Was ist so faszinierend am Regietheater ?

  • Diese Frage stelle ich mir seit einiger Zeit. Denn für IRGENDWEN muß es ja faszinierend sein - sonst wäre es ja schon längst in der Versenkung verschwunden.
    Das Publikum lehnt das Regietheater - zumindest soweit es die Opernbühne betrifft - weitgehend ab.
    Hier darf man die Freunde dieser Richtung also nicht suchen. Ich weiß, man wird mir hier widersprechen und (zu Recht) daruaf hinweisen, daß es auch im Publikum Befürworter gibt - aber die Mehrheit ist das sicher nicht. Wäre das so, hätte man mnicht mit der Macht der Medien das Publikum dadurch mundtot zu machen versucht, indem man es als unmündig, blöd und fortschrittsfeindlich dargestellt.
    Die Sänger sind in der Regel - wenn sie es sich leisten können offen zu reden - auch keine glühenden Verfechter dieser "Kunstrichtung"
    Wie Kulturpolitiker darüber denken - und ob sie überhaupt etwas denken - das weiß ich nicht.
    Aber vermutlich denken sie schon - vor allem wie man sparen kann - und wie man sich als liberal-fortschrittlich darstellen kann, selbst wenn man im Herzen zutiefst reaktionäre Werte vertritt.
    Was soll es bringen, alte Stoffe - unter Aufgabe von so ziemlich allem was an ihnen interessant und sehenswert ist - in andere Zeiten zu transponieren - Texte zu verbiegen - und dennoch die Geschlossenheit des Werkes aufzugeben.


    Als Betreiber dieses Forums gibt es für mich eigentlich nur EINE Möglichkeit auf diese von mir gestellte Frage zu antworten:
    Das Faszinierende am Regietheater für unser Forum ist die Quote.
    Egal mit welchem Tema das Forum punkten kann oder will - Das Thema Regietheater, welches eigentlich "Verfremdungstheater" heissen sollte bringt Beiträger und jede Menge Publikumsinteresse - was von den Aufführungen nicht gesagt werden kann. Man argumentiert immer wieder, daß auch das Regietheater teilweise mit vollen Häusern aufwarten kann - aber die Ursache hiefür ist wohl eher in der Musik zu suchen, als in den modernen Inszenierungen.
    Wie dem auch sei: Sobald "Regietheater" auch nur gestreift wird, steigt die Anzahl unserer Mitleser drastisch, es wird dann an anderer Stelle gefordert, das böse reaktionäre Tamino-Klassikforum "endlich vom Netz" zu nehmen -(und das kommt ausgerechnet von denen, die ansonst das Wort "Demokratie" stets im Munde haben, wie andere Leute einen Kaugummi oder ihre Zähne) Sowas motiviert natürlich immer wieder neue Threads zu diesem Thema zu starten - aus verschiedenen Blickwinkeln - versteht sich. Als Opernliebhaber verabscheue ich das, was gemeinhin als "Regietheater bezeichnet wird - als Betreiber eines Forums zum Thema Klassische Musik und Oper bin ich gradezu süchtig danach. Gäbe es kein Regietheater, man müsste es erfinden........ :P



    Ich halte an dieser Stelle einmal mehr fest:
    DIESER Thread soll nach jenen Motiven forschen WARUM das Regietheater - oft mit irrwitzigen Subventionen - künstlich am Leben gehalten wird -und welche Leute an dieser "Kunstrichtung" interessiert sind - und vor allem WARUM....


    Es ist also nicht Sinn dieses Threads gegen das Regietheater zu polemisieren....
    Dazu gibt es andere Threads - nämlich:


    Widerstand gegen das Regietheater wächst unaufhörlich - ist das Ende nah ?
    Regietheater ? - Das gab es doch schon immer !!
    Regietheater ade ? - Was kommt danach ?
    Regietheater - letzte verbliebene Schrumpfform linker Ideologie ?


    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Wenn man mich fragt, was ich am Regietheater faszienieren finde, ist meine Antwort kurz - Nichts!
    Seit Jahren regen sich zahlreiche Opernfreunde über diese Form der Opernverunstaltung auf - und stossen bei den verantwortlichen Intedanten meist auf taube Ohren.
    Diesen Intendanten geht es meist nur um das Feuilleton und darum im über Skandale "im Gespräch zu bleiben".
    Wenn Sänger protestieren, sind es meist sie, die gehen müssen, nicht der Regisseur. Ich kenne in meinem Opernbegeisterten Freundeskreis niemanden, der von dieser Werk-Verunstaltung begeistert ist. Am Zuspruch durch das Publikum kann es also nicht liegen, dass sich dieser Unsinn seit Jahren hält....

    Liebe Grüße,
    Figarooo

  • Lieber Figaroo,


    Danke, daß Du diesen Thread quasi "eingeweiht" hat.
    Dennoch möchte ich an dieser Stelle sagen, daß es sich hier bei der Antwort um ein Mißverständnis handelt.


    Zitat

    Am Zuspruch durch das Publikum kann es also nicht liegen, dass sich dieser Unsinn seit Jahren hält....


    Das ist mir schon klar.
    Und daß es daran liegen könnte, auf die Idee wäre ich niemals gekommen.
    Denn das Publikum ist ja schon seit Jahrzehnten entmachtet, für unmündig und inkompetent erklärt.
    Ja es ist den Vertretern des Regietheaters sogar (derzeit noch ) egal ob die Vorstellungen
    besucht werden oder nicht - solange noch die Subventionen fließen - (was vermutlich in nächster Zeit ein Ende haben wird)


    DAS beantwortet die Frage des Threads also NICHT.


