Lübeck Rosenkavalier Spielzeit 2011 2012

  • Mein Frau und ich sind bei vielen Dingen nicht komplett einer Meinung, aber was das Theater Lübeck angeht schon: Es ist ein ganz wunderbares Musiktheater. Und das hat sich einmal mehr beim Rosenkavalier gezeigt. Auch ein moderner, reduzierter Ansatz kann sehr überzeugen, wenn man in seiner Interpretation nicht überzieht. So modern auf Bett, Korsett, Perücke, Silberrose und Reifrock zu verzichten war es doch nun auch wieder nicht.


    Die Drehbühne - schon in Siegfried großartig eingesetz - ist sowohl das Palais der Marschallin, das des Faninal und das Wirtshaus. Die Projektion einer Uhr wirft immer wieder das Zeitthema ein, und la Morte, allegorie des Todes - beim Hamburger Don Giovanni heiß diskutiert - ist auch in Lübeck eine Schnitterin statt eines Schnitters - bittet zum Schluß zum Totenreigen. Zeit und ihre Vergänglichkeit ist das große Thema des. Die Marschallin versucht mit vielen jungen Liebhabern (im Vorspiel zu sehen) die Zeit aufzuhalten. Vergebens. Sie, die Zeit, ist stets Präsent. Auch Octavian - ihr 17jähriger derzeitige Liebhaber - macht sie nicht jünger. Die Marschallin kommt kommt zur Erkenntnis, dass sie auch ihr gehen lassen muß udn Ihr Versprechen aus dem ersten Akt einzulösen hat.



    Anthony Pilavachi setzt wie schon im Ring auf interpretierende Gags. So vertauscht dei Marschallin die silbere Rose gegen eine rote - ihr von Ocatian geschenkte - echte Rose. So wird sie ursächlich zur Liebesstifterin, denn diese rote Rose wird zum Symbol der Liebe zwischen Sophie und Octavian. Der Mohamed, der kleine Diener der Octavian die Rose hinterherträgt, ist wie ein kleiner Amor geflügelt ausstaffiert und der Sänger im ersten Akt tritt als seine große Spiegelung wie ein deus ex machina auf. Und der illigitime Sohn von Ochs, die Spiegelung "des" Marianderls verletzt aus tumber Unachtsamkeit statt Octavian in ritterlichkeit den Ochs.


    Witzig auch die Wirtshausszene, auch hier hat Pilavachi den Text genau gelesen: Das Abendessen ist ein gemeinsames Wannenbad. "Sie hat doch einen Kavalier vor sich und keinen Seif ensieder". Eben doch!


    Für mich der herausragende Höhepunkt ist der Einsatz der Drebühne für das große Terzett: Marschallin auf der eine Seite der Wand, das Paar auf der
    anderen Seite. Octavian zerrissen zwischen der Liebe zu Sophie und der großen Zuneigung zu Marie Theres. Ganz großartig.


    Ganz großartig war auch der Gesang. Allen voran Rúni Brattaberg als Ochs von Lerchenau. Auch wenn ihm mal der eine oder andere Kickser unterlaufen
    ist: Jetzt habe ich die Figur begriffen. Er ist nicht der tumbe Volltrottel. Er ist einfach nicht mit dem städtischen vertraut und begreift den sozialen Wandel nicht. Das war sensationell gespielt und wunderbar mit Ausdruck gesungen.



    Und auch Ausrine Stundyte als Marschallin war ganz groß in Spiel und Gesang. Alle körperliche Zurückhaltung aufgebend wirft sie sich in ihre Verzweiflung um sich schließlich in das unumgängliche einzufügen, wohl wissend das sie es auch genau so gewollt hat: Sie schließt sich dem Totentanz an. Ganz groß. Das Spiel ist ohnehin Stundytes große Stärke: Als Gudrune war sie auch schon beeindruckend.


    Dem nicht nachstehend Wioletta Hebrowska als Octavian und - natürlich - die wunderbare Anne Ellersiek als Sophie.Der Octavian gerät teilweise sogar fast dümmlich, auf jeden Fall jedoch naiv und wandelt sich schließlich und reift. Gut gemacht und gut gespielt. Und Anne Ellersiek gefällt in jeder Rolle immer. Sie ist vielleicht die größte Begabung im Ensembles. Auch mein Lübecker Liebling, Veronika Waldner, war als Annina dabei. Leider ist sie nicht mehr im Ensemble steht aber immer noch oft auf der Besetzungsliste. Und überhaupt das Ensemble: Mit ausnahme Brattabergs sind die großen Rollen alle mit dem Ensemble besetzt. Das kennen wir aus vielen Produktionen und das Konzept bewährt sich: Es ist immer ausserordentlich. Einzig der Chor hat immer wieder Schwächen. Das ist schade.


    Das Orchester unter Opern- und Generalmusikdirektor Brogli-Sacher verdient die gleichen Lorbeeren wie die Sänger: Großartig! Er geht leider, aber trotzdem hinterlässt er großartiges. Lübeck ist einmal mehr Talentschmiede und Reifungstheater.