Carl Orff (1895-1982):
DIE BERNAUERIN
Ein bairisches Stück in zwei Teilen - Libretto in altbairischem Dialekt vom Komponisten
Uraufführung am 15. Juni 1947 im Württembergischen Staatstheater Stuttgart
IM ERSTEN TEIL TRETEN AUF
Der Ansager (Sprechrolle)
Albrecht, Herzog in Baiern und Graf zu Voheburg (Sprechrolle)
Drei junge Adelige, Albrechts Freunde (Sprechrollen)
Kaspar Bernauer, Bader zu Augsburg (Sprechrolle)
Agnes Bernauerin, Badmagd und Riberin (Sprechrolle)
Ein welscher Spielmann (Tenor)
Chor: badgäste, Bürger von München
Das Geschehen ereignet sich in Augsburg, Straubing und Schloß Vohenburg, 1428-1435.
INHALTSANGABE
Zu Beginn des Stückes ein Vorhang mit phantastischer Heraldik, baierischen Wappen und Emblemen.
Der Ansager verkündet inmitten eines Vorspiels, Intrade genannt, das Spiel von der Bernauerin und erklärt dem Publikum
Der erste Teil:
Von Albrechten, Herzog in Baiern und seiner Buhlschaft mit Agnes Bernauer,
der „Bernauerin“ / is eins Baders Tochter zu Augsburg gewest /
vor itzo mehr / denn fünfhundert Jahrn / zu der Zeit, / da Baiern, / das bairisch Land /
zerschlissen / durch unselge Zwiespälter / und aufgeteilt war / in drei Teilen /
und / Albrechtens Vatern, Herzog Ernst / zu Munichen / regiert hat.
Erste Szene
Im Hintergrund der Bühne steht ein Bottich, drin sitzen junge Männer und Weiber, die baden, spielen und tafeln. Am Rande lehnt der welsche Spielmann.
Im Vordergrund rechts eine Zech-Ecke mit Badgästen; abseits davon sitzen Albrechts Freunde. Zwischen allen der alte Bernauer.
Im Vordergrund links ein kleines Badkämmerlein mit Zuber und Bett.
Agnes als Riberin (Masseuse) und Albrecht, in vornehmer Tracht, sitzen beidseitig des Zubers.
Der welsche Spielmann unterhält die Badgäste mit einem Lied, in das die Gäste immer wieder fröhlich einstimmen.
Herzog Albrecht hat sich in die hübsche Tochter des Baders Bernauer verliebt. Agnes starrt vor sich hin, Albrecht blickt sie unentwegt an. Albrechts Freunde stehen wartend etwas abseits und kommentieren das sich ihnen bietende Bild.
Als Agnes Albrecht fragt, ob er denn nicht baden wolle, gibt er ihr statt einer Antwort einen Ring. Dann steht er auf und wirft ihrem Vater eine prall gefüllte Börse zu. Dann gibt er seinen Freunden ein Zeichen und geht mit ihnen eilig davon.
Während der alte Bernauer geradezu gierig das Geld aus der Börse zählt und Albrecht als „Goldfasan“ bezeichnet, den man festhalten muß, ist Agnes eher verunsichert und erklärt ihrem Vater, Albrecht „nie-ninder-nit“ wiedersehen zu wollen.
Zweite Szene
Albrecht tritt mit seinen Freunden auf die Vorbühne.
Die Freunde reden wechselseitig heftig auf Albrecht ein und versuchen ihn zu überzeugen, die Liebschaft mit der Bernauerin fahren zu lassen und an seinen Vater zu denken, der sicherlich kein Verständnis für des Sohnes Verhalten aufbringen wird. Aber Albrecht hört nicht sie und läßt sie stehen.
Dritte Szene
Die Hauptbühne wird erhellt. Eine Schenke in München. Bürger beim Abendtrunk, aber schweigsam und unbeweglich.
Als plötzlich eine Amsel zu hören läßt, kommt eine Unterhaltung in Gang. Diese dreht sich um die inzwischen bekannt gewordenen Liaison zwischen Agnes und dem Herzog. Einer weiß zu erzählen, daß die beiden jungen Leute inzwischen geheiratet haben und auf Schloß Vohburg, dem mütterlichen Erbteil Albrechts, wohnen. Es gibt unter den Gästen sowohl Zustimmung als auch Ablehnung. Einer meint aber, der „Alte“ (Herzog Ernst, Albrechts Vater) werde das „Gspiel nit mit“ machen. Ein andere sagt, gegen “d'Liab is kei Kraut net gwachsn im Gartn“.
Vierte Szene
Die dunkle Vorbühne. Seitlich eine steinerne Madonna, vor der ein ewiges Licht brennt.
Zwei Bürger kommen mit einer Laterne die Straße auf dem Heimweg entlang; der Gesang der Amsel ist verstummt. Vor dem Madonnen-Bildnis bleiben sie stehen und bekreuzigen sich; geheimnisvoll leuchtet das Ewige Licht.
Fünfte Szene
Die Hauptbühne erhellt sich langsam. Vor einem Gobelin, einen Liebesgarten zeigend, sitzt Agnes in höfischer Tracht. Ihr nahe sitzt Albrecht. Neben ihm eine schwarze Laute.
Agnes äußert, daß ihr das Leben an der Seite ihres Geliebten wie ein Traum vorkommt, aus dem sie nicht geweckt werden möchte. Albrecht wiederum malt seiner Liebsten den bevorstehenden Einzug in die Hauptstadt München in leuchtenden Farben aus, und nennt sie dabei jubelnd seine „Duchessa“. Er legt am Ende der Szene seinen Kopf in ihren Schoß.
IM ZWEITEN TEIL TRETEN AUF
Der Ansager (Sprechrolle)
Albrecht, Herzog in Baiern und Graf zu Voheburg (Sprechrolle)
Agnes, jetzt „Duchessa“
Der Kanzler von Herzog Ernst
Hauptmann und Reisige
Richter und Häscher
Ein Mönch
Eine junge Dienerin
Münchner Bürger
Hexen
Chor: Volk und Kriegsvolk
Zu Beginn des zweiten Teils ein Vorhang mit Herzog Albrechts Siegel.
Wie zu Beginn des ersten Teils verkündet der Ansager auch in dieser „Intrada“ den Inhalt des zweiten Teils
Das Spiel von der Bernauerin / Der ander Teil /
Von Agnes Bernauerin / Duchessa / von ihrer Lieb und Treu / und traurigem Tod /
und wie der Himmel zum End / alles gewendet hat.
Erste Szene
Auf der Vorbühne zwei Münchner Bürger, ins Weite blickend.
Es ist der letzte Sonnentag des Herbstes und der eine Bürger ist nach langer Abwesenheit in die Heimat zurückgekehrt ist. Er berichtet, daß er Sehnsucht zur Heimat bekommen hat und der andere erzählt dem Freund, daß sich in München wegen der „Duchessa“ noch alles in „Unfried“ befinde; keiner wisse, wie das alles mal enden werde. Herzog Albrecht, so hört der Heimgekehrte, lebt mit der Bernauerin noch immer auf der Burg zu Straubing. Aber der regierende Herzog Ernst hat einen Schwur getan, wonach er die Kinder und Kindskinder „net auf meim Herzogstuhl hockn“ sehen will. Der Heimgekehrte sagt, ehe sie beide ins Dunkel davongehen, er hoffe, daß sicg der Alte „si nur net zu was hinreißn laßt“,
eine
Zweite Szene
Auf Burg Straubing sitzt Agnes in einem gotischen Stuhl; ihr halb zugewandt, Albrecht auf einem Hocker. Durch das Fenster fällt letztes Abendlicht.
Agnes wird von bangen Ahnungen gequält, denn Albrecht muß sich am nächsten Tag wegen einer längeren Reise von ihr trennen. Ängstlich bittet sie ihn, nur nicht so lange abwesend zu bleiben.
Dritte Szene
Die herzogliche Hofkanzlei in München; in der Wand eingelassen das Wappen des Herzogs; der Kanzler sitzt am Tisch über ein Pergament gebeugt. Es ist Nacht und hinter der Szene sind Trommeln zu hören.
Der Kanzler hat von Herzog Ernst ein Pergament bekommen, das der Herrscher mit seiner Unterschrift versehen hat: es ist das Todesurteil für die Bernauerin. Der Kanzler zeigt sich schwer erschüttert über das Urteil und läßt starkes Mitleid mit der „Duchessa“ erkennen.
Vierte Szene
In einer dunklen Kirche zu München steht, inmitten von Bürgern und Frauen, von Meßdienern umgeben, die Klappern und Ratschen bedienen, ein Mönch.
Unter dem Klang von Klappern und Ratschen mahnt ein Mönch in lateinisch-deutschem Sprachgemisch die Gläubigen, das Kyrieleis anzustimmen, denn es bedrohe ein schweres Unheil die Welt. Und dieses Unheil habe die Bernauerin verschuldet, ihren Hexenkünsten seien bereits der Bruder des regierenden Herrn, Herzog Wilhelm, und der Thronfolger Adolph zum Opfer gefallen. Es sei zu befürchten, daß nunmehr Herzog Ernst selber an die Reihe komme. Der Mönch verflucht Agnes und geradezu fanatisch stimmt die versammelte Gemeinde in die Flüche ein.
Eine Gruppe junger Bürgersöhne protestiert und ergreift für Albrecht und Agnes Partei; sie bahnen sich einen Weg durch die Menge und greifen sich den Mönch, nennen seine Rede „derstunkn und derlogn“ und ein „hundsföttischn Kerl“ jagen ihn unter dem Geschrei des Vokkes davon.
Alles drängt sich nach dem Hintergrund, worauf sich alles in Dunkel hüllt und plötzliche Stille eintritt. Danach weiter entfernte Trommeln und wieder Stille.
Fünfte Szene
In Agnes' Schlafgemach auf Burg Straubing hilft eine Dienerin ihr beim Auskleiden. Eine Kerze brennt; im Hintergrund ist eine Tür zu sehen.
Agnes spricht zunächst mit ihrer Dienerin und gedenkt dann in einem tiefempfundenen Gebet ihrer verstorbenen Mutter. Als die Dienerin zu weinen beginnt, schickt sie sie zu Bett. Nach dem Weggang der Magd betet sie für den in der Ferne weilenden Geliebten; dann löscht sie das Licht und legt sich zum Schlafen nieder.
Plötzlich wird die Türe aufgestoßen und der Hauptmann mit seinen Reisigen, der Richter, mehrere Häscher und ein Mönch dringen in das Zimmer ein. Agnes springt auf und bleibt am Bettrand stehen.
Der Hauptmann fragt in gebieterischem Ton, ob sie die Bernauerin und des Lesens mächtig sei. Dann zeigt er auf das Pergament in der Hand des Richters hin, der das Schritstück entrollt und Agnes den Inhalt vorliest: Sie habe ihrem Albrecht zu entsagen und sich außerdem als dessen „Schlafweib und Buhlerin“ zu bekennen.
Agnes entreißt dem Richter das Blatt, lehnt stolz das geforderte Bekenntnis ab und nennt sich „Albrechts eheliches Weib“ und „Duchessa“. Dann klagt sie Herzog Ernst des räuberischen Überfalles „bei der Nacht“ an, zerreißt die Urkunde und wirft sie zu Boden.
Der Mönch schreit dazwischen und nennt sie eine Hexe.
Agnes bricht in die Knie und ruft die Mutter Gottes zu ihrem Schutz an. Dann erhebt sie sich und sagt zu dem Richter und den Häschern, daß man ihr „den Leibtod antun“ kann, doch „Andres nit“. Als die Häscher sie fassen wollen, wehrt sie sich, nimmt einen schwarzen Umhang und geht allen voran durch die Tür ins Dunkel hinaus.
Sechste Szene
Hexen kommen aus dem Boden auf die Vorbühne.
Die Hexen keifen und schmähen Agnes, nennen sie Mörderin, Abgefeimte, Böswichtige, Zwiefotzete Hur. Dann erzählen sie dem Publikum, wie die Bernauerin von den Häschern ergriffen und im „hülzernen Kefig“ zur Donau „gfahrn“ wird, daß sie an das Geländer treten muß, daß die Fische im Wasser zuschauen, wie an Agnes das Todesurteil vollzogen wird: Sie wird gefesselt in die Donau gestürzt und ertrinkt nach einigem Kampf mit den Wasserfluten. Eine Hexe feixt hinter der Ertrunkenen her
D'Fisch san fortgschwommen, / hats keiner vernommen, / wie 's gschrien hat / im Tod.
Dann verschwinden alle Hexen.
Siebte Szene
Weites Feld; die Mittelbühne im Zwielicht. Volk tritt auf.
Das Volk hört Dröhnen und fragt sich erschrocken, was das zu bedeuten habe. Einige sehen den Tod der Bernauerin als Vorbote kommenden Unheils.
Die Vorderbühne verdunkelt sich; auf der hinteren Bühne sieht man erhöht in blauem Wetterschein Herzog Albrecht mit schwarzer Rüstung und blankem Schwert. Um ihn herum Kriegsvolk mit Bannern.
