ORFF, Carl: ASTUTULI

  • Carl Orff (1895-1982):

    ASTUTULI
    Eine bairische Komödie - Libretto vom Komponisten


    Uraufführung am 20. Oktober 1953 in den Münchner Kammerspielen


    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Zween Landsterzer (Landstreicher)
    Zween Burger
    Jörg Zaglstecher, Burgermeister
    Fundula, seine Tochter
    Hortula und Vellicula, ihre Gespielinnen
    Drei Sponsierer
    Die Drei vom hochweisen Rat
    Wunibald Hirnstößl, Wachter
    Der fremde Gagler (Gaukler)
    Die Fahrende
    Burger einer kleinen Stadt
    Manner und Weiberleut
    Alte und Junge


    Die Stori begibt sich vor undenklicher Zeit.


    INHALTSANGABE DES EINZIGEN AKTES


    Der Gagler und die Fahrende kommen in eine kleine bayerische Stadt. Zwei Landsterzer beobachten sie und sind sich im Gespräch sich, daß hier in Kürze etwas unterhaltsames geschehen werde. Vielleicht gibt es für sie beide auch etwas abzustauben...?


    Der Gagler hat den Bürgern die Aufführung einer Komödie angekündigt und damit unter der Bevölkerung Freude über eine Abwechslung im Alltag ausgelöst. Aber es gibt auch hier, wie überall, die Nachdenklichen, die meinen, ihre Mitbürger vor „nicht rechten Dingen“ warnen zu müssen. Selbstverständlich schlägt die Mehrheit jegliche Warnung in den Wind, zumal der Burgermeister mit seiner Tochter Fundula und deren Freundinnen Hortula und Vellicula, ebenso auf die Komödie gespannt sind.


    Es ist inzwischen dunkel geworden und der Ort der Aufführung nur spärlich beleuchtet. Außer den Bürgern sind auch die Sponsierer, die hochweisen Räte und der Wachter zum Komödienspiel erschienen; die Honoratioren und das Volk warten gespannt auf das, was da geboten werden soll. Da tritt der Gagler auf, begrüßt seine Gäste und verkündet ihnen, daß nur die intelligenten Hörer, die er „Astutuli“ nennt, der Aufführung werden folgen können. Während der kurzen Ansprache sammelt die Fahrende das Geld von den Zuschauern ein.


    In ein langes Zaubergewand gehüllt tritt der Gagler vor den Vorhang, gefolgt von der Fahrenden, die eine große Laterne trägt. Als erste Handlung beschwört der Gagler den „Onuphri“ herauf. Das Raunen und Staunen ist groß, weiß doch keiner, will es aber auch keiner zugeben, was oder wer der Onuphri ist. (Wir, die Zuschauer, lernen aber aus Lexika, daß es ein Riese war.) Derweil blendet die Fahrende mit der Laterne einen Lichtschein auf den Vorhang des „Theaters“. Obwohl außer diesen Lichtfetzen partout nichts zu sehen ist, sind die Zuschauer überzeugt, daß Onuphri vor ihnen steht - sie wollen ja schließlich nicht für dumm gehalten werden.


    Auf Onuphri läßt der Gagler den winzigen „Goggolori“ (das Erdmandl) folgen. Natürlich weiß wieder einmal keiner, wer oder was dieser Goggolori ist. Und ebensowenig sieht man den Goggolori auch nicht. Aber die „Astutuli“ verfolgen voller Freude Goggoloris imaginäre Streiche. Man will einfach glauben, daß der Geist unter ihnen sein Unwesen treibt.


    Der Gagler treibt die Farce nun zum eigentlichen Höhepunkt: Er verspricht, allen das Schlaraffenland, das Land „Cucanien“, zugänglich zu machen. Das Publikum ist hellauf begeistert. Die Aussicht, nichts mehr tun zu müssen und alles geschenkt zu bekommen, wenn man sich nur das „cucanische Gewand“ überwerfe, läßt die „Astutuli“ vor lauter Freude außer sich geraten. Allerdings, so erklärt der Gagler, könne das Gewand nur der sofort haben, der sein eigenes auf der Stelle ablege. Ein aufkommender Zweifel weiß der Herr Burgermeister sofort zu zerstreuen: er geht mit gutem Beispiel voran, entledigt sich mit Hilfe der beiden Landsterzer seiner Kleider und die anderen tun es ihm nach - die Devise ist bekannt: „Springt ein Hammel über den Bach, springen alle Schafe nach!“ Die Fahrende sammelt die Kleider ein und läßt sie geschickt verschwinden. Das Licht erlischt und alles sitzt in der Dunkelheit, gespannt auf die neuen cucanischen Gewänder wartend.


    Da stürzen die Sterzer herein und berichten, daß der Gagler und seine Komplizin alle Kleider, alles Geld und jeglichen Schmuck mit sich genommen haben. Jetzt merken die „Astutuli“, daß sie hereingelegt worden sind: Aber alles Schreien und Schimpfen nützt nichts und es zeigt sich, daß sie auch nicht klüger geworden sind.


    Der Gagler kommt nämlich zurück und verspricht nun, aus den beinernen Hosenknöpfen Gold zu machen. Und wieder lassen sich alle überzeugen, geben Hosenknöpfe, einige auch Geld. Die Fahrende, den gestohlenen Rock des Burgermeisters tragend, kommt auf die Szene, stellt sich als „Goldmacher“ vor und wird vom Burgermeister und den anderen Honorationen förmlich begrüßt.


    Bevor es nun zum „Goldmachen“ kommt, verschwinden der Gagler und die Fahrende mit einem freundlichen „Ad vos Astutuli“ auf Nimmerwiedersehen. Die beiden Landsterzer kommentieren die Szenerie mit den Worten „Allwo gehobelt wird, da fallen Späne“. Dann ziehen sie lachend mit dem gestohlenen Gut, darunter auch Silbergeschmeide und die Amtskette des Burgermeisters, und dem Ruf „Applaudite! Applaudite!“ davon. Das Volk ist immer noch überzeugt, durch Nichtstun zu Geld zu kommen, es jubelt und tanzt, dabei aber völlig vergessend, daß man nur mit Hemden bekleidet ist:

    Wann i di heunt no hab, / frag i nach morgen nix,
    brauch kan cucanisch Gwand / und a kein anders net.
    Lieg i ganz ohne Gwand, / bei dir im Bett.


    INFORMATIONEN ZUM WERK


    In der 1980 im Tutzinger Verlag Hans Schneider erschienenen mehrbändigen Dokumentation über Orffs Werke ist die hier vorgestellte Komödie unter dem Titel „Bairisches Welttheater“ eingereiht. Dieser Gesamttitel umfaßt die Einzelwerke DIE BERNAUERIN, das Dyptichon LUDUS DE NATO INFANTE MIRIFICUS, ein Weihnachtsspiel, und das Osterspiel COMOEDIA DE CHRISTI RESURRECTIONE sowie ASTUTULI.


    Schon in der Antike wurde dem heroischen Menschenbild der großen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides (um nur die berühmtesten zu nennen) auch in der Komödie eine illusionslose Sicht auf die Fehler und Schwächen der Menschen gegenübergestellt. Und den Komödienschreibern, von Aristophanes über Plautus, Terenz, Hans Sachs, de Vega, Calderon, Shakespeare, Molière, Nestroy und Shaw, ist auch jedes Mittel recht, die Schwächen und die Unvollkommenheit des Menschen aufs Korn zu nehmen: Verzerrung, Überzeichnung, Anspielung und Entfesselung.


    Carl Orffs ASTUTULI ist also eine Satire, eine Aufspießung menschlich-allzumenschlicher Schwächen, die genau diese Schwächen erbarmungsvoll und mit Gelächter aufdeckt. Aber: ASTUTULI ist keine Oper, sondern, trotz des durchgängigen Einsatzes eines Orchesters (eine Bezeichnung des Instrumentariums, über die man durchaus diskutieren kann), ein Stück für Sprecher, die ihren Text jedoch in einem durch die Komposition vorgegebenen Rhythmus vorzutragen haben.


    Wer sich mit dieser Komödie beschäftigt, muß sich zuerst einmal über den lateinischen Titel Gedanken machen. Das Lateinlexikon übersetzt astutulus mit „ziemlich schlau, ziemlich listig“. Es geht also um um die Schlaumeier, die glauben, besonders gewitzt zu sein.


    Was Orff an dem Stoff gereizt haben mag, eine „bairisch Kumedi“ von den geprellten Schlaumeiern, war die Allgewalt des Mimisch-Theatralischen. Dabei gehört die Fabel zu den ältesten Stoffen des komischen Welttheaters, die bereits in der römischen Komödie, in mittelalterlichen Schwänken, und auch bei Hans Sachs und (im Jahre 1615) bei Miguel Cervantes' „Wundertheater“ auftaucht. Wer sich dann noch an Andersens Märchen von „Des Kaisers neue Kleider“ erinnert fühlt, liegt in jedem Fall richtig.


    Orff hat dementsprechend auch den Einsatz der künstlerischen Mittel gewählt. Das dramatische Handeln in ASTUTULI ist, wie schon betont, durch die Sprache festgelegt, die zudem ganz vom Szenischen, vom Gestischen und vom Mimischen geprägt ist. Da es keinen Gesang gibt, fehlt auch jegliche Melodie - das Spiel wird musikalisch über weite Strecken von jenem aus Spiel und Gestus abgeleiteten rhythmischen Sprechen bestimmt, das Orff zum ersten Mal in der Hexenszene der „Bernauerin“ angewandt hatte.


    Als Bayer mußte Orff die drastische Anlage des Stoffes zu einer ebensolchen Gestaltung anregen. Das wird schon in der Namensgebeung deutlich: Zaglstecher heißt, zum Beispiel, der „Burgermeister“ und Hirnstößl der „Wachter“ - der anstößige Doppelsinn ist nur unschwer zu erraten; dagegen bleiben die Mädchennamen sozusagen sittsam: Fundula (das Engpäßchen), Hortula (das Gärtchen) und Vellicula (das Goldlöckchen). Daß die bis auf ihre Hemdchen ausgezogenen Männer- und Weiberleut dem Publikum auch hautnah auf die Pelle rücken, und dabei einer „Publikumsbeschimpfung“ freien Lauf lassen, setzt in diesem Fall dem ganzen Geschehen die Krone auf: der theatralische Übermut macht diese ASTUTULI zum Herzstück von Orffs „bairischem Welttheater“.


    Orffs „Orchester“ besteht aus drei Pauken, einem Xylophon, ein Paar Handtrommeln (Bongos), zwei kleine Trommeln, drei Rührtrommeln, ein Tamburin, eine große Trommel, eine weitere mit Becken, ein Paar Becken, ein Paar Cymbeln, drei Holzblocktrommeln, ein Steinspiel, vier bis fünf Gläser, die mit Fingern am Rande gerieben werden (bei Mozart heißen sie „Glasharmonika“); außerdem Rasseln, Kastagnetten, Ratsche, Windmaschine und einer Tuba. Auf der Bühne befindet sich ein aufgehängtes Becken für acht bis neun Spieler.


    © Manfred Rückert für TAMINO-Opernführer 2011
    unter Hinzuziehung folgender Quellen:
    Carl Orff und sein Werk, eine Dokumentation, Hans Schneider Verlag, Tutzing, 1980
    Libretto ASTUTULI von 1953, B. Schott & Co. Ltd., London
    Opera Guide
    Wikipedia über Orff
    Carl-Orff-Website

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  • Von Orffs "bairischer Kumedie" ist bei den TAMINO-Werbepartnern eine DVD erhältlich:



    Eine Produktion aus dem Florian-Stadl des Klosters Andechs unter der Regie von Hellmuth Matiasek.


    Einige der Mitwirkenden sind Michael Schanze als Der fremde Gagler;
    Christoph Gehr, Michael Schlenger als die Zween Landsterzer;
    Winfried Hübner als Burgermeister Zaglstecher;
    Merit Ostermann als seine Tochter Fundula;
    Simone Fulir ist Hortula, Friederike Sipp Vellicula, die beiden Freundinnen der Fundula;
    Till Kiewitz, Thomas Trentinaglia, Philipp Wimmer: Drei Sponsierer
    Wolfgang Bauschmid, Norbert Heckner, Peter Seitz: Die drei vom hochweisen Rat;
    Heinz Schmidtpeter als Wunibald Hirnstößl, der Wachter.


    Ensemble der Welttheaterchöre Andechs, Gernot Schwickert und Mark Mast: Chormeister;
    Junge Münchner Philharmonie; Leitung Mark Mast

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