Georges Enescu (1881-1955):
OEDIPE
Tragédie lyrique in vier Akten mit Prolog
Libretto von Edmond Fleg (d.i. Edmond Flegenheimer) nach Sophokles
Uraufführung am 10. März 1936 in der Pariser Grand Opéra
DIE PERSONEN DER HANDLUNG
König Laios von Theben (Tenor)
Iokaste, seine Gemahlin (Mezzosopran)
Oedipe, beider Sohn (Baßbariton)
Antigonae, Oedipes und Iokastes Tochter (Sopran)
Kreon, Iokastes Bruder (Bariton)
Tiresias, ein blinder Seher (Baß)
Theseus, König von Athen (Bariton)
Merope, Königin von Korinth (Mezzosopran)
Phorbas, Bote aus Korinth (Baß)
Ein Hirte (Tenor)
Die Sphinx (Alt)
Wächter, Gefolge der Könige, Priester, Soldaten, Hirten, Bauern, Volk
Ort und Zeit der Handlung: Theben, Korinth, Athen, in mythologischer Zeit.
INHALTSANGABE
PROLOG
In Theben herrscht großer Jubel - nicht nur im Herrscherhaus, sondern auch im Volk, ja sogar die Natur jubiliert in Form von prächtigen Blüten, weil Königin Iokaste einen Sohn zur Welt gebracht hat.
ERSTER AKT
Die Geburt seines Sohnes ist dem König Laios viel festlichen Glanz wert: der Königspalast von Theben erstrahlt in prachtvoller Helligkeit.
Der Oberpriester ist in den Palast geeilt, um das Kind zu weihen; Hirten, Bauern und Frauen aus dem Volk bringen ihre Geschenke dar und feiern mit Liedern und Tänzen das Neugeborene.
Einer aber unterbricht den Freudentaumel und prohezeit großes Unheil: der weise Seher Tiresias tritt hervor und verkündet, daß dem Kind ein schweres Schicksal beschieden sei: es wird dereinst den Vater töten und seine eigene Mutter heiraten, dadurch wird er seinen Kindern Vater und Bruder zugleich sein. Der Schuldige an dieser Tragödie aber ist König Laios selber, denn er hat den Willen des Gottes Apollo mißachtet, ohne Nachkommen zu bleiben. Im Palast und in der Stadt Theben ziehen Trauer und Schmerz ein.
Der entsetzte Laios entschließt sich, seinen Sohn einem Hirten zu übergeben, der das Kind im Gebirge aussetzen und damit dem Tod überlassen soll. Der Hirte bringt es aber letztlich nicht übers Herz, den Säugling auszusetzen; er sorgt dafür, daß es zu König Polybios und Königin Merope nach Korinth gebracht wird, die ohne Kindersegen geblieben sind. Das Königspaar nimmt den Säugling mit Freuden an, adoptiert ihn und geben ihm den Namen Oedipe.
ZWEITER AKT
Zwanzig Jahre später verkündet das Orakel von Delphi dem inzwischen erwachsenen Königssohn Oedipe, er werde seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten. Entsetzt über diesen Orakelspruch verläßt Oedipe Korinth, um die Erfüllung dieser schrecklichen Prophezeiung an seinen Eltern Polybios und Merope zu verhindern.
Auf seiner Flucht vor dem Schicksal begegnet er an einer Wegkreuzung dem thebanischen König Laios, der von zwei Soldaten begleitet wird. Vater und Sohn erkennen sich nicht und es kommt zu einem Streit, weil Laios den einsamen Wanderer auffordert, ihm aus dem Weg zu gehen. Oedipe weist diese hochmütige Aufforderung zurück und während eines fürchterlichen Unwetters erschlägt er Laios und dessen beide Begleiter. Der erste Teil der Prophezeiung des Tiresias und des Orakelspruchs hat sich erfüllt. Der dreifache Mord wird von einem in der Nähe weilenden Hirten beobachtet.
Als nun Oedipe nach Theben kommt, erfährt er von einem Wächter, daß der Sphinx, ein von Apollo geschicktes Ungeheuer, jeden Tag Menschenopfer zu bringen sind, weil der Gott sich von den Thebanern beleidigt fühlt. Worin diese Beleidigung besteht, weiß der Wächter allerdings nicht. Er weiß aber, daß die Sphinx verschwinden werde, wenn sich jemand finden könnte, der ein von dem Untier aufgestelltes Rätsel zu lösen in der Lage ist. Der Gewinner dieses Geisteskampfes solle außerdem König von Theben werden.
Oedipe fühlt sich berufen, Theben von der Sphinx zu befreien. Unbekümmert sucht er das menschenfressende Ungeheuer auf und läßt sich das Rätsel vortragen: „Was geht am Morgen auf vier Füßen, am Mittag auf zweien und am Abend auf dreien?“ Und Oedipe weiß tatsächlich die Antwort: „Es ist der Mensch, denn als Kleinkind krabbelt er auf allen vieren, als Erwachsener geht er auf zwei Beinen und im Alter braucht er einen Stock als drittes Bein.“ Kaum hat Oedipe die Lösung des Rätsels ausgesprochen, fällt die Sphinx sofort in sich zusammen, Theben ist befreit.
Als sich die Tat des Fremden herumspricht, bricht in der Stadt großer Jubel aus. Wie versprochen, wird der junge Mann zum König ausgerufen und heiratet die Königinwitwe Iokaste. Damit ist auch der zweite Teil von Tiresias' Prophezeiung und dem delphischen Orakelsprucht wahr geworden.
DRITTER AKT
Abermals einige Jahre später, während einer langen Friedens- und Wohlstandsperiode in Theben, bricht in der Stadt die Pest aus. König Oedipe sendet Kreon, den Bruder seiner Gemahlin - und seiner Mutter, was er aber immer noch nicht weiß - Iokaste nach Delphi zum Orakel. Nach einer beschwerlichen Reise bringt Kreon seinem König die entsetzliche Nachricht mit, daß die Pest so lange wüten werde, bis der Mörder des vorherigen Königs Laios, der unerkannt in Theben lebe, aufgespürt und bestraft worden ist. Der König ordnet umgehend Nachforschungen an.
Die königlichen Beamten haben einen Hirten ausfindig gemacht, der an einem ganz bestimmten Tag und an einem ganz bestimmten Ort einen Dreifach-Mord beobachtet hat. Und es gibt da noch einen korinthischen Boten namens Phorbas, der ebenfalls zu dem Themenkomplex eine Aussage machen kann. So wird aus Einzelbildern schließlich ein Gesamtbild des Geschehens: Oedipe ist der Mörder von Laios. Als Iokaste das Entsetzliche hört, ist sie tief getroffen und erhängt sich. Oedipe trifft es genauso schlimm, er blendet sich und verläßt mit seiner Tochter Antigonae die Stadt.
VIERTER AKT
Antigonae hat sich mit dem blinden Vater nach Athen durchgeschlagen und beide kommen hier, in der Stadt des Königs Theseus, endlich zur Ruhe. Allerdings nicht für lange, denn Oedipes Onkel Kreon, gleichzeitig auch sein Schwager, kommt nach Athen, um ihn zur Rückkehr nach Theben zu bewegen, da es in der Stadt gärt. Oedipe weigert sich allerdings vehement und Kreon bemächtigt sich Antigonae, um sie zu entführen.
Nun erscheint König Theseus mit Priestern auf der Szene und verhindert somit Antigonaes Geiselnahme. Er verlangt Aufklärung und hört sich sowohl Kreons als auch Oedipes Erklärungen an. Er trifft danach die Entscheidung, Oedipe in Athen Unterschlupf zu gewähren; Kreon muß unverrichteter Dinge nach Theben zurückkehren.
Oedipe bemerkt, daß sein Leben sich vollendet hat und ruft seine Tochter Antigonae zu sich; er verabschiedet sich von ihr und darauf auch mit dankbaren Worten von den Athenern und dem König, dem er für das gewährte Asyl dankt. Und nur von Theseus begleitet, begibt er sich in den heiligen Hain. Hier wird er unter Donner und Blitz von Zeus in die Unterwelt entrückt.
INFORMATIONEN ZU „OEDIPE“
Von George Enescu gibt es nur diese eine Oper, deren langwieriger Schaffensprozeß schon bemerkenswert ist: gut fünfundzwanzig Jahre vergingen vom Beginn der Arbeit bis zur Uraufführung 1936 in Paris. Aber auch danach ließ ihn das Werk nicht los, denn er unternahm mehrere Revisionsversuche, ohne allerdings zu einem letztgültigen Resultat zu kommen. Christoph Schlüren meinte in einem Beitrag für den Bayerischen Rundfunk (Januar 1998), es gebe wohl kaum ein Werk in seinem Gesamtwerk, mit dessen letzter Fassung er vollständig zufrieden gewesen wäre.
OEDIPE ist Marie Cantacuzino gewidmet, der Tochter eines rumänischen Großgrundbesitzers, die von allen nur „Maruca“ genannt wurde. Sie lebte schon längere Zeit von ihrem Mann, dem Prinzen Cantacuzino, getrennt, als sie mit Enescu nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Rumänien ging, wo sie Verwundete pflegte, während Enescu in diesen Lazaretten spielte. Darüber schrieb der Komponist: „Ich habe oft erlebt, was für eine geistige Erhebung in den Gesichtern der Verwundeten zu sehen war nach den ersten paar Tönen. Diese Verwandlung der Seele ist der eigentliche Grund für die Existenz der Musik. Hätte sie nicht diese wunderbare Wirkung, den menschlichen Geist zu beruhigen und zu reinigen, so wäre jede Musik nur eine bedeutungslose Abfolge von Klängen.“
Enescu hat sich auch mehrfach zu seiner Oper geäußert. So bestand er darauf, den OEDIPE, eine „tragédie lyrique“ in vier Akten, „wie eine Symphonie gebaut“ aufzufassen. Und weiter: „Es ist eine schreckliche Angelegenheit: Man muß alles zur gleichen Zeit im Bewußtsein haben. Könnte man sich einfach jedem Detail für sich zuwenden, so wäre es kein Problem. Aber nein: Man muß dem Publikum das Gefühl vermitteln, daß das ganze Werk sich zusammenschließt, indem alles aus einem einzigen Ideenfluß entstanden ist…“
OEDIPE ist von „erschlagender Wucht“ (Johannes Killyen) und offenbart den Sinfoniker, als den sich der Komponist selber verstand. Nicht wenige, die sich mit dieser Oper und diesem Komponisten befaßt haben, meinen, aus jeder Notenzeile das Grauen des ersten Weltkriegs und das Heraufziehen des zweiten herauszuhören.
Die Autoren Fleg(enheimer) und Enescu erzählen die mythologische Geschichte linear, also von der Geburt des Ödipus bis zu seinem Tod. Mit einer allerdings wesentlichen Veränderung: wie im Original beantwortet Ödipus die Frage der Sphinx, deren Fluch auf Theben liegt, mit „Der Mensch“ durchaus richtig. Nur lautet die Frage des Ungeheuers ganz direkt: „Wer oder was ist stärker als das Schicksal?“ und nicht poetisch „Was geht am Morgen auf vier, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen?“
© Manfred Rückert für Tamino-Opernführer 2012
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Brockhaus/Riemann Musiklexikon
Reclams Opernführer
Christoph Schlüren über Enescu für den Bayerischen Rundfunk 01/1998
