Beethoven: 3. Sinfonie "Eroica"

  • Okay, okay, ich suche weiter... ;)


    Gefühlsmäßig müsste mir Klemperer eher liegen als Bernstein, den ich zumindest bisher bei Beethoven nicht so auf dem Schirm habe.

    Herzliche Grüße
    Uranus

  • Okay, okay, ich suche weiter... ;)


    Du solltest beim weitersuchen mal einige Minuten in diese Aufnahme investieren: … ;)


    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Klemperer ist sehr langsam und wuchtig. Sicher beeindruckend, aber eher eigen. Bernstein/NY ist auch einer meiner Favoriten. Immer noch zu langsam, aber in der richtigen Richtung und sehr dramatisch. (Die späte Wiener Aufnahme ist nicht so überzeugend.) Der Hammer ist immer noch Scherchen 1958 mit dem nach wie vor schnellsten Kopfsatz. Einige neuere wie Gielen, Järvi oder Norrington u.ä. sind zwar vom Tempo her ähnlich (und im Trauermarsch schneller), aber dabei ein bißchen zu nüchtern für meinen Geschmack. Traditionelle, breite "philharmonische" Einspielungen wie Böhm begeistern mich weit weniger.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • irgendwie empfinde ich diese Sinfonie heutzutage als etwas zurückgedrängt im öffentlichen Interesse hinter der Fünten, Sechsten, Siebten und Neunten.

    Ganz kann das nicht zutreffen. Nach einer BBC Untersuchung gilt sie als die Lieblingssinfonie von Dirigienten:


    https://www.theguardian.com/mu…ny-vote-bbc-mozart-mahler


    The BBC Music Magazine top 10

    1. Beethoven Symphony No 3 (1803)

    2. Beethoven Symphony No 9 (1824)

    3. Mozart Symphony No 41 (1788)

    4. Mahler Symphony No 9 (1909)

    5. Mahler Symphony No 2 (1894 rev 1903)

    6. Brahms Symphony No 4 (1885)

    7. Berlioz Symphonie Fantastique (1830)

    8. Brahms Symphony No 1 (1876)

    9. Tchaikovsky Symphony No 6 (1893)

    10. Mahler Symphony No 3 (1896)

    "When I was deep in poverty, you taught me how to give" Bob Dylan

  • Hallo


    Vor Kurzem habe ich mich in anderem Zusammenhang länger mit der Eroica beschäftigt und einen Text zusammen geschrieben. Sicherlich ist vieles von dem, was ich darin erwähnt habe, irgendwo in diesem Thread oder in Tamino insgesamt schon geschrieben worden. Es handelt sich um eine Kompilation aus verschiedenen Veröffentlichungen. Dennoch habe ich mich entschieden, ihn hier einzustellen:


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    Beethovens Dritte Sinfonie – Die Eroica


    Allgemein


    Die Eroica-Sinfonie, die dritte Sinfonie aus derFeder von Ludwig van Beethoven, ist für mich eines der wichtigsten und folgenreichsten Schlüsselwerke der Musikgeschichte und zugleich eines der Schlüsselwerke unter den Kompositionen des Wahlwieners. Es ist ein Werk voller radikaler Ideen.


    Gleichzeitig ist die Eroica umnebelt von Erzählungen, Vermutungen und Theorien, was zu einer Legendenbildung, möglicherweise zu anekdotischer Übertreibung führt.

    Ein ganzes Jahr arbeitet der Komponist an dem Werk, um die Jahresmitte 1803 ist das Werk abgeschlossen


    Um es wirklich zu erfassen, ist es erforderlich, sich mit der persönlichen Situation Beethovens, seinem gesundheitlichen Befinen und den politischen Entwicklungen in Europa zu der Zeit zu befassen.

    Offenbar wollte Beethoven das Werk zunächst Napoleon Bonaparte widmen, hat diese Idee allerdings verworfen, als er erfuhr, dass dieser sich zum Kaiser krönen ließ. Doch dazu später mehr.

    Die Wiener Erstaufführung fand am 20.Januar 1805 halböffentlich statt. Offiziell und öffentlich erstmals am 7. April 1805 im Theater an der Wien.


    Krankheit


    Zu Beginn des Jahrhunderts ist Beethoven innerlich zutiefst deprimiert. Seine Schwerhörigkeit, die bereits im Alter von 26 Jahren begonnen hatte, besserte sich nicht.

    In einem Brief an seinen Bonner Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler vom 29. Juni 1801 schreibt er:

    „…mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden… meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort. Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu, seit zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil´s mir nichtmöglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub.“Gleichzeitig ist er überaus produktiv: Häufig arbeitet er an 4 Kompositionen gleichzeitig.

    Er hat eine erfolgreiche Ballettmusik geschrieben: Die Geschöpfe des Prometheus op. 43. Eine Komposition, die für die Eroica-Sinfonie sehr große Bedeutung haben wird.

    Während eines fünfmonatigen Aufenthaltes in Heiligenstadt bei Wien erleidet Beethoven einen seelischen Zusammenbruch. Er stürzt in einen Abgrund von Verzweiflung und Trostlosigkeit. Offenbar denkt er daran, sich das Leben zu nehmen. Erst Jahre später schreibt er einer Freundin von seinen Leiden und von dem Kampf zwischen Tod und Leben. Jetzt aber durchlebt er den Leidensprozess völlig allein.


    Am 6. Oktober 1802 greift er zur Feder und verfasst ein drei Seiten langes Schriftstück, das an seine Brüder Kaspar Karl und Nikolaus Johann gerichtet ist. Er verfasst sein Heiligenstädter Testament.

    Beethoven scheint sich mit diesem Heiligenstädter Testament, das – ebenso wie sein Brief an die Unsterbliche Geliebte - erst nach seinem Tode 1827 gefunden wird, die Ängste von der Seele geschrieben und neuen Lebensmut gewonnen zu haben. Das Testament war offenbar ein Wendepunkt in seiner schöpferischen Entwicklung.


    Doch wie war das jetzt mit Napoleon?


    Öffentlich hatte er seine Sympathien für ihn noch nie geäußert. Seine Sympathie, die – wie er gegenüber seinem Biografen Anton Schindler gesagt haben soll, darauf beruhte, dass es „dem außerordentlichen Manne in wenig Jahren schon gelungen war, das Chaos der gräuelvollsten Revolution mit kräftiger Hand wieder in eine staatliche Ordnung zurückzuführen“. Eine Sympathie, die er im Übrigen mit Goethe, Hölderlin oder Wieland teilte.


    Wie ist das geschichtlich einzuordnen?

    1796: Der junge General Napoleon Bonaparte übernimmt das Kommando über die französische Armee und führt seine Truppen von Sieg zu Sieg. Seine Truppen schlagen das österreichische Heer. Kaiser Franz befürchtet das Schlimmste. Er ruft die Bevölkerung zur Verteidigung des Vaterlandes auf. Zum Geburtstag des Kaisers komponiert Haydn eine Hymne auf „Franz den Kaiser“ und auch Beethoven liefert zwei Beiträge:


    -          Abschiedsgesang an Wiens Bürger

    -          Kriegslied der Österreicher


    Im Februar 1798 schickt das Pariser Direktorium den jungen General Jean Baptiste Bernadotte als Botschafter nach Wien. Zum Ärger der Wiener Bevölkerung trägt Bernadotte seine Siegermentalität offen zur Schau. Auch Beethoven verkehrt nun in diesem Zirkel. Bernadotte schätzt ihn und macht ihm anscheinend eines Tages den Vorschlag, Napoleon „den größten Helden des Zeitalters in einem Tonwerk“ zu feiern. (Schindler) Offenbar ist Beethoven sogar entschlossen, Wien zu verlassen und nach Paris zu übersiedeln, in die Stadt Bonapartes, die Metropole der freien Republik Frankreich. Seine neue Sinfonie will er mitnehmen, um sich dort in der Öffentlichkeit zu präsentieren und das Werk als eine Art musikalischer Visitenkarte auszuspielen.


    Am 18. Mai 1804 beschließt der Senat in Paris, den Ersten Konsul von Frankreich, Napoleon Bonaparte, zum Kaiser zu ernennen.


    Von Ferdinand Ries, einem Schüler Beethovens, ist dessen Reaktion überliefert: „Ist der auch nichts anders, wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeiz frönen; er wird sich nun höher, wie alle Andern stellen, ein Tyrann werden!“ Dem Notenblatt sieht man an, wie wütend er die Widmung entfernt haben muss:


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    Damit sind auch die Umzugspläne nach Paris gegenstandslos.


    Sein Kunstideal, seine sittlich-ethische Haltung, mit den Idealen der Freiheit, Brüderlichkeit und Menschliebe prägen sein Werk. Das scheint damit nicht vereinbar, dass gerade der Hoffnungsträger, der diese Werte für ihn verkörperte, nun selbst feudalistischen Machtversuchungen verfiel. Für Beethoven ein politischer Anachronismus.


    Gleichzeitig interessierte sich der Gönner Fürst Lobkowitz für das Werk. Der Kunstliebhaber und Mäzen, der es als seine Aufgabe verstand, junge Komponisten zu fördern, stellte ihm dann auch ein Ensemble zur Verfügung, um das neue Werk zu proben und stellt Geld zur Verfügung. Ihm wird das Werk letztlich auch gewidmet sein.

    Denn in einer Anzeige der Wiener Zeitung vom 19.10.1806 liest man schließlich den folgenden Titel :

    Sinfonie Eroica composta per festeggiare il sovvenire di un grand Uomo e dedicate a Sua Altezza Serenissima il Prinzipe di Lobkowitz da Luigi van Beethoven op. 55

    Eine heroische Sinfonie, komponiert, um das Andenken an einen großen Mann zu feiern und seiner Hoheit, dem Fürsten Lobkowitz, gewidmet von Ludwig van Beethoven op. 55.


    Die Sinfonie


    Beethoven sprengt mit der Eroica die Gewohnheiten der bisherigen Kompositionskunst.


    -          Sie beginnt mit einem extrem langen Satz

    -          Als zweiten Satz baute er – erstmals in Geschichte der Sinfonik- einen Trauermarsch ein

    -          Die Sinfonie endet mit einem gewaltigen Finale als Krönung des ganzen Prozessverlaufs.


    Der 1.Satz Allegro ist einer der längsten, die Beethoven geschrieben hat. Zu Beginn erklingen 2 kurze Tutti-Akkorde; eine unkonventionelle energische Geste. Dann folgt eine einfache Dreiklangmelodie, die gleiche wie in Mozarts Ouvertüre zu „Bastien und Bastienne“

    Für den zweiten Satz komponiert Beethoven wie erwähnt einen Trauermarsch. Erstmals wird ein Trauermarsch Bestandteil eines größeren Werkes der Instrumentalmusik.


    Mit dem zweiten und dem dritten Satz nimmt Beethoven bereits Bezug auf seine Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“.

    Ganz offensichtlich wird dieser Bezug im 4. Satz, dem eigentlichen Eroica-Satz mit dem gleichnamigen Thema.


    Ihren Eigennahmen „Eroica“ – also eine heldische Sinfonie – verdankt das Werk der Verwendung dieses Eroica-Themas.

    Erstmals tauchte das Thema in seinen 12 Contretänzen – genauer gesagt, in der Nr. 7 - auf. Später verarbeitete er es zu den Eroica-Variationen für Klavier o. 35. Im Schlusssatz der bereits erwähnten Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“ hat er den Helden ebenfalls mit diesem Thema gefeiert. Und nun verwendet er es in seiner Dritten Sinfonie für den Schlusssatz.

    Man könnte die Vermutung anstellen, dass er den Mythos Prometheus mit dem Mythos Bonaparte verbindet, zu seiner Leitidee macht und daraus eine Sinfonie formt – Die Eroica – Sinfonie. Entsprechend heroisch, zeitweilig erhaben, ist die Tonsprache dieses überaus wichtigen und großen Werkes der Musikgeschichte.


    Gruß Wolfgang

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Columbia Symphony Orchestra / Bruno Walter (1958)

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    (Remastering 2019 - die deutlich schlechter klingenden älteren bilde ich gar nicht mehr ab)


    In den beinahe 16 Jahren, in denen dieser Thread existiert, wurde der Name Bruno Walter gerade viermal genannt - ohne wirklich auf seine Aufnahmen der Eroica einzugehen. Der Diskographie zufolge, gibt es derer nicht weniger als sieben, wobei die letzte, im Jänner 1958 in der American Legion Hall in Hollywood, nahe seines Alterswohnsitzes, eingespielt, zweifellos die bekannteste darstellt. Es kam das Columbia Symphony Orchestra zum Einsatz, bestehend aus Musikern aus Los Angeles und Hollywood.


    Die Eroica ist nicht eben die von mir am häufigsten gehörte Beethoven-Symphonie, aber in Bruno Walters Lesart überraschend zugänglich. Das mag womöglich gar an seiner recht sparsamen Beachtung der Wiederholungen liegen, wie es mir auch in anderen Symphonien bereits auffiel. Den monumentalen Kopfsatz gestaltet er überaus heroisch-triumphal mit Blechbläsern, die durch Mark und Bein gehen. Gleichwohl wirkt er fast kurzweilig, keineswegs langatmig, wobei gekonnt altmodische Ritardandi eingewoben werden (16 Minuten Spielzeit). Den Trauermarsch (15:30 Minuten) nimmt er als das, was er ist, und versucht gar nicht erst, ihn kleiner zu machen, wie es in Mode gekommen ist. Die ihm innewohnende Dramatik wird nicht in falsch verstandener "Kammermusikalität" zunichte gemacht. Stellenweise richtig bedrohlich und gespenstisch mit unter der Oberfläche grummelnden Pauken, ganz tiefgehend interpretiert. Napoleon ist auf der Vorderseite der Langspielplatte zu sehen. Beinahe ist es wie die musikalische Vorwegnahme seines desaströsen Russlandfeldzuges von 1812 (das Werk entstand fast ein Jahrzehnt früher). Im hier sechsminütigen Scherzo wechselt die Stimmung schlagartig. Wahrlich majestätisch der Finalsatz mit über zwölf Minuten Spielzeit, für heutige Hörer vielleicht übermäßig solenn, in jedem Falle aber würdevoll. Nach einem letzten Ruhepol klingt die Eroica als Verkörperung des seinerzeit noch präsenten Heroismus im splendiden Gestus aus. Insgesamt ein noch voll im späten 19. Jahrhundert verwurzelter Beethoven.


    Klanglich gibt es seit dem neuesten Remastering nicht mehr das Geringste zu beanstanden. Der Klangbild ist sehr räumlich und detailliert mit überaus präsenten Pauken und starkem Bass.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid