Und wie haltet ihrs mit Zugaben?

  • Zitat

    Original von Walter HeggendornDas Schöne an Chorkonzerten ist der Umstand, dass jedes Chormitglied (v.a. bei Laienchören) die halbe Verwandt- und Bekanntschaft zum Konzertbesuch motivieren kann: Die Fangemeinde ist also unendlich reicher bestückt als im „normalen“ Sinfonie-, Kammermusik-, oder Solistenkonzert. Und die Fans wollen eben Futter.


    Lieber Walter, das ist ein interessanter Punkt. Dennoch: Ich erlebe viele Konzerte vor heimischen Publikum, die meisten Konzerte jedoch in der "Fremde". Einen Unterschied in der Begeisterung ob des Vortrages des Chores kann ich allerdings kaum feststellen. Festzuhalten gilt jedoch, das Chorkonzerte viel mehr vom "einfachen Volk" besucht werden als Sinfoniekonzerte. Der Unterschied zeigt sich in der Reaktion des Publikums: sie ist offener, weniger reserviert und vor allem ungeheuer herzlich. Vielleicht ist dies der wichtigeste Faktor?


    Zitat

    Auch ich kann akzeptieren, dass die freudige Energie des Geschehens durch Zugaben noch etwas verlängert wird. Aber alles hat ja bekanntlich zwei Seiten: Das Konzertprogramm führt mich (im besten Fall) in die beabsichtigte Stimmung der angekündigten Werke: die Zugaben aber verwischen diese wieder.
    Sie schenken hinwiederum ein allgemeines Gefühl von Freude und Dankbarkeit, das weiss Göttin auch nicht zu verachten ist.


    Was ich schon zu beschreiben versuchte ist, dass mindestens eine Zugabe in einem Chorprogramm oft fest eingeplant ist.


    Mit dem Programm eines Chorkonzertes wird der Zuhörer durch die Höhen und Tiefen der Seele geführt. Es gibt Werke in denen man vor Rührung weinen möchte, und Stücke in denen die Begeisterung kaum zurückgehalten werden kann.
    Das Konzert wird häufig mit einem knalligen Stück beschlossen, um die eine Stunde lang aufgebaute Begeisterung des Publikums zu einem Höhepunkt zu treiben und dann während des Schlussapplaus' die Möglichkeit zu bieten, die Begeisterung, um nicht zu sagen Spannung, mit einem Male heraus zu lassen.
    Wenn die Menschen ihrer inneren Begeisterung genügend Ausdruck verliehen haben, erst dann haben sie die innere Ruhe, sich durch ein besinnliches Abendlied auf die Nacht einstimmen zu lassen. Umgekehrt ist dies nicht möglich. Das Konzert mit einem Abendlied zu beschließen ist nicht schön, weil die Stimmung durch den Applaus wieder zerstört wird.


    Es ist schon eine Wissenschaft für sich, wie man (Chor)Konzerte zusammenstellt.. :D


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • Lieber Pamphili,


    genau solche Beispiele machen mich zum Zugabenverächter: Dieses didaktische „Schau-solche-Musik-gibt-es-auch-noch“ oder „Seht-her-das-kann-ich-auch-noch“!
    Ich ertrage die Zugaben gerne, wenn sie in der Stimmung des Konzertprogramms bleiben, und wenn möglich diese noch verstärken. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Musik zugegeben werden kann, die ich eben wirklich nicht gerne höre, weil ich sie mit unangenehmen Situationen assoziiere. Das ist dann eine Folter! Aber ich bin halt eben ein Mimöselein...


    Sei gegrüsst von
    Walter

  • Zitat

    Original von richard logiewa
    Eine Frage an die "älteren" Jahrgänge!
    Mein Opa berichtet immer vom Wiederholen von Arien innerhalb der Aufführung!!So erinnert er sich lebhaft daran wie in einer Hochzeit des Figaro die dritte Figaroarie ("Ach öffnet eure Augen") 3mal gesungen werden musste weil der Applaus einfach nicht nachlies und viele weiter solcher Geschichten.
    Habt ihr auch solche Erfahrungen gemacht, denn heute ist das ja im Regelfall undenkbar...


    Erlebt habe ich das schon: im Dortmunder Stadttheater während einer Aufführung von "Das Land des Lächelns". "Dein ist mein ganzes Herz" erntete einen derartigen Zwischenapplaus, daß das Lied offenbar bereitwillig wiederholt wurde.


