wann/wofür verwendet Ihr das Wort "schön"?

  • Aufgrund mehrerer Streiterein in verschiedenen Threads möchte ich diese Frage mal ganz allgemein in die Runde werfen. Eventuell wird dann klarer, inwiefern man aneinander vorbeiredet.


    Ich persönlich verwende das Wort "schön" u.a. für so ziemlich alle künstlerisch nicht ganz missglückten künstlerischen Produkte. In bedeutenden Museen hängen also für meinen Sprachgebrauch nur schöne Sachen herum.


    Abseits der schönen Kunst :D erfährt der Begriff Schönheit dann noch einen subjektiveren Gebrauch. Wenn ich in der Stimmung bin, ist womöglich das dreckigste, verwahrloseste Großstadteck gerade schön für mich, der Wald ist es meistens und auch der Himmel. Beim anderen Geschlecht bin ich etwas wählerischer, enthalte mich aber auch nicht dieser Vokabel, wenngleich es eher intern verwendet wird und ich nicht lautstark Noten vergebe.


    Schöne Sourcecodes sind weniger mein Gebiet oder schöne Formeln etc.


    Wie haltet Ihr das?

  • Danke, Meister KSM, genauso verwende ich diesen Begriff auch - selbst auf die Gefahr hin, dass er sich als nicht brauchbar für quasi-axiomatische Wertstellungen in der Kunst erweist - wie wir sie hatten und wie sie über Threadseiten hinweg zu nichts führen können.


    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Das Wort schön ist ein gebräuchlicher Allerweltsbegriff, der - dies zeigt ja diese Diskussion - sehr viefältig verwendet werden kann. Damit ist er sehr allgemein und nicht spezifisch. Ich meine im Umgang mit der Kunst und der künstlerischen Leistung, sollten plastischere, blutvollere Begriffe, die mehr ausdrücken gesucht und gefunden werden. Ich hatte im Gymnasium einen engagierten Deutschlehrer, der ein Fanatiker des Wortes war. Wie oft stand am Rande unserer Ausführungen die Ermahnung: Das treffende Wort! Genau darum sollten wir uns, auch in der Zeit der schnellen Medien bemühen.
    Herzlichst
    Operus :hello:

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • quasi-axiomatische Wertstellungen in der Kunst

    :baeh01: Letzthin gelang es mir wieder einmal, einen besonders schönen Vertrag zu schreiben - den Anderen zog ich über den Tisch, ohne dass er es merkte. :yes: Das war einseitige Interessenwahrnehmung in höchster Perfektion. Das Perfekte ist aber keine Grundvoraussetzung für das Schöne: Letzte Woche schloss ich einen schönen Vergleich, obwohl ich dabei tüchtig draufzahlen musste. Es war eben das geringere Übel, auf dieser Ebene abzuschließen, statt noch zwei Jahre zu prozessieren.


    Auch für mich sind der Wald, die Natur Äußerung allerhöchster Schönheit, und das obwohl dort Mord und Totschlag herrschen und schleimige Schnecken und anderes ekles Getier dahinkriechen.


    Das Hässliche ist nun einmal Teil des Schönen und beides nicht ohne das Andere existent. Aber mit derartigen Aufweichlichkeiten lässt sich bestimmt kein ästhetischer Blumentopf gewinnen.


    Ach ja: Wäre es anders, ließe sich in den schönen Künsten ja nie etwas Häßliches darstellen.

  • Das Wort schön ist ein gebräuchlicher Allerweltsbegriff, der - dies zeigt ja diese Diskussion - sehr viefältig verwendet werden kann. Damit ist er sehr allgemein und nicht spezifisch. Ich meine im Umgang mit der Kunst und der künstlerischen Leistung, sollten plastischere, blutvollere Begriffe, die mehr ausdrücken gesucht und gefunden werden. Ich hatte im Gymnasium einen engagierten Deutschlehrer, der ein Fanatiker des Wortes war. Wie oft stand am Rande unserer Ausführungen die Ermahnung: Das treffende Wort! Genau darum sollten wir uns, auch in der Zeit der schnellen Medien bemühen.


    Hallo operus,
    nachdem Dein Betrag "den Nagel auf den Kopf trifft", habe ich ihn komplett zitiert.


    Im Thread "Schöne Stellen" war das Wort schön beim Start absolut fehl am Platz. Aber auch in manch anderen Threads tauchen nichtssagende, blumige, unpassende, hochtrabende Worthülsen auf; hier im Forum könnte/sollte/müsste die Verwendung stil,-treffsichere Worte stets die Regel sein - und bei einem "Fehlschlag", wenn bemerkt, wäre die Korrektur wünschenswert.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Schön blöd ist auch schön.


    Ich hatte einmal Shakespeare zitiert, das hat damals niemand begriffen, auch heute wird es niemand begreifen.


    "What's in a name? That which we call a rose
    By any other name would smell as sweet." :thumbsup:

  • Nur, lieber zweiterbass, das ist das Problem unserer schnelllebigen Zeit und der modernen elektronischen Medien. Hier soll alles rasend schnell gehen. Diesem Ziel wird oft die Korrektheit geopfert. In einer Anweisung zum Verfassen von Mails las ich: "Verzicht auf Groß- und Kleinschreibung, Interpunktion nur wo zur Verständlichkeit notwendig, Verwendung gebräuchlicher Abkürzungen. usw". Wenn dies der moderne Stil ist, wer kann und will denn dann noch über das treffende Wort nachdenken?


    Herzlichst
    Operus

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  • Nun, das ist natürlich eine verzwickte Frage. Zuerst war für mich klar, dass es um ein ästhetisches Gefallen geht. Und hier liegt wohl auch der Kern, aber es kann ja auch an den Rändern ganz schön ausfransen. So kann ich das Frühlingsopfer so gerade noch schön finden, aber es ist eindeutig bereits so ein Randphänomen. Denn da ist zu viel, was eben nicht in das normale Bild des Ästhetsichen passt. Und deshalb bemerke ich, dass ich den Begriff "schön" hier noch benutzen kann, aber nicht mehr mit ganzer Überzeugung. Schön ist es jedenfalls dann, wenn es mir ein Wohlgefühl verschafft. Das scheint mir unabdingbar zu sein.
    Ich spüre aber auch, dass ich schön in erster Linie visuell besetzt habe, evtl. sogar in einem Maße, dass ich es z.B. beiMusik schon fast metaphorisch einsetze. Allerdings extrem niederschwellig. D.H. ist einer völligen Vereinfachung, dass es dann schön ist, wenn es vor meinem inneren AUGE angenehm ist. So ist ja Schönheit vor allem ein Nomen, das etwas Äußerliches ausdrückt. Selbst innere Schönheit wird explizit als eben inner bezeichnet.


    Aber Wohlgefühl ist nötig, doch, da bin ich mir ziemlich sicher.
    (Alles im Rahmen meines Mottos)
    Klaus

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Schön - eigentlich ein eher wertneutraler Begriff - denn Schönheit KANN - MUSS aber nicht berühren, ja sie kann gewisse Leute geradezu abstoßen. In der Musik steht - so meine ich - "schön" am ehesten für eingängig, einschmeichelnd, beeindruckend. majestätisch, ebenmäßig.
    Manch einer wird hier natürlich nicht beipflichten. Und daraus können wir sehen, daß Schönheit ja zumeist im Auge des Betrachters (oder des Hörers) liegt.
    Schönheit ist etwas, das unsere Sinne auf angenehme Art kitzelt, und eigentlich alles Unangeneheme ausschliessen sollte.
    Die Problematik liegt im Wort "eigentlich" - denn in der Tat ist das nicht immer der Fall, gibt es doch die Wortkonbination "Schaurig schön" (Ein Waldbrand etwa, oder ein Vulkanausbruch)
    In der Musik werden in der Regel - oder zumindest sehr oft - das Zusammenspiel oder die Aufeinanderfolge gewisser Töne als "schön" empfunden ("..denn es gehn so zu Herzen die Terzen...." (Bronner) ), was den Neutönern allerdings immer schon suspekt war......
    "schönheit" ist allerdings auch etwas, das mit "Geschmack" zusammenhängt. Man braucht nur zu sehen, wie junge Leute mit makellosen Körpern dieselben durch Tätowierungen entstellen....und sich selbst quasi "stempeln"


    "Was dem einen sin Uhl ist dem andern sin Nachtigall"


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Da wurde ich ja gerade bestätigt: Schönheit liegt im AUGE des Betrachters. Das spricht sehr für meine Metapherntheorie.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

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  • *** ÜBERTREIBUNGSMODUS AN ***


    "Schön" ist der Bruder von "Hübsch" ist die Schwester von "Nett".


    Sag mal einem Musiker, er hätte "wirklich nett" gespielt, und Du wirst genau wissen, was ER von dem Wort "nett" hält.


    Zu meinen Studentenzeiten habe ich etliche Chöre auf dem flachen Lande geleitet. Die typischen Vereinsbeinamen "Liederkranz" und "Sangeslust" werden jedem Bewanderten anzeigen, in welche Richtung das ging. - In meinem Wunsch, die Chöre mit anderer Literatur zu beglücken, habe ich dann mal Stücke von Orff oder Distler versuchsweise einzustudieren begonnen. Kommentar vieler Sängerinnen und Sänger: "Das mögen wir nicht so. Das klingt nicht schön. Musik muss schön sein."


    Aha. "Musik muss schön sein." Soso. Ein Satz, bei dem ich damals die Wände hätte hochgehen können. Das waren Lehrstunden der Selbstbeherrschung und Höflichkeit. Mahlers 6., die mir damals so viel bedeutete - war das "schön"? Die Enthüllungen, die Harnoncourt mit Mozart und Beethoven vornahm - war das "schön"?


    Nein, sicher nicht. Jedenfalls war das alles nicht dazu gedacht, ein undifferenziertes Wünschen nach etwas "Schönem" zu befriedigen. Ganz sicher war es nicht dazu komponiert. Nicht der Mahler, aber auch nicht der Mozart und der Beethoven. Jedenfalls nicht alle Stellen, um es etwas vorsichtiger einzuschränken.


    "Schön" hat seitdem (zumindest, wenn es um Musik geht) einen leicht negativen Beigeschmack bei mir. "Schön" ist Alltagssprache, undifferenziert, gewöhnlich, kindlich-naiv.


    Ich versuche unbewusst das Wort zu vermeiden und stattdessen differenziertere Wörter zu verwenden. Der langsame Satz aus Beethovens Pathétique op. 13 hat ein ausgeglichenes Thema, heitere Gelassenheit, aber mit Tiefe. - Bachs "Air" hat schreitende ebenmäßge Bewegung in der Ruhe.


    *** ÜBERTREIBUNGSMODUS AUS ***


    :hello:

  • Vielleicht können wir uns dahingehend einigen, dass die Ästhetik als die Lehre vom Schönen definiert wird. Mit genügt eine solche Definition, um zu einem Ergebnis wie KSM in seinem Eröffnungsbeitrag zu gelangen. Dieses im ästhetischen Sinne "Schöne" mag dann formstreng, ebenmäßig sein, aber ebenso "berührend", also aufrüttelnd, spannend, schockierend. Das heißt auch, dass es eine ethische Komponente per se enthält - spätestens Schiller und die deutsche Klassik haben die Komponenten zusammengeführt im Sinne einer kathartischen Wirkung dank der Begegnung mit Kunst. Mir ist (unter anderem) im Kontext der Diskussion zu den "schönen Stellen" auch nicht klar geworden, warum von einzelnen Diskutanten diese beiden Begriffe - "schön" und "berührend" - so streng getrennt werden sollen. Ich denke, das ist nicht möglich.


    In der Alltagssprache - das gebe ich gerne zu - ist das Wörtchen "schön" zu einem besseren Kraftausdruck verkommen. Ich kann es bislang noch leiden, "nett" schon lange nicht mehr. :P


    @ Ulrich: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Du weißt, worauf ich mich mit meinem Zitat bezogen habe. Unabhängig davon, weiß ich auch nicht genau, ob Du mir zustimmen oder mir widersprechen möchtest - bzw. warum Du mich zitiert und dabei dieses Smiley :baeh01: verwendet hast. - Macht aber nichts: Ich bin mit dem, was Du schreibst, gerne einverstanden. :)


    @ Wolfram: Noch ein paar Threads im Stil des Fremdgehens oder der schönen Stellen, und auch "schön" ist endgültig reif für die Insel der Netten. :D


    Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • "schön" ist vielfach verwendbar. Ich meine aber, dass es (außer bei "schön blöd") einen einheitlichen Kern gibt. Wenn ich zur Differenzierung "technische" Ausdrücke einführen sollte, würde ich den allgemeinsten Sinn von "schön" in etwa mit "ästhetisch reizvoll" wiedergeben. Das kann auch die Lösung einer Aufgabe, ein Beweis oder eine Theorie sein, wobei man hier wohl oft eher eine Kombination von Knappheit, überraschender Schlüssigkeit usw. meint, nichts schönes im engeren Sinne, weil die Erfahrung einer solchen überraschend schlüssigen Lösung keine sinnliche Erfahrung ist.


    Also ästhetisch reizvoll heißt, dass das sinnliche Erleben dessen, was diesen Reiz auslöst, in bestimmter Weise als angenehm empfunden wird.
    Darunter könnte man dann zB das "Schöne" im engeren Sinne im Gegensatz zum "Erhabenen" (seit kurz vor Kant in der Ästhetik) unterscheiden. "erhaben" ist nicht unbedingt schön im landläufigen Sinne, sondern zielt auf ästhetische Erlebnisse, die und vielleicht erschauern lassen (nach der Kantschen Theorie sind es alles Erlebnisse, die uns das "Unendliche" vor Augen führen.): Gletscher, das sturmgepeitschte (oder überhaupt) Meer, Hochgebirgs- oder Wüstenlandschaften, evtl. Tragödien (hier erleben wir die inkommensurable Würde der Menschen ungeachtet ihres tragischen Schicksals) usw. Mit dem Begriff des Erhabenen wird einigermaßen klar, wie auch "Schreckliches" oder Hässliches ästhetische Erlebnisse bieten kann. (Bei Schiller "Frohsein und Wehsein".)


    Vermutlich ist das noch nicht erschöpfend. Denn ich zögere etwas den Reiz von Thrillern, Krimis. "Schaurig-Schönes" usw. als "erhaben" zu fassen, meine aber, dass es auch ästhetische Erlebnisse sind.


    "hübsch" ist dann vielleicht eine Art Verkleinerungsform von "schön"; etwas Schönes, dem eine gewisse "Tiefe" oder vielleicht Nähe zum Erhabenen (oder was auch immer) mangelt.


    Die Phrase "schöne Stellen" hatte der Threadstarter von Adornos Radiosendung übernommen. Ich bin ehrlich gesagt etwas platt, wie eine in meinen Augen harmlose und verständliche Formulierung so viel Verwirrung, Unverständnis und entrüstet bis bösartige Reaktionen auslösen kann und frage mich, ob das Streitlustigkeit, professionelle oder sonstige Deformationen oder was sonst für Ursachen haben kann...

