Ferenc Fricsay - eine viel zu kurze Karriere

  • Wie ich finde einer der besten Beethoven aufnahmen die es gibt. Fricsay dirigiert die 9. mit voller Dynamik und Wucht. Die Berliner spielen sehr konzentriert und das merkt auch man sehr. Am besten ist der 4. Satz Die Solisten und besonders der Dieskau singt mit Genuss und Wärme, sowie der Chor mit voller Lebendigkeit und Sangesfreude. Für 1958 ist die Tonqualität ziemlich gut.

    Hallo Klassikfan1,


    das hast Du ganz richtig erkannt. Trotz mindestens weiteren 20 Einspielungen des Werks ist Fricsays Version bis heute meine liebste geblieben. Das mag nicht nur, aber sicher auch damit zu tun haben, daß ich Beethovens Neunte mit dieser Aufnahme erstmals gehört habe. Es war ein Weihnachtsgeschenk im Jahr 1960, lange ist's her! Damals noch auf 2 LPs, in der Monofassung, weil ich zu dieser Zeit noch keinen Stereo-Plattenspieler besaß.

    Nicht ohne Grund erwähnst Du besonders die Leistung von Fischer-Dieskau für die so wichtige Bariton-Partie im Schlußsatz. Das hat schon der Kritiker Christoph Ecke im Jahr 1962 erkannt, als er in einer vergleichenden Rezension schrieb: " …. nächst Klemperer erhebt Fricsay Anspruch auf Beachtung. Er hat mit die besten Solisten, insonderheit in Fischer-Dieskau den besten Baß seit Weingartners Richard Mayr (damit meint er eine Aufnahme von 1935!) (….) die Darstellung ist, wenn man von gelegentlichem Knausern mit Wiederholungen absehen will, eindringlich, voll tiefer Empfindung und wachen Verständnisses; die Tempi sind organisch bestimmt."


    Die Überspielung auf CD ist übrigens hervorragend gelungen; gegenüber der LP ist eine gewaltige Steigerung festzustellen. Für mich nach wie vor eine der Leitinterpretationen dieses vielstrapazierten Werkes.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ferenc Fricsay (1912-1963) zählte zu der großen Riege ungarischer Dirigenten, die die Musikwelt im 20. Jahrhundert enorm bereichert haben.


    Seine steile Nachkriegskarriere begann im blockierten Berlin, im Jahr 1948, wo er mit einigen Konzerten sowie der ersten Nachkriegsaufführung von Verdis DON CARLOS (im Admiralspalast) so großes Aufsehen erregte, daß ihm die Deutsche Grammophon Gesellschaft auf der Stelle einen Exklusivvertrag anbot. Die Folge war eine Fülle von Aufnahmen auf der soeben eingeführten Langspielplatte, die den Namen des Dirigenten bald auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Für den Plattenkäufer der 1950er Jahre wurde der Name FRICSAY rasch zu einem Qualitätssiegel.


    Ich will mich hier aus gegebenem Anlaß (siehe Thread: Beethoven: Sinfonie Nr.7) auf seine Beethoven-Aufnahmen beschränken, die er bei der DGG herausgebracht hat. Den Anfang machten die Sinfonien Nr. 1 & 8, die er 1953 in der West-Berliner Jesus-Christus-Kirche einspielte, natürlich noch in Mono. Obwohl die Platte durchaus Furore machte, riet ihm die damalige Produktionsleiterin der DGG, Frau Prof. Elsa Schiller, mit einem kompletten Zyklus noch eine Weile zu warten, damit er seine künstlerischen Fähigkeiten weiter vervollkommnen könnte. Deshalb wurde das Projekt zunächst einmal gestoppt, und erst 1957, nachdem die Stereophonie ihren Einzug auch bei der DGG gehalten hatte, beschäftigte sich Fricsay wieder mit der Fortsetzung des Zyklus, indem er zunächst um die Jahreswende 1957/58 Beethovens Neunte in die Rillen bannte. Diese Aufnahme übertraf alle Erwartungen sowohl bei der Kritik als auch bei den Käufern und wurde zu einem durchschlagenden Erfolg:

    Seit der Erstveröffentlichung 1958 ist diese Aufnahme praktisch nie aus dem DGG-Katalog verschwunden, und für nicht wenige Musikfreunde wird sie noch heute als Geheimtip gehandelt. Und das gilt nicht nur für den künstlerischen Teil, sondern auch für die großartige Leistung der Tontechniker, die hier ihrem Namen alle Ehre gemacht haben.

    1958 folgte zunächst die Aufnahme der EROICA, die ebenfalls den Ruf des Dirigenten festigte. Doch dann kam der erste Einbruch: Fricsay erkrankte Ende 1958 schwer, man diagnostizierte Magenkrebs. Der Dirigent mußte ein fast einjährige küsntlerische Pause einlegen, bevor er wieder an die Öffentlichkeit trat und seine Aufnahmetätigkeit fortführen konnte. So kam es 1960 zur Einspielung der Siebenten, und ein Jahr später konnte noch die Fünfte produziert werden. Doch dann brach die eingedämmte Krankheit erneut aus, Fricsay konnte zwar noch die wiedererstandene Deutsche Oper in Berlin (mit Mozarts "Don Giovanni") eröffnen, aber danach war es nicht mehr möglich, den Zyklus mit den fehlenden Sinfonien Nr. 2, 4 & 6 zu vollenden. Auch die Nr. 1 & 8, die Fricsay (siehe oben) 1953 in Mono aufgenommen hatte, sollten durch neue Stereoversionen ersetzt werden. Leider kam es nicht mehr dazu: am 20. Februar 1963 starb der große Künstler an den Folgen seiner Krebserkrankung in Basel. Nicht nur der Beethoven-Zyklus, auch viele weiterreichende Pläne wurden dadurch zunichte gemacht. Ein reiches, aber viel zu kurzes Leben war zu Ende gegangen.


    Man kann darüber spekulieren, ob die Karriere von Herbert von Karajan, der schon in der ersten Krankheitsperiode Fricsays einen Vertrag mit der DGG abschloß, genauso verlaufen wäre, wie sie schließlich verlaufen ist. Jedenfalls hatte er in Deutschland, vor allem in West-Berlin, und bei den Salzburger Festspielen einen Konkurrenten verloren, der seiner ebenbürtig war, und sein spektakulärer Beethoven-Zykus von 1962 wäre wahrscheinlich erst Jahre später auf den Markt gekommen.


    Zum Schluß noch eine erfreuliche Nachricht: Fricsays Beethoven-Aufnahmen der Sinfonien 3, 5 & 7 erscheinen in wenigen Tagen, am 15. Juni 2026, auf zwei "Esoteric SACDs" (was auch immer das heißen mag) neu, in dieser Aufmachung:

    Die Freude schwindet allerdings, wenn man den Preis für das 2 CD-Album liest: stolze 150 €! Da fragt man sich ernsthaft, wer dieses Album wohl kaufen soll!


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • "Esoteric SACDs" (was auch immer das heißen mag)

    Esoteric ist ein Remastering-Studio in Japan, bzw. auch Gerätehersteller, die klanglich zum Besten gehören sollen was auf dem Markt erhältlich ist, also im absoluten High-End-Segment angesiedelt. Auch preislich...

    De gustibus non est disputandum :saint:

  • Die Freude schwindet allerdings, wenn man den Preis für das 2 CD-Album liest: stolze 150 €! Da fragt man sich ernsthaft, wer dieses Album wohl kaufen soll!

    Lieber Nemorino,


    das ist einfach irre! Die klangliche Qualität der Esoteric-CDs ist wohl überragend - ich habe allerdings keine. Ich weiß nur, dass sich UHQCDs wirklich lohnen. Die Preise bei Esoteric sind allerdings "esoterisch" um nicht zu sagen abgedreht. Und das im Zeitalter von Streaming, wo man dann u.U. dieselbe Aufnahme im HiRes-Format zum Nulltarif haben kann, wenn man Streaming nutzt. Ich bleibe ja ein Anhänger der CD, aber bei dieser Preisgestaltung geht für mich das Augenmaß verloren angesichts der rein digitalen Konkurrenz. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • bei dieser Preisgestaltung geht für mich das Augenmaß verloren

    Allerdings, lieber Holger! Ich glaube nicht, daß die Gesamtauflage in den dreistelligen Bereich vordringt, zumal bei einer Aufnahme, die mehr als 60 Jahre alt ist und dessen Dirigent, bei aller Berühmtheit, den meisten jüngeren Musikfreunden kein Begriff mehr ist. Ich weiß wirklich nicht, welche "Käuferschicht" man damit erreichen will.


    Ich komme jetzt noch einmal auf Fricsays Beethoven-Sinfonien zurück, die sich nicht nur aufnahmetechnisch, sondern auch interpretatorisch sehr voneinander unterscheiden. Die Sinfonien Nr. 1 & 8 wurden, wie gesagt, 1953 in Mono eingespielt; danach folgte eine schöpferische Pause von fünf Jahren, bis Fricsay seine Arbeit an dem geplanten Beethoven-Zyklus mit den Aufnahmen der Neunten und der EROICA fortsetzte. Inzwischen hatte die Stereophonie Einzug gehalten, aber Fricsays Interpretationsstil hatte noch keine umfassende Wandlung erfahren. Wie in den jugendfrischen Aufzeichnungen von Nr. 1 & 8 ließ auch hier der Dirigent die Zügel locker, es wurde kein Schnelldurchmarsch à la Toscanini, aber Fricsays Auslegung war weit von Klemperers majestätischer Lesart entfernt. Im Gegenteil, vor allem die Dritte weist durchgehend lebhafte Tempi auf, besonders in den Sätzen eins und vier. Ähnliches ereignet sich bei der Neunten, wobei Fricsays Liebe zu den Details immer wieder durchscheint.

    Doch dann erfolgt ein harter Einschnitt: Fricsays Krankheit bricht Ende 1958 aus, und er muß fast zehn Monate warten, bevor er wieder ans Dirigentpult treten kann. Er nimmt auch seine Arbeit an den Beethoven-Sinfonien wieder auf, und so folgt 1960 die Aufnahme der Siebenten. Die zeigt einen ganz neuen, völlig verwandelten Fricsay: Die Tempi werden deutlich langsamer, fast getragen, und in der "Apotheose des Tanzes" sind fast alle Spuren von Tanz und Lebensfreude von einer beinahe greifbaren Melancholie überlagert, die der Aufnahme eine ganz unverwechselbare, aber faszinierende Note vermittelt. Zum Vergleich habe ich einmal die zwei Jahre später entstandene Karajan-Aufnahme mit demselben Orchester herangezogen, und da ergeben sich folgende Spielzeiten:

    Fricsay: 1. Satz 13.10 /2. 9.56 /3. 8.37 /4. 7.25 Min.

    Karajan: 1. Satz 11.22 /2. 7.57 /3. 7.48/4. 6.35 Min.

    bei, soweit in feststellen kann, gleicher Behandlung der Wiederholungen.

    Noch eklatanter zeigt sich das bei der ein Jahr später, 1961, enstandenen Fünften:

    Fricsay: 1. Satz 9.10 /2. 13.15/3. 6.23/4. 9.30 Min.

    Karajan: 1. Satz 7.14/2. 10.01/3. 4.55/4. 8.56 Min.

    Inzwischen war Fricsays Erkrankung erneut ausgebrochen, seine Kräfte ließen rasch nach, und so mußte der Zyklus mitten im Entstehen abgebrochen werden und blieb als Torso zurück.


    Übrigens zeigt sich eine ganz ähnliche Entwicklung bei Fricsays Mozart-Sinfonien. So hat er beispielsweise die Nr. 29 KV 201 (1955) und Nr. 41 KV 551 (1953) mit dem RIAS Symphonie-Orchester in Mono aufgenommen. Nach seiner ersten Krankheitsphase kam es bei einem Besuch in Wien noch zu den Aufnahmen der Sinfonien Nr. 29, 39-41 mit den Wiener Symphonikern, deren Interpretationsstil sich deutlich von seinen früheren Berliner Aufnahmen unterscheidet. Auch hier liegt ein Hauch von Melancholie, man möchte fast sagen: Abschiedsstimmung, über seinen tiefschürfenden Auslegungen, die den Werken einen ganz eigenen, stimmungsvollen Charakter verleihen. Ich halte diese späten Mozart-Sinfonien aus Wien für sein ganz persönliches Mozart-Vermächtnis, mit keinen mir sonst vorliegenden Aufnahmen vergleichbar. Es gibt sie noch in diesem 2 CD-Album:


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Von Beethoven habe ich von Friscay nur die Neunte ( 1958 ), die gehört für mich zu den Top Einspielungen. Und die Mozart Doppel CD ist gebraucht ja noch erhältlich - sollte man unbedingt haben !

    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

  • Bewertung ist stets relativ. Meine Lehrzeit bei der Buchgemeinschaft Donauland, begann am 1, September 1964.Die Filiale, der ich zugeteilt war gatte eine eigene große Schallplattenabteilung, unteriridisch, künstlich klimatisiert, mit Abhörkabinen und allem pi pa po. Dort verbrachte ich den Hauptteil meiner Zeit, weil ausser mir niemand dort arbeiten wollte. Da bekam ich alle einschlägigenEntwicklungen mit. Buchgemeinschaften durften nur Lizenzausgaben anbietzen, das waren Produkte, die der frei Fachhandel aus verschiedenen Gründen verschmähte (veil sie für schwer verkäuflich galten) Und so war ich plätzlich mit jeder Menge Fricsay Aufnahmen konfroniert, Vorerst unter dem Pseudo Eigenlabel "ATLAS RECORD" (dahinter verbarg sich die DGG) dann unter dem Reallabel mit Aufkleber "Club Sonderauflage")

    Da waren Beethovens Sinfonien darunter - in Mono und in Stereo. Die Buchgemeinschaft erhielt die Lizenzen, weil niemand dies Aufnahmen mehr wollte. Fricsay war tot, Der Zyklus (und andere) waren unkomplett und noch dazu teilweise MONO (DAMALS ein NO GO)

    Und selbstverständlich waren die Platten billiger als im freien Handel. Dort bejubelte man soeben die neuen Karajan Aufnahmen.

    Heute verlangt man für diese Aufnahmen Mondpreise. Verkehrte Welt !!


    mfg as Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Ich glaube nicht, daß die Gesamtauflage in den dreistelligen Bereich vordringt, zumal bei einer Aufnahme, die mehr als 60 Jahre alt ist und dessen Dirigent, bei aller Berühmtheit, den meisten jüngeren Musikfreunden kein Begriff mehr ist. Ich weiß wirklich nicht, welche "Käuferschicht" man damit erreichen will.

    Lieber Nemorino,


    wenn diese Esoterik-CDs zusammen 50 oder 60 Euro kosten würden, wäre ich bereit sie zu kaufen. Leider gehöre ich nicht zu den zahlungskräftigen Japanern, an die sich dieses Angebot wohl richtet und die eine Vorliebe für solche perfekt remasterten Aufnahmen auf CD haben. Deshalb vermute ich sogar, dass diese CD in kurzer Zeit ausverkauft sein wird. ^^


    Das ist ja hoch spannend, was Du schreibst. Bemerkenswert, wie Friscays Befindlichkeit auf seine Auffassung der Musik "abgefärbt" hat. Ich finde das sehr sympathisch. Er gehört offenbar zu den Musikern, die sich mit der Musik identifizieren, die sie spielen, so dass dann in dieser Identifikation auch das Persönliche einfließt. Wo sind denn die Friscay-Beethoven-Aufnahmen noch greifbar? Die Eroica z.B. würde mich sehr interessieren! Aber natürlich auch alle anderen Beethoven-Symphonien mit Friscay. Von seinem Mozart habe ich mindestens zwei verschiedene CDs. Da müsste ich nachher mal schauen.


    Einen schön Sonntag wünschend :hello:

    Holger

  • Wenns nicht unbedingt "esoterisch" sein muß (ich meine, das Wort alleine sei Warnung genug !!) dann kann man eine Doppel CD (DGG) mit der 3.,5.,7. und 8. bei medimops "Gebraucht-sehr gut" für 8 Euro plus Versand erstehen......:hello:

    Ebens eine CD mit der neunten .......

    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Banner Strizzi
  • Von Esoteric Japan kenne ich die eine oder andere Aufnahme. Allerdings haben mich die von den Emil Berliner Studios besorgten Remasterings für die Konkurrenz von Tower Record Japan mehr überzeugen können. Auch Fricsays Beethoven gibt es in deren "Vintage SA-CD Collection", und zwar Nr. 3 (Vol. 21), Nr. 5 & 7 (Vol. 15) und Nr. 9 (Vol. 8). Bei CDJapan wird man ab EUR 19,09 fündig.


    MzktMzM0OC5qcGVn.jpeg


    MjMtNDczMC5qcGVn.jpeg


    NzgtMTU3OS5qcGVn.jpeg

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Die 3. und die 5. liegen hier noch ungehört, die 9. ist schlichtweg großartig, musikalisch wie technisch.

    De gustibus non est disputandum :saint:

  • Leider ergeht es FERENC FRICSAY ähnlich wie vielen anderen hervorragenden Interpreten des letzten Jahrhunderts, indem kaum noch jemand der jüngeren Generation von ihm spricht, oder überhaupt noch seinen Namen kennt, was für ältere Musikliebhaber, die sich auch für die Interpretation eines Werkes interessieren, kaum zu fassen ist. Umso mehr sollte es sich unser Forum zur Aufgabe - ja Pflicht - machen, immer wieder an solche Namen erinnern, und diese bei Interpretationsvergleichnen weiter berücksichtigen

    .

    Ich erlebte einmal FERENC FRICSAY im Fernsehen mit einer Einstudierung des "Zauberlehrling" mit dem RADIO-SYMPHONIE-ORCHESTER BERLIN, und ich war zutiefst beeindruckt, mit welcher Akribie, Hingabe und Geduld er - schon von Krankheit gezeichnet - dieses interessante Werk von PAUL DUKAS mit seinem Orchester erarbeitete.

    Die von mir besonders hoch eingeschätzten Schallplattenaufnahmen FRICSAYs sind das bei HELIODOR eingespielte Klavierkonzert Nr. 3 von BEETHOVEN, wie auch MOZARTs Konzertrondos KV 382 und 386 mit der famosen und unvergeßlichen ANNIE FISCHER mit dem BAYERISCHEN STAATSORCHESTER. Die beiden Ungarn harmonieren wundervoll, und ich bin immer wieder begeistert von dem zupackenden Ernst und der herrlichen Transparenz, mit der hier musiziert wird. FRICSAY ist auch hier Garant für stilistische Sauberkeit, und das von ihm ausgehende breitströmende, spannungsvolle Musizieren bar jeglicher vordergründiger Effekte ist immer wieder imponierend.

    Diese Attribute treffen auch weitgehend auf die Pianistin ANNIE FISCHER zu, die kongenial mit ihrem Landsmann zusammenwirkt. Ihr MOZART-Spiel ähnelt sehr dem von CLARA HASKIL und ist klar bis ins letzte Sechzehntel, ohne daß diese Klarheit zu Lasten des emotionalen Gehalts der Musik geht. Nicht umsonst waren KLEMPERER und SVIATOSLAV RICHTER von ihrem Spiel tief beeindruckt. Alle drei Werke sind für mich bis heute Referenzaufnahmen.





    wok

  • An der Stelle sollte dann ein weiteres Aufeinandertreffen von Fricsy mit einer ungarischen Landsfrau erwähnt werden. Gemeind ist die legendäre Aufnahme von Dvoraks Violinkonzert mit der ungarischen Geigerin Johanna Martzy. Es gibt dieses Konzert auch als Runfunkaufnahme, indes: bei dem von der DGG aufgenommen Konzert handelt es sich um ein Sternstunde von Zusammenspiel, Werkdarbietung und Temperament. Die nicht ganz unschwierige Martzy und Fricsay scheinen sich blind zu verstehen.



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Umso mehr sollte es sich unser Forum zur Aufgabe - ja Pflicht - machen, immer wieder an solche Namen erinnern, und diese bei Interpretationsvergleichnen weiter berücksichtigen

    Das geschieht gerade jetzt in vermehrtem Maße.

    Ich hatte -nach meiner Rückkehr aus dem Spital - mit astewes strategische Gespräche, wo wir über dieses Problem diskutierten.

    Astewes vertrat den Standpunkt, es sei verlorne Liebesmüh, weil keine Interessenten mehr für diese Interpreten existierten. Ich hingegen meinte, sie existierten noch, aber vorzugsweise als mitleser.Man müsse versuchen sie in Forum zu locken. Aber auch die (wenigen) Interessenten im Forum müsse man motivieren. Wie die Entwicklung zeigt, scheine ich recht zu behalten. Schliesslich wurde in den Letztn Wochen über Krips, Fricsay, Ansermet, Monteux, Furtwängler, Leinsdorf, Szell, Klemperer, Casadesus, Badura-Skoda, Trudelies Leonhardt, Wilma Lipp etc etc diskutiert, bzw wurden sie erwähnt. Ich witzelte: "Wenn wir so weitermachen, sind wir bald bei Arthur Nikisch angelangt. (Beethovens 5. - 1913') DEsungeachtet werden auch neue Interpreten erwähnt - von mir allerdings nur, wenn sie nicht "werkzerstörerisch" agieren....:baeh01:


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Wo sind denn die Friscay-Beethoven-Aufnahmen noch greifbar?

    Wenn es Dir speziell um die Beethoven-Sinfonien geht, lieber Holger, die sind gebraucht noch relativ günstig in diesem 2 CD-Album zu haben (jpc hat sie z.Zt. nicht im Angebot):

    Sinf Nr.3+5+7+8

    Da ist die EROICA dabei, aber es fehlen die Sinfonien Nr. 1 & 8 (Mono) und die Neunte (Stereo), die aber auch gebraucht bei diversen Anbietern erhältlich sind.

    Der ganze FRICSAY (d.h. alle seine DGG Konzert-Aufnahmen) gibt es in einer 45 CD-Box, und wirklich alles kann man in einem Schuber mit insgesamt 86 CDs erwerben, alles gebraucht. Ziemlich teuer, aber kein Vergleich zu dem ESOTERIC-Angebot:D!


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • das bei HELIODOR eingespielte Klavierkonzert Nr. 3 von BEETHOVEN, wie auch MOZARTs Konzertrondos KV 382 und 386 mit der famosen und unvergeßlichen ANNIE FISCHER mit dem BAYERISCHEN STAATSORCHESTER.

    Lieber wok,


    es handelt sich in Wahrheit um eine Original-DGG-Produktion von 1959, die erstmals so auf den Plattenmarkt kam:

    Beethoven : Klavierkonzert Nr. 3 : Annie Fischer / Fricsay : Deutsche Grammophon

    Nach Fricsays Tod und dem Abgang der Produktionsleiterin Prof. Elsa Schiller hat man, kurzsichtig wie man war, fast die gesamten Fricsay-Aufnahmen ab 1965/66 auf dem Billig-Label HELIODOR verramscht, sogar solche Perlen wie die oben abgebildete. Vor einiger Zeit sah ich ein Video mit David Hurwitz, da besprach er einige Beethoven-Alben mit den 5 Klavierkonzerten. Auf einmal zauberte er aus seinem Regal die obige Aufnahme hervor und überschlug sich fast in Lobeshymnen! Es sei die allerbeste, die himmlischste Version des 3. Konzertes, die er in seinem Leben gehört hätte.

    Erst gegen Ende der 1970er Jahre entsann man sich bei der Deutschen Grammophon des großen Künstlers Ferenc Fricsay und widmete ihm eine umfangreiche LP-Edition "FERENC-FRICSAY-PORTRAIT", in auffälliger silberner Hülle, die im Midprice-Segment angeboten wurden. Unser neues Mitglied Orffeus hat kürzlich daraus die Aufnahme des Till Eulenspiegel von Richard Strauss (1950) vorgestellt. Trotz Mono noch heute ein Spitzenprodukt!

    FERENC FRICSAY im Fernsehen mit einer Einstudierung des "Zauberlehrling"

    Da gibt es mit ein wenig Glück noch folgendes "Schmankerl" zu ergattern:


    Fricsay probt und dirigiert Smetanas "Moldau" mit dem SO des Süddeutschen Rundfunks (1960). Auch diese Aufführung mitsamt der Probe wurde seinerzeