Unbekannte Opern

  • Gerade eben erst entdeckt.


    Ein Hinweis für die Raritätensammler (und Dr. Pingel):


    Šárka von Leoš Janáček ist als Aufführung geplant in Solothurn / Biel / Olten / Burgdorf in der Schweiz zwischen 11. Dezember 2020 und 16. Februar 2021

    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt

  • Minoru Miki: Der neunteilige Zyklus zur Geschichte Japans


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    Ai-En, die achte Oper im Zyklus, habe ich hier im Thread bereits in Beitrag #7 und im Opernführer vorgestellt. Nun komme ich zu den anderen acht, unter besonderer Berücksichtigung der zweiten Oper


    An Actor's Revenge

    Oper in zwei Akten (1979), Libretto: James Kirkup nach Otokichi Mikami

    Auftragswerk für das English Music Theatre

    Verleger: Faber Music, London

    Der Welt-Uraufführung in England folgte 1981 eine amerikanische Aufführung, 1984 die japanische (in Japanisch) und 1987 eine deutsche (in Deutsch) in Münster.



    Handlung

    Drei Männer - Sansai Dobe, Kawaguchiya und Hiromiya sind für den Selbstmord der Mutter und des Vaters des siebenjährigen Yukitarō verantwortlich. Yukitarō wird von Kikunojō Nakamura, dem Schauspieler und Leiter einer Kabuki-Truppe in Osaka, adoptiert und erzogen.

    Der erwachsene Yukitarō wird ein Onnagata (männlicher Schauspieler, der weibliche Rollen spielt) und nimmt den Künstlernamen Yukinojō an.

    Zwanzig Jahre später, Mitte der 1830er Jahre, besucht die Truppe die Stadt Edo, wo der geldgierige Stadtrat Dobe mit seiner Tochter Namiji eine Vorstellung besucht, Yukinojō erkennt in Dobe einen der Verantwortlichen für den Tod seiner Eltern, ist aber fasziniert von Namiji. Yukinojō will einerseits Rache für den Tod seiner Eltern, andererseits ist aber auch in Namiji verliebt. Dobe möchte seine Tochter jedoch mit dem alten Shogun verheiraten. Yukinojō fühlt sich moralisch verpflichtet, den Tod seiner Eltern zu rächen, indem er Dobe, seinen Handlanger Kawaguchiya und Hiromiya tötet. Namiji stirbt auf der Flucht vor der Zwangsehe, überzeugt davon, dass Yukinojo sie nur für seine Rache benutzt habe. Yukinojō verläßt die Stadt und lebt fortan in einem Zen-Kloster, wo er in einer Vision Namiji sieht, die ihm verzeiht.

    Sehr japanisch ist, dass Yukinojo seine Eltern rächt und bereit ist, die Strafe dafür auf sich zu nehmen, vollkommen unjapanisch ist jedoch, wie schnell und direkt Namiji ihre Liebe erklärt. Die Erlösung von jeglicher Schuld zeigt christliche Momente.


    Kritik zu "An Actor’s Revenge" in London im Oktober 1979 im English Music Theatre

    "Opera returns to Old Vic with triumph:... a score of an exact, sophisticated and self-effacing skill, not only in its blend of Eastern and Western elements, but in the way in which it slowly and compellingly marshals its power. Precisely reflecting the tradition in which the opera has been conceived, it is music in which every gesture tells, its lean, subtly refined idiom trenchantly accommodating the utmost ferocity and the utmost pathos."

    Robert Henderson : The Daily Telegraph


    Kritk zu "An Actor’s Revenge" in St. Louis im Opera Theatre of St.Louis, Loretto-Hilton Center, 11. Juni 1981

    "An Actor's Revenge adds up to an absorbing evening of music drama, spiced with wonderfully convoluted intrigues... In the Kabuki tradition, there were imaginative theatrical effects that drew gasps from the audience. The music itelf is an unlikely marriage of Japanese and contemporary western idioms, but the union works." Donal Henahan : The New York Times


    Kritik in The Guardian: "James Kirkup's excellent libretto of child-like directness is epigrammatic rather than rhapsodic in its poetic set-pieces... Minoru Miki's music centres around the voice parts. There is little ensemble; voices are used in a generally smooth conjunct style which is paralleled in all ages, all cultures. Details of accentuation and word-setting suggest that he may have taken Britten's operas as models in matters of word-setting and accentuation; but the absence of regular patterning or theme development take the music out of known Western categories...Miki is a dramatic composer of real flair." Hugo Cole


    bdsmlr-419703-J0HljoP4y4.jpg  bdsmlr-419703-zA2niwZC4u.jpg Münster 1987


    Die Erzählung von Otokichi Mikami wurde auch verfilmt. Einen Ausschnitt des Films, der außer der Darstellung des Ambiente allerdings nicht viel gemein hat mit der Oper, kann man hier sehen.