    Die Frage - hart gestellt - lautet daher:


    Wer PROFITIERT von der Einrichtung "Regietheather" so sehr,
    daß er sie mit allen Mitteln durchzusetzen versucht -
    jahrelang leider mit sichtbarem Erfolg
    GEGEN Publikum - GEGEN Künstler (die man sogar zwingt sich öffentlich für diese Richtung zu "begeistern" -
    und all den angeordneten Klamauk auszuführen !!!) den Verlust von Abonnementen bewusst in Kauf nehmend
    Gleichschaltung der einschlägigen Presse, bzw der Kritik - Regietheatergegener wurde systematisch von
    der Möglichkeit sich in den Medien zu äussern ferngehalten, und wenn das nicht möglich war -
    diffamiert oder lächerlich gemacht.
    "Hausbacken - betulich, spießbürgerlich waren da noch harmlose Attribute"
    Man bekämpfte all die sich dem angeblichen "Fortschritt" in die Quere stellten.


    Auch Tamino ist dieser RT-Lobby ein Dorn im Auge - seis drum


    Mit Tamino habe ich ich erstmals eine Plattform ins Leben gerufen, welche von Einflüssen aller Art, seien sie politisch, weltanschaulich, oder finanziell - unabhängig ist .


    Und nun wieder zurück zur Eingangsfrage: Cui bono ?
    Welches Motiv haben die Verfechter des Regietheaters ?


    Sind sie finanzieller Natur ?
    Eine bewusste Zerstörung des konservativ-bürgerlichen Opernbetriebs ?
    Ein sich "Lustig machen über das Publikum" ?
    Unfähigkeit ?
    Schlechter Geschmack ?
    Haß auf die Oper ?
    Ein gestörtes Verhältnis zu Werten wie "Tradition"


    Ich bin sicher, es gibt noch viele hier nicht aufzgezählte Möglichkeiten .
    Vielleicht aber sind alle falsch und es gibt eine zwingende Notwendigkeit füs Regietheater, die ich bisher lediglich
    nicht beachtet habe, und die sich hier in diesem Thread offenbaren wird.......


    Ich glaube nämlich nicht, daß eine Sache rein zufällig mit derartiger Vehemenz verfolgt wird -
    und schmutzig wie ich nun mal zu denken Pflege drängt sich mir immer wieder ein Gedanke auf:
    Es geht simpel und einfach um GELD (???)



    mfg aus Wien
    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Mir fehlt der Einblick in das Metier, das Hintergrundwissen. um Alfreds Fragen kompetent zu beantworten:


    Zitat

    Wer PROFITIERT von der Einrichtung "Regietheather" so sehr, daß er sie mit allen Mitteln durchzusetzen versucht - (…) Gleichschaltung der einschlägigen Presse, bzw der Kritik - Regietheatergegener wurde systematisch von der Möglichkeit sich in den Medien zu äussern ferngehalten, und wenn das nicht möglich war -diffamiert oder lächerlich gemacht. (…)


    Keine der hier aufgestellten Behauptungen kann ich beantworten, weil ich, beispielweise, keinen kenne, der die Presse gleichschaltet und der sich, auf Seiten der Schreiber, auch gleichschalten läßt. Ich weiß auch nicht zu beantworten, wer Profiteure sein könnten – dazu müßte ich jenen fehlenden Einblick haben.


    Eines aber weiß ich schon: Die Verrücktheiten dieser Verunstaltungsclique am eigenen Leibe erschauernd erfahren zu haben, hat mich schon in den achtziger Jahren veranlaßt, Reißaus zu nehmen. Und das geht alles mit einer gewissen Verrohung der Sitten einher, die vor dem Theater auch nicht Halt macht! Nicht in der bildenden Kunst, nicht im Film, nicht im Alltagsleben.


    Und natürlich liegt es auch daran, daß das Geld fließt! Wer dafür die Verantwortung trägt will genausowenig wie Ottonormalverbraucher als Kunstbanause gelten, wenn er sich zu erkanntem Schwachsinn nicht äußert, und schweigt lieber. Zumal die Justiz das immer auch wieder mit der sogenannten Freiheit der Kunst sanktioniert – mag der Schwachsinn auch noch so abstoßend sein.


    Zitat

    Welches Motiv haben die Verfechter des Regietheaters ? Sind sie finanzieller Natur ?
    Eine bewusste Zerstörung des konservativ-bürgerlichen Opernbetriebs ? Ein sich "Lustig machen über das Publikum" ? Unfähigkeit ? Schlechter Geschmack ? Haß auf die Oper ?
    Ein gestörtes Verhältnis zu Werten wie "Tradition“


    Da kommt alles zusammen: was ich tatsächlich als unfähig, gepaart mit schlechtem Geschmack bezeichne, auch mit gestörtem Verhältnis zur Tradition, hat sich im Laufe der Zeit verfestigt. Eine bewußte Zerstörung des Opernbetriebs, Opernhaß – nee, die sind einfach überzeugt, daß sie gut sind, machen aber nur grottenschlechtes Theater. Und, ja, sie machen sich damit lustig über das ablehnende Publikum. Aber auch über die Sänger und Sängerinnen, die nicht einfach hinschmeißen können und mit juristischen Schritten bedroht werden. Nicht alle singen in der Premier-Klasse, nicht alle können hinschmeißen, wenn ihnen etwas nicht paßt.


    Ich rate immer den Interessenten an Theaterbesuchen, erst im Web nachzusehen, was da geboten wird und bei Anzeichen von Regietheater von Besuchen abzusehen.


    Liebe Grüße vom

    .


    MUSIKWANDERER

  • Ich sehe mich außerstande, die im Titel genannte Frage zu beantworten. Gerne will ich aber eine Erinnerung sprechen lassen, die ich an eine Inszenierung der Meistersinger in Hamburg in bester, bewegender Erinnerung habe. Sie mag aus den Jahren 2002, 2003 oder 2004 stammen, ich weiß es nicht mehr genau. Konwitschny inszenierte, Metzmacher dirigierte.


    Unterm Strich war dies eine Inszenierung mit eher gemäßigten Regietheaterzügen.


    Zwei Details möchte ich nennen:


    Ende des zweiten Aufzugs, Prügelfuge: Im Hintergrund war die Silhouette Nürnbergs auf eine Leinwand gemalt. Am Ende der Prügelfuge wurde diese Leinwand mit Messern (eher Macheten) von hinten durchschnitten, und man sah dahinter eine brennende Stadt. Ich dachte, das Herz steht mir still. Noch nie habe ich die latente Gewalt der gutbürgerlichen Nürnberger Handwerksidylle mit ihren strengen Regeln so klar verstanden. Noch nie wurde mir die Dünnheit der Schicht aus Regeln und Gesetzen so klar, die unsere Zivilisation vom Tier in uns trennt. Noch nie wurde mir so eindringlich klar, wie wenig es bedarf, um eine hochreglementierte Gesellschaft in ein Regime der Gräuel zu verwandeln. Dazu diese hochreglementierte Musik (Fuge!). Ein genialer Moment, der so nicht in der Partitur steht. In der Partitur ist statt von Feuer von Wasser die Rede, das sich aus den geöffneten Fenstern ergießt.


    Dritter Aufzug, Beginn der Szene auf der Festwiese. Einzug der Zünfte. Die ersten, die da ankamen, trugen überdimensionale Grashalme und Wiesenblumen. Dann tauchten Gestalten aus der Biene Maja auf: Willi, Flip, Maja selbst und andere. Gelächter, Erheiterung. Und plötzlich wurde klar: Auch das ist Festwiese mit ihren Insekten! Die Herunterdimensionierung der Ereignisse um eine Größenordnung auf das Bewusstsein eines Insektenvolkes hat dem ganzen Schluss sein Pathos genommen. Auf einmal wurde alles viel harmloser, unpolitischer, unspektakulärer, auf befreiende Art menschlicher als die manchmal übergroßen Kulissen dieser Szene. Herrlich.


    Ein großer, bewegender Opernabend.

  • Hallo und schönen Sonntag


    Die Fragen von Alfred nach den Motiven erschienen mir sehr interessant und ich versuche einmal, meine Ansicht dazu zu formulieren:

    Zitat

    Sind sie finanzieller Natur ?


    Ein wenig mag das auch mitspielen. Wenn ich aber bedenke, dass die Honorare der Sänger, des Dirigenten, des Orchesters, des Regisseurs der Beleuchter und sonstigen Bühnenpersonals wohl den finanziellen Hauptanteil einer Inszenierung ausmachen und auf jeden Fall entstehen, dann dürften die übrigen Kosten eher eine marginale Rolle spielen. Man kann oft auch mit einfacheren Mitteln eine sinngerechte Kulisse erstellen. Es ist schon recht abartig, wenn Siegfried statt auf einem - wenn auch nur angedeuteten - Amboß sein Schwert schmiedet, auf einer Waschmaschine herumhaut, wenn diese auch vielleicht auf dem Schrottplatz billig erworbeb wurde. Und auch die zeit- und stoffgerechten Kostüme machen sicherlich nicht den Löwenanteil an der Inszenierung aus. Auf keinen Fall aber kann es finanziell bedingt sein, wenn man die Handlung vollkommen verdreht und entstellt.



    Zitat

    Eine bewusste Zerstörung des konservativ-bürgerlichen Opernbetriebs ?


    Das könnte bei einigen Regisseuren durchaus zutreffen. So wie manche jungen Leute sich bewusst hässlich machen, um sich gegen die nach ihrer Meinung konservativen Eltern oder die Gesellschaftschaft zu stellen, so mögen auch einige Regisseure sich gegen das nach ihrer Meinung "starre" und - in ihren Sinne - nicht "moderne" Publikum wenden. Sie dürfen sich aber nicht über das erlahmende Interesse an der Oper beschweren, wenn sie das Publikum, das sein Interesse vielleicht auch noch an folgende Generationen weitergeben könnte, systematisch vertreiben.



    Zitat

    Ein sich "Lustig machen über das Publikum" ?


    Den Eindruck habe ich manchmal auch. Aber vielleicht will man das Publikum locken, das sich heutzutage geistig weitgehend von Blödelshows im Fernsehen ernährt. Als Beispiel kommt hier die von mir schon an anderer Stelle erwähnte Komische Oper Berlin in Betracht.



    Zitat

    Unfähigkeit ?


    Das ist es wohl eher. Wenn man inszeniert, muss etwas "Neues" herauskommen, wenn man in den Pressekritiken nicht Schiffsbruch erleiden will ("altbacken", "sehr bieder"usw.). Um eine Oper mit konventionellen
    Mitteln neu zu schaffen, ohne dass sie als Plagiat verschrieen wird, haben wohl manche, die sich Regisseure nennen, nicht mehr genug Einfälle und Kreativität. Und da wird dann einfach alles umgestrickt und dem Stoff (und damit seinem Schöpfer) entfremdet.
    Das auch heute noch bei konventionellen Inszenierungen Sehenswertes herauskommt, beweist für mich z.B. die Inszenierung der "Anna Bolena" in Wien.



    Zitat

    Schlechter Geschmack ?


    Mag sein. Aber das möchte ich nicht allen Regisseuren diese Genres unterstellen. Weil heutzutage Fäkalien leider schon teilweise gesellschaftsüblich (ob gesellschaftfähig ist eine Frage des guten Geschmacks) sind, glaubt vielleicht mancheiner, jedem beliebigen Publikum auch widerliche Dinge vorsetzen zu dürfen.



    Zitat

    Haß auf die Oper ?


    Das glaube ich weniger. Oder sollte es tatsächlich Regisseure geben, die sich für die Regie einer Oper hergeben, die sie hassen?



    Zitat

    Ein gestörtes Verhältnis zu Werten wie "Tradition"


    Das dürfte auch zutreffen und ergänzt die Aussagen zu Zitat 2


    :hello:

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Zitat

    Und natürlich liegt es auch daran, daß das Geld fließt! Wer dafür die Verantwortung trägt will genausowenig wie Ottonormalverbraucher als Kunstbanause gelten, wenn er sich zu erkanntem Schwachsinn nicht äußert, und schweigt lieber. Zumal die Justiz das immer auch wieder mit der sogenannten Freiheit der Kunst sanktioniert – mag der Schwachsinn auch noch so abstoßend sein.


    Die Funktionsweise dieses Kunstkniffs wurde erstmal in der Novelle "Des Kaisers neue Kleider" bloßgestellt. :P


    @ Wolfram
    Wenngleich wir ja kaum je einer Meinung sind, respektiere ich Deine Ansicht zu diesem Thema, ja bin dankbar daß Du uns Deine Sichtweise mitteilst.



    Zitat

    Auf keinen Fall aber kann es finanziell bedingt sein, wenn man die Handlung vollkommen verdreht und entstellt.


    Aber ja, - doch. Zu Beginn der Regietheaterbewegung mag es vielleicht so gewesen sein, da0 Die Opernhäuser glücklich waren, darüber, daß sie statt einer Garnitur von historisch inspirierten Kostümen und aufwändigen Kulissen lediglich ein paar Tunanzüge und einige Styroporwände benötigten - und somit die Kosten sanken.
    Später aber wiurde das Geld einfach "umgeleitet" zu jenen Regisseuren, welche dem Stück ja erst die "eigentliche, künstlerische Prägung" zuteil werden liessen. Soll heissen, anstelle sichtbarer Werte, wurde ein angebliches "virtuelles Kunstwerk " gelifert - lediglich das Geld war nich virtuell - Es stammte vorzugsweise aus den Händen jener Steuerzahler, denen man absprach sich gegen die Verunstaltung alter Bühnenstücke und Opern zu wehren.


    Zitat

    Aber vielleicht will man das Publikum locken, das sich heutzutage geistig weitgehend von Blödelshows im Fernsehen ernährt.


    Das glaube ich nicht - diese Leute konnte man dereinst mit "nacken Tatsachen" in die Theater locken aber das kann man heute woanders billiger haben.
    ;al ganz abgesehen davon, daß große Teile des bisherigen Publikums verlorengingen


    Zitat

    Daß auch heute noch bei konventionellen Inszenierungen Sehenswertes herauskommt, beweist für mich z.B. die Inszenierung der "Anna Bolena" in Wien.


    Aus der Sicht eine Regietheatergegner war diese Aufführung sicher eine Wohltat - ABSOLUT gesprochen - wäre sie früher als "mittelmäßig" eingestuft worden. - ich meine etwa im Vergleich mit Zefitrelli. Und über musikalische Qualitäten wurde an dieser Stele noch gar nicht geredet.
    Immerhin konnte man bei dieser Inszenierung das urprüngliche Stück erkennen - und die Zeit in der die Oper spielte.


    Zitat

    Oder sollte es tatsächlich Regisseure geben, die sich für die Regie einer Oper hergeben, die sie hassen?


    Es gibt keine bessere Möglichkeit bürgerliches Theater, bzw Operntheater zu zerstören, oder es nach seinen Wünschen umzufunktionieren.
    Und Oper war stets ein Privileg des Adels und des Bürgertums -ein Statussymbol sozusagen. Allein die Bauweise alter Opernhäuser zeigt diesen Aspekt sehr gut auf.....
    Die Logen, die Ränge, das Parkett, Parterre und der Stehplatz...
    All das sagte ursprünglich viel über den gesellschaftlichen Status des Opernbesuchers aus - sogar die Redewendung, etwas sei "zweitrangig" ist davon abgeleitet.
    Noch in meiner Jugend war es für Normalsterbliche beispielsweise so gut wie unmöglich ein Opernabonnement an der Wiener Staatsoper zu bekommen - diese wurden entweder vererbt - oder an Freunde weitervermittelt, sodaß man sicher sein konnte stets unter sich zu sein -(natürlich gab es Ausnahmen)


    Es mag ursprünglich auch so gewesen sein, daß man ein bürgerliches Publikum schockieren - und mittels Provokationen in die Oper locken konnte.
    Ich meine, daß heutzutage auch die "Bürgerliche Gesellschaft" soweit abgehärtet ist, daß derlei nicht mehr funktioniert
    Es ist mit Sicherheit gelungen einen Teil dieses Publikums zu vergraulen - aber man musste feststellen, daß sich in diesem Teil auch zahlereiche Sponsoren und Mäzene befunden hatten - welche nun frecherweise den Geldhahn zudrehten. Ursprünglich schien das verschmerzbar - der Staat sprang großzügigi - mit Geld, das er selber nicht hatte- ein. Diese Geldquelle ist nun allmählich am Versiegen und wird vermutlich ie Leiter von Openhäusern in Zukuznft wieder auf den Boden der Realität zurückholen - wenngleich dieser Vorgang langsamer vor sich geht als ich mir wünschen würde.......


    Wait and see


    mfg aus Wien
    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • @ Wolfram
    Wenngleich wir ja kaum je einer Meinung sind, respektiere ich Deine Ansicht zu diesem Thema, ja bin dankbar daß Du uns Deine Sichtweise mitteilst.


    Lieber Alfred,


    vermutlich gibt es ganz viele Dinge, in denen wir völlig übereinstimmen. Nur dass sich eben die Diskussion darum nicht lohnen würde, bzw. gleich als überflüssig erkannt würde. So ist es doch naheliegend, dass man nur bei entgegengesetzten Ansichten ins Diskutieren kommt. Ich verstehe, dass dies die Wahrnehmung trüben kann - sogar bis zu dem Punkt, an dem man meint, dass es kaum jemals eine gemeinsame Meinung geben könne. Aber das ist nicht so!


    Das Publikum lehnt das Regietheater - zumindest soweit es die Opernbühne betrifft - weitgehend ab.


    Kannst Du das bitte mal nachprüfbar belegen?


    Was soll es bringen, alte Stoffe - unter Aufgabe von so ziemlich allem was an ihnen interessant und sehenswert ist - in andere Zeiten zu transponieren - Texte zu verbiegen - und dennoch die Geschlossenheit des Werkes aufzugeben.


    Oh. Ich meine, da Ponte und Mozart hätten bei ihrem Don Giovanni auch einen alten Stoff verbogen. Von Wagner ganz zu schweigen, der die germanische Mythologie, den deutschen Sagenschatz, die Lieder der Minnesänger und manches mehr als Steinbruch betrachtete, aus dem er sich nach Herzenslust bediente und jede Menge dabei ohne Rücksicht auf Verluste verbogen hat.


    Fazit: Das Verbiegen eines Stoffes kann nicht die Wurzel des Übels sein.


    Wie Kulturpolitiker darüber denken - und ob sie überhaupt etwas denken - das weiß ich nicht.
    Aber vermutlich denken sie schon - vor allem wie man sparen kann - und wie man sich als liberal-fortschrittlich darstellen kann, selbst wenn man im Herzen zutiefst reaktionäre Werte vertritt.


    Das ist eine pauschalierende Unterstellung. Kannst Du dies nachprüfbar belegen?


    Wäre das so, hätte man mnicht mit der Macht der Medien das Publikum dadurch mundtot zu machen versucht, indem man es als unmündig, blöd und fortschrittsfeindlich dargestellt.


    Kannst Du bitte belegen, wo man das Publikum mundtot gemacht hätte? Ich kann gar nicht nachvollziehen, was Du da beschreibst.


    Mit Tamino habe ich ich erstmals eine Plattform ins Leben gerufen, welche von Einflüssen aller Art, seien sie politisch, weltanschaulich, oder finanziell - unabhängig ist .


    Nun, lieber Alfred, ich hoffe Du stimmst mir zu, wenn ich sage, dass das Tamino-Klassikforum unter Deinem Einfluss steht. Ob dieser Einfluss politisch und weltanschaulich unabhängig ist, sei dahingestellt:


    Zitat von Alfred_Schmidt

    Ich vertrete nun mal eine konservative kulturpolitische Linie. Und ziehe natürlich auch diese Linie durch - wobei ich jedermann freistelle hier im Forum gegenteilige Standpunkte zu vertreten.

  • Vielleicht sollten wir uns mal die Frage stellen, wo das Regietheater heutzutage überhaupt verbreitet ist.


    Ein rein nationales Phänomen der deutschsprachigen Länder scheint es ja nicht zu sein. Ich kenne die Situation in den anderen europäischen Ländern nicht umfassend, aber es scheint ja zumindest in den direkten Nachbarländern (Frankreich, Tschechien, Ungarn usw.) verbreitet zu sein. Es gab hier auch schon Beschwerden, das moderne Regietheater habe auch bereits in Rußland und in den USA Einzug gehalten – beide galten bis vor einigen Jahren noch als Bollwerke gegen diesen Trend.


    Wie sieht es beispielsweise auf der Iberischen Halbinsel aus, wie in Skandinavien, wie in Lateinamerika, wie in Fernost? Hat da jemand Erfahrungen?

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ein kleiner Einwand an Wolfram sei mir gestattet:


    Zitat

    Oh. Ich meine, da Ponte und Mozart hätten bei ihrem Don Giovanni auch einen alten Stoff verbogen. Von Wagner ganz zu schweigen, der die germanische Mythologie, den deutschen Sagenschatz, die Lieder der Minnesänger und manches mehr als Steinbruch betrachtete, aus dem er sich nach Herzenslust bediente und jede Menge dabei ohne Rücksicht auf Verluste verbogen hat.


    Daß Mozart und da Ponte einen vorhandenen Stoff „verbogen“ haben sollen, ist eine Auffassung, die ich nur insoweit teile, als daß durch das „Verbiegen“ tatsächlich etwas völlig Neues entstand, etwas Eigenständiges. Ja, Tirso de Molina, stand Pate und der wurde nun durch da Ponte/Mozart abgelöst in einer geradezu atemberaubenden Weise. Daß aber durch das moderne Regietheater, hier müßte man dann analog Wolframs Argumentation „Verbiegungstheater“ sagen, etwas Neues und Eigenständiges geschaffen würde, streite ich vehement ab. Und auch Wagner sehe ich nicht als einen Verbieger, sondern als einen Neuschöpfer, der Überkommenes, Tradiertes, Volkstümliches zu einer völlig neuen Einheit zusammenfügte.


    Wo bei den "Verunstaltern" des Regietheaters etwas Eigenständiges entstehen soll, ist mir einfach nicht klar...

    .


    MUSIKWANDERER

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  • Daß aber durch das moderne Regietheater, hier müßte man dann analog Wolframs Argumentation „Verbiegungstheater“ sagen, etwas Neues und Eigenständiges geschaffen würde, streite ich vehement ab.


