

    16.08.1993 - FOCUS
    Peinliche Panne für Pilz
    Der großartigen Einweihung des Pilz-CD-Werks in Albrechts, Thüringen, folgt die Ernüchterung. Erst mußte Firmengründer Reiner Pilz seine Mannschaft unerwartet für drei Wochen in Werksurlaub schicken. Und wenn dann die Pflichturlauber zurückkehren, erwartet sie Kurzarbeit. Die Gründe für die drastische Schlankheitskur sind neben schwächerer Nachfrage hauptsächlich in dem neuen Wunderpatent von Pilz zu suchen: Die CD-Doppelbox – so schmal wie eine normale CD-Hülle, jedoch für zwei CDs konzipiert – sollte den Markt erobern. Leider gibt es für diese Innovation aber keine Verpackungsmaschinen und somit keine Nachfrage. Folge: Lagerhallen voller schlanker Plastikhüllen.



    Und der Ärger beginnt, und zwar massiv:


    Zitat

    15.04.1994 - FOCUS
    Glücks-Pilz im Zwielicht
    Brüssel prüft, ob sich der schillernde CD-Fabrikant Reiner Pilz mit überhöhten Kosten Millionensubventionen gesichert hat. Bei Banken und Politikern mehren sich die Zweifel über das merkwürdige Geschäftsgebaren des Multiunternehmers. Sein marodes CD-Werk im thüringischen Albrechts retteten Banken und Landesregierung zwar im März 1994 gerade noch vor dem Konkurs.
    …der Europäischen Kommission erscheint der schnelle Deal suspekt. In Brüssel, so verlautet aus EU-Kreisen, wird geprüft, ob europäische Gelder an Pilz „unberechtigt geflossen“ seien.
    So präsentierte Pilz für sein Thüringer CD-Werk Gesamtkosten über 286 Millionen Mark bei einer Produktionskapazität von 50 Millionen CDs im Jahr. Branchenexperten rätseln, weshalb der Politiker-Freund, …derart teuer bauen durfte. Otto Zich, Generaldirektor von Sony Österreich: „Ein Werk mit gleicher Kapazität hätte uns nur um die 80 Millionen gekostet.“ Fazit: Je höher Pilz die Kosten kalkulierte, desto dickere Subventionen flossen in die Firmenkasse.



    Diesen sehr ausführlichen Artikel, der die Vorgänge gut zusammenfaßt, empfehle ich allen tiefer Interessierten:



    Gar nicht nett, Herr Pilz:


    Zitat

    20.09.1995 - Die Welt
    Der tiefe Fall des einst gefeierten Investors Reiner Pilz
    Gestern wurde Vollzug gemeldet: Der CD-Fabrikant Reiner Pilz ist verhaftet worden. Nach Angaben der zuständigen Staatsanwaltschaft Landshut steht der Vorgang im Zusammenhang mit möglichen Konkursdelikten.
    Dabei galt der gebürtige Zwickauer, der sich 1961 mit einem einzigen Koffer in den Westen absetzte, noch bis vor zwei Jahren als erfolgreicher Gründer. "Ein typisch robuster deutscher Mittelständler", lobte ihn die "Financial Times" einmal.
    In den zurückliegenden Monaten lauteten die Schlagzeilen anders: "Polizei überwacht Pilz-Werk", "Besuch vom Staatsanwalt" und "BKA beschlagnahmt Akten".
    Im Niedergang offenbarte der Sachse einen bislang unbekannten Charakterzug: Er schlug um sich. Für die Ost-Pleite fand Pilz eine simple Erklärung: "Da drüben herrscht doch noch tiefster Sozialismus."



    Und dies ist ja dann wohl das Sahnehäubchen:



    Zitat

    13.11.1995 - Focus
    Illegaler Sound
    Der Chef sitzt schon längst in Untersuchungshaft. Trotzdem stattete eine Delegation von Gläubigern, Konkursverwaltern und Vertretern der Musikbranche dem Pilz-Werk im bayrischen Kranzberg einen Besuch ab. Bei ihrer Inspektion des Lagers Anfang November stießen die Geschäftsleute auf 47 Paletten mit illegal gepreßten Polygram-Compact-Discs (CD). Verkaufswert rund 2,7 Millionen Mark.
    Die heißen Pilz-Platten sind technisch absolut identisch mit legalen Scheiben. Der Unternehmer hat schlicht „überpreßt“, d. h. ohne Lizenz mehr CDs hergestellt.
    Den üblen Trick wendete Pilz nicht zum erstenmal an. Vor zwei Jahren teilte der Plattenproduzent dem deutschen Vertriebs-Geschäftsführer der Klassik-CD-Firma Naxos aus Hongkong, Wolfgang Ruso, mit, er besitze nach erledigten Preßaufträgen keinerlei Naxos-Material mehr. Zwei Tage später erfuhr Ruso, der selbst einmal bei der Firma Pilz beschäftigt gewesen war, über Informanten, daß der Unternehmer in seinem thüringischen Werk in Albrechts 800 000 Naxos-CDs auf Lastwagen laden ließ, um sie in sein Lager in den USA zu verschiffen.



    Das Pilz-Gericht wird immer unverdaulicher:



    Zitat

    19.06.2000 - Infosat
    Ex Pilz CD Werk Thüringen muß zurückzahlen
    Das Suhler CD Presswerk aus der ehemaligen Firmengruppe von dem in Haft sitzenden Rainer E. Pilz muß voraussichtlich staatliche Beihilfen von etwa 400 Millionen Mark zurückzahlen. …weil die Subventionen der Länder Thüringen und Bayern sowie der Treuhandanstalt nicht mit EU Richtlinien in Einklang standen.


    Zitat

    27.02.2001
    Manager-Magazin
    Wegen Betruges und Beihilfe zum Betrug hat die Staatsanwaltschaft Mühlhausen erneut Anklage gegen den bayerischen CD-Fabrikanten Reiner Pilz, 58, und 14 weitere Angeschuldigte beim Landgericht Mühlhausen erhoben.


    Zitat

    19.04.2004
    Wirtschaftswoche
    Sieben Jahre Haft für CD-Fabrikant Pilz
    Im größten Thüringer Wirtschaftsprozess ist der ehemalige CD-Fabrikant Reiner Pilz wegen Betrugs zu einer Gesamtstrafe von sieben Jahren verurteilt worden. In das Urteil des Landgerichts Mühlhausen vom Montag ging eine Verurteilung zu sechs Jahren aus einem früheren Verfahren ein. Die Anklage hatte Pilz zum Schluss noch einen Schaden von sieben Millionen Euro beim Bau der CD-Fabrik in Suhl-Albrechts vorgeworfen.
    Pilz sagte in einer Verhandlungspause, mit dem Urteil solle wahrscheinlich ein Exempel statuiert werden. Er habe beim CD-Werk nur „draufgezahlt“.
    Sämtliche mit dem Projekt befasste Stellen seien über die überhöhte Investitionssumme informiert gewesen. Der Vorsitzende Richter Michael Krämer sagte, dass Thüringer Wirtschaftsministerium habe Fördermittel in Höhe von 20 Millionen D-Mark (10,2 Mio Euro) ohne Prüfung ausgezahlt, nachdem die Mittelverwendungs-Kontrolle durch ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen im Januar 1993 eingestellt wurde.


    Zitat

    27.04.2004
    Manager-Magazin
    Reiner Pilz: Prozess auf "Repeat"
    Vier Jahre dauerte das Verfahren gegen Reiner Pilz, der mit seiner CD-Fabrik in Thüringen das erste deutsche-deutsche Joint Venture zustande gebracht hatte. Doch weder er noch die Staatsanwälte geben sich geschlagen. Die gegen den früheren CD-Fabrikanten Reiner Pilz verhängte Gesamtstrafe von sieben Jahren wegen Betrugs kommt auf den Prüfstand des Bundesgerichtshofs.


    Zitat

    27.06.2006
    Handelsblatt
    BGH stellt Betrugsverfahren gegen ehemaligen CD-Fabrikanten ein
    Das Revisionsverfahren im Betrugsprozess gegen den ehemaligen CD-Fabrikanten Reiner Pilz wird auf Antrag der Bundesanwaltschaft eingestellt. Das teilte der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe mit. Damit entfällt allerdings nur ein Teil der Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren, die das Landgericht Mühlhausen gegen den bayerischen Unternehmer im April 2004 im größten Thüringer Wirtschaftsprozess verhängt hatte.



    Wer von Euch bis hier durchgehalten hat, wird sich nun mit Recht fragen, was das alles mit Tamino und Klassik zu tun hat....


    Gut, ich gebe zu, diese ganze Geschichte ist eigentlich nur Beiwerk, aber sie ist meiner Meinung nach hochinteressant. Und sie beleuchtet ein wenig das, was ich Euch im nächsten mykologischen Beitrag erzählen möchte....




