"Aus einem Totenhaus" in Zürich, besuchte Vorstellung: 18.6.11

  • Gestern war ich im Opernhaus Zürich in Janaceks „Aus einem Totenhaus“. Ebensogut könnte ich diesen Beitrag unter Regietheater platzieren. Keine Frage, Konwitschny (der erstmals in Zürich inszeniert) kennt seinen Brecht. Kennt er auch den Dostojewski? "Das Totenhaus" handelt ursprünglich in einem sibirischen Gefangenenlager. Konwitschny hat, bildlich gesprochen, die Gefängnistore geöffnet und arbeitet im Sinne des Epischen Theaters mit Verfremdungen. Schon während der Einleitung, deren Rhythmik das hervorragend spielende Orchester unter der Leitung von Ingo Metzmacher elastisch musiziert, öffnet eine Projektion auf den Vorhang den Theaterraum. Ein Platz in Zürich, Passanten eilen durchs Bild, Trams fahren vorbei: Wir alle sind Gefangene. Protagonisten, eine Handlung kennt die Partitur nicht, dafür vier große Erzählungen und Rekapitulationen. Mit Guantánamo oder einem Terrorcamp von al-Qaida wäre das szenisch gewiss nicht zu lösen gewesen. Die Behauptung aber, die Konwitschny im Gegenzug aufstellt, wir alle seien Gefangene, Entfremdete, Opfer des Systems, sie mutet nicht minder platt und wohlfeil an, ja in ihrer Naivität vielleicht sogar noch zynischer.
    Der Lagerkommandant, hier ein mit der Knarre herumfuchtelnder Mafiaboss (überzeugend grobschlächtig: Pavel Daniluk) zwingt Gorjantschikow, in die Hülle zu steigen. Dann erschießt er ihn, in krasser, aber konsequenter Abweichung vom Libretto. (Wo er in Freiheit entlassen wird). Keine Freiheit, nirgends. Die Bühne hat sich geleert, einer schmettert dem Publikum ein "Marsch!" entgegen. Wohin? Das bleibt offen am Ende dieser spannungsreichen Inszenierung.mit 19 Solisten (alles Männern). Aber natürlich stellt sich am Schluss die berechtigte Frage: Darf Regietheater alles? Darf Regietheater den Sinn umkehren? Konwitschny mag man, oder nicht. Aber man weiss zum vorneherein, was einem erwartet. Er ist ein Verrückter.

  • Das Totenhaus von Janacek stand eigentlich auf meiner Wunschliste.
    Ich glaube, ich werde mir das aber lieber nicht ansehen.
    Ich bin solche Aufführungen im Moment ziemlich leid.

  • Moin,


    ich war Anfang Juli in dieser Inszenierung. Für mich war es das Opernhighlight 2010/2011. Sicherlich ich will nicht jede Inszenierung so sehen. Aber ich habe selten eine so exzellente Personenführung in der Oper erlebt. Die Besucher in meinem Umkreis haben alle verschmitz gelächelt, als einer der Gefangenen durch die Ränge gerannt ist, die Türen auf- und zugeschlagen hat, in die Logen eingedrungen ist und "Lügner" gesungen hat.


    Das Gute an dieser Oper ist, dass sie nur 2 h dauert. Dadurch nutzt sich das Regietheater nicht ab. Ich kann die Inszenierung den Wienern nur empfehlen.


    Musikalisch war der Abend vom aller Feinsten. Metzmacher ist einfach ein grossartiger Klangfarbkünstler.