Oper - Original oder Übersetzung

  • ....und aus praktisch-pragmatischen Erwägungen heraus würde ich dem noch hinzufügen wollen, dass ich im Zweifel lieber eine eingedeutschte Version einer selten zu hörenden Oper auf der Bühne erlebe, an deren originalsprachliche Version sich aufgrund deren linguistischer "Exotik"/ Schwierigkeit sonst niemand herantrauen würde.


    Das gilt nicht für heutzutage "geläufige" Sprachen wie englisch, französisch und natürlich italienisch - da sollte heute niemand mehr Übersetzungs-Kompromisse eingehen!


    Aber z. B. die dänische Nationaloper "Maskarade" von Carl Nielsen, tschechische Opern-Raritäten von Dvorak oder selten gespielte russische Opern von Rimsky-Korsakoff hätten dann evtl. mal eine Chance, auch hierzulande die ihnen gebührende Beachtung zu finden.


    Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sich "Die verkaufte Braut" überhaupt bei uns durchsetzen konnte und ihren Weg ins Repertoire fand - hätte es die deutsche Übersetzung nicht gegeben, wäre sie hierzulande wahrscheinlich so unbekannt geblieben, wie es z. B. die "Maskarade" immer noch ist!
    Und was für ein grandioses Werk wäre uns Opernfreunden dann vorenthalten worden!

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Zitat

    Aber z. B. die dänische Nationaloper "Maskarade" von Carl Nielsen, tschechische Opern-Raritäten von Dvorak oder selten gespielte russische Opern von Rimsky-Korsakoff hätten dann evtl. mal eine Chance, auch hierzulande die ihnen gebührende Beachtung zu finden.


    Salut,


    das war auch der Grund, warum man im 18. und 19. JH z.B. u.a. Cosí verdeutscht und die Zauberflöte italianisiert hat...


    Vertretbar.


    Trés amicalement
    Ulli

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Zitat

    Original von martello
    ...weil bei Übersetzungen häufig die Musik mit der Sprachmelodie kollidiert. Für Referenz-Empfehlungen halte ich sie gegenüber den Originalen jedenfalls für ausgeschlossen.


    Ich glaube die meisten sind sich einig, dass Konserven in der Originalsprache bleiben sollten. Aber wenn man konkrete Aufführungen im Theater betrachtet, muß man doch auch sehen, dass von ein paar Opernfanatikern (die die Werke ohnehin fast auswendig können) abgesehen, kaum jemand in D oder A so gut italienisch (geschweige denn russisch) kann, dass er den Text, etwa der Rezitative bei Mozart versteht.
    Der Text ist ja wohl nicht wurscht, sonst könnten die Sänger ja gleich vokalisieren und man teilt Zettel mit einer knappen Zusamnenfassung der Handlung aus...(oder gleich konzertant ohne langweilige Rezitative, dafür in prächtigen Kostümen) :D
    Oder hat das Publikum dann eben Pech gehabt und soll halt die Sprachen lernen? Oder soll, wie ich ja immer mal wieder hier gelesen habe, sich nach dem Publikum gerichtet werden, also doch Sprache des Publikums?


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich finde die "Erfindung" der Übertitel, die sich ja entsprechend schnell durchgesetzt hat, in diesem Zusammenhang eine segensreiche Erfindung!
    Es wird nicht JEDES Wort übersetzt (sonst müsste man ja quasi pausenlos nach oben schauen und wäre dauernd abgelenkt), aber eben doch soviel, dass man gut mitkommt und wer den Text eh auswendig kennt, der braucht ja nicht mehr hinzuschauen :D


    Aber aus Sänger-Sicht ist im Zweifel eine deutsche Version leichter erlernbar, als z. B. ein russisches Original...


    Wobei - ich plädiere ganz entschieden auch für die Einführung von Übertiteln bei deutschsprachigen Opern!


    Ich erinnere mich mit Grausen an einen "Rosenkavalier" in Köln, bei dem ich evtl. 20% des Textes verstanden habe und so gerade bei dem hochwertigen hofmannsthalschen Libretto dieses doch nicht unerheblich auf den Dialogen fußenden Werkes um einen guten Teil der Wirkung dieser Oper betrogen wurde... X(

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Durchaus richtig, Johannes - mit einer Einschränkung.


    Wenn man bestimmte alte Übersetzungen von zB Mozartopern hört, und weiß, welche Probleme es mit Zensurbehörden gab und wie "anstößig" die Textvorlagen waren, ist es unvorstellbar, dass diese gestelzt-biedermeierlichen deutschen Texte ohne jegliche Anzüglichkeiten intentionell mit dem Original übereinstimmen.
    - und das finde ich schlimmer, als wenn ich den Text gar nicht verstehe, da auch aus Sprachmelodie und Wortbetonungen einiges ableitbar ist.


    (Leider bin ich ein sprachliches Antitalent; aber ich habe beispielsweise bei Racines "Phedre" bei den Wr. Festwochen (von Patric Chereau) auf die Synchronübersetzung via Kopfhörer verzichtet, da sie mich vom Sprachfluß abgelenkt hätte. Ohne ein Wort französisch zu können, hatte ich - nur mit Kenntnis des Inhalts und intensivem Zuhören - ein phantastisches Theatererlebnis - und das Gefühl, trotzdem alles verstanden zu haben. In der Oper hat das auch immer wieder geklappt.)

  • Zitat

    Original von martello
    Durchaus richtig, Johannes - mit einer Einschränkung.


    Wenn man bestimmte alte Übersetzungen von zB Mozartopern hört, und weiß, welche Probleme es mit Zensurbehörden gab und wie "anstößig" die Textvorlagen waren, ist es unvorstellbar, dass diese gestelzt-biedermeierlichen deutschen Texte ohne jegliche Anzüglichkeiten intentionell mit dem Original übereinstimmen.
    - und das finde ich schlimmer, als wenn ich den Text gar nicht verstehe, da auch aus Sprachmelodie und Wortbetonungen einiges ableitbar ist.


    Daher bin ich ja für Neuübersetzungen bzw. Bearbeitungen der alten, wie im von mir genannten Beispiel der Komischen Oper Berlin, Leporellos Kommentar am Anfang "Sforzar la figlia ed ammazzar il padre!" wurde dort wenn ich recht erinnere "Die Tochter gebügelt und den Vater genadelt", was derb-witzig gegenüber dem eher neutralen Original (vergewaltigen,töten) ist, aber die Rücksichtlosigkeit Giovannis (und auch Leporellos, der ja versucht ihm nachzueifern) gut trifft usw.
    Ich bin auch nicht in jedem Fall für Übersetzungen, denke aber dass das normale Publikum meistens besser mit einer Übersetzung bedient ist und die theatralisch-komödiantischen Aspekte vieler Opern ebenfalls davon profitieren, wenn das Publikum möglichst viel versteht.
    Übertitel sind kein Ersatz, da sie als Pointenkiller bei wirklich lustigen Sprüchen funktionieren und außerdem die Aufmerksamkeit ständig zwischen Titel, Musik, Sprache und Bühnengeschehen zerrissen wird.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Salut,


    interessante Frage im Zusammenhang "Original oder Übersetzung":


    Warum werden nicht Requien, Litaneien, Vespern, Messen übersetzt? Die versteht ja nun wirklich mit wenigen Ausnahmen fast niemand [nicht einmal die SängerInnen].


    ?(:evil:


    Liebe Grüße
    Ulli

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Vermutlich weil's den meisten HörerInnen völlig egal ist - nur so ein Schluss aus der Kirchenbesuchsstatistik. Und für die Vermittlung von Spiritualität gehörten solche Werke auch in Kirchen und nicht in Konzertsäle und müssten obendrein bei freiem Eintritt gespielt werden.


    Mal ganz davon abgesehen, dass es sich hier wesentlich um vorkonziliare katholische Werke handelt, die daher zwingend in Latein sein mussten - alles andere wäre nämlich evangelisch-ketzerisch gewesen.


    @Johannes:
    Bei "Giovanni" und anderen Opern in italienischer Sprache, hab' ich dann aber immer wieder die Brüche zwischen Sprachmelodie und dem Orchester - mal abgesehen davon, dass man auch deutsche Operntexte erst bei mehrfachem Hören weitgehend versteht.


    Ganz nett finde ich in diesem Zusammenhang "Zwitterfassungen" wie sie jüngst einige Male bei Offenbach-Operetten aufgetaucht sind:
    (Neue) Sprachfassung in der Landessprache, Lieder und Arien im französischen Original - ist nur ganz am Anfang gewöhnungsbedürftig, bringt aber viel für das inhaltliche Verständnis bei gleichzeitiger Bewahrung der Musiksprache.

  • überhaupt keine frage : nur das original ... auf eine andere idee käme ich niemals, dda text und musik zusammengehören wie hier bereits mehrfach sehr kompetent zum ausdruck gebracht wurde ... punktum :yes:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • In meiner Jugendzeit gab es fast ausschließlich eingedeutschte Libretti an den Opernhäusern.Das hat sich inzwischen gewandelt, auch durch die Multikultisängerschar allerorten.Nicht immer zum Vorteil,wie ich feststellen muß.Es ist zwar grundsätzlich schlüssiger,eine italienische Oper in Italienisch zu hören,eine französische in Französisch.Doch bei den slawischen Sprachen hab ich schon meine Probleme,weil mein Gehör eben nicht dafür programmiert ist.Eine Pique Dame auf russisch oder Rusalka auf tschechisch hören zu müssen,das nimmt den wunderbaren Melodien ihre Wirkung,zumindest in unserem Sprachraum.In den Entstehungsländern dieser Werke empfinden das die Leute natürlich ganz anders,sie hören ihre Muttersprache.
    Ich meine deshalb,dieses Thema ist nicht mit entweder/oder abzuhandeln.Es kommt immer auf den Geschmack des Einzelnen an.
    Zum Beispiel ist die Arie des Lenski aus Eugen Onegin eine meiner Lieblingsarien,wenn sie von Fritz Wunderlich gesungen wird,auf deutsch.
    Ich habe die Oper schon in Originalsprache mit Wladimir Atlantow als Lenski gehört,doch sie erschloß sich mir nicht.Vielleicht sollte ich bei Anna Netrebko Nachhilfeunterricht nehmen?!

    Freundliche Grüße Siegfried

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  • Hallo Siegfried


    Zitat

    Zum Beispiel ist die Arie des Lenski aus Eugen Onegin eine meiner Lieblingsarien,wenn sie von Fritz Wunderlich gesungen wird,auf deutsch.


    Das Beispiel gilt nicht! ;)


    Egal, was Wunderlich auf deutsch singt, es klingt immer so, als könnte es gar nicht anders sein. Wie er die eingedeutschten Texte auf die Melodie bringt, und zwar mit höchster Sinnhaftigkeit im Ausdruck, ist wohl das genialste an seinem Singen.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Hätte ich das Beispiel nicht gebracht,hätte es von Theophilus nicht so trefflich bestätigt werden können.
    Quod erat demonstrandum. :yes:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Hallo,


    ich finde nicht unbedingt, daß eine Oper/ein Oratorium in deutscher Übersetzung schlechter sein muß. Ich habe z.B. Händels "Semele" (Koch 1974), "Israel in Ägypten" (Hauschild 1981) und "Der Messias" (Richter 1965) und Verdis "Macbeth" (Böhm 1943) auf Deutsch und bin damit rundum zufrieden. Gerade beim Messias finde ich Deutsch fast besser, vor allem im Halleluja-Chor - es klingt irgendwie dramatischer. Genau dieselbe Erfahrung machte ich neulich mit der dt. Aufnahme von Mozarts "Don Giovanni" (Elmendorff 1943) - ich habe selten ein so mitreissendes Finale dieser Oper erlebt! Überhaupt ist es irgendwie eher ein Vorurteil, daß eine dt. Übersetzung immer schlechter sein muß als das Original - es gibt aber sicherlich Ausnahmen.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Ich muß lachen über diese Diskussion.


    Eine Freundin von mir singt in einem Operettenchor. Zweimal jährlich wird eine Operette für Familie, Freunde, usw gebracht.
    Strauß, Lehar, Zeller, Millöcker, alle hab ich sie gesehen. Aber auch mehrmals Offenbach. Und Sullivan. Aber immer in Übersetzung.


    Ich muß gestehen, daß ich sonst bei Offenbach vielleicht nicht alles verstanden hatte.
    Aber das Publikum hätte fast nichts verstanden. Und jetzt war es immer Lachen. Dies verstand und liebte die Menge "Ungebildeter".


    Also: ich würde vorschlagen um diese schöne Musik wieder bei den Menschen zu bringen und mehr zu übersetzen.


    PS: als ich 11 Jahre alt war, konnte ich im Concertgebäude (Amsterdam) die Matthäus Passion mit einem Holländischen Bibel folgen (die Sprachen ähneln sich mehr oder weniger). Sonst hätte diese Musik mir nie so viel getan.

  • Zitat

    Original von MarcCologne
    ....und aus praktisch-pragmatischen Erwägungen heraus würde ich dem noch hinzufügen wollen, dass ich im Zweifel lieber eine eingedeutschte Version einer selten zu hörenden Oper auf der Bühne erlebe, an deren originalsprachliche Version sich aufgrund deren linguistischer "Exotik"/ Schwierigkeit sonst niemand herantrauen würde.


    Salut,


    den Fall haben wir jetzt demnächst:


    Kraus 'Proserpin' wird in Schwetzingen auf Deutsch gesungen!


    Ich toleriere das, weil die Oper selten bis nie gespielt wird. Aber, Gottes Gnade über die Veranstalter, wenn im Programmheft noch von dem "Badischen" oder "Odenwälder Mozart" geschrieben wird!


    meinem Vaterland bin ich keinen Dank schuldig. Patriotismus ist Thorheit, und lange hat der lezte funke verglüt... und weg war er.


    Ich halte es beinahe schon für eine Frechheit, den Operntext ins Deutsche zu übersetzen.


    :motz:

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Salut,


    Lorenzo da Ponte schreibt:


    [...] Die Oper war jedoch französisch geschrieben; wie sollte man sie übersetzen, und wer sollte dies übernehmen? [...] Man täusche sich nicht, die Übersetzung eines Theaterstückes aus einer Sprache in die andere ist durchaus keine leichte Sache. Die Kunst, Verse zu machen, ist dabei das mindeste Talent; aber Worte und Musik einander anzupassen, und zwar dergestalt, daß die Töne der Poesie mit den Noten des Musikers harmonieren, das ist eine Klippe; eine solche Befähigung ist nicht jedem gegeben. Wer diese aufgabe übernimmt, muß nicht allein eine musikalische Organisation besitzen, sondern noch dabei eine gründliche Kenntnis der Sprache, die er übersetzt [...]


    Vielleicht ein neuer Diskussionsansatz: Welche Übersetzungen sind "tragbar", schlecht, oder gar phänomenal?


    Cordialement
    Ulli

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Ulli, Ulli,


    Du solltest was mehr Interesse haben für die Welt der Musicalls. Die werden sehr oft in eine sehr gute Übersetzung gebracht.
    Jedenfalls ist das so bei uns (20 Millionen Menschen benützen die Niederländische Sprache).
    Es gab bei uns einen Dichter, der sogar ins Französisch übersetzte für einen Chansonier, der von ein Lied begeistert war. Und ein noch lebende Dichter/Kabarettist hat vorzüglich aus Englisch und Deutsch übersetzt. Er sagte einmal im Fernsehen, daß das Metrum behalten wichtiger war, als genau dolmetschen.


    Und ich will und kann nicht glauben, daß die Deutschsprächigen Raum mit mehr als 80 Millionen Menschen keine gute Übersetzungen bieten kann.
    Freilich, es sind immer nur ganz wenige Leute, aber immerhin... es gibt sie.


    LG, Paul

  • Salut,


    für Musical wird mich derzeit sicher niemand begeistern - komme, was wolle. Aber es geht um genau das, was Du beschreibst: WER kann es?


    Bei dem da-Ponte-Zitat ging es ja darum, das französische Original ins Englische zu übertragen.


    Ich halte es schon für wichtig, Sinn, Dichtung und musikalische Metrik in der Übersetzung zu vereinen, so gut es eben geht...


    Eine Ausnahme ist hier sicher Mozarts Finta [Giardiniera] - er hat die Musik selbst angepasst, gleiches ist bei Glucks diversen Versionen seiner Opern zu beobachten. Das aber ist alles vorgegeben - quasi authentisch. Aber eine Cosi auf Deutsch?


    Cordialement
    Ulli

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Salut,


    da Ponte schrieb auch [ich find's jetzt ad hoc nicht], dass der Don Giovanni für Prag trotz des großen Erfolges in Originalsprache ins Deutsche übersetzt wurde, um für das "gemeine Volk" noch ein wenig zugänglicher zu sein.


    Für damalige Zeiten mag das unter dem allgemeinen Bildungsaspekt zutreffend sein, für heutige Zeiten halte ich das für weit überholt. Man erhält heute bei jeder Opernvorstellung ein Programmheft mit Synopsis -
    und wirklich Interessierte bemühen sich vorher um eine adäquate Inhaltsangabe [z.B. im Tamino-Opernführer :D ].Ich finde die da-Ponte-Opern in Deutscher Sprache einfach nur grausam.


    :hello:


    Ulli

    Ist das HIP oder kann das weg?

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  • Lieber Ulli,


    Du hast offenbar Italienisch studiert, oder die Mühe genommen es zu verstehen. Für mich ist es bereits 46 Jahre her, daß ich Fremdsprachen lernen mußte. Und ich brauchte sie kaum zu benützen.


    Da hast Du dann also Pech. Ich begann eigentlich erst mit den Da Ponte-Opern in Deutsche Übersetzung. Le Nozze Deutsch habe ich inzwischen auch auf CD und Don Giovanni noch auf LP.
    Erst rund 1975 kamen die Italienische Opern.


    Und nochmals, übersetzen braucht nicht schlecht zu sein.
    Ich erinnere mich die ersten zwei Sätze des Erlkönigs in der Übersetzung von Sir Walter Scott:


    Who rides by night through the woodlands so wild (Wer reitet so spät durch Nacht und Wind)
    It is the fond father embracing his child (Es ist der Vater mit seinem Kind)


    LG, Paul

  • Morgen,


    ...und schon ist der Rhythmus verändert... - das ist ein Eingriff in die musikalische Masse, den ich ablehne.


    Und noch schlimmer:


    "Laci darem la mano" --> "Reich' mir die Hand, mein Leben"


    Mano heißt "Hand", nicht "Leben". Der italienische Text beginnt mit "Reich" und endet mit "Hand": Das ist eine Versinnbildlichung des ausgestreckten Armes [mit Anfang und Ende], das geht im Deutschen völlig verloren. Im Italienischen wird der Vorgang bzw. die Absicht und der Wunsch herausgestellt, wohingegen im Deutschen Text die Geliebte ["mein Leben"] expositioniert ist - sinnwidrig.


    Was hältst Du von einer Zauberflöte in italienischer Sprache?



    :hello:

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Zitat

    Original von Ulli


    Und noch schlimmer:


    "Laci darem la mano" --> "Reich' mir die Hand, mein Leben"


    Ich sehe schon, Ulli, Dir wird es ein Übersetzer nie recht machen können. :D


    Ich finde da gibt es eindeutig Schlimmeres. In der Champagnerarie z.B. in der im Originaltext nur von vino(Wein) die Rede ist, der aber in der Einleitungszeile "Auf denn zum Feste!" ganz unter den Tisch fällt. Mir ist aber ehrlich gesagt eine freie Übersetzung, die gut zur Musik passt und Inhalt und Intention halbwegs trifft, eindeutig lieber als eine holprige "Wort-für-Wort"-Übersetzung.

    Aber okay: "Bis sich vom Weine erhitzen die Köpfe..." ginge wohl auch irgendwie.
    "Fin ch'an dal vino calda la testa..."


    Bekannt auch die "Spiegel"-Arie aus "Hoffmanns Erzählungen", in der es im Original "scintille diamant" heißt.


    Selbst auf die Gefahr hin, bei einigen hier anzuecken: ich selbst ziehe zwar auch eindeutig die Originalsprache vor, besonders bei italienischen Opern, aber so sonderlich eng sehe ich das nicht. Eine klangschöne übersetzte Aufnahme ziehe ich allemal einer in meinen Augen misslungenen in Originalsprache vor. Das meiste davon versteht man doch selbst in der eigenen Sprache kaum, wenn man den Text nicht sowieso kennt oder im Libretto mitliest. ;)


    Und es gibt Sänger(innen), die dürften meinetwegen das Telefonbuch rauf und runter rezitieren, Hauptsache ich kann dem Klang ihrer Stimme lauschen. ;)


    Meine erste Aufnahme des Don Giovanni war ein Querschnitt unter Hans Zanotelli mit Herrmann Prey, Karl Christian Kohn, Elisabeth Grümmer und anderen in deutscher Sprache. Ihren Zweck hat sie voll erfüllt, ich bekam Lust auf mehr. Und gerade Herrmann Prey hat auch in deutschen Aufnahmen meiner Meinung nach mehr "italianità" in seiner Stimme als viele andere in Originalsprache.


    Du hast sicherlich recht: Am besten und optimalsten klingt eine Oper so wie sie vom Komponisten ursprünglich gedacht war, Übersetzungen sind immer ein Kompromiss, gerade bei Versen. Aber seien wir doch bitte nicht papstlicher als der Papst, denn das würde im Endeffekt bedeuten, dass sämtliche Lyrik und künstlerisch wertvolle Prosa nicht mehr übersetzt werden dürfte. Ich halte das für übertrieben.


    Übersetzungen können gerade Einsteigern Lust auf mehr machen und die Beschäftigung mit dem Original kommt dann früh genug.

    Zitat


    Was hältst Du von einer Zauberflöte in italienischer Sprache?


    Ich habe ein Recital mit Ezio Pinza, in dem er einige Arien auf Italienisch singt, neben dem Monolog des Boris, auch die Arie des Osmin "oh, wie will ich triumphieren!" und die Arie des Sarastro "in diesen heiligen Hallen". Erstere wird zu "Ah, que voglio trionfare!", letztere zu "Qui sdegno non s'accende e soggiornar non sa(Pinza singt "so"). Die "Rache" wird hier also zur "Verachtung".


    Klingt gar nicht mal so schlecht, strömt ganz nett dahin. Für mich vor allem eine Frage der Gewöhnung, weniger des Prinzips. Den Inhalt kenne ich mittlerweile so gut, dass ich auf den Text zum Verständnis nicht mehr angewiesen bin.


    Hier möchte ich aber noch auf einen Punkt hinweisen, der bisher meiner Erinnerung nach nicht angesprochen wurde: Übersetzungen wurden nicht nur dem Publikum zuliebe angefertigt, auch berühmte Sänger bestanden oft darauf, wie eben Pinza, der unter anderem den Boris an der Met auf italienisch sang, heute vermutlich undenkbar.


    Umgekehrt fällt mir die köstliche Szene aus einem Film der Reihe Don Camillo und Peppone ein, in der sie mit einer Delegation nach Russland fahren und ihnen dort zu Ehren die Traviata aufgeführt wird - auf Russisch natürlich. Und dann noch dazu in einer stark gekürzten Version, so dass sie auch noch maßlose Begeisterung vortäuschen müssen, um Zugaben zu erzwingen, da Don Camillo in der Zwischenzeit ein Ding dreht und die Zeit braucht. :)


    Stark beindruckt hat mich auch eine Aufnahme von Schaljapin mit Schuberts "Der Tod und das Mädchen" auf Russisch. Ich bin sicher, dass Schubert da keine Einwände erhoben hätte, höchstens der Textdichter. ;).


    Überhaupt scheinen die Sitten in dieser Hinsicht früher etwas lockerer gewesen zu sein. Leo Slezak berichtet aus der Zeit seines Engagements an einer Provinzbühne, dass sich damals die Mitglieder des Chores aus drei verschiedenen Nationalitäten zusammensetzten, die jeweils einen eigenen Chormeister hatten und auch jeweils in der eigenen Sprache sangen. Laut Slezak dann auch gelegentlich noch im jeweiligen eigenen Tempo. So ein Brautchor oder Gefangenenchor auf deutsch/italienisch/tschechisch mag sich da durchaus interessant angehört haben. :D


    Also bitte nicht zu ernst sehen, ich denke, wer sich wirklich für ein Werk interessiert, landet früher oder später bei der Originalsprache, aber Übersetzungen als Einstiegshilfe oder Alternative müssen deswegen nicht zwangsläufig eine unerträgliche Einbuße an Qualität darstellen.


    Kurt

  • Salut,


    alles recht und schön und gut - ABER:


    Wie bitte willst Du einen italienischen 'Falstaff' von Salieri, indem noch die englische und deutsche Sprache vorkommt, ins Deutsche übertragen? Das Englische könnte man stehen lassen - und das Deutsche? ...etwa ins Italienische übersetzen? Wo sie dann singt: "Ich verstehe die Italienische Sprache nicht...?"


    ?(:D?(


    Grüßle
    Ulli

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Zugestanden, es gibt Fälle, da greift einfach eine Übersetzung nicht so recht, da müssen dann eben andere Mittel her. Eine Möglichkeit wären zum Beispiel Einführungsabende, in denen das Werk erklärt und didaktisch aufbereitet wird, mit Erklärung der Handlung, der Vorgeschichte und allem Pipapo...


    Hat nicht der legendäre Marcel Prawy an der Wiener Staatsoper gelegentlich solche Abende abgehalten? Ich habe jedenfalls seine Opernführer wie auch seine Kommentare während der Vorstellungen im Fernsehen immer mit Interesse verfolgt und bin sicher, dass er auf diese Weise viele näher an das Sujet herangebracht hat.


    Eine Übersetzung allein halte ich in solchen Fällen alleine schon aus dem erwähnten Grund für nicht ausreichend zum vollen Verständnis, weil sowieso nur ein Teil davon verstanden wird, gerade in Ensembles. Und wenn sie rein akustisch verstanden wird, ist die nächste Hürde die oft antiquierte Sprache.


    Ich bin sowieso der Ansicht, dass nur wenige Opern so ganz ohne Vorbereitung auf Anhieb verständlich sind, egal in welcher Sprache sie gesungen werden, meist ist doch mehr oder weniger Hintergrundwissen erforderlich, um in den vollen Genuß zu kommen. Und genau darin liegt ja wohl auch der Grund für die Beliebtheit von Opernführern, wie sie Marcel Prawy meisterhaft in Szene gesetzt hat.


    Kurt

  • Natürlich kann man Mozart und Kraus nicht mehr fragen, was sie von Übersetzungen der Libretti halten. Aber ich habe mit einigen unserer Zeitgenossen über das Thema gesprochen bzw. gebe ich wieder, was ich über ihre diesbezüglichen Gedanken in Erfahrung bringen konnte. Die fünf prominentesten:
    Leonard Bernstein: Wollte unter keinen Umständen eine Übersetzung von "Quiet Place" dulden, willigte aber in Übersetzungen der "Mass" und der Musicals ein.
    Benjamin Britten: Fühlte sich geschmeichelt, seine Opern in möglichst viele Sprachen übersetzt zu wissen, wollte die Owen-Texte des "War Requiem" eigentlich immer in Landessprache gesungen haben.
    Gottfried von Einem: Plädierte für Landessprache ("Ist doch Unsinn, wenn weder der Sänger noch das Publikum wissen, was gesungen wird. Da nehme ich lieber eine Ungenauigkeit im Wort-Ton-Verhältnis in Kauf.")
    Gian-Carlo Menotti: Plädiert für Landessprache. Wenn es eine Sprache ist, durch die mehrsprachige Stellen, etwa im "Konsul", verloren gehen, so sollen diese in eine dritte Sprache übersetzt werden.
    Carl Orff: Wollte, dass "Mond" und "Kluge" in Landessprache gesungen werden, betrachtete aber in der Bernauerin und den Hölderlin-Übersetzungen die Originalsprache Sprache als bindend, da sie als Klangwert aufgefasst war.

    ...

  • Zitat

    Mir ist aber ehrlich gesagt eine freie Übersetzung, die gut zur Musik passt und Inhalt und Intention halbwegs trifft, eindeutig lieber als eine holprige "Wort-für-Wort"-Übersetzung.



    das möchte ich unterstreichen: eine Übertragung des Textes, die sich streng nach der Melodie richtet und auch nach Möglichkeit die Originalvokale berücksichtigt ist mir viel wichtiger als eine wörtliche Übersetzung.


    mir ist nicht egal, wenn Phrasen - vor allem aus dem Italienischen - statt auf offenen Vokalen auf deutsche geschlossene gesungen werden


    die großen Probleme mit den slawischen Sprachen haben mit dem völlig anderen Sprachrhythmus zu tun. Es macht natürlich Sinn, russische Sänger für eine russische Oper zu engagieren...etc.

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Zitat


    die großen Probleme mit den slawischen Sprachen haben mit dem völlig anderen Sprachrhythmus zu tun. Es macht natürlich Sinn, russische Sänger für eine russische Oper zu engagieren...etc.


    Hallo,


    beim Stöbern nach einer bestimmten Aufnahme des Barbiers bin ich auf eine echte Kuriosität gestoßen: Ein Barbier von Sevilla interpretiert von russischen Sängern in ihrer Muttersprache. Es sind auch zwei kurze Sangesausschnitte aus dem zweiten Akt enthalten, die diesen anderen Sprachrhythmus sowie die Dominanz der Konsonanten im Russischen sehr anschaulich belegen.





    Wirklich hörenswert, ich bin gerade am Überlegen, ob ich mir diese recht günstige Aufnahme nicht schon alleine wegen des Exotenfaktors zulegen sollte. :D


    http://www.amazon.de/exec/obid…_2_54/303-5212913-0079443


    (ich hoffe, dass ich mit dem Posten des Links hier keinen Fauxpas begehe)


    Von Mark Reizen habe ich übrigens schon die Arie des Procida aus der Sizilanischen Vesper von Verdi, ebenfalls auf Russisch. Er singt nicht ganz so kultiviert wie sein Sangeskollege Alexander Kipnis, aber sehr wuchtig und sonor, typisch russischer Bass eben.


    Kurt

  • In der Sowjetunion wurde nahezu ausschließlich Landessprache gesungen, was zu ein paar Kuriositäten führt - die aber musikalisch höchst interessant sind. Bei Walhalla gibt es einen russischen "Lohengrin" (mit Koslowskij), einen russischen "Fidelio" (mit der Wischnewskaja) und eine russische "Aida", auf einem russischen no-name-Label habe ich eine sensationelle "Tosca", dirigiert von Swetlanow.
    Auf Chandos gibt es zu einem kriminellen Preis einen in englisch gesungenen "Ring" unter Goodall, den ich empfehlen kann, und ein paar andere Aufnahmen in englischer Sprache, die aus sprachlichen Gründen kurios sind, aber über ein gutes Repertoire-Niveau nicht hinausreichen.

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Natürlich kann man Mozart und Kraus nicht mehr fragen, was sie von Übersetzungen der Libretti halten.


    Salut,


    das kann man sicher nicht - aber aus der damaligen Praxis Mozarts ist zu erkennen, dass er z.B. bei der Finta Giardiniera selbst die Musik angepasst hat. Bei Kraus hingegen empfinde ich es als bodenlose Frechheit und Respektlosigkeit... aber das versteht sowieo niemand...


    Bei dem russischen 'Barbiere di Siviglia' ist der Titel falsch :P


    :hello:


    Ulli

    Ist das HIP oder kann das weg?

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