Der gewandelte Schostakowitsch

  • Diese Frage stellst Du doch wohl bitte nicht ernsthaft????? Willst Du mit einem solchen wohlfeilen Sentenzchen wegdiskutieren, was man über diesen Diktator und sein Mordsystem weiß?
    Nicht ich bin hier einseitig - Du bist es.


    Ich kann nicht antworten, ich habe eine blaue Karte bekommen.


    La Roche

    Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag - Goethe, Faust, Vorspiel auf dem Theater, Aussage des Theaterdirektors

  • Nein, die "blaue Karte" steht sozusagen allgemein im Raum, da ist niemand persönlich gemeint. Es könnte nur passieren, dass irgendwann Beiträge von hier entfernt werden, wenn viele sich nur noch mit Politik/Geschichte beschäftigen. Bislang ziehe ich aber vor, nur die Aufforderung zu wiederholen, den Schostakowitsch-Bezug im Auge zu behalten.

  • Hast ja recht, das ist ein Klassikforum und kein Politikforum. Nur sollte das dann für alle gelten. Und Schostakowitsch und Stalin - ist eben doch auch ein bißchen Musikgeschichte. Aber ich laß es, sonst werde ich vielleicht noch politisch in eine Ecke gestellt, zu der ich gar nicht gehöre.


    La Roche

    Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag - Goethe, Faust, Vorspiel auf dem Theater, Aussage des Theaterdirektors

  • und ist sie's nicht, wird es ihr vorgeschmissen!


    Schostakowitsch nun ist ein politischer Komponist. der wiederum aus politischen Gründen umgedreht werden soll. Mit der Folge, dass dem Hörer eingeredet wird, er müsse eigentlich ganz was anderes hören, als was er hört.
    Setzt man sich nun gleich wie mit diesem Vorgang auseinander, wird's immer wieder politisch. weil dieser eben durch und durch politisch ist.


    Wie sollen wir da verfahren? Näher amThema bleiben!


    Einverstanden.


    John Doe

  • Das Politische ist eng mit dem Leben Dmitri Schostakowitschs eng verbunden. Deshalb wird dies in diesem Thread ein wiederkehrendes Thema sein.


    Welchen Preis Schostakowitsch zahlen musste, wie die Repression zur Stalinzeit ihn geprägt hat, wird mir nach dem Ansehen dieses englischen Spielfilmes /Dokumentation / mit authetischem Filmmaterial Zeugenaussage - Aus dem Leben des Dmitri Schostakowitsch (1987) bewusst. Er hat mit 149 Minuten seine Längen.



    Auf YouTube ist der Film von Tony Palmer in voller Länge in englischer Sprache abrufbar. Ben Kingsley gibt dem Komponisten ein Gesicht.



    Die Hohlheit der stalinistischen Propaganda und Unberechenbarkeit des staatlichen Apparates wird vorgeführt. Die ständige Angst, in welcher der Komponist und seine Ehefrau lebten, wird einem bewusst, in einer Szene, die in seiner Wohnung spielt. Man hört, wie ein Nachbar abgeholt wird und der Komponist mit gepackten Koffern angstvoll horcht, ob auch er abgeführt werden wird, derweil der Diktator in den Akten der Personen blättert. (ab 52 min) Man lese meinen Beitrag 15, wo die historischen Ereignisse beschrieben sind.


    Warum er überlebte, eine Antwort wird nicht gegeben. Am wenigsten wusste es wohl Schostakowitsch. Eine Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei war kein Schutz. Das Bekleiden politische Ämter und Orden an der Brust wohl auch nicht. War es Zufall, Glück, eigene Verdienste, Schicksal? Totalitäre Systeme funktionieren nach einem Muster der Willkür, aber auch gezielten Verfolgungen.


    Schostakowitsch war dem Alkohol verfallen. Ein hoher Preis, den er zahlen musste. Ich sehe dles als Folge der Spannung, in der der Komponist jahrelang leben musste.


    Im Abspann des Filmes erfährt man, dass dem Terror des stalinistischen Systems 30 Millionen Menschen zum Opfer fielen.


    Was uns bleibt, ist sein Werk. Vieles darin ist maskiert und rätselhaft.


    Ich hatte einen russischen Bekannten, der Uraufführungen von Schostakowitschs Werken erlebte. Er sagte mir, dass den Hörern die Doppelbödigkeit, die in die Werke hineinkomponiert ist, bewusst war.

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    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
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  • Ausgangspunkt dieses Threads ist, dass Klaus 2, man erlaube mir die krasse Formulierung, sich vom Komponisten Schostakowitsch arg verarscht fühlt. Er nimmt ihm den doppelten Boden im Finale nicht ab.


    Wir heutigen Hörer leben in einer anderen Zeit, die Umstände, wie wir diese Musik hören sind andere als zur Zeit der Uraufführung. Wir verfügen über ein Wissen, dass sich über diese Sinfonie gebildet hat. Wir haben den Vorzug der zeitlichen Distanz.


    Ausgangspunkt der 5. Sinfonie, war die Kritik an Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzsenk" (In der überarbeiteten Fassung von 1956 "Katerina Ismailowa").

    (Übrigens gibt es von dieser Oper im Tamino Opernführer keine Inhaltsangabe und ingesamt wird sie zwölf Mal im Forum erwähnt.)


    In Wikipedia findet man mehr Informationen zum Werk https://de.wikipedia.org/wiki/Lady_Macbeth_von_Mzensk


    Die Reaktion Stalins auf einen Besuch einer Aufführung "Das ist Wirrwarr und keine Musik" sowie der Artikel in der Pravda "Chaos statt Musik" sind erwähnt. Musikalisch ist die Tonsprache dieser Musik und die Handlung starker Tubak. Stalin hat sie Oper nicht verstanden und fühlte sich provoziert.


    Die 5. Sinfonie ist "Die Antwort eines sozialistischen Künstlers auf gerechtfertigte Kritik". Und oberflächlich betrachtet zeigt sich Schostakowitsch in seiner Tonsprache moderater und tonaler. Die radikale 4. Sinfonie liess Schostakowitsch in der Schublade und getraute sich nicht, sie aufführen zu lassen.


    Was in der Sinfonie im Finale einkomponiert ist, wurde an anderer Stelle in diesem Thread bereits erwähnt.


    Schostakowitsch äusserte sich selber so: „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. […] So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! Jubeln sollt ihr! Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir. Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.“


    Was ich erst beim Studium des Wikipedia Artikels zur 5. Sinfonie erfahren habe, ist ein musikalisches Selbstzitat Schostakowitschs, dass erhellend ist. Es stammt aus den Romanzen nach Gedichten von Alexander Puschkin, Op. 46. Schostakowitsch hatte diese Lieder vor der 5. Sinfonie komponiert, aber nicht veröffentlicht. Das Zitat taucht im langsamen Mittelteil des Finales bei Ziffer 120; Takte 229 bis 249 auf.


    "Konkret geht es um das Gedicht Wiedergeburt aus dem Jahr 1819. Hier geht es darum, dass das Gemälde eines Genies von einem Kunstbarbaren übermalt (geschwärzt) wird (1. Strophe). Doch mit der Zeit blättern die fremden Farben ab, und das Bild des Genies erscheint in alter Schönheit wieder (2. Strophe). Das Musikzitat setzt dann ein, wenn der Bass in der 3. und letzten Strophe singt: So muss auch jener Irrtum schwinden, / Der lang schon meine Seele quält, / Bis sich Visionen wiederfinden, / Die rein der erste Tag enthält."


    Schostakowitsch beschreibt versteckt in der Partitur seine wahren Gefühle und geht mit diesen gezwungen in die affirmistische Coda.


    So wie sich mir dieser Satz mit diesem Wissen darstellt, hatte Schostakowitsch ihn bewusst als trotzigen Widerspruch mit verborgener Wahrheit und mit hohler Schluss-Aussage komponiert. Klaus 2, du musst akzeptieren, dass Schostakowitsch bewusst seine Hörer getäuscht hat, im Kern sich treu geblieben ist. Das ist das Recht und die Freiheit des Komponisten.

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  • Die Schülerinen und Schüler der Theodor Fliedner Schule haben sich mit der 5. Sinfonie Schostakowitschs im Rahmen des Oberstufen Musikkurses auseinandergesetzt. Das hr-Sinfonieorchester hat ein Education Programm, in dem die jugendlichen ihre Erkenntnisse medial umsetzen können. Es lohnt sich die Tondokumente anzuhören, was die jungen Leute und ihre Interviewpartner zur Musik zu sagen haben. Chapeau!


    https://www.special.hr-sinfoni…ostakowitsch-und-wir#3634


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  • Beim in meinem Beitrag 96 erwähnten Lied auf ein Gedicht Puschkins handelt es sich um das erste der vier Lieder aus Opus 46.


    Die dritte Strophe beginnt bei 1 min 24 s.


    Так исчезают заблужденья

    С измученной души моей,

    И возникают в ней виденья

    Первоначальных, чистых дней.


    Tak ischezayut zabluzhden'ya

    S izmuchennoy dushi moyey,

    I voznikayut v ney viden'ya

    Pervonachal'nykh, chistykh dney.


    So muss auch jener Irrtum schwinden,

    Der lang schon meine Seele quält,

    Bis sich Visionen wiederfinden,

    Die rein der erste Tag enthält.


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