Idealbesetzung für "Die Meistersinger von Nürnberg"

  • George London als Sachs wäre eine vollendete Fehlbesetzung gewesen, das wußte er selber und das wußte man in Bayreuth.


    Geoge London war ein Sänger für überdimensionale Gestalten. Holländer, Wotan, Amfortas, Don Giovanni, Escamillo, Boris, Amonasro, Scarpia, das waren seine Partien.


    Der Schumacher und Poet wurde nach meiner Meinung ideal von Paul Schöffler interpretiert. Auf Tonträger hat London zwei Monologe des Sachs aufgenommen, oder die Arien des Figaro, oder auch einen Monolog aus Rigoletto. Alle diese Partien hat er nie insgesamt gesungen.


    :hello: Herbert aus Troisdorf

    Tutto nel mondo è burla.

  • Lieber Herbert,


    über eine Fehlbesetzung dieses höchsten Niveaus wäre man heutzutage wohl trotzdem froh. :D


    LG
    Joseph
    :hello:

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Aber, nur, wer ihn persönlich auf der Bühne erlebt hat, ich nicht, vermag einzuschätzen, wie groß und voluminös seine Stimme wirklich war. Eine tolle Stereo-Anlage täuscht (Originalton von Erika Köth)


    Da hast Du voll Recht. Ich bin ein leidenschaftlicher Verehrer Wunderlichs, aber wenn ich seine legendäre Aufnahme von Granada höre, weiss ich wirklich, dass ich DAS nie, nie, nie von Wunderlich gehört habe oder hätte hören können!


    Leider! Es wär ja schön gewesen!

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Hallo Bernward,


    als großer Wunderlich-Fan muß ich Dir voll und ganz zustimmen! Die weitere stimmliche Entwicklung angenommen, hätte Wunderlich wohl in der ersten Hälfte der 70er Stolzing in Bayreuth gesungen. Ich bin mir sicher, er wäre großartig gewesen!


    Gruß,


    Antalwin

  • Die Stimme von Fritz Wunderlich würde ich als mittelgroß bezeichnen. Sie trug aber und hatte eine große Strahlkraft. Das war das Kapital, aus dem noch viel mehr hätte werden können.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Hallo,


    ich möchte etwas in die Diskussion werfen. Ich bin der Meinung, daß die Besetzungsnöte der heutigen Zeit ganz besonders bei den Meistersingern von Nürnberg zu hören sind. Die notwendige Abgegrenzheit besonders der Männerstimmen ist nicht mehr gegeben. Weil keine heldenbaritonalen Sachs-Stimmen mehr existieren, muß der Schusterpoet meist von Bässen gesungen werden, denen die charakteristische warme Baritonfarbe fehlt und die dann wegen der schieren Größe der Partie Konditionsprobleme haben. Im Gegensatz dazu wird der Pogner oft zu leichtgewichtig besetzt. Außerdem gibt es Meistersinger-Aufführungen, in denen der Beckmesser mehr Volumen und Schallkraft hat, als der Sachs, so beispielsweise auch in der Studio-Gesamtaufnahme unter Jochum. Diese Umstände wirken sich heute auch negativ auf die Paarung Stolzing/David aus. Der Ritter wird immer lyrischer, dem gegenüber sind viele Davids zu voluminös. Gerhard Stolze, ein vielbeschäftigter David im Bayreuth der 50er und 60er, wäre heute ein veritabler Stolzing, der Klaus Florian Vogt ausstechen würde. Die Proportionen stimmen nicht mehr!


    Gruß,


    Antalwin

  • Hallo,


    aus gegebenem Anlaß möchte ich unsere Träumerei einmal weiterspinnen:


    Hans Sachs: Rene Pape; Bryn Terfel.


    Veit Pogner: Hans Peter König; Roland Zeppenfeld


    Sixtus Beckmesser: Roman Trekel; Kay Stiefermann


    Fritz Kother: Eike Wim Schulte


    Walter von Stolzing: Roberto Sacca; Pjotr Beczala; Jonas Kaufmann


    Eva Pogner: Anna Netrebko; Annette Dasch


    Magdalene: Waltraud Meier


    David: Maximilian Schmitt; Benjamin Bruns


    Nachtwächter: Kwangchul Youn


    Diese Besetzung wäre vermutlich nicht zu bezahlen!


    Gruß,


    Antalwin

  • Lieber Antalwin,


    deine "Träumerei" kann ich gut nachvollziehen, bis auf den Stolzing des Roberto Sacca. Ich habe ihn in dieser Rolle in Zürich erlebt und war "not amused". Er quälte sich mit seiner kehligen Stimme doch sehr über die Zeit und ich war heilfroh, dass er sein Preislied überhaupt noch über die Rampe brachte.


    Fritz Wunderlichs mögliche Entwicklung dagegen bleibt geheimnisumwittert. Ich kenne Wagners erfolgloses Werben, da der Sänger sich noch nicht "reif" für eine große Wagnerrolle fühlte. Ab 40 wollte er dieses Thema angehen. Wollte...

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Ich kann die "Träumerei" um Pape und Terfel als Sachs überhaupt nicht nachvollziehen: Pape sollte schon 2008 sein Rollendebüt als Hans Sachs geben, merkte, dass die Partie eine Nummer zu groß für ihn ist und zog zurück. Dann kam 2009 sein monatelanges Pausieren aufgrund von massiven Kreislaufproblemen und danach war er meines Erachtens nie wieder auf dem Level wie davor. Ich bin mir sicher, dass Pape diese Rolle nie mehr singen wird - und er tut gut daran.


    Auch Terfel dürfte inzwischen seine besten Jahre hinter sich haben (ein wenig überzeugender Scarpia 2013 legt mir dies nahe), aber er hat die Partie immerhin mal gesungen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Erste Wahl als Sachs wäre derzeit für mich wohl der Kanadier Gerald Finley. Umwerfend, was er unter Philippe Jordan kürzlich in Paris zustande gebracht hat. Ich muss Stimmenliebhaber zustimmen: Auch ich fand weder Pape noch Terfel in dieser Partie ideal.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Banner Strizzi
  • Ich bedanke mich für die Antworten !


    Die Probleme Saccas mit der Partie des Stolzing waren mir nicht bewußt. Von der Züricher Aufführung habe ich leider nur Teile gesehen und gehört. Von der Kritik wurde Sacca als Stolzing sehr gelobt. Die Entwicklung bei Rene Pape wußte ich auch nicht. Ich sah ein Konzert, in dem er den Fliedermonolog sang, worüber ich begeistert war. Da sieht man mal wieder, wie gefährlich es ist, von der Interpretation einer Arie aus einer Partie auf die mögliche Interpretation der ganzen Partie auf der Bühne zu schließen. Die Diskussion um Pape führt aber wieder zu einer alten Frage: Welcher Stimmtypus ist geeigneter für Wagners Schusterpoeten, Heldenbariton oder hoher Baß ?


    Gruß,


    Antalwin

  • Die Diskussion um Pape führt aber wieder zu einer alten Frage: Welcher Stimmtypus ist geeigneter für Wagners Schusterpoeten, Heldenbariton oder hoher Baß ?

    Wichtiger finde ich persönlich bei dieser Rolle die Frage: Hat der Sänger neben dem nötigen stimmlichen Durchhaltevermögen auch das nötige stimmliche Differenzierungsvermögen, also die Zwischentöne, hat der das nötige sprachliche und interpretatorische Ausdrucks- und Gestaltungsvermögen? Das finde ich bei einer Rolle wie dem Hans Sachs ganz besonders wichtig.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Nach langer Skepsis gegenüber solchen Spielen (wegen ihrer Realitätsferne) reizt es mich nun doch, gerade bei dieser Oper, eine Idealbesetzung zu basteln. Dabei möchte ich aber unterscheiden zwischen Bühne und Studio-Einspielung. Und die ganz alten Sänger aus der Zeit des Schallplattentrichters möchte ich unberücksichtigt lassen, weil ich glaube, dass wir uns heute kaum eine Vorstellung machen können, wie die Stimmen wirklich geklungen haben.
    Ich stelle mal je eine Besetzungsliste der Hauptpartien auf nach dem Schema CD / Bühne:


    Sachs: F.Frantz / J.Rutherford
    Pogner: G.Frick / H.P.König
    Beckmesser: B.Kusche / E.W.Schulte
    Stolzing: H. Hopf / J.Kaufmann
    Eva: E.Grümmer / R.Fleming
    David: P.Schreier / B.Bruns
    Kothner: G.Neidlinger


    Dirigent: H.v.Karajan / C.Thielemann


    Bei den kleinen Partien halte ich es für verwegen, sie einem Spitzensänger zuzumuten, wenn auch nur in der Phantasie. Und wenn sie auch noch besser sind als die Interpreten der Hauptpartien, wird die Struktur des Werkes infrage gestellt. (Man stelle sich vor: Nachtwächter - A.Kipnis! Wer soll dann den Sachs singen?)


    Herzliche Grüße von Sixtus

  • Ein neuer Versuch meinerseits mit absoluter Luxusbesetzung, wie er Mitte/Ende der 1950er Jahre tatsächlich hätte stattfinden können:


    Hans Sachs: Ferdinand Frantz
    Veit Pogner: Josef Greindl
    Kunz Vogelsang: Max Lorenz
    Konrad Nachtigall: Jaro Prohaska
    Sixtus Beckmesser: Karl Schmitt-Walter
    Fritz Kothner: Gottlob Frick
    Balthasar Zorn: Bernd Aldenhoff
    Ulrich Eißlinger: Günther Treptow
    Augustin Moser: Hans Beirer
    Hermann Ortel: Otto Edelmann
    Hans Schwarz: Gustav Neidlinger
    Hans Foltz: Kurt Böhme
    Walther von Stolzing: Hans Hopf
    David: Gerhard Stolze
    Eva: Elisabeth Grümmer
    Magdalene: Elisabeth Schärtel
    Ein Nachtwächter: Paul Schöffler


    Wiener Staatsopernchor
    Wiener Philharmoniker
    HANS KNAPPERTSBUSCH

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Kunz Vogelsang: Max Lorenz
    Konrad Nachtigall: Jaro Prohaska

    Balthasar Zorn: Bernd Aldenhoff
    Ulrich Eißlinger: Günther Treptow
    Augustin Moser: Hans Beirer

    Die Ensembles in der Singschule und auf der Festwiese möchte ich nicht hören!
    Und die Prügelfuge dieser Aufführung würde auch ganz schön auseinanderfliegen...


    Für gute, homogene Ensembles ist es nämlich mitnichten besonders förderlich, die größten Solisten ihrer Zeit zu versammeln!


    Fazit: Ein ser guter Stolzing ist nicht zwangsläufig auch ein sehr guter "kleiner Meister"!


    Fritz Kothner: Gottlob Frick

    Absurd!


    Wenn du wenigstens nich Schöffler als Kothner und Frick als Nachtwächter (das ist eine Partie auch für Edelbässe) genommen hättest...


    Ja, ich weiß, der alte Weber hat's in Bayreuth auch gesungen (also der Ludwig Weber den Fritz Kothner), aber erst, als er seine traditionellen Basspartien weitgehend aufgegeben hatte.


    Aber Frick ist als Pogner gesetzt und Schöffler ist ein Sachs, wenn nicht sogar - nebnn Frantz - DER Sachs!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"