Streichquartett-Ensembles - Vol 6: Die führenden aktiven Streichquartettformationen der Gegenwart

  • Hallo Gombert!


    Freut mich, dass Dich die Mandelrings auch überzeugt haben. Für deren Mendelssohn kann ich wirklich mit dem Brustton de Überzeugung eine Empfehlung aussprechen.


    Meine Aufnahmen zu op. 80 habe ich in diesem Thread besprochen und meinen Favoriten gekürt:


    MENDELSSOHN BARTHOLDY: Streichquartett in f-moll op. 80


    Zu op. 44 gibt es auch einen eigenen Thread, welchen ich allerdings vor Erscheinen der Mandelring Aufnahmen gestartet habe.


    Mendelssohns Streichquartetttrias Opus 44



    Die Cremonesen kenne ich noch nicht, nicht zuletzt deshalb, weil ich in den letzten paar Jahren einige Beethovenzyklen dazugekauft habe (Artemis, Belcea, Guarneri). Bis auf weiteres gilt ein Moratorium... ;) .


    Die frage nach dem Mendelssohn Violinkonzert ist sehr schwer zu beantworten bei der unerschöpflichen Zahl an Einspielungen. Mein derzeitiger Favorit ist die alte Aufnahme von Isaac Stern mit Eugene Ormandy:



    Stern trifft ganz genau die richtige Balance aus Gefühl und Brio. Kein Wackelpuddingvibrato wie bei Mutter oder Vengerov aber auch nicht so fade wie bei Daniel Hope.

  • Das Artemis Quartett spielt auch mit der neuen ersten Geigerin Vineta Sareika weiter ganz, ganz oben mit, das wird schon nach wenigen Minuten der neuen CDs mit drei Streichquartetten von Felix Mendelssohn-Bartholdy klar. Was dieses Quartett an Nuancen und Feinheiten aus den Partituren holt und in perfektem Ensemblespiel darbietet, ist schon unglaublich. Das op. 13 habe ich jedenfalls noch nie so faszinierend dargeboten bekommen. Teils fast vibratolos, mit tausenden von dynamischen Abschattierungen und einem Zusammenklang, wie er schöner nicht sein kann. Wie schon beim Hagen und Belcea Quartett ist hier ein Level erreicht worden, wo man nur sagen kann: es geht vielleicht anders aber nicht besser. Während wir bei Dirigenten und SängerInnen beim Begriff "Goldenes Zeitalter" eher an frühere Zeiten denken, muss man sagen, beim Streichquartett ist das "Goldene Zeitalter" jetzt.



    Morgen abend, Stuttgart Liederhalle: Artemis Quartett mit Brahms und Kurtag.

  • Opus 13 habe ich noch nicht gehört, allerdings haben mich die beiden anderen Quartette (op. 44/1 und op.80) auf hohem Niveau enttäuscht. Das ist natürlich technisch perfektes Quartettspiel - keine Frage - aber irgendwie scheinen mir passende Gestaltungsideen zu fehlen. Die Artemis verlieren sich zu sehr in der Ausformulierung von Details, meist indem sie die Mittelstimmen stark gegen die Primgeige aufwerten, was punktuell fasziniert, aber in letzter Konsequenz nur ablenkt. Besonders stark habe ich das bei op. 80 empfunden, wo schon im ersten Satz die Linie etwas verloren zu gehen droht - und zwar vor allem dadurch, dass die Primgeige und abschnittsweise das Cello, welche das thematische Material tragen, hinter die Bratsche rutschen. Zwar hat man das so noch nie gehört - allerdings hat das auch seine Gründe. Mendelssohns f-Moll Quartett ist nämlich kein Beethoven sondern ein stark orchestral konzipiertes SQ und der "Star" ist hier nun einmal die erste Geige. Jedenfalls lassen die Artemis die Musik nicht dort laufen, wo sie sie laufen lassen sollten. Die Ecksätze von op. 44/1 haben mir hingegen sehr gut gefallen - vielleicht sogar besser als bei Mandelrings. Allerdings ist das Andante viel zu langsam und mit zuviel Vibrato gespielt. Dadurch geht die mozartsche Leichtigkeit des Satzes verloren - zumal die Artemis auch hier wieder Details in ihrer Bedeutung fast zu sehr aufladen und streckenweise einen Beethoven aus diesem innocente Satz machen wollen. Fazit: So sehr ich Artemis' Beethoven bewundere, so skeptisch bin ich bei ihrem Mendelssohn.

  • Mendelssohns f-Moll Quartett ist nämlich kein Beethoven sondern ein stark orchestral konzipiertes SQ und der "Star" ist hier nun einmal die erste Geige.

    Ist das nicht ein Widerspruch? Orchestral auf der einen Seite und eine dominante erste Violine?

  • Ist das nicht ein Widerspruch? Orchestral auf der einen Seite und eine dominante erste Violine?


    Naja, Solokonzerte sind ja auch Orchesterwerke. Entscheidend ist, dass nicht alle Stimmen gleichberechtigt sind, sondern dass manche eher Begleitfunktion haben (zumindest über weite Strecken) - im f-Moll Quartett gibt es ja wirkliche Klangflächen. Außerdem empfinde ich auch diverse Effekte wie Tremolos als orchestral. Inzwischen habe ich das a-Moll angehört und finde es sehr gut, allerdings nicht sehr auffällig. Die Interpretation ist ziemlich auf der kontrollierten Seite - am ehesten wie die des Cherubini-Quartetts. Insgesamt sind das sicher interessante und hörenswerte Interpretationen (ich habe vorher vergessen das Adagio aus dem f-Moll Quartett zu loben, denn dieses ist wirklich exzeptionell gut gelungen) mit einigen Höhepunkten, aber für mich bleiben die Mandelrings deutlich vorne.

  • Verstärkt durch Cellist Maximillian Hornung und Violistin Mirjam Tschopp rückt heute abend das Mandelring Quartett in Stuttgart an um drei berühmte Streichsextette zu offerieren. Wir sind voller Vorfreude. :)


    Strauss Streichsextett aus Capriccio
    Brahms Streichsextett G-Dur op. 36
    Tschaikowsky Sextett für Streicher d-Moll op. 70 "Souvenir de Florence"

  • Seit längerem ist hier nichts passiert und ich habe versprochen, ein update zu liefern.


    Am geeignetsten erscheint es mir dabei, länderweise vorzugehen, da ist die Gefahr kleiner Formationen zu übersehen. Ein Problem ist natürlich, dass viele Quartette heute international besetzt sind. Aber meistens sind sie doch in einer Stadt/Land lokalisiert.


    Fangen wir im Land unseres Betreibers an.


    Österreich:

    Hier ist nach wie vor das Hagen Quartett dominant, das weltweit in den renommiertesten Hallen auftritt und eine große Fangemeinde hat. Diskographisch haben sie sich in letzter Zeit etwas zurückgehalten, aber gerade ist eine neue CD angekündigt. Es steht auch Nachwuchs bereit, z.B. das Minetti Quartett, das hat vielgepriesene CDs veröffentlicht und dürfte noch eine längere Karriere vor sich haben. Auch immer noch aktiv ist das in Wien ansässige Artis Quartett.


    Gehen wir weiter nach Osten kommen wir nach


    Tschechien/Slowakien:

    Hier gibt es eine sehr lange und berühmte Quartettkultur (Janacek Q, Smetana Q, Vlach Q). Die derzeit weltweit aktiven Exponenten sind das Prazak Quartett, das Pavel Haas Quartett und das Bennewitz Quartett. Auch das Skampa Quartett ist international unterwegs.


    Weiter südlich finden sich Ungarn, ebenfalls mit einer langen, berühmten Tradition (Budapest Q, Vegh Q, Ungarisches Q, Tatrai Q). Gegenwärtig repräsentiert das Keller Quartett diese Tradition.