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Ich bin ehrlich gesagt etwas platt, wie eine in meinen Augen harmlose und verständliche Formulierung so viel Verwirrung, Unverständnis und entrüstet bis bösartige Reaktionen auslösen kann und frage mich, ob das Streitlustigkeit, professionelle oder sonstige Deformationen oder was sonst für Ursachen haben kann...


    Obwohl gewissiglich auch mitgemischt habend, kann ich Dir nicht widersprechen. Irgendwie drängen sich unsere im realen Leben verdrängten Deformationen im Internet erschreckend an die Oberfläche.


    Muss schon Spaß machen, mit Wildfremden zu streiten, wenn man nach Belieben abschalten kann.


    ;( Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Darunter könnte man dann zB das "Schöne" im engeren Sinne im Gegensatz zum "Erhabenen" (seit kurz vor Kant in der Ästhetik) unterscheiden. "erhaben" ist nicht unbedingt schön im landläufigen Sinne, sondern zielt auf ästhetische Erlebnisse, die und vielleicht erschauern lassen (nach der Kantschen Theorie sind es alles Erlebnisse, die uns das "Unendliche"vor Augen führen.):


    Demnach wäre allerdings die Lakoon Gruppe nicht schön, sondern eher erhaben.


    Zur Streitlust lässt sich sagen, dass es wohl der Sinn des Forums ist, sich mit den Ansichten anderer auseinander zu setzen. Was meiner Meinung nach Irritation auslöst, ist die oft zu beobachtende Tatsache, dass auf ernst gemeinte Antworten nicht reagiert wird, oder im besten Fall nur auf Antworten gewisser Teilnehmer.


    Das artet sich dann zum Dialog oder höchstens Trialog aus und verleidet den anderen das Diskutieren. Auf vornehm arrogante Art seine Kenntnisse zu Markte zu tragen, ist schließlich nicht der Sinn einer Diskussion.


    Musiker unter sich sind immer eine Bereicherung und ich höre ihnen, wie andere Dilettanten sicher auch, sehr gerne zu. Es wäre aber zu begrüßen, wenn es dabei mehr ums Vermitteln von Kenntnissen ginge, als um die Aufdeckung der Niveau-Unterschiede.

  • Lesenswert finde ich den Wikipedia-Artikel zum Thema "Schönheit". - Herzlich empfohlen.

    Na gut, man kann es so sehen wie Kant, Schönheit als interesseloses Wohlgefallen.


    Dann streiten wir uns eben über das Wohlgefallen. Das Problem ähnelt dem der Entstehung des Universums. Der Big Bang ist erforscht (sagt man derzeit).
    Doch wissen wir deshalb mehr? Das führt lediglich zu neuen Fragen.


    Möglicherweise können zufünftige Erkenntnisse auf dem Gebiet der Neurophysiologie den Begriff des Wohlgefallens eine objektive Deutung geben.

  • Als Klemp 1968 mit den Wienern die Unvollendete zuende gespielt hatte, soll er sehr laut "schön" gesagt haben.
    Auf der Aufnahme (DGG) ist es deutlich zu hören, doch die Stimme ist nicht eindeutig Klemp zuzuordnen.


    Ich verwende "Schön" lieber in anderen Zusammenhängen: Da wo es einfach ist und nicht komplex erklärt werden muss.
    "Schön" ist der Blick vom Lieserer Schlossberg auf die Mosel.
    "Schön" ist nicht der Terminus für den Riesling "Lieserer Schlossberg". Das wäre zu simpel.


    Gruß aus Kiel

  • Hallo in die Runde, ich versuche, das Wort "schön" als beschreibenden Eindruck oder gar als ästhetische Kategorie möglichst zu vermeiden. Es sagt nämlich nichts oder fast nichts - wie das auch in einigen anderen Beiträgen mit anderen Worten ausgedrückt wurde. Die Flucht in dieses Wort offenbart ein gewisses sprachliches Unvermögen, ein Gefühl oder die Wirkung eines emotionalen Vorgang differenziert zu beschreiben. Aus dieser Erkenntnis lehne ich auch Wörter wie lecker und nett ab. Lecker" ist mein ganz persönliches Unwort.


    Gruß von Rheingold

    Es grüßt Rheingold1876

  • Das artet sich dann zum Dialog oder höchstens Trialog aus und verleidet den anderen das Diskutieren. Auf vornehm arrogante Art seine Kenntnisse zu Markte zu tragen, ist schließlich nicht der Sinn einer Diskussion.


    Wenn es denn überhaupt zum Dialog oder Trialog kam. Mein Eindruck in manchen Threads war, dass eigentlich eine "Guru und Schüler"-Struktur gewünscht wurde, in der der Meister möglichst ungestört referiert und gelegentlich Fragen an seine Schüler stellt, um dann deren (natürlich falschen) Antworten korrigieren zu können und selbst dann die umfassende Lösung präsentieren zu können.


    Aber scheinbar gbt es erst einmal eine Atempause.


    :hello:

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  • Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Du weißt, worauf ich mich mit meinem Zitat bezogen habe. Unabhängig davon, weiß ich auch nicht genau, ob Du mir zustimmen oder mir widersprechen möchtest - bzw. warum Du mich zitiert und dabei dieses Smiley verwendet hast. - Macht aber nichts: Ich bin mit dem, was Du schreibst, gerne einverstanden.

    Lieber Wolfgang, ich habe mich gefreut über Deine Formulierung "quasi-axiomatische Wertstellungen in der Kunst", in der ich eine gelungene, vulgo schöne Kurzbeschreibung der in den Parallelthreads unternommenen Bemühungen um die Erläuterung des Schönen wahrnahm. Deine Formulierung schien mir alle Aspekte der verschiedenen Auseinandersetzungen in den Threads zusammen zu führen und rundum zu erschlagen und erfreute mich in ihrer konzentrierten Knappheit. Dass es sich dabei Deinerseits um ein Zitat handelte, war mir entgangen. Mir schien dies ein treffsicherer Sarkasmus, der mich zu dem möglicherweise bei nachgelagerter Betrachtung nicht ganz passenden Smiley greifen ließ, mit dem ich meine erfreute Zustimmung zu Deiner Anmerkung signalisieren wollte. Ich bitte, mir die Missverständlichkeit nachzusehen. Worauf bezog sich Dein Zitat?

  • Lecker" ist mein ganz persönliches Unwort.


    Besonders dann, wenn in div. Dialekten auch noch von "lecker Mäd(s)che(n)" die Rede ist.
    zweiterbass

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  • Was meiner Meinung nach Irritation auslöst, ist die oft zu beobachtende Tatsache, dass auf ernst gemeinte Antworten nicht reagiert wird, oder im besten Fall nur auf Antworten gewisser Teilnehmer.


    Lieber hami1799,


    da beschleicht mich ab und zu das Gefühl, bevor ein Fehler/Irrtum/ eingeräumt, oder auch nur der Versuch unternommen wird, wegen z. B. eines Mißverständnisses eine "goldene Brücke zu bauen", wird geschwiegen (davon ganz zu schweigen die Verweigerung, über gebaute "goldene Brücken" gehen zu wollen).


    Die andere Variante: Vermutlich die Arroganz, "auf so eine dumme Antwort bin ich mir zu schade zu reagieren".


    Viele Grüße
    zweiterbass


    Nachtrag: Um Unstimmigkeiten zu vermeiden, reagiere ich auf "Dampfplauderer" nicht mehr.
    Davon trenne ich scharf, wenn ich auf Beträge nicht antworten kann, weil mir jegliche Grundlagen (Wissen, Begeisterung) fehlen oder ich der Meinung bin, zu diesem Thema ist schon so viel Kompetentes gepostet worden, dass auf meinen Senf dazu getrost verzichtet werden kann.
    Und mit "besonders gefühlvollen, lieben Worten" gestaltete Zustimmungen, sind eh nicht mein Fall.

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  • Liebe Freunde,


    euch ist aber klar, daß ihr einen zentralen Terminus der abendländischen Ästhetik in ein beliebiges blabla auflöst?


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • euch ist aber klar, daß ihr einen zentralen Terminus der abendländischen Ästhetik in ein beliebiges blabla auflöst?


    Ich nehme an, den meisten (mich eingenommen) nicht. Das betrifft wahrscheinlich auch die meisten Künstler.


    Ich verwende übrigens meistens eher "gut" als "schön". Hoffentlich ist "gut" kein Terminus ...

  • Kleine Lektüreempfehlung (für die, die außer in Wikipedia noch lesen):


    Platon: Hippias maior


    (287e) Hippias:


    Ich verstehe, Guter, und will ihm beantworten, was das Schöne ist, und er soll gewiß nichts dagegen haben. Nämlich wisse nur, Sokrates, wenn ich es recht sagen soll, auf alle Weise schön ist wohl ein schönes Mädchen.


    :hello:

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  • Und mit "besonders gefühlvollen, lieben Worten" gestaltete Zustimmungen, sind eh nicht mein Fall.

    Lieber zweiterbass,


    gerne übenehme ich die Aufgabe, Zustimmungen mit besonders gefühlvollen, lieben Worten zu geben. Ich habe gelernt, dass wertschätzende Wahrnehmung, ehrliche Zustimmung, Bestätigung und Anerkennung der Meinung eines Kommunikationsparnters, diesen bestätigt, motiviert und zu weiteren positiven Reaktionen anregt.
    Ich bemühe mich, diesen Stil so weit es möglich ist, zu praktizieren.
    Auch im Dialog mit Dir habe ich Deine analytisch, kritische Art und Dein immer erkennbares soziales Engagement und sogar Deine Konfliktfähigkeit als mutig und weiterführend bestätigt und herausgestellt. Obwohl wir nicht nur in dieser Frage, sondern in vielen Punkten gegensätzlich sind, funkitioniert unsere Beziehung aus meiner Sicht vielleicht gerade deshalb, weil ich Dir - wo ich meine, dass Du recht hast - wohlwollende Zustimmung signalisiere.


    Herzlichst
    Operus :hello:


    P. S Übrigens ist es mir heute erstmals gelungen, ein Zitat hinzubekommen. Diesen enormen Entwicklungsschub hat die Reaktion auf Deinen Beitrag - lieber zweiterbass - bewirkt.

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  • Na gut, man kann es so sehen wie Kant, Schönheit als interesseloses Wohlgefallen.


    Dann streiten wir uns eben über das Wohlgefallen.

    Was ist an Wohlgefallen strittig?
    Das interessante an Kants Definition ist nicht das Wohlgefallen, denn das ist dem Schönen, Guten und Angenehmen gemeinsam. Sondern die Interesselosigkeit (Unterschied zu beiden anderen) und die Begriffslosigkeit (Unterschied zum Guten).



    Zitat

    Möglicherweise können zufünftige Erkenntnisse auf dem Gebiet der Neurophysiologie den Begriff des Wohlgefallens eine objektive Deutung geben.

    Du vertraust der Neurophysiologie mehr als Deinem eigenen Erleben? Wohlgefallen ist per def. ein subjektives Erlebnis. Das Wohlgefallen ist gar kein Problem. Das Probem neurologischer u.a. Ansätze ist, dass sie nicht zwischen schön und angenehm unterscheiden können, wenn sie irgendeinen Hirnimpuls, Serotoninkonznetration (oder was immer) messen.


    Man sollte nicht einer bestimmten philosophischen Konzeption den Vorrang gegenüber dem Alltagsverständnis geben. Oft (nicht immer) ist das Alltagsverständnis der Test für diese Konzeptionen.
    Ich glaube daher nicht, dass Kants Ansatz dem Alltagsverständnis entgegensteht, sondern dieses präzisiert. Die o.g. Unterscheidung ist schon ziemlich raffiniert und plausibel begründet. Auch das Erhabene als weitere Klasse ästhetischer Erlebnisse finde ich sehr plausibel (Bzgl. der Erläuterung des Erhabenen ist Schillers, mit der Kombination von "Frohsein" und "Wehsein" (bei wikipedia zu "Das Erhabene" zitiert) wohl weniger abstrakt und leichter vom eigenen Erleben nachvollziehbar als Kants Bezug auf das Unendliche, alles Maß übersteigende.)
    Da "das Erhabene" kein alltäglich verwendeter Begriff ist, ist nachvollziehbar, dass man einerseits oft "schön" so allgemein verwendet, dass es "erhaben" einschließt, andererseits aber wie Wolfram oben dazu kommt, "schön" für einen viel zu weiten und ungeeigneten Begriff zu halten, weil man es eher mit "hübsch" oder "niedlich" assoziiert, und das passt nunmal schlecht auf die Matthäuspassion oder den Grand Canyon.

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  • Man sollte nicht einer bestimmten philosophischen Konzeption den Vorrang gegenüber dem Alltagsverständnis geben.


    Es ist jedenfalls durchaus von Komponisten nach einem kakophonen Abend nicht nur zu hören "hat mir gut gefallen" oder dergleichen, sondern auch "schönes Stück". "Ganz nett" ist natürlich etwas weniger schmeichelhaft. Das "Erhabene" kommt nicht vor.

  • Lieber Farinelli,


    danke für den Platon-Tipp. Warum Du aber von Shakespeare nicht angetan bist, würde ich noch lieber erfahren.


    Bei Goethe finden wir das gleiche Thema:


    Mephistopheles:
    Im ganzen - haltet Euch an Worte!
    Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
    Zum Tempel der Gewißheit ein.


    Schüler: Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.

    Mephistopheles:

    Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen;
    Denn eben wo Begriffe fehlen,
    Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
    Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
    Mit Worten ein System bereiten,
    An Worte läßt sich trefflich glauben,
    Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.



    Nebenbei bemerkt läßt sich bei der erwähnten Schönheit eines Mädchens ein allgemein akzeptiertes Urteil leichter formulieren, als bei der Beschreibung schöner Stellen in musikalischen Werken.


    Rheingold1876 fühlt sich nicht wohl bei dem Wort "lecker". Eigenartig, mir geht es genaus so. Warum sich mir die Haare sträuben, wenn ich in München die jungen Eingeborenen dieses niedliche Adjektiv flöten höre, kann ich allerdings nicht erklären. Es führt mich jedenfalls gedanklich an den französischen Hof des 17. Jahrhunderts, wo ein zierlicher Edelmann aus dem spitzenrüschen-bestückten Ärmel sein Taschentüchlein zieht und es in elegant-nervöser Anmut zu Stirn führt.


    Hier in Stockholm kenne ich einige Erwachsene, die dieses Wörtchen ebenfalls strapazieren. Das sind freundliche, einigermaßen gebildete Leute, die eine Bouillabaisse zubereiten können, einige Französisch-Kenntnisse besitzen darunter die Namen einiger Graves-Spitzenweine, wissen, dass es in Salzburg Mozartkugeln gibt und im übrigen der Ansicht sind, dass Armut selbstverschuldet und nur der Faulheit der Betroffenen zuzuschreiben ist.


    Hier ist die Wahl des Ausdrucks sicher in der Persönlichkeit des Sprechers zu suchen. Vielleicht erklärt das die Schwierigkeit, sich über einen abstrakten Begriff zu einigen.

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