    :hello:
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Nun war ja der Herr Pilz durchaus rührig und geschäftssinnig, und so preßte er CDs nicht nur für Auftraggeber, sondern auch für ein eigenes Label. Als frühestes Erscheinungsdatum konnte ich 1988 ausmachen, als spätestes 1997. Ein rechtes editorisches Konzept erschließt sich nicht , ist auch schwer bei Namen wie Carell und Corelli oder Bach und Bing Crosby. Das ganze Konzept scheint eher ausgerichtet auf Zweitverwertung billig zu erwerbender Lizenzen.
    Jedem von Euch, der ab und zu bei ebay unterwegs ist, sind mit Sicherheit schon Pilz-CDs begegnet
    Die „Vienna Masters“ Serie taucht dort z.B. immer wieder auf, und ist auch bei amazon teilweise erhältlich


    Hier ein Beispiel:



    Auch Beispiele diese Serie von Doppel-Cds wird der eine oder andere von Euch schon gesehen haben (Erkennungszeichen der schräg gestellte Schriftzug 2 CDs und das völlig Fehlen von Interpretenangaben auf der Covervorderseite:




    Aber diese CDs sind eher uninteressant und hätten mich sicher nicht dazu gebracht, hier so viel über Herrn Pilz und seine Aktivitäten zu schreiben.


    Über das folgende kann ich leider nur mutmaßen. Ich vermute mal, daß Reiner Pilz im Rahmen seiner Aktivitäten zum CD-Preßwerk in Albrechts auch Kontakte zu Vertretern des Rundfunks der damals noch existenten DDR hatte. Und möglicherweise wurde hier ein Deal eingefädelt, Aufnahmen aus den Archiven des DDR-Rundfunks unter seinem Label zu veröffentlichen – möglicherweise sehr kostengünstig für Herrn Pilz, wenn nicht gar kostenfrei.
    Und hier wird es für uns interessant. Es wurden nämlich insgesamt 30 CDs unter dem ziemlich reißerischen, aber zu der gegebenen Zeit durchaus werbewirksamen Reihentitel „East German Revolution“ veröffentlicht, allesamt vorher nicht auf Schallplatte veröffentlicht. Und genau um diese 30 CDs soll es hier gehen.
    Hier schon mal ein Beispiel, genaueres in den nächsten Beiträgen…





    :hello:
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Sehr interessante Geschichte! (Es gibt vermutlich noch eine ganze Reihe "Aufbau"-Ost-Geschichten, die ähnlich gelagert sind, aber niemals strafrechtlich relevant werden werden.)


    Mir war tatsächlich unbekannt, wer oder was hinter dem "PILZ"-Label steckt. Einiges sehr dubiose ist dort erschienen, einiges vermutlich (hoffentlich?) in Lizenz, anderes von Rundfunksendern oder von historischen Aufnahmen.


    Eine sehr lohnende Einspielung ist Haydns op.64,1-6 mit einem gewissen Caspar da Salo Quartett. Das ist sehr wahrscheinlich ein Pseudonym. Es gibt noch einige weitere Pilz-CDs mit einem Ensembles des Namens, aber es scheint sich wohl nicht immer um dasselbe zu handeln! Wenn stimmt, was auf der CD steht, stammen die Aufnahmen aber noch aus der Vorwendezeit und wurden in den 1980ern bei Stuttgart gemacht. Ob sich ein bekanntes Quartett dahinter verbirgt und welches, ist bisher nicht gelöst. Also wenn hier irgendjemand etwas weiß....


    Und wer dieses op.64 irgendwo findet, sollte zuschlagen, zumal die Pilz-CDs gewöhnlich ja auch nicht besonders teuer gehandelt werden.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Es ist an der Zeit unsere kleine Pilzkunde, die sich ab jetzt nur noch der Reihe „East German Revolution“ widmet, fortzusetzen.
    Ich weiß heute nicht mehr, wie ich eigentlich auf diese CDs aufmerksam wurde. Ich vermute mal, ich bin auf meiner Suche nach Aufnahmen mit Herbert Kegel drüber gestolpert.
    Und mir ist es dann das erste Mal passiert, daß der Sammlertrieb richtig stark in mir erwachte. Alle dreißig wollte ich sie haben – dabei war sogar egal, was drauf war.
    Innerhalb von ca. einem halben Jahr hatte ich dank ebay und amazon alles beieinander. Erstmals in meiner „Sammlerlaufbahn“ mußte ich aber auch ebay bzw. amazon in den USA und Kanada bemühen, zehn der dreißig CDs stammen von jenseits des großen Teiches. In anderen europäischen Ländern außer Deutschland bin ich interessanterweise nicht fündig geworden. Die Preise bewegten sich zwischen 2,40 € und ca. 19,00 €.
    Das häufiger Vorkommen dieser speziellen Pilze in Nordamerika scheint mir erklärlich. Oben hatten wir im Focus gelesen:


    Zitat

    … daß der Unternehmer in seinem thüringischen Werk in Albrechts 800 000 Naxos-CDs auf Lastwagen laden ließ, um sie in sein Lager in den USA zu verschiffen.


    Da werden wohl CDs aus der Revolutionsreihe in der Hoffnung auf überseeischen Absatz dabei gewesen sein.


    Was mir beim Sammeln auch begegnete:


    Zitat

    Die CD-Doppelbox – so schmal wie eine normale CD-Hülle, jedoch für zwei CDs konzipiert – sollte den Markt erobern. Leider gibt es für diese Innovation aber keine Verpackungsmaschinen und somit keine Nachfrage. Folge: Lagerhallen voller schlanker Plastikhüllen.


    Mangels anderer Absatzmöglichkeiten ließ Pilz also auch seine Einzel-CDs so verpacken. Leider finde ich die Quelle nicht mehr, aber ich las, daß diese CDs allersamt handverpackt waren.
    Diese Doppelboxen hätten sich aber trotz eventuell vorhandener Verpackungstechnik wohl kaum durchgesetzt. Sie sind ziemlich filigran und empfindlich. Von denen, die bei mir ankamen, waren viele beim Transport kaputt gegangen. Die wenigen, die in Ordnung sind, hüte ich jetzt als (kurioses) Sammlerstück.


    Offenbar hat es zwei Auflagen der Reihe gegeben. Eine hat ein Booklet in schwarzer Grundfarbe und der DDR-Flagge im Bild vor Gebäuden oder Landschaften der DDR. Die andere mit weißer Grundfarbe zeigt das manchmal gleiche, manchmal unterschiedliche Foto ohne die Flagge.
    Bei der zweiten Ausgabe, die insgesamt einen „seriöseren“ Eindruck macht, fehlt übrigens der Reihentitel „East German Revolution“, übrig geblieben sind nur die verschnörkelten Buchstaben „EGR“ im goldenen Oval auf Vorder- und Rückseite.
    Zwei Dinge weiß ich nicht. Ich weiß nicht, welche der beiden Ausgaben die frühere ist. Beide scheinen 1990 auf den Markt gekommen zu sein, ich halte es für fast sicher, daß die mit DDR-Flagge die frühere ist. Und ich weiß auch nicht, ob alle dreißig in beiden Versionen erschienen sind. Soweit ging meine Sammlerwut dann auch nicht, schließlich ging es mir um die Musik und nicht die Aufmachung. Ichhabe nur eine einzige Doublette in beiden Varianten.
    Das Booklet der „Flaggenversion“ verdient den Namen nicht, es ist ein einfaches Faltblatt mit einer Widmung von Herrn Pilz. Infos zum Inhalt findet man (bei beiden Versionen) nur im Inlay des Covers auf der Rückseite.


    Die Widmung will ich Euch nicht vorenthalten:


    Zitat


    AUF EIN WORT
    „Eine Revolution setzt den Geist frei – eingesperrte Kultur findet ihren Weg zu einer breiteren Basis“
    Ihr Reiner Pilz
    Unsere neue Klassik-Serie “East German Revolution” vermittelt einem breiten Publikum Musikkultur, die getragen wird von großen Namenwie der Dresdner Semperoper, dem Leipziger Gewandhausorchester, Kurt Masur, dem Dirigenten der Revolution, bis hin zu der 400 Jahre alten Sächsischen Staatskapelle.


    Na ja…..


    Das Booklet der zweiten Variante ist da schon informativer. Es stammt von Dr. Günter Polenz, zum Erscheinungszeitpunkt Stellvertretender Leiter der Musikabteilung des Rundfunks der DDR.
    Er erläutert das Konzept der 30-CD-Reihe und gibt Informationen zu Interpreten. Das wird mir in den nächsten Tagen aber einen eigenen Beitrag wert sein.




    :hello:
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Es hat zwar länger als ein paar Tage gedauert, aber hier nun der nächste Gang des Pilzgerichtes.


