Anita CERQUETTI

  • Als Cerquetti ab etwa 1954/55 begann in Italien Furore zu machen „erbte“ sie von der Callas jene Bühnen-Rollen, die die Griechin nach ihren „Raubtier“-Jahren bald abgegeben hatte, etwa Abigaille, Gioconda oder Aida. Callas punktete ab etwa Mitte der 1950er Jahre verstärkt im belcanto-Repertoire mit Finesse und musikalischer Detailgenauigkeit, Tebaldi bestach in ihren Paraderollen durch eine reine und ebenmäßige Gesangslinie und ihre blühende hohe Mittellage. Cerquetti wiederum war in Mitte der 1950er Jahre in ihrem Kernrepertoire, vor allem in ihren Verdi-Rollen, ungeschlagen: üppiges Stimmvolumen, unerschöpflich scheinende stimmliche Reserven (über die Callas nicht mehr verfügte) und gleichzeitig die Fähigkeit mit dieser Riesenstimme beeindruckende Verzierungen und Koloraturen zu singen (die stets ein Schwachpunkt Tebaldis waren) - etwa im Bolero aus „I Vespri Siciliani“ - sowie die kraftvolle, glühende Intensität ihres Gesanges machten sie zu einer idealen Verdi-Sängerin. Im Opernhaus muss die Wirkung dieser Stimme überwältigend gewesen sein.
    Gleichzeitig hegt man bei genauem Hören aber auch Zweifel, ob eine derart brennende Intensität und eine Verausgabung auf solchem Niveau auf längere Dauer durchzuhalten ist. Der oft zitierte Vergleich, Callas hätte sich in ihren frühen Jahren allzu sehr verausgabt, wie eine Kerze, die an beiden Enden zugleich brennt, mag auf Cerquetti ebenso zutreffen wie die Feststellung „Too much too soon.“: Sie war gewiss keine Sängerin ohne Schwächen: die Stimme hat relativ bald Einiges von ihrem homogenen Klang eingebüßt. Die Höhe klingt bereits 1957/58 mitunter leicht scharf und angespannt, stellenweise schleicht sich ein leichter „Schlag“, ein leichtes tremolo ein. Sie begann, mehr mit ihrem stimmlichen Kapital als mit den Zinsen zu singen – zunehmend mit einigem Kraftaufwand. Vor allem die Live-Mitschnitte von 1957/58 vermitteln eine stimmlich ungemein intensive Sängerin, die sich immer voll verausgabt und emotional nicht zurückhalten kann oder will. Als Stilistin war sie ein wenig unbeständig: was bei manchen Phrasen genial gelang, war einige Takte später nicht mehr als durchschnittlich. Nicht alles geriet so wie es ihre Intention war, aber was tatsächlich gelang gehörte zu den Sternstunden des Gesanges.
    Cerquetti wird in vielen Werken über Sänger nur als Fußnote geführt oder als Eintagsfliege abgetan - was ihr keineswegs gerecht wird, auch wenn ihre Karriere im Grunde nur acht Jahre dauerte. Davon zählten die Jahre 1956 bis 1958 zu ihren absolut erfolgreichsten. 1960 zog sie sich kaum 30 jährig von der Bühne zurück.
    Von Anita Cerquetti wurden während ihrer kurzen Karriere nur zwei kommerzielle Aufnahmen von DECCA veröffentlicht. Das 1957 aufgenommene Arien-Recital sowie die 1957 eingespielte Gesamtaufnahme der Oper „La Gioconda“. Eine Gesamtaufnahme von „Norma“ soll zumindest begonnen worden sein, tatsächlich veröffentlicht wurden nur die Ausschnitte mit Mario del Monaco. Das DECCA-Recital beinhaltet mit Ausnahme der „Tosca“, die sie auf der Bühne nie gesungen hat, einen Großteil ihrer berühmtesten Partien. Für die RAI sang sie in folgenden Gesamtaufnahmen: „1955 I Vespri Siciliani“, 1956 „Oberon“, „Mosè“ und „Guglielmo Tell“ sowie 1957 „La Forza del Destino“. Daneben sind zahlreiche live-Mitschnitte mit ihr erhältlich.
    Sie lebt heute bei nicht allzu guter Gesundheit in der Nähe von Rom und feierte heuer ihren 80. Geburtstag (wenn man vom Geburtsjahr 1931 ausgeht und nicht 1927, wie vermutet wird).


    PREISER hat gerade ein Recital von ihr herausgebracht.


    http://www.preiserrecords.at/album.php?ean=717281934794

  • Das DECCA-Recital beinhaltet mit Ausnahme der „Tosca“, die sie auf der Bühne nie gesungen hat

    Hallo Gioconda,


    Deinen Ausführungen ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Die Studioaufnahme der "Gioconda" mit Cerquetti ist sehr empehlenswert, zumal Mario del Monaco hier auch erstaunlich differenziert singt - das merkt sogar Jürgen Kesting an.
    Ich habe viele Livemitschnitte (Gesamtaufnahmen) mit der Sängerin, die zweifellos eine außerordentliche Stimme besaß - mir fällt auf, dass diese bei cabalettas (Ernani, Norma etc.) sehr hölzern klingt. Bei einigen Liveauftritten lässt sie diese gar aus!
    Dennoch war Anita Cerquetti meiner Meinung nach eine zentrale Sängerin mit sehr viel Potenzial. Die Preiser-CD werde ich mir zulegen.


    Dass sie nie Tosca sang (oder singen wollte) verhinderte wohl ihre Auftritte an der MET: Bing forderte von ihr die Tosca und die Santuzza - beide Rollen lehnte sie ab.


    LG
    Manfred

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Hallo, Manfred!


    Diese abgebildete CD habe ich als Vinyl-Platte. Ich finde die Stimme von Cerquetti hochdramatisch, aber nicht hölzern. Da ich die Platte lange nicht mehr gehört habe, müßte ich mir ihre Elvira und Norma noch mal anhören. Aber ihre Stimme und Del Monaco passen ganz gut zusammen.



    Gruß Wolfgang

  • Ich finde die Stimme von Cerquetti hochdramatisch, aber nicht hölzern.


    Hallo Wolfgang,


    das habe ich auch so nicht geschrieben: lediglich bei den cabalettas, die ihr ganz offensichtlich nicht lagen, und die sie bei Liveauftritten häufig ausließ, empfinde ich das so.


    Gruß
    Manfred

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  • das habe ich auch so nicht geschrieben: lediglich bei den cabalettas, die ihr ganz offensichtlich nicht lagen, und die sie bei Liveauftritten häufig ausließ, empfinde ich das so.s


    Also wenn ich mir den Bolero aus den Vespri anhöre - Hut ab bei einer derart groß dimensionierten Stimme, da könnte sich so manches Stimmchen von heute mehr als ein Scheibchen abschneiden - und sollte sie besser auch weglassen.

  • Also wenn ich mir den Bolero aus den Vespri anhöre - Hut ab bei einer derart groß dimensionierten Stimme, da könnte sich so manches Stimmchen von heute mehr als ein Scheibchen abschneiden - und sollte sie besser auch weglassen.


    Da hast Du vollkommen Recht. Ich freue mich schon auf die bestellte Preiser-CD.

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    Enrico Caruso


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    Giuseppe di Stefano


  • Soeben erfahre ich, dass Anita Cerquetti bereits gestern, am 11. Oktober 2014, gestorben ist. Die Nachricht macht mich sehr traurig. Mit ihr ging einer der bedeutendsten Sängerinnen der Nachkriegszeit. Obwohl ihre Karriere relativ kurz war und die Ausbeute an Tondokumenten, die ihre Bedeutung heute noch ahnen lassen, vergleichsweise knapp ist, hat sie einen Platz ganz oben. Mit der NORMA von 1958 aus Rom setzte sie sich ihr eigenen Denkmal. An diese Leistung ist höchstens noch Maria Callas herangekommen, sonst niemand. Davon bin ich ganz fest überzeugt. So getragen, so üppig, so würdevoll und doch voll innere Glut ist die Priesterin nie wieder gestaltet worden. Ich bin dieser Sängerin dankbar für betörende Eindrücke und wichtige Einsichten.


  • Anita Cerquetti war wirklich eine der wenigen ganz großen Sängerinnen, die ihre Stimme in jeder Lage vollkommen beherrschte, was nicht selbstverständlich ist.
    Ich kenne keinen Ton von ihr der, wie oben behauptet, scharf oder angespannt klingt. Sie war in jeder Partie, die sie sang für mich vollkommen. Rollen in denen sie nicht vollkommen sein konnte, sang sie meiner Meinung nach nicht.
    Hier ist noch eine Aufnahme, in der sie ihre Größe als Verdi-Sängerin beweist.
    Nahezu alle Einspielungen mit ihr sind Live Mitschnitte aus Italien, oder aus der Met.
    Die Aufnahmen die sie nach ihrer Herzkrankheit gemacht hat kenne ich nicht.



    :hello: Herbert

  • Es wundert mich,dass eine Sängerin wie Anita Cerquetti so wenig Interesse hier im Forum findet.
    Viele Experten stellen sie in eine Reihe mit: Maria Callas, Renata Tebaldi, Leontyne Price und Eileen Farrell, alles ihre Zeitgenossinnen.
    Für mich ist sie auch eine aus dieser Spitzengruppe der Fünfziger Jahre.
    Was ist denn gegen diese Sängerinnen Anna Netrebko?



    :hello: Herbert

  • Lieber Stimmenliebhaber,


    das ist für mich unbedeutend, da ich außer Callas auch keine von den großen, von mir aufgezählten Sängerinnen auf der Bühne gehört und gesehen habe,
    Anna Netrebko übrigens auch nicht.
    Es ist für mich also kein Unterschied ob sie gesungen haben, oder noch singen.


    :hello: Herbert

  • Lieber Herbert,


    Du hast die Callas live gehört? Toll! Das hätte ich auch gerne. Wann, wo, und in welcher Rolle war das denn?
    Aber natürlich möchte ich nicht gänzlich vom Thema abweichen, daher nochmal zurück zu Anita Cerquetti: in der Tat halte ich sie auch für eine Sängerin von höchsten Gnaden und ungeheuerlichem Können - die Tatsache, dass sie weniger bekannt ist oder rezipiert wird als andere hat wohl mehr mit dem Umstand zu tun, dass sie ihre Karriere wohl aus nie vollständig geklärten Gründen (lt. wikipedia gab sie in einem Interview Termindruck und allgemeinen Stress an) recht früh beendet hat und wenige offizielle Einspielungen hinterlassen hat, wenn es auch vielerlei live-Mitschnitte geben mag.
    Zudem war sie wohl auch ein eher zurückhaltender Mensch und keine skandalumwitterte, glamouröse Diva, die sich immer ins Rampenlicht gedrängt hätte.


    Von ihren musikalischen und vokalen Fähigkeiten kann man sich beispielsweise hier überzeugen:



    Ferner gibt es die gesamte Norma für derzeit günstige 8 Euro beim Hamburger Archiv für Vokalkunst, falls die Myto-Aufnahme nicht mehr greifbar sein sollte. (Könnte man im Übrigen nicht die Möglichkeit der direkten Verlinkung schaffen?)



    http://www.vocal-classics.com/…lini---norma--2-cds-.html

  • Es wundert mich,dass eine Sängerin wie Anita Cerquetti so wenig Interesse hier im Forum findet.
    Viele Experten stellen sie in eine Reihe mit: Maria Callas, Renata Tebaldi, Leontyne Price und Eileen Farrell, alles ihre Zeitgenossinnen.


    Interesse gibt es bestimmt. Vielleicht fehlen dem Forum derzeit einfach die Stimmenliebhaber, Herbert.


    Cerquetti war wohl die größte Konkurrentin der Callas, und hätte sie ihre Karriere nicht vorzeitig beendet, wer weiß, sie hätte sie vielleicht überflügelt und wir würden heute in erster Linie von einer Cerquetti und erst dann von einer Callas sprechen.
    Die Norma der Cerquetti wird ja von vielen mit der der Callas auf eine Stufe gestellt, nicht wenige favorisieren Cerquetti sogar.
    Man braucht sich nur durch die Cerquetti-Videos bei YT klicken und die Kommentare zu lesen, um zu begreifen, welchen besonderen Stellenwert die Sängerin bei den Opern- und Stimmenliebhabern genießt. Und das obwohl ihre Karriere nicht mal ein Jahrzehnt andauerte.


    Erstaunlich ist ja, dass die Sängerin mit 29 Jahren ihre Karriere beendet hat (da fangen viele Karrieren erst an). Und was hat sie da alles gesungen? Gioconda, Aida, Maskenball-Amelia, Abigaille, Norma ... Alles Partien, die nicht gerade zu den leichtesten gehören. Und sie sang sie trotz ihres jugendlichen Alters bereits mit einer technischen Perfektion und gesangsinterpretatorischen Reife, die man nicht unbedingt von einer Frau Anfang, Mitte 20 erwarten würde.



    Ihre Live-Aufnahmen von Casta Diva und Ecco l'orrido campo aus Un ballo in maschera sind wirklich sehr beeindruckend:




    Anita Cerquetti hat ihre Karriere nach eigenen Aussagen beendet, weil ihr der Druck und der Stress zuviel waren. Dadurch sei sie wohl 1959 in eine Stimmkrise geraten.
    Als sie sich wieder erfangen hat, bekam sie Angebote auf die Bühne zurückzukehren. Sie spielte wohl mit dem Gedanken, entschied sich aber dann dagegen, weil sie in ihrem Leben zu dem Zeitpunkt sehr zufrieden und glücklich war und sie das nicht gefährden wollte. Sie wirkte vielleicht optisch nicht so, aber sie schien eine sehr sensible Person zu sein.


    Gregor

  • Zitat

    Gregor: Interesse gibt es bestimmt. Vielleicht fehlen dem Forum derzeit einfach die Stimmenliebhaber, Herbert


    Das ist wohl der springende Punkt! X(


    Zu Anita Cerquetti: Trotz der technischen Mängel, hört man eine sehr ergreifend singende Amelia. Es gab nicht viele Sängerinnen, die diese Rolle so interpretierten.

  • Heute jährt sich wieder der Geburtstag von Anita Cerquetti (*13.04.1931 - +11.10.2014). Grund genug, ihre herrliche Stimme zu hören:


    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano