Wege aus der Regietheaterkrise - konstruktiv


  • Lieber Wolfram,
    wiederum begehst du die Missetat, auf eine allgemeine Betrachtungsweise meinerseits persönlich-überheblich zu reagieren. Das kann ich aushalten ("Die sind's gewöhnt, hört keiner drauf!"). Auch unseren geschätzten Moderatoren scheinen deine persönlichen Anwürfe keineswegs aufzustoßen.


    Was uns unterscheidet? Ich bin ein Gefühlsmensch, der in der Musik - ob Oper, Konzert oder Kammermusik - vor allem die Schönheit und den Ausdruck genießen möchte. Wenn ich z.B. die "Freischütz"-Ouvertüre höre, vermeine ich den böhmischen Wald zu riechen. Geht dann der Vorhang auf - jawohl, früher gab es noch einen Vorhang, heute ist die Bühne bereits offen und es muß sich dabei etwas tun - und ich sehe eine verschandelte Gerümpelszene, ist das Stück für mich bereits gemeuchelt. Da kann der neunmalkluge Regisseur noch so spitzfindige freudsche Akzente setzen, wenn er die Sprache der Musik konterkariert, sehe ich keinen Weg aus der Regietheaterkrise.


    Der Regisseur muß zuvörderst den Ausdruck der Musik "treffen", dann kann er noch immer seine eigene Interpretation einbringen. Dann stört es mich nicht, dass etwa ein homoerotischer Melot den Tristan aus verschmähter Liebe schwer verwundet oder Spoletta Tosca heimlich das Messer reicht, mit dem sie den Mord an Scarpia begeht. Solange derartige Ideen mit dem Werk vereinbar sind - warum nicht?

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Lieber Milletre,


    Dich und Wolfram müßte man, wenn dies möglich wäre - ohne die wertvolle Persönlichkeit des Einzelen anzutasten - mixen und mischen.
    Das Problem ist, Du argumentierst auf der Gefühlsebene, Wolfram begründet analytisch und argumentiert auf der rationalen Ebene. So könnt Ihr kaum zusammengekommen, ja sogar die Verständigung zwischen Euch ist schwierig. Ihr werdet auch dem Phänomen Oper nicht gerecht, weil die Oper ein ganzheitliches Erlebnis aller Sinne ist. Der eine riecht halt im "Freischütz" den Wald, der andere analysiert tiefgründig die Motive und verschlüsselten Botschaften von Komponist, Librettist und Regisseur. Wieder ein anderer berauscht sich fast ausschließlich an den herrlichen Melodien. Dazu kommt noch, dass wir unterschiedlich ausgeprägte Wahrnehmungssysteme haben, der eine ist ein Augentier (visuell), der andere hat "große Ohren" (auditiv) und der dritte empfindet und empfängt fast ausschließlich über das Gefühl (kinästhetisch). Dieses Wissen kann als System dienen, um den anderen besser zu verstehen. Die Argumentation wird daraufhin untersucht, ob sie mehr Elemente des Sehens, des Hörens oder des Empfindens enthält. Stelle ich nun fest, dass mein Partner z. B. ein visueller Wahrnehmer ist kann ich mich darauf einstellen, auf sein Wahrnehmungssystem eingehen und ihn in seiner Welt abholen. Im Grunde ganz einfach, bitte ausprobieren. Wir beide, lieber Fritz, sind halt übermässig Gefühlige. Wenn es Dir zum Beispiel gelänge, mit Wolfram auf eine/seine Ebene zu kommen. Das wäre ein Erfolgserlebnis, dass Dir einen gefühlsmäßigen Orgasmus schenken würde. Ausprobieren, sich genau um diese Verständigung bemühen. Wie schön, wenn es klappen würde - gell Ihr merkt es, schon wieder die Operus'sche 'Gefühlsduselei. Beim Gelingen stoßen Milletre und Operus in Wien beim Heurigen darauf an und stellen zusammen mit Wolfram die dann erzielte Dreieinigkeit im Forum bei den "Quellen der Freude" für Taminos ein.
    Herzlichst
    Operus :jubel::jubel::jubel:

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Wieder ein anderer berauscht sich fast ausschließlich an den herrlichen Melodien. Dazu kommt noch, dass wir unterschiedlich ausgeprägte Wahrnehmungssysteme haben, der eine ist ein Augentier (visuell), der andere hat "große Ohren" (auditiv)...

    Dazu gehöre ich lieber operus, aber ich habe kleine Ohren und die hören verdammt gut (sagt meine Frau). Wenn dann auch das Auge noch auf seine Kosten kommt (zB. bei hübschen Sängerinnen), Musikfreund was willst du mehr?


    LG, Bernward :jubel: :jubel: :jubel:


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Lieber operus,


    du hast es wieder einmal sehr gut und verständlich getroffen. Daher bin ich weiterhin der Meinung, dass eine geschickte und das Ursprungswerk nicht entstellende Inszenierung allen Dreien der von dir genannten Wahrnehmungstypen gerecht wird. Es bekommen
    - der visuelle Typ etwas für die Augen
    - der auditive Typ etwas für die (großen oder kleinen) Ohren
    - der kinästhetische Typ etwas für sein Gefühl.
    Da die meisten von uns wohl eher Mischtypen sind - wobei das eine Wahrnehmungssystem vielleicht etwas mehr als das andere ausgeprägt ist - sollte man von einer guten Regie erwarten, dass sie bemüht ist, es allen gerecht zu machen.
    Wenn sich dann unter den Zuschauern einige Analysten befinden, kommen auch sie auf ihre Kosten, denn sie haben nunmehr die Chance, selbständig zu denken und sich nicht die Deutung eines Regisseurs aufdrängen zu lassen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Das Problem ist, Du argumentierst auf der Gefühlsebene, Wolfram begründet analytisch und argumentiert auf der rationalen Ebene. So könnt Ihr kaum zusammengekommen, ja sogar die Verständigung zwischen Euch ist schwierig.