    Es könnte sich ja vielleicht so zugetragen haben:
    Am Rande der Feierlichkeiten zur Krönung des ersten deutsch-deutschen Joint Ventures begegnen sich auf dem Boden der (noch) DDR der geschäftstüchtige Unternehmer Rainer Pilz und Dr. Pohlenz, Stellvertretender Leiter der Musikabteilung des Rundfunks der DDR. Ein Wort gibt das andere, das Gespräch kommt auf die vielen unveröffentlichten Rundfunkmitschnitte in den Archiven und Herr Pilz wittert ein möglicherweise lukratives Geschäft. Es ist ja nicht so, daß die Künstler der DDR im Westen und im Ausland Unbekannte wären. Gewandhausorchester, Staatskapelle Dresden und andere sind schon bekannt und gefragt…
    Also könnte Herr Pilz zu Dr. Pohlenz gesagt haben: „Stellen Sie mir doch mal ein Programm zusammen, so auf ca. 30 CDs, das den Kosmos der klassischen Musik in der DDR umfassend wiederspiegelt. Aber bitte nichts, was es schon auf Tonträgern zu kaufen gibt… Es sollten aber trotzdem die Zugpferde der DDR-Klassik-Szene sein, schließlich möchte ich auch im Ausland, wo man die gegenwärtigen Ereignisse in der Noch-DDR aufmerksam verfolgt, meine CDs verkaufen…“
    Der arme Dr. Pohlenz…. Wie soll man auswählen? Nach Regionen? Welche Orchester? Einzelne Solisten, wenn wer? DDR-Komponisten? Berühmte Orgeln gibt es auch…
    Es war sicher nicht leicht. Dr. Pohlenz schreibt in seinem Booklet-Text einiges über seine Nöte. Ich darf hier auszugsweise zitieren:
    „Die Darstellung des Musiklebens in einer bestimmten deutschen Region…ist ein schönes, wenn auch schwieriges Unterfangen.“
    „Das zentrale Tonarchiv des Rundfunks in Berlin umfaßt in Jahrzehnten gesammeltes Material und macht damit die Dokumentation einer musikgeschichtlichen Epoche… möglich“
    „Für eine Auswahl…waren vier Aspekte von übergreifender Bedeutung:
    Versuch der Würdigung der großen Musikzentren… (Dresden, Leipzig, Berlin)
    Besondere Berücksichtigung… der Klangkörper des Rundfunks in Leipzig und Berlin
    Bekanntmachen mit einigen Komponisten
    Blick auf das vielfältige kammermusikalische Leben.“
    „Alle Musikbeispiele sollten im stereofonen Aufnahmeverfahren hergestellt worden sein. Damit verbot sich ein Rückgriff auf Aufnahmen von vor 1964“


    Soviel zur Intention der Serie.
    Als nächstes würde ich Euch in aller Kürze eine Übersicht der CDs der Reihe präsentieren wollen.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Hallo Reinhard,


    einige dieser Pilzgerichte habe ich seinerzeit auch mal von einem "1-DM-Wühltisch" im hiesigen Kaufhof mitgehen lassen. Die Orchester und Dirigenten kannte ich nicht (beispielsweise London Festival Orchestra, Leitung Alfred Scholz) und es hat sich wahrlich nicht gelohnt, wegen des Preises mußte man sich aber nicht ärgern.


    Neu ist mir aber, daß der DDR-Rundfunk für CD's herangezogen wurde. Das läßt ja darauf schließen, daß die von mir damals erstandenen "Weg-Werf-CD's" für irgendwelche Billig-Labels produziert wurden. Jedenfalls habe ich die von Dir mit Covern eingestellten Aufnahmen noch nie gesehen...

    .


    MUSIKWANDERER

  • (beispielsweise London Festival Orchestra, Leitung Alfred Scholz


    Ich hatte weiter oben schon mal geschieben, daß unter dem Label PILZ sehr viel mehr als die besprochene Reihe "East German Revolution" erschienen ist, darunter viel lieblos gemachtes und sicher auch qualitiativ minderwertiges. Davon kenne ich nicht viel.


    Die "East German Revolution" ist eine in sich abgeschlossene Reihe, für die tatsächlich ausschließlich Aufnahmen des Rundfunks der DDR herangezogen wurden, die auch alle vorher nicht auf Tonträger (also in der DDR auch nicht auf Schallplatte) erschienen sind.


    Sicher ist davon auch etliches im Rahmen der Pilz'schen Pleiten und Pannen auf Wühltischen gelandet, allerdings was diese Reihe betrifft meiner Meinung nach: leider.


    Harald weiß dazu noch einiges zu sagen....

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • beispielsweise London Festival Orchestra, Leitung Alfred Scholz


    Nichts gegen Alfred Scholz, der hat auch seine Meriten, auch wenn viele seiner Aufnahmen in der Frühzeit der CD auf Billiglabels verramscht wurden!


    Der Swarowsky-Schüler wird z.B. in Spanien, wo ich länger gelebt habe, fast wie ein Halbgott verehrt. Er hat seinerzeit vielen Provinzorchestern z. B. in Andalusien oder im Baskenland den Weg zur mitteleuropäischen Orchestermusik, vornehmlich der Romantik, geöffnet - als hervorragender Orchester-Erzieher!


    LG


    8)

    [P.S. Näheres zum Pilz-Label nächste Woche, wenn ich wieder zuhause auf meine Unterlagen zugreifen kann.]

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Wenn ich mich nicht irre, lieber tom, hieß Letztgenannter Hans Zanotelli (1927-1993), ein Swarowsky-Schüler, bereits mit 14 Jahren zum Musikstudium in Köln zugelassen, mit 30 in Darmstadt einer der jüngsten GMD's in Deutschland, ab 1971 Chefdirigent der Stuttgarter Philharmoniker, dirigierte auch an der Deutschen Oper in Berlin und an der Bayerischen Staatsoper in München.


    Liebe Grüße


    Willi ^^

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Banner Trailer Gelbe Rose
  • Hallo Freunde!


    Das wandelnde Musiklexikon, das den Namen Harald trägt, hat mir da schon wieder etwas Neues verraten. Und toms Hinweis auf den Alberto Lizzio sagt mir auch was, der erschien auch oft auf diesen Ramsch-CD's. Wie dem auch sei:
    Der Link ist sicherlich interessant - aber es gibt doch tatsächlich noch Menschen, die keine Fremdsprache können - :cursing:
    Insofern kann ich mehr oder weniger nur erahnen, was da steht...


    LG

    .


    MUSIKWANDERER

  • Um mal wieder auf Herrn Pilz und seine 30 East-German-Revolution-CDs zurückzukommen...
    An der gestern versprochenen Übersicht über alle CDs bin ich gescheitert, der Beitrag würde so lang werden, daß ihn kein Mensch lesen wollte...


    Was mich zu der Frage bringt: Interessiert es Euch überhaupt, wenn wir uns speziell mit diesen CDs ein wenig näher befassen? Oder lassen wir es hiermit bewenden?

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • ..., der Beitrag würde so lang werden, daß ihn kein Mensch lesen wollte...


    Das Problem liegt wohl eher beim Schreiben. Das kann lange dauern, gelesen ist es bald einmal.


    ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Habe heute erst das Pilzgericht entdeckt und es "schmeckt" wunderbar. eine spannende Geschichte, die zeigt, was mit Enthusiasmus alles möglich ist. Wir bei der Gottlob-Frick-Gesellschaft suchen die Idealisten, die solche Taten vollbbringen und zeichnen diese dann mit der Gottlob-Frick-Medaille in Gold aus, wie z. B. Dieter Fuoß, der nach dem Wegzug der EMI aus dem ehemaligen Gebäude in Köln-Braunsfeld zahllose historische, unersetzliche Opern-Aufnahmen, die vernichtet werden sollten, in Eigeninitiative vor dem Untergang rettete. Vielleicht gibt es noch mehr socher "Heldentaten". Sie sollten gerade bei uns im Tamino-Forum publiziert werden und zur Nachahmung anregen. :jubel::jubel::jubel:
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Bin auch gestern auf den Pilz-Krimi gestoßen und habe die Ausführungen fasziniert gelesen. Man könnte sich wahrscheinlich so manche CD-Neuproduktion sparen, wenn man auf die (auch jüngeren) Archive der Rundfunkanstalten zurückgreifen würde. Mir fällt das immer wieder auf, wenn ich das Nachtprogramm der ARD mitschneide, das ja wechselweise von den einzelnen Landessendern zentral bedient wird. Meiner Wahrnehmung nach ist das meiste, was da gesendet wird, Eigenproduktion. Die Ansage "Sie hörten Aufnahmen der Schallplattenindustrie" -in den 70ern sehr vertraut- kommt nicht mehr so oft.


    Sind nicht ohnehin die meisten Platten der DDR mit Aufnahmen der Rundfunksender bestückt worden? Spannender Thread jedenfalls, danke dafür, lieber Reinhard.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Wir bei der Gottlob-Frick-Gesellschaft suchen die Idealisten, die solche Taten vollbbringen


    Na, ein Idealist ist Herr Pilz bestimmt nicht. Das er gerade einige Rundfunkaufnahmen aus DDR-Archiven quasi "gerettet" hat ist eher - ein für uns erfreulicher - Nebeneffekt.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Sind nicht ohnehin die meisten Platten der DDR mit Aufnahmen der Rundfunksender bestückt worden?


    Das glaube ich eigentlich nicht. Für die Aufnahmen mit den RSO der ehem. DDR mag das zutreffen. Sehr viel ist aber auch in diversen Aufnahmestudios extra für die Schallplatte produziert. Müßte mal meine Platten durchsehen...

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Ich habe diesen Thread mit Interesse verfolgt und sage "Danke" für die mir neuen Informationen.


    Durch einen Zufall sind mir vor kurzem zwei CD's der Serie "East German Revolution" dankenswerterweise in die Hände gefallen. Und zwar eine mit der Dresdner Philharmonie unter einem ausgezeichneten Kurt Masur und eine zweite mit Pianisten aus dem deutschen Osten.


    Das ist eine Archivierung bzw. Weitergabe von regionalem Kulturgut, eine Sache, die heute bereits selten geworden ist. Glücklich jeder, der eine Sammlung solcher Aufnahmen besitzt !


    Herzliche Grüße -


    Erich, der Operngernhörer

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.