    Lieber Musikwanderer,


    ich habe ja auch nicht behauptet, dass durch das moderne Regetheater etwas Neues und Eigenständiges geschaffen würde.


    Alfred hatte aber folgendes gefragt:

    Zitat

    Was soll es bringen, alte Stoffe - unter Aufgabe von so ziemlich allem was an ihnen interessant und sehenswert ist - in andere Zeiten zu transponieren - Texte zu verbiegen - und dennoch die Geschlossenheit des Werkes aufzugeben.


    Nur darauf habe ich geantwortet - und zwar damit, dass solche Verbiegungen in der Operngeschichte nicht unüblich waren. Als Beispiele habe ich den Don Giovanni und Wagner genannt.


    Ich sage ja nicht, dass Alfred nicht Recht hätte. Aber ich würde mir eine präzisere Formulierung seiner Gedanken wünschen. So, wie er es schreibt, ist es - na ja, ich will nicht sagen: Unsinn - zumindest nicht so deutlich, wie ich es nötig finde.


    Denn: Nicht das Verbiegen ist das Schlimme, sondern - und das hast Du auf den Punkt gebracht - es ist schlimm, wenn verbogen wird, ohne dass dabei etwas Neues, in welchem Sinne auch immer Wertvolles, entstünde. :hello:

  • Sicherlich gibt es einige Zuschauer, die diese Verunstaltungen akzeptieren (siehe Wolfram) oder vorgeben, sie zu mögen, um fortschrittlich zu erscheinen. Die Forderung, dass eine Mehrheit der Zuschauer sie ablehnt, nachprüfbar zu belegen, ist jedoch absurd. Sie ließe sich vielleicht dann erfüllen, wenn alle, die mit diesen Inszenierungen nicht einverstanden sind, die enttäuscht oder gar angewidert die Oper verlassen und sich stillschweigend von der Oper zurückziehen, sich in Foren wie diesem äußern würden. Aber da steht die menschliche Bequemlichkeit oder auch das Unvermögen, ihre Abneigung zu formulieren, entgegen. Ich jedenfalls kenne eine Reihe Opernfreunde - aber keinen, der sich für das Regietheater begeistern könnte. Vielleicht könnten auch die Verkaufsergebnisse bei DVD eine Auskunft darüber geben, welche Inszenierungen am beliebtesten sind. Aber die dürften schwer zu erhalten sein.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Ich kenne auch niemanden unter meinen Freunden und Bekannten, der vom Regietheater begeistert wäre. Und ich betone, daß es sich hier größtenteils um Leute unter 30 handelt! Selbst die, die sich selbst als links und weltoffen bezeichnen würden, können diesem Verunstaltungstheater nichts abgewinnen. Das zeigt mir immer wieder, daß ich doch nicht so ewiggestrig und verschroben sein kann.


    LG
    Joseph
    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Sicherlich gibt es einige Zuschauer, die diese Verunstaltungen akzeptieren (siehe Wolfram) oder vorgeben, sie zu mögen, um fortschrittlich zu erscheinen.


    Ich nehme weder für mich in Anspruch, fortschrittlich erscheinen zu wollen, noch bin ich bereit, Verunstaltungen zu akzeptieren. Was willst Du mir da unterstellen und warum?


    Ich habe positive und negative Erlebnisse mit Regietheater gehabt und dasselbe mit konventionellem Theater. Ich bin allerdings ganz klar gegen die platte Gleichsetzung "Regietheater = schlecht" und "konventionelles Theater = gut". Wer so billig argumentiert, liefert nämlich nur Wasser auf die Mühlen der Regietheaterbefürworter. Ich erspare mir hier die Aufzählung die Klischees, die da gerne bemüht werden.


    Ich möchte eine etwas differenziertere Diskussion über die Problematik, wie man die 17.391te Inszenierung der Traviata, Bohème, Carmen, Zauberflöte auf die Bühne bringen soll. Im Bereich des Orchestermusik ist doch via HIP doch auch Bemerkenswertes geglückt!


    Die Forderung, dass eine Mehrheit der Zuschauer sie ablehnt, nachprüfbar zu belegen, ist jedoch absurd.


    Wenn dem so wäre, d. h., wenn diese Forderung absurd wäre, dann ist das Aufstellen der These, dass eine Mehrzeit der Zuschauer sie ablehnt, zumindest unseriös. Denn wenn die These nicht beweisbar ist, dann ist auch ihr Gegenteil nicht beweisbar (oder widerlegbar). Beide stehen dann gleichwertig nebeneinander - rein logisch gesehen.


    Ich jedenfalls kenne eine Reihe Opernfreunde - aber keinen, der sich für das Regietheater begeistern könnte.


    Das ist eine Aussage über Dich und Deine Bekannten - sonst nichts.

  • Das Regietheater empfinde ich als vollkommen destruktiv. Es scheint Menschen zu faszinieren, etwas zu zerstören. Genau, wie es manche kleine Raufbolde im Sandkasten lieben, die Kuchen und Burgen anderer Kinder zu zerdeppern. Schlimm ist nur, dass das Regietehater das auch noch mit moralischem Anspruch tut und eine Ideologie daraus gemacht hat - und dass die dusselige Presse dabei noch so leicht durchschaubar und jämmerlich mitzieht.


    Im Märchen "Prinz Bajaja" heißt es. "Der Weg nach oben ist steil, steinig und anstrengend, der nach unten, schnell und einfach und er macht viel Spaß." So ist es doch auch beim Regietheater: Es macht sicher tierisch Spaß die alten Zöpfe abzuschneiden, dem Publikum eine lange Nase zu zeigen. Da fühlt man sich doch sicher sehr erhaben auf seinem Elfenbeinturm. Und das Publikum, das so etwas gutheißt, schwingt sich gleich mit auf diesen gut subventionierten Elfenbeinturm. Es hat schon was, wenn Hehres in Lächerliches verwandelt wird. Da lacht man sicher gerne böse mit.


    Die Crux ist nur: Das Schlachten einstmals heiliger Kühe führt schnell zum Abstumpfen. Und so werden die Opernhinrichtungs-Konzepte von Herrn Regisseur oder Frau Regisseuse immer mehr zu Massakern. Das Ganze ist doch völlig aus dem Lot und mittlerweile zum Selbstläufer geworden: Immer schneller geht es bergab, immer grenzwertigere Bilder müssen her. Von frisch gehäuteten Rehen über urinierende Schauspieler oder sich mit Kot Beschmierenden - jede Grenze muss überschritten werden.


    Oder wie die Mutter von Professor Higgins sagt. "Ihr spielt mir einer lebendigen Puppe!" Sprich: Das Regietheater hat die Kunst prostituiert. Und ich bin kein Freier derselben und habe auch nicht vor, es zu werden.

  • Die Funktionsweise dieses Kunstkniffs wurde erstmal in der Novelle "Des Kaisers neue Kleider" bloßgestellt.


    Das ist ein Irrtum - Andersens Märchen ist eine vergleichsweise späte Version dieser immer wieder auftauchenden satirischen Geschichte, oft etwa mit einem leeren Bild, dessen Schönheit alle bewundern, erzählt. Ich habe kürzlich eine umfangreiche Aufstellung gelesen, wo das überall vorkommt. Andersens Variante wurde dabei übrigens als besonders schwach bezeichnet, was natürlich der Geschmack des Kritikers ist.

  • Das ist mir auch neu. Um welche Satiren handelt es sich? Kannst Du mir mal Autoren nennen? Ich liebe Anderesen und bin für jedewede Info dankbar.


    Aber auch egal, ob es nun Andersen oder jemand anderes war, der diese herrliche Parabel auf den schönen Schein zuerst verfasst hat, die Aussage bleibt dieselbe und passt vortrefflich auf das Regietheater. Vielleicht nicht auf alle Inszenierungen - ein paar sind ja duchweg gelungen, so wie die Rusalka der ENO oder die Salome der Thalbach und sicher auch noch andere, doch verzichten tu ich dennoch gerne auf sie und ziehe einen Schenck-Ring immer noch dem Chereau-Ring vor.

  • Das ist mir auch neu. Um welche Satiren handelt es sich? Kannst Du mir mal Autoren nennen? Ich liebe Anderesen und bin für jedewede Info dankbar.


    Eine wesentlich ältere Variante findet sich in dem umfangreichen Barockroman El Criticón (1651-57) von Baltasar Gracián. Die vollständige Übersetzung dieses wichtigen spanischen Romans kam 2001 heraus mit zahlreichen Fußnoten. Dieser Roman besteht aus hunderten solchen boshaften satirischen "Bildern" und misst entsprechend in der Übersetzung 940 Seiten. Die "des Kaisers neue Kleider"-Episode hat als Fußnote eben den Verweis auf das Auftreten dieses Themas in anderen Werken bekommen. Dabei werden die Vorbilder Graciáns ebenso genannt wie ganz aktuelle Versionen.
    :hello:

  • Der Opernstoff hat ja mehr zu bieten als das eigentliche Libretto. Wenn ein Regisseur versucht, z.B. die psychologischen Dimensionen auszuleuchten, die hinter den Figuren steckt, dann kann das auch mit sehr unkonventionellen Mitteln äusserst spannend werden. Ich finde z.B. die blinde Elsa im Wiener "Lohengrin" sehr berührend und sehr passend. Hier wird Elsa noch sensibler, noch verletzlicher. Auch wenn eine blinde Elsa eine sehr "mutige" Interpretation des Regisseurs ist und natürlich keineswegs so irgendwo von Wagner vorgesehen war.


    Oder kennt jemand den Ring aus Kopenhagen auf DVD ? Das ist der "Schocker" für konventionelle Opernliebhaber. Aber was Kaspar Holten aus dem Ring-Stoff herausholt und wie er ihn präsentiert, das ergibt Logik und macht unglaublich viel Spaß. Holten macht mit seiner Inszenierung den Ring zu einem Familiendrama, zu einer Familienaufstellung. Warum sollte man einen Opernstoff nicht auch mal in so einer Spur angehen ?


    Ich lasse mich durch diese Inszenierungen gerne zum Nachdenken inspirieren. Wenn man fragend aus der Oper geht, muß man wenigstens Antworten finden. Ist doch spannend :yes:

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  • Na freilich. Man könnte ja z.B. auch eine komplett neue Musik zum alten Stoff schreiben.


    Nun, auch das hat es ja gegeben. Zum Beispiel beim "Barbiere di Siviglia", dessen Vertonung von Rossini die vorherige hochpopuläre von Paisiello fast völlig verdrängte. Es wäre doch wahrlich ein Verlust, wenn Rossini dies unterlassen hätte.


    Auch den Don Giovanni gab es ja schon vorher (von Gazzaniga) und von Leoncavallo gab es sogar eine Bohème. Im Gedächtnis geblieben sind (fast) nur die Erneuerer Mozart und Puccini.


    Fazit: Ein Hoch auf die, die Neues wagen!

  • Lieber Wolfram,


    Dein Hinweis auf Gerhards Aussage


    Zitat

    Ich jedenfalls kenne eine Reihe Opernfreunde - aber keinen, der sich für das Regietheater begeistern könnte


    wäre nur eine Aussage über ihn und seine Bekannten ist zwar richtig, die man aber auf viele Regietheater-Gegner in diesem Forum ausweiten kann. Ich habe, ohne das wirklich exakt abschätzen zu können, den Eindruck gewonnen, daß die Ablehner hier in der Mehrzahl sind. Gerhard ist mit seinen Bekannten durchaus nicht allein auf weiter Flur. Und wenn alle diese Gegner des „Verbiegungstheaters“ ihre Verwandten und Freund entsprechend instruieren würden, kämen sicherlich mehr als der Scheffel auf den Hut zusammen.


    Doch: diese Beiträge passen eher in den anderen Thread über das Regiethater. Hier ist nämlich die Eingangsfrage, was am Regietheater so faszinierend sein soll, noch immer unbeantwortet. Ich für meinen Teil finde da überhaupt nichts, was Faszination ausüben würde, eher schon Abstoßendes.


    Könnte es sein, daß es „der Zeitgeist“ ist, der hier, wie auch anderswo, sein Unwesen treibt und meint, alles negieren zu müssen?


    Statt einer Antwort eine neue Frage...

    .


    MUSIKWANDERER


  • Na freilich. Man könnte ja z.B. auch eine komplett neue Musik zum alten Stoff schreiben.


    Das wäre ja dann kein "Regietheater", sondern eine "Auftragsoper" :pfeif: Ich denke, ein Opernstoff muß ja nicht die ganze Oper komplett entstellen, wie es neue Musik tun würde. Wenn ein Regisseur Mittel anwendet, um das Thema aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten, dann darf er ruhig zu gewagteren Dingen greifen.


    Im Kopenhagen-Ring gibt es ein Detail, das aber sehr interessant ist: In der "Walküre" zieht nicht Siegmund das Schwert aus der Esche Stamm, sondern Sieglinde. Warum hat der Regisseur so entschieden ? Immerhin ist sie ist die Schwester von Siegmund und daher auch genau so "berechtigt", das Schwert aus der Esche Stamm zu ziehen. Und Wotan als beider Vater hat es wohl dann für beide in die Esche getrieben, also können auch beide das Schwert herausziehen. Ist doch ansich ein richtiger Denkansatz des Regisseurs. Allerdings weitergesponnen: Warum hat Sieglinde nicht früher das Schwert aus der Esche rausgezogen und damit Hunding ermordet ? Fragen über Fragen, aber das ist doch klasse. Der Regisseur öffnet einen neuen Horizont.

  • und verfälscht das Ursprungswerk. Ich finde das nicht klasse.


    Gerade diese Verfälschung macht das Theater lebendig. Die Musik und das Libretto bleibt immer das Gleiche; aber die Sichtweise kann ganz unterschiedlich interpretiert werden. Für mich sehr interessant.


  • Nun, auch das hat es ja gegeben. Zum Beispiel beim "Barbiere di Siviglia", dessen Vertonung von Rossini die vorherige hochpopuläre von Paisiello fast völlig verdrängte. Es wäre doch wahrlich ein Verlust, wenn Rossini dies unterlassen hätte.


    Auch den Don Giovanni gab es ja schon vorher (von Gazzaniga) und von Leoncavallo gab es sogar eine Bohème. Im Gedächtnis geblieben sind (fast) nur die Erneuerer Mozart und Puccini.


    Fazit: Ein Hoch auf die, die Neues wagen!


    Lustige Auswahl. Es geht doch einfacher, man muss nur beim Anfang anfangen: Euridice, Orfeo und Orfeo und Euridice und so fort.
    Stoffe haben es an sich, in unserer Kultur hundertfach gestaltet zu werden.

  • Gerade diese Verfälschung macht das Theater lebendig. Die Musik und das Libretto bleibt immer das Gleiche; aber die Sichtweise kann ganz unterschiedlich interpretiert werden. Für mich sehr interessant.


    Für mich etwas krank.

  • Ich entschuldige mich bei Wolfram, wenn ich mich in meinem ersten Satz von gestern für ihn missverständlich ausgedrückt habe. Ich wollte ihm keineswegs unterstellen, dass er zu denen gehört, die vorgeben, Entgleisungen zu mögen, um fortschrittlich zu erscheinen. Der Klammerhinweis bezog sich nur auf das Akzeptieren. Und das sehe ich nach den Schilderungen über die Aufführung der Meistersinger auch jetzt nicht anders. Die Prügelszene kann m.E. von Wagner nicht so gemeint sein, wie sie dort interpretiert wird und die überdimensionalen Grashalme und Blumen sowie die Biene Maja und andere Comicfiguren finde ich genauso lächerlich wie in der Baden-Badener Aufführung des "Freischütz" Max als lebender Strauch, Agathe als überdimensionale Blume und Kilian mit dem Schild "Bauer" (das Publikum wurde wohl für zu dumm gehalten, zu erkennen, das das der Bauer ist!) herumliefen.
    Auch setze ich nicht Regietheather = schlecht und konventionelles Theater = gut. Deshalb habe ich an anderer Stelle in diesem Forum gesagt, dass ich diesen nicht treffenden Ausdruck lieber als "Verunstaltungstheater", über das wir sprechen, bezeichnen würde (leider hat sich diese Bezeichnung so eingebürgert)
    Der Hinweis, dass die Aussage, nur mein Bekanntenkreis möge das "Regietheater" nicht, ist ja durch andere Aussagen in diesem Block und durch die vielen Zuschriften im diesem Forum sowie auch in anderen Foren (wie ich gelesen habe, gibt ein solches auch in facebook, in dem ich mich aber nicht registrieren will) widerlegt.
    Dies sollte nur eine Antwort auf Wolframs Zuschrift in diesem Block sein. Weiter möchte ich mich hier nicht äußern, da damit nicht die hier gestellten Fragen beantwortet würden, die ich weiter oben nach meinem empfinden zu beantworten versucht habe.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

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