    Somit also auch zu meiner ganz persönlichen Einstellung zum Thema Zugabe: Viele Konzertabende ermöglichen von der Stimmung her Zugaben. Das gilt für Liederabende genauso wie für Konzertantes oder Instrumentalvirtuoses. Und da hätte ich dann auch gerne Zugaben.


    In Köln ist die Zugabe zuweilen institutionalisiert: GMD Stenz hat hier den 3. Akt eingeführt. Ein Überraschungswerk, das am Ende des offiziellen Teiles gespielt wird. Eine fabelhafte Idee von Meister Stenz.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Es kommt ein bisschen darauf an, welche Dramaturgie man für den Abend plant.


    In einem der vorstehenden Beiträge heißt es, dass nach mittlerem Beethoven-Streichquartett in der ersten Halbzeit und Bartok-Streichquartett in der zweiten Halbzeit eine locker-flockige Zugabe deplaciert wäre (ich zitiere sinngemäß).


    Ich bin darüber nicht sicher. Die alten Griechen haben an Festspieltagen erst drei Tragödien aufgeführt und zum Abschluss ein Satyrspiel, also etwas Heiteres. Der Sinn ist klar: Der Zuschauer soll nicht deprimiert entlassen werden.


    Andererseits hat die Argumentation im vorgenannten Beitrag ja durchaus etwas für sich. Nach der Appassionata oder Schuberts letzter Klaviersonate oder Prokofiews 6. Klaviersonate oder oder oder fände ich einen brillanten Moskowski nicht so geschickt. Wenn der Interpret meint, so zum Gesamtkunstwerk des Abends beizusteuern, dann kann er es doch gleich so aufs Programm setzen, und nach dem Bartok noch ein Scherzo von Mendelssohn o. ä. spielen.


    Es kommt halt auf den Abend an. Wenn das Motto eher dem Fantasienamen "Die schönsten Schubert-Lieder" verwandt ist, dann werden Zugaben sicher erwartet und geschätzt. Wenn eine Winterreise programmiert ist, wäre jedes weitere Lied zu viel.

  • Ich erinnere mich an eine Zugaben - Explosion nach einem Pavarotti - Liederabend im Wiener Konzerthaus. Um das Jahr 1970 herum (das Programm samt Autogramm ist leider, wie so vieles andere auch, beim Übersiedeln abhandengekommen) war der Startenor mit seinem italienischen Liedprogramm, das auch auf LP erschienen ist, in Wien zu Gast. Nach dem Ende des regulären Programms ließ er sich nicht lange bitten und gab 5 (fünf) Opernarien zum Besten. Der Jubel war grenzenlos ! Er verabschiedete sich mit den Worten: "Arrivederci in Opera !"


    Ein unvergeßliches Erlebnis !


    Herzliche Grüße vom


    Operngernhörer :angel:

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Es wurde in anderen Beiträgen auch schon geschrieben:
    Zugaben sind vom Programm abhängig, also zum Beispiel nach einer "Winterreise" kaum denkbar!


    Gestern war ich bei einem Klavierabend mit Emanuel Ax:
    Franz Schubert
    Vier Impromptus D 935
    Sonate für Klavier A-Dur D 664
    Sonate für Klavier B-Dur D 960


    Da gab es natürlich auch keine Zugabe!


    In "normalen" Liederabenden sind Zugaben jedoch durchaus erwünscht und auch die Regel. Allerdings sollte das Publikum nach drei Zugaben nicht mehr "fordernd" applaudieren, sondern sich erheben und andeuten, dass man nur noch aus Dankbarkeit für das Dargebotene klatscht.

  • Ich stehe Zugaben immer sehr aufgeschlossen gegenüber.


    Als es in der Hamburgischen Staatsoper noch üblich war Liederabende zu veranstallten, gehört leider nicht mehr zum guten Ton, bin ich sehr heufig in Liederabende gegangen.
    Marilyn Horn geizte hier selten mit Zugaben, die letzten sang sie meist noch ohne Klavierbegleitung, weil sie mehr gab als Noten vorhanden waren.
    Lucia Popp verkündete einst zum Ende eines Liederabends wie unschicklich es sei dort Arien zum Besten zu geben und sang daher kurzer Hand das Lied an den Mond.
    Und warscheinlich hätte es keiner im Saal für möglich gehalten, aber Edita Gruberova verkündete zum Ende eines Liederabends, das sie auch Opern singe und gab daraufhin eine kleine Kostprobe in Form der Arie der Linda de Chamounix.


    Eine andere nette " Zugabe " ist es wenn Künstler von sich aus schon am Eingang ankündigen ( in schriftlicher Form versteht sich ), das sie zum Ende des Abends noch eine Signierstunde veranstallten wollen.
    Keiner ist nach einem anstrengenden Abend dazu gezwungen, ich käme auch nie auf die Idee zum Ende einer Verantalltung eine Garderobe zu stürmen ( wird sicherlich sowieso nicht möglich sein ) und laut Hals:" Ein Autogramm, ein Autogramm, ich bin ich größter Fan, " zu rufen.


    In der Hamburgischen Don Pasquale Produktion was es üblich, das " das Plapperduett " vor herunter gelassenem Vorhang mit Text auf dem selbigen, wiederhohlt wurde.
    Früher war es üblich das ein Sänger während einer Opernaufführung ein Dacapo gab und diese Arien in der Wiederhohlung mit einer anderen Kadenz schmückte ( das dazu heute ein Künstler überhaupt in der Lage ist, davon kann man in vielen Fällen nur noch Träumen, da sich manche wahrscheinlich freuen die Arie überhaupt einmal Fehlerfrei gesungen zu haben ).


    Oder José Cura ( unglaublich 40 inch, auf den CD Covern wirkte er immer schlanker ) als ich ihm eine Hose in die Kabine reichte zu erklären ich säße in drei Tagen in einer Opernaufführung mit ihm und wolle schon jetzt ein Autogramm.
    Aber wenn so etwas angeboten wird bin ich in den meisten Fälle immer schon mit einem Booklett ausgerüstet und wenn nicht, dann eben nicht.
    Zum den eines Arienabends verabschiedete sich Lucia Aliberti von jedem der noch zu ihrer persönlichen Signierstunde kam mit einem Händedruck.


    Der Gipfel der Unverschämheit allerdings ( deswegen idt die Kette jetzt wohl auch Pleite ) erlebte ich im Time Warner Building bei Borders, groß an der Tür angekündigt " Signierstunde mit Fats Domino " ( ich war überrascht das der überhaupt noch lebte ). Da ich in New York auf solche Überraschungsangriffe natrlich weniger gut vorbereitet war, kauft ich also kurzer Hand eine CD für 2, 99 Dollar, in einem anderen Geschäft.
    Bei der Signierstunde dann der große Aufschrei durchs Ladenmikrophone: "Fats Domino is in the House," es folgte ein dezentes Applaudieren.
    Dann die nächste Durchsage" nur wer sich hier seine Tribute CD gekauft hat darf sich hier zum Signieren anstellen ", die Kassenbons wurden vorher von einem Herrn der Sicherheit überprüft ( auf der CD sang er selbstverständlich nicht er selbst und sie wurde auch im Geschäft angespielt, gruselig).
    Stellen sie sich vor sie Stünden zum Beispiel zu einer Signierstunde mit Barbra Streisand an, müßten aber vorher eine CD erwerben auf welcher Madonna, Rihanna und Christina A. ihrer Stücke dem Erdboden gleichmachen.
    Jedenfalls das Beste kam dann zum Schluß, statt Fats Domino, saß in einer Ecke Fat Domino, die Bookletts wurden einkassiert und man hinterließ seine Adresse damit man diese dann per Postzugstellt bekommt, wahrscheinlich signiert von der Sekretärin, denn er selber war zu diesem Zeitpunkt in Hamburg auf der Reeperbahn, wie man in einer einschlägigen Deutschen Tageszeitung nachlesen konnte.
    So etwas scheint nur in Amerika möglich zu sein, ich bin mir ganz sicher hier in Deutschland wäre es in diesem Geschäft wegen Vortäuschung falscher Tatsachen , oder um es deutlicher zu sagen, wegen offensichtlichem Betruges, zu einem Eklatt gekommen.
    Gut das ich in diesem Geschäft, wie dannach übrigens dannach auch nie wieder, eine CD gekauft habe.

