Anna Bolena - Wiener Staatsoper, 2. und 5. 4. 2011

  • Anna Bolena
    Wiener Staatsoper,
    2.4.2011


    Den zu erwartenden Triumph für die Sänger brachte die Premiere von Gaetano Donizettis „Anna Bolena“ heute am Abend. Lange hat es gedauert, bis diese Tudor-Oper in der Wiener Staatsoper erstmals aufgeführt wurde und kaum eine Premiere dieser Spielzeit hat so viel Aufmerksamkeit aufsich gezogen, wurden doch mit Anna Netrebko und Elina Garanca zwei absolute Superstars der aktuellen Opernszene unter Vertrag genommen, die beide noch dazu ein besonderes Naheverhältnis zu Wien haben. Die eine hat hier ihren Wohnsitz, der anderen gelang hier ihr Durchbruch.


    Beide Sängerinnen zeigten sich in Top-Verfassung, meiner Meinung nach wurde ihnen aber von Elisabeth Kulman die Show gestohlen, die die insgesamt überzeugendste Leistung des Abends bot. In ihrer Rolle als Smeton, den verliebten Pagen, der unabsichtlich zum Helfer des Enrico VIII wird, konnte sie ihre Stärken ausspielen. Einerseits ist sie eine hervorragende Schauspielerin, die die Hoffnungen des Pagen auf eine doch unerfüllt bleibende Liebe glaubhaft darstellte, andererseits bestach sie durch eine hervorragende Technik, fundierte Tiefen und – wenn notwendig - auch strahlende Höhen. Ein an diesem Abend nicht zu übertreffendes Gesamtpaket.


    Wenn man nur die Perfektion des Singens betrachtet, wird man zur Zeit an Elina Garanca wahrscheinlich nicht vorbeikommen. Da sitzt jeder Ton, jede Koloratur perfekt. Aber fast schon zu perfekt – sie erinnert mich in ihrer Darbietung fast an die Gruberova, wo ich oft das Gefühl hatte, einem seelenlosen Roboter zuzuhören. Garanca ist schon von Beginn an von der Statur her ganz eine Königin, die aber – im Gegensatz zu ihrer Rivalin – diesen Plan sehr berechnend durchführt. Auch in der Szene mit Netrebko, als Giovanna Seymour sich geläutert gibt, hatte man niemals das Gefühl, dass Giovanna dies auch nur ansatzweise ernst meint – alles gehört zum Plan, das Endziel – die Besteigung des Thrones – zu erreichen.
    Nichtsdestotrotz bezweifle ich, dass es zur Zeit viele Sängerinnen gibt, die Garanca auch nur annähernd in Punkte Technik das Wasser reichen können. Was ebenfalls wichtig ist – sie besitzt ein unverkennbares Timbre – man weiß sofort wer singt. Und in der heutigen Zeit sind diese markanten Stimmen doch relativ selten geworden.


    Das Gegenteil dazu ist Anna Netrebko, die im letzten Jahr noch besser als früher geworden ist. Die Stimme ist voller geworden, allerdings kann sie jetzt viel mehr Zwischentöne von sich geben (die Formulierung ist sicherlich nicht optimal, ich hoffe dass man weiß, was damit gesagt werden soll). Die Anna Bolena ist eine relativ lange Rolle und verlangt von der Sängerin eine gewisse Kondition, was für Netrebko kein Problem ist. Man weiß in der Zwischenzeit, dass sie manchmal zu gewissen Ungenauigkeiten beim Gesang neigt – das war auch dieses Mal der Fall. Allerdings macht sie das durch ihre Hingabe an die Rolle, eben durch diese „Zwischentöne“ mehr als wett. Hier stand keine „Figur“ auf der Bühne, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, die bis zum Schluss ihre Haltung als Königin bewahrt. Ein schöner Regieeinfall (ja, so was gab es auch, aber ganz selten) war, dass man bei der ansonsten ziemlich misslungenen Schlussszene auch die kleine Elisabetta I auftreten ließ. Netrebko sang ihre Wahnsinns-Szene mit viel Hingabe und wurde nach der Vorstellung vom Premierenpublikum bejubelt.


    War die weibliche Besetzung durch und durch großartig – wie gesagt, jede auf ihre ganz persönliche Weise -, so fällt das Resümee bei den Herren gemischt aus. Überzeugend agierte Ildebrando d’Arcangelo als Enrico VIII. Bei der Generalprobe war er noch ersetzt worden, auch im Programmheft erscheint als Premierensänger der Einspringer von der Generalprobe, doch anscheinend ist es zu einer Wunderheilung gekommen…


    D’Arcangelo gab einen richtigen Renaissancefürsten, der mit einem Fingerzeit Existenzen aufbauen oder vernichten konnte. Von sich sehr eingenommen, auf niemand anderen hörend, überheblich. Auch der rabenschwarze Vollbart unterstrich den sinistren Charakter des Königs, der zwischen den beiden Königinnen (der Aktuellen und der Zukünftigen) fast schon so wirkte wie Alberich bei den Rheintöchtern. Stimmlich scheint er mir bei Mozart besser aufgehoben als im Belcanto-Fach, aber vielleicht sollte man nicht allzu streng urteilen – immerhin hat er erst eine Krankheit übertaucht.


    Der Sänger der Rolle des Lord Riccardo Percy, Francesco Meli, wirkte – besonders im 1.Akt – auch nicht besonders taufrisch. Immer wieder wischte er sich den Schweiß von der Stirn um vom Gesicht (aber vielleicht transpiriert dieser Sänger auch extrem – wer weiß..). Stimmlich ist er über das Belcanto-Fach schon hinaus, die Kantilenen waren nicht ganz so „rund“, wie man es sich erwarten konnte. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass er phasenweise mit zu viel Druck gesungen hat.


    Dan Paul Dumitrescu
    sang zufrieden stellend (wer sich mit dem historischen Lord Rochefort beschäftigt hat weiß, dass dieser wahrscheinlich nicht so einen gutmütigen Eindruck gemacht hat) und im Rahmen seiner Möglichkeiten. Peter Jelosits als Hervey klang viel zu hart und war der sängerische Schwachpunkt des Abends.


    Ich kann mich nicht erinnern, das in den letzten Jahren im Belcanto-Fach an der Wiener Staatsoper Dirigent und Orchester bereits nach der Ouvertüre die ersten „Bravo“-Rufe erhielten. So geschehen heute – und Evelino Pidó scheint das Staatsopernorchester wirklich dazu gebracht zu haben, Donizetti (endlich) ein wenig differenzierter zu spielen. Diese Motivation der Musiker trug das ihrige dazu bei, dass der Abend ein großer musikalischer Erfolg wurde. Nicht vergessen möchte ich den Staatsopernchor unter der Leitung von Thomas Lang und Martin Schebesta, wobei mir die Frauen insgesamt besser gefielen als ihre männlichen Kollegen.


    Schon im Vorfeld wurde über die Pracht und Opulenz der Kostüme geschrieben – und ich kann mich dem allgemeinen Lob nur anschließen. Luisa Spinatelli hatte anscheinend die Möglichkeit, budgetär aus dem Vollen zu schöpfen und sie brachte die Ästhetik der englischen Hofmode des 16. Jahrhunderts auf die Bühne. Es geht also auch ohne Straßenanzüge… Auf jeden Fall auch ein Fest für das Auge – das hat es schon lange nicht mehr bei einer Neuproduktion gegeben! Als Ausgleich dazu war das Bühnenbild kahl gehalten, dafür verantwortlich zeichneten Jacques Gabel und Claire Sternberg.
    Kahle Mauern, die durch eine Drehbühne teilweise neu zusammengestellt wurden. Sie konnten unter anderem in der Szene Bolena-Seymour sehr schön die Enge des Tower symbolisieren. Es gab einen Thron und ein Bett – ansonsten brauchte man
    keine Requisiten (diese hätten ohnedies nur von den Kostümen abgelenkt).


    Last – and least – ein paar Bemerkungen zu Eric Génovése, dem Regisseur des Stückes. Ehrlich gesagt hätte ich es auch geglaubt, wenn mir jemand gesagt hätte, dass es sich bei diesem Abend um die 60. Vorstellung der Produktion handelte. Von Personenregie war so gut wie nichts zu sehen – man beschränkte sich auf die Ästhetik der 50er und 60er Jahre. Stehen, Händeringen, Schreiten, Niederknien – habe ich Händeringen schon erwähnt?? Also nichts, was man im Prinzip von einer Regie heutzutage erwartet. Trotzdem finde ich die Produktion gelungen und empfand die Buh-Rufe gegen das Leading Team als ungerechtfertigt.
    Anna Bolena wurde zum ersten Mal in Wien gezeigt – und da bietet es sich doch an, das Werk so zu zeigen, wie es (wahrscheinlich) im Sinne des Librettisten Felice Romani und des Komponisten, Gaetano Donizetti, war. Ja, es ist – von den Kostümen einmal angefangen – eine Art „Retro-Produktion“, doch auch diese haben nach wie vor ihre Berechtigung – und es macht doch auch einmal Spaß, wenn man nicht durch unnötigen Klimbim von der Musik abgelenkt wird – und bei der Qualität des Gebotenen wäre das auch schon fast ein Verbrechen gewesen, wenn man sich nicht 100%ig auf Netrebko, Garanca, Kulman & Co. hätte konzentrieren können.


    Wie beschrieben, die Regie beschwor zwiespältige Reaktionen herauf – ich denke, dass ich am Dienstag jeder selbst ein Bild davon machen kann und für sich selbst bestimmen, wie er diese Art von Produktion empfindet.

    Hear Me Roar!

  • Ich hatte die erste Stunde und die 15 Minuten der Schlußszene im Radio verfolgt und ich fand bedauerklicherweise das gerade in der Schlußszen Frau Netrebko erstaunlich blaß wirkte.
    Es wurde schön gesungen, ergriffen war man aber leider nicht.
    In La Sonnambule in Wien und I Puritani an der Met, vor der Babypause, war sie bezwingender.
    Hier hingegen empfand ich sie als erschreckend Oberflächlich und was fiel schlimmer wog, langweilig und sie klang austauschbar.

  • Hallo Dreamhunter!


    Besten Dank für die Eindrücke von der Wiener ANNA BOLENA. Ich habe sie am Radio gehört und Dein Bericht, hilft mir, die eigenen Eindrücke zu sortieren.


    Insgesamt sind meine Eindrücke nämlich ziemlich zwiespältig. Ich war angetan davon, dass eigentlich durchweg respektabel, ja gut gesungen wurde. Mich hat aber irritiert, wei wenig die als Stars gehandelten Sänger ihren Rollen differnziertes Profil geben konnten und wie klischeehaft sie Gefühle und Leidenschaften ausgedrückt haben und wie formelhaft dramatische Entwicklungen klangen. Da ist doch in diesem Donizetti schon mehr drin.


    Aber wir sollten nicht undankbar sein. Es ist schon was, wenn man drei Damen hat , die gesunde Stimmen haben, technisch einwandfrei singen und gut aufeinander abgestimmt klingen. (Dass Netrebko wieder und wieder eine Schwebung zu hoch intoniert, konnte ich diesmal besser ertragen als in anderen Partien!) Auch der Tenor war doch mehr als nur befriedigend - zumal in den Ensembles. Was hat man doch im Laufe der Jahre für schlimme Erfahrungen machen müssen, wenn sich die armen Tenöre durch die grauenvolle Tessiture der Partie quälen. Meli war sicher nicht ideal, aber er trug das gute Niveau mit. D'Arcangelo hat mich allerdings weniger überzeugt als Dich. Ich fand seinen Giovanni in Berlin ganz vorzüglich aber für diese Donizetti-Partie fehlen ihm doch Gewicht (nicht zu verwechseln mit Volumen oder Kraft) und Profil. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich gerade in der Partie stark unter dem Eindruck des imponierenden Ridderbusch stehe. Seine Auffüührungen damals (neben Teresa Zylis Gara!!) waren einfach etwas ganz Besonderes. Und an Zylis-Gara darf man natürlich auch nicht denken, wenn man Netrebko hört. Aber das ist ein Anderes!


    Grüße aus der Norddeutschen Tiefebene



    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Nach den beiden musikalisch und szenisch gefloppten Mozart-Premieren der aktuellen Saison hat Direktor Meyer mit Donizetti’s Anna Bolena endlich den großen Publikumserfolg eingeheimst, den der in der Kritik stehende neue Direktor des Wiener Opernhauses so dringend benötigt hat.


    180 Jahre nach der Uraufführung hat Donizetti’s Oper über das Schicksal Anne Boleyn’s – eine der berühmtesten der sechs Ehefrauen König Heinrichs VIII. – endlich auch ihren Weg auf die Bühne der Wiener Staatsoper gefunden.
    Auch wenn das Werk noch nicht den melodischen Einfallsreichtum späterer Donizetti-Opern aufweisen kann und das Orchester vornehmlich eine begleitende Funktion hat, gilt es als absolutes Belcanto-Juwel, welches gerade die Sängerin der Titelrolle vor eine schwierige Aufgabe stellt.


    Dieser Aufgabe stellte sich zum ersten Mal in ihrer Karriere Anna Netrebko. Sie gilt nicht wirklich als ideale Belcanto-Sängerin und gerade ihre Ausflüge in das Koloratur-Belcanto-Fach standen oft unter starker Kritik.
    Doch sie wird dieser Partie in weiten Teilen mehr als gerecht. Sie verfügt über eine wunderschöne Mittellage, beeindruckende glasklare Höhen und stellt die Figur alleine schon mit vokalen Mitteln überzeugend dar. Auch wenn sie den ein oder anderen Spitzenton auslässt und man die Partie schon virtuoser gesungen gehört hat, ist Netrebko eine überzeugende Königin, die das Leid dieser von der Geschichte beachteten Figur auch darstellerisch rüberbringen kann. Ganz wunderschön gelingt ihr die Arie im Finale „Piangete voi ….. Al dolce guidami“.


    Für die Partie der Jane Seymour hat die Wiener Staatsoper Publikumsliebling Elina Garanca verpflichtet. Ihr wunderschöner satter Mezzo ergänzt sich wunderbar mit dem Sopran der Netrebko – dies ist mir schon vor zwei Jahren bei den konzertanten Capuleti im Konzerthaus aufgefallen.
    Während man bei Netrebko die ein oder andere Ungenauigkeit mitbekommt, kann man der Garanca nur konstatieren, dass sie absolut makellos singt. Technisch ist sie die „sattelfestere“ Sängerin, da sitzt jeder Ton, jede Verzierung. Gesanglich ist das ganz ausgezeichnet. Aber Emotionen bleiben da irgendwie auf der Strecke. Ihre Giovanna wirkt viel zu kühl und regelrecht machthungrig, was so gar nicht der echten Jane Seymour entspricht, die alles andere als das war. Berechnender war ja da schon eher Anne Boleyn selbst, die in der Oper nur als das arme Opfer dargestellt wird.
    Geschichtlich korrekt ist das halt nicht.
    Trotzdem erweist sich die Garanca stimmlich als Top-Besetzung für ihre etwas undankbare Rolle.


    Es war überhaupt ein Abend der Damen. Denn auch Elisabeth Kulman in der Hosenrolle des Smeton kann stimmlich beeindrucken. Mit ihrem schönen Mezzo gelingt ihr der erste musikalische Höhepunkt des Abends als sie voller Hingabe ihre Canzone singt. Leider neigt sie manchmal dazu, schauspielerisch etwas zu übertreiben, und ihre Mimik und Gestik im Finale erinnert mich doch etwas an einen Stummfilm. Ansonsten eine tadellose Leistung.


    Die Herren dieser Aufführung können da nicht ganz mithalten. Francesco Meli in der Rolle des Lord Percy scheint stimmlich schon etwas über den Belcanto hinausgewachsen zu sein. Er bringt zwar den richtigen Gesangsstil für die Rolle mit und singt die Partie recht gut, aber seine Stimme klingt einfach zu wenig belcantesk. Phasenweise klingt das zu schwer und manche Höhe kommt mit zu viel Anstrengung.


    Absolut enttäuschend ist Ildebrando D’Arcangelo in der Rolle des Königs Enrico. Im ersten Teil des Abends ist die Stimme eigentlich noch gar nicht da – vielleicht eine Folge der Erkrankung, die den Sänger in den Tagen vor der Premiere plagte. Da ist ein richtiges Scheppern in der Stimme, welches zum Glück im Laufe der Vorstellung verschwindet. D’Arcangelo kann sich zwar dann steigern und seine Stimme kommt besser zur Geltung. Doch einen guten Eindruck hinterlässt er nicht wirklich.
    Vor allem auch darstellerisch bleibt er unglaublich blass. Gerade bei König Heinrich VIII. darf man Autorität, Präsenz und Dominanz erwarten. Leider spielt D’Arcangelo den König genauso brav wie er ihn singt. Nie und nimmer hat man bei ihm das Gefühl, dass sich hier ein sich seiner Macht bewusster Herrscher bewegt.
    Bleibt nur zu hoffen, dass der Sänger sich in den Folgevorstellungen noch steigern kann.


    Die Rolle des Lord Rochefort wird von Dan Paul Dumitrescu ordentlich aber auch unauffällig gesungen.


    Das Orchester der Wiener Staatsoper ist in den Händen von Evelino Pidò gut aufgehoben, denn das was da aus dem Orchestergraben kommt ist wirklich Belcanto.


    Die Inszenierung von Eric Génovèse ist dem Werk entsprechend. Kein modernes Regietheater. Das ist das 16. Jahrhundert und das sieht man.
    Personenregie sucht man vergeblich. Es wird viel gekniet und dramatisch mit den Händen gerungen. Gute Darsteller wie Netrebko und Garanca wirken trotzdem authentisch, weniger begabte haben da leider einen Nachteil.
    Einen wunderschönen Regieeinfall gibt es dann doch. Die kurz vor der Hinrichtung wartende Anna Bolena trifft noch einmal auf ihr kleine rothaarige Tochter, die spätere Virgin Queen, Elizabeth I.


    Die Drehbühne wird ganz wunderbar eingesetzt und bietet einmal den Herrscherpalast und wenn sich die Bühne um 180 Grad dreht wird ein Kerker aus dem Tower daraus.
    Requisiten findet man allerdings kaum auf der Bühne. Dafür sind ganz eindeutig die prachtvollen Kostüme von Luisa Spinatelli weitere Stars auf der Bühne.
    Ich weiß nicht, ob sie alle ganz genau in die 1530er Jahre gehören, doch rein optisch sind sie ein Genuß.


    Trotzdem gibt es für das leading team überraschenderweise einige Buhs. Man stellt sich die Frage was die Leute heute eigentlich wollen. Bei modernem Regietheater gibt es regelrecht Buhorkane und dann wird wieder einmal eine konventionelle Inszenierung auf die Beine gestellt und noch immer gibt es Buhs. Wenn auch nicht so heftig. Werden wohl Anhänger des modernen Regietheaters gewesen sein, die über das Dargebotene enttäuscht waren.


    Großer Jubel am Ende des Opernabends. Ganz besonders natürlich für Netrebko und Garanca. Auch große Zustimmung für das restliche Ensemble, vor allem Kuhlmann.


    Gregor

  • Hab am Samstag die Premiere im Radio auch verfolgt und meine Gefühle sind auch sehr zwiespältig. Anna Nebtreko hat natürlich wie erwartet nicht den hohen Schlusston gesungen, und sie konnte mich nicht, ganz anders war da Frau Gruberova in Barcelona , berühren. Besser gefallen hat mir da noch Elena Garanca, die eine wunderschöne Mezzo Stimme hat. Herrn D`Arcangelo fand ich einfach zu blass. Ich glaube Herr Prestia wäre da die bessere Lösung gewesen. DIie Stimme von Herrn Meli fand ich auch zu schwer und er sang bei seiner Arie im ersten Akt auch nicht den hohen Schlusston. Die Rolle des Lord Percy müsste doch eine Idealrolle für Juan DIego Florez sein. Sehr gut fand ich auch das Dirigat von Evelino Pido. Das Werk wird sich beweisen müssen, wenn die beiden Diven nicht singen und es in den Titelpartien adequaten Ersatz geben muss. Wird Frau Gruberova die Anna Bolena auch in Wien singen ?

  • Ich habe Eure Berichte auch mit großem Interesse gelesen und freue mich schon sehr auf die Übertragung am Dienstag Abend.
    Ich muss sie mir aber aufnehmen lassen, da ich am Dienstag Abend nicht zu Hause sein werde.

    Viele Grüße,


    Marnie

  • Also, von der Netrebko denk ich, dass sie einfach zureichend durch die Partie durchkam. Sie hat, sagen wir, so gesungen, wie man eine Belcanto-Partie noch in den 50-ern gesungen hätte, ohne den Callas-Ansatz oder dann der Sutherland-Renaissance. Die Koloratur ist immer noch nicht da (auch in den einfacheren Koloratur-Teil wie den wenigen Stellen im "Coppia iniqua"), Intonationsprobleme stören mehrfach die volle Entwicklung der musikalischen Linie (siehe "Al dolce guidami" und Gebet) und letztendlich ist sie von der Rolle sehr überfordert. Siehe wiederum die letzte Stretta.
    Eine Ausdrucksstärke "trotz" dieser technischen Mängel fand ich auch nicht. Sie wirkte, wie auch die anderen Sänger, ziemlich blaß, monoton und banal. (Garanca und D'Arcangelo sind ja sowieso blaß; das gehört einfach zu ihrer Wesensbestimmung). Der Meli ist stets bereit, sich die Kehle auszuschreien.
    Das Dirigat von Pido war, m.E., richtig skandalös. So viel Schmutz und Uneinheit im Klang kann man nur ganz schwer mit einem so guten Orchester wie dem der Staatsoper erreichen.
    Kurz gesagt, wieder mal eine "Sternstunde", von der viel gesprochen werden wird, man wird die Netrebko die Bolena des XXI. Jahrhunderts nennen, wie die Bartoli nur Norma des XXI. Jahrhunderts wurde (Gott sei dank nur für einige Tage!), und dann wird Alles wieder in die Vergessenheit geraten und das "Star system" wird neue Sensationen produzieren.

    Ecouter, c'est écouter la différence.

  • Wird Frau Gruberova die Anna Bolena auch in Wien singen ?


    Zumindest wird die Gruberova die Rolle im Rahmen eines Gastspieles der Wiener Staatsoper 2012 in Japan singen.


    2013 wird Krassimira Stoyanova die Partie in Wien singen.


    Gregor

  • Liebe Forianer,


    ich hatte es befürchtet, hier hat sich Frau Netrebko wieder einmal verhoben. Ihre gelang es nicht der Anna Bolena ein Profil aufzudrücken - weder gesanglich noch gestalterisch. Zwar ist die Übertragung noch nicht zu Ende aber ich glaube nicht, dass sich da noch etwas ändern wird. Sie modelliert sich mit ihrem Gesang eine Linie zurecht, was mir bei ihr schon immer negativ auffiel. Einen vermeintlichen Spitzenton einfach so reinzuwerfen hat nichts mit Gesangskultur zu tun.


    Elina Garanca ist und bleibt ein Eisklotz. Mit so wenig Emotionen zu gestalten, das ist schon ein Tiefpunkt was einem als Zuschauer so zugemutet wird.


    Wohltuend und Netrebko bzw. Garanca an die Wand singend: Elisabeth Kulmann am Beginn einer Weltkarriere.


    Die Partie des Percy ist eine Mordspartie. Sie verlangt eine dramatische Durchstaltung mit exemplarischer Höhe. Meli schlägt sich hier beachtlich. Auch wenn ich mir hier natürlich auch die hohen Töne am Ende gewüncht hätte. Jedenfalls singt Meli in einer ganz anderen Liga als Netrebko und Garanca. Flórez wäre hier zu leicht besetzt und wäre bei den dramatischen Szenen der Partie baden gegangen.


    Von dem Dirigat Pidos bin ich enttäuscht. Er bietet lediglich Begleitfunktion des Orchesters. Kein Vergleich mit der feurigen Interpretation eines Julius Rudel in der Aufnahme mit Beverly Sills.


    Bin arg enttäuscht - Denn ohne richtige dramatische Einstellungen von Netrebko und Garanca, dazu noch der seltsam anmutenden Einwürfe der Spitzentöne und dann noch ein nur Begleitorchester lässt nur eine weichgespülten Belcanto-Abend ins Wohnzimmer flimmern.


    :hello: LT


    P.S. Hoffentlich meint die Netrebko jetzt nicht auch die "Norma" singen zu müssen. Davor bewahre sie uns!

  • Ich verfolge gerade die Anna Bolena auf Arte, was für mich besonders spannend ist, da ich diese Oper noch nie vorher gesehen habe. So sind auch meine Vergleichsmöglichkeiten äußert beschränkt.
    Zunächst einmal gefällt mir die Musik Donizettis sehr gut, was mich aber nicht sonderlich überrascht. Mit der Aufführung bin ich bislang sehr zufrieden, ich kann viele Punkte, die von euch angesprochen wurden, auch heute abend wieder finden. Positiv fällt mir im Vergleich zum Samstag Abend auf, wo ich etwas im Radio mithörte, dass Tenor Meli nicht so auf die Stimme drückt wie noch in der Premiere. D'Arcangelo scheint auch wieder besser bei Stimme sein, trotzdem fehlt es ihm an königlicher Ausstrahlung. Sehr gut gefällt mir die Garanca, die ich aber nicht als unterkühlt bezeichnen würde. Sie ist nicht so "out going" wie die Netrebko, die zwar nicht so sicher singt wie Garanca, aber dennoch sehr sicher bislang die Rolle bewältigt. Auch die Kulmann macht eine tolle Partie. Gibt es noch jemanden, den ihr Timbre etwas an die Horne erinnert?
    Von "Schmutz und Unreinheit", wie Luca schrieb, kann ich im Orchester nichts hören. Das Dirigat von Pido hört sich für mich sehr passend zur Szene an, auch der typische Belcanto-Klang stellt sich für mich ein.
    An der optischen Seite der Übertragung gefallen mir am besten die Kostüme.

  • Die heutige Übertragung auf ARTE ist kein Premieren-Mitschnitt. Daher bitte keine Vermischungen! Habe deshalb extra einen eigenen Thread eröffnet.


    Wenn man keine Vergleichsmöglichkeiten hat, wird man womöglich alles als "schön" empfinden!


    :hello: LT

  • Wie willst du über Allgemeinplätze hinauskommen, wenn du die Aufnahmen von Callas, Sutherland, Sills, Gruberova und Theodossiou nicht kennst?


    Von all diesen Interpretationen ist die Netrebko meilenweit entfernt!


    :hello: LT

  • Wie willst du über Allgemeinplätze hinauskommen, wenn du die Aufnahmen von Callas, Sutherland, Sills, Gruberova und Theodossiou nicht kennst?


    Von all diesen Interpretationen ist die Netrebko meilenweit entfernt!


    :hello: LT


    Bitte nur die Theodossiou nicht. :D Die frühere Theodossiou kann vielleicht noch hinzugezählt werden,aber das, was Th. seit Jahren mit dem Belcanto-Repertoire macht, ist... Gotteslästerung :D


    Callas, Sutherland, Sills, Gencer und Gruberova, würde ich sagen.
    Die Netrebko hat ja selber erklärt, dass sie sich die Aufnahmen von Callas und Gencer angehört hätte... Anscheinend hat die Anja nicht herausgehört, dass die Bolena neben korrekter Intonation und einer homogenen Stimmpositionierung auch noch Koloratur braucht.

    Ecouter, c'est écouter la différence.

  • Also mir gefällt es wirklich sehr gut. Auch die Interpretation der netrebko gefällt mir vorzüglich. Vor einigen Jahrem, habe ich die Gruberova in Münche in dieser Rolle gehört und sie hat die Bolena wirklich völlig anders gesungen. Ich finde es äusserst reizvoll, diese beiden Sängerinnen zu vergleichen, die meiner Meinung nach beide eine grossartige Königin sind, wenn sie auch die Partie völlig anders singen.
    Auch die Inszenierung gefällt mir sehr gut. Sie lässt der Musik den Vorrang und stzört zu keinem Zeitpunkt. Die Kostüme sind eine wahre Augenweide.
    ich verstehe nicht, was manche Kritiker am Bewegungsvokabular, wie dem häufigen Niederknien auszusetzten haben. Soll Giovanna etwa Walzer tanzen, während sie Anna ihr Verhältnis gesteht????
    Die Inszenierung hatte teilweise wirklich gute Momente, etwas das Ende vom ersten Akt, wenn sich die Vorhänge vonAnnas Gemach öffnen und der König hereungestürzt kommt. Auch Idee mit der kleinenElisabeth war wirklich anrührend, war allerdings auch schon in der Münchner-Produktion vorhanden. Insgesamt ein Fernsehabend mit Suchtgefahr....

    Liebe Grüße,
    Figarooo

  • Wie willst du über Allgemeinplätze hinauskommen, wenn du die Aufnahmen von Callas, Sutherland, Sills, Gruberova und Theodossiou nicht kennst?


    Von all diesen Interpretationen ist die Netrebko meilenweit entfernt!


    :hello: LT


    Das was ich da oben geschrieben habe, war für mich - und daher auch der Einführungssatz - eine Momentaufnahme. Ich habe die Oper zumindest bis zu der Szene Giovanna - Anna kennengelernt, und was ich gehört habe hat mir zunächst mal als Oper gut gefallen. Und auch wenn ich keinen vergleich habe, kann trotzdem daran erkennen, wie ein Sänger singt, ob er es (technsich) gut macht oder nicht. Mein Gefühl hat mir gesagt, dass ich das was ich da höre schön finde - und erstmal ist das für mich wichtig. Dann hört man da noch zuweilen den aspierierten Tonansatz der Netrebko, oder auch nach oben gezogene Töne und unsaubere Koloraturen. Die Garanca finde ich nicht so unterkühlt und emotionslos wie von dir beschrieben, aber auch da kann ja nun das persönliche Empfinden der Eindrücke eine Rolle spielen.
    Fakt ist also, dass ich mich mit der Oper weiter beschäftigen werde und mir mal beizeiten eine Aufnahme davon zulegen werde.

  • Also, mir hat es auch ausnehmend gut gefallen - jedenfalls, was ich gesehen und gehört habe. Zwischenzeitlich war ich am telefonieren und ich habe auch nicht bis zum Ende durchgehalten. Eine Frage: In der Pause wurde zwei Mal ein Lied angespielt. Ich hörte das, während ich am Telefon war. Ist das aus Anna Bolena? Ich hatte die Weise als irisches Volkslied im Hirn abgespeichert.


    Ich muss noch mal sagen, dass ich die Netrebko mag und sie wirklich sehr gut fand. Alle anderen auch. Jawoll:-)

  • Nachdem ich die Aufführung ja schon am Radio gehört hatte (>> Beitrag 3 in diesem Thread), habe ich mir gestern auch noch die Fernsehübertragung angehört - ohne mich dabei durch das Posten von Beiträgen im Internet ablenken zu lassen.


    Mein Urteil jetzt würde eigentlich noch kritischer ausfallen. Die Mängel bei allen beteiligten Sängern sind wirklich nicht zu überhören. Bei Garanca sind es eigentlich eher die mangelnde Fähigkeit einen Charakter zu formen und Gefühle auszudrücken, die mir fehlten. Stimmlich und gesanglich ist sie schon vorzüglich.


    Bei Netrebko, Melis und d'Arcangelo aber kommt beides zusammen: sie haben technische Defizite, die doch ihre Realisierung der herrlichen Melodien Donizettis schon ziemlich beeinträchtigen. Und sie geben ihren Partien kein Profil. Das ist ja schon von anderen Taminos ausgeführt worden.
    Dass dann auch gleich Namen von anderen Sängern genannt wurden, die eher überzeugen, ist nur natürlich. Da möchte ich denn auch nicht zurückstehen:


    Gute Interpretinnen der ANNA gab es in jüngster Zeit gar nicht so wenige: Callas, Gencer, Sutherland und Sills kenne ich nur von ihren Aufnahmen. Danach scheinen sie - jede auf ihre Art - ganz große Interpretinnen der Partie gewesen zu sein. Gruberova habe ich mehrmals live als Anna gehört und auch sie war/ist - trotz ihrer nicht immer leicht zu ertragenden Manieren - eine starke Interpretin der Anna! Ich möchte aber noch zwei Namen hinzufügen. Beide Sängerinnen habe ich live erlebt und ich zögere nicht, sie auf eine Ebene mit den Genannten zu stellen: Teresa Zylis-Gara und Maria Bjeschu. Von Bjeschu gibt es als Aufnahme leider nur die Schlußszene, aber die haut einen um!!! Von Zylis-Gara hat aber der WDR eine Aufnahme, die allein ihretwegen schon lohnt. Man bekommt dann sogar noch Ridderbusch als Henry!
    Wie sind eigentlich die Mitschnitte von Scotto? Ich habe sie mal live als Anna in Phildelphia gehört. Da war sie eindrucksvoll als Gestalterin, hatte aber erhebliche gesangstechnisch Probleme, sang unsauber in den ja nicht allzu anspruchsvollen Koloraturen, produzierte viele scharfe Töne und schaffte es überhaupt nicht die zum Teil sehr langen lyrischen Phrasen entspannt zu entfalten.


    Gute Interpreten des PERCY sind mir allerdings bisher noch nicht begegnet. Ich glaube, dass dies die unglücklichste Tenorpartie ist, die Donizetti geschrieben hat. Gianni Raimondi macht auf der Callas-Aufnahme vielleicht noch die beste Figur. Alle anderen, die ich von Aufnahmen oder Live-Aufführungen kenne, sind sehr unbefriedigend. In diesem Thread fiel der Name von Juan Diego Florez als mögliche Besetzung. Das könnte in einer Studioproduktion gehen. In einer Aufführung in einem großen Haus würde er in den Ensembles einfach untergehen.


    Zu gutes Letzt noch ein Wort zu der Inzenierung: Die hat mich ja nun wirklich umgehauen! Wenn solche einfallslosen Arrangements von Kostümträgern die Alternative zum Regietheater wären, dann würde ich doch wissen, wofür ich votieren muss. Nachdem ich diese Nichtinszenierung gesehen habe, würde ich denn auch nicht mehr allzu streng Frau Garanca und Frau Nertrebko für die mangelnde Charakterisierung ihrer Partien schelten. In so einem Umfeld eine Figur auf die Bühne zu stellen, die ein Profil hat und deren Schicksal berührt, erfordert denn doch eine ganz starke künstlerische Persönlichkeit. Wie - um Himmels willen - kann ein Regieteam seine Stars so allein lassen?

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Au weih - nun diskutieren wir schon wieder in zwei unterschiedlichen Threads über diese Wiener Produktion. Ich will nichts wiederholen, was ich gerade im anderen Thread geschrieben habe, obwohl es eher hierher gehören würde:


    Premiere Anna Bolena - Wiener Staatsoper, 2.4.2011

    Danke für den Hinweis; die Threads sind nun mehr zusammengelegt. TP

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Ich muss gestehen, dass ich mir gestern abend die Übertragung aus der Wiener STaatsoper nur wegen Netrebko/Garanca angeschaut habe, da ich nicht ein ausgesprochener "Donizetti-Fan" bin. Ich höre ab und zu mal gern die "Lucia", den "Liebestrank" oder "Don Pasquale" und habe auch einige Aufnahmen. Die Bolena kannte ich nur von dem Mitschnitt 1957 aus der Scala mit Callas/Simionato und durch eine konzertante Aufführung mit Gruberova. Ich habe mir im Vorfeld einige Literatur über die Oper gesucht und hatte gelesen, dass die Partie der Anna von Donizetti nicht für einen ausgesprochenen Koloratursopran geschrieben wurde, ebenso wie bei der "Lucia" wurden von den verschiedenen Interpretinnen Änderungen und Kadenzen je nach Stimmlage vorgenommen, so dass viele Jahre echte Koloraturpartien daraus wurden. Erst Callas und ihre Epigonen legten die Partie wieder dramatischer an. In diesem Zusammenhang muss man wohl auch die Interpretation von Netrebko sehen.


    Mir hat die Aufführung insgesamt gut gefallen , besonders die Duette zwischen den beiden Damen. Ich fand Netrebko gut, wenn ich auch wegen mangelnder genauer Kenntnisse des Werkes Fehler vielleicht nicht gehört habe. Auch ihre Interpretation war für mich stimmig. Garanca war wirklich gesanglich hervorragend, darstellerisch ist sie mir immer etwas zu "elegant" (daher kann ich sie mir auch als Carmen nicht richtig vorstellen). Die Herren waren stimmig besetzt, ich fand auch den König ganz gut, er müsste allerdings nicht immer so grimmig schauen. Den Tenor, den ich bisher nie gehört hatte, fand ich ganz ordentlich, aber nicht mehr.Die Elisabeth Kuhlmann als Page war wirklich sehr gut, erfreulich, dass auch eine so kleine Rolle so gut besetzt worden ist. Das war ja früher an den großen Häusern fast immer so, leider heute gar nicht mehr. Dirigat und Orchester waren für meine Begriffe gut, die Defizite, die hier vorgetragen wurden, kann ich nicht nachvollziehen.


    Kostüme und Bühnenbild waren sehr gut, alles passte zum Stück und in die Zeit. Die Regie war nicht umwerfend, ich denke, der Regisseur wusste, dass die Oper in der unterschiedlichsten Besetzung weitergespielt werden wird und er nicht allzuviel individuelle Personenführung wagen konnte. Das ist ja fast immer die "Krux" an den grossen Häusern, dass nach drei, vier Aufführungen ganz andere Sänger eingesetzt werden, die die Ideen des Regisseurs dann nur noch aus zweiter Hand mitgeteilt bekommen. In diesem Zusammenhang fand ich die schauspielerischen Leistungen der Sänger nicht schlecht.


    Alles in allem war ich recht zufrieden mit der Übertragung, für mich käme allerdings ein Besuch der Oper mit weniger guten Sängern in Zweitbesetzung nicht in Frage, da - besonders der erste Akt - mich dann doch etwas langweilte, aber das ist meine subjektive Einstellung zu dieser Musik im Allgemeinen.a

  • Ich war insgesamt enttäuscht - abgesehen von dem UNGLAUBLICHEN Hype, der vom ORF um diese Übertragung gemacht wurde und den stereotypen Superlativen der Kultur-Moderatorin, die so nicht erfüllt wurden. Garanca mit Abstand die Beste und die EINZIGE, die der Musik und ihren Anforderungen gerecht wurde – für mich eigentlich die Mindestanforderung, die es zu erfüllen gilt - gelte. Rollengestaltung steht dann wieder auf einem anderen Blatt. Die Männer überfordert. Ich habe D´Arcangelo noch nie so schlecht gehört. Schwere Intonationsprobleme, vor allem in der Tiefe, oben röhrt er – klingt nicht besonders schön. Von Meli hat man auch nicht den Eindruck, als ob er die Rolle im Griff hätte. Preßt und schleppt. Generell hört man was den Gesang betrifft kaum dynamische Schattierungen: es gibt nur ganz laut oder ganz leise bis unhörbar. Die Stimmen klingen klanglich nicht „konzentriert“, haben keine wirkliche Spannkraft. Saubere Verzierungen und Koloraturen, die zu einem großen Teil plattgewalzt wurden, schafft außer Garanca keiner (auch eine sonst gute Kulman stolpert sich da durch).Netrebko punktet mit schönem Timbre und ein paar leuchtenden, wenn auch nicht ganz mühelosen Spitzentönen. Intonationsschwächen hat sie und die Stimme ist träge. Ein Koloratursopran war sie meiner Meinung nach nie. Ein üppiger lyrischer Sopran, die eine Zeit lang für Adina, Amina, Juliette, Norina oÄ gut gepasst hat. Echte Koloraturrollen, wo sie tatsächlich Farbe bekennen muß, waren nie was für sie. Trotzdem kommt sie mit Kulman für mich nach Garanca und vor den Männern.Ein Dirigent, der zwar Einsätze gibt, aber eine musikalische Leitung habe ich vermisst. Eine Oper wie Anna Bolena besteht halt aus mehr als einem großen effektiven Sopran/Mezzo Duett und einer großen Sopran-Szene zum Schluß. Ist meiner Meinung nach auch nicht das Meisterwerk, als das es im Vorfeld der Übertragung hoch stilisiert wurde. Da braucht es schon WIRKLICH große Sänger und Interpreten, um das Stück mitzutragen.
    Fast alle neigen zum Schleppen, setzen zu spät ein, in längeren Phrasen wird unelegant nach Luft gejapst und geschnauft. Vor allem die Ensembleszenen klingen furchtbar schwammig, jeder sucht nach seinen Noten, von zusammensingen und einem „Mischen“ der Stimmen keine Rede.
    Also von belcanto keine Rede. Eher die Elefanten im Porzellanladen.

  • Der Hype der um diese Aufführung gemacht worden ist war wirklich übertrieben und 1ooo Euro hätte ich nie im Leben für eine Karte gezahlt. Die sängerischen Lestungen waren teilweise noch nicht einmal Ensembletheater Niveau. Frau Nebtreko wird für ihre sängerische und darstellerische Leistung in den Himmel gelobt und schon heisst es sie kann auch die anderen Königinnenollen singen. Wenn ich Frau Nebtreko mit z.B. Frau Gruberova vergleiche liegen sängerisch und darstellerisch Welten dazwischen. Im Gegensatz zu Anna Nebtreko klann Frau Gruberova diese Rolle singen und verkörpert die Anna Bolena auch glaubwürdig auf der Bühne und bei ihr sieht das nicht so aus wie bei einer Amateurschauspielerin. Frau Garanca ikann zwar gut singen ist darstellerisch aber auch nicht grade überragend und hat wirklich den Charme eines Eisberges. Die Herren der Schöpfung waren ebenfalls eine große Enttäuschung. Herr D`Arcangelo war eine absolute Fehlbesetung. Als Mozartsänger mag er ja noch durchgehen, aber vom Belcanto sollte er die Finger lassen. Herr Meli hat zwar eine schöne Mittellage, aber sobald es in die Höhe geht hat er Probleme. Das Dirigat von Evelino Pido war nicht mehr als eine solide Begleitung. Die größte Katastophe aber war Frau Rett. Gibt es eigentlich keine vernünftigen Moderatoren für solche Übertragungen ? Frau Gerlach auf Arte ist ebenfalls nicht besser.

  • Wenn Anna Netrebko die Anna Bolena singt, dann ist ja klar, dass sie keine Koloratursopranistin ist und insofern die Rolle ganz anders angehen wird. Im Vergleich zu Gruberova (die mich ohnehin nicht anspricht) und Sutherland, hat sie mir trotzdem sehr gut gefallen. Ihre warme Mittellage ist einfach eine Pracht und auch darstellerisch fand ich sie glaubhaft. Auf mich wirkte Elina Garanca nicht so unterkühlt und sie war sicher am perfektesten von den drei Damen. Sehr positiv überrascht war ich von Elisabeth Kulmann.


    Ildebrando D´Arcangelo gefiel mir recht gut, mehr aber auch nicht. Francesco Meli habe ich schon besser gehört. Insbesondere seine Höhen gefielen mir überhaupt nicht. Ansonsten schlug er sich achtbar.


    Sehr berührend fand ich das Duett Garanca/Netrebko im zweiten Akt.


    Die Inszenierung wirkte etwas langweilig, aber man konnte sich sehr gut auf den Gesang konzentrieren.


    Insgesamt ein schöner Opernabend, aber keine Sternstunde.


    :hello:


    Jolanthe

  • Ich glaube viele von uns haben eine falsche Übertragung gesehen. Ich habe grade eine Kritik im neuen Merker gelesen, wo stand wie sensationell diese Aufführung war. Die Sänger allen voran Anna Nebtreko und Herr D`Àrcangelo seinen sängerisch und darstellerisch in Bestform gewesen. Und Frau Nebtreko wird schon mit einer Callas oder Freni verglichen und das sie teilweise sogar noch besser war. Und die Premiere und diese Aufführung seien Jahrhundertaufführungen gewesen. Und Herr Pido hat alle Feinllheiten der Musik ausgekostet.Und es ist eine Aufführung, auf die alle Opernwahnsinnige abfahren. Der einzige Wahnsinnge war der Schreiber dieser Kritik.

  • Ich habe mir im Vorfeld einige Literatur über die Oper gesucht und hatte gelesen, dass die Partie der Anna von Donizetti nicht für einen ausgesprochenen Koloratursopran geschrieben wurde, ebenso wie bei der "Lucia" wurden von den verschiedenen Interpretinnen Änderungen und Kadenzen je nach Stimmlage vorgenommen, so dass viele Jahre echte Koloraturpartien daraus wurden. Erst Callas und ihre Epigonen legten die Partie wieder dramatischer an. In diesem Zusammenhang muss man wohl auch die Interpretation von Netrebko sehen.


    Ja, das ist richtig. Die Partie wurde für Giuditta Pasta (vielleicht die berühmteste Sängerin des 19. Jahrhunderts, erste Norma, erste Amina...) geschrieben, die eigentlich auch als ein Mezzo gelten konnte. Sie hatte, laut Überlieferung, eine starke Mittellage, so, dass sie auch Mezzopartien singen konnte, und ein hohes Register, das bis zum D oder Dis reichte. Die für sie geschriebenen Rollen sind immer sehr zentral. Deswegen war die Callas bei der WIederentdeckung der Rolle die perfekte Besetzung. In den späteren Jahren haben es mehrere "leichtere" Soprane vorgenommen, diese Rolle zu singen. So transformierte z.B. die grandiose Beverly Sills die Bolena in eine Koloratur-Rolle. Genauso wie in einer anderen ihrer Paraderollen wie Pamira in der Besetzung von Korinth von Rossini, machte sie aus einer zentralen Partie eine Rolle für Koloratur-Feuerwerke und transponierte alle möglichen Stellen, wo nach Tradition variiert werden konnte in die höhere Lage. Dasselbe tat auch die alte Sutherland. In den letzten Jahren taten es die Gruberova und die Mariella Devia.
    Das Problem mit Anna Netrebko ist nun, dass sie weder in die eine noch in die andere Kategorie hineingehört. Ein Koloratursopran ist sie nicht, um die gesamte Partie in einem extrem hohen Register durchzuhalten (von der totalen Abwesenheit an jedweder agilita- und Verziehrungstechnik gar nicht zu reden), aber auch ein zentraler Sopran ist sie nicht oder gar ein Mezzo (im echten Sinne eines Mezzo, d.h. nicht eines kurzen Soprans, wie es heute die meisten Mezzos sind, sondern einer Stimme, die frei im zentralen und unteren Register singen kann und dann auch noch solde in der Höhe ist). Weder stilistisch noch expressiv hat sie genügend Ressourcen, um als ein lyrischer Sopran dieser Partie den Ausdrucks- und Umfangsraum zu geben, den entweder ein drammatischer Mezzo oder eine volle Koloratursopranistin auf zwei verschiedene Weisen es schaffen könnten. Die Bolena der Netrebko bleibt ungesalzt und fade, wenn nicht überfordert.
    Vom Stimmtypus konnte ihre Bolena mit der der Scotto verglichen werden, die auch ein lirico oder vielloeicht sogar ein lirico-leggero gewesen ist (die aber ständig für ihre Stimme zu schwere Partien gesungen hat!) und große Schwierigkeiten mit der Rolle gehabt hat. DIe Scotto hatte aber ein Talent zum Phrasieren und Gestalten, die unübertrefflich bleiben, und damit konnte die sie eine gültige Bolena darbieten. Der Netrebko fehlt es leider auch an diesem echten Verständnis des Belcanto-Stils und einer flexiblen Orientierungsfähligkeit im Phrasengewebe.

    Ecouter, c'est écouter la différence.

    Einmal editiert, zuletzt von Luca ()

  • Ich fand die Aufführung gut bis sehr gut. Nur den Tenor fand ich nicht besonders stimmschön, vor allem störte mich das Tremolo bei hohen Tönen. Die Bühnenbilder und die Kostüme waren außergewöhnlich gut, im Vergleich zu dem, was man Heute so vorgesetzt bekommt. Ich muß gestehen, daß ich bisher nur Auszüge dieser Oper gehört habe ud zwar nur von Maria Callas gesungen, die aber keine typische Koloratursopranistin war. Sie war natürlich weit ausdrucksstärker und dramatischer als Netrebko; Aber leider gibt es ja keine ähnliche Sopranistin von Weltrang mehr. Da fällt mir ein, ich habe auch Ausschitte mit Leyla Gencer, die ja auch ein dramatischer Sopran war.


    :hello: Herbert aus Troisdorf

    Tutto nel mondo è burla.

  • Die Bühnenbilder und die Kostüme waren außergewöhnlich gut, im Vergleich zu dem, was man Heute so vorgesetzt bekommt.

    Ja wenn es denn jemanden gegeben hätte, der auch noch inszeniert hätte, wären Bühnenbild und Kostüme ja zu loben gewesen. So fand ich sie nur verstaubt!

    Die Bolena der Netrebko bleibt ungelsazt und fade, wenn nicht überfordert.
    Vom Stimmtypus konnte ihre Bolena mit der der Scotto verglichen werden, die auch ein lirico oder vielloeicht sogar ein lirico-leggero gewesen ist (die aber ständig für ihre Stimme zu schwere Partien gesungen hat!) und große Schwierigkeiten mit der Rolle gehabt hat. DIe Scotto hatte aber ein Talent zum Phrasieren und Gestalten, die unübertrefflich bleiben, und damit konnte die sie eine gültige Bolena darbieten. Der Netrebko fehlt es leider auch an diesem echten Verständnis des Belcanto-Stils und einer flexiblen Orientierungsfähligkeit im Phrasengewebe.


    Hallo Luca,
    Deine bestens informierten und klugen Beiträge freuen mich immer wieder. Mit Deinem Urteil über Netrebko liegst Du meiner Meinung nach total richtig.
    Dass manch andere Taminos sie besser beurteilen, mag verschiedene Gründe haben. Jürgen Kesting hat mal gesagt, sie sei eine vorzügliche Sängerin für Menschen, die mit den Augen hören. Da ist sicher was dran. Und dann muss man natürlich auch zugeben, dass ihe Stimme durchaus ihre Reize hat. Wem denn Netrebko wichtiger ist als Donizetti, die Figur der Anna Bolena und das Drama, das sich in der Oper abspielt, der konnte vielleicht durchaus zufrieden sein.
    Hinzu kommt denn wohl auch, dass einige Hörer gar keine oder nur wenige Vergleichsmaßstäbe haben. Zumindest haben sie das selber thematisiert, dass Ihnen die Oper nicht oder kaum bekannt ist. Mich wundert das eigentlich, denn die Anna Bolena wird ja nicht eben selten aufgeführt. Auf CDs gibt es diverse Aufnahmen und Mitschnitte und in ihren Arienprogrammen findet sich ja bei etlichen Sopranen die Schlusszene der Anna. Eingfleischte Melomanen kann doch die Partie eigentlich nicht unvertraut sein.
    Es gibt ja auch eine große Tamino-Gemeinde im Rhein-Ruhr-Gebiet. Die von mir oben schon so gepriesene Teresa Zylis-Gara hat die Anna Bolena sowohl in Gelsenkirchen als auch in Düsseldorf (und später an verschiedenen Bühnen in den USA) gesungen. In Gelsenkirchen sang übrigens damals eine gewisse Marilyn Horne in Gelsenkirchen die Giovanna. Leider habe ich beide Damen nicht in einer Aufführung gemeinsam hören können. Als in Zylis-Gara hörte, sang en Gast, deren namen ich zu notieren vergessen habe, die Giovanna. Deren Namen zu merken, lohnte sich eigentlich auch nicht. Wer in Düsseldorf die Giovanna war, kann ich in meinen Aufzeichnungen nicht mehr lesen. Könnte Julia Hamari gewesen sein - oder doch Vera Little? Die singt jedenfalls in der WDR-Aufnahe neben Zylis-Gara, Ridderbusch und Gene Ferguson (Percy).


    Besonders gefreut hat mich auch, dass Du etwas zu Scotto sagst, nach der ich ja oben gefragt hatte. Ich werde mich doch mal darum bemühen, einen ihre Mitschnitte zu besorgen. Ihre ungeheuere Musikalität und ihre Fähigkeit, musikalische Linien von innen her zu erleuchten, schätze ich sehr. Vor allem aber ihre Intensität und Gestaltungskraft. Immerhin habe ich sie auch als Anna Bolena sehr eindrucksvoll gefunden - trotz der oben benannten Defizite.

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Ich habe gestern aus Neugier auch kurz reingeschaut. Da ich kein Belcanto-Opern-Kenner bin und zudem diese Oper vorher nicht kannte, wage ich kein Urteil bzgl. der SängerInnen. Ich stimme Herbert zu, daß die Inszenierung fürs Auge etwas Angenehmes war. Ob die Regie mangelhaft war, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht von Anfang bis Ende mitschaute. Aber daß auch im Jahre 2011 noch so eine librettogetreue Inszenierung auf die Beine gestellt wird, läßt zumindest hoffen. Der neue Direktor der Wiener Staatsoper scheint sich vom Regietheater verabschieden zu wollen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Nur zur Ergänzung des Obigen:


    Die Düsseldorfer Premiere der "Anna Bolena" war am 22. 4. 1967.
    Inszenierung: Ernst Pottgen
    Bühnenbild: Hermann Soherr
    Kostüme: Günter Kappel
    Musikalische Leitung: Gianfranco Rivoli
    Chor: Rudolf Staude


    Wer im Einzelnen gesungen hat, weiß ich nicht. Vera Little gehörte jedoch nicht zum Ensemble.


    +++++++++++++++++


    Die im gleichen Jahr beim WDR entstandene Rundfunk-Produktion hatte folgende Besetzung:


    Aufnahme: 1967, Funkhaus Köln
    Dirigent: Alberto Erede
    Orchester des WDR Köln
    Chor des WDR Köln
    (deutsche Fassung nach Hans Hartleb)


    Anna Bolena: Teresa Zylis-Gara
    Enrico VIII.: Karl Ridderbusch
    Giovanna Seymour: Vera Little
    Lord Rochefort: Wolfgang Anheisser
    Riccardo Percy: Gene Ferguson
    Sir Hervey: Werner Hollweg
    Smeton: Barbara Scherler


    Wurde hier im Forum schon mehrfach erwähnt, fand jedoch keine Gegenliebe, da in deutscher Sprache gesungen wird.


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)