    In Polen gibt es ebenfalls mehrere exzellente Formationen:

    Das Royal String Quartett habe ich mal in Warschau live erlebt, daneben wäre das Silesian Quartett zu nennen, das gerade an der 2. GA der Weinberg-Quartette sitzt und das Szymanowski Quartett.


    Die skandinawische Tradition wird derzeit vermutlich am offensichtlichsten durch das Danish Quartet repräsentiert, die inzwischen für ECM Label aufnimmt. Auch die Damen des Nightingale String Quartet haben mit ihrer GA der Langgaard Quartette international auf sich aufmerksam gemacht. In Norwegen ist m.W. immer noch das ebenfalls pur feminine Vertavo Quartett aktiv, ebenso wie das Tempera Quartett in Finnland. Und aus Finnland kommen auch die Musiker die sich Meta4 nennen.


    Die britischen Inseln haben sich im letzten Jahrzehnt Quartettmäßig enorm entwickelt. Ganz oben sicher das weltweit agierende Belcea Quartett. Aber auch das Doric Quartett dürfte inzwischen eine große Fangemeinde haben. Jüngere Formationen mit guten Zukunftsaussichten sind sicher das Heath und das Elias Quartett. Altmeister Irvine Arditti und sein Quartett darf natürlich nicht vergessen werden, hunderte, wenn nicht tausende neue Werke verdanken ihre UA dieser Formation


    Ebenfalls enorm entwickelt hat sich die Quartettkultur in Frankreich. Am bekanntesten ist sicher das Quatuor Ebene, derzeit weltweit mit einer Beethoven-Totale unterwegs. Die französische Antwort auf das Arditti Q darf auch nicht vergessen werden, das Quatuor Diotima. Auf dem "aufsteigenden Ast" das Quatuor Zaide und das Quatuor Hermes. Schon etwas länger etabliert Quatuor Debussy und Quatuor Ardeo.


    So, für heute genug. Morgen gehts weiter

  • Ein Blick gen Westen über den Atlantik


    Kanada

    Das 1997 gegründete Molinari Quartett führt vor allem zeitgenössische Werke und Kompositionen des 20. Jahrhunderts auf. Ihre CDs sind lebenden Komponisten gewidmet. Seit 2001 veranstalten sie einen Kompositionswettbewerb für Quartett-Literatur. Eine eigene CD-Reihe ist den Gewinnern gewidmet.

    Den Namen hat das Quartett von Guido Molinari übernommen, dessen Werke ihre Cover zum grössten Teil zeigen.


    https://quatuormolinari.qc.ca/en/about/

    .

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Von Kanada in die USA ist es nur ein Katzensprung. Hier nach wie vor aktiv - wenn auch schon ein bisschen in die Jahre gekommen - das Emerson String Quartet. Sie waren jahrelang DAS führende amerikanische Quartett, eine umfangreiche Diskografie in Würfelform zeugt davon. Ebenfalls sehr etabliert, das ursprünglich aus Ungarn stammende jetzt aber fast ungarfreie dafür halb-weibliche Takacs Quartet. Von der Westküste kommen das Pacifica Quartet und natürlich das auch schon über 40 Jahre aktive Kronos Quartet, das vor allem die Grenzbereiche zur Welt- und U-Musik beackert. Dies tun partiell auch die Brooklyn Riders aus New York. In dem Avantgardebereich tummelt sich auch das Jack Quartet, dass wie Arditti und Molinari vor allem zeitgenössische Musik spielt. Einen ziemlich steilen Weg nach oben legt auch das junge Dover Quartet hin, dass u.a. von Mitgliedern des Guarneri Quartetts ausgebildet. Man gibt bereits 140 Konzerte im Jahr! Auch bei uns.

    Und nicht vergessen sollte man natürlich die "Mutter" aller amerikanischen Quartette, das Juilliard Quartet, das schon seit 70 Jahren existiert und natürlich kein Originalmitglied mehr besitzt. Dafür aber auch inzwischen zu 50% weiblich ist.