    Im Folgenden eine Aufstellung aller Opern von Minoru Miki:

    Shunkin-Sho (1975), Oper in drei Akten, Auftragwerk der Nihon Opera Kyokai

    Libretto by Jun Maeda in Japanese, Based on the novel by Junichiro Tanizaki

    Die Komposition bekam den Giraud Opera Prize

    Verleger: Zenon Music Publisher, Tokyo


    bdsmlr-419703-msHdcmZGKG.jpg Savonlinna 1990

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    An Actor’s Revenge (1979), hier besprochen (s.o.)


    Joruri (1985), Oper in drei Akten, Auftragwerk der Opera Theatre of Saint Louis

    Original story and libretto by Colin Graham in Englisch

    bdsmlr-419703-xDHxGtrW4w.jpg Tokyo 1988


    Wakahime (1991), Oper in drei Akten, Auftragswerk der Okayama Symphony Hall

    Libretto von Ray Nakanishi in Japanisch

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    Shizuka und Yoshitsune (1993), Oper in drei Akten, Auftragwerk des Kamakura Arts Center

    Libretto Ray Nakanishi in Japanisch


    The River Sumida / Kusabira (1995), ein Dpitychon aus einer Tragödie und einer Komödie

    Commissioned by Geidankyo ("Geidankyo is a public interest incorporated association representing performers organizations and their individual members")

    Libretto Asaya Fujita in Japanisch

    Uraufführung 1995 in Tokyo


    The Tale of Genji (1999), Oper in zwei bzw. drei Akten, Auftragswerk Opera Theatre of Saint Louis

    Libretto by Colin Graham in English, Japanische Version von Minoru Miki bdsmlr-419703-Kcu01pgRgy.jpg

    The Wall Street Journal schrieb: "THE 25TH-ANNIVERSARY SEASON of Opera Theatre of St, Louis was full of delights, with theatrical and musical values at a very high level. The centerpiece of the season, the world premiere of Minoru Miki's "The Tale of Genji," was a particular success. Colin Graham, also the company's artistic director, adapted his libretto from the classic Japanese novel by Lady Murasaki Shikibu (ca. 1000 A.D.). This sprawling work of more than 1,000 pages explores the imperial court of the Heian period through the life and many loves of Genji, son of the emperor's favored concubine. The novel is a tapestry of sensibility and indirect poetic allusion, but Mr. Graham, reading between the lines, streamlined the story to create a more Westernized and operatic drama." HELDI WALESON

    Ai-en (2005), Oper in drei Akten, Aftragswerk New National Theatre of Japan

    Tamino-Opernführer

    Libretto: Jakucho Setouchi


    Opernwelt Nr. 4, April 2006 über AI-EN in Tokyo: "Für die Liebe sterben - das darf man in der Oper ja fast immer wörtlich nehmen. In Minoru Mikis neuester, fürs und im New National Theatre in Tokio entstandenen Oper ist das nicht anders” “AI-EN” trägt den Liebestod bereits im Titel. .... Ein Alterswerk? Ganz unbekümmert knüpft das grosse Drama an die versunken geglaubte Tradition der grossen Verdi-Oper an. Ganz selbstverständlich schlägt Mikis Musik einen unverwechselbar eigenen, heutigen Tonfall an. Es ist das Werk eines instinktsicheren Meisters, der selbst neugierig geblieben ist und glücklicherweise keine Lust verspürt, sich selbst oder sein Publikum zu langweilen." Clemens Prokop


    Ohne Quellenangabe: „The European premiere of "Ai-En" by the Japanese composer Minoru Miki touched the audience, and created with a phenomenal performance by the singers and orchestra an opera experience that can aptly be described as sensuous. The Mainzer Allgemeine newspaper said of the premiere: "Without a doubt, the European premiere of 'Ai-En' will go down in the annals of the Heidelberg Theater. It was a performance in which absolutely everything was exactly right: the music, the singers and the scenes. Minoru Miki is one of the most significant creaters of tone in the world today."


    The Happy Pagoda (2010), Oper in 2 Akten (10 Szenen)

    Auftragswerk National Art Festival in Tokushima.

    Libretto Tatsuji Iwata in Japanisch

    Nach der Premiere bearbeitete Miki die Oper und fügte sie als neunte Oper ein in den Zyklus über 1600 Japanische Geschichte. Die Oper wurde bisher nicht aufgeführt.



    PS: Mit Ai-En von Minoru Miki schrieb ich am 27. Mai 2020 meinen ersten Beitrag in diesem Thread, der bis dahin über acht Jahre wenig beachtet wurde. Mit diesem Gesamtüberblick über die Opern Minoru Mikis schließe ich vorläufig meine Recherchen über UNBEKANNTE OPERN ab. Ich habe zwar noch einiges an halbfertigem Material über diverse Opern und Komponisten, aber ich bin ab Montag für einen Monat unterwegs und werde Mitte November sehen, ob dieser Thread wieder in einen Dornröschenschlaf gefallen ist, weil mangels Interesse keine weiteren unbekannten Opern vorgestellt wurden. In dem Fall bin ich bereit, ihn auch weiter schlafen zu lassen.


    オルフェオから11月までのご挨拶

    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt

  • Um das Thema Minoru Miki abzuschließen, noch ein Nachtrag zu seiner Vita.


    Minoru Miki (1930-2011)


    Minoru MIKI wurde 1930 in Tokushima / Westjapan geboren. Mit 20 Jahren begann er Klavier und Harmonielehre zu studieren und nahm ein Jahr später Komposition dazu. Noch als Student (1953) gewann er einen Preis für seine "Trinità sinfonica".


    Er schrieb 1976 die Musik für den japanisch-französischen Spielfilm "Im Reich der Sinne".

    Sein wichtigstes Projekt war ein Zyklus von neun Opern, die sich mit Themen aus der japanischen Geschichte beschäftigen. Seine erste Oper "Shunkin-Sho" wurde mit dem Giraud Opera Prize ausgezeichnet und erlebte viele Aufführungen, u.a. 1990 auch beim Savonlinna Opera Festival. Die ersten drei Opern bilden eine Trilogie, basierend auf Stoffen, die in der Edo-Zeit (Anfang 17.- Mitte 19. Jahrhundert) spielen. Die folgenden Opern sind angesiedelt im japanischen Altertum und Mittelalter.


    1986 gründete er das Ensemble "Uta-Za" (seit 2007 "Miki Opera Company"), das sich auf die Inszenierung von Volksopern spezialisierte. Die Oper "The Monkey Poet" wurde in Japan bisher fast 300 Mal aufgeführt. Weiterhin komponierte Miki eine Chor-Oper "Toge no mukau ni nani ga aru ka, Taro" und eine Operette "Husband the hen".


    Sein Ensemble "Nihon Ongaku Shudan" wurde zu einer führenden Formation aus japanischen Musikinstrumenten, für die Miki auch Auftritte im Ausland organisierte. Ein Album mit 4 LP's "The Music of Minoru Miki" (mit Aufnahmen des Ensembles) erhielt 1970 den Grand Prix des japanischen "National Arts Festival".


    Parallel zu diesen Aktivitäten arbeitete Miki mit der Zitherspielerin Keiko Nosaka zusammen und entwickelte mit ihr aus der traditionell 13-saitigen Koto-Zither 1969 ein 21-saitiges Instrument. Die Möglichkeiten der 21-saitigen Koto-Zither demonstrierte Miki in Kompositionen, wie "Tennyo" und die "20 Ballades for koto solo". Die Einspielung mit Keiko Nosaka als Album mit 4 LP's gewann den "Prize of Excellence" beim "National Arts Festival" 1979.


    Seine "Symphony for Two Worlds" (Kyu-no-Kyoku) als Auftragswerk des Gewandhaus-Orchesters Leipzig wurde 1981 anlässlich des Festkonzerts zum 200-jährigen Bestehen unter der Leitung von Kurt Masur uraufgeführt.

    1993 wurde Miki auch künstlerischer Leiter des "Orchestra Asia", eine Formation aus japanischen, chinesischen und koreanischen Instrumenten.

    1997 erkannte Minoru Miki das Talent von Yang Jing, die bei ihm Komposition studierte und inzwischen als überragende Pipa-Virtuosin gilt. (siehe Ai-En)


    1996 veröffentlichte Miki ein Buch mit dem Titel "The Theory of Composing for Japanese Instruments", das 2000 auch in einer chinesischen Übersetzung erschien und 2009 auch in einer englischen Ausgabe von Universal Press, Rochester/USA herausgebracht wurde. Weitere Veröffentlichungen sind das Buch "During completion of the opera 'The tale of Genji' " mit 60 Aufsätzen (2001) sowie "Minoru Miki, the Road with 21-string Koto" (2004).

    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt

  • Johann David Heinichen " Flavio Crispo "

    Flavio Crispo (Costantinos Sohn): Leandro Marziotte , Alt

    Elena (Englische Prinzessin am Hof): Dana Marbach , Sopran

    Fausta (Gemahlin Costantinos, in Crispo geliebt): Alessandra Visentin , Alt

    Imilee (Assaricos Tochter, des ostfränkischen Königs): Silke Gäng , Alt

    Gilimero (Heerführer und Freund von Flavio): Nina Bernsteiner , Alt

    Massiminiano (Bruder von Fausta, Gegner Flavios): Tobias Hunger , Tenor

    Costantino (Römischer Kaiser und Faustas Gemahl): Ismael Arroniz , Bass

    Il Gusto Barocco - Stuttgarter Barockorchester
    Jörg Halubek

    Johann David Heinichen, das war der Komponist der die Stelle besetzte, die Bach so gerne gehabt hätte: Dresdner Hofkapellmeister.

    Nach etlichen Zwischenstationen wurde er 1717 von August dem Starken als Hofkapellmeister am Dresdner Hof angestellt, jedoch zu Heinichens Pech begann ebenfalls 1717 der berühmte italienische Komponist Antonio Lotti seine Tätigkeit in Dresden und brachte sein eigenes Opernensemble und Orchester mit. Damit waren Heinichens Chancen am Hoftheater der Residenz dahin.

    Erst nachdem Antonio Lotti und seine Frau Dresden im Oktober 1719 nach den Uraufführungen der drei für den sächsischen Hof komponierten Opern "Giove in Argo", "Ascanio" und "Teofane" verlassen hatten, kam für ihn diese Chance wieder. Er bekam das Angebot eine italienische Oper zu komponieren.

    Diese italienische Oper "Flavio Crispo" komponiert für den Karneval 1720, eines der wertvollsten Dokumente seiner Zeit in Fragen der Kompositionsgeschichte.

    Heinichens Oper taucht aus ihrer langen Versenkung in einem äußerst anerkennenden Licht auf.

    Ist nun Johann David Heinichens Flavio Crispo eine der größten Opern, die nie aufgeführt wurden? Nun, zumindest bis zu dieser Weltpremiere quasi als Uraufführung im Jahr 2015 (etwa 300 Jahre später). Es hat alles zu bieten: brillantes Schreiben für Stimmen und Instrumente, neuartige Orchestrierung und die obligatorische alberne Handlung.

    Die historischen Umstände hinter dieser Oper sind etwas ganz Besonderes: ein Streit Die beiden weltberühmten Kastraten Senesino und Berselli verursachten einen Skandal, der die Uraufführung von Heinichens Oper am Dresdner Hof verhinderte. Einige Anekdoten berichten, dass die Sänger dem Komponisten unvollständige Italienischkenntnisse vorwarfen und Teile der Partitur während der Proben in Stücke rissen, während er zuschaute. Andere behaupten, Händel habe die Dresdner Sänger auf einer Reise von Italien nach London umworben. Daraufhin wurde die gesamte italienische Oper aufgelöst, und Heinichen konzentrierte sich fortan auf die katholische Kirchenmusik am Hof.

    Nichts desto Trotz, die Partitur zur Oper ist ein Meisterwerk und voller wunderschöner Arien!


    LG Fiesco


    Hier noch der Link zu J.D.Heinichen

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)