Wintermärchen - Winter-Darstellungen in der europäischen Kunst von Bruegel bis Beuys
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Carl Friedrich Lessing: Klosterhof im Schnee, ca. 1829.
Das Bild befindet sich als Teil der Sammlung Courbut im Wallraff-Richartz-Museum zu Köln und ist dort in der Dauerausstellung zu sehen (sollte sich da nichts geändert haben).
Liebe Grüße vom Thomas

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Paul Signac: Sur le Boulevard St. Clichy a Paris, ca 1886
Das Bild hat jahrelang im Elternhaus bei mir im Zimmer als Kunstdruck gehangen.
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Carl Friedrich Lessing: Klosterhof im Schnee, ca. 1829.
Paul Signac: Sur le Boulevard St. Clichy a Paris, ca 1886Wunderschöne Bilder, die Thomas hier eingestellt hat. Besonders das erste wirkt in seiner außergewöhnlichen Deutlichkeit fast wie eine Fotografie.
Wenn ich mir dagegen das Bild...Kasimir Malewitsch: Morgen im Dorf nach dem Schneesturm, 1912
... anschaue, da frage ich mich ernsthaft, wenn der Titel nicht bekannt wäre, wer würde bei der Betrachtung hier ein "Dorf nach einem Schneesturm" auch nur annähernd mit größter Fantasie erkennen?
Und bitte, ich verzichte auf einen philosophischen Lehrvortrag über Bildende Kunst. Den muß ich ganz sicher nicht haben.
CHRISSY -
... anschaue, da frage ich mich ernsthaft, wenn der Titel nicht bekannt wäre, wer würde bei der Betrachtung hier ein "Dorf nach einem Schneesturm" auch nur annähernd mit größter Fantasie erkennen?
Und bitte, ich verzichte auf einen philosophischen Lehrvortrag über Bildende Kunst. Den muß ich ganz sicher nicht haben.Nein, aber ein bisschen Phantasie bei der Betrachtung würde schon reichen. Mir jedenfalls reicht sie.
Schöne Grüße
Holger -
Max Clarenbach (1880 - 1952): Winter bei Wittlaer

Max Clarenbach war ein bedeutender Vertreter der rheinischen Malerei im frühen 20. Jahrhundert. Er war d e r Wintermaler der späteren Düsseldorfer Malerschule. Seine winterlichen Motive hat er überwiegend in Landschaften mit Gewässern gesucht, wodurch er reizvolle Spiegelungen erzielte.
LG
Portator
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Die Landschaftsbilder von Clarenbach sind wirklich sehr schön, lieber Portator!