  • Nichts gegen Alfred Scholz, der hat auch seine Meriten, auch wenn viele seiner Aufnahmen in der Frühzeit der CD auf Billiglabels verramscht wurden!


    Der Swarowsky-Schüler wird z.B. in Spanien, wo ich länger gelebt habe, fast wie ein Halbgott verehrt. Er hat seinerzeit vielen Provinzorchestern z. B. in Andalusien oder im Baskenland den Weg zur mitteleuropäischen Orchestermusik, vornehmlich der Romantik, geöffnet - als hervorragender Orchester-Erzieher!
    LG
    8)
    [P.S. Näheres zum Pilz-Label nächste Woche, wenn ich wieder zuhause auf meine Unterlagen zugreifen kann.]


    Wenn Alfred Scholz wirklich Swarowsky Schüler war, hat er dies seinem Meister schlecht vergolten. In dem ziemlich umfangreichen "Scholz-Katalog" wurden beispielsweise bei gut der Hälfte der veröffentlichten Titel von ihm existierende Interpreten Künstler, Dirigenten und Orchester benannt, die an diesen Aufnahmen überhaupt nicht beteiligt waren (wie z.B. gerade Hans Swarowsky oder Hans-Peter Gmür oder das London Festival Orchestra und viele andere) oder andere Interpreten angegeben, die es nicht gibt (z.B. "Alberto Lizzio", "Süddeutsche Philharmonie").


    Alfred Scholz hatte die Verkäufe seines Katalogs mehrfach "exklusiv" vorgenommen. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem Pilz - aus seiner Sicht mit Recht - erbost über die Veröffentlichung eines Billiglabels von André Ulmann's Aurophon war, in dem haargenau die gleichen Werke von "Alberto Lizzio" etc. veröffentlicht wurden, wie auf dem Vienna Master Series Label. Der Gang vor Gericht gegen Aurophon wurde aufgegeben, als Ulmann nachwies, diese Werke ebenfalls "exklusiv" erworben zu haben. Alfred Scholz war damals dann eine zeitlang nicht auffindbar.


    Mit der Vienna Master Series von Pilz gab es noch ein weiteres Problem, das heutzutage keine wirkliche Bedeutung mehr hat. Die von Pilz veröffentlichte Serie schmückte sich mit der (Ende der Achzigerjahre als Qualitätsmerkmal verstandenen) Bezeichnung "DDD" - digital aufgenommen, digital bearbeitet und digitaler Tonträger, obwohl die betreffenden Aufnahmen nachweislich bereits Ende der Sechziger / Anfang der Siebziger Jahre (auf LP) produziert wurden und damit als "AAD" zu kennzeichnen waren.


    Gruß, Wolfgang

  • Alfred Scholz war damals dann eine zeitlang nicht auffindbar.


    Alfred Scholz selbst hat niemandem "exclusiv" etwas verkauft. Die Rechte lagen bei der Plattenfirma, er hat für diese Aufnahmen nur 1 x Gage bekommen, damit war alles abgegolten. Er war auch nicht untergetaucht, sondern arbeitete als Dirigent und Orchestererzieher in der spanischen Provinz, wo er hervorragende Arbeit leistete und dort bis heute hoch verehrt wird.


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

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  • Alfred Scholz selbst hat niemandem "exclusiv" etwas verkauft. Die Rechte lagen bei der Plattenfirma, er hat für diese Aufnahmen nur 1 x Gage bekommen, damit war alles abgegolten. Er war auch nicht untergetaucht, sondern arbeitete als Dirigent und Orchestererzieher in der spanischen Provinz, wo er hervorragende Arbeit leistete und dort bis heute hoch verehrt wird.


    LG


    :hello:


    Sprechen wir vom gleichen Alfred Scholz alias Alberto Lizzio alias Anton Nanut alias Alexander von Pitamic?


    Es mag ja sein, dass er nach mehrfachem Verkauf seines von ihm recht kreativ gestalteten Katalogs (von zum Teil guten, zum Teil mäßigen Aufnahmen) in der spanischen Provinz als Dirigent und Orchestererzieher tätig war. Tatsache ist jedenfalls, dass er seinerzeit von Wien aus mit Hilfe eines Mittelsmannes seinen Katalog an Pilz in mehreren Etappen exklusiv verkauft hatte. Das sagten jedenfalls die damaligen Verträge. Bei welcher Plattenfirma sollen denn die Rechte gelegen haben? Er selbst hat seine eigenen Aufnahme sowie Aufnahmen des Österreichischen Rundfunks (mit geänderten Künstlernamen) an Plattenfirmen verkauft - an Pilz z.B. (Vienna Master Series), Ulmann (Aurophon), Bernhard Mikulski (Zyx Musik), Wilhelm Mittrich (Point Classics) und noch einige mehr.