    Lieber Operus,


    das mag in vielen Fällen sicher zutreffen!


    Mir drängt sich die Frage auf: Was davon ist "echt" und was davon ist gewählte Attitüde, die man sich nur deshalb überzieht, weil man sich darin wohlfühlt? Jeder hat tiefere Schichten, die er nicht so schnell nach außen kehrt ... man kann sich im Jammern und Zetern wunderbar suhlen wie Miiletre, man kann sich aber auch in der pseudoanalytischen Vorführung der (vermeintlichen) Defizite des Kontrahenten gefallen ...


    Ich verordne mir ein paar mit Empfindung gesungene Volkslieder mit Gottlob Frick als Buße für die aus niederen Motiven angezogene Maske des Analytikers. :!: Wobei die Buße hier so angenehm ist, wie sie nur sein kann - sie ist eher eine Erinnerung daran, dass es andere seelische Grundhaltungen gibt.

  • So, so, dir ist in der Oper Lohengrin alles klar und verständlich ? dann kennst du den viel besser als ich. Das würde ich gerne mal bei Gelegenheit testen. Und haste dir den Konwitschny –Lohengrin überhaupt mal reingezogen ?:hello:


    Es geht doch darum, dass ein profunder Regisseur meine allfälligen Lohengrin-Defizite erhellt!


    Nein, den Konwitschny(Vater oder Sohn?)-Lohengrin kenne ich nicht. Ich kenne nur den "Lohengrin" von Richard Wagner.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Lieber Milletre,


    Dich und Wolfram müßte man, wenn dies möglich wäre - ohne die wertvolle Persönlichkeit des Einzelen anzutasten - mixen und mischen.
    Das Problem ist, Du argumentierst auf der Gefühlsebene, Wolfram begründet analytisch und argumentiert auf der rationalen Ebene. So könnt Ihr kaum zusammengekommen, ja sogar die Verständigung zwischen Euch ist schwierig. Ihr werdet auch dem Phänomen Oper nicht gerecht, weil die Oper ein ganzheitliches Erlebnis aller Sinne ist.


    Lieber Operus,


    da scheint Dir entgangen zu sein, dass ich in ebendiesem Thread sehr wohl darauf hinwies, wie wichtig mir die Ausleuchtung eines Werks durch den Regisseur ist. Ich führte sogar zwei Beispiele an ("Tristan" und "Tosca"). Was mich jedoch von diesen Neudeutern unterscheidet ist, dass ich willkürliche Eigenmächtigkeiten, wie Transferierung in eine andere Epoche, Bühnenbilder, die nicht den Schauplätzen der Werke gerecht werden, Verkitschung der Szene mittels absurder Requisiten wie Papierflieger, Gitterbetten, scheußliche Holzpuppen und dergleichen mehr, nicht ertragen kann - und auch nicht will!


    Ich sehe das "Problem" auf einer anderen Ebene: Solange die Oper mittels großartiger Sänger, Dirigenten und Regisseure (ich denke da an Bayreuth, Salzburg, Wien etc.) ein erfolgreicher und vor allem beglückender Selbstläufer war, kamen solch eigenwillige Ideen überhaupt nicht auf. Erst als vor allem in Deutschland bei seinen zahlreichen Bühnen die hohe Sänger- und Dirigentenqualität nicht mehr erreichbar war und das Publikum wegzubrechen drohte, verfiel man auf die Idee, Produktionen "interessant" zu gestalten. Ging man früher nicht nur wegen Wagner, Mozart oder Verdi in die Oper, sondern, seien wir doch ehrlich, wegen Karajan, Böhm, Molinari-Pradelli oder wegen einer Nilsson, Price, di Stefano, Siepi oder Corelli usw. hin, so entwickelte sich ein Prozeß dahingehend, dass man interessiert zu sein hatte, welch neue Sichtweisen doch "tiefschürfende" Regisseure aus diesen Werken herauszufiltern vermögen, um das sängerische Defizit als nicht-existent erscheinen zu lassen.


    Und wenn ich auch als Ewig-Gestriger gebrandmarkt werde, muß ich doch darauf hinweisen, dass diese verblichene Sängerphalanx bis heute keine Nachfolger gefunden hat, die diesen großen Fußstapfen gerecht werden können.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Erst als vor allem in Deutschland bei seinen zahlreichen Bühnen die hohe Sänger- und Dirigentenqualität nicht mehr erreichbar war und das Publikum wegzubrechen drohte, verfiel man auf die Idee, Produktionen "interessant" zu gestalten. Ging man früher nicht nur wegen Wagner, Mozart oder Verdi in die Oper, sondern, seien wir doch ehrlich, wegen Karajan, Böhm, Molinari-Pradelli oder wegen einer Nilsson, Price, di Stefano, Siepi oder Corelli usw. hin, so entwickelte sich ein Prozeß dahingehend, dass man interessiert zu sein hatte, welch neue Sichtweisen doch "tiefschürfende" Regisseure aus diesen Werken herauszufiltern vermögen, um das sängerische Defizit als nicht-existent erscheinen zu lassen.


    Lieber Milletre,


    wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann stellst Du hier die These auf, dass das Regietheater letztlich eine historische Notwendigkeit war. Diese ergab sich - so habe ich Dich verstanden -, als mangels hochkarätiger Sänger(innen) und Dirigent(inn)en ein künstlerisches Vakuum vorlag, das auf diese Weise gefüllt wurde - zumindest versuchsweise.


    Dagegen führe ich vorsichtig an: Zum einen hat Wieland Wagner völlig neue Regiekonzepte eingeführt, als große Wagner-Sänger noch verfügbar waren (ab Neu-Bayreuth, also ab 1951: Svanholm, Lorenz, Flagstad, Varnay, Mödl, Hotter, ... ). Das scheint mir Deiner These zu widersprechen. (Übrigens wurden auch in den 1920er und 1930er Jahren Inszenierungen von den Konservativen jener Zeit wegen Werkuntreue angefeindet.)