Herzog Albrecht ruft laut seine „Bernauerin“. Das Volk antwortet, daß sie ertrunken sei, nachdem Reitervolk sie zur Nacht abgeholt hätten. Albrecht fragt zurück, woher die Reiter gekommen seien und das Volk antwortet, von „Minka“ (München). Auf Albrechts nächste Frage, wer die Reiter geschickt habe, sagt ihm das Volk, der Herzog von Minka habe die Reiter ausgesandt. Albrecht schreit laut auf, daß er keinen Vater mehr habe und daß er der Burg des Herzogs Ernst den Feuerbrand senden werde, um sie auszubrennen bis zum Grund. In seinen Ruf „Auf nach Munichen“ stimmt auch das Kriegsvolk ein.
Gerade, als sich alles zum Abmarsch bereit macht, kommen Reiter und alles Kriegsvolk und die Bürger rufen aus „Der Kanzler aus Munichen!“
In schwarzer Rüstung tritt der Kanzler auf die Szene, in seiner Hand hält er den mit schwarzem Trauerflor umwickelten Herzogstab.
Der Kanzler verkündet dem rachedurstigen Albrecht den Tod von Herzog Ernst. Dann übergibt er dem erstarrten Albrecht die Insignien seines Vaters. Während das Volk ihn hochleben läßt, fällt Albrecht auf die Knie und ruft mehrmals laut „Agnes!“
In diesem Moment öffnet sich über ihm der Himmel und in den Wolken erscheint Agnes mit Krone und weitem Mantel als „Duchessa“.
Das Volk, ebenfalls auf die Knie niedergesunken, wiederholt immer wieder, ohne dabei aufzublicken, die Worte: „Agnes Bernauerin, Bernauerin, Bernauerin!“
Das Bild in den Wolken erlischt.
INFORMATIONEN ZUM WERK
Carl Orff hatte seinerzeit intensive Sprachstudien betrieben, um „Die Bernauerin“ in einer Sprache auf die Bühne zu bringen, die seiner Meinung nach im 15. Jahrhundert in Bayern gesprochen wurde. Führt man das „bairische Stück“ aber so auf, erschwert die altmodisch wirkende Sprache für Menschen außerhalb Süddeutschlands den Zugang.
Von großer dramatischer Wucht ist die Hexenszene im zweiten Teil, in der Orff sein gesamtes Schlagwerk aufbietet. Ansonsten hat die Musik nur untermalenden Charakter: so bestehen die Chöre hauptsächlich aus Sprechgesängen; von den vielen Personen der Handlung ist nur der „welsche Spielmann“ als Gesangsrolle angelegt. Insofern kann man, was Orff übrigens auch selbst nicht getan hat, die „Bernauerin“ nicht als Oper bezeichnen. Aber es ist ohne Zweifel ein bedeutendes Stück Musiktheater.
Möglicherweise durch seine Tochter Godela angeregt, die als Agnes in der Fassung von Johann Peter Hebbel am Theater brillierte, mit der Rolle nach eigener Aussage aber nicht zufrieden war, hatte Carl Orff 1944 begonnen, das Stück vollkommen neu zu schreiben. Er benutzte als Vorlage einmal historische Erkenntnisse, zum anderen die alte bayrische Ballade und zusätzlich originale Formulierungen aus dem „Liederbuch der Clara Hätzlerin zu Augsburg" von 1471. Insbesondere daraus hat Orff die Hexenszene fast wörtlich übernommen.
Der geschichtliche Hintergrund der Handlung bildet der jahrzehntelange Machtstreit der Wittelsbacher Herzöge, in deren Verlauf im November 1392 das Land in drei Herzogtümer (Baiern-München, Baiern- Ingolstadt und Baiern-Landshut) aufgeteilt wurde. Außer drei Töchtern hatte Herzog Ernst nur einen Sohn, Albrecht. Wenn nun, so des Vaters Gedankengang, seinem Sohn legitime Nachkommen versagt blieben, würde das Münchner Fürstenhaus erlöschen. So waren es dynastische Erwägungen, die Herzog Ernst zu der unmenschlichen Tat trieben, die Bernauerin dem Wohl des Landes und der Erbfolge zu opfern.
© Manfred Rückert für TAMINO.Opernführer 2011
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Reclams digitaler Opernführer
Textheft „Die Bernauerin“ von 1946, B. Schott's Söhne, Mainz


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