Hans Pfitzner (1869-1949):
DER ARME HEINRICH
Musikdrama in drei Akten
Libretto nach einer mittelhochdeutschen Verserzählung des Hartmann von Aue
von James Grun
Uraufführung am 2. April 1895 in Mainz
DIE PERSONEN DER HANDLUNG
Heinrich, ein deutscher Ritter (Tenor)
Dietrich, einer seiner Mannen (Bariton)
Hilde, dessen Weib (Sopran)
Agnes, beider Tochter (Sopran)
Der Arzt, gleichzeitig Mönch im Kloster zu Salerno (Baß)
Mönche
Ort und Zeit: Heinrichs Burg in Schwaben; das Kloster zu Salerno, um 1190.
INHALTSANGABE
ERSTER AKT
Das Gemach des Ritters Heinrich in seiner Burg.
Das Orchestervorspiel („Wilde Schmerzen und wüster Traum“) schildert das Siechtum Heinrichs, der krank auf seiner Burg darnieder liegt.
Wenn sich der Vorhang geöffnet hat, sieht man Hilde und Agnes, die Heinrich auf seinem Lager liegend umgeben. Mutter Hilde lobt den Opfergeist ihrer Tochter Agnes, die den Kranken seit langer Zeit rührend pflegt.
Ein Hornruf meldet Dietrichs Ankunft; er war nach Salerno gereist, um einen Wunderarzt für seinen Herrn zu befragen. Agnes eilt ihrem Vater entgegen, Hilde aber bleibt bei dem Kranken zurück. Heinrich schlägt die Augen auf und Hilde gibt ihm mit tröstenden Worten einen Genesungstrank.
Diertrich tritt in den Raum und wirft sich seinem Herrn zu Füßen, Agnes setzt sich weinend auf einen Stuhl. Nach der ersten Freude des Wiedersehens fragt der Ritter nach dem Ergebnis der Reise. Dietrich erzählt zunächst in einer langen Schilderung von seinen Reiseerlebnissen; dann kommt er auf die Äußerungen des Arztes zu sprechen: Heinrich kann durch das Blut einer tugendhaften Jungfrau gerettet werden, wenn die sich freudig für ihn hingebe. Heinrich erhebt sich nach langem Schweigen, läßt sich seine Waffen geben und bricht dann vor seinem Lager zusammen. Er bittet um die Gnade Gottes und um seinen Tod. Dietrich drängt die Frauen zur Türe hinaus, aber Agnes reißt sich los, kommt zurück und wirft sich an Heinrichs Brust. Der Vorhang fällt.
ZWEITER AKT
Schlafgemach von Hilde und Dietrich.
Die beiden Eheleute sind noch wach und von einer merkwürdigen Unruhe erfaßt. Hilde blickt ahnungsvoll zur Tür, durch die gerade Agnes eintritt. Sie teilt beiden ihren unabänderlichen Entschluß mit, ihr junges Leben für den kranken Heinrich opfern zu wollen. Dietrich widersetzt sich mit dem Argument, ihre reine Unschuld dürfe nicht das Opfer für das Fehlverhalten eines anderen werden. Agnes weist aber auf den Opfertod Christi hin und selbst das Flehen der Mutter kann sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen.
Agnes sieht in einer visionären Entrücktheit den genesenen Ritter Heinrich für sein Land kühn streiten, Mutter Hilde aber sucht Rat und Hilfe in einem Gebet. Dann steht sie auf, segnet Agnes und überläßt sie Gottes Hand, aus der sie einst das Kind empfangen hat. Jetzt ist auch Dietrich bereit, der Tochter seine Zustimmung zur Rettung des Ritters zu geben. Freudig dankt Agnes ihren Eltern und will sich verabschieden; dabei bricht Mutter Hilde zusammen. Dietrich führt zunächst die Tochter zur Türe, wendet sich dann helfend an seine Frau und bettet sie auf das Lager. Jetzt aber, sagt er sich, gilt es, bei Heinrich noch einen harten Strauß auszufechten: Er will versuchen, seinen Herrn zu überzeugen, die Annahme des Opfers seiner Tochter abzulehnen. Vorhang.
DRITTER AKT
Der Klosterhof in Salerno.
Dietrich ist mit seiner Frau Hilde in Salerno eingetroffen und bemüht sich um die völlig verzweifelte Frau. Dann schließen sie sich den zur Frühmesse eilenden Mönchen an.
Im Zimmer des Arztes wird Licht angezündet. Heinrich kommt mit Agnes und er bittet sie, ihn von seinem Wort zu entbinden. Ehe Agnes antworten kann, kommt der Arzt, um das Mädchen zu prüfen, ob es denn das Opfer auch freiwillig und aus reinem Herzen erbringen will. Während aus der Kirche feierliche Gesänge zu hören sind, stellt ihr der Doktor noch einmal eindringlich die Konsequenzen ihres Opfers vor Augen. Agnes aber erklärt ihm, keine Furcht zu haben. Überwältigt von dieser menschlichen und seelischen Größe verheißt er dem Kranken eine baldige Rettung von seinen Leiden.
Jetzt aber kommt Heinrich zu Bewußtsein, was da Entsetzliches geschehen soll und Agnes hat alle Mühe, ihn zu beruhigen. Sie ruft den Doktor heran und begibt sich mit ihm in das Opfergemach. Heinrich bricht besinnungslos zusammen. Als er wieder zu sich kommt, hat sich die Tür des Gemachs geschlossen und er fordert vergebens Einlaß. In großer Angst um Agnes ruft er aus: „Nicht mehr will ich gerettet sein!“ Als er mit letzter Kraft wuchtig an die Türe schlägt, springt sie unter Donnergrollen auf und Heinrich sieht die gebunden auf einem Tisch liegende Agnes, die er unter großen eigenen Schmerzen von der Fesselung befreit.
Aus der Kirche kommen die Mönche und Dietrich mit Hilde und der Arzt verkündet allen das soeben geschehene Wunder: Durch Agnes' Bereitschaft zum Liebesopfer hat sich Heinrich durch Selbstüberwindung aus dem eigenen seelischen Gefängnis befreit und ist gesundet.
Jubelnd eilen Dietrich und Agnes auf die Tochter zu und alle vereinen sich zu einem hymnischen Preis auf die Gnade Gottes. Als nach dem Gesang Dietrich seinen Herrn fragt, ob er Waffen und Pferd bringen soll, wehrt Heinrich die Frage ruhig ab und sagt, er wolle ohne Pracht, dafür zu Fuß und in Demut nach Hause pilgern. Die Oper schließt mit dem leisen Mönchsgebet „Gelobt sei Jesus Christus“.
INFORMATIONEN ZU KOMPONSIT UND WERK
Hans Erich Pfitzner wurde am 5. Mai 1869 Moskau geboren und starb am 22. Mai 1949 in Salzburg. Seine letzte Ruhestätte fand er in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 14 C, Nummer 16).
Pfitzner fühlte sich der Romantik verpflichtet, den Traditionen von Schumann, Brahms und Wagner. Leidenschaftlich attackierte er das von Schönberg aufgestellte System der Zwölftonmusik und polemisierte gegen Busonis „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“.
Pfitzners Partitur des „Armen Heinrich“ läßt zwar die nachhaltige Wirkung der Musik Wagners erkennen, hat jedoch unter Berücksichtigung der Jugend des Autors durchaus einen hörbaren Eigenzug. Die Dramatik der Tonsprache Wagners ist in dieser Oper von einem eher nach innen wirkenden Klang abgelöst, der weniger theatralische Wirksamkeit ausdrückt, wohl aber psychologische Wahrheit nachzeichnen will.
Die „wunde Stimmung“ des ersten Aktes mit dem an Wagners „Tristan“ erinnernden Orchestervorspiel „Wilde Schmerzen und wüster Traum“ wird abgelöst durch die schwungvoll-ritterliche Musik bei Dietrichs Ankunft sowie die Naturschilderung von Dietrichs Italienfahrt und Heinrichs ergreifenden Abschied von seinen Waffen. Die intime Stimmung des zweiten Aktes führt über den zunächst zürnenden Vater, die betende Mutter in kühnem Stufenbau zum Höhepunkt ekstatischer Entrückung. Im dritten Akt zeichnet die Verwendung von Kirchentonarten, die klösterliche Stimmung nach; von äußerst bewegender Wirkung ist Heinrichs zarte Lied „In deiner Jugend zarter Blüte“, echter Pfitzner ist außerdem der mit seinem verhauchenden Piano innerste Bereiche erreichende Ausklang.
© Manfred Rückert für TAMINO-Opernführer 2010
unter Verwendung von
Reclams Opernführer von 1951
Reclams Opernlexikon von 2001 (digitalisiert)
Wikipedia-Artikel über Hans Pfitzner