    Zum anderen: Wenn ich gleichzeitig die enorm hohe Leistungsfähigkeit heutiger Sängerinnen und Sänger im Umfeld der Barockoper sehe, die zu Zeiten eines von Karajan, eines Böhm, einer Nilsson, einer Price, eines di Stefano, eines Siepi, eines Corelli, eines Warren nicht einmal ansatzweise erkennbar war, dann müssten diese Werke doch - wenn Deine These wahr wäre - konventionell aufgeführt werden, nicht wahr? Denn ein sängerisches oder dirigentisches Defizit gibt es in diesem Umfeld heute bestimmt nicht - zumindest nicht im Vergleich mit den Zuständen früherer Jahrzehnte. - Gerade das ist aber nicht der Fall: Auch im Umfeld der Barockoper werden die Werke neu gelesen.


    Zumindest wäre Deine allgemein formulierte These nicht auf diese Situation anwendbar. Gerade dies wäre aber ein belastbares Kriterium für die Gültigkeit einer These: Kann man mit ihr Voraussagen machen über Situationen, die nicht zugrunde lagen, als sie formuliert wurden?

  • Hallo, lieber Wolfram
    Eigentlich hatte ich heute geplant gemeinsam mit einem Freund nach Dresden in die Semperoper zu fahren. Auf dem Abendspielplan steht "Rigoletto", eine meiner Lieblingsopern. Mein Freund ist leider kurzfristig verhindert und alleine habe ich nicht die richtige Lust für die je 110 Km. Also verschieben wir den Termin wahrscheinlich auf November. Er wohnt auch 45 Km von mir entfert, so daß wir uns deshalb auch nicht allzu oft sehen. Es wäre schön gewesen, über mehrere Stunden zusammen zu sein und sich bei der Gelegenheit wieder mal richtig gut und herzlich zu unterhalten. Denn das der Abend in der Oper ein kultureller, genießerischer Höhepunkt wird, da habe ich jetzt schon aus meiner Sicht berechtigte Zweifel. Die Musik, die ich in- und auswendig kenne, liebe ich. Von den Sängern kenne ich keinen, sehe dem aber mit Interesse und Neugier entgegen. Was aber die Inszenierung betrifft... Klicke mal bitte Google an, gib´ein Rigoletto Semperoper, gehe auf Semperoper- Detailansicht- Rigoletto, dann findest Du rechtsseitig Fotogalerie und einen Video- Trailer. Den schau Dir mal an, was ich auch allen anderen interessierten Mitgliedern unseres Forums empfehlen möchte. Wenn ich da das karge Bühnenbild sehe, die Kostüme, zwischen moderner und schlampiger Kleidung (Rigoletto im offenen Unterhemd, Hosenträger, wie ein heruntergekommener Säufer), Damen mit nackten, heraushängenden Brüsten (richtiger ist bei den gezeigten Figuren wohl die ordinäre Bezeichnung "Titten"), nun, dann vergeht mir eigentlich jetzt schon alles. Und Du kannst mir glauben, ich bin weder prüde noch etwa zu alt für solche Dinge. Aber das will ich auf der Opernbühne nicht sehen!!! Das gehört dort nicht hin. Und da bin ich mir mit Milletre und vielen anderen einig und da gehen wir in herzlicher Verbundenheit konform. Jeder hat für sich im Laufe seines Lebens, neben hervorragenden Sängern, auch hervorragende Inszenierungen erlebt und davon zehren wir. Ich kann zwar wegen der damals eingeschränkten Grenzen nur immer wieder von der Berliner Staatsoper berichten, aber was war das dort in der Gesamtheit für ein herrlicher Rigoletto.
    Und um nochmal auf den Anfang meines Beitrages zu kommen, wenn es mir nicht darum ging nach langer Zeit mal wieder mit einem Freund ein paar schöne gesellige Stunden zu verleben, nur alleine wegen diesem Rigoletto hinzufahren, um dann auch nachher allein mit meinem Frust und Ärger auf der Heimfahrt zu sein, das tu ich mir dann doch lieber nicht an.
    Herzliche Grüße und viel Spaß beim Video- Trailer
    CHRISSY
    Ich werde heute noch von der Premiere mit Kritik vom "Maskenball" auch aus der Semperoper berichten. Allerdings erst später, ich muß jetzt erst mal weg.

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Lieber Chrissy,


    vielen Dank für die Informationen über Deine Dresden-Pläne!


    Aber das will ich auf der Opernbühne nicht sehen!!! Das gehört dort nicht hin.


    Mir kommt ein Gedankenexperiment in den Sinn: Was wäre, wenn die Librettisten und Komponisten nur das geschrieben hätten, was ihr Publikum sehen will?


    - Es gäbe keine "Nozze di Figaro" wegen der Kritik am ius primae noctis.
    - Wagner hätte seinen Tannhäuser umschreiben müssen, damit das Ballett für die Herren des Pariser Jockey-Clubs im zweiten Aufzug zu sehen ist statt im ersten. Denn diese Herren erschienen nicht früher zur Vorstellung.
    - Überhaupt Wagner: Kann ein Werk wie der Tristan auf ein Publikum berechnet sein? Mal alleine von der Musik her?


    Usw. usw. -


    Wie gut, dass es zu allen Zeiten unabhängige Künstler gab, die gerade eben nicht das machten, was ihr Publikum sofort verstanden und akzeptiert hätte!


    (Weißt Du, was Kinder zu antworten pflegen, wenn man sie fragt, was sie gerne essen würden? Und wie sich diese Kinder entwickelten, wenn man ihren Wünschen folgte? Ein Opernbesucher ist sicher kein Kind mehr, aber die steuernden Triebe scheinen ähnlich zu sein ... man redet ja schon von "Operngourmets", von "kulinarischer Inszenierung", das klingt schon so, als ob der Bauch näher wäre als der Kopf.)


  • Wie gut, dass es zu allen Zeiten unabhängige Künstler gab, die gerade eben nicht das machten, was ihr Publikum sofort verstanden und akzeptiert hätte!


    (Weißt Du, was Kinder zu antworten pflegen, wenn man sie fragt, was sie gerne essen würden? Und wie sich diese Kinder entwickelten, wenn man ihren Wünschen folgte? Ein Opernbesucher ist sicher kein Kind mehr, aber die steuernden Triebe scheinen ähnlich zu sein ... man redet ja schon von "Operngourmets", von "kulinarischer Inszenierung", das klingt schon so, als ob der Bauch näher wäre als der Kopf.)


    Setzt Du denn die Regisseure mit Künstlern gleich???? Etwa im selben Atemzug wie Komponist und Librettist???? Ernsthaft???




    Und was die "Kinder" betrifft, da hat m.joho hier in Beitrag 41 bereits sehr treffend geantwortet. Du implizierst mit Deinem sehr fragwürdigen Vergleich, dass die von chrissy beschriebenen Wünsche ungesund seien. Nun denn, im Umkehrschluss gibt es aber auch die Erzeihungsberechtigten, die ihren Nachwuchs vernachlässigen und ihnen keine Liebe und Aufmerksamkeit entgegenbringen, sie verwahrlosen lassen. Das Wortspiel mit der Haudraufmentalität des Regietheaters bietet sich ja geradezu an...


    Mit anderen Worten, solche Vergleiche bringen nichts.

  • Setzt Du denn die Regisseure mit Künstlern gleich???? Etwa im selben Atemzug wie Komponist und Librettist???? Ernsthaft???


    Lieber Knusperhex,


    hm - da müsste ich überlegen.


    Bitte gib mir doch mal einstweilen Deine "Rangfolge" (ich vermute aufgrund Deiner Worte, dass Du über eine solche verfügst) für folgende Namen:


    - Richard Wagner (Komponist)
    - Richard Wagner (Librettist)
    - Richard Wagner (Regisseur)
    - Peter Konwitschny (Regisseur)
    - Knusperhexe (Opernfreund)

  • Für mich und die Regisseure vor dem zwangsbeglückenden Regietheater stehen Librettist und Komponist immer an erster Stelle.



    Du kannst gerne noch was überlegen, bevor Du wieder postest.

  • was ihr Publikum sehen will?


    Lieber Wolfram
    Ich will mich eigentlich schon lange aus der Regie- Diskussion raushalten, weil wir uns alle miteinander im Kreise drehen und es letztlich nichts bringt. Ich habe auch nur aus aktuellem Anlaß wegen dem heutigen Rigoletto geschrieben und weil ich das Ganze auch so in etwa wie Milletre sehe. Aus Deiner Antwort kann ich leider nicht erkennen, ob Du Dir den Trailer angeschaut hast.
    Und zur Feststellung "was das Publikum sehen will": Ich weiß nicht, ob Du Kinder hast und wenn ja, wie alt sie sind. Stell´Dir aber mal vor, sie sind vielleicht zwischen 12 bis 14 Jahren. Du gehst mit ihnen ahnungslos in die Oper. Du erklärst ihnen bestimmt vorher noch den Inhalt, die Handlung und dann sitzt ihr drin, vielleicht einen guten Platz in den vorderen Reihen und oben auf der Bühne holen sie die "Titten" raus (Entschuldigung, ich bin bewußt und absichtlich ordinär und vulgär). Mir wäre das mehr als peinlich im Beisein der Kinder. Ich halte das auch dramaturgisch für absolut nicht notwendig. Von der Ästhetik der gezeigten schlappen Plättbretter ganz abgesehen. Wie gesagt, ich bin nicht prüde, aber wenn ich so etwas sehen will, wüßte ich schon wo ich hingehen muß. bestimmt aber nicht im "feinen Zwirn" in die Oper. Und einen Rigoletto im Aussehen als Penner und Säufer muß ich auch nicht haben.
    Herzliche Grüße
    CHRISSY
    Die angekündigte Rezension des Maskenball später. Ich bin noch nicht zu Hause.

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Hallo, Chrissy!


    Ich möchte nur kurz das schon von mir erwähnte Beispiel des Bonner "Hoffmann" anführen. Dort war eine ältere Dame mit ihrer 13-jährigen Enkelin äußerst erbost (mit Recht) über die Onanier-Szene im Giulietta-Akt! Was sollte die ihrer Enkelin erklären?



    Gruß Wolfgang

    W.S.

  • Nur muß ich doch als Erwachsener wissen, in welche Oper ich mit meinen Kindern oder Enkeln gehe. Und Hoffmanns Erzählungen wäre einer der letzten Oper in der ich mit einem Kind reingehen würde, allein schon wegen der Länge. Und das der Gulietta Akt in Hoffmanns Erzählungen nicht in einem Kloster spielt sollte auch der älteren Dame klar sein. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, während einer Aufführung die Augen zu schließen. Mein Sitznachbar am Sonntag in Dortmund stubste mich leicht nach einer halben Stunde an, weil er dachte ich sei eingeschlafen. Darauf hab ich zu ihm gesagt: Ich schlafe nicht, ich genieße die Vorstellung.

  • Setzt Du denn die Regisseure mit Künstlern gleich???? Etwa im selben Atemzug wie Komponist und Librettist???? Ernsthaft???


    Bitte gib mir doch mal einstweilen Deine "Rangfolge" (ich vermute aufgrund Deiner Worte, dass Du über eine solche verfügst) für folgende Namen:


    - Richard Wagner (Komponist)
    - Richard Wagner (Librettist)
    - Richard Wagner (Regisseur)
    - Peter Konwitschny (Regisseur)
    - Knusperhexe (Opernfreund)


    Für mich und die Regisseure vor dem zwangsbeglückenden Regietheater stehen Librettist und Komponist immer an erster Stelle.


    Lieber Knusperhex,


    so richtig hast Du ja nicht geantwortet ... ich gehe mit meiner Antwort noch schwanger. Ich frage mich, ob die Rangordnung, die Du da suggerierst, überhaupt der Sache gerecht wird.


    Wen Alfred Brendel oder Friedrich Gulda Sonaten von Beethoven spielen - muss man da entscheiden, wer der höherrangige war, Komponist oder Interpret? Wie wäre es, wenn die beiden nicht Beethoven, sondern Czerny spielen? Oder Franz Xaver Murschhauser?


    Noch eins:


    - wenn Friedrich II., Komponist und König von Preußen, sich ein vertracktes Fugenthema einfallen lässt,
    - wenn Johann Sebastian Bach als Komponist aus diesem Thema ein kunstvolles 6stimmiges Ricercar komponiert und als Cembalist aufführt,
    - wenn Anton von Webern als Dirigent und Komponist dieses Ricercar für großes Orchester derart kunstvoll bearbeitet, dass diese Bearbeitung wiederum als Kunstwerk sui generis gelten muss,
    - wenn der Dirigent und Komponist Pierre Boulez diese Bearbeitung derart erhellend dirigiert, dass die Genialität beider - Bach und von Webern - vor Ohren gestellt wird,


    ... dann möchte ich nicht entscheiden, welcher von diesen vieren da vor den anderen käme ...

  • Nur muß ich doch als Erwachsener wissen, in welche Oper ich mit meinen Kindern oder Enkeln gehe.


    Ja natürlich. Nur ich gehe in die Oper und ein Opernhaus und nicht in die Peep- Show oder ein Porno- Etablissement! Wenn ich das will, gibt es z. B. in Hamburg eine bestimmte Gegend. Sollte ich mich entschließen dort hinzugehen, möchte ich da allerdings auch nicht "Questa o quella oder Bella figlia dell´amore" hören, selbst wenn Pavarotti singt. Das gehört dort ebenso wenig hin, wie die nackten Plättbretter auf die Opernbühne. Vom ästhetischen Anblick ganz zu schweigen. Der ist in Hamburg mit Sicherheit besser. Und um so was zu sehen, da schmeiße ich mich bestimmt nicht in Schale und ziehe den guten Zwirn an.
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Dort war eine ältere Dame mit ihrer 13-jährigen Enkelin äußerst erbost (mit Recht) über die Onanier-Szene im Giulietta-Akt! Was sollte die ihrer Enkelin erklären?


    Ich weiß nicht, wann sich diese Begebenheit abspielte. Ich vermute mal, nach dem Jahre 2000. Unter dieser Voraussetzung vermute ich weiter, dass die 13jährige Enkelin in der Lage war, unbefangener über das Gesehene zu sprechen als die Großmutter. Wer glaubt hier im Ernst, eine 13jährige des 21. Jahrhunderts wüsste nicht, was Onanie wäre und hätte ähnliche Aktionen noch nicht im Internet gesehen? Eher hätte die Enkelin ihrer Großmutter erklären können, dass gelegentliche Onanie gut für die Prostatafunktion ihres Mannes wäre.


    Ich weiß nicht, ob Du Kinder hast und wenn ja, wie alt sie sind. Stell´Dir aber mal vor, sie sind vielleicht zwischen 12 bis 14 Jahren. Du gehst mit ihnen ahnungslos in die Oper. Du erklärst ihnen bestimmt vorher noch den Inhalt, die Handlung und dann sitzt ihr drin, vielleicht einen guten Platz in den vorderen Reihen und oben auf der Bühne holen sie die "Titten" raus (Entschuldigung, ich bin bewußt und absichtlich ordinär und vulgär).


    Dito. Nein, ich habe keine Kinder. Außerdem maße ich mir an, nicht ahnungslos in die Oper zu gehen.


    Ich halte das auch dramaturgisch für absolut nicht notwendig.


    Das mag ja sein. Na und? Es ist auch dramaturgisch völlig überflüssig, dass Mimi im Moment ihres Todes den Muff fallen lässt (wie in der SF-Bohème). Der h-moll-Akkord der Hörner im Orchester beschreibt dieses Ereignis hinlänglich, und die Andeutung ist viel stärker als die Visualisierung. Das Fallenlassen steht übrigens explizit NICHT in der Partitur. Puccini, Giocosa und Illica hatten halt Geschmack! (So, das musste mal gesagt werden ... :jubel::jubel::angel::hello: )


    Nur muß ich doch als Erwachsener wissen, in welche Oper ich mit meinen Kindern oder Enkeln gehe.


    So ist es!

  • Vorausgeschickt sei, daß ich selbst keine Kinder habe, leider.


    Aber ich kann mich erinnern z.B. an peinliche Momente unvorhersehbarer TV-Freizügigkeiten, die meine arme Großmama auch mir nicht ersparen konnte, denn wir schauten zusammen. Auf mich wirkt die hier wiederholt geschilderte Szene aus dem Bonner Hoffmann etwas blauäugig. Mit dreizehn Jahren ist heutzutage ein dichtes Netz an Eindrücken am Werk, die neugierigen Kindern auch Vorstellungen von Dingen vermitteln, die Erwachsene lieber nicht wahrhaben wollen. Es ist selbstredend auf einer Bühne noch immer etwas anderes, und die ästhetischen Verwicklungen mögen die Beteiligten in Bedrängnisse bringen, die dem Kunstgenuß abträglich sind. Es gibt Dinge, die sieht man nicht gern unter den Augen der Eltern.


