Der Abschied im Lied

  • Auch dieses Abschiedslied, das ganz am Anfang des Zyklus steht, sollte in diesem Thread nicht fehlen. Es ist mit knapp zwei Minuten noch kürzer als "Abschied von der Welt" (2:43). Zwar weiß man nicht genau ob es sich tatsächlich um königliche Lyrik handelt, aber die geschichtlichen Tatsachen sind unumstritten.


    Wer an einer guten Interpretation interessiert ist - Juliane Banse (Sopran) Graham Johnson (Piano) oder Bernarda Fink (Mezzosopran) Anthony Spiri (Piano) können empfohlen werden.


    Abschied von FrankreichGerma


    Ich zieh dahin, dahin!
    Ade, mein fröhlich Frankenland,
    Wo ich die liebste Heimat fand,
    Du meiner Kindheit Pflegerin!
    Ade, du Land, du schöne Zeit.
    Mich trennt das Boot vom Glück so weit!
    Doch trägt's die Hälfte nur von mir;
    Ein Teil für immer bleibet dein,
    Mein fröhlich Land, der sage dir,
    Des Andern eingedenk zu sein!
    Ade! Ade!

  • Passend zur Jahreszeit soll hier ein relativ selten zu hörendes Schumann-Lied eingestellt werden. Auch der Textdichter gehört nicht gerade zu den bekanntesten Namen und es handelt sich – wie so oft - hier auch noch um ein Pseudonym, hinter dem sich der dichtende Pfarrer Friedrich Wilhelm Traugott Schöpff (1826-1916) verbirgt.


    Abschied vom Walde
    Text Wielfried v. d. Neun

    Nun scheidet vom sterbenden Walde
    Der Wandrer mit Herz und Mund:
    »Wie wardst du mir lieb so balde,
    Was sangst du mir vor allstund!


    Wohl wußt' ich deine Sprache,
    Wohl kannt' ich deinen Sang,
    Und will's an manchem Tage
    Nachsingen trüb und bang.


    Doch nun, o Wald, dein Rauschen,
    Dein Brausen laß mir sein!
    Nicht alles mag ich tauschen
    Für Herbstes Melodein!«


    Dieses Lied stammt aus Schumanns Opus 89 Sechs Gesänge. Wie man nachlesen kann, sind sich Dichter und Komponist sogar begegnet; Schumann hatte Schöpff im Jahre 1850 nach Leipzig eingeladen, sie trafen sich mindestens zwei Mal und der Dichter beschreibt dieses Treffen mit einigen Details.
    Das Lied wird in diesem Liederkreis als viertes Stück gesungen. Das Notenblatt ist mit „Ziemlich langsam“ überschrieben.
    Klavier und Singstimme beginnen gleichzeitig. Das Klavier begleitet die Singstimme unspektakulär, bei der Interpretation der letzten Zeilen gewinnt die Darbietung etwas an Intensität, dann folgt ein kleines Nachspiel und vermittelt ein Gefühl herbstlichen Abschieds.

  • Nur eine kurze Anmerkung, praktisch als Ergänzung und Vervollkommnung zu den Beiträgen: 84 / 85 / 86 / 87
    Gerade habe ich das Buch »Wann wohl das Leid ein Ende hat« von Ulrike Migdal zu Ende gelesen und denke, dass man eine Information von Seite 338 hier nachträglich einfügen sollte, zumal sogar ein echtes Abschiedslied, nämlich »Abschied, Kamerad« dabei ist – in dem Buch heißt es:


    »Zu den folgenden Gedichten aus Theresienstadt haben sich Kompositionen von Ilse Weber erhalten:«


    Ich wandre durch Theresienstadt
    Und der Regen rinnt
    Kleines Wiegenlied
    Ukolébavka/Wiegenlied
    Emigrantenlied
    Ade, Kamerad
    Wiegala
    Modlitba/Gebet


    Ade, Kamerad (Text und Musik von Ilse Weber)Ade,Kamerad,
    hier teilt sich der Pfad,
    denn morgen muss ich fort.
    Ich scheide von dir,
    man treibt mich von hier,
    ich geh mit dem Polentransport.


    Du gabst mir oft Mut,
    treu warst du und gut,
    zum Helfen immer bereit.
    Ein Druck deiner Hand
    Hat die Sorgen gebannt,
    wir trugen gemeinsam das Leid.


    Ade, Kamerad,
    um dich ist es schad,
    der Abschied wird mir schwer.
    Verlier nicht den Mut –
    Ich war dir so gut.
    Jetzt sehn wir uns nimmermehr.

  • · Der schwere Abend
    von Nikolaus Lenau (1802-1850)


    Die dunklen Wolken hingen
    Herab so bang und schwer,
    Wir beide traurig gingen
    Im Garten hin und her.


    So heiß und stumm, so trübe
    Und sternlos war die Nacht,
    so ganz wie unsre Liebe Zu Tränen nur gemacht.


    Und als ich mußte scheiden
    Und gute Nacht dir bot,
    Wünscht ich bekümmert beiden
    Im Herzen uns den Tod.


    Dieses schöne, von Robert Schumann vertonte Lied könnte man auch in andern Threads wie zum Beispiel: Liebeslieder, der Tod im Lied oder natürlich bei den Abendliedern unterbringen, aber der Begriff »Abschied« scheint hier wichtiger zu sein als die Beschreibung des abendlichen Wetters.
    Interessant ist dieses Lied, weil es offensichtlich mit der realen Stimmung sowohl des Dichters als auch des Komponisten zu tun hat. Da war nämlich Lenaus unglückliche Liebe zu Sophie, der Frau seines Freundes; Literaturkenner sagen, dass dies für Lenaus späteres Leben und seine Dichtung prägend gewesen sei.
    Dieses Lied ist das vorletzte Lied aus Opus 90, das aus sieben Liedern besteht, und entstand zehn Jahre nach dem so erfolgreichen Liederjahr. Die Schumanns weilten sechs Jahre in Dresden und waren dort nicht besonders glücklich. In der letzten Dresdner Zeit entstanden diese Lieder.
    Die Herren kannten sich, am 12. Dezember 1843 wurde Lenau mit Schumann bekannt gemacht und drei Tage später traf man sich nochmals. Schumann schätzte Lenaus Gedicht und hat insgesamt zehn vertont. Schumann vertonte alleine sechs Gedichte, um dem Verstorbenen Lenau seine Ehre zu erweisen. Wie man heute weiß, tat er dies jedoch 20 Tage zu früh, weil er einer Falschinformation über Lenaus Tod aufgesessen war. Als Lenau dann am 22. August 1850 tatsächlich starb, konnte man diese Lieder dann recht schnell erscheinen lassen. Dichter und Komponist starben im Irrenhaus (so die damalige Bezeichnung) – Robert Schumann sechs Jahre später.


    Zum Lied:
    Wenige Klaviertakte vor dem Einsetzen der Singstimme machen deutlich, dass ein trauriges Thema angesagt ist. Beim Vortrag des Textes wird die Singstimme vom Klavier äußerst sparsam begleitet und wird nur dann deutlicher, wenn die Singstimme zwischen den Strophen pausiert. Schließlich klingt das Lied mit dumpfen Klaviertönen aus.
    Dessen ungeachtet spricht Dietrich Fischer-Dieskau von einem der herrlichsten Lieder Schumanns.

  • Verbotene Liebe


    Die Nacht ist rauh und einsam,
    Die Bäume stehen entlaubt.
    Es ruht an meiner Schulter
    Dein kummerschweres Haupt.


    Der Fuchs *schnürt durch die Felder;
    Wie ferne ist der Feind.
    Gleichgültig glänzen (die) Sterne;
    Dein schönes Auge weint.


    Du brichst ein dürres Ästlein,
    Das ist so knospenleer,
    Und reichst mir deine Hände —
    Wir sahen uns nimmermehr.


    Detlev von Liliencron, 1844-1909



    Dieses Lied stammt aus Zilchers op. 13 »Vier Lieder« und ist eines der früh vertonten Lieder (1904) als Hermann Zilcher mit Hilfe eines Stipendiums vier Jahre als freier Künstler in Berlin verbringen konnte; er war demnach ein noch sehr junger Mann.


    Der oben eingegebene Text ist so auch im Booklet abgedruckt, aber bei der mir zur Verfügung stehenden Aufnahme ersetzt die Sängerin das Wort *„schnürt“ durch „trollt“ und aus „glänzen Sterne“ wird „glänzen die Sterne“.


    Die Liedlänge beträgt 2:36 – das nicht gerade melodische Klaviervorspiel stimmt bereits auf das insgesamt melancholische Stück ein, bevor die Singstimme verhalten einsetzt, um dann aber bei „kummerschweres“ Haupt stark zu forcieren. Auch „dein schönes Auge“ erfährt eine ähnliche Betonung. Das Klavier hält sich über das gesamte Stück eher im Hintergrund. Schmerzvoll verabschiedet sich die Singstimme mit der wohl unumstößlichen Feststellung: „wir sehen uns nimmermehr“, mit wenigen resignierenden und leisen Takten verabschiedet sich das Klavier.

  • Wolfram hat in seinem Beitrag Nr. 32 am 1. März 2011 erfreulicherweise den Text des Liedes „Abschied“ aus „Das Lied von der Erde“ eingestellt und auch etwas über die Herkunft der Dichtung gesagt, aber da ich dieses gewaltige Werk gerade wieder einige Male gehört habe, wobei das letzte Lied einmal von Dietrich Fischer-Dieskau und einmal von Christa Ludwig gesungen wurde, bin ich der Meinung, dass einige wenige Ergänzungen zu diesem Beitrag gemacht werden sollten, weil dieses Lied einen besonderen Status hat.


    Dieses Abschiedslied stellt deshalb einen Sonderfall im Rahmen der bisher hier vorgestellten Abschiedslieder dar, weil Gustav Mahler hier dem Lied eine neue Bedeutung gegeben hat, es entstand eine Verbindung vom Lied der herkömmlichen oder bisher bekannten Art zur Symphonie.
    Dieser »Abschied« Stammt aus dem großen symphonischen Liederzyklus »Das Lied von der Erde« und ist das letzte der insgesamt sechs Lieder des Zyklus. »Abschied« ist mit einer Aufführungsdauer von fast einer halben Stunde das längste der Lieder und nimmt fast die Hälfte des gesamten Zyklus ein.
    Unter den Text schrieb Wolfram:
    Von Mong-Kao-Jen und Wang-Sei, nachgedichtet von Hans Bethge (1876-1946)
    In meiner Textvorlage steht in Klammern (nach Wang-Sei) oberhalb der Textzeile „Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk“
    In WIKIPEDIA findet man: Der Abschied (Mong-Kao-Yen [689/691–740] und Wang-Wei [698–761])
    Das ist natürlich richtig, aber ich möchte darauf hinweisen, dass insbesondere dieser Text des letzten Liedes von Mahler stark abgeändert wurde. Das 1908-1909 entstandene Werk hat ganz persönliche Bezüge, denn in 1907 musste sich Mahler als Hofoperndirektor in Wien verabschieden, dann von seiner Tochter, die 4-jährig starb. Schließlich wurde bei Gustav Mahler selbst eine Herzkrankheit diagnostiziert – er erlebte die Uraufführung dieses Werkes (am 20. November 1911) nicht mehr.
    Bruno Walter – er dirigierte die Uraufführung des Werkes – berichtet folgendes:
    „Als ich es (die eigenhändige Niederschrift) ihm zurück brachte, fast unfähig, ein Wort darüber zu sprechen, schlug er den „Abschied“ auf und sagte: „Was glauben Sie? Ist das überhaupt auszuhalten?

  • Anonym
    übersetzt von Emanuel Geibel
    Geh´ Geliebter, geh´ jetzt


    Leute gehen schon durch die Gasse,
    Und der Markt wird so belebt,
    Daß der Morgen wohl, der blasse,
    Schon die weißen Flügel hebt.
    Und vor unsern Nachbarn bin ich
    Bange, daß du Anstoß gibst:
    Denn sie wissen nicht, wie innig
    Ich dich lieb' und du mich liebst.


    Drum, Geliebter, geh jetzt!
    Sieh, der Morgen dämmert.


    Wenn die Sonn' am Himmel scheinend
    Scheucht vom Feld die Perlen klar,
    Muß auch ich die Perle weinend
    Lassen, die mein Reichtum war.
    Was als Tag den andern funkelt,
    Meinen Augen dünkt es Nacht,
    Da die Trennung bang mir dunkelt,
    Wenn das Morgenrot erwacht.


    Willst du feste Wurzel fassen,
    Liebster, hier an meiner Brust,
    Ohne daß der Neider Hassen
    Stürmisch uns verstört die Lust;
    Willst du, daß zu tausend Malen
    Ich wie heut dich sehen mag,
    Und dir stets auf Sicht bezahlen
    Unsrer Liebe Schuldbetrag:


    Geh, Geliebter, geh jetzt!
    Sieh, der Morgen dämmert.


    Fliehe denn aus meinen Armen!
    Denn versäumest du die Zeit,
    Möchten für ein kurz Erwarmen
    Wir ertauschen langes Leid.
    Ist in Fegerfeuersqualen
    Doch ein Tag schon auszustehn,
    Wenn die Hoffnung fern in Strahlen
    Läßt des Himmels Glorie sehn.


    Drum, Geliebter, geh jetzt!
    Sieh, der Morgen dämmert


    Dietrich Fischer-Dieskau spricht vom „rasendsten Pulsschlag aller Erregungen“ und einem der schönsten Frauenlieder im Oevre Hugo Wolfs, das am Ende des Spanischen Liederbuches steht.
    Die in Rot dargestellte Strophe wird nicht gesungen, denn der Komponist hat sie gestrichen. Der Textautor ist unbekannt, wogegen der Übersetzer in seiner Zeit als Autor - vor allem patriotischer Gedichte – in weiten Kreisen mit seinen Gedichten bekannt war.
    Hugo Wolf hatte eine gewisse Affinität zu spanischen Volksliedern, es sollten möglichst Texte sein, die noch nicht oft vertont waren. Die Singstimme setzt erst nach einem Vorspiel ein und zum Schluss wird der Hörer mit einem Nachspiel aus der Szene geleitet.
    Auch hier wieder einmal ein Gedanke zur Interpretation: Leonthyne Price unterstützt Text und Musik prächtig, wie ich finde ...

  • Den Abschied schnell genommen (C.R. Köstlin?)


    Nur den Abschied schnell genommen,
    Nicht gezaudert, nicht geklagt,
    Schneller als die Tränen kommen,
    Losgerissen, unverzagt.


    Aus den Armen losgewunden,
    Wie dies in der Brust auch brennt,
    Was im Leben sich gefunden,
    Wird im Leben auch getrennt.


    Sollst du tragen, mußt du tragen,
    Trage nur mit festem Sinn,
    Deine Seufzer, deine Klagen
    Wehen in die Lüfte hin!


    Soll der Schmerz nicht dich bezwingen,
    So bezwinge du den Schmerz,
    Und verwelkte Blumen schlingen
    Frisch sich um dein wundes Herz!


    Andere Version:
    Abschied (Johann Ludwig Deinhardstein)


    Nur den Abschied schnell genommen,
    Nicht gezaudert, nicht geklagt,
    Schneller als die Thränen kommen,
    Losgerissen, unverzagt.


    Aus den Armen losgewunden,
    Wie dir's in der Brust auch brennt,
    Was im Leben sich gefunden,
    Wird im Leben auch getrennt.


    Sollst du tragen, mußt du tragen,
    Trage nur mit festem Sinn,
    Deine Seufzer, deine Klagen
    Wehen in die Lüfte hin.


    Soll der Schmerz nicht dich bezwingen,
    So bezwinge du den Schmerz,
    Und verwelkte Blüthen schlingen
    Frisch sich um dein wundes Herz.


    Mit dem Liedtext ist das so eine Sache - einmal findet sich unter dem Liedtitel »Abschied« Johann Ludwig Deinhardstein (1794-1859), ein deutscher Bühnendichter und Regierungsrat. Dann findet man aber auch als Überschrift »Den Abschied schnell genommen« und als Autor C.R. Köstlin?, also mit einem Fragezeichen versehen. Der Dichter und Rechtsgelehrte Christian Reinhold Köstlin lernt Josephine Lang 1840 während eines Kuraufenthaltes kennen; sie heiraten 1842. Das Lied soll 1838 entstanden sein; das Werkverzeichnis hat einige nicht ganz sichere Daten.


    Es ist ein schneller Abschied (2:17), denn die Singstimme setzt zu Beginn ohne Klaviervorspiel sofort ein und durcheilt rasch den Text; gönnt sich nur zwischen den Strophen eine kleine Pause, wo nur das Klavier zu hören ist, Die Strophenenden werden wiederholt und zum Schluss hat die Komponistin ein kleines Nachspiel vorgesehen.