    Es ist übrigens erstaunlich, dass CDs der Vienna Master Series, 14 Jahre nach dem letzten Herstellungszeitraum (bzw. dem Konkurs der Firma Pilz), noch immer aktiv z.B. bei Amazon angeboten werden. Grund dafür ist wahrscheinlich, dass seinerzeit die Banken-Gläubiger der Firma Pilz einen Lagerbestand von ca. 2 Millionen vorgepressten Vienna Master Series CDs vorfanden, die sie zu Geld machen wollten. Das war für den damaligen (und auch heutigen) Gesamtklassikmarkt eine riesige Menge. Wilhelm Mittrich (Point Classics) übernahm dann den gesamten Lagerbestand für einen Pappenstiel - ich meine er zahlte damals lediglich DM 0,50 pro CD oder sogar weniger, mit dem Ergebnis, dass 1997/1998 eine größere Handelskette in den USA Vienna Master Series zu 1 $ / CD an den Konsumenten anbot. Das führte dann wiederum dazu, dass Vienna Master Series Titel in den Klassik Charts des renommierten Branchenblattes "Billboard" mehrere Wochen lang die Plätze 1 bis 10 innehielten.


    Diese Überschwemmung des Marktes brachte den etablierten Plattenfirmen damals verständlicherweise einige Problem, zumal die "Normalpreise" für Klassik CDs damals noch bei (umgerechnet) etwa EUR 10 - EUR 15 lagen. Das einzig Positive bei dieser Aktion war - neben dem Gewinn für Herrn Mittrich, dass dabei eine ganze Anzahl von Leuten sich mit Klassik CDs eingedeckt haben, die sich sonst dafür nie interessiert hätten... woraus sich dann mit Sicherheit auch einige richtige Klassikfans entwickelt haben...


    Gruß, Wolfgang

  • w.jpg
    Labelgründer Reiner E. Pilz (1991)


    Nach über einem Jahrzehnt möchte ich diesen herrlich aufbereiteten Thread heben (großartige Einleitung, lieber Reinhard!).

    Ich habe mir vor einiger Zeit nicht weniger als 15 CDs aus der besagten Reihe "East German Revolution" vom Label Pilz gebraucht und extrem günstig erstanden (Rebuy macht es möglich). Die Umstände, die diese Serie begleiteten, sind ja geradezu abenteuerlich. Während der Wendezeit, im Jahre 1990, aber offenbar noch während des Bestehens der DDR - auf den CDs ist das Jahr 1990 und West Germany vermerkt -, wurden hier einige Schätze aus den Archiven des Rundfunks der DDR gehoben.


    Herr Pilz - der nach meinen Informationen mittlerweile 80 Jahre alt wäre - ist aus heutiger Sicht für seine kulturelle Leistung durchaus zu würdigen, selbst wenn dies kaum seine Intention gewesen sein mag und wohl auch nicht alles mit rechten Dingen zuging. In einer westdeutschen Eroberermentalität konnten die DDR-Archive damals geradezu geplündert werden. Und doch zählt für den Sammler am Ende primär das Ergebnis. Alle bei Pilz aufgelegten Aufnahmen kann man heutzutage freilich über das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) zum Selbstkostenpreis und zur rein privaten Nutzung beziehen. Reiner E. Pilz hat dem Klassikhörer diese doch recht umständliche Arbeit vereinfacht.


    Ich war insgesamt sehr positiv überrascht von der profunden Auswahl, die seinerzeit getroffen wurde. Hier waren offenkundig durchaus Kenner am Werke. Man beschränkte sich auf Rundfunkproduktionen aus der DDR, ob Studio oder live, die stereophon eingespielt wurden (seit 1964 setzte der DDR-Rundfunk diese Technik ein - erstaunlich früh und vor den westdeutschen Rundfunkanstalten) und noch nie zuvor in irgendeiner Form offiziell erschienen waren. Das Konzept ist insofern durchaus nicht unüberlegt. Berücksichtigt wurden neben den auch heute noch sehr geläufigen Dirigenten wie Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Herbert Kegel, Otmar Suitner, Helmut Koch oder Kurt Masur auch mittlerweile zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene wie Heinz Rögner, Rolf Kleinert, Max Pommer und Adolf Fritz Guhl. Das künstlerische Niveau ist, soweit ich das aufgrund der mir vorliegenden Aufnahmen beurteilen kann, zumindest gut, meist sehr gut und zuweilen sogar hervorragend. "Nieten" finden sich nach meinem Eindruck nicht darunter. Auch die Klangqualität lässt eigentlich nicht zu wünschen übrig, die Entscheidung für reine Stereoaufnahmen war insofern durchaus zielführend.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid