PROKOFIEFF, Sergej: DIE STEINERNE BLUME

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    Serge Prokofieff (1891-1953)


    Die steinerne Blume
    Kamenni swetok - The Stoneflower


    Ballettmusik in 4 Akten und einem Prolog
    (Eine andere Version hat 3 Akte)


    Werkverzeichnis op. 118
    Libretto: Mira Mendelssohn-Prokofjewa und L. Lawrowski
    nach den Erzählungen aus dem Ural “Die Malachitschatulle” von Pawel Bazhow
    Uraufführung am 12. Februar 1954 in Moskau, Bolschoi Theater



    Charaktere:
    Danilo, Steinschnitzer
    Katharina, Seine Verlobte
    Die Herrin des Kupferberges
    Severjan, Besitzer der Kupfermine
    Der Feuergeist


    Das Geschehen spielt im 19. Jahrhundert in Russland in der Region des Ural



    HANDLUNG

    Die Kunstfertigkeit des Steinschnitzens entwickelt der junge Danilo zur Meisterschaft. Er hat eine schöne Malachitvase hergestellt, die er seiner Verlobten Katharina am Vorabend ihrer Hochzeit schenken möchte. Er erstrebt das vollkommene Kunstwerk und ist auf der Suche nach der steinernen Blume, um damit sein Gefäß zu veredeln. Katharina ist ihm gefolgt und beide tanzen einen Pas de deux. Sie sind heftig ineinander verliebt und bringen dies durch ihre Bewegungen zum Ausdruck.


    Der Grubenbesitzer Severjan hat jedoch ebenfalls ein Auge auf Katharina geworfen und umwirbt diese. Er will dem Leibeigenen beides wegnehmen, das Mädchen und die Vase. Danilo behauptet, die Vase sei noch nicht fertig. Das Mädchen erteilt dem aufdringlichen Bewerber eine Abfuhr. Danilo ist ärgerlich, weil ihm seine Schnitzerei nicht gelingen will, zerstört die Vase und flüchtet in den Wald. Er verirrt sich in das Reich der Herrin des Kupferberges, die ihm ihre Schätze zeigt und ihn umwirbt, was er sich gern gefallen lässt.


    Danilo ist verschwunden und Katharina wartet am Hochzeitsmorgen vergeblich auf ihn. Severjan unternimmt erneut Annäherungsversuche und das Mädchen setzt sich mit einer Sichel zur Wehr. Nun entschließt die Verlassene sich, den Bräutigam zu suchen.


    Im Dorf herrscht Jahrmarktstreiben. Eine Gruppe von Zigeunern taucht auf. Severjan wird durch eine Zigeunerin, die es auf ihn abgesehen hat, abgelenkt. Die Herrin des Kupferberges erscheint ebenfalls auf dem Fest und kommt Katharina zur Hilfe. Auf der Verfolgungsjagd lässt sie den zudringlichen Freier im Erdboden versinken.


    Katharina sucht weiterhin nach ihrem Bräutigam. Sie hält Unterstützung durch das Funkenmädchen Ognewuschka-Poskakuschka, welches aus dem Feuer springt, als sie sich wärmen will. Beide machen sich gemeinsam auf die Suche und finden den Vermissten im Kupferberg. Danilo hat sich sehr nach ihr gesehnt, aber jedes Mal wenn er fliehen will, verwandelt ihn die Hausherrin in Stein. Katharina will den Geliebten von ihr zurück erhalten, was diese zunächst verweigert. Entgegenkommend schlägt sie vor, dass Danilo sich zwischen beiden selbst entscheiden soll. Er wählt Katharina und der Rivalin bleibt nichts anderes übrig, als die Entscheidung anzuerkennen. Nun kann Hochzeit gefeiert werden.


    Anmerkungen:


    Der Komponist erlebte die Uraufführung seiner “Steinernen Blume” nicht mehr, weil seine Widersacher die geplante Uraufführung jahrelang verhinderten. Das Ballett hatte zunächst keinen Erfolg, gehört aber heute weltweit zum festen Bestandteil des Ballett-Theaters. Der Handlungsablauf passt sich der jeweiligen Choreographie an.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

  • Ich habe dieses Ballett seit einigen Jahren in einer wunderschönen Choreographie auf der von Engelbert genannten DVD. Erst kürzlich habe ich dieselbe DVD Freunden geschenkt, die ebenfalls sehr begeistert waren.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Prokofjews „Die steinerne Blume“ unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht deutlich von seinen früheren Balletten wie „Romeo und Julia“ (1935) oder „Cinderella“ (1945). Die Unterschiede betreffen vor allem Stil, musikalische Sprache, Dramaturgie und ideologischen Kontext.

    1. Stilistische Entwicklung: von Avantgarde zu Vereinfachung

    Frühere Werke Prokofjews zeigen oft eine moderne, teilweise provokante Tonsprache mit scharfen Dissonanzen, unerwarteten Harmoniewechseln und ironischen Brechungen. Besonders in seinen frühen Bühnenwerken ist ein experimenteller Zug erkennbar.

    → In der „Steinernen Blume“ hingegen:

    • stärkere Tonalität
    • klarere, zugänglichere Strukturen
    • weniger schroffe Dissonanzen

    Diese Entwicklung ist teilweise freiwillig (Reifung des Stils), aber auch durch den politischen Druck im Stalinismus bedingt.

    2. Einfluss der sowjetischen Kulturpolitik

    Ein zentraler Unterschied liegt im äußeren Kontext der Entstehung:

    • Frühere Werke entstanden teilweise noch im Ausland oder in einer relativ freieren künstlerischen Umgebung.
    • Die „Steinerne Blume“ wurde nach 1948 komponiert, also unter den strengen Vorgaben des Sozialistischen Realismus.

    Das führt zu:

    • stärkerer Betonung von Volksnähe und Verständlichkeit
    • positiveren, moralisch eindeutigen Figuren
    • Vermeidung von musikalischem „Formalismus“

    3. Verwendung von Folklore

    Während Prokofjew früher eher eine abstrakte oder stilisierte Klangsprache bevorzugte, tritt hier die Folklore deutlich in den Vordergrund:

    • Anklänge an russische Volksmusik sind viel präsenter
    • Tanzformen wirken oft traditioneller
    • melodische Linien sind einfacher und sanglicher

    Das unterscheidet das Werk deutlich etwa von:

    • der eleganten, höfischen Klangwelt in „Cinderella“
    • der dramatisch-symphonischen Gestaltung in „Romeo und Julia“

    4. Dramaturgie und Ausdruck

    Frühere Ballette Prokofjews zeichnen sich oft durch:

    • starke dramatische Spannungsbögen
    • psychologisch differenzierte Figuren
    • Kontraste zwischen lyrischen und brutalen Szenen

    Die „Steinerne Blume“ ist dagegen:

    • episodischer aufgebaut
    • stärker märchenhaft-symbolisch
    • weniger konfliktreich im psychologischen Sinn

    Der Fokus liegt mehr auf Stimmung und Atmosphäre als auf dramatischer Zuspitzung.

    5. Rhythmik und Energie

    Ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal:

    • Frühere Werke:

      → oft motorisch, scharf akzentuiert, rhythmisch aggressiv

    • „Steinerne Blume“:

      ruhiger, fließender, weniger extreme rhythmische Kontraste

    Die Tanzbarkeit im klassischen Sinne wird stärker berücksichtigt.

    6. Orchestrierung und Klang

    Hier zeigt sich sowohl Kontinuität als auch Veränderung:

    • Prokofjew bleibt ein Meister der Orchesterfarben
    • jedoch wirkt der Klang:
      • weicher
      • weniger bissig
      • stärker auf Klangmalerei ausgerichtet

    Besonders die Szenen mit der Bergkönigin zeigen eher impressionistische Züge als die scharf konturierte Klangsprache früherer Werke.

    Fazit

    Die „Steinerne Blume“ unterscheidet sich von Prokofjews früheren Balletten vor allem durch:

    • größere stilistische Einfachheit und Klarheit
    • stärkere Orientierung an Volksmusik
    • geringere dramatische und rhythmische Schärfe
    • deutlichen Einfluss der sowjetischen Kulturpolitik

    Gleichzeitig bleibt das Werk unverkennbar prokofjewsch in seiner melodischen Erfindungskraft und orchestralen Fantasie. Es wirkt somit wie ein spätes Resümee seines Stils, in dem Individualität und äußere Anpassung nebeneinanderstehen.

    De gustibus non est disputandum :saint: