Sammelplatz für absurde und lächerliche Inszenierungsideen...

  • Vielleicht können wir dann auch einmal zu Einzelheiten bestimmter Inszenierungen reden, zweckmäßigerweise von Fernsehübertragungen, damit alle die Möglichkeiten der Ansicht haben.


    Hallo La Roche,


    das halte ich für eine gute Idee. Wir haben ja so etwas schon mal versucht bei der Live-Übertragung vom Rattengrin. Vielleicht könnte man sich auch mal auf eine Inszenierung verständigen, die auf Youtube zu sehen ist, denn nicht jeder kann jeden Fernsehsender empfangen.


    Viele Grüße


    Mme. Cortese

  • Gerhard Wischniewski


    Vincent Wolfsteiner, der Max im Berliner Freischütz hat mir einen Text zur Verfügung gestellt, in dem er ausführlich über die Inszenierung berichtet:


    Also: viel Vergnügen bei einem Bericht über Regietheater aus erster Hand



    Oper singen
    Text Februar 10, 2012
    Berliner Blöße


    Calixto Bieito ist ein katalanischer Regisseur, der für Inszenierungen bekannt ist, die in drastischer Deutlichkeit emotionale Abgründe zeigen. Zur Darstellung dieser Abgründe greift Bieito gerne auf sehr exponierte Darstellung von Körperlichkeit und Körperfunktionen zurück. Um mit diesem Regisseur physisch überzeugend zu spielen, war mein Körper im Januar 2009 – als ich das Angebot der Zusammenarbeit bekam - ungeeignet – nämlich zu fett und zu unbeweglich.


    Die Erkenntnis der Nichtvereinbarkeit zwischen Bühne und Fettleibigkeit war mir schon vorher – so im Frühling 2008 gekommen, aber die bewusste Einbindung einer physischen Intensität in die Darstellung im Musiktheater war mir erst nach der Premiere der von Barrie Kosky inszenierten Walküre in Hannover und dem kurz darauf folgenden Angebot des Freischütz an der komischen Oper bewusst geworden.


    Die ersten Abnehm – und Fitnessschritte – eben im Frühling 2008 - waren erstaunlich leicht, da ich auf Anraten meiner Mutter einen der großen geographischen Vorteile meines Heimatortes München nutzte und anfing, in den Bergen zu wandern. Aus dieser anfänglich nur als sportliche Unterstützung einer körperlichen Veränderung gedachten „Beschäftigung“ ist eine große Leidenschaft geworden. Wie immer, wenn Leidenschaft im Spiel ist, fällt das Unangenehme leicht, und so waren die ersten großen Schritte meiner physischen Neuerfindung richtig erfreulich – das half !




    Die Hannoveranische Walküre sollte auch gleich die ersten Diskussionspunkte in einem Gedankenprozess aufzeigen, der nachher noch ausführlich beschrieben wird. Diese Diskussionspunkte – oder genauer - Schwierigkeiten der möglichen Unvereinbarkeit zischen klassischem Musiktheater und – fast bin ich versucht zu sagen – „neuen“ Musikschauspiel waren aber noch so undeutlich, dass ich noch fröhlich in ein Experiment stolpern sollte, dessen Ergebnis heute, morgen und hoffentlich bis zum Ende meiner Karriere noch nicht feststeht.


    Nach dem Angebot des Freischütz an der Komischen Oper Berlin hängte ich mir ein Foto von Calixto Bieito an den Kühlschrank und begann einen Überlegungsprozess, der für den Darsteller im Musiktheater heute wohl öfters überraschenderweise notwendig wird.


    Das „klassische“ Musiktheater – für den Sänger liebevoll bis zu Walther Felsensteins „Komischer Oper“ Ära in Ostdeutschland und bis in die späten 60ger in Westdeutschland daraus bestehend, dass allemal das Bühnenbild „modernisiert“ wurde – der Sänger als Darsteller in seiner physischen Beweglichkeit aber im großen und ganzen in Ruhe gelassen wurde, bezog oder bezieht seine Berechtigung aus der Körperlichkeit des klassischen Gesangs.


    Um gut singen zu können, sollte der Ausführende in möglichst ordentlicher Haltung mit dem Gesicht zum Publikum gewendet dastehen, dann kann er sauber atmen und die Stimme schön nach draußen projezieren. Das stimmt übrigens … so ist Singen am leichtesten (und leider oft durch die akustischen Verhältnisse an einigen Häusern notwendig). Die ersten Schritte … aber auch die weiteren Schritte, dies zu ändern stießen und stoßen auf Widerstand:


    Erst einmal auf den der Sänger: … „so kann ich nicht singen“ … „so hört man mich nicht“ … „das ist viel zu anstrengend“ … „da mache ich mich ja lächerlich“ !


    dann auf den des Publikums: „warum liegt denn der immer am Boden rum ?“ … „das sieht unmöglich aus, wie der sich bewegt“ … „ich komm doch her, um Oper zu hören und nicht, um mir irgendein Rumgezappel anzuschau’n“ …


    „ dann hätte er Schauspieler werden sollen“



    Mir kommt es so vor, als ob sich daraus ein lang anhaltender Konflikt in der Kunst des Musiktheaters ergeben hat, der eigentlich traurig ist. Durch die Trennung der Gedankengänge der Regisseure und der Musiker hat sich innerhalb der Produktion unserer Kunstform eine Kluft aufgetan, die einem Neuentstehen eines Gesamtkunstwerks (hoppalla, da ist ein unmoderner Ausdruck) schlicht und ergreifend im Weg stand und steht. Freilich wurde der noch unterstützt durch allerlei Unsitten – oft angefeuert durch die Politik – und die Lager (Regie – Musiker) entfernten sich immer weiter voneinander.


    Ich glaube, daß der Hauptmangel in der „Spielbereitschaft“ liegt. Und hier ist das wirklich in direktem Bezug auf das Wort „spielen“ gemeint. Weder Regisseure, noch ausführende Bühnenmusiker scheinen innerhalb ihrer vorgefassten Meinungen – beim Regisseur das Konzept… beim Musiker die Partitur – spielbereit zu sein.


    Das Herumspielen mit Ideen und Möglichkeiten auf der Probe ist aber der eigentliche künstlerische Schaffensprozess auf der Bühne. Das ist ja nun – angesichts der Fülle der Literatur über die Arbeitsweise der großen Opernschaffensmeister der letzten Jahrhunderte und letztendlich ihrer selbst geäußerten Meinungen– weiß Gott keine neue Erkenntnis. Ich möchte - um Gottes Willen - hier jetzt nicht so klingen, als ob ich diese Weisheit gepachtet hätte. Viele Sänger heute, junge wie alte, sind - auch schon viel früher als ich - zu dieser Erkenntnis gelangt und steuern ihr entgegen. Auch in dieser Produktion war die intensive und lustvolle Darstellung der Kollegen durchaus Zeichen für den Willen - und dies ist an der Komischen Oper Berlin fast schon Programm -, bestehende Strukturen zu brechen. Aber ich hab halt gedacht, daß diese Produktion mein persönlicher Kampf gegen den Musik - Theater - Konflikt werden soll.


    Mit dem Angebot der Zusammenarbeit mit Calixto Bieito beschloß ich für mich auszuprobieren, wie weit ich gehen kann. Dazu war eine vernünftige Physis, eine bessere Kenntnis von Schauspieltechnik und eine ungewöhnliche Arbeitsweise im Rollenentwicklung – und Gestaltungsprozess notwendig.


    Der Abnehm – und Fitnessvorgang war also schon im Gange. Mit Barrie Kosky in der Walküre, aber auch mit Sebastian Ukena in der Oldenburger Inszenierung Hindemiths Cardillac, habe ich ausprobiert, wie’s mit der Schauspielerei intensiver gehen könnte. Über die Limitationen der körperlichen Schauspielerei im Musiktheater werde ich mich irgendwann noch mal ganz ausführlich auslassen, genauso wie über die textuelle Rollenentwicklung, aber die Grenzen wurden mir sehr schnell klar … es ist für die Qualität der musikalischen Darstellung gefährlich, den Körper auf der Bühne zu schnell und zu stark zu entkräften und sich in einen Zustand der emotionalen Erschöpfung zu spielen.


    Selbst die statische Körperspannung kostet Kraft – und Spannung die „Verspannung“ darstellt, kann gesanglich schädlich sein, da das Singen auch körperliche Entspanntheit erfordert. Im letzten Jahr habe ich dann während der Vorstellungen daran gearbeitet, die Körperkräfte während einer Vorstellung so einzuteilen, dass – aus meiner Sicht - ein vernünftiger Kompromiss zwischen physisch intensiver Darstellung und „Schöngesang“ erreicht werden konnte – teilweise – der Publikumsreaktion entnehmend – mit großem – teilweise aber auch nur mit mäßigem Erfolg.


    In meiner Unbekümmertheit hatte ich aber fröhlich weiter vor, diese Entwicklung weiterzutreiben – Ziel war ja der Freischütz in Berlin…


    Auf der in diesem Blog beschriebenen Rückfahrt vom Einspringer in Ostrava war mir noch eine Idee gekommen. Die Form der Arbeit, die ich mir zur Weiterarbeit an der Bühnenintensität vorstellte, schien mir mehr Arbeitskraft zu verlangen, als die einer (also meiner) Person und des „normalen“ Regieteams – das sich ja immer um alle Darsteller kümmern muss und nicht nur um mich … auch wenn der Tenor das gerne so sieht. Ich dachte mir, dass eine darstellerisch individuelle Betreuung notwendig sein würde, um im Detail mehr Fortschritt machen zu können, als durch die von mir bisher erfahrene szenische Arbeit in einer Produktion. Ich konnte Annika Maier, die die Regieassistentin des Cardillac in Oldenburg gewesen war, für diese Idee der persönlichen künstlerischen Assistenz gewinnen.


    Die erste Erfahrung mit Calixto Bieitos Arbeitsweise war dann erst einmal verwunderlich, da garnix passierte. Heftigst motiviert reiste ich nach Berlin und der Probenbeginn wurde zweimal um je eine Woche verschoben. Einerseits wie auf glühenden Kohlen sitzend, andrerseits die Vorzüge der Stadt genießend, versetzte ich mich in einen seltsamen Zustand, der für immer die emotionale Grunderinnerung an diese Produktion sein wird, da er in seiner Aufgeregtheit bis zur Premiere anhielt.Die vom Theater gestellte Wohnung war cool gelegen – unter den Linden – mit einem milchglasumrandeten Bett – was ihr den Spitznamen „Aquarium“ einbrachte. Der Blick aus dem Fenster auf die bayerische Vertretung ließ eventuell aufkommendes Heimweh verschwinden.


    Am 16. Dezember begannen dann endlich die Proben und schon nach dem Konzeptionsgespräch war mir klar, dass ich genau richtig vorausgeahnt hatte und Calixto der ideale Partner für meine Vorstellung von Musiktheaterdarstellung und meine Experimentierfreudigkeit sein sollte.


    Also … mit voller Wucht an’s Werk ! Alles, was ich hatte, schmiss ihm entgegen, alles, was er von mir wollte, hab’ ich erst einmal ausprobiert. „Selbstzerstörungswut“ war noch eines der freundlichen Worte über meine Arbeitswollust und die stimmlichen Schwierigkeiten sollten mich zunächst nicht interessieren; das war ja klar, dass sich der Körper und die Stimme an so eine Extremsituation erst einmal gewöhnen werden müsste. Calixto Bieito ist ein Versucher und ein geschickter, diplomatischer Manipulator. Und – wie so oft in der Theaterwelt – sind solche Attribute durchaus nicht negativ zu verstehen. Er verfügt eben über die Fähigkeit, den Darsteller von Handlungen zu überzeugen – oder ihm sogar den Eindruck zu vermitteln, dass diese Handlungen die Idee des Darstellers gewesen sind, auf die er sich mit vielen anderen Regisseuren nicht einlassen würde. Seine Regie besteht in der Hauptsache aus Motivation und nicht aus Anweisung, sie baut auf Improvisation, Zufallsergebnisse und permanenter, fast chaotischer Weiterentwicklung. Hier konnte ich mir dann auch noch den Luxus erlauben und mich dieser Technik gnadenlos unterwerfen, da ich ja wusste, dass das wachsame Auge meiner Assistentin eingewachsene Schludrigkeiten sehen und wieder ausbügeln würde – so war’s dann auch …



    Der Freischütz von Carl Maria von Weber geht so:


    Eine Deutsche, barocke Jägerkommune lebt im tiefen Wald glücklich zusammen. Die Ehrbegriffe des jägerischen und des schützischen Wettbewerbs sind – neben des Fürsten und Gottes Wort - oberstes Gesetz. Der sich daraus ergebende Aberglaube ist nicht nur Begleiterscheinung, sondern Dogma. Die äußere Lebensform ist soziale Notwendigkeit, die Individualität verdächtige, ketzerische Ausgrenzung. Zu Beginn unserer Oper gibt es schon einen ausgegrenzten … Kaspar, den Jagdgesell, der aus Verzweiflung darüber, daß er seines Arbeitgebers Kuno schöne Tochter, die Erbförsterei und alles an Macht und sozialer Stellung, die er sich für sich selber erwartet hatte, nicht einfach so bekommen wird, sein Leben schon dem Teufel verschrieben hat. Inzwischen ist die vom Teufel erkaufte Zeit schon aufgebraucht und für Kaspar geht es gar nicht mehr um die Erlangung von irgendwelchen gesellschaftlichen Positionen, sondern nur noch um’s nackte Überleben, oder besser …nicht in der Hölle zu landen. Dies kann ihm aber nur gelingen, wenn er neue Opfer für den Teufel findet, die ihm seine Höllenfahrtfrist verlängern. Deswegen hat er vor Wochen schon den Jagdgesell Max verflucht, nix mehr zu treffen – weder Wild noch Scheibe – und ihn damit an den Rand der Verzweiflung gebracht. Die Oper beginnt also mit einem wichtigen Wettbewerbsschiessen, bei dem ausgerechnet der in der sozialen Stellung fünf Stufen unter Max stehende Kilian Maxes Ziel leicht trifft. Als dieser den dafür angemessenen Hohn vor versammelter Mannschaft äußert, bekommet er’s mit Max Temprament zu tun. Vom Oberförster geschlichtet, wird Max trotzdem die Situation vor Augen geführt: er hat versagt und wenn er am nächsten Tag nix trifft, gibt’s keine Oberförstertochter und keine Försterei. Max bleibt zurück und verleiht seiner Verzweiflung in einer langen, schweren Arie Ausdruck. Das Ende seiner Jammerei bekommt der wiederauftretende Kaspar noch mit und versucht den durch raue Mittel inzwischen besoffen gemachten Max dazu, sich in die Wolfsschlucht – den verruchten Eingang zur Hölle – zu begeben um dort mit Kaspar um Mitternacht Kugeln zu gießen, die alles treffen. Das da noch eine Extrakugel bei rausspringt, deren Ziel der Teufel frei bestimmt, scheint zu diesem Zeitpunkt für Max Nebensache.Nächste Einstellung ist die Charakterisierung Maxes Liebe Agathe und ihrer engen Freundin Ännchen. Agathe liebt Max, hat kein Interesse an dem ganzen Testosteronigedöns und will ihn so wie sie ihn kannte, lustig und unbeschwert. Ännchen sieht die Welt sowieso durch eine zwanghaft rosarot gefärbte Brille und ihr Rat, das alles nicht so ernst zu nehmen prallt an Agathes Sorgen ab. Als Max auftaucht und gesteht, dass er sich jetzt – um „irgendwas“ zu machen – in die Wolfsschlucht begibt, hängt der Hausfrieden schief und er muss das bisschen Charme, das ihm zur Verfügung steht, aufbringen um Agathe etwas zu beruhigen.Kaspar hängt inzwischen in der Wolfsschlucht rum und bereitet die Einflussnahme des Teufels – in dieser Oper mit dem gar nicht so bös anmutenden Namen „Kilian“ versehen – auf die Verfluchung von sieben Kugeln und den Untergang Maxes vor. Als Max ankommt, wird er sofort von der bösen Aura des Ortes in seinen Bann gezogen und die Visionen, die ihn in den Wahnsinn treiben, begleiten das Gießen der bösen Kugeln. Den Abschluss der kompletten Verdammung bildet die Fertigstellung der siebten Kugeln – Max hat sich dem Bösen verschrieben – sein Untergang ist ihm gewiss. Agathe sieht Max im Traum als Mann vor der Hochzeitsnacht. Sie erkennt seine Stärken und Abgründe und vertraut Gott sie in ihrem Verhältnis zu Max richtig zu leiten. Als die ankommende Brautjungferngesellschaft bis zur Unerträglichkeit zu nerven scheint, löst sich das allgemeine Unwohlsein in der Ankunft der ganzen Jägerkommune, die fröhliche einen unglaublich ohrenkleberischen Jägerchor intonieren. Danach ist es an Max seinen Probeschuss zu absolvieren, der trifft alles, nur nicht das Ziel und sein Heil muss durch einen Walderemiten gerettet werden, der für ihn bittet. Ach so, ja vor dem plötzlich anwesenden Fürsten … ach so ja, der Max eigentlich verbannen will …irgendwie sind dann immer alle irgendwie zufrieden.



    Als Interpretationsansatz wollte Calixto die Natur … den Wald als zentralen szenischen und emotionalen Ausgangspunkt für die Inszenierung setzen. Nicht nur als eine Ansammlung von Bäumen, sondern als metaphysischen Zustand, ja als Bedrohung und Schutzhöhle, nicht nur für die Protagonisten dieser Oper, sondern für uns alle. In seiner Verzweiflung kehrt der Verzweifelte dahin zurück, wo es keine Verzweiflung geben kann, da außer den Naturgesetzen keine gelten … in den Wald. Dies ist in dieser Inszenierung durchaus nicht nur bildlich zu verstehen, sondern Max, der die Natur, den Wald immer als festen Bestandteil seiner Persönlichkeit gesehen hat – vielleicht in gewisser Weise mehr als die anderen Mitglieder der Jägerkommune – findet diesen Naturzustand Wald (und interssanterweise nicht Agathe) als völlig offensichtlichen Rettungsplatz, als er keinen Ausweg mehr im sozialen Gefüge der Menschenwelt sieht. Max rettet sich also in einen Natur – in einen Urzustand. Als Calixto mir den beschrieb, war mir völlig klar, dass da die leicht erwartete Nacktheit Realität werden würde. Ein Naturwesen, ein natürlicher Urzustand ist nicht bekleidet. Da mir das schon selber klar war (lassen wir es dahin gestellt sein, wer oder was mir diese Klarheit verschafft hat), kam mir die Nacktheit in dieser Inszenierung nicht nur logisch, sondern auch notwendig vor.


    Nackt auf der Bühne:


    Für alle szenischen Proben der Vorbereitungphase hatte ich Unterwäsche an. Die „Hauptprobe Klavier“ ist im Musiktheater meistens das Equivalent zur schauspielerischen AMA (alles mit allem) – das heißt, die erste Probe, in der möglichst viele Elemente der letztendlichen Darstellung entsprechen sollen. Dies war die Probe für die ich mir die erste Nacktheit vorgenommen hatte. Eigentlich nicht wirklich mehr aufgeregt als sonst (dies ist immer eine sehr schwierige Probe) stolperte ich in die Wolfsschlucht und den Zeitpunkt der Entblößung.


    Bis heute finde ich, dass zu viel Gedönse um die Nacktheit – die im Schauspiel schon lange langweilige Nebenerscheinung ist – gemacht wird, aber die erste nackten Schritte auf der Bühne sind interessant. Scham wäre das Sentiment, das ich gefürchtet hatte – das blieb aus. Vor vielen Menschen nackt zu sein, löst bei mir genau das aus, was Max emotionaler Zustand ist. Verletzlichkeit, Assozialität, Entfremdung und Urzustand. Ich fühle mich während der Bühnennacktheit verwundbar, nehme meine Umwelt in großem Detail wahr und hab Spaß an einer ungewöhnlichen Sensibilität meinen Mitspielern – vor allem meiner bezaubernd spielenden Kollegin Ina Klingelborn – gegenüber.


    Die schlimme Probe:


    Bei der – eine Woche später folgenden – Hauptprobe war die Nacktheit sogar schon ein bisschen einfacher – trotz groß anwesender Pressepräsenz.


    Und bei der Generalprobe ging’s schief. Zum ersten Mal wurde das Ende der Wolfsschlucht so ausgeführt, wie’s die finale Fassung vorsah: ich ende vor dem eisernen Vorhang (das ist der Brandschutzvorhang auf jeder Bühne – der inzwischen gerne als Inszenierungselement eingesetzt wird) – nackt auf einem umgestürzten Baumstamm kauernd, tierisch schnaubend ab … das Licht geht völlig aus und ich sollte zusammen mit einem getöteten Statisten im Dunkel von der Bühne huschen. Dies war nie so geprobt worden und als ich da im Dunkel auf meinem Stamm abendete, begann das Probenpublikum – das in seiner Anzahl ungewöhnlich beträchtlich war – mit kräftigen Unmutsäußerungen … Buhs. Ich sah mich auf einmal auf diesem Baumstamm hocken, nackt … vor ungnädigen Leuten, nicht mehr im Bühnenlicht, sondern exponiert – die Nacktheit nicht mehr Kostüm, sondern mein Körper als Spottbild des Publikumsunmuts. Und da – für einen Moment, den ich immer vermeiden will – denke ich auf der Bühne nicht über meinen nächsten Schritt nach, steige vom Baumstamm und gehe dahin, wo ich den Ausgang vermute. Ich bin dann in der Dunkelheit auf den Statistenkollegen gestiegen und hab ihm wehgetan … interessanterweise lag der auch nicht in Richtung Ausgang, sondern in Richtung Orchestergraben, was bedeutet, dass wenn ich weitergewandert wäre, ich im Graben gelandet wäre. Das war nicht schön !


    Nach der Pause ist dann Agathes Traum noch so inszeniert, dass ihr der nackte Max in ihrer Vorstellung der Hochzeitsnacht folgt und ihr gegenüber eindeutige Posen einnimmt. Als dann dieses Publikum auch noch – aus welchem Grund auch immer – während dieser Szene lachte, war ich voll von der Rolle. Mehr als einmal kam mir der Gedanke, die ganze Nacktheitsgeschichte sein zu lassen – die Menschen da draußen scheinen sich mehr über einen nackten, 45 Jahre alten Männerkörper aufregen zu können, als darüber, dass eine Bundesregierung Hochverrat begeht, damit Bankeninvestoren Profit machen können.



    Ich muss dann meinem Premierenpublikum und vor allem dem Publikum der zweiten – gefürchteten – Vorstellung das Kompliment machen, dass von dieser Feindseligkeit, oder peinlichen Berührtheit dann nichts mehr zu spüren war … Danke !


    Die Premiere verlief sehr gut. Ich war stimmlich zufrieden (nachträglich – nie ein gutes Zeichen) und fand der ganze Abend verlief reibungslos. Bravo und Danke an die lieben Kollegen ! Der Applaus war warm und kräftig, die Buhs für die Regie nicht über dem „normalen“ Maß für eine Inszenierung dieser Tage. Die Reaktion meiner “Entourage” bestehend aus einem harten Kern von Familie und Freunden aber auch die von Bekannten und Kollegen auf der Premierenfeier war anders als sonst - fast ein unterliegendes Gefühl von Entsetzen war da zu spüren aber in der allgemeinen Wirrnis der Premierenfeier hatte ich nicht das Gefühl, dass der Abend sich großartig von meinen bisherigen Premieren unterschied.


    Auf der Heimfahrt von Berlin nach München am nächsten Tag hörte ich dann auch prompt die erste Kritik – 10 Minuten lang auf BR Klassik, mit einer sehr netten Bemerkung über mich und war auf durchaus positive Pressereaktion eigestellt.


    Ich habe in meiner gesamten (allerdings recht kurzen) Karriere erst eine richtig schlechte Kritik erhalten – und die verdient, da ich vor der Premiere nicht die nötige Disziplin eingehalten hatte, um ordentlich zu singen. Was jetzt kam war echt hart. „O-beinig“ (ich hab’ O-Beine, aber was hat das mit meiner Darstellung zu tun ?) „es fehlt ihm der Wille zur lyrischen Gestaltung“ „ohne dramatische Durchschlagskraft“ „(verkrampft)“ … in Klammern erwähnt zu werden, ist irgendwie besonders beleidigend, „grobkörniger Tenor“ etc, etc… Ich weiß, ich weiß … über sowas sollte sich ein Künstler nicht aufregen, wer sich in die Öffentlichkeit begibt, sollte nicht verletzt sein, wenn sie ihn schlachtet. Nur die erste Erfahrung mit einer so geballten Feindseligkeit war ein bisschen viel. Ich gebe zu, dass ich immer noch daran nage und frage mich, wie lange wohl noch ….


    http://www.komische-oper-berli…/der_freischuetz/trailer/



    Es stellt sich also abschließend die Frage, ob meine Ergeiz die Bühnendarstellung betreffend falsch war. Je länger ich über diese Frage nachdenke, umso mehr habe ich den Verdacht, dass ich es übertrieben habe und mir die technischen Mittel zur überzeugenden schauspielerischen Darstellung immer noch fehlen. Also … das Experiment geht weiter - mehr gibt’s dazu einfach noch nicht zu sagen.


    Jetzt – nach der zweiten Vorstellung – hat mich die umgehende Erkältung in ihren Griff genommen und gezwungen, die dritte Vorstellung abzusagen. Es liegt eine Woche der Reflexion, aber auch der abschließenden Vorbereitung meiner nächsten Produktion – Jenufa – in Innsbruck hinter mir.

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Zitat

    Sie sollen allerdings wissen, daß ich ihnen an anderem Ort jederzeit den Spiegel vorhalten werde, wenn ich es für nötig halte. Von meinem humanistischen Anspruch, Diskriminierungen von Meinungen und Tätigkeiten anderer Menschen, nur weil sie anders sind, nicht zu tolerieren, lasse ich nämlich nicht ab. In dieser Beziehung bin und bleibe ich ein erzkonservativer Aufklärer.


    Hallo, Herr Dr. Kaletha!


    Genau dies werde auch ich tun und Dir den Spiegel vorhalten. Ich lasse mich auch in meiner Meinung nicht umfunktionieren und vertrete hier die Meinung Vieler im Forum, die auf diesen Klamauk in der Oper gerne verzichten und sich nach den Opern-Aufführungen sehnen, die ihren Wünschen entsprechen.



    Guten Abend

  • Zitat tastenwolf


    Zitat

    Vincent Wolfsteiner, der Max im Berliner Freischütz hat mir einen Text zur Verfügung gestellt, in dem er ausführlich über die Inszenierung berichtet:
    Also: viel Vergnügen bei einem Bericht über Regietheater aus erster Hand


    Lieber tastenwolf,
    vielen Dank für dieses Dokument, das die Diskussion aus einer ganz anderen Richtung bereichert. Ich denke, das ist eine Seite, die man zwar immer einmal wieder am Rande hört, aber ich kannte solche detaillierten Berichte bisher nicht (liegt aber sicher eher an mir).
    Ich frage mich allerdings nach diesem Bericht doch, ob sich ein Regisseur hinreichend Gedanken dazu macht, was er eigentlich von Sängern verlangt und ebenso vom Publikum. Daß Bieito motivieren kann, ist ja schön, aber das allein reicht m. E. nicht. Daß Inszenierungen nicht basisdemokratisch funktionieren können, ist klar, aber ich frage mich schon, warum nicht ein größerer Teil der Regisseure zuhört (auf Sänger, auf das Publikum). Alle Konzepte mögen ja als Konzepte toll und gescheit klingen, aber ich bin ein erklärter Freund der Bescheidenheit: jeder ist in seinem Tun und Handeln fehlbar, das zu erkennen und zugänglich zu sein, zeugt von wahrer (nicht nur künstlerischer) Größe.


    Ansonsten passieren genau solche Dinge

    Zitat

    Ich habe in meiner gesamten (allerdings recht kurzen) Karriere erst eine richtig schlechte Kritik erhalten – und die verdient, da ich vor der Premiere nicht die nötige Disziplin eingehalten hatte, um ordentlich zu singen. Was jetzt kam war echt hart. „O-beinig“ (ich hab’ O-Beine, aber was hat das mit meiner Darstellung zu tun ?) „es fehlt ihm der Wille zur lyrischen Gestaltung“ „ohne dramatische Durchschlagskraft“ „(verkrampft)“ … in Klammern erwähnt zu werden, ist irgendwie besonders beleidigend, „grobkörniger Tenor“ etc, etc… Ich weiß, ich weiß …


    Hier gehen doch eindeutig Dinge durcheinander: die Frage ist, was hat das Urteil wirklich beeinflusst? Wirklich die Stimme? Oder nicht doch eher ein negatives Gesamtbild, das im Nachhinein das Hörerlebnis überlagerte? (dazu müßte man natürlich den jeweiligen Kontext der Äußerungen kennen). An genau dieser Stelle hat der Regisseur, so verlockend die Idee sein mag, nach meinem Begriff zu viel geopfert: nämlich den musikalischen Teil. D. h., die Nacktheit an sich empfinde ich langweilig. Aber die Tatsache, daß die Form der Inszenierung negativen Einfluß auf die Bewertung der sängerischen Leistung hatte, die abgerufen wurde (das unterstelle ich hier einfach einmal so) halte ich für hochgradig bedenklich.


    Letzte Bemerkung zur Inszenierung

    Zitat

    Ein Naturwesen, ein natürlicher Urzustand ist nicht bekleidet.


    Das ist ja wirklich die Frage und einzig Bieitos Lesart, natürlich ist der ursprünglichste aller Zustände die Nacktheit, aber es gibt natürlich zahlreiche weitere Urzustände, die den Sängern nicht abverlangen würden, sich nackert auf der Bühne zu präsentieren. Ich teile nämlich diese Lesart überhaupt nicht. Für mich ist Urzustand auch ein ursprünglicher Zustand einer Gesellschaft, eine der ersten Handlungen der Menschen war doch grade, sich gegen eine unwirtliche Umwelt zu schützen (und zwar durch Kleidung).


    So, ich habe den thread nun genug mit meinen Überlegungen gestört, der Bericht über das Erlebnis von Regietheater aus dieser Perspektive hat mich allerdings nachdenklich gestimmt.


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

  • Lieber Tastenwolf,


    erst einmal vielen Dank für deine Mühe, den gesamten Bericht des Herrn Vincent Wollsteiner, Darsteller des Max in der Berliner Freischütz-Verunstaltung, hier einzustellen.
    Leider ist er zur Hauptsache ein Bericht über die Befindlichkeit eines einzelnen Darstellers und sagt - auch wenn er den Inhalt des Freischütz mit seinen Worten sehr plastisch darstellt - wenig darüber aus, warum Bieito die Handlung dieser Oper so verhunzt hat und teilweise in ihr Gegenteil verkehrt. Einige Aussagen von ihm scheinen mir ein bezeichnendes Licht auf den Regisseur und diese Form der Inszenierungen zu werfen. "Bieito ist ein geschickter, diplomatischer Manipulator", das zeigt in meinen Augen bereits, wie er - ähnlich einer Hypnose - die Darsteller in seinen Willen zwingt. Und der Sänger scheint sich nicht so ganz sicher zu sein, ob es richtig war, sich in diese Zwangslage pressen zu lassen. Jedenfalls hat er sich freiwillig dafür entschieden. Nun ist die Nacktheit nicht unbedingt das Entscheidende (wenngleich Bieito sie vom "Naturburschen" ableitet, als den ich Max nicht unbedingt ansehen möchte, eher den trampligen Bauer Kilian, dessen Name Herr Wollsteiner fälschlicherweise auf Samiel überträgt, oder hat Bieito nicht nur die Handlung, sonder auch die Namen total durcheinandergewürfelt?), sondern die überhaupt nicht zum Libretto und zur Musik passende völlig umgekrempelte Handlung. Der Freischütz war meine erste Begegnung mit der Oper und wurde von unserem Musiklehrer nicht nur - wie ich es in anderen Beiträgen schon geschildert habe - mit einfachsten Mitteln vorgeführt, sondern auch intensiv besprochen. Durch ihn habe ich die Liebe zur klassischen Musik erworben und kenne den Text in weiten Teilen noch heute auswendig. Was Bieito daraus gemacht hat, ist für mich einfach eine Schande!
    Als weiteren Punkt verwendet Herr Wollsteiner die Begriffe "Musiktheater" oder "Musikschauspiel". Für mich bedeuten diese Begriffe nicht mehr "Oper" sondern zielen eher daraus hin, nur noch Theater (Schauspiel) mit musikalischer Untermalung zu zeigen. Das ist aber weder meine Auffassung von Oper noch die vieler anderer. Das ist eine neue Erfindung und daher bleibt für mich die Entstellung großer Meisterwerke, die unter dem falschen Namen des Originals (der die Zuschauer bringen soll, die etwas ganz anderes erwarten) deklariert wird, ein Missbrauch.
    Noch einmal danke, aber weitergebracht hat mich das leider nicht.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Aber lieber Freund, das hatten wir doch schon an anderer Stelle diskutiert. Oder irre ich mich? In der Urfassung - ich spreche lieber von der ersten Fassung - der ARIADNE AUF NAXOS gibt es keinen ersten Teil und damit auch keinen singenden Komponisten. Die einaktige Oper war - wie es offiziell heißt - zu spielen nach dem "Bürger als Edelmann" des Moliére. In der von Dir kritisch erwähnten Bearbeitung wurde lediglich der Sprechtext neu gefasst und um einige Figuren erweitert. Die Oper, die sich in Teilen auch von der zweiten Fassung unterscheidet, blieb in jeder Note erhalten. Mir war das zu weitschweifig, interessant und sehr ästhetisch in Szene gesetzt fand ich es schon.


    Richtig, lieber Rheingold, das war schon anderswo Gegenstand der Diskussion. Ich kenne auch die Geschichte der Ariadne von Stuttgart bis Wien, und auch der Bürger als Edelmann ist bekannt.


    Ich wollte eigentlich nur darauf aufmerksam machen, daß man bereits sachliche Diskussionen ohne pseudowissenschaftlich Theorie geführt hat, deren Fortsetzung ich auch sehr wünsche. Dabei könnte mir ein Licht aufgehen, warum nun in einer dritten Fassung Stefan Zweig, seine Geliebte und der in Fassung 1+2 nicht existende Hausherr der Party (der ständig durch flapsige Bemerkungen und komische Gesten erheblich gestört hat) plötzlich auf der Bühne erscheinen.


    Ich will damit auch sagen (sonst würde ich das ja nicht kennen), daß mir diese Form der Inszenierung nicht zusagt, ich sie mir aber trotzdem ansehen würde, zumal gesanglich recht ordentlich agiert wurde. Leider fehlt die herrliche Musik des Komponisten, aber das war eben die Urfassung.


    Nochmals - dieser Beitrag ist nur zur Beispielgebung für mögliche sachliche Diskussionen gedacht. Vielleicht kann man sich hier im Forum auf bevorstehende Fernsehübertragungen aufmerksam machen, und sich danach über diese in einem speziellen Thementhread dazu austauschen, ohne philosophische Entgleisungen. Eine Art Rendezvous von Taminos vor dem Fernseher.


    Das geht auch bei Konzertübertragungen, denn hier habe ich trotz intensivem Interesse noch viel zu lernen, was das vergleichende Hören betrifft.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Ich werde deshalb einen eigenen Thread aufmachen, der solche ästhetischen Reflexionen anstellt, werde diese Threads beobachten und das was sich da abspielt, aus der Distanz ästhetisch bewerten und kommentieren auf einer philosophischen Ebene.



    Das ist ein guter Weg! Das braucht ja dann nur der zu lesen, der es lesen will und es auch verstehen will. Schön, daß Du dem Forum erhalten bleibst. Jetzt gibt es Threads für Gescheite, und der Rest ist für die Dummen. Zu denen zähle ich mich dank Deiner Feststellungen ja auch. Aber ich bin Dir nicht böse, und nochmals - Das ist ein guter Weg!!


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Dann möchte ich doch hier mal gleich auf die Scala-Eröffnungspremière aufmerksam machen. Arte überträgt am 7.12. 20.15hdie Traviata mit Damrau, Beczala. Gerne werde och dann im Thread "gestern in der Oper" darauf zurückkommen.

  • Zitat

    Zitat La Roche: Schön, daß Du dem Forum erhalten bleibst. Jetzt gibt es Threads für Gescheite, und der Rest ist für die Dummen. Zu denen zähle ich mich dank Deiner Feststellungen ja auch.

    Nun denn! Dann werde auch ich mich in den Thread der "Unwissenden" einreihen. :huh:

  • Lieber M.Joho,


    die Scalaeröffnung hatte ich mir auch bereits in meinem Terminkalender vorgemerkt und wollte kurz davor noch einmal unter dem "Operninszenierungen per Rundfunk und Fernsehen" darauf hinweisen, weil ein längerfristiger Hinweis gern in Vergessenheit gerät. Ich werde sie mir auf jeden Fall ansehen und hoffe, dass es diesmal etwas Gescheiteres gibt als den vorjährigen Epilepsiegrin. Übrigens wird am 10. 12 auf arte von 22.45 - 1.20 Uhr auch die in meinen Augen sehr gelungene "Fanciulla del West" (mit modernen Bühnenmitteln ohne Entstellung der Handlung) als Aufzeichnung gesendet. Dies schon mal zum Vormerken für alle, die die Oper seinerzeit nicht auf ORF 2 verfolgen konnten.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Der 7.12 ist vorgemerkt, ich schaue mir die Traviata an, nehme sie auch auf - und schon haben die, die es wollen, eine Diskussionsgrundlage. Über die Sänger, die Inszenierung, den Dirigenten, das Orchester. Es kann kommen wie es will, gegensätzliche Auffassungen wird es geben. Hoffentlich sachlich.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Nun ist die Nacktheit nicht unbedingt das Entscheidende (wenngleich Bieito sie vom "Naturburschen" ableitet, als den ich Max nicht unbedingt ansehen möchte, eher den trampligen Bauer Kilian, dessen Name Herr Wollsteiner fälschlicherweise auf Samiel überträgt, oder hat Bieito nicht nur die Handlung, sonder auch die Namen total durcheinandergewürfelt?), sondern die überhaupt nicht zum Libretto und zur Musik passende völlig umgekrempelte Handlung



    Lieber Gerhard,


    Deinem Posting, besonders zur zur Handlungsmanipulation und der Einführung des Begriffes "Musikschauspiel" teile ich völlig, 100%ig.


    Die Nacktheit des Max dagegen würde ich schon ablehnen. Nackte Darsteller auf der Bühne könnte ich mir vorstellen zum Thema Adam und Eva (Feigenblatt nicht vergessen), auch in modernen, heutigen Stücken incl. Sprechtheater oder Ballett. Gesehen hab ich´s in der Salome in Dessau vor Jahren. Die Salome wurde dargestellt als pubertierende Jugendliche, extrem "besessen" auf den Jochanaan. Bei Ihrem Tanz zog sie nach und nach alles aus, was sie anhatte, außer einem fast nicht sichtbaren Ganzkörperdreß, Hautfarben. Dem Herodes lief förmlich die Spucke aus dem Mund.


    Aber hier paßte es zusammen. Die Sängerin (Elaina Lappalainen) konnte es sich auch leisten, so aufzutreten, sie hatte die körperlichen Voraussetzungen. Die Inszenierung war betont klassisch, hier hat alles gepaßt. Auch die nackte Salome. Aber ein nackter Max?? Trotz aller Eingebungen des Regisseure kann ich das nicht nachvollziehen.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber LaRoche,


    ich kann die Notwendigkeit der Nacktheit für Max genauso wenig nachvollziehen wie du, aber meine Frage an Tastenwolf - schon weiter zurückliegend, aber er konnte erst jetzt den versprochenen Bericht liefern - war eine andere. Ich wollte erklärt bekommen, wie man - nicht nur als Sänger, sondern auch als Zuschauer oder sonstiger Beteiligter - eine solche Verhunzung der Handlung, die das Stück zum Schluss völlig auf den Kopf stellt, überhaupt mit normalem Verstand gut heißen kann und dabei spielt für mich nicht allein die Nacktheit die entscheidende Rolle, die ich ebenfalls als völlig inadäquat empfinde, um die es aber in dem Bericht, der wenigstens auch die inneren Zweifel aufdeckt, zur Hauptsache geht. Aber über die eigentliche Frage gibt der ansonsten interessante Bericht über die Befindlichkeit und die Zweifel des Sängers auch keine Auskunft. Er zeigt mir eher, dass hier ein Sänger geschickt zum Werkzeug umfunktioniert wurde, so geschickt, dass er das noch nicht einmal richtig wahrgenommen hat.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)


  • Bevor wir hier weiter diskutieren, wäre auch zu klären, ob die Prämissen eigentlich stimmen:


    1. Gibt es wirklich nur noch oder fast nur noch "entstellende" Inszenierungen auf Deutschlands Bühnen?


    Das ist wohl kaum zu beantworten. Ich bin auch nur sporadischer Operngänger, aber ziemlich sicher, dass ich vieles, was manche hier zum Herzinfarkt treiben würde, als völlig unproblematisch werkgerecht einschätzen würde.
    Nehmen wir Konwitschnys Inszenierung des Don Giovanni, die ich in der Komischen Oper gesehen habe.


    Ich kann mich an die Kostüme nicht mal erinnern; die waren weitgehend "neutral" (d.h. weder historisierend noch irgendwie besonders modern). Einzig in Erinnerung ist mir, dass Henschel als Don die meiste Zeit mit einem Trägerhemd (Unterhemd) bekleidet war und bei einer seiner Arien (vermutlich "Champagner") auch herumturnte. Insgesamt ergab das einen derart überzeugend virilen Don Giovanni, dass ich es tatsächlich lächerlich fände, sich am fehlenden Federhut (es mag sein, dass für die Verkleidung im 2. Akt dann doch Hut/Mantel bemüht wurden) zu stören.


    Sehr überzeugend fand ich die dt. Übersetzung, die einen den Witz des Textes in ganz anderer Weise erleben ließ. Weiterhin war, wieder etwas, das man NUR im Opernhaus vor Ort erleben kann, das Problem der drei Tanzorchester im 1. Finale in höchst überzeugender Weise gelöst. da diese Orchester tatsächlich im Raum verteilt waren. Insgesamt war das eine packende und mitreißende Inszenierung.
    Gestört haben mich hauptsächlich zwei Punkte an der Deutung, die ich jedoch legitim, wenn auch m.E. einseitig finde. Zum einen wird die seit ETA Hoffmann vieldiskutierte Frage, ob Donna Anna und der Don in/vor der ersten Szene nun haben oder nicht, recht platt aufgelöst. Zwar gibt es keine Pornographie, da man nur Silhouetten hinter einem Vorhang sieht (dezenter als im deutschen Vorabendprogramm), aber sie haben und Donna Anna war augenscheinlich mit Genuss bei der Sache... Das ist jedoch völlig im Einklang mit der Gesamtdeutung, die den Don, m.E. einseitig, als "tollen Hecht" außerhalb der Gesellschaft, die solch einen Überflieger auf Dauer nicht ertragen kann, obwohl sie von seinem Glanz fasziniert ist, darstellt und seine Amoral und Brutalität ausblendet. Am Ende wird der Don von einer Menge symbolisch kastriert und der Schlussgesang wird als "fade away" inszeniert: Die Welt ist offensichtlich ein wesentlich armseligerer Ort ohne (Typen wie) den Don.


    Wie gesagt, eine in meinen Augen legitime Deutung (selbst wenn ich die Figur des Don weit ambivalenter sehe), ein packender Abend mit einem außerordentlich charismatischen Don (an Details bzgl. der anderen Figuren habe ich nach knapp 10 Jahren keine Erinnerung mehr). Mir würde, obwohl ich die Deutung einseitig finde, nicht im Traum einfallen, sie als Verzerrung oder Travestie zu sehen, aber ich kann mir vorstellen, dass vielen hier das anders geht, weil der Federhut fehlt (oder weil Konwitschny eh böse ist oder warum auch immer). Ich vermute aber, dass die Mehrheit der Opernbesucher solch eine Inszenierung nicht als Zumutung oder verzerrendes Regietheater beurteilen würde. (Es wurde ja schon angedeutet, dass Details vielen Opernbesuchern ziemlich egal sind, solange nicht scheinbar offensichtliche Provokationen im Vordergrund stehen.)


    Zitat


    2. Gibt es Umfragen, die zeigen, dass die überwiegende Mehrheit eigentlich andere Inszenierungen möchte oder ist auch das nur gefühlt so, da sich hier bei Tamino einige Protagonisten versammeln. Oder ist es das Problem der "schweigenden Mehrheit", die eigentlich etwas anderes will, es aber nicht artikuliert?


    Die harten Fakten sind meinem Eindruck nach nicht eindeutig. An der Auslastung der Opernhäuser hat sich in den letzten Jahren nicht so viel verändert, dass man schließen könnte, die meisten Zuschauer seien unzufrieden. (Außerdem gäbe es natürlich zig andere Faktoren, die für einen Besucherrückganz verantwortlich sein könnten, es ist eben aber nicht einmal klar, ob überhaupt ein deutlicher Besucherrückgang stattfindet.)
    Die anderswo zitierte Umfrage der "Opernwelt" war bei den Kritikern/Journalisten wohl recht deutlich "pro Regietheater", aber wie wir sehen wird so etwas ja als Verschwörung gewertet. Anekdotisch kann jeder was anderes erzählen. Sowohl die hier dominierende Ansicht als auch andere, von Fans, die "Skandalregisseuren" hinterherreisen oder eben auch die schon mehrfach angeführte Indifferenz.


    Zitat


    Also mich würde schon interessieren, ob es ausser Verschwörungstheorien auch nachvollziehbare Gründe für diese Entwicklung gibt.


    Natürlich gibt es Gründe für die Entwicklung. Irgendwo in den Tiefen des Forums in früheren Zeiten hat sicher mal ein Kundigerer was zur Entwicklung des Theaters (inkl. Oper) seit Beginn des 20. Jhds. geschrieben. Nur ist das eben nach Ansicht vieler hier, theoretisches Zeug, das man ignorieren kann. De facto sind es eben aber häufig gerade solche allgemeine ästhetische Überlegungen der letzten 100 Jahre, besonders auch was die Besonderheiten performativer Kunst (Musik, Tanz, Theater) betrifft, die hier relevant sind. Aufgrund solcher Besonderheiten kann eben ein Bühnenbild und oft selbst eine Fernsehübertragung nur einen verzerrten Aspekt abbilden. Tempo, Timing, Atmosphäre kann man oft schlicht und einfach nur live erleben.


    Ein zentraler Dissens (der eine Diskussion erschwert, weil man mit jemandem, der die eigenen Grundsätze ablehnt, nur schwer diskutieren kann), besteht gerade darin, inwiefern eine Theateraufführung (also einschl. Regie) ein eigenes Kunstwerk sein kann, oder nur eine Art Kopie eines 200 Jahre alten Kunstwerks, das im Prinzip genauso abgeschlossen ist, wie die Mona Lisa (auch wenn von Don Giovanni eben nur ein Stoß Papier exisitiert, keine Sänger, Klänge, Bilder).
    Es wird gegen alle impliziten oder expliziten Äußerungen aus der Theatergeschichte oder ästhetischen oder kunsttheoretischen Überlegungen schlicht darauf beharrt, dass ein sehr enger Begriff von "Werktreue" bei einer Inszenierung das einzig akzeptable und alles andere nicht nur ästhetisch, sondern auch moralisch!? verwerflich sei. (Ich halte die "Aktualisierung" von Kostümen u.ä. für einen trivialen, nebensächlichen Punkt, aber mir hat keiner erklären können, warum diese Praxis, die in der Kunst- und Theatergeschichte weit verbreitet war, auf einmal ein Verbrechen an Opern des 19. Jhds. sein sollte, während sie o.k. ist, wenn Dürer eine Kreuzigung oder Rembrandt König Saul gemalt haben. Sogar wenn diese Opern selbst ihre historischen Sujets rücksichtlos verzerrt (bzw. eben mit künstlerischer Freiheit) behandelt haben. Die Obsession mit angeblich historischer Korrektheit von Kostümen u.ä. ist so stark, dass sie auf Mythen und Märchen wie Ring und Zauberflöte ausgedehnt werden, die überhaupt nicht zu einer historischen Zeit handeln!)
    Wie soll man da diskutieren? Kein Wunder, dass es höchstens zu Wiederholungen immer derselben Punkte, dann aber eben auch zu untergriffigen Anfeindungen kommt.


    Eine weitere, "systematische" Ursache liegt in dem, was schon angedeutet wurde: Das Opernrepertoire ist ziemlich klein. Ungeachtet einiger Entdeckungen, besonders in der Barockoper, sind andere Werke (besonders des 19. und frühen 20. Jhds.) weitgehend verschwunden, das Repertoire insgesamt vermutlich nicht breiter geworden (jedenfalls nicht in der Breite). Wie soll man bei den ewig gleichen Stücken Abwechslung herstellen, wenn nicht durch "Regietheater"?

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zum bevorstehenden neuen Homoki-Fidelio in Zürich machen Gerüchte die Runde, dass die einzelnen Musikstücke umgestellt werden, sowie, dass weisse Unterwäsche eine wesentliche Rolle spielen werde (übrigens ist unser Freund Werner Hintze auch wieder mit ihm in einem Boot).


    Ja, das habe ich auch gehört. Der erste Akt soll wohl gar ganz gestrichen werden (!!!). Dass alte Berliner Seilschaften dann natürlich auch wieder beschäftigt werden, war ja zu erwarten. Klüngelei ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit.
    Ich sehe aber, dass der Feinripp-Trend zusammen mit dem Sanitär-Trend wohl einen wesentlichen Anteil an der heutigen Opern"ästhetik" zu haben scheint.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Auf meinen Bericht über Papageno haust in einem Flugzeugwrack im Beitrag Nr. 978 hat immerhin Chrissy als einziger reagiert. Das ist schon eine ganze Menge! Und danke, Chrissy!


  • Zum bevorstehenden neuen Homoki-Fidelio in Zürich machen Gerüchte die Runde, dass die einzelnen Musikstücke umgestellt werden, sowie, dass weisse Unterwäsche eine wesentliche Rolle spielen werde (übrigens ist unser Freund Werner Hintze auch wieder mit ihm in einem Boot).
    Na denn Prost!


    Das ist aber wirklich mal wieder so richtig innovativ! :jubel::jubel::jubel:

  • Zitat

    Zitat von Milletre: Auf meinen Bericht über Papageno haust in einem Flugzeugwrack im Beitrag Nr. 978 hat immerhin Chrissy als einziger reagiert. Das ist schon eine ganze Menge! Und danke, Chrissy!

    Lieber Fritz,


    tut mir leid, aber wir waren durch die ausgedehnte allgemeine Vorlesung über Ästhetik und Psychoanalyse sehr eingespannt und der Herr Professor hat uns keine Zeit gelassen, überhaupt zur Besinnung zu kommen, so dass eine Verschnaufpause für eine Diskussion über diesen neuen konkreten Fall einer Opernverhunzung nicht drin war. Hinzu kommt, dass wir erhebliche Schwierigkeiten mit den Vorträgen hatten, weil wir nicht trainiert sind, über allen Wolken zu schweben. Sicher waren die Protagonisten dieser Zauberflöte auch zu wenig trainiert, so dass sie aus allen Wolken gefallen sind. Sarastro hat sich dabei den Augenschaden zugezogen, so dass er zum Schluss ja nicht mehr sieht, wen er da heiratet. Die Königin der Nacht ist in einem Erdloch gelandet. Sie hat Glück gehabt, wahrscheinlich ist sie nur ein wenig verschmutzt und hat eine leichte Gehirnerschütterung, so dass sie auch nicht mehr ganz Herrscher über ihre Gefühle ist und ihren Todfeind heiratet. Und Papageno musste bestimmt vom Rettungsdienst aus dem Wrack geschnitten werden. Hast du denn mal gehört, wie das Publikum auf diese "intelligente" und für unseren Professor sicherlich ästhetisch und psychoanalytisch hoch zu wertende Inszenierung reagiert hat?


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Hast du denn mal gehört, wie das Publikum auf diese "intelligente" und für unseren Professor sicherlich ästhetisch und psychoanalytisch hoch zu wertende Inszenierung reagiert hat?


    Liebe Grüße
    Gerhard


    Laut dieser Kritik, besser Hofberichterstattung, ist diese Produktion ausgezeichnet, und auch das Pubikum hat diese Veräppelung (angeblich) durchaus positiv aufgenommen.


    Ich habe den Glauben an meine Heimatstadt Graz verloren.

  • Völlig neutral stelle ich eine Pressenotiz - Glosse - von Bernd Zeller in den Raum (allerdings zum Schauspiel, aber die Aussage ist dieselbe):


    " Ausgelöst durch eine Rede des Schriftstellers Daniel Kehlmann tobt ein Disput über das RT. Dabei handelst es sich um eine avantgardistische Form, d.h. sie ist seit etwa 30 Jahren überholt, aber niemend gibt das zu. Erfunden wurde sie von Regisseuren, die das Gefühl hatten, daß die Autoren der Stücke den Schauspielern nicht genug abverlangen.. Außerdem fühlten sie sich in ihrer Kreativität beeinträchtigt, wenn sie Stücke so inszenieren sollten, wie es jemand glaubte vorschreiben zu können, nur weil er das Stück verfaßt hatte.


    Schiller hatte mit Regieanweisungen nicht gespart, aber nirgendwo ist zu lesen: Er ist nackt. Deshalb sehen Regisseure eine Herausforderung darin, Schiller so weit zu interpretieren, daß aus der Dekonstruktion der Textualität etwas völlig neues entsteht, indem Wilhelm Tell nackt ist, was dem Rütlischwur zusätzliche Kraft verleiht. Auch Shakespeare war Opfer einer eingeschränkten Vorstellungswelt und hatte einen Hamlet in Prinzengarderobe vor Augen. Die Unentschlossenheit läßt sich indes viel kraftvoller ausdrücken, wenn Hamlet nackt ist, als könne er sich nicht zwischen den Gewändern entscheiden.


    Dringend nötig sind auch Aktualisierungen. Shakespeare wußte nichts vom Nahostkonflikt, deshalb muß der Kaufmann von Venedig nicht nur nackt sein, sondern auch nackte Palästinenser malträtieren, um dem Publikum die erforderliche Portion Israelkritik nicht vorzuenthalten.


    Theater müssen sparen, so wird wenigstens nicht der Fundus abgenutzt. Für die Akteure besteht der Vorteil darin, daß sie, wenn sie schon nicht zeigen dürfen, was sie können, wenigstens zeigen, was sie haben. Manche Schauspieler sind noch nicht so avantgardistisch und verweigern nackte Auftritte. Für sie wurde eine Art Ersatzdienst eingeführt, sie dürfen ihre Rolle in Naziuniform spielen.


    Im Mainstream angekommen ist das Regietheater erst, wenn auch das Publikum nackt erscheint."


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Völlig neutral stelle ich eine Pressenotiz - Glosse - von Bernd Zeller in den Raum [...]


    Lieber La Roche,
    der von dir eingestellten Glosse scheint ein vermeintliches Gewicht beizukommen, ganz nach den Motto: Wenn’s in der Presse steht, muss es stimmen. Bei gründlicher Betrachtung kann dies aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Text voller unbegründeter Behauptungen steckt, die seinen Wert m.E. mindern; z.B. das Regietheater sei seit dreißig Jahren überholt und niemand gebe es zu. In seiner etwas abgemilderten Polemik unterscheidet er sich nicht groß von vielen hier veröffentlichen „Beiträgen“.


    Deine Argumentation ist ja an sich nicht schlecht, sie ist per se auch nicht arrogant oder unverständlich, aber das Problem besteht darin, wofür du argumentierst. Du machst dich zum Anwalt einer Sache, die dein Mandat nicht im geringsten verdient.


    Liebe Strano,
    diese Aussage erschreckt mich. Missverstehe ich dich oder sagst du damit nicht eigentlich: Die Meinung steht, nun brauchen wir nur noch die Argumente? :no:


    Du nutzt alle möglichen und unmöglichen Mittel, um uns davon zu überzeugen, dass der Kaiser nicht nackt ist, obwohl selbst ein Kind dies erkennen kann.

    Es gab eine Zeit - und auch heute ist es eigentlich noch so - da konnte jedes Kind erkennen, dass die Sonne sich um die Erde bewegt. Menschen starben, weil sie das Gegenteil behaupteten.


    Für mich gibt es ohnehin nur gelungenes und weniger gelungenes Theater.

    Lieber Rheingold, dies - so scheint mir - ist die Position aller, die hier als Verteidiger des Regietheaters gelten. Doch selbst wenn man nur ein RT-Inszenierung gut fände, trüge man schon das Kainsmal.

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Steinigen, mein Gott, wie theatralisch! In diesem Thread gibt es ja eigentlich nur ein echtes Problem: die Unverhältnismäßigkeit. Deine Argumentation ist ja an sich nicht schlecht, sie ist per se auch nicht arrogant oder unverständlich, aber das Problem besteht darin, wofür du argumentierst. Du machst dich zum Anwalt einer Sache, die dein Mandat nicht im geringsten verdient. Du bemühst Philosophen, Gleichnisse und wissenschaftliche Abhandlungen, um uns davon zu überzeugen, dass es sich beim Hundekot auf unserem Teller in Wirklichkeit um Mousse au chocolat handelt und wir das nur nicht sehen.

    Ist das nicht unverhältnismäßig? Eine Art Theater, das man nicht mag, mit Hundekot (also Dreck) zu vergleichen? Ich mache mich hier vornehmlich als Ästhetiker zum Anwalt dieser Sache, weil man ihr wie ich meine Unrecht tut. Dahinter steht eine ästhetische Konzeption, die man finde ich Ernst nehmen muß.


    Was ich nicht verstehe. Dieses Projekt wurde mit großer Verve vollmundig angekündigt, und jemand, der sich mehrfach so kritisch über diesen Thread geäußert , der Alfred indirekt um eine politische Stellungnahme gebeten und letztenendes die Außenwirkung des Forums einmal mehr argwöhnisch betrachtet hat, täte doch sehr gut daran, in einem eigenen Thread seine Sicht der Dinge umfänglich darzulegen. Warum also nicht? Sind es Bedenken, dass ein solcher Thread nicht den erhofften Anklang findet? Oder ist es dann letztenendes doch die mittlerweile vielleicht zur Genüge ausgelebte Lust daran, missliebige Threads anderer zu unterminieren?

    Ich bin halt durch Erfahrung skeptisch geworden. Philosophische Threads funktionieren nicht sondern eskalieren, solche über Kunst auch nicht. Es macht einfach kein Vergnügen ständig gegen Wände zu laufen, wenn man keine Bereitschaft zum Mitdenken und eine grundsätzliche Aufgeschlossenheit für die Sache feststellt. Ich fand die Diskussionen hier ja zeitweise doch ganz aufschlußreich für mich. Wie wirkt sich Ästhetik im Alltag aus, bei ganz "normalen" Opernbesuchern? Kann man mit Ihnen über solche Fragen diskutieren? Da war ich ganz einfach neugierig.


    Nachdem er nun nochkundgetan hat, dass ihn die meisten "Ekelbilder" (wie etwa Seite 11, Beitrag 320, Seite 13, Beitrag 375 und viele andere), in diesem Fall tatsächlich Einzelbilder, von der Bildsprache her eher positiv ansprechen, dann ist er für mich ohnehin kein Partner mehr, mit dem ich verkehren möchte.

    Naja. Das ist ungefähr so, wie wenn ein Vegetarier zu einem Fleischesser sagt: Mit Dir verkehre ich nicht mehr.


    Das, und nur das wird dir als Arroganz ausgelegt - dass du das Regietheater mit der "Sonne" vergleichst, in die du angeblich geblickt haben sollst. Wer nämlich wirklich "im Schatten" ist, das sollte noch einmal gründlich überdacht werden.

    Das habe ich nie gemacht. Die Sonne bei Platon ist die Wahrheit, und die gehört keinem Menschen - dem Philosophen am allerwenigsten.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Für mich gibt es ohnehin nur gelungenes und weniger gelungenes Theater.

    Lieber Rheingold, dies - so scheint mir - ist die Position aller, die hier als Verteidiger des Regietheaters gelten. Doch selbst wenn man nur ein RT-Inszenierung gut fände, trüge man schon das Kainsmal.[/quote]


    (dieses Zitat ist ein Zitat von Lynkeus, der Rheingold zitiert; es ist der Text, auf den ich mich beziehe. Das ist mir technisch etwas missraten).


    Das ist ja eine ganz neue Zuschreibung; unbegründet und durch nichts belegt, aber eine schöne Selbstbeweihräucherung. Bisher hattet ihr nur auf eurer Seite: die Modernität, das Mobbing-Opfer (mit Kainsmal!), die Wissenschaft (offensichtlich mit Ausnahme der Wissenschaft der Musikologie), die akademische Qualifikation, die Philosophie.
    Jetzt ist auch noch das RT automatisch das gute Theater. Ich bin ein Gegner dieses Theaters, aber ein Liebhaber der modernen Regie. Ich habe schon früher davon eine Reihe von Beispielen aufgezählt: der Britten - Zyklus in Düsseldorf, eine Reihe von Inszenierungen in Gelsenkirchen (Parsifal, Mefistofele, Tote Stadt, Gloriana), Essen (Hercules, Ottone in Villa).

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Doch selbst wenn man nur eine RT-Inszenierung gut fände, trüge man schon das Kainsmal.


    Diese Behauptung ist schlichtweg falsch!!! Unser Mitglied JLang hat vor ein paar Tagen einen erlebten Opernabend ausführlich geschildert, dessen Inszenierung bei den meisten von uns nicht auf Zustimmung stieß. Keiner ist über JLang hergefallen, obwohl er auch gesagt hat, daß es ihm stellenweise gefallen hat. Es ist seine Meinung und er hat praxisbezogen berichtet. Das haben alle akzeptiert. Niemand ist über ihn hergefallen. Ich selbst habe ihm für seinen Bericht gedankt und ihm Mut für weitere gemacht - (s. auch m. Btr. 1.026).
    CHRISSY

  • Es wird hier immer wieder von "Regietheater" gesprochen. Ich habe z. B. schon einige gelungene Inszenierungen hier aufgeführt, die man mit diesem unzutreffenden Begriff belegen würde, zu denen aber niemand, auch nicht die Freunde des sogenannten Regietheaters Stellung bezogen hat (so z.B. "Tristan und Isolde" von Chereau 2008 in Mailand). Erst kürzlich wurde hier mehrfach (Harald, La Roche und auch ich) auf die Übertragung von Boitos "Mefistofele" (eine der wenigen Ausnahmen, die in den letzten Jahren auf dem Sender, der sich ZDFkultur schimpft) hingewiesen, und auch von uns dreien eine kurze Stellungnahme abgegeben. Die Oper ist z.B. in den beiden Walpurgisnachtszenen modernisiert ist, aber so geschickt und packend inszeniert, dass man sich eine Walpurgisnacht oder auch die klassische Walpurgisnacht durchaus auch so vorstellen könnte. In die Handlung wurde aber keineswegs frevelhaft eingegriffen.
    Auch das waren Inszenierungen, über die man durchaus hätte sprechen können, aber die hat sich wohl niemand angesehen. Ich habe noch wenige andere gelungene Inszenierungen, die man unter den falschen Begriff "Regietheater" einordnen könnte.
    Was in diesem Thema vorgestellt wurde, waren doch ausschließlich Verunstaltungen, die die Handlungen ins Absurde oder Lächerliche zogen, aber diejenigen, die sie verteidigen, haben sie sich, wie sich ja herausgestellt hat, noch nicht einmal angesehen. Ich sehe mir auch diese Inszenierungen - auf youtube oder im Fernsehen -, wenn nötig, weil unerträglich, im Schnelldurchlauf an. Wer von denen, die hier so großartig die Verteidigung dieser konkret gezeigten verunstalteten Inszenierungen vornehmen, hat diese denn überhaupt gesehen? Diese Frage wurde hier mehrfach gestellt, aber durch verschämtes Schweigen beantwortet. Andererseits wurde von Seiten der Verteidiger immer wieder betont, dass man doch nur mitreden könnte, wenn man es auch gesehen hat. Haben sie sich damit nicht selbst damit die Berechtigung zur Stellungnahme aberkannt???


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Ich erspare mir jeden Kommentar


    Ist auch nicht nötig. Der Artikel und vor Allem die Zuschriften dazu sagen genügend aus darüber, wer das Verunstaltungstheater (und das ist es in diesem Falle wirklich, wortgetreu "Verunstaltung") fördert, protegiert, künstlich am Leben erhält. Wieso hat der Rezensent die Buhorkane nicht erwähnt und von einer gelungenen Inszenierung gesprochen?


    Wir beschimpfen uns hier gegenseitig (obwohl die übergroße Mehrheit von uns ein gemeinsames Hobby hat - die Musik), fallen aber immer wieder auf Presseveröffentlichungen herein. Hier werden Meinungen gebildet, Stimmungen manipuliert, einseitig am Ziel vorbeischießende Inszenierungen in den Himmel gehoben und Aufführungen ohne Verfälschung als mißlungen bezeichnet. Gerade aus diesem Grunde habe ich zum Jahresende mein Opernglas-Abo gekündigt. Einen positiven Effekt hat die ganze einseitige Presse (einseitig ist sie auch bei der Energiewende, der Beurteilung des Abhörskandals, bei der Auswertung der israelischen Siedlungspolitik, bei der Beurteilung der Kriege im Irak, in Afghanistan usw.) aber auch: ich erfahre, in welche Inszenierungen ich auf keinen Fall gehe.


    Und wenn einer schon eine Glosse (eine Glosse ist ja nicht ernst zu nehmen, ich betrachte sie als eine Art Kabarett) nicht versteht oder verstehen will (Beitrag 1157), bin ich gespannt, was der Verfasser von 1157 zur Idomeneo-Kritik sagen wird. Übrigens gebe ich Lynkeus in einem doch recht: Der Goethe-Satz "was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen" stimmt aus den o.g. Gründen der subjektiven Berichterstattung schon lange nicht mehr. Nicht mal der Wetterbericht.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Übrigens, lieber Chrissy, finde ich das Attribut "Genussmensch", wenn ich es mir richtig überlege, geradezu eine adelnde Bezeichnung.


    Lieber Marcel
    Das stimmt schon und ich sehe das normalerweise genauso. Wenn, ja wenn man das ehrlich meint. Anders ist es, wenn man zwischen den Zeilen lesend, etwas anderes Gemeintes erkennt.
    Ich hoffe, daß ich kommende Woche evtl. zum "Genießer" beim Freischütz werden kann. Ganz sicher bin ich mir aber, ein paar Tage drauf, am 24., planen wir erneut nach kurzer Zeit, zur Carmen zu fahren. Die war so was von gut, die ist wirklich was "zum Genießen".
    (lieber Gerhard, verzeih mir´bitte, daß ich Dich hier lüstern mache).
    Herzliche Grüße
    CHRISSY

  • Wieland Wagner kann ein Lied davon singen- kühn, sich in ein solches Haifischbecken zu begeben, wo die Klagenden vorzugsweise unter sich sein wollen, oder brav den Gesetzen von Schwarmintelligenz folgend nur diejenigen in ihren Reihen dulden, die ihre Auffassungen teilen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:


    Mein lieber Thomas,


    auch ich, ich gestehe es, war anfangs durch Wielands Inszenierungen mehr als irritiert - hier mußte ich einen Gewöhnungsprozeß durchlaufen.


    Dennoch: Ein Vergleich mit Wieland Wagner geht ins Leere, denn in all seinen Produktionen (die ich kenne) gibt's keine einzige, in der er Ort der Handlung oder gar eine Transferierung in die Jetztzeit vorgenommen hat. Und das ist der Punkt!