    Die in München geborene Josephine Lang (1815-1880) hatte ein recht bewegtes Leben; sie war neun Jahre alt, als ihre Mutter, die Kammersängerin war, starb, ihr Vater war Violinist. Josephine Lang galt schon früh als Wunderkind; mit fünf Jahren beginnt sie zu komponieren, und im Alter von 15 Jahren spielte sie Felix Mendelssohn in München vor, und der war begeistert und die Sympathie ging soweit, dass Mendelssohn ihrem Vater sogar anbot die Tochter in sein Elternhaus in Berlin aufzunehmen und beteuerte, dass Eltern und Schwester »treulich über ihr wachen«. Dort hätte sie kostenlos Klavier- und Kompositionsunterricht bei Carl Friedrich Zelter und Fanny, der Schwester Mendelssohns, erhalten können. Der Vater stand der künstlerischen Vervollkommnung der Tochter mehrmals im Wege und sie musste sich mit drittrangigen Lehrern begnügen. Dessen ungeachtet hatte sie mehrmals Kontakt mit Mendelssohn, der in einem Brief einmal folgendes berichtete:
    »es ist die vollkommenste musikalische Freude, die mir bis jetzt wohl zu Theil geworden ist. Wenn sie sich ans Clavier setzt, und solch ein Lied anfängt, so klingen die Töne anders,- die ganze Musik ist so sonderbar hin und her bewegt, und in jeder Note das tiefste, feinste Gefühl. Wenn sie dann mit ihrer zarten Stimme den ersten Ton singt, da wird es jedem Menschen still und nachdenklich zu Muthe, und jeder auf seine Weise durch und durch ergriffen. Könntet ihr nur die Stimme hören! So unschuldig, und unbewußt schön, und so aus der innersten Seele heraus, und doch so ruhig! Voriges Jahr waren alle die Anlagen schon da... Seitdem aber hat sie den merkwürdigsten Fortschritt gemacht. Wen die jetzigen Lieder nicht packen, der fühlt überhaupt gar nichts.«
    Aber auch für Robert Schumann ist Josephine Lang keine Unbekannte; in der Beilage zur Neuen Zeitschrift für Musik veröffentlich er ihre Heine-Vertonung »Traumbild« und findet: »ein feines, äußerst zartes Gewächs, das wir der aufmerksamen Betrachtung des Lesers empfehlen«
    Das Leben Josephine Langs weist einige Parallelen zu dem Clara Schumanns auf; ich war einigermaßen erstaunt, dass beider Männer 1856 starben, und dass beide Frauen ihre vielen Kinder durch künstlerisches Tun ernähren mussten, wobei Clara Schumann Josephine Lang nach Kräften unterstützte.

  • In WIKIPEDIA findet man: Der Abschied (Mong-Kao-Yen [689/691–740] und Wang-Wei [698–761])
    Das ist natürlich richtig, aber ich möchte darauf hinweisen, dass insbesondere dieser Text des letzten Liedes von Mahler stark abgeändert wurde.


    Lieber Hart,


    das mußte Mahler auch abändern. Denn die Poesie dieser Bethge-Übersetzung ist an vielen Stellen ziemlich dürftig - obwohl die Bethge-Vorlage ("Die chinesische Flöte") damals sehr populär war. Z.B. kannten sie Franz Kafka und Max Brod sehr gut. Danke auch für Deinen spannenden Beitrag über Josephine Lang. :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Gestern Nachmittag gab Maximilian Schmitt in der Alten Aula der Universität Heidelberg ein Konzert; am Flügel begleitete Gerold Huber.
    Es war eine Veranstaltung im Rahmen des »HEIDELBERGER FRÜHLING«
    Neben Liedern von Beethoven und Strauss, wurden auch sechs Lieder von Gabriel Fauré zu Gehör gebracht. Das Programmheft klärt mich darüber auf, dass Fauré mehr als hundert Lieder geschrieben hat und dass dieses Lied in seiner reifsten Schaffensperiode entstanden ist.



    Adieu (Charles Jean Grandmougin)


    Comme tout meurt vite, la rose
    Déclose,
    Et les frais manteaux diaprés
    Des prés;
    Les longs soupirs, les bienaimées,
    Fumées!


    On voit dans ce monde léger
    Changer,
    Plus vite que les flots des grèves,
    Nos rêves,
    Plus vite que le givre en fleurs,
    Nos coeurs!


    À vous l'on se croyait fidèle,
    Cruelle,
    Mais hélas! les plus longs amours
    Sont courts!


    Et je dis en quittant vos charmes,
    Sans larmes,
    Presqu'au moment de mon aveu,
    Adieu!


    Wie schnell doch alles stirbt,
    die Déclose, erblühte Rose
    Und die frischen bunten Kleider
    der Wiesen,
    die langen Seufzer, die Geliebten,
    Fumées! Verflogen!


    Man sieht in dieser leichtlebigen Welt
    sich alles verändern,
    schneller als die Wellen die Steine
    unsere Träume,
    schneller als der Reif auf der Blüte
    unsere Herzen!


    Dir glaubte ich treu sein zu können,
    Ungnädige,
    Aber schade! Auch die längsten Liebschaften
    sind kurz!
    Ich verlasse dich charmante Person
    ohne Tränen
    und sage beinahe gleichzeitig mit meinem Geständnis:
    Adé!

  • Zwischen vorletztem und letztem Beitrag lag ein knappes Jahr. Zwischen letztem Beitrag und diesem hier liegen knapp fünf Monate. Das Thema ist eben immer noch nicht ausgereizt. - Viele Komponisten kamen zu Gehör, auch Komponistinnen, bekanntere, unbekanntere.


    Ich möchte vorerst drei Lieder belichten: zwei, die bereits Thema waren, dazu ein neues. Chronologisch. In Beitrag "94" ist von Schumanns Lenau-Zyklus die Rede, dem op. 90 vom August 1850, als Schumann der Falschmeldung traute, Lenau sei bereits gestorben. Lenaus unglückliche Liebe zu Sophie von Löwenthal hat hart ja in seinem Beitrag thematisiert. In der Tat sind viele Gedichte Lenaus von Mitte der 1830er-Jahre dieser Konstellation geschuldet. "Der schwere Abend" entstand wohl August 1836. - Schumann stellte sechs Lenau-Gedichte zusammen, fügt ihnen aber als unbedingt zum Zyklus gehörend ein siebtes Lied an, nicht von Lenau stammend, sondern auf ihn bezogen, ihm sozusagen das "ewige Geleit" gebend: "Requiem" - nach einer lateinischen Vorlage übertragen von Leberecht B. Drewes. So wird die Ausgangstonart Es-Dur wieder erreicht. (Kein Komponist der Liedgeschichte legte derart viele Liedzyklen - kürzere, längere - so sehr in sinnvollen Tonartabfolgen an wie Schumann. Bei keinem wird - auch heute noch - mehr "gesündigt", durch Entstellung dieses Konzepts in den sogenannten "Mittleren Ausgaben" der Edition Peters, also der Fast-Monopol-Edition, z.B. in Bariton-Aufführungen der "Dichterliebe" etc.) Der Zyklus op. 90 beginnt also in Es-Dur, bewegt sich über B-Dur, Ges-Dur, H(=Ces)-Dur nach Es-Moll, welches im fünften Lied "Einsamkeit" äußerst instabil, mit frappierend bodenloser Tonika geführt wird und im sechsten, eben unserem Lied schwer lastet. Wenn man "Schwermut" in Töne zu setzen hätte... - anders vielleicht, aber nicht stärker als hier lässt es sich realisieren. Schumann erinnert sich... Was war da, mehr als 10 Jahre früher, ein Heine-Lied, in Es-Moll, mit dem bis dato kargsten Klaviersatz, mit der bis dato längsten ausnotierten - freilich nicht immer realisierten! - Pause der Liedgeschichte am Ende des Klaviernachzuckens... "Ich hab im Traum geweinet"... Damit beginnen, wie zur Selbstvergewisserung. Zwischen Dreier- und Zweiertakt pendeln; den gespannten Leitton zur Quinte exponieren, den niederdrückenden phrygischen Gleitton zur Tonika zulassen, Ecken in der Melodieführung, Stockendes... Aber zwei der drei Strophen musikalisch annähernd gleich. Wie beim erwähnten op. 48 Nr. 13 kommt die entscheidende Änderung mit der Klaviereinleitung zur dritten Strophe - das Selbstzitat ist nun "mit Händen zu greifen"; mehr Fluss. Hoffnung, die aufgehellte Harmonik kündet davon; und Versiegen. Synkopentürme am Ende, Es-Moll, Es-Moll. - Dann folgt das Requiem, ein kontemplativer, so humaner wie transzendentaler Trost.


    Robert Franz, 2015 mit dem 200. Geburtsjahr im Jubilar-Kalender, hat ca. 350 Lieder geschrieben, die meisten in Sechsergruppen geordnet, die meisten in dreiteiliger Anlage: Strophe - (musikalisch) Wiederholte Strophe - Veränderte Strophe. Also, hat er uns heute noch etwas zu bieten, bei soviel äußerer Gleichförmigkeit? Oh ja, gerade bei Lenau! Aber auch bei Heine, Mörike, Eichendorff, Geibel und einigen heute nicht mehr präsenten Dichtern. - "Der schwere Abend" op. 37 Nr. 4 erschien 1866. Wie bei so manchem bedeutenden Lied liegt hier erstmal ein durchgehend suggestives Klavierstück vor, pausenlos im Fluss. Eine - wahrscheinlich für jeden Hörer - an J. S. Bach gemahnende zwei- bis dreistimmige Invention. Jetzt mag die Begründung zu sehr ins Subjektive "abdriften", aber m.E. liegt eben keine billige Stilkopie vor, sondern eine aus dem (Passions-)Geiste Bachs empfundene Anverwandlung polyphoner Strukturen, die dennoch ihre eigentliche Entstehungszeit durchschimmern lässt. Als Franzscher Phänotyp ist das Lied zwangsläufig formal ganz nah an Schumanns Version verortet. Wobei die Musik völlig verschieden klingt. Klar steht es auch in (hier: G-)Moll, sogar sind die ersten drei Gesangstöne analog geführt, aber Franz' Melodik gibt sich viel ebenmäßiger, viel weniger "experimentell" als die Schumanns. - Dennoch: Verblüffend, wie beide Vertonungen das Gedicht absolut plausibel umsetzen. Robert Franz spart sich die schmerzliche phrygische Sekund für genau einen Moment auf, den Auftakt für das letzte Wort "Tod"; durch die hier unerwartete Weiterführung in den Dominantseptakkord ist die Wirkung nicht schwächer als bei Schumanns schockierender phrygischer Melodieführung im vierten Vers der ersten und zweiten Strophe.


    Johannes Brahms "Beim Abschied" op. 94 Nr. 3 wird in Beitrag "14" erwähnt und in Beitrag "74" von hart ansatzweise besprochen. Ich verhehle nicht, dass es eines meiner Lieblingslieder von Brahms ist. Friedrich Halms Gedichte haben ihn, zumindest in zwei Fällen, zu einigen seiner kürzesten und originellsten Liedschöpfungen inspiriert. (Das andere ist op. 94 Nr. 5 "Kein Haus, keine Heimat"). - Der achtzeilige Text könnte ja 6 Zeilen lang als Frauenlied durchgehen. Erst dann dominiert die männliche Perspektive. Findet sich zu solchem Verwirrspiel ein Analogon in der musikalischen Faktur? Ja. Das Klavier beginnt im Dreiachteltakt, fünf Takte lang, dann übernimmt der Gesang diesen Dreiachteltakt, behält ihn auch das ganze Lied über bei. ABER: Das Klavier hat nun, unter dem Gesang, NIE mehr drei, sondern immer VIER Achtel. Das ist Polymetrik pur! Und Brahms verlangt "Sehr lebhaft und ungeduldig" - halten sich die Interpreten daran, herrscht schon diesbezüglich köstlicher Taumel. Damit, mit der vertikalen Ebene, nicht genug: Horizontal liegen erstmal zehn FÜNFtaktige Perioden hintereinander vor. Zur gewohnten viertaktigen Ordnung kommt's also nie - am Ende gibt's: sieben - fünf - sechs Takte. Daher "versteht" man beim ersten Hören: gar nichts. Ist aber vielleicht doch fasziniert. Neugierig. Bekommt in EINER solchen Minute soviel "serviert" wie sonst in dreien nicht... Ein Lied mit Ausnahmerang.


    Robert Klaunenfeld

  • Das Thema ist eben immer noch nicht ausgereizt.


    Zum Abschied
    Du reisest in die Ferne,
    Mich lässest Du allein,
    Du scheidest gar nicht gerne,
    Bei mir nur willst Du sein.


    Es perlt eine Träne herab von Deiner Wang´,
    Dein Mund er lächelt trübe,
    wie blickt Dein Aug´ so bang.
    Nein, lasse ab zu trauern,
    die Trennung endet bald.
    Dann unter Freudeschauern
    wir uns umfah´n im Wald!


    Das ist ja ein ganz vorzüglicher und umfassender Beitrag (Nr. 101), der außergewöhnlichen Sachverstand dokumentiert. Da ist es vielleicht angebracht, dass ich hier ein Abschiedslied von Joseph Suder einstelle, das wohl nicht so sehr bekannt sein dürfte und im Text das Wort »umfah´n« verwendet, an dessen Bedeutung ich nun schon eine Weile herumrätsle.
    Es ist ein recht kleines Liedchen, nur etwas mehr als eine Minute lang; beginnt mit einem kurzen Vorspiel, nach »trübe« macht die Singstimme eine kleine Pause. Alles an diesem Liedchen ist klein, nur das letzte Wort »Wald» wird ganz groß ausgesungen. Im Booklettext heißt es zu diesem Lied unter anderem:
    »Selten wurden musikalisch Trost und Hoffnung sensibler dargestellt«


    Joseph Suder (1892-1980) ist hier offenbar Dichter und Komponist in einer Person
    Die Lieder Suders sind immer noch im Gespräch. Auch in diesem Jahr findet an der Hochschule für Musik in Nürnberg wieder ein Internationaler Joseph-Suder-Liedwettbewerb für Gesang und Klavier statt (17.-19. Oktober).

  • N.B.:


    Lieber hart, "umfahn" heißt "umfangen", also sich umarmen (in Liebe).


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!


  • »L'adieu de l'hôtesse arabe« by Georges Bizet

    Adieux de l'hôtesse arabe


    Puisque rien ne t'arrête en cet heureux pays,
    Ni l'ombre du palmier, ni le jaune maïs,

    Ni de voir à ta voix battre le jeune sein

    De nos soeurs, dont, les soirs, le tournoyant essaim

    Couronne un coteau de sa danse,


    Adieu, voyageur blanc ! J'ai sellé de ma main,

    De peur qu'il ne te jette aux pierres du chemin,

    Ton cheval à l'oeil intrépide ;

    Ses pieds fouillent le sol, sa croupe est belle à voir,

    Ferme, ronde et luisante ainsi qu'un rocher noir

    Que polit une onde rapide.

    Adieu, beau, voyageur hélas!

    Oh! que n´es-tu de ceux

    Qui donnent pour limite á leurs pieds paresseux

    Leur toit de branches ou de toiles!

    Qui rêveurs, sans en faire, écoutent les récits,

    Et souhaitent, le soir, devant leur porte assis,

    De s´en aller dans les étoiles!


    Si tu l'avais voulu, peut-être une de nous,

    Ô jeune homme, eût aimé te servir à genoux

    Dans nos huttes toujours ouvertes ;

    Elle eût fait, en berçant ton sommeil de ses chants,

    Pour chasser de ton front les moucherons méchants,

    Un éventail de feuilles vertes.


    Si tu ne reviens pas, songe un peu quelquefois

    Aux filles du désert, soeurs à la douce voix,

    Qui dansent pieds nus sur la dune ;

    Ô beau jeune homme blanc, bel oiseau passager,

    Souviens-toi, car peut-être, ô rapide étranger,

    Ton souvenir reste à plus d'une !

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    Im Abschlusskonzert des HEIDELBERGER FRÜHLING 2018 trug die Mezzosopranistin

    Adéle Charvet dieses Lied vor, das wohl das bekannteste Lied des Komponisten Bizet sein dürfte. Im Werkverzeichnis findet man 43 Bizet-Lieder, dieses ist demnach 1866 entstanden. Das Lied ist nach einem Text von Victor Hugo komponiert, aber man liegt wohl nicht ganz deneben, wenn man feststellt, dass die Musik hier der Sache einen ganz besonderen Ausdruck verleiht. Im Text zu einer Hyperion-Produktion heißt es:

    »Obwohl der Komponist vier von Hugos Strophen rücksichtslos zerschnitt und einige der restlichen Stücke adaptierte, haben wir hier ein packendes hypnotisches Meisterwerk ...«


    Es liegen dazu unterschiedliche Übersetzungen vor; im Programm war es so zu lesen:


    Da dich nichts in diesem glücklichen Land hält,

    Weder der Schatten der Palme noch das gelbe Getreide,

    Weder die Ruhe noch der Überfluss,

    Auch nicht, beim Klang deiner Stimme,

    Das Beben der jungen Brust unserer Schwestern,

    Deren kreisender Schwarm des Abends

    Mit seinem Tanz den Hügel schmückt.


    (...)


    Adieu, schöner Reisender! Adieu.

    O, warum bist du nicht wie jene, die am Ende

    Ihren müden Füßen ein Dach aus Ästen oderLeinen gewähren,

    Die ruhig den Erzählungen lauschen, und wünschen,

    Des Abends vor ihrer Tür sitzend, zu den Sternen zu wandern!


    Hättest du das gewollt, vielleicht hätte eine von uns,

    junger Mann, dich kniend, in unseren stets offenen Hütten umsorgt,

    Dich mit Liedern in den Schlaf gewiegt.

    Sich einen Fächer aus grünen Blättern gemacht,

    Um die bösen Mücken von deiner Stirn zu vertreiben.


    Wenn du schon nicht zurückkehrst,

    So träume doch manchmal ein wenig

    Von den Töchtern der Wüste,

    Den Schwestern mit der süßen Stimme,

    Die barfuß in den Dünen tanzen;

    O schöner junger weißer Mann, schöner reisender Vogel,

    Denk daran, o flüchtender Fremder,

    Die Erinnerung an dich wird vielleicht in mehr als einer von uns bleiben.


    Erstmals in diesem Thread wird nun auch mal der Versuch unternommen ein Abschiedslied per YouTube einzustellen. Wie ich gerade feststellte, geht das also nicht direkt ...

  • Lieber m-müller,

    ja, dieses Lied ist in der Tat älter, denn es entstand bereits um 1500 herum, aber es ist eben auch schon so alt, dass man sich - streng historisch gesehen - nicht sicher ist, ob diese Komposition tatsächlich vom Hofkapellmeister Heinrich Isaac stammt und nach dem Textdichter fahndet man noch immer...
    Historiker raten zu der Formulierung: »Dichter und Komponist unbekannt, aus dem 15. Jahrhundert«.


    Aber hier ist der Text:


    Innsbruck, ich muß dich lassen,

    ich fahr dahin mein Straßen,

    in fremde Land dahin.

    Mein Freud ist mir genommen,

    die ich nit weiß bekommen,

    wo ich Elend bin.


    Groß Leid muß ich ertragen,

    das ich allein tu klagen

    dem liebsten Buhlen mein.

    Ach Lieb, nun laß mich Armen

    im Herzen dein erwarmen,

    daß ich muß dannen sein.


    Mein Trost ob allen Weiben,

    dein tu ich ewig bleiben,

    stet, treu, der Ehren frumm.

    Nun muß dich Gott gewahren

    in aller Tugen sparen,

    bis daß ich wiederkumm.

  • Lieber m-mueller,

    wenn man schon bei der Einordnung dieses Liedes ist, dann sollte man bei der Gelegenheit auch etwas über die grundsätzliche Unterscheidung von Volkslied und Kunstlied sagen, weil dieser Beitrag im »Kunstlied-Forum« eingestellt wurde.

    »Innsbruck, ich muss dich lassen« ist als typische Volksweise eine eher schlichte Komposition, die auch aus diesem Grunde sehr bekannt geworden ist.

    Kunstlieder sind Kompositionen nach lyrischen Texten, die allgemein musikalisch weit anspruchsvoller sind und für den solistischen Vortrag komponiert wurden; in aller Regel stellen Kunslieder höhere Ansprüche an die Stimme der Vortragenden als dies beim Volkslied der Fall ist.


    Ein ganz bekanntes Beispiel ist das Lied »Am Brunnen vor dem Tore«, das Franz Schubert ursprünglich nach einem Text von Wilhelm Müller in seinem Zyklus »Winterreise« als »Der Lindenbaum« komponierte. Fast zwanzig Jahre nach Schubert vertonte Franz Silcher den Text in einfacherer musikalischer Form und erreichte auf diese Weise, dass aus dieses Lied zumindest so eine Art »Volkslied« wurde, weil es - zumindest zu Silchers Zeit - in breiten Volksschichten äußerst populär war.

  • Fast zwanzig Jahre nach Schubert vertonte Franz Silcher den Text in einfacherer musikalischer Form und erreichte auf diese Weise, dass aus dieses Lied zumindest so eine Art »Volkslied« wurde, weil es - zumindest zu Silchers Zeit - in breiten Volksschichten äußerst populär war.

    Er hat den Schubert vereinfacht, ok, aber "vertont" hat er den "Lindenbaum" nicht, dazu ist diese "Neuvertonung" doch viel zu nah am Schubertschen Original. Ich würde hier viel eher von einer Bearbeitung sprechen wollen als von einer "(Neu-) Vertonung".

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!

  • Ja, hast natürlich mal wieder Recht mit Deinem berechtigten Einwand, denn in der Tat ist das eine Bearbeitung, aber auch eine sehr erfolgreiche, der man allerdings auch spießbürgerliche und reaktionäre Sonntagnachmittagsidylle zum Vorwurf macht und natürlich auch Trivialität; klar, wenn so etwas bei breiten Volksschichten ankommt - aber das haben wir bereits fast überwunden, da kommt wohl nicht mehr viel ... es passt zu diesem Abschiedsthread.

  • Ein ganz bekanntes Beispiel ist das Lied »Am Brunnen vor dem Tore«, das Franz Schubert ursprünglich nach einem Text von Wilhelm Müller in seinem Zyklus »Winterreise« als »Der Lindenbaum« komponierte.

    Lieber hart, es soll ja auch Vertonungen des Liedes für Solostimmen von Conradin Kreutzer und Hermann Theobald Petschke, für Chor von Cyrill Kistler und Ferdinand Möhring geben. Weißt Du mehr, kennst Du gar Aufnahmen?

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • denn in der Tat ist das eine Bearbeitung,aber auch eine sehr erfolgreiche, der man allerdings auch spießbürgerliche undreaktionäre Sonntagnachmittagsidylle zum Vorwurf macht und natürlich auchTrivialität; klar, wenn so etwas bei breiten Volksschichten ankommt

    Ich habe zuerst die Bearbeitung kennen gelernt, meine Großmutter hat es mit mir als Kind ebenso gesungen wie andere Volkslieder. Als ich dann später das Schubertsche Original kennen lernte, musste ich mich ganz schön umstellen - wenn auch nicht ganz so sehr wie beim "Heidenröslein". ^^

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Weißt Du mehr, kennst Du gar Aufnahmen?

    Lieber Rüdiger,

    inzwischen habe ich mal in Wilhelm Müllers Biographie von Erika von Borris nachgeschlagen, aber da sind nur Schubert und Silcher erwähnt. Lediglich bei Hermann Theobald Petschke soll »Am Brunnen vor dem Tore« in seinem Opus 7 - fünf Lieder - mit enthalten sein. All die von Dir genannten Komponisten werden zwar in diesem geradezu unheimlich großen Liederarchiv mit dem Lied in Verbindung gebracht, aber damit hat es sich dann auch schon ... nach Aufnahmen braucht man da vermutlich nicht zu suchen.

  • Der Abschied - Text und Komposition von Joseph Martin Kraus

    nach einem zunächst etwas staksenden, dann lebhafter werdenden Klavier-Vorspiel, setzt die Singstimme bei 1:10 ein:


    Skulda winkt.

    Vergebens wurzelt der Fuß des

    Weilenden.

    Vergebens hängt der lechzende Blick

    am Auge des,

    Den ich liebte,

    den ich liebte wie mich selbst. (wird wiederholt)

    Skulda winkt!

    Sie sah die Thräne,

    die bebende Thräne des Abschieds,

    Und fühlte nicht Mitleid.

    Sie sah des unmächtigen Armes

    letztes Streben,

    Sie sah des Trauernden Kampf, (wird wiederholt)

    Und fühlte nicht Mitleid.

    ------------------------------------------- Hier ist ein kleines Zwischenspiel

    Aber sie sah des Angstvollen Drang,

    Hörte das bange Klopfen der Brust,

    Sah die edlere Flamme

    im Busen der sich Liebenden

    Und fühlte Mitleid.

    In das Schauergewebe

    Wallhallas Späherinnen

    Hüllte sie das Aug von der ersten

    Thräne des Mitleids nass,

    Wand den erweichten Blick

    von der rührenden Szene hinweg,

    Hob den eisernen Finger

    zum letzten Winke empor:

    Skulda winkt

    Sie entflieht mit den Wogen des

    Sturmwinds;

    Seufzend teilt sich der Äther dem

    Rauschen des wehenden Schleiers.

    Sie gebot - ich folgte,

    so folgt mit bleiernem Schritte der

    gebietenden Flamme des hohen

    Obaddon ein Schatten.

    In Wingolfs heiligem Hayne

    sag´ ich dir Liebe zu.

    Thor hört´ der Freude Schwüre,

    und segnet den Bund.

    In Bragas heilgen Lauben

    schwur ich dir Liebe zu,

    und Braga gab den Segen!

    Und ewig, ewig ist der Bund.


    Im Jahre 1783 schrieb Joseph Martin Kraus - der ursprünglich aus dem Odenwald kam - zu diesem selbst erstellten Text auch die Musik, wobei es konkret um den Abschied eines engen Freundes - es war der Wiener Kaufmann Johann Samuel Lindemann - geht. Es war Kraus´ Abschiedsgeschenk, das wohl auch im Text ganz persönliche Bezüge aufweist, die der heutige Leser/Hörer nicht mehr ganz nachvollziehen kann.

    In diesem Text begegnet man einigen Begriffen aus der altnordischen Mythologie, wie Skulda, Braga und mit Obaddon könnte wohl auch Abaddon gemeint sein, denn die Zeitspanne von der Entstehung bis heute ist lang.

    Dieser Text ist schon etwas seltsam anmutend, gewinnt aber, wenn die Musik hinzukommt; zum Beispiel dort wo es heißt: »... und folgt mit bleiernem Schritte ...«
    Hier wird diese Schwere in Musik und Singstimme hörbar.

    Auf einer Kraus-CD »Complete German Songs« befinden sich 26 Lieder, die meisten so um die zwei Minuten; das kürzeste Stück dauert nur 0:22, »Abschied« ist mit 7:14 das deutlich längste Lied.


    Joseph Martin Kraus war ein Zeitgenosse Mozarts, im gleichen Jahr wie dieser geboren, und ein Jahr nach Mozarts Tod auch relativ jung gestorben. Irgendwie erinnert Kraus aber auch an Robert Schumann, denn wie dieser - aber weit länger - hatte Kraus Jura studiert. Eine weitere Parallele zu Schumann ergibt sich, weil auch Kraus literarisch interessiert war; während seiner Studienzeit in Göttingen hatte er Verbindung zum Göttinger Hainbund. Seine Lieder komponierte Kraus immerhin nach Texten in sechs verschiedenen Sprachen, nämlich dänisch, niederländisch, deutsch, italienisch, französisch und schwedisch - und wenn er deutsche Texte verwendete, findet man oft den Namen Matthias Claudius, der auch dem Hainbund nahestand.

    Im Sommer 1778 ist Kraus nach Schweden ausgewandert, weil ihn ein schwedischer Kommilitone während seines Studienaufenthalts in Göttingen für die künstlerischen Möglichkeiten in diesem Land begeistern konnte. Kraus hatte es dort als Komponist - nach einigen wirtschaftlichen Anfangsschwierigkeiten - zu einer großen Popularität gebracht, die noch heute nicht erloschen ist. König Gustav III. schickte den jungen Musikus auf eine vierjährige Bildungsreise durch Europa, wo er musikalische Größen wie Haydn, Gluck, Salieri ... persönlich kennenlernte; insbesondere Haydn soll von Kraus´ Arbeiten begeistert gewesen sein.