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Carl Ludwig Fahrbach ist einer der bekanntesten Vertreter der Düsseldorfer Malerschule. Er arbeitete im Atelier des Künstlervereins "Düsseldorfer Malkasten". (In den 70iger Jahren war dessen Vorsitzender der Graphiker Albert Fürst, der mein Kunstlehrer auf dem Gymnasium war - insofern habe ich einen persönlichen Bezug dazu
)Schöne Grüße
Holger
Ich werd verrückt. Albert Fürst war auch mein Kunstlehrer am Schlossgymnasium Benrath in Düsseldorf (1950-1959), damals noch in den Nebenräumen des Schlosses. Ich besitze auch ein Bild von ihm. Er ist inzwischen weit über 90 und noch gut drauf, wie mir ein Freund berichtete. Er war auch Oratoriensänger (Bass) im Düsseldorfer Raum. Sein Sohn Raimund ist auch Sänger und singt in unserer Messias-Aufführung in Mülheim am 15.12. die Tenorpartie! -
MODERATORENEINSCHUB
Bitte nur Bilder von Malern einstellen, die VOR dem 1.1.1942 gestorben sind !!!!
Es ist zwar so, dass jene Internetseite dafür verantwortlich ist, auf deren SERVER sich das Bild befindet-
und laut derzieitiger Rechtslage kann man mir als Seitenbetreiber nicht zumuten die jeweilige Rechtmäßigkeit zu überprüfen.
Unangenhm ist es allemal - vor allem dann, wnn die seiten ihre Bilder Löschen.
Im Falle von copyrightfreien Bildern setzte ich das jeweilige Bild auf den Tamino-Server und alles läuft weiter.
Copyrightgeschützte Bilder werden von mir indes nicht auf den Server gelegt, da fehlen dann Bilder im Beitrag....In jedem Fall ist der Lieferer eines Bildes verantwortlich - nicht das Forum
mfg aus Wien
Alfred -
Der Graphiker, lieber Alfred, den ich vor allem in einem Wiener Forum zeigen wollte, ist zwar erst 1962 gestorben, lässt sich aber ohnenhin im Web nicht finden: Luigi Kasimir, der mit seiner Frau Tanna Kasimir Hoernes unglaublich viele Stadtansichten geschaffen hat, die allemeisten in Kupfer, teils monochrom, teils vielfarbig (keine Peintre-Graveur: die Drucke der mehrfarbigen Grafiken sind sich zu ähnlich). Darunter auch einige sehr schöne Schneebilder. Aber leider sind die im Web nur auf Auktionsseiten zu finden.
Ein Wort zu Malewitsch: es ist nicht sein Ziel gewesen, fotografisch genau zu malen (wiewohl er das gekonnt hatte). In der Phase um 1912 begegnen wir dem Maler, der die Gegenstandswelt in geometrische Fomen zerlegt und auch die räumliche Dimension zurücknimmt. Das Dorf nach dem Schneesturm hat die Räumlichkeit noch, wenngleich auch keine Tiefenräumlichkeit. Eher wird das Geschen in einen Kubus gepackt. Die Perspektive geht von oben über das Geschehen hinweg, die schwer gehenden Menschen erinnern mit ihrem Gang in gewisser Weise an die Breughelschen Jäger, die ja auch abseits wahrgenommen werden, weil Breughel als zauberhaftes Repoussoir ein Krähe über das Bild fliegen lässt, die den Blick des Betrachters über die Dorflandschaft hinweglenkt (montiert die Krähe in Photoshop einfach mal raus oder stellt Euch in Wien vors Original und haltet mit dem Daumen die Krähe weg und die Bildwirkuing ist eine ganz andere).
Der in Kiew geborene Malewitsch wird sein ganz eigenes inneres Gesicht von Dorf, von Schneewehe und von Eisgang gehabt haben; das Bild zeigt dies als wahrnehmbare Mühsal. Ein, wie ich finde, berührendes Bild.
Dieses schwerlastende Stimmung liegt auch über dem Bild von Lessing, das nichts von der Heiterkeit ausstrahlt, die Schneebilder ja auch haben können; es gemahnt eher an ein "memento mori". Die Reproduktion im Netz gibt dieses Stimmung nur unzureichend wider. Signac ist da schon unbeschwerter. Bei ihm fasziniert mich die Zusammensetzung von Farben aus Farbpunkten. Nicht ganz einfach, einen adäquaten Betrachtungsabstand zu finden, wenn man vor einem Originalgemälde eines Poinitlisten wie Signac oder Seurat steht.
Liebe Grüße vom Thomas

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Lieber Alfred,
gestatte eine Anmerkung zu Deinem Moderatoreneinschub unter der Nummer 44. Wenn die abgebildeten Künstler vor dem 1. 1. 1942 gestorben sein sollen, dann müsste der Name Beuys aus dem Threadtitel entfernt werden. Joseph Beuys starb bekanntlich erst 1986 und käme mit einer Winterdarstellung daher nicht in Betzracht.
LG
Portator
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Ich denke, dass wir hier nicht über den Wert kubistischer Gemälde diskutieren sollten - also müssen.

Dennoch bin ich auch beeindruckt von dem Fotorealismus mancher hier gezeigten Bilder (Fahrbach oder Lessing) aus dem 19. Jahrhundert, die ich nicht kannte und die zugleich die ideelle Haltung, um nicht zu sagen die Seele ihrer Zeit vermitteln.
Sehe ich das richtig, dass Lessing eher in einer klassizistisch-realistischen (klingt irgendwie paradox
), Fahrbach eindeutig in einer neuromantischen Tradition steht? (Von Musik verstehe ich dann doch mehr.)
Wolfgang -
Ich werd verrückt. Albert Fürst war auch mein Kunstlehrer am Schlossgymnasium Benrath in Düsseldorf (1950-1959), damals noch in den Nebenräumen des Schlosses. Ich besitze auch ein Bild von ihm. Er ist inzwischen weit über 90 und noch gut drauf, wie mir ein Freund berichtete. Er war auch Oratoriensänger (Bass) im Düsseldorfer Raum. Sein Sohn Raimund ist auch Sänger und singt in unserer Messias-Aufführung in Mülheim am 15.12. die Tenorpartie!
Wie die Welt doch klein ist! Über Albert Fürst in Wikipedia:http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_F%C3%BCrst
Demnach ist er inzwischen 93 Jahre alt - und Träger des Bundesverdienstkreuzes! So kenne ich ihn von damals:

Im letzten Jahr bei unserem Schuljubiläum (Gymnasium an der Koblenzer Str., Düsseldorf-Benrath) kam er kurz und ich habe es sehr bedauert, ihn verpaßt zu haben.
Damals erlebte ich eine schöne Aufführung der Familie Fürst von Bachs "Kaffeekantate" im Malkasten. Da wirkte seine Frau mit - die Cembalistin Annemarie Franken-Schwann, sein Sohn Raimund und auch seine Tochter (Name habe ich vergessen, Susanne glaube ich) sowie er selbst als Baß. Ich würde ihn gerne mal wieder treffen - vor vielen Jahren lief er mir zufällig am Bahnhof Düsseldorf über den Weg. Er kam gerade von einer Ausstellung!

Schöne Grüße
Holger -
Ich denke, dass wir hier nicht über den Wert kubistischer Gemälde diskutieren sollten - also müssen.

Das stimmt, der Wert kubistischer Werke als solcher ist gesetzt und wohl auch unwidersprochen. Da mich der Einwurf indes speziell auf dieses Bild gelenkt hatte, ist die kleine Blicklenkung sicher nicht unangemessen.
Sehe ich das richtig, dass Lessing eher in einer klassizistisch-realistischen (klingt irgendwie paradox
), Fahrbach eindeutig in einer neuromantischen Tradition steht? (Von Musik verstehe ich dann doch mehr.)Lessing ordne ich in die Romantik ein. Und finde besonders bei dem Klosterhof deutliche Anklänge an Caspar David Friedrich.
Liebe Grüße vom Thomas

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Die schöne Galerie reizt zur Refelxion. Was passiert eigentlich mit der Winterlandschaft im Wandel der Stile, der Darstellungen?

Pieter Brueghel d. Ältere 1565 Der Jäger im Schnee
Die Bilder der neiderländischen Meister sind wahrlich meisterhaft und faszinierend. Was sie auszeichnet, hat Alfred schön gesagt: Sie erzählen eine Geschichte. D.h. Thema ist eigentlich der Winter als Lebenswelt des Menschen.
Ganz anders dagegen die Romantik:
Sowohl bei C.D. Friedrich als auch bei C.G. Carus verschwindet der Mensch in der Landschaft: Entweder er ist so klein, daß man ihn fast gar nicht mehr sieht, oder aber die Landschaft überhaupt ist eine menschenleere. In der Romantik steht nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt, sondern er ordnet sich in das große Ganze der Natur ein und unter.
Bei Carus spürt man den Geist von Novalis´ "Hymnen an die Nacht" deutlich. Die "unselige Geschäftigkeit" der Tagwelt ist verschunden: die Nacht ist die Zeit träumender Erinnerung, geheimer Wünsche. Der Winter unterstreicht dies durch seine Stille einer ganz und gar verstummten Natur, wo sich kein Laut regt. Im Mondlicht glänzt die Ruine - weckt die Sehnsucht nach der vergangenen Zeit des Mittelalters.
Bei Fahrbach ist der Einfluß der Romantik noch spürbar. Die Menschen sind winzig klein und der Wald erscheint riesenhaft überhöht. Trotzdem ist der Realismus schon dominierend. Das Symbolische, die Erinnerungszeichen und das Traumhafte sind einer trotz des Dunkels eher lichten Stimmung gewichen: Der Betrachter bleibt in der Gegenwart, d.h. schweift nicht wie die romantische Phantasie in die Vergangenheit.
Schöne Grüße
Holger -

Monets Bild setzt - so paradox es klingen mag - die Tradition der Romantik in gewisser Hinsicht fort. Auch hier ist der Mensch nicht mehr Mittelpunkt der Landschaft, wie bei Camille Pissarro (s.u.) ebenso wenig. Bezeichnend ist das zentrale Objekt ein technisches, die Lokomotive, und der Mensch ein bloßer Farbfleck nicht anders als ein Baum oder eine Straßenlaterne. Was beeindruckt, ist die optimistische Stimmung. Der Impressionist verherrlicht den schönen Moment, ein freies Spiel aus Formen und Farben, von unendlichen Nuancen der Tönung. Diese Apotheose des Moments vollzieht den Bruch mit der Romantik: es gibt weder eine Vergangenheit noch Zukunft als Objekt der Sehnsucht. Bei Camille Pissarro wird das Städtebild zur Landschaft: Alles ist Impression, ob es nun Häuser, Bäume, Autos oder Menschen sind. Was allein zählt, ist der Reiz, der von ihnen ausgeht, nicht der Gegenstand, der dargestellt ist.

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Ein paar Worte zu diesem Thread - zu seiner Geschichte, seinem Titel, zu seinen Absichten und zu seinem bisherigen Verlauf.
Gestartet wurde dieser Thread in Zusammenhang einer Ausstellung des KHM -Wien, welche im Winter 2011 stattfand. Es war jedoch von Anfang an geplant abgesehen von einigen wichtigen Schlüsselwerken auch Bilder hier zu bringen, die NICHT ausgestellt waren -in gewisser Hinsicht sind wir also freier. Ich habe damals den Thread 2011 weitgehend alleine bestritten. Zu Beginn 2012 gab es noch ein paar Kommentare - dann war Sendepause. Im Winter 2012 wurde der Thread nicht weitergeführt. Das Interesse schien zu gering - und ausserdem hatte ich vergessen. Vor allem aus Traditionsbewusstsein habe ich dann heuer den Thread fortgesetzt und zeitlich etwa da wo ich zuletzt unterbrochen hatte: im 17. Jahrhundert. Es gab keinen Plan irgendeine zeitlich geplante Ordnung in die Bilder zu bringen - allein das Titelthema sollte die alles verbindende Klammer sein. Für mich völlig überraschen erwachte nun das Interesse an diesem Thread und er entwickelte sich von einem beschaulischen Bilderbtrachtungs-Szenario zu einer Diskussion oder zumindestens ersten Ansätzen zu einer solchen. Wir haben hier das erreicht, worum wir uns in manchem Musikthread vergeblich bemüht haben. Breugels "Jager in Schnee" erzählen eigentlich nicht nur EINE Geschichte, sondern gleich MEHRERE. Wer sich mit ihnen befassen möchte, dem rate ich, sich ein Puzzle davon zu kaufen (gibt es mit 1000 oder 2000 Teilen)Nach erfolgreicher Fertigstellung kennt man das Bild genau.......
Bilderthreads können - wenn man sie sparsam einsetzt - sehr interessant sein - und in manchen Fällen wird man sich sogar fragen, welche Musik zu welchem Bild passt......mit freundlichen grüßen aus Wien
Alfred -

Dieses Bild gefällt mir - nicht zuletzt auch deshalb, weil ich in dieser Landschaft aufgewachsen bin. Gezeigt wird die typische alljährliche Überschwemmung der Rheinauenlandschaft mit den prägenden Korbweiden. Anders als Köln wird Düsseldorf vom Hochwasser nicht zuletzt deshalb verschont, weil es die Urdenbacher Kempe gibt zwischen Benrath und Langenfeld, die das Wasser auffängt. Ich kenne also diese Stimmung sehr gut - der Maler hat sie großartig eingefangen. Ich nehme aber an, daß dieses Motiv weiter nördlich vom Niederrhein ist. Die Aalfänger gibt es übrigens noch heute am Rhein.
Clarenbachs Gemälde ist ein schönes Beispiel für unauffällige Moderne. Man könnte sagen: Ach ja, nur eine Landschaft. Aber das Gemälde ist von Spießigkeit himmelweit entfernt! Es hat impressionistische Züge, ist dabei aber kein bloßer Abklatsch des Impressionismus. Wenn man sich nämlich die Bildkomposition anschaut, dann gibt es dort eine herbe Abstraktion: Reduktion auf zwei Farbwerte, Braun und Blau, warm und kalt, dazu eine zeichnerische Prägnanz, die etwas von einem Holzschnitt hat, die mit dem Malerischen kontrastiert. Clarenbach gibt nicht einfach eine Abbildung, sondern das Charakterbild einer Landschaft. Ich finde das ganz wunderbar!

Schöne Grüße
Holger -

Ein typischer Lovis Corinth! Corinth ist ein Maler mit Temperament - der erregte Gestus seines Pinselstrichs überträgt sich auf die Landschaft. Das ist zwar noch eher impressionistisch als expressionistisch, nähert sich dem Expressionismus jedoch an durch die Austrahlung von Unruhe. Man bekommt als Betrachter das Gefühl, daß dieser schneebedeckte Abhang jeden Moment ins Rutschen kommen könnte. Die innere Ruhe, die Monets Winterbild hat, sie ist hier verloren in aufgeregtem Affekt.
Edvard Munchs Winter ist melancholisch, düster, stimmungsvoll zwar, aber ohne jegliche romantische Verklärung. Die Darstellung ist typisierend in den Formen, das dominierende Blau hat dabei eine unergründliche Tiefe, die aber eher auf innere Leere schließen läßt als auf ein verborgenes Geheimnis. Die Winterlandschaft als Seelenlandschaft - Ausdruck eines zutiefst vereinsamten Menschen. -
Der Pointilismus bestätigt die These, wonach die moderne Malerei das Sehen selber malt, auf eindrucksvolle Weise. Die "Chemie" des Prozesses des Entstehens eines Bildes im Auge wird in der bildlichen Darstellung vergegenwärtigt. Hintergrund ist eine philosophisch-psychologische Erklärung der Gesetze des Sehens durch den sogenannten "Positivismus", den der Physiker-Philosoph Ernst Mach entscheidend prägte. Demnach setzt sich das Sehen aus den "Empfindungen" als letzten einfachen Elementen zusammen. Die Bilder der Pointilisten zerlegen deshalb die Farben und Flächen in elementare Punkte, welche auf dem Bild einen Flickenteppich bilden, sich aber im Auge zusammensetzen, wenn man nur weit genug zurücktritt. Das impressionistische "Flimmern" wird so in chemischer Weise rational reproduzierbar, wie ein wiederholbares naturwissenschaftliches Experiment. Signacs Winterbild eigent sich für diese Technik besonders: Die tanzenden Schneeflocken verschmelzen mal zu einem diffusen Nebel, mal bleiben die einzelnen Flecken getrennt - ein Oszillieren, was die Bewegung des Schneetreibens im Auge des Betrachters hervorruft.

Das Bild von Giacometti ist da noch radikaler in seiner Tendenz zur Vereinfachung. Die Elementarisierung wird auf die reinen Farben ausgedehnt - gelb, rot, blau, so daß die Farbmischungen erst im Auge des Betrachters generiert werden. Der Winternebel schafft gewissermaßen die Urszene des Sehens, das Entstehen des Gegenständlichen aus dem Ungegenständlichen, das auf der Schwelle des Übergangs gezeigt wird, was den Eindruck hervorruft, als werde hier die Welt, so wie man sie sieht, gleichsam im Augenblick des Gesehenwerdens erschaffen.

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Im Kubismus wird eine andere grundlegende Tendenz moderner Malerei deutlich: Die Emanzipation des Bildeindrucks. In der Malerei geht es nicht mehr darum, eine Wirklichkeit abzubilden, sie vielmehr in eine Bildrealität umzuwandeln. Es gibt deshalb zwar erkennbare Gegenstände, wichtig ist aber, wie sie sich zu einem Bildeindruck zusammenfügen.
Bei Malewitsch sind Bezüge zu den "Niederländern" wie Brueghel durchaus festzustellen, worauf Thomas schon aufmerksam gemacht hat. Auch hier werden Geschichten erzählt. Man sieht die aufgetürmten Schneeberge nach dem vorhergehenden Schneesturm, zwei würdervoll schreitende Gestalten mit Mützen und Eimern, die offenbar damit beschäftigt sind, die Schneemassen aufzuräumen. Im Hintergrund eine Figur, die einen Schlitten zieht, auf dem sich eine schwere Last befindet. In der Darstellung erkennt man deutlich, daß die Person große Mühe hat, den schweren Schlitten vom Fleck zu bewegen.
Diese Geschichten sind aber nicht das Wichtigste, worum es der bildlichen Darstellung geht. Wenn man das Bild nur erst einmal auf sich wirken läßt, dann erkennt man eine fundamentale Gemeinsamkeit mit Lovis Corinths Fauvismus:

In beiden Bildern geht es darum, den Eindruck von Bewegung und Bewegtheit zu vermitteln. Was bei Corinth durch den Gestus des Malens geschieht, wird in Malewitschs Geometrisierung zu einer musikalischen Rhythmik von Formen und Farben. Man beachte z.B. die aufgetürmten Schneemassen im Vordergrund, die sich sehr spannungsreich dynamisch in der Blickbewegung aufschaukeln wie Wellen. Die Bewegung unterstreicht zudem die Auflösung des Raumes in viele Räume. Zwar gibt es eine gewisse Tiefenräumlichkeit, jedoch teilt sich der Raum in verschiedene Räume mit unterschiedlichen Fluchtpunkten. Der Betrachter muß sich so bewegen, verschiedene Blickperspektiven einnehmen. Das Betrachten dieses Bildes kostet damit Zeit. - das zeitlose stehende Bild verwandelt sich in den Augen des Betrachters in Zeit und Bewegung.
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Giovanni Segantini malte dieses Winterbild. Es ist unvollendet geblieben. Es heisst La morte (Der Tod). Es besitzt riesige Ausmasse 190 x 320 cm und ist das dritte Bild des il trittico della Natura Werden – Sein – Vergehen, der zwischen den Jahren 1898–1899 entstand. Es hängt im Segantini Museum in St. Moritz.

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Die schöne Galerie reizt zur Refelxion. Was passiert eigentlich mit der Winterlandschaft im Wandel der Stile, der Darstellungen?
Pieter Brueghel d. Ältere 1565 Der Jäger im Schnee
Die Bilder der neiderländischen Meister sind wahrlich meisterhaft und faszinierend. Was sie auszeichnet, hat Alfred schön gesagt: Sie erzählen eine Geschichte. D.h. Thema ist eigentlich der Winter als Lebenswelt des Menschen.
Ganz anders dagegen die Romantik:
Sowohl bei C.D. Friedrich als auch bei C.G. Carus verschwindet der Mensch in der Landschaft: Entweder er ist so klein, daß man ihn fast gar nicht mehr sieht, oder aber die Landschaft überhaupt ist eine menschenleere. In der Romantik steht nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt, sondern er ordnet sich in das große Ganze der Natur ein und unter.
Das ist doch ein bisschen zu grob von drei Stichproben aus 2 weit entfernten Zeitpunkten auf die Entwicklung geschlossen.
Problematisch ist natürlich die Beschränkung auf Winterlandschaften.Die Landschaft hat sich im Zuge der manieristischen Schwerpunktverschiebung auf das Unwesentliche ebenso wie das Stillleben aus einem in der Regel biblischen Kontext in den "Vordergrund" gedrängt. In der Regel hat man also im 16. Jahrhundert immer noch den Hieronimus in der Wildnis oder die heilige Familie auf der Flucht, nur dass sie in der üppigen Landschaft gesucht werden müssen, während sie vorher die Landschaft beherrscht hatten. Das ist der Stand bei Joachim Patinier (Patenir), also ca. 2 Generationen vorher, der "Vaterfigur" der flämischen Landschaft. Die Landschaft selbst ist dabei noch recht ähnlich wie im Jahrhundert davor: eine "Weltlandschaft", die von erhöhtem Blickpunkt aus widergegeben wird, damit man Gottes Schöpfung in all ihren Erscheinungsformen und ihrem Reichtum erleben kann (Berge, Flüsse, Wälder, Städte, Landwirtschaft). Es geht dabei nicht um realistische Schnappschüsse, so wie alles versammelt ist, wie es von einer imaginären Aussichtswarte betrachtet wird, und wie der Blick durch Vorder- und Hintergrund geführt wird, ist alles vollkommen "künstlich". Ebenso ist das strenge Beibehalten des Farbschemas (warme Braun- und Grüntöne vorne, dann kühleres Grün im Mittelgrund, und blau hinten) der Aufsicht geschuldet, um irgendwie Räumlichkeit zu suggerieren.
Brueghel ist durchaus noch diesem Schema verpflichtet. Nur im Winter fällt die Farbigkeit weg, weshalb das Bild besonders untypisch für die Zeit ist, und uns besonders modern oder realistisch anmutet. Die biblische Thematik ist auch weg, die Landschaft bleibt aber eine, die alle Elemente von Gottes Schöpfung versammelt, die Blickführung ist auch nicht einem realistischen Blickwinkel geopfert (letztere gibt es nur als Ausnahmen etwa bei Jan van Eyck, Jan van Amstel oder dem Meister der kleinen Landschaften vor Brueghel).
Steht hier der Mensch im Vordergrund? Man vergleiche vor allem den Vorfrühling aus derselben Serie, das trostloseste Bild aus Brueghels Jahreszeitenzyklus. Ich würde das Ganze schon als Darstellung der Welt verhaftet in der göttlichen Ordnung interpretieren wollen. Freilich soll sich der Mensch alles andere Untertan machen, entsprechend "verkommt" es ein wenig zur Schilderung der Bräuche und alles real Existierenden. Aber die Mächtigkeit, die diese Bilder entwickeln, der Anspruch der übergreifenden Darstellung sprechen für mich schon dafür, den Zyklus im Zusammenhang mit der religiös konnotierten Weltlandschaft zu sehen.

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Die google-Suche "jacob grimmer budapest" liefert Ergebnisse für einen spannenden Jahreszeitenzyklus eines Brueghel-Zeitgenossen, der im Bildaufbau moderner, realistischer und ausschnitthafter als Brueghel ist (in der Ausführung aber weniger Begeisterung aufkommen lässt). Die Bilder wirken "harmloser" und "alltäglicher", der Hauch des Göttlichen ist weniger merklich, mehr hat man einen Katalog der jahreszeitlichen Tätigkeiten und Erscheinungsformen unserer Welt vor Augen.

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Der Februer um 1415 von den Brüdern Limbourg:

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Das ist doch ein bisschen zu grob von drei Stichproben aus 2 weit entfernten Zeitpunkten auf die Entwicklung geschlossen.
Ich hatte mich da auf Carus bezogen. Carus wirft der traditionellen Landschaftsmalerei vor, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Das entspricht nicht der romantischen Naturreligiosität, dem "Ich bin nichts, Gott ist alles". Wenn das - spinozistische - deus sive natura gilt, dann verschwindet der Mensch in der Landschaft und ihrer erhabenen göttlichen Größe. Das ist das romantische Selbstverständnis. Meine Auslegung war, daß bei den Niederländern die winterliche Natur als Lebenswelt des Menschen betrachtet wird - also nicht nur als Staffage im Hintergrund.Schöne Grüße
Holger -
Der Februer um 1415 von den Brüdern Limbourg:

Das ist aus dem "Stundenbuch des Herzogs von Berry" - das Büchlein habe ich, eine andere Ausgabe
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Schöne Grüße
Holger -
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Tendenziell dürfte es sich ja von den Anfängen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum Höhepunkt des niederländischen Realismus in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts dorthin entwickelt haben, was Du mit "Natur als Lebenswelt des Menschen" bezeichnest. Der erste Entwicklungsgang wäre das zunehmend konsequente Zurückdrängen des biblischen Vorwands, überhaupt ein Ölbild malen zu dürfen, stattdessen mehr Fokus auf typische Tätigkeiten des Menschen. Das ist bei Brueghels berühmtem Zyklus ja schon eingelöst, man muss aber bedenken, dass sonst die Brueghel-Landschaften schon noch mit Bibelthemen bevölkert sind. Der zweite Gang wäre dann der zum realistischen Blickwinkel, der so um 1620 bei Goyen eingelöst wird, wobei die Farbskala dran glauben muss und alles braungrau wird. Von dort geht es dann zum Parnass des Realismus bei Ruisdael, der seinerseits aber bereits die Romantiker vorwegnimmt, indem die Landschaft wieder eine Mächtigkeit und Bedrohlichkeit gegenüber den winzigen Menschlein einnimmt, die man unschwer als Aufruf zu Demut und Frömmigkeit deuten kann, besoners schön, wenn die Behausungen der Menschen sich wie Lämmer an die Kirche schmiegen ... allerdings ist Ruisdael da die Ausnahme und normalerweise geht es sehr diesseitig zu auf den Landschaftsbildern der niederländischen Spezialisten.
Ebenso könnte man den Romantikern die Biedermeiermaler entgegenhalten. Da haben wir auch mitunter bedingungslosen Realismus, dem Transzendenz eher fern steht.
So, jetzt muss ich noch Winterbeispiele dazu suchen ...



