Wintermärchen - Winter-Darstellungen in der europäischen Kunst von Bruegel bis Beuys

  • Ein schönes Beispiel für die Reduktion der Farbpalette, die mit dem Senken des Horizontes und der Vorliebe für karge Bildausschnitte etwa Hand in Hand ging:


    Hier eine für Goyen sehr typische Stadtansicht im Hintergrund:


    Wären bei Goyen keine Menschen auf dem Eis unterwegs, würde man die Jahreszeit nicht erkennen können ...

  • Bei den Biedermeiermalern bin ich nicht fündig geworden - bei denen ist immer Sommer.
    :D
    Na, OK, einen Vorfrühling habe ich gefunden:

    Wolkenloser Waldmüller.
    Interessant ist ja, dass er in der Ablehnung dramatischer Überhöhung ganz Realist ist (und womöglich Freiluftmaler vor den als solche berühmten Franzosen), durch die Idealisierung der einfachen Leute aber so unrealistisch rüberkommt, dass man das aus heutigem Blickwinkel schwer in eine einfache Schublade stecken kann.


    Der Biedermeiermaler Thomas Ender, der für den Kaiser in die Berge mitgenommen wurde, um den Gletscher mit Pinsel und Farbe zu fotographieren:

    ist durch die Überhöhung der Steilheit des "gefährlichen" Gipfels durchaus halb romantisch.


    Die nüchterndste Phase der österreichischen Biedermeierlandschaft ist an ihrem Anfang so um 1830.


  • Das Gemälde von Rene Magritte nimmt Bezug auf zwei klassische Motive, der es jedoch einen völlig neuen Sinn gibt. Da ist einmal der Fensterblick (Durchblick auf eine Landschaft) und dann das Motiv des Gebirges.


    Das Hochgebirge als Schnee- und Eislandschaft war ein beliebtes Motiv der Romantik - hier gemalt von Karl Gustav Carus:



    Die Fremdheit, ja Menschenfeindlichkeit der Eiswüste ist gerade das, was den Romantiker anzieht: Es ist der Blick auf eine von Gott und nicht dem Menschen beherrschte Naturlandschaft. Bei Magritte jedoch wird der Ausblick auf die ganz andere, nichtmenschliche Natur zum surrealen, zum Fenster-Blick ins verborgene Innere das eigenen Unbewußten, das zugleich so nah und befremdlich fern ist. In Magrittes Bild entsteht das traumhaft wirkende Paradox, daß sich das Gebirge quasi beflügelt, zu den Schwingen eines Adlers wird: Die Höhe ist nicht nur ein himmlischer Raum, sie hebt gleichsam ab, wird schwerelos. Das Paradox von Schwere und Schwerelosigkeit hat Magritte auch in einem anderen surrealen Bild zum Ausdruck gebracht:



    Der Halt im Haltlosen, das Haltlose im Halt in der Traumlandschaft, eine sehr ambivalente Botschaft des Unbewußten zwischen Faszination und Angst.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zitat

    Ich hoffe doch, es gibt noch jemanden, der das heiter-beschwingte Winterbild von Paul Klee (s.o.!) mag! Ein richtiger Stimmungsaufheller! :)


    Durchaus - es ist recht fröhlich.
    Aber ich habe meine Probleme damit es als "Kunst" wahrzunehmen
    Eher erinnert es mich an das Bild eine Kindes aus dem Kindergarten (=Vorschule)
    Dies nur - weil ja gefragt wurde


    Magritte - Irre ich mich oder liegt nicht die beabsichtigte Pointe des Bildes darin, daß das Gebirge im Hintergrund einen Adler mit geöffneten Schwingen darstellt ?


    Ich nutze diesen "Zwischenbeitrag" auch dazu, hier auszusprechen wie sehr mich der Zuspruch und die Vielfalt zu diesem Thread, der bei seiner Einführung nahezu unbeachtet blieb, freut.......


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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  • Durchaus - es ist recht fröhlich.
    Aber ich habe meine Probleme damit es als "Kunst" wahrzunehmen
    Eher erinnert es mich an das Bild eine Kindes aus dem Kindergarten (=Vorschule)
    Dies nur - weil ja gefragt wurde


    Der kleine aber feine Unterschied ist, daß Paul Klee mit den Elementen einer Kinderzeichnung sehr kunstvoll spielt. Kein Kind bekommt eine solche Komposition und Aussage hin! :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Magritte - Irre ich mich oder liegt nicht die beabsichtigte Pointe des Bildes darin, daß das Gebirge im Hintergrund einen Adler mit geöffneten Schwingen darstellt ?

    Ja und Nein lieber Alfred. Das ist ein paradoxes Traumbild - Adler und Gebirge sind zwei Gesichter derselben Landschaft. Siegmund Freud würde das eine Traumverdichtung nennen. :)


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ein nicht unwesentlicher Apekt alter Ölgemälde ist ihr historischer Bilderstatter-Effekt
    Wir können quasi in eine längst vergangene Zeit blicken und Ereignisse SEHEN, die damals stattgefunden haben, wobei mir natürlich bewusst ist, dass alles "publikumswirksam" in Szene gesetzt wurde, de facto also eine manipulierte Realität ist. Damit haben wir heutzutage aber kein Problem - wir sind derlei vom Fernsehen gewohnt.


    Im Jahre 1677 war die Themse zugefroren (was kein Einzelfall war) Der Maler niederändische Maler Abraham Hondius (ca1631-1691),
    der von 1671 bis zu seinem Lebensende in London lebte hat diese eindrucksvolle Winterszene der Nachwelt hinterlassen



    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Ich muß gestehen, daß ich bei Winterlandschaften – so wunderbar hier alle eingestellten Gemälde sind – immer wieder bei Caspar David Friedrich lande, dessen Winterlandschaften mich immer aufs Neue beeindrucken.
    So auch dieses mal:



    Das Bild hat eine geradezu beängstigende Ruhe. Die eigentlich notwendige Arbeit ist unterbrochen, das halbfertige Grab verdeutlicht aber, daß eigentlich Bedarf bestünde, die Arbeiten fortzusetzen. Die enge Verbindung, die hier zwischen ruhiger Winterzeit (dem durch Schnee gedämpften Geräuschen) und der ewigen Ruhe gezogen wird, mag als Parallelisierung vielleicht zu weit gehen, drängt sich mir aber doch auf. Leider gibt das gepustete Bild nicht ganz die Farbwirkung des Winterhimmels wieder. Trotz allem ist das Bild nicht trostlos, sondern einfach still und ruhig, man kann sich auch darin versenken und Ruhe finden.


    Mit besten abendlichen Grüßen
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)


  • Eins der düstersten Bilder von Caspar David Friedrich - über die Lebensfeindlichkeit der Eiswüste und das Zerschellen menschlicher Träume (der Schiffbruch).


    clck 2912

  • Zitat Holger Kaletha

    Zitat

    Eins der düstersten Bilder von Caspar David Friedrich - über die Lebensfeindlichkeit der Eiswüste und das Zerschellen menschlicher Träume (der Schiffbruch).


    Das ist es in der Tat, es ist viel trostloser als das Bild vom "Friedhof im Schnee", der einem ja zunächst einmal vordergründig enger mit dem Thema Tod verbunden scheint. Doch ist es ja der kulturell geformte Tod (Bestattung), im Eis ist einfach nichts ... außer Verderben. Ein beeindruckendes Zeugnis der Kräfte der Natur. Wohl kaum hätte man eine lebensfeindliche Umgebung in ihrer erschreckenden Pracht besser umsetzen können.
    Beste Grüße
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Das ist es in der Tat, es ist viel trostloser als das Bild vom "Friedhof im Schnee", der einem ja zunächst einmal vordergründig enger mit dem Thema Tod verbunden scheint. Doch ist es ja der kulturell geformte Tod (Bestattung), im Eis ist einfach nichts ... außer Verderben. Ein beeindruckendes Zeugnis der Kräfte der Natur. Wohl kaum hätte man eine lebensfeindliche Umgebung in ihrer erschreckenden Pracht besser umsetzen können.

    Lieber JLang,


    das Bestürzende ist zudem, daß diese Eistürme himmlisch schön sind. Doch diese Natur-Schönheit bringt zugleich den Tod. Ein solches Bild ist schon eine Zumutung für die Tradition. Selbst der Eindruck des "Erhabenen" wird hier außer Kraft gesetzt (a la Kant: wir unterliegen der Natur zwar physisch, triumpfieren über sie aber dafür im im Geiste). Hier ist die Botschaft eine ganz und gar desillusionierende: Der Mensch ist in dieser Natur verloren und hat in ihr nichts verloren.


    Schöne Grüße
    Holger

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  • P.S. Was hat C.F. Friedrich mit dem Bild gemeint? Eine mögliche Antwort: Damals war die Zeit der großen Entdeckungsreisen. Sein Freund Carus war ja mit dem Weltreisenden A. v. Humboldt befreundet. Der Mensch versucht die letzten verborgenen Winkel der Erde zu ergründen, sich die Erde untertan zu machen im biblischen Sinne. Das ist aber eine Hybris, menschliche Vermessenheit. Dafür rächt sich die Schöpfung, in der Gott und nicht der Mensch der Herr ist, indem sich die Ordnung der Schöpfung im Scheitern des Menschen wiederherstellt. Deshalb bleibt das ein überragender, schrecklich schöner Anblick. Aber der Betrachter muß dem, wenn es so sein sollte, nicht folgen, meine ich. Er kann seine eigene Deutung einbringen. Das Bild stellt ihm dies letztlich frei.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Conrad Felixmüller lernte Böckstiegel in Dresden kennen - Felixmüller heiratete schließlich Böckstiegels Schwester. 40 seiner Bilder wurden in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt und die Nazis vernichteten 151 seiner Werke. Zwei wirklich beachtenswerte Maler!


    http://de.wikipedia.org/wiki/Conrad_Felixm%C3%BCller



    Conrad Felixmüller: Postplatz Dresden im Schnee 1933



    Conrad Felixmüller: Bahnhof Tautenhain. Fräulein Krasselt mit Postkarre 1957

  • Einer Deutung der Schnee- und Winterbilder kommt man näher, wenn man zum Vergleich weniger die Philosophie heranzieht (wiewohl ich den Ansatz hochspannend finde), sondern einen Blick auf die Lyrik des 19. Jahrhunderts wirft. Winter ist eine mühsame Zeit, wenn man sich durch Schnee kämpfen muss, keine Zentralheizungen die Stuben erwärmen, Wege und Straßen nicht mehr erkennbar sind. Die Natur stirbt ab, der Mensch sieht sich am Ende seiner Reise. Es ist nicht einfach, heitere Wintergedichte zu finden. In aller Regel tragen sie einen düsteren Unterton. So auch die Malerei. Menschen, die am Ufer des Rheines wohnten, dürften vor dem Winter einen besonderen Respekt gehabt haben. Mehr als einmal wurde ganze Dörfer (so etwa in Köln in der Höhe des heutigen Bayenthal) vom Eisgang des zugefrorfenen Rheines zerstört. Wenn ich die zerklüfteten Eisplatten C.D. Friedrichs sehe, kommt mir genau das in den Sinn. Und wer Rügen im Winter kennt...


    Morbidität in der Lyrik, da fällt mir Goethes Harzreise im Winter ein, Rilkes Herbstgedicht (wer jetzt keine Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist wird es lange bleiben...). Launig aus der Literatur herausgegriffen: Stifter "Bergkristal", Streuvels "Flachsacker", und wahrscheinlich kaum bekannt, Johannes Thienemann "Rossitten". Dieser Ort, heute Rybatschi, liegt an der kurischen Nehrung. Thienemann, der Begründer der Vogelwarte Rossitten, bereiste den Ort seit 1896 und saß dann eines Winters fest: das Haff fror im Winter zu und von Rossitten war kein Fortkommen mehr. So entstand die Vogelwarte, gleichsam aus der Not heraus geboren.


    Alles in allem sehr wahrscheinlich, dass die allermeisten Winterbilder, zumal der Romantik, ein memento mori verbildlichen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Morbidität in der Lyrik, da fällt mir Goethes Harzreise im Winter ein, Rilkes Herbstgedicht (wer jetzt keine Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist wird es lange bleiben...). Launig aus der Literatur herausgegriffen: Stifter "Bergkristal", Streuvels "Flachsacker", und wahrscheinlich kaum bekannt, Johannes Thienemann "Rossitten". Dieser Ort, heute Rybatschi, liegt an der kurischen Nehrung. Thienemann, der Begründer der Vogelwarte Rossitten, bereiste den Ort sei 1896 und saß dann eines Winters fest: das Haff fror im Winter zu und von Rossitten war kein Fortkommen mehr. So entstand die Vogelwarte, gleichsam aus der Not heraus geboren.

    Lieber Thomas,


    zu dem, was Du so schön ausführst passt Friedrich Nietzsches Gedicht Vereinsamt . :hello:


    Schöne Grüße
    Holger


    Die Krähen schrein
    Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    Bald wird es schnein, -
    Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!


    Nun stehst du starr,
    Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
    Was bist du Narr
    Vor Winters in die Welt entflohn?


    Die Welt - ein Tor
    Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
    Wer das verlor,
    Was du verlorst, macht nirgends Halt.


    Nun stehst du bleich,
    Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
    Dem Rauche gleich,
    Der stets nach kältern Himmeln sucht.


    Flieg, Vogel, schnarr
    Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
    Versteck, du Narr,
    Dein blutend Herz in Eis und Hohn!


    Die Krähen schrein
    Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    Bald wird es schein, -


    Weh dem, der keine Heimat hat!

  • Das finde ich jetzt wirklich interessant: hast Du mal die Entstehungsdaten der Nolde-Bilder? Die veränderte Stimmung von dem Bild von 1907 zu den drei anderen ist nicht nur durch die unterschiedliche Technik begründet (Winter 1907 dürfte Öl/Lw sein, die drei anderen Aquarelle). Die Schnee- und Berganmutung der Aquarelle zahlt schon stark auf eine veränderte Wahrnehmung von Berg und Winter ein. Ich denke da gerade an frühe Riefenstahl-Filme (mit ihr als Schauspielerin), Trencker oder Kästners "Drei Männer im Schnee": die Mühsal wird ausgeblendet, man obsiegt in und gegen die Natur (die beiden Filmbeispiele) oder die urbane Technik wird punktuell in die Berglandschaft gebracht, um die Schönheit von der Mühsal zu befreien (wieso nur muss ich gerade dabei neben Kästner noch an die "Fülle des Wohllautes" aus Manns Zauberberg denken?). Das Letze unterstrichen durch die beiden Repussoir-Figuren, die beiläufig als Naturbetrachterinnen positioniert werden (wo ich jetzt noch ätzen könnte, dass die Naturschönheit als Betrachtungsgegenstand von Frauen dargestellt wird, durch eine Brüstung gut abgesichert). Ein eklatanter Wandel im Denken hinter dem Bild. Das Profane und ggf. die Filmbildsprache halten Einzug im Bild. Nichstdetotrotz: wundervolle Bilder!


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:


    PS: Herzlichen Dank für das Nitzsche Gedicht, lieber Holger; das war mir völlig unbekannt.

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Ein versöhnliches Wintergedicht hätte ich gefunden: "Im Schnee" von Gottfried Keller:


    Wie naht das finster türmende
    Gewölk so schwarz und schwer!
    Wie jagt der Wind, der stürmende,
    Das Schneegestöber her!


    Verschwunden ist die blühende
    Und grüne Weltgestalt;
    Es eilt der Fuss, der fliehende,
    Im Schneefeld nass und kalt.


    Wohl dem, der nun zufrieden ist
    Und innerlich sich kennt!
    Dem warm ein Herz beschieden ist,
    Das heimlich loht und brennt!


    Wo, traulich sich dran schmiegend, es
    Die wache Seele schürt,
    Ein perlend, nie versiegendes
    Gedankenbrauwerk rührt!


    LIebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

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