  • Es gibt natürlich Konzerte, in denen Zugaben schlecht denkbar sind, z. B. wenn das Programm schon ein mittellanges Werk vor der Pause und ein langes Werk nach der Pause vorsieht. Dann sind die Protagonisten meistens körperlich so erschöpft, dass sie es einfach nicht mehr können.
    Aber in Solistenkonzerten, z. B. Klavierabenden, erlebt man es immer wieder, dass Solisten gerne Zugaben geben, vor allem, wenn sie immer wieder in diese Städte kommen.
    Als ein Beispiel will ich Alfred Brendel anführen, dessen Konzerte (immer ausverkauft) in Köln ich beinahe zehn Jahre besucht habe: er ging nie unter zwei Zugaben, meistens sogar drei Zugaben von der Bühne, so auch in seinem letzten Jahr 2008. Das gleiche Programm sah ich dann drei Monate später in Flensburg beim Schleswig Holstein Musik Festival, wo er nur deswegen eine Zugabe weniger gab, weil während des Konzertes etliche der altersschwachen Stühle knarrten und ein Beschlag abfiel, was ihn dazu bewog, nach 5 Minuten die Sonate B-dur D.960 von Schubert abzubrechen und nach einem "bösen" Blick ins Publikum von vorne zu beginnen.


    Köstlich!


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Elly Ney soll nach einem Rezital als Zugabe einen regelrechten Brocken dem Publikum dargeboten haben:


    Schumann: Symphonische Etüden


    Man kann das Publikum mit Encores überraschen und mit dem Effekt spielen.

    Ich mag mich an ein Konzert der King's Singers in Zürich erinnern. Die Herren sangen entgegen dem gedruckten Programm Birds Lamentation of Jeremiah und weitere Renaissance Motetten. Trotz der beachtlichen Leistung war man wegen des ausgefallenen Programms enttäuscht. Der Rest des langen Konzertabends bestand aus jeweils angesagten Zugaben. Vergnügt und reich beschenkt fuhr ich mit dem letzten Nachtzug nach Hause.

    Ich bin soweit, in meinen Beiträgen Rechtschraibfehler stehen zu lassen als menschlicher Protest gegen die perfekte KI-Welt.



  • Ich gehöre zu der Spezies, die völlig auf Zugaben verzichten könnte. In der Regel komme ich wegen der Musik, weniger wegen einzelner Künstler in ein Konzert. Und die angekündigte Musik habe ich dann ja gehört. Warum soll mir nach einer schönen Beethoven-Sonate oder dem Schumann-Klavierkonzert noch irgendein Liszt oder Skrjabin die Stimmung verändern? Ich schwelge noch im soeben gehörten Werk und benötige keine Tastenakrobatik hinterher.

    Wenn ich das Publikum um mich herum beobachte, bin ich da aber wohl eine große Ausnahme....

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

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  • Ich gehöre zu der Spezies, die völlig auf Zugaben verzichten könnte.

    Ich auch. Mich strengen Zugaben eher an.


    Auf der anderen Seite ist es aber auch keine Katastrophe, wenn die Leute vor Begeisterung noch irgendein Schmankerl haben wollen ... ;)

  • Bei mir hängt es vom Hauptprogramm ab. Nach einem schönen Stück von Bach kann ich Zugaben überhaupt nicht vertragen, es sei denn, es ist noch ein Bach.

    Manchmal ist die Zugabe für mich eine Zugabe, die als solche gar nicht geplant ist. Vor Jahren spielte man in Essen im Sinfoniekonzert konzertant "Herzog Blaubarts Burg" von Bartok und "Erwartung" von Schönberg. Da habe ich lieber den Blaubart an zwei Abenden gehört und Schönberg als Zugabe betrachtet und sie mir geschenkt.

    Versager versagen, weil sie das am besten können (Heinz Strunk)

  • Zugaben nach Aufführungen, welche von vornherein mehrere Werke (>5) von verschiedenen Komponisten und Interpreten beinhalten finde ich nicht störend, wenn der Gesamtcharakter einer Aufführung erhalten bleibt. Wenn ich aber ein Konzert mit nur einem Hauptwerk besuche, dann wäre eine Zugabe auch von einem guten Stück nicht sinnvoll, denn es verdrängt die Stimmung welche ich beim Hauptwerk empfunden habe. Es käme mir vor, wie wenn ich nach dem Genuss eines guten Schweinsbratens noch ein Schnitzel serviert bekäme.


    Mahlzeit wünscht Ernst

  • ich mag Zugaben auch nicht,

    Vikingur Olafsson hat nach seinen Goldberg Variationen , die er im Wiener Konzerthaus gespielt hat, gleich gesagt das er keine Zugabe gibt weil das den für Abend gar nicht gut wäre....

    Ausser ich habe so einen total gemischten Abend...oder statt 10 Schubertliedern und 2 dazu....aber sonst mag ich es nicht.

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  • Ich mag Zugaben. Man weiss nie, was der Interpret spielen wird. Ich bin enttäuscht, wenn's keine gibt.


    Es gibt Liederabende, bei denen die Zugaben einer gewissen Dramaturgie folgen. Bei der letzten weiss man dann, jetzt ist Schluss.


    Bei gewissen Werken ist es Brauch, dass es keine gibt. Zum Beispiel: Winterreise

    Ich bin soweit, in meinen Beiträgen Rechtschraibfehler stehen zu lassen als menschlicher Protest gegen die perfekte KI-Welt.



  • Hirnforscher Manfred Spitzer über

    Die Psychologie der Zugabe (SWR Kultur)

    Überzeugt Dich die Argumentation? (Ich meine nicht den Abschnitt über die Darmspiegelung ;))

    Ich halte den Beitrag trotz des Nobelpreises ;) für ziemliches Gefasel!. Ganz besonders deswegen, weil die Peakargumentation bei mir überhaupt nicht zieht .... :(

  • Naja, so wirklich zum Thema hatte der Professor ja nichts zusagen. Was die Künstlerperspektive betrifft hat er aber m. E. Recht: nachdem „Hauptgang“ ist man gelöst, befreit und kann die Zugabe ganz ohne Druck spielen; denn m. E. erwartet da niemand mehr etwas Großes. Das kann vielleicht gelegentlich dazu führen, daß man sich selbst (und damit das ganze Unterfangen) übertrifft.


    Der psychologische Teil zu Beginn des Interviews ist m. E. zu relativieren: auf normales Durchschnittspublikum mag es vielleicht zutreffen, daß aus dem Gesamterlebnis ein Mittelwert gebildet wird. Für den spezialisierten Hörer, der extra wegen der „Hauptspeise“ kommt, wird diese auch im Focus bleiben und die Garnierung (z.B. Zugabe) keinen Einfluss nehmen; die wird ggfs. gesondert gewertet. Aber da mag es auch Ausnahmen geben (s. erster Absatz, letzter Satz).


    Es kommt, denke ich, auf den Rahmen des Konzertes an: nach einer bunten Mischung aus Liedern und/oder Clavierstücken kann etwas aus der Richtung durchaus noch folgen. Ein Requiem oder eine Passion stehen für sich, da kann bzw. sollte keine Zugabe folgen, denn das ist kein Konzert in dem Sinne, sondern eine Art Gottesdienst und keine Zirkusvorführung. Beim Messiah wird ab und zu mal das Halleluja am Schluß wiederholt; das ist irgendwie: naja ... kann man, muß man aber nicht, zumal Amen das Schlußwort ist, aber irgendwie passt das Halleluja dann doch.


    Die Goldbergvariationen sind auch etwas wie ein „Gottesdienst“ - da passt einfach nichts mehr danach. Es gibt ja auch kein Dessert zum Abendmahl. Üblicher Weise gehen die Leute ja ins Konzert, um einen bestimmten Künstler zu hören: da werden Zugaben sicherlich anders wahrgenommen (quasi als Geschenk) als wenn ich wegen des Werkes hingehe. Der Grund für den Konzertbesuch ist hier wohl maßgebend.

    You might very well think that. I couldn't possibly comment.“ (Francis Urquhart)

  • Überzeugt Dich die Argumentation? (Ich meine nicht den Abschnitt über die Darmspiegelung ;))

    Ich halte den Beitrag trotz des Nobelpreises ;) für ziemliches Gefasel!. Ganz besonders deswegen, weil die Peakargumentation bei mir überhaupt nicht zieht .... :(


    Und weiter geht's:


    Die musikalische Zugabe aus der Sicht der Musiker (SWR Kultur)


    Interessante Duplizität der Themata.

    Ich habe mir soeben auch diesen Beitrag angehört, und es war nicht einfach, das Gehörte zu verarbeiten. Die psychologisch - medizinischen Argumente von Flow, Adrenalin- und Dopamin-Fluss von Hirnforscher Manfred Spitzer nehme ich einmal kommentarlos zur Kenntnis. Jedoch glaube ich, das es sich dabei hauptsächlich um die Empfindungen des Musikers handelt, im Gleichklang oder Gegensatz zu den Empfindungen des Zuhörers. Der innere Zwang eines Musikers, das Beste zum Schluss zu geben, kann nur bei der Aufführung von mehreren Werken erfolgen. Dazu kommt das schlussendliche Überraschungsmoment, welches die Zuhörer programmgemäß 'vom Hocker' reißen soll. Damit bin ich einverstanden. Dieses Gespräch hat aber keinen Bezug auf Zugaben nach einem Einzelwerk.



    Grüße aus Österreich,

    Ernst

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  • Ich weiß nicht mehr, was auf dem Programm des Abends stand, und ich bin unsicher, ob der Pianist Shura Cherkassky oder Mieczysław Horszowski hieß. Ich kann mich aber an eine folge fulminanter Zugaben erinnern, dass die letzte ein Boogie-Woogie war und das ich mich nicht daran erinnern kann, dass die gut 2.000 Besucher im Großen Saal der Alten Oper jemals so derart ausgerastet sind, wie während dieser Zugaben. Der Jubel und die unfassbar mitreißende, euphorische Stimmung am Ende haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.


    Zugaben mag ich, wenn sie passen. Ob sie passen, merke ich, wenn sie gespielt werden.

    Wer sich neulich nicht wirklich lange bitten lies, war Khatia Buniatishvili. Das wirkte nicht sehr organisch, nicht nach Laune, sondern Plan.

    Ein gewisses zirzensisches Moment ist manchmal toll, manchmal wirkt's affektiert.


    Es kommt darauf an.

    „In sanfter Extase“ - Richard Strauss (Alpensinfonie, Ziffer 135)

  • Wer sich neulich nicht wirklich lange bitten lies, war Khatia Buniatishvili. Das wirkte nicht sehr organisch, nicht nach Laune, sondern Plan.

    Ja das war eindeutig ein absolvierter Plan der absurd schnell nach Verklingen des Hauptwerkes umgesetzt wurde. Natürlich nur, damit noch mehr Kusshände verteilt werden konnten! :P

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Zugabe, ja oder nein? Für mich kommt das immer drauf an. Nach den Schlusstakten von Tschaikowskis "Pathétique" brauche ich gewiss nicht den "Hummelflug". Aber es gibt natürlich Werke, wo sich ein solcher Encore durchaus vorstellen ließe. Mir scheint, gerade in Russland sind Zugaben bis heute die Regel. Zumindest ist mir das bei dortigen Konzertübertragungen immer wieder aufgefallen. Im deutschsprachigen Raum sind Zugaben wohl primär bei Pianisten gängig. Nach einem Klavierkonzert wird es vom Publikum ja fast schon erwartet.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • dass die letzte ein Boogie-Woogie war

    Da würde ich Shura Cherkasky als Pianisten vermuten, das war eines seiner Encore-Highlights. Gab's von ihm als Zugabe auch auf einer LP mit dem b-moll-Konzert von Tschaikowsky.


    Zugaben passen nicht immer, da, wo es denkbar wäre, gehörte ich zu denen, die sie auch laut zu erklatschen versuchen. Ciccolini war da immer großzügig, und in Köln hatte Markus Stenz für die Gürzenich.Konzerte den dritten Akt eingeführt. Das war eine etablierte Zugabe, bei der man nicht wusste,was es vorher gab. Manchmal war das regelrecht umwerfend, etwa, als er "The unanswered Question" aufführte, mit im Saal verteilten Trompeten (ich liebe dieses Stück ohnehin innig). Bei Bruckner gab's keinen dritten Akt, das war abhängig vom Konzertprogramm.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Ah, super. Danke für die Ergänzung. Ich tendierte zu Shura, war aber unsicher. Der war auch schon recht alt. Das war umwerfend.

    „In sanfter Extase“ - Richard Strauss (Alpensinfonie, Ziffer 135)

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  • Und hier ist sie: Bogie-Wogie-Etude von Morton Gould:



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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