    Für eine Generation, die mit Heidi, der Kleinen Dott, Nesthäkchen und Pofessors Zwillingen aufgewachsen ist, muß eine Figur wie Pippi Langstrumpf auch eine Zumutung gewesen sein (und war es auch, so weit ich mich noch entsinne). - Es führt zwar etwas vom Thema ab, aber da kommt mir die Erinnerung an einen Theaterbesuch mit meiner Mama, es wurde "Harold und Maude" von Colin Higgins gegeben. Cinéastisch ungebildet wie wir waren, haben wir beide erst kurz vor Vorstellungsbeginn, im letzten Licht im Zuschauerhaus, die Zusammenfassung im Programmheft gelesen und waren des Schlimmsten gewärtig: Ein junger Mann verliebt sich in eine alte Frau! Es war im Krefelder Stadttheater; Brigitte König spielte eine unvergeßliche Maude, Hertha Martin brillierte als Mutter des jungen Harold, und es wurde ein denkwürdiger, ein über die Maßen eindrucksvoller Abend. - Kopf hoch, meine Herrschaften, man darf sich auch schon mal was zumuten, nicht immer gleich vom Trailer weg urteilen. Etonnez-nous muß ja nicht immer gleich épatez le bourgeois sein. Don´t be shy!


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Es ist auch dramaturgisch völlig überflüssig, dass Mimi im Moment ihres Todes den Muff fallen lässt (wie in der SF-Bohème

    Das mag meinetwegen so sein. Nur, es ist wohl doch ein gewaltiger Unterschied, ob ein Muff "fällt", oder die obere Damenbekleidung.


    So, das musste mal gesagt werden ... :jubel: :jubel: :angel: :hello: )

    Genau, das mußte auch noch von mir gesagt werden und damit hat sich das Thema für mich erledigt. Ich werde dann von der Rigoletto- Aufführung berichten, sollte ich im nächsten Monat hinfahren.


    Herzliche Grüße und einen schönen Abend
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • :thumbdown:


    Zitat

    Nur muß ich doch als Erwachsener wissen, in welche Oper ich mit meinen Kindern oder Enkeln gehe.


    Hallo, rodolfo39!


    Tut mir leid! Aber so einen Blödsinn habe ich lange nicht mehr gehört! Ich habe 3 Kinder. Meine Jüngste, 5 Jahre alt, hört schon Vieles von meiner Musik mit Begeisterung! Und meine älteren Kinder nahm ich schon früher mit in Konzerte und Opern. Die waren alle jugendfrei. Und mich als 12-jährigen nahmen meine Eltern schon mit in die Oper. Da gab es solche Exzesse noch nicht. Da gab es noch Aufführungen, die von den Sängerleistungen und herrlichen Bühnenbildern lebten. Und nicht solch dämliche Inszenierungen, die man nicht in der Oper aufführen, sondern in Irrenanstalten verlegen sollte!




    Regietheater? Nein, danke!!!

    W.S.

  • Hallo wolfgang,
    meine Eltern haben mich mit 10 Jahren zum ersten Mal mit in die Oper genommen. Das war in La Boheme. Und das war auch eine konventionelle Aufführung . Ich kann mich erinnern, das es als der Vorhang zum 2. Akt hochging, Szenenapplaus gab. Nur heutzutage gibt es Internet mit Szenenphotos von den Aufführungen wo ich mich informieren kann. Das gab es früher nicht. Das meinte ich damit, das man sch heutzutage informieren kann und muß, wenn man mit Kindern in die Oper geht. Wenn du auf eines deiner Kinder auf ein Konzert begleiten müsstest, würdest du dich doch auch vorher informieren, was für Musik dort gespielt wird.

  • Abgesehen davon, dass ich derart ausgespielte Szenen immer schlichtweg albern finde - so wie letzthin die Vergewaltigung in "Krieg und Freiden" - und mir Andeutungen bzw. andere Bilder viel einprägsamer sind und natürlich für einen Regisseut auch schwieriger zu finden sind, frage ich michvor allen Dingen, wie so etwas auf Kinder wirkt.


    Mir wäre es peinlich in Gegenwart Erwachsener gewesen, koppulierende, masturbierende oder urinierende Darsteller auf der Bühne zu sehen. Vor allem, so weiß ich genau, hätten mich derartige Inszenierungen niemals für die Oper begeistern können. Ich bin dankbar, das Meiste noch librettogetreu erlebt zu haben. Gerade "Hoffmans Erzählungen" habe ich mit seiner schaurig-tragischen Atmosphäre geliebt. In Bonn war es eine Schwachsinnsanhäufung und wenn ich über den Dortmunder Holländer und den Dresdner Maskenball lese, dann kann ich nur noch traurig den Kopf schütteln, ob dieses Todeskampfes.



    Lieber Rodolfo, wo hast Du als Kind die Bohème gesehen?

  • Mein Gott wie schön war die Welt doch früher. Als kleiner Knirps wurde ich von meiner Großmutter nach Salzburg mitgenommen. "Don Giovanni" in der Felsenreitschule mit Furtwängler oder Mitropoulus als Dirgent. Nur eine Szene ist mir heute noch unvergesslich. Der Auftritt des Komtur: Die Tür brach herein und Gottlob Frick stapfte mit riesigen Orgeltönen herein und murkste dann den Giovanni ab. Dieses Erlebnis prägte nachhaltig meine Liebe zur Oper und den von mir damals als überirdisch empfundenen Gottlob Frick.
    Was will ich ausdrücken: Die Oper braucht keine künstliche Überfrachtung. zwanghafte Aktualisierung oder Schock- und Ekelszenen. Richtig inzeniert, modern oder traditionell, wirken die großartigen Kunstwerke aus sich heraus auch auf junge und jüngste Besucher.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Kinderoper, Oper für Kinder - das gibt es doch längst, da die Spielstätten dieses spezielle Vermittlungsproblem bereits erkannt haben.


    Familienverträglichkeit zum obersten Leitsatz für jegliche Bühnendarbietung zu erheben, erscheint mir mehr als fragwürdig. Zum einen ist die kindliche Welt nirgends frei von Begehren und Grausamkeit, und Kinder hegen in aller Naivität eine weit größere Bereitschaft, sich in eine wilde Welt der Imagination entführen zu lassen, als wir Erwachsenen das noch vermöchten. Zum anderen: Kinder sind faszinert von Schrecknissen aller Art, und was die "Andeutungen" betrifft, so muß man die überaus tätige und leicht entzündliche Phantasie der Kinder in Rechnung stellen, die sich keineswegs mit dem begnügt, was man ihr gewährt.


    Nancy Mitford kommt in einem Roman auf ein junges Mädchen zu sprechen, das die Eltern, um ihr die Schrecknisse der deutschen Bombenangriffe zu ersparen, aus London erfernen wollen. Die Autorin empört sich, da sie weiß, daß es für Kinder nichts Großartigeres geben kann als mitanzusehen, wie London in Schutt und Asche gelegt wird.


    Für einen Bewohner Kölns, Frankfurts, Hamburgs oder gar Dresdens klingt das zynisch. Der Unterschied liegt eben im Eingeholtwerden durch die Realität, die schrecklicher war als alle kühnen Träume, während die Engländerin hier aus der Sicht einer privilegierten Gesellschaftsschicht zu Beginn des Krieges schreibt.


    In der Imagination hat daher alles eine tiefere Berechtigung. Ich kann mich noch gut an meinen ersten "Rosenkavalier" erinnern. Vom Text habe ich wenig begriffen, von seiner Bedeutung noch weniger. Aber ich weiß noch heute, daß die einrucksvollste Szene für mich das Lever war. Es war mir sehr bewußt, daß hier mit der Ensembletradition der Oper gebrochen wird, daß alle irgendwie zufällig aneinandergereiht auftreten und durcheinander reden, bis zu dem Höhepunkt der zweiten Strophe der Canzone des Tenors über dem ärgerlichen Feilschen des Ochs um seine "Morgengabe". Alles in dieser lebendigen Szene liebevoll Angelegte wird ja zugleich irgendwie konterkariert und geht schief - man könnte aus diesem Erlebnis, so weit es mich betrifft, bestimmt meine späteren Vorlieben ableiten, was ästhetische Grenzüberschreitungen betrifft. Denn Strauss und Hofmannsthal betreiben hier sozusagen bereits Regietheater, sie verweigern sich dem integrierten Ensembleauftritt und atomisieren das Ganze (weit stärker als Mozart/da Ponte in ihren Aktschlüssen oder Verdi im Rigoletto-Quartett). Daß die Dinge in der Kunst mit sich selbst im Zwist liegen und der innere Widerstreit bis hart an die Implosion geführt wird, ist für mich auch ein Element ästhetischer Wahrnehmung, ebenso wie die Herausforderung an die Rezeption, das divergent Simultane wiederum als Ganzes zu begreifen.


    In aller unbegrifflichen Naivität hab ich damals etwas, was bei Strauss modern war, verstanden und später, bei Mahler oder Joyce, zu vertiefen gesucht.


    Und noch etwas anderes möchte ich anführen: Kinder begreifen durchaus, daß auf der Bühne etwas Verbotenes geschieht. Es wäre blauäugig, hier nur an Mord oder Ehebruch zu denken. Denn das Unerlaubte erstreckt sich in alle seelischen Bereiche und impliziert immer mit, daß ein Schweigen gebrochen wird, daß etwas Unbegriffliches zur Sprache oder zur Anschauung kommt. Die ungeheure Entlastungsfunktion gerade der nichtdiskursiven Musik, die das Bühnengeschehen auflädt, ist ja ein Grund dafür, daß Opernbilder so unerhört einprägsam und eindrücklich werden. Ob nun in der Leverszene des Rosenkavalier etwas für den Augenblick lustvoll zerstört wird, oder ob der Tristan eine seelische Innenwelt aufschließt und rechtfertigt, die vordem nur verweigerndes Schweigen kannte - es ist die Macht der Kunst, die mit der ihr eigenen Gebärde schrankenloser Unbefangenheit von Freiheiten Gebrauch macht, an denen wir teilhaben.


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Leider findet man nicht immer auf Youtube auch Videos von den Inszenierungen. Hier in Leverkusen, wo die Opern von Tourneebühnen bestritten werden bin ich sowieso darauf angewiesen, ins Programm zu schauen. Und dann erfährt solche "vielsagenden" Angaben wie "vielbeachtete" Inszenierung oder gar nur "Neuinszenierung". Aber auch in anderen Städten erfährt man häufig nicht, was einen erwartet und liest nach der Premiere häufig ebenso nichtsagende oder gar geschönte Kritiken. Nein, ich habe das ganz aufgegeben, mein Abonnement gekündigt und beschaffe mir nur noch DVDs, von denen ich vorher Ausschnitte sehen konnte oder die ich im Fernsehen selbst aufgenommen habe oder die von meinen Schulfreund aufgenommen wurden, von dem ich weiß, dass er diese entstellten Inszenierungen ebenso hasst wie ich. Ich immer zunächst auf Festplatte auf, wo ich mich dann entscheiden kann, ob ich sie überhaupt konserviere. Wenn ich die Gelegenheit habe, die Oper gleich mitzuschauen, schalte ich den Recorder häufig schon nach kurzer Zeit aus. Wenn musikalisch viel aber szenisch nichts geboten wird - wie z.B. der Salzburger "Frau ohne Schatten" - nehme ich zwar die ganze Oper auf und höre sie mir über Stereoanlage an. Sicher ist es nicht das Erlebnis wie im Opernhaus, aber es ist wenigstens ein kleiner Ersatz für etwas, worüber ich mich im Opernhaus eventuell nur geärgert hätte. Und ich weiß, dass auch viele junge Leute von vernünftigen Inszenierungen durchaus begeistert sind, während sie von Machwerken, über die wir hier diskutieren, höchst selten die Liebe an der Oper gewinnen. Wenn ich meinen Kindern und heute den Enkeln den Inhalt einer Oper erzählen würde und sie bekämmen etwas gänzlich anderes auf der Bühne zu sehen, würden die mich als Lügner hinstellen (zumindest wären sie von ihrem Opa bitter enttäuscht) und nie wieder mit mir oder gar aus eigenem Antrieb eine Oper sehen wollen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Hallo, Gerhard!


    Ich verfahre mittlerweile so ähnlich. Von diesen wiederlichen, idiotischen Inszenierungen habe ich die Nase gestrichen voll. Da wird einem die schönste Oper verleidet. Auch möchte ich meine Kleine demnächst vor so einem Irrsinn bewahren! Da bleiben einem nur noch gute DVD´s.



    Herzlichst


    Wolfgang

    W.S.

  • Als kleiner Knirps wurde ich von meiner Großmutter nach Salzburg mitgenommen. "Don Giovanni" in der Felsenreitschule mit Furtwängler oder Mitropoulus als Dirgent. Nur eine Szene ist mir heute noch unvergesslich. Der Auftritt des Komtur: Die Tür brach herein und Gottlob Frick stapfte mit riesigen Orgeltönen herein und murkste dann den Giovanni ab. Dieses Erlebnis prägte nachhaltig meine Liebe zur Oper und den von mir damals als überirdisch empfundenen Gottlob Frick.


    Lieber Operus,


    Don Giovanni finde ich für einen "kleinen Knirps" doch starken Tobak - hast Du nicht gefragt, was der Don Giovanni mit den milletre Frauen in Spanien gemacht hat?


    Die Oper braucht keine künstliche Überfrachtung. zwanghafte Aktualisierung oder Schock- und Ekelszenen. Richtig inzeniert, modern oder traditionell, wirken die großartigen Kunstwerke aus sich heraus auch auf junge und jüngste Besucher.


    Und umgekehrt: Das Große an einer guten Oper kann durch Schockszenen nicht zunichte gemacht werden. - Im Übrigen ist die von Dir genannte Szene mit dem steinernen Komtur, der den Don Giovanni umbringt, natürlich eine Schockszene.


    Und ich weiß, dass auch viele junge Leute von vernünftigen Inszenierungen durchaus begeistert sind, während sie von Machwerken, über die wir hier diskutieren, höchst selten die Liebe an der Oper gewinnen.


    Nun gut - auch ich hatte als elf- bis vierzehnjähriger meine Opernerlebnisse, vor allem in Mainz. Ich kann mich an "Meistersinger" und "Elektra" und den "Corrigedor" erinnern, ohne all zu viel verstanden zu haben. Mich interessierte ohnehin viel mehr, wie der GMD seinen Laden im Griff hatte - das fand ich stark! Zu den größten Erlebnissen jener Zeit, die sich mir eingeprägt haben, zählt die Ouvertüre zur "Macht des Schicksals". - Auch ein "Freischütz" im Hamburg ist mir in Erinnerung geblieben, das war doch alles eine Nummer größer.


    Es war die Zeit, in der es durchaus moderne, abstrakte Inszenierungen gab (ca. 1978 - 1981). Ich kann mich an eine Zauberflöte erinnern, bei der eine große gelbe vierseitige Pyramide schräg an Schnüren herabhing, dazu weitere geometrische Figuren wie Würfel, Quader, Zylinder in anderen Farben. Der Vorhang ging mit Beginn der Ouvertüre auf und legte diese abgezirkelte Raumaufteilung frei. -


    Lieber Gerhard, darf ich sagen, dass ich das Wort "vernünftig" in Deinem Beitrag apodiktisch finde? Wenn ich Dich richtig verstanden habe, geht es Dir doch um das Gefühl. Also warum nennst Du Inszenierungen, die Deinen persönlichen Maßstäben entsprechen, "vernünftig"? "Vernünftig" fand ich die Konwitschny-Götterdämmerung, weil man als Zuhörer seine Vernunft anschalten muss, um diese Inszenierung mit Gewinn zu sehen.


    Was ich eigentlich sagen wollte: Ich meine, mir hätten die modernen Inszenierungen, die ich mit elf bis vierzehn Jahren gesehen habe, nicht geschadet. Vielleicht ist mir eine gewisse chauvinistische Voreingenommenheit bzgl. des Opernstils der Vorkriegszeit dadurch erspart geblieben.


    Wenn ich meinen Kindern und heute den Enkeln den Inhalt einer Oper erzählen würde und sie bekämmen etwas gänzlich anderes auf der Bühne zu sehen, würden die mich als Lügner hinstellen (zumindest wären sie von ihrem Opa bitter enttäuscht) und nie wieder mit mir oder gar aus eigenem Antrieb eine Oper sehen wollen.


    Was soll man dazu sagen? Vielleicht dieses: Kinder, die diesem Bild entsprechen, sind vielleicht noch nicht zum Opernbesuch geeignet.

  • Lieber Farinelli,


    ich hatte eigentlich vor, zu dem Thema "Regietheater" nicht mehr zu schreiben, da ich den Eindruck habe, die Gegner und Befürworter kommen nie zusammen auf einen "grünen Zweig", aber zu Deinem letzten Beitrag hier habe ich dann doch noch eine Anmerkung.


    Du schreibst, dass Dein erster "Rosenkavalier" für Dich ein besonderes Erlebnis war, da er mit den bis dahin üblichen komponierten Ensembles radikal aufgeräumt hat. Das ist genau richtig, aber so haben es ja auch Hoffmansthal und R. Strauss geschrieben und komponiert und so wollen wir es daher auch auf der Bühne sehen ! Das ist doch ganz etwas anderes, als wenn man uns "Cosi" als Bordelloper vorsetzt oder ähnlichen Blödsinn. Wenn es einem Regisseur gelingt, die Intentionen der Schöpfer eines Werkes zu erfassen und auf die Bühne zu bringen, dann ist es mir auch egal, wenn er Zeit , Kostüme und Rang und Stand der Protagonisten verändert, aber leider gelingt das für m.E. sehr selten. Daher werde ich weiterhin nur noch in Aufführungen gehen, von denen ich gehört oder gesehen habe - wenn sie mir nicht gefallen, bleibe ich zu Haus !