Carl Orff (1895-1982):
ANTIGONAE
Trauerspiel in fünf Akten von Friedrich Hölderlin nach Sophokles (ca. 496-406 v. Chr.)
Uraufführung am 9. August 1949 in Salzburg, Felsenreitschule
DIE PERSONEN DER HANDLUNG
Antigonae (Sopran)
Ismene (Mezzosopran)
Kreon (Bariton)
Ein Wächter (Tenor)
Hämon (Tenor)
Tiresias (Tenor)
Ein Bote (Baß)
Euridice (Sopran)
Chorführer (Bariton)
Chor der thebanischen Alten
Das Geschehen ereignet sich im antiken Theben.
INHALTSANGABE
Vorgeschichte
Nach dem Tode ihres Vaters Oedipus sollten sich seine Söhne aus der Ehe mit Jokasta, Eteokles und Polyneikes, im jährlichen Wechsel den Thron teilen. In einer kriegerischen Auseinandersetzung, die mit dem Sieg des thebanischen Heeres über die Belagerer der Stadt endete, fanden beide Söhne des Oedipus den Tod. König Kreon befahl, Eteokles in allen Ehren zu bestatten, den Polyneikes, der im Lager der Feinde gestanden hatte, jedoch in der Sonne verwesen zu lassen. Das war die grausamste Strafe für einen griechischen Krieger.
ERSTER AKT
Antigonae hat sich entschlossen, sich dem Befehl König Kreons zu widersetzen und ihren Bruder Polyneikes zu bestatten. Sie bittet ihre Schwester Ismene um Hilfe. Ismene kann sich jedoch dazu nicht entschließen und warnt vor den schrecklichen Folgen dieser Handlung, dem Tod. Während Kreon vor den Ältesten Thebens sein Verbot öffentlich verkündet, wird ihm durch einen ängstlichen Boten die Ungeheuerlichkeit hinterbracht, daß ein Unbekannter Erde über die Leiche des Polyneikes gestreut habe. Wütend befiehlt Kreon, daß dieser Unbekannte sofort ausfindung zu machen sei.
ZWEITER AKT
Antigonae ist zur Leiche ihres Bruders zurückgekehrt und beklagt sein Schicksal. Nach dem Chor der Ältesten
Ungeheuer ist viel. Doch nichts / Ungeheuerer als der Mensch ergreifen die Wächter des Königs Antigonae und bringen sie vor Kreon. In abgeklärter Ruhe bekennt sie sich zu der Tat und sagt, sie sei einfach nur ihrer inneren Stimme gefolgt. In eisiger Kälte verfügt der König ihren Tod, den Antigonae ohne Murren akzeptiert. Hier schreitet Ismene ein und klagt sich vor allen der Mittäterschaft an; daraufhin befiehlt Kreon, daß beide jungen Frauen den Tod zu erleiden haben und läßt sie in den Kerker werfen.
DRITTER AKT
Antigonaes Verlobter, Kreons Sohn Hämon, hat beobachtet, wie die Wächter Antigonae und Ismene abgeführt haben. Der Chor berichtet, daß Hämon kommt. Mit Besonnenheit versucht Hämon seine Braut vor dem Tode zu bewahren. Er weiß zu erzählen, daß die thebanische Bevölkerung hinter der Handlung Antigonaes steht, die Tat sogar für des Ruhmes wert erachte. Aber Kreon bleibt unerbittlich und es folgt ein leidenschaftlicher Wortwechsel zwischen Vater und Sohn. Doch auch Hämons Liebe zu Antigonae vermag den König nicht umzustimmen und so beendet der Sohn den Streit mit dem Hinweis, es könne sein, daß noch ein anderer sterben werde. Kreon erkennt in diesen Worten, daß sein Sohn bereit ist, sich selbst zu töten. Kreon lenkt aber nur in einem Punkt ein: er schenkt Ismene die Freiheit, doch Antigonae soll in ein Felsengrab eingeschlossen werden.
VIERTER AKT
Die Todgeweihte geht ihren letzten Gang und der Chor beklagt ihr Geschick, doch Kreon mahnt zur Eile. Mit den Worten
Seht, welch eine / Gebühr, ich leide von gebührigen Männern, /
Die ich gefangen in Gottesfurcht bin“
nimmt Antigonae Abschied von der Welt und verkündet doch ihre Gewißheit, durch die Bestattung ihres Bruders eine heilige Pflicht erfüllt zu haben. Der Chor besingt ihr zum Trost das unentrinnbare Schicksal am Beispiel der Danae.
Der greise und zugleich blinde Seher Tiresias tritt, von helfenden Händen geführt, auf die Szene und fordert im Namen der Götter von König Kreon die Bestattung des Polyneikes. Immer noch besteht aber Kreon auf seinem Richterspruch. Das Blatt wendet sich erst durch eine weitere Phrophezeiung des Tiresias: bald werde aus Kreons eigenem Blute ein Opfer fallen. Erschüttert und wissend, daß Tiresias noch nie eine Unwahrheit geäußert hat, zeigt sich der König ratlos. Soeben noch unerbittlich und selbstsicher, sieht er jetzt das Verhängnis über sich hereinbrechen und er eilt davon, um Polyneikes zu bestatten und Antigonae aus dem Kerker zu holen. Trotzdem ist er sicher, daß er das Schicksal nicht mehr aufhalten kann.
FÜNFTER AKT
Königin Euridice, Kreons Frau, tritt aus dem Königspalast und ein Bote kommt auf sie zu. Er berichtet ihr, daß Antigonae sich selbst getötet habe und Hämon ihr aus Verzweiflung darüber in den Tod gefolgt sei. Erschüttert wendet sich Euridice wortlos ab und kehrt in den Palast zurück.
Kreon erscheint auf der Szene mit der Leiche Hämons auf den Armen. Er beklagt seine Verblendung. Das unheilvolle Geschehen ist aber noch nicht zu Ende, denn ein Bote kommt auf Kreon zu und teilt ihm mit, daß sich seine Gattin Euridice mit einem Fluch gegen den Mörder des eigenen Sohnes umgebracht habe. Verzweifelt bittet Kreon
Führt Schritt vor Schritt den eitlen Mann. Der ich
Dich, Kind, doch gerne nicht, getötet, sie auch, sie;
Ich Armer weiß nicht, wen ich ansehn soll,
Und nicht, wohin ich gehe. / Denn alles Schiefe hat
Hier in den Händen und hier mir auf ads Haupt / Ein wüstes Schicksal gehäufet.
In großer Verzweiflung will sich auch Kreon den Tod geben. Doch der Chor warnt vor übereilten Taten und rühmt stattdessen weises Denken und Handeln
Um vieles ist das Denken mehr denn /
Glückseligkeit. Man muß, was Himmlischer ist, nicht /
Entheiligen. Große Blicke aber, / Große Streiche der hohen Schultern
Vergeltend, / Sie haben im Alter gelehrt, zu denken.
INFORMATIONEN ZUM WERK
In der ANTIGONAE wird Orffs erklärte Absicht, eine „Wiedergeburt der antiken Tragödie“ anzustreben, deutlich. Er ließ die Originalgestalt, soll hier heißen, Hölderlins Sophokles-Übersetzung, unangetastet. Musikalisch strebt Orff allerdings keine opernhafte Vertonung an, sondern will die Sprache auf eine (von ihm so gedeutete) ursprüngliche Einheit von Wort, Klang und Tanz zurückgeführen. Insofern ist der „Gesang“ in der ANTIGONAE rhythmisch-akzentuierter Sprechgesang, gelegentlich melismatisch verziert aber auch expressiv in extreme Tonbereiche ausgreifend.
In der Partitur schreibt der Komponist ein sehr spezielles „Orchester“ vor: Sechs Klaviere, vier Harfen, neun Kontrabässe als einzige Streichinstrumente, sechs Flöten, sechs Oboen, sechs gedämpfte Trompeten, mehrere Pauken, großes Schlagwerk, zwei Glocken, drei Glockenspiele, vier Paar Zimbeln, drei Paar türkische Becken, ein kleiner Amboß, drei Triangeln, zwei große Trommeln, sechs Tamburine, sechs Paar Kastagnetten und zehn große Gongs.
Die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen am 9. August 1949 leitete Ferenc Fricsay, die Inszenierung besorgte Oscar Fritz Schuh. Das Bühnenbild stammte von Caspar Neher und die Titelpartie sang Res Fischer. Weitere beeindruckende Aufführungen gab es beispielsweise 1956 in Stuttgart, wo Ferdinand Leitner dirigierte, Wieland Wagner die Regie führte und Martha Mödl in der Titelpartie brillierte; in München gab es 1975 eine Aufführungsserie unter Wolfgang Sawallisch, in der Inszenierung von Günther Rennert, eine Produktion, die sich lange im Repertoire gehalten hat. Ferdinand Leitner nahm sich 1983 nochmals des Werkes an und dirigierte die Produktion in Zürich in der Inszenierung von August Everding. Eine Münchner Freilichtaufführung im Jahre 1985 stand unter der Leitung von Hanns-Martin Schneidt.
Der Athener Dichter Sophokles siegte mit 28 Jahren in einem Dramatikerwettstreit mit TRIPTOLEMOS über seinen älteren Kollegen Aischylos und wurde damit zu dessen bedeutendstem Rivalen. Nach Aischylos' Tod erstand Sophokles selber in Euripdes (481- 406 v. Chr.) ebenfalls ein erfolgreicher Nebenbuhler. Sophokles hat nach aktuellen Erkenntnissen 123 Dramen geschrieben, von denen allerdings nur sieben erhalten geblieben sind: Aias, Antigone, Elektra, Oedipus der Tyrann, Oedipus auf Kolonos, Die Trachinierinnen, Philoktet. Weitere 90 Werke sind nur fragmentarisch erhalten.
Friedrich Hölderlin (1770-1843), der große Lyriker, ließ seine Übersetzungen von Oedipus der Tyrann und Antigonae 1804 erscheinen. Ihre sprachliche Kühnheit erregte zunächst mehr Befremden als Anerkennung. Das Mißverständnis wich jedoch später höchster Bewunderung, weil auch die Wertschätzung für den Dichter selbst ständig stieg. Und in der Tat sind Hölderlins Übersetzungen eine einzigartige Quelle für diejenigen, denen die Originalsprache nicht zugänglich ist.
© Manfred Rückert für TAMINO-Opernführer 2011
unter Hinzuziheung folgender Quellen:
Libretto von 1949 erschienen bei B. Schott's Söhne, Mainz
Reclams digitaler Opernführer
Wikipedia über Orff, Hölderlin und Sophokles
