Muß man gläubig sein, um geistliche Musik wahrhaft interpretieren zu können?

  • Grundsätzlich sehe ich das auch so und der Vergleich kam mir ebenfalls schon in den Sinn.

    Allerdings halte ich es für möglich, daß man sich (als Nichtgläubiger) in Religiöses durchaus besser „hineinversetzen“ kann als z.B. in andere Nationalitäten bzw. Mentalitäten. Es gibt so etwas wie „Ersatzreligionen“, die dem gefühlsmäßig vielleicht doch recht nahe kommen (können), anders als bei Nationalitäten oder Mentalitäten, die man vielleicht doch eher nur objektiv nachvollziehen (und ggfs. akzeptieren) als real fühlen kann. Denn: Trauer, Freude, Demut, Buße usw. sind (für mich jedenfalls) keine ausnahmslos dem Religiösen vorbehaltenen Gefühle; man kann beispielsweise die Geburt Jesu auch auf die Geburt irgendeines irdischen (zumal des eigenen) Kindes kopieren; gleichfalls funktioniert es mit Trauer und den anderen Gefühlswelten, auch Transzendenz.


    Die nächste Frage wäre: höre ich als Nichtgläubiger einen Unterschied, ob ein Gläubiger oder Nichtgläubiger spielt? Oder ist die Frage nicht zulassungsfähig, da sakrale Musik nur für Glaubende gemacht ist?

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Allerdings halte ich es für möglich, daß man sich (als Nichtgläubiger) in Religiöses durchaus besser „hineinversetzen“ kann als z.B. in andere Nationalitäten bzw. Mentalitäten


    So richtig verstehe ich den Satz nicht. Ich kann mich in Religiöses nur schwer hineinversetzen und bekam deswegen schon mit sechs Jahren in der Volksschule Ärger. Seitdem hat sich bei mir wenig geändert. Allerdings habe ich gelernt mit dem Phänomen umzugehen.


    Vieles ist doch einfach eine Frage der Sozialisation. Religion und Kultur überhaupt. Wenn Du mit Mentalität meinst, dass ich als Rheinländer manchmal im deutschen Norden Probleme bekomme, wenn ich z.B. in einem "Fast" Food Restaurant bei Bremen eine halbe Stunde auf einen Hamburger warten muss, dann finde ich das erstaunlich und nehme das als Farbigkeit der Welt mit :)


    Nationalität ist etwas, was in meinem Pass steht, worunter ich zwangsweise qua Geburt subsummiert werde. Ich vermute, dass ich mit so einigen meiner Landsgenossen weniger gemein habe als mit einem Vertreter einer beliebigen Nation, dessen Interessen sich mehr mit meinen decken.


    Besteht Kunst nicht auch darin, sich einer fremden Welt zu bemächtigen?

    Kunst und vor allem die Musik ist eine eigene Sprache, deren Rezeption in meinen Augen gerade völkerübergreifend sein kann. Gerade die Kunst zeigt uns doch, dass ihr Reichtum immer in der Über- und Annahme und Überwindung besteht. Eine isolierte Kunst verarmt für meine Begriffe sehr schnell und ist uninteressant, außer vielleicht für die drei, die sie praktizieren.;):P


    Wie übergreifend Kunst ihren Anlass, die Motivation und Vorstellung ihres Komponisten transzendieren kann, kann man in der Begeisterung des erklärten Atheisten Richard Dawkins sehen, für den Bachs Matthäuspassion eines der größten Werke der Musik ist.

  • So richtig verstehe ich den Satz nicht.

    Das habe ich ja im Folgenden zu erklären versucht.

    Ich kann mich in Religiöses nur schwer hineinversetzen und bekam deswegen schon mit sechs Jahren in der Volksschule Ärger. Seitdem hat sich bei mir wenig geändert. Allerdings habe ich gelernt mit dem Phänomen umzugehen.

    Zunächst ist dies eine bloße Vermutung von mir, die natürlich auf andere mehr oder weniger zutreffen mag. Ich persönlich bin in religiösem Umfeld aufgewachsen (kath. Kindergarten, Jesuitengymnasium, dazwischen Gemeinschaftsgrundschule) und habe den ganzen Zauber zumindest mitbekommen, wenn auch nicht ausgeübt. Die Eltern waren bzw. sind evangelisch getauft, aber nicht praktizierend.


    Was ich aber meine ist, Du kannst Trauer und Freude ebenso empfinden wie ein religiöser Mensch (ich unterstelle da keinen messbaren Unterschied). Du kannst Dich aber in Italien kaum wie ein Italiener verhalten.


    Wenn ich „For unto us a child is born“ aus Händels Messiah höre, kann ich vor Freude hüpfen - ich transportiere das eben auf die Geburt eines Kindes gemeinhin und nicht auf die betreffende (von mir aus auch auf ein völlig anderes „freudiges Ereignis“). Mit anderen Gefühlswelten in geistlicher Musik ist das (bei mir) entsprechend.


    Wenn Du mit Mentalität meinst, dass ich als Rheinländer manchmal im deutschen Norden Probleme bekomme, wenn ich z.B. in einem "Fast" Food Restaurant bei Bremen eine halbe Stunde auf einen Hamburger warten muss, dann finde ich das erstaunlich und nehme das als Fartbigkeit der Welt mit

    Lustiges Wort :P. Ich dachte eher: je südlicher, desto langsamer. Ich habe mit der „Badischen Gemütlichkeit“ auch so meine Probleme ... und Schweiz: also die schnellste Maus von Mexiko wurde dort jedenfalls ganz sicher nicht erfunden.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Was ich aber meine ist, Du kannst Trauer und Freude ebenso empfinden wie ein religiöser Mensch (ich unterstelle da keinen messbaren Unterschied).

    Weil es etwas zutiefst Menschliches ist und nichts spezifisch Religiöses.



    Du kannst Dich aber in Italien kaum wie ein Italiener verhalten.

    Ich kann mich nicht mal in München wie ein Münchner verhalten ;) Was macht's?

  • Allerdings halte ich es für möglich, daß man sich (als Nichtgläubiger) in Religiöses durchaus besser „hineinversetzen“ kann als z.B. in andere Nationalitäten bzw. Mentalitäten.

    so sehe ich das auch, allerdings aus anderen Gründen. Mentalität ist viel komplexer und vielschichtiger.

    Besteht Kunst nicht auch darin, sich einer fremden Welt zu bemächtigen?

    Genau. Ein Opernsänger schlüpft regelmäßig in neue Rollen, die (so möchte man jedenfalls hoffen) nicht immer mit seiner eigenen Persönlichkeit übereinstimmen.

    Einige brillante musikalische Werke wurden nach einem Auftrag geschrieben, wo der Komponist nicht aus „natürlicher“ Inspiration kreiert hat, sondern sich bewusst mit einem Thema auseinandergesetzt hat und sich davon inspirieren ließ.

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • Beobachtung meinerseits: Ich kann mich in das Christenteum besser hineinversetzen als die meisten Christen, obwohl ich mit ca. 25 aus der Kirche ausgetreten bin. Das ergibt sich daraus, dass ich mich schon seit Jahren mit diversen (und sehr vielen) Facetten des Christenstums beschäftige, während der einzelne Christ nur seinen individuellen Gauben auslebt. Und der ist in jedem Land und zu jeder Zeit unterschiedlich. Es ist echt krass, welche Ausprägungen allein der Katholizismus in unterschiedlichen Regionen und zu unterschiedlichen Zeiten hat.


    Ja, man sollte schon etwas Ahnung vom Christentum haben, wenn man ein christliches Werk aufführt. Aber man muss nicht gläubig sein. Allzu tiefer Glaube kann sogar schaden, weil die Interpretation dann eher einen theologischen als eine künstlerischen Wert hat. Nix gegen Theologie. Aber Theologie und Kunst sind zwei verschiedene Dinge.


    Das ist ähnlich wie beim Thema Politik und Kunst. Wenn es zu sehr in Richtung Politik geht, ist es keine Kunst mehr.