Die Krise der Gesangskunst Fiktion oder Tatsache?

  • Mal eine grundsätzlich OFF-Topic-Frage: Was ist das eigentlich mit der Technik hier los? Ich muss mich häufig neu anmelden, wenn ich meinen Beitrag geschrieben habe, dann ist er meist futsch bzw. ich habe mir angewöhnt jeden Beitrag erstmal zu kopieren, bevor ich ihn absende. Auch muss ich ganz häufig den Stil ändern, um zu antworten. Das ist erst seit dem Absturz so. ist da Aussicht auf Änderung?


    Beim Anmelden das Kästchen "Dauerhaft angemeldet bleiben?" markieren, dann wirst du nicht nach einer gewissen Zeit der Untätigkeit hinausgeworfen.


    Und warum musst du häufig den Stil wechseln, um antworten zu können? Der bevorzugte Stil ist im Profil einzustellen, danach sollte keine Notwendigkeit zum Wechsel mehr auftauchen...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Beim ersten Anhören habe ich hier die deutschen Texte überhaupt nicht wiedererkannt. Original kam von EMI heraus in Zusammenarbeit mit VEB/Deutsche Schallplatten ehemals DDR.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"


    Waldemar Kmentt (1929-2015)



  • Das hast Du schön aufgelistet, Knusperhexe! Danke. Im übrigen sind die originalen Texte meist auch nicht gefühlt besser als die alten oft freien deutschen Übersetzungen. Und was ist nun, wenn die deutschen Originaltexte von Opern stilistisch nicht mehr unserem Sprachgefühl entsprechen, etwas altbacken geworden sind? Sollen sie dann umgeschrieben werden? Wie das beispielsweise bei der Euryanthe glücklos geschehen.



    Herzliche Grüße in die Runde von Rheingold Rüdiger

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Lieber Rüdiger,


    sehe es genauso, die deutschen Texte sind von der Atmosphäre und vom Sprachgefühl her den Übersetzungen gleich. Mir gefällt`s:-)


    Bzgl. Anpassung der Originaltexte an den heutigen Zeitgeschmack: Da hat ja die Elke Heidenreich vor zwei Jahren einen Bock geschossen. Sie hat Hänsel und Gretel modernisiert, da das ja heute nicht mehr in die Zeit passen würde. Nee, is klar. Gott sei Dank, wurde sie aber dafür von allen Seiten abgemahnt. :-)


    Ich schreibe Dir. Kannst Deine Adresse wieder löschen. :-)


    LG,


    Knuspi

  • P.S.


    Zum Thema Originalsprache ja oder nein oder jein noch ein Tipp: Es gab unlängst auf mehreren Radio-Sendern den Mitschnitt von Smetanas "Verkaufter Braut" aus Graz in der ersten deutschen Übersetzung von Emanuel Züngel, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt. In etlichen flankierenden Beiträgen und Interviews gab es sehr spannende und aufschlussreiche Bemerkungen und Erörterungen zum Thema.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Ui, das würde mich ja brennend interessieren. Was haben sie denn gesagt? Ich liebe ja die erste Übersetzung. An die 2. konnte ich mich nie recht gewöhnen. Da fehlte mir das Volkstümliche. "Mein lieber Schatz nun aufgepasst" ist mir einfach lieber als "Ein Dickkopf bist Du liebes Kind":-/ In München haben sie in der letzten Inszenierung beides vermischt.

  • Wir lieben die Oper ja nicht um des Textes willen! Oder ???


    Manchmal schon, sage ich mal für mich, lieber Erich. Es gibt hinreißende deutsche Operntexte: Salome, Arabella, Rosenkavalier, Teile des Rings, Meistersinger... Diese Opern und noch viele mehr liebe ich auch des Textes wegen.


    Grüße von Rheingold

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Lieber Rheingold,


    ich meinte dies nur in Bezug auf Übersetzungen. Die von Dir genannten, wunderschönen Hofmannthal-Texte sind allein eine Klasse für sich. Erst heute habe ich in einem Gespräch in Sachen "Meistersinger" festgestellt, man sollte den Text allein bringen, da käme man auf eine gute Komödie hin.


    Aber über allem steht für mich die Musik !


    Liebe Grüße aus Wien von


    Erich, dem Operngernhörer

  • Lieber Erich, ich lese, wir stimmen überein! Danke. Meistertsinger sind mit Musik schon noch besser. Ich kenne den Text aber auch ziemlich gut und sage ihn manchmal einfach so vor mich hin.


    Liebe Grüße nach Wien aus Berlin von Rüdiger

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Beim Besuch des Düsseldorfer Falstaff habe ich wieder mal gedacht: Es wäre wesentlich lustiger gewsen, das Ganze auf deutsch zu hören.

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  • Der "Falstaff" ist ja gar nicht so lustig, sondern vor allem ein Spiegelbild des herabgekommenen britischen Adels - übrigens ein Pendant zum verarmten und dummdreisten Ochs bei Hofmannsthal/Strauss -, also eher beklemmend in der Genreschilderung, aber natürlich sind die unfreiwillig komischen Momente hier wie dort zu erleben.


    "Falstaff" deshalb auf Deutsch? Da empfehle ich eher ein deutsches Lustspiel.


    Grüße aus Wien
    von Fritz

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Hallo,


    ich möchte zum Ausgangsthema zurück ! Ich bin der Meinung, daß es eine Krise der Gesangskunst gibt !


    1.) Es ist hier vollkommen richtig ausgeführt worden, daß die meisten jungen SängerInnen sich schnell ihre Stimmen ruinieren, weil sie zu schnell zu schwere Partien singen. Sie haben nicht mehr die Zeit, in Ensembles für Partien zu wachsen, weil es keine Ensembles mehr gibt und größere Opernhäuser nur noch nach dem "La Stagione"-System arbeiten, d.h., Besetzungen werden unter den international agierenden, berühmten Freischaffenden zusammengekauft. Das führt zur Verarmung der Opernszene. Anders gesagt: Man sieht und hört in den bekannten Opern immer nur dieselben 30 SängerInnen. Vor 45 Jahren mögen sie zwar nicht alle top gewesen sein, aber durch das Ensemble-System gab es mehr sängerisches Personal auf in der Breite höherem Niveau ! Die Durchsetzung des La Stagione-System weltweit durch Karajan ist eine der größten Fehlentwicklungen !


    2.) Direkt aus Punkt 1.) folgt, daß mit dem Begriff "Internationaler Star" wird inflationär umgegangen. Ich habe das Gefühl, war heute an einem größeren Haus 5 Aufführungen mit Anstand durchsteht, wird gleich zum Topstar hochgeschrieben ! Fairerweise muß aber gesagt werden, daß es heutige junge SängerInnen, meines Erachtens, wesentlich schwerer haben, als vor 30 Jahren. Weil heute kaum noch Studio-Gesamtaufnahmen und Recitals produziert werden, muß man wieder auf Ochsentour durch Aufführungen und Konzerte.


    3.) Der Aufschwung des belcantistischen Repertoires seit 30 Jahren, Händel, Mozart, Vivaldi, Rossini, Bellini, Donizetti, ist eine Mode. Das vermehrte Aufkommen von Altisten, Countertenören und Sopranisten, ist einem voyeuristisch-erotischen Interesse des heutigen Publikums am historischen Sachverhalt "Kastrat" geschuldet. Die unbestreitbare Virtuosität der Künstler wird oft nicht in Gänze wahrgenommen. Außerdem kommt der Stoffbereich der Opern der genannten Komponisten dem heutigen Zuhörer, meines Erachtens, mehr entgegen, als der Kampf- und Liebesheroismus von Verdi, Wagner, Puccini und den Veristen. Selbst große Häuser haben heute allergrößte Schwierigkeiten, Aufführungen von Verdi, Wagner, Puccini oder Opern des Verismo, adäquat zu besetzen.


    4.) Es gibt dagegen, meiner Meinung nach, keinerlei Krise des Liedgesanges ! Man siehe meinen Beitrag unter: "Überlebt der Liedgesang ?".


    Gruß,


    Antalwin

  • Die Durchsetzung des La Stagione-System weltweit durch Karajan ist eine der größten Fehlentwicklungen!


    Antalwin


    Das ist falsch! Karajan hatte als Direktor der Wiener Staatsoper die Ensemblepflege nicht nur beibehalten, sondern auch ausgebaut, indem er so manche jungen Künstler in deren Stamm integrierte und förderte. Dass Karajan zwei Gastspiele der Mailänder Scala ("Lucia" und "Bohème") ermöglichte und in deren Folge Solisten aus Mailand und New York auftreten ließ, förderte offenbar diese Meinung, wiewohl das Stagione-Prinzip in anderen Häusern die Regel war und erst spät nach Karajan auch in Wien kurzzeitig und gottseidank erfolglos praktiziert wurde.


    Ich bin stolz darauf, dass Wien nach wie vor ein Ensemble-Haus ist, aber dem Karajan ans Bein zu pinkeln, gehört ja hier im Forum wohl zum guten Ton.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Nachzutragen wäre noch, dass Karajan - um nur einige zu nennen - Lucia Popp, Gundula Janowitz, Heinz Holecek, Olivera Miljakovic und viele andere ins Wiener Staatsopern-Ensemble integrierte.


    Oder Graziella Sciutti, diese bezaubernde Sopranistin. Sie debütierte in Mailand unter Karajan, der sie dann nach Wien engagierte.


    Aber es lebe die Meuchel-Propaganda, die über einen Künstler herfällt, den sie offenbar nie live erlebt hat.


    So, und jetzt können's mich aus diesem Forum rausschmeißen!

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Lieber Milletre,


    Wer wird denn einem Kämpfer, der mit Sachverstand, Kompetenz und aus eigenem Miterleben Standpunkte äußert und die mit Herzblut erfüllt, an den Karren fahren wollen. Nein schreibe - und von mir aus polemisiere, provoziere weiter. Bei Dir wird es trotz der Klarheit immer Niveau haben und Du kannst die Wiener Herzlichkeit auch nie verleugenen. Gott sei Dank nicht. Bleibe bitte wie Du bist.
    Herzlichst
    Operus
    und für Dich natürlich Dein Hans

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Hallo, Milletre!


    Hier bin ich ganz Deiner Meinung und der von Operus. Laß Dich nicht provozieren, denn hier im Forum kann man seine Meinung vertreten, solange es nicht unter die Gürtellinie geht. Und das kann und muß man bei diesen Diskussionen ertragen können. Das wird auch Antalwin verstehen, ohne Dir böse zu sein.



    Gruß Wolfgang

    W.S.

  • Hallo zusammen,


    Antalwin hat doch nicht provoziert sondern lediglich seine Meinung vertreten. :?:


    Gruß
    Manfred

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Ich habe die Behauptung Antalwins nicht als provkant gesehen, sondern diese falsche Behauptung richtiggestellt.
    Dass mit mir dann die Rösser durchgegangen sind, liegt am Umstand, dass ich mich aus dieser allgemeinen Karajan-Hatz herauszuhalten versuche, aber wenn er auch am Stagione-System schuld sein soll - gerade er, der die Stagione-Praxis vor allem in London zutiefst missbilligte, ging mir der Deckel über und ich entschuldige mich bei Antalwin.


    (Fehlte noch, dass jemand behauptet, Karajan sei am Ausbruch des Ätnas oder des Dreißigjährigen Kriegs schuld - ein bisserl Sarkasmus darf doch noch erlaubt sein!)

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • .) Der Aufschwung des belcantistischen Repertoires seit 30 Jahren, Händel, Mozart, Vivaldi, Rossini, Bellini, Donizetti, ist eine Mode. Das vermehrte Aufkommen von Altisten, Countertenören und Sopranisten, ist einem voyeuristisch-erotischen Interesse des heutigen Publikums am historischen Sachverhalt "Kastrat" geschuldet.


    Hallo Antalwin!


    Hier muss ich aber energisch widersprechen. Erstens halte ich den Aufschwung des belcantistischen Repertoires keinesfalls für eine Mode. Es ist nur einfach so, besser gesagt, esgeht zumindest mir so, dass man die sattsam bekannten Opern von Verdi, Puccini, Mascagni so oft gehört hat, dass man für Unbekanntes dankbar ist, zumindest dann, wenn man den zeitgenössischen Werken nichts abgewinnen kann.


    Deine Behauptung bezüglich der Countertenöre finde ich, gelinde gesagt, etwas merkwürdig.. Ich habe mich hier im Forum ja schon öfter für eine angemessene Würdigung dieser Stimmgattung eingesetzt, einfach deswegen, weil ich meine Freude an einer schönen und ausdrucksvollen Stimme habe, unabhängig davon, aus wessen Kehle sie kommt. Als Beispiele nenne ich nur den jungen Jochen Kowalski, David Daniels, Andreas Scholl und Max Emanuel Cencic. Zu behaupten,dies sei einem "voyeuristisch-erotischen Interesse für Kastraten" geschuldet, dürfte in etwa soviel Wahrheitsgehalt haben wie die Gegenbehauptung,diese Ansicht könne nur von einer machohaften, von Kastrationsängsten geplagten Persönlichkeit stammen.


    Viele Grüße



    Mme. Cortese

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

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  • Als Beispiele nenne ich nur den jungen Jochen Kowalski,


    Liebe Mme. Cortese
    Nur zur Information, der "junge Mann" ist Jahrgang 1954, wurde im Januar 57 Jahre alt. :yes: :jubel:
    Herzliche Grüße
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Liebe Mme. Cortese
    Nur zur Information, der "junge Mann" ist Jahrgang 1954, wurde im Januar 57 Jahre alt.

    Lieber Chrissy,


    ich denke, Mme. Cortese meinte mit dem "jungen Kowalski" sein Wirken zu Beginn seiner Karriere und glaube, dass Sie schon weiß, wie "alt" der heute ist.


    LG
    Manfred

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Liebe Mme. Cortese, lieber Manfred
    Das war von mir überhaupt nicht böse gemeint, im Gegenteil. Ich dachte, das ist mal ein Gag und habe mich darüber amüsiert. Den Kowalski würde das bestimmt auch freuen, wenn er das lesen würde. Nebenbei bemerkt, ich freue mich auch immer wenn mich in einem Geschäft eine hübsche attraktive Verkäuferin mit "junger Mann" anspricht.
    Herzliche Grüße und nichts für ungut, war von mir wirklich nett gemeint.
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Den Kowalski würde das bestimmt auch freuen, wenn er das lesen würde.


    Lieber Chrissy,


    davon bin ich überzeugt! :)


    Viele Grüße
    Manfred

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Die Durchsetzung des La Stagione-System weltweit durch Karajan ist eine der größten Fehlentwicklungen !


    Wie schon einige Vorschreiber richtig bemängelten, ist dies nicht richtig. Zumindest der Teil, dass Karajan das Stagione-System durchgesetzt haben soll.


    Richtig ist, dass Karajan versucht hat, Modellinszenierungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und dabei auch die enormen Kosten effizienter einzusetzen. Ihm schwebte vor, dass erstklassige Inszenierungen nacheinander an mehreren führenden Opernhäusern Station machen könnten. Die Hauptvoraussetzung dafür war, dass die Opern in Originalsprache aufgeführt wurden. Das hat er an seinen Häusern betrieben und war damit in Europa wohl einer der Vorreiter auf diesem Sektor. Man vergesse aber nicht, dass dies in den USA längst erfunden worden war (und ich kann mich auch nicht erinnern, dass es aus Mexiko City oder Buenos Aires alte Opernmitschnitte in spanischer Sprache gäbe).


    Karajan ist also "schuld" daran, dass sich an den führenden europäischen Opernhäusern die Opern in Originalsprache durchgesetzt haben. Er nahm aber lediglich eine natürliche Entwicklung vorweg, denn die zunehmende Mobilität der Gesangsstars hätte auf jeden Fall zu diesem Ergebnis geführt. Seine Vision von reisenden Inszenierungen scheiterte aber in ihrer ursprünglichen Form, da sich erhebliche juristische und vor allem finanzielle Probleme in den Weg stellten. Daher ließ Karajan nach einigen zum Teil frustrierenden Versuchen davon ab und wechselte in den Festspielbetrieb. Hier konnte er seine Vorstellungen auf eine abgewandelte Weise realisieren. Er hatte in Salzburg alle Möglichkeiten, um herausragende Inszenierungen schaffen zu lassen, und das Publikum kam mit Freude nach Salzburg - man musste ihm gar nicht nachreisen. Als inhärenter Nachteil ergab sich natürlich daraus die Tatsache, dass es ein sehr elitärer Kreis von Publikum war. Salzburg musste man sich leisten können und die Medien mussten erst die Voraussetzungen schaffen, dass alle Welt in Bild und Ton aus Salzburg (und anderen Festspielorten) versorgt werden konnten.


    Nach einer gewissen Zeit wurde aber doch ein Teil von Karajans Vision Realität. Seit etwa zwei Jahrzehnten ist es Gang und Gäbe, dass erfolgreiche Inszenierungen an mehreren Bühnen gezeigt werden. Aber es wandert nur die Inszenierung, das "Personal" (mit Ausnahme des Leading Teams) wird jeweils lokal besetzt! Damit ergeben sich für die Häuser keine zusätzlichen Personalkosten, es gibt keine Probleme mit den Theatergewerkschaften und man spart deutlich bei den Kosten für das Bühnenbild, dessen "Miete" günstiger kommt als der Selbstbau. Ohne diese Variante wäre für viele Häuser der normale Opernbetrieb gar nicht mehr in gewohnter Weise aufrecht zu erhalten.


    Und was das Stagione-Prinzip betrifft, das gab es doch schon immer. Zu behaupten, Karajan habe da irgendetwas durchgesetzt, ist reichlich blauäugig. Man braucht nur einmal nachzulesen, wie es in Ulm ablief, als Karajan 1929 dort ankam. Es gab zwei 1. Kapellmeister. Diese teilten sich die Arbeit so auf, dass einer ein neues Werk mit einer Hälfte des Ensembles einstudierte, während der andere das aktuelle Werk in Serie für mehrere Wochen aufführte! Es gab also schon in den Zwanzigern auch in der deutschen Provinz eine Form von Stagione!


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • um nochmal das "eigentliche" Thema "Krise der Gesangskunst" aufzugreifen:


    ich gehöre sicherlich zu denjenigen, die eher dazu neigen, die "gute alte Zeit" zu loben. Aber ich denke, man muss das sehr differenziert angehen. Beim Liedgesang würde ich auch sagen, gibt es heute eine ebenso grosse Anzahl wirklich guter Sänger, die sich dieser Gattung annehmen, manche ja so gar ausschliesslich ! Früher haben die meisten Opernsänger auch das Liedprogramm gepflegt, allerdings wurden bei Liederabenden häufig nur ein Teil den "klassischen" Liedern gewidmet und der zweite Teil bestand aus Opernarien, weil das ein Teil der Zuhörer wohl sehr gern wollten. Auch empfinde ich die heutige Art und Weise, Lieder zu interpretieren, adäquater, als das was man früher zu hören bekam. Aber das ist ja beim Operngesang ähnlich. Was aber bedauerlich ist, das das grosse Publikum nicht mehr das Interesse hat, sich Lieder anzuhören. In den 60ern , 70ern und auch frühen 80ern des v.J. waren in den Abbonements-Programmen der Konzerthäuser immer mindestens ein Liederabend in der Saison zu hören. Das gibt es heute gar nicht mehr. Heute muss man kleinere , darauf spezialisierte Festivals besuchen, oder man hat das Glück, in der Nähe einer Hochschule zu leben und die dortigen Studenten bei ihren Auftritten hören zu können. Bei den grossen Festivals veranstaltet Salzburg allerdings verstärkt wieder Liederabende, dagegen München kaum noch.


    Beim Operngesang muss man ebenfalls Differenzierungen vornehmen. Bei den Barockopern, bei Belcanto, bei Mozart und auch bei der Moderne ist sicherlich eine große Anzahl wirklich guter Sänger vorhanden und man kann die Rollen gut besetzen. Dagegen ist bei Verdi, Puccini, Wagner und R. Strauss die Möglichkeit sehr viel geringer. Man muss sich nur einmal nach einer Übertragung von Wagneropern z.b. aus Bayreuth, das gleiche Werk in einer alten Aufnahme (ebenfalls ein Live-Mitschnitt aus Bayreuth) anhören, um feststellen zu können, dass eine gewaltige Stimmkrise in diesem Fach gibt. Nicht nur die Protagonistenrollen, sondern auch die kleinsten Rollen waren früher mit ungleich besseren Sängern zu besetzen und ich denke, das liegt nicht nur daran, dass Bayreuth die finanziellen Ansprüche der heutigen Sängergeneration nur bedingt erfüllen kann. Ich glaube, dass in dem grossen, dramatischen Fach - ob in der italienischen oder der deutschen Oper- das heutige , hektische Sängerleben ohne die Möglichkeit stimmlich und künstlerisch zu reifen die Ursache der Misere ist. Junge Sänger, die eine Veranlagung für dieses grosse Fach mitbringen, werden nicht mehr gehegt und geflegt. Es gibt weder Agenten, noch Intendanten , Regisseure ja nicht einmal Dirigenten, die wirkliche Kenner von Sängerstimmen sind und verantwortungsvoll mit jungen Sängern umgehen. Welcher Dirigent der heutigen Generation ist denn den steinigen Weg , des Korrepititors, des Studienleiters, 1. Kappelmeisters usw. gegangen und hat dadurch seine Erfahrungen gesammelt. Wer heute einigermassen hoch und laut singen kann, wird sofort für die grossen Rollen verpflichtet. Wie sich das auswirkt kann man sehen, wenn man sich mal die Besetzungslisten der grossen Häuser oder Festspiele von vor 10 oder 15 Jahren ansieht. Wer von den damals jungen, neuen Stimmen singt heute denn noch ?


    Ich weiss nicht, ob sich das Rad da nochmal drehen lässt oder ob der Hörer später einfach das akzeptieren wird, was ihm angeboten wird, weil er ja sonst die Werke der o.g.Komponisten nicht mehr zu hören bekommt.


    Auch das "Nebenthema" der Originalsprache in der Oper ist für mich immer interessant. Ich gehöre ja noch der Generation an, die sowohl auf der Bühne, als auch im Rundfunk oder auf Platten, die fremdsprachigen Opern in den Deutschen Übersetzungen gehört hat. Damals fand ich das sehr schön, da ich ja viele Werke gar nicht kannte und froh war, die Texte zu verstehen. Noch heute geht es mir so, wenn ich ein Werk in Originalsprache höre, dass ich im "Hintergrund" den deutschen Text, der mir noch geläufig ist mithöre. So z.b. bei den Rezitativen der Mozartopern. Manchmal muss ich aber auch schmunzeln, wenn mir deutsche Texte zu Arien und Ensembles einfallen, die doch oft sehr gewöhnungsbedürftig sind, da bin ich dann doch froh, dass im Original gesungen wird. Dazu kommt ja auch noch, dass die heutige, internationale Sängergeneration, die Werke nicht mehr in den verschiedenen Sprachen einstudieren würde, auch bei plötzlichen "Einspringern" würde es ein babylonisches Sprachgewirr geben.


    So, vielen Dank an alle, die meine lange Ausführung bis zum Ende gelesen haben !


    :)


  • Mein lieber Landsmann Theophilus,


    ich danke dir für die Präzisierung ganz herzlich. Das mußte einmal in aller Ausführlichkeit gesagt werden, um platte und vor allem unbegründete Vorurteile zu widerlegen!

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Also, ich bleibe dabei: Sie waren früher besser! Nachdem ich die fast
    komplette Aufnahme "Tiefland" mit Störring, Hann, Hoffmann und Enck
    gehört habe, kann ich nur sagen: Die Sänger früherer Zeiten haben die
    Rollen mit Inhalt gefühlt. Keine andere Aufnahme dieser Kinooper bringt
    die Dramatik, die nervöse, fast schmerzliche Spannung rüber wie dieses
    Aufnahme von 1943. Keinem anderen Sänger als Störring traue ich zu, dass
    er wirklich einen Wolf erwürgt - und ich habe sämtliche Pedros rauf und
    runter gehört. Keine Sängerin der Martha st derartig verstört wie die
    Enck, keiner derartig viril boshaft wie der Hann und keine derart naiv
    rührend wie die Hoffmann. Bin noch immer ganz im Bann dieser Aufnahme,
    die neben der Tosca mit Ranczak, dem Rigoletto mit Rosvaenge , der
    Martha mit Berger, der Traviata mit Ebers und dem Hänsel mit Grümmer
    einen Ehrenplatz in meiner Musiksammlung findet.

  • So ist es. Bei Martha sollte auch der Name Peter Anders erwähnt werden, mein Lieblings-Lyonel, trotz Wunderlich und Gedda.



    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"


    Waldemar Kmentt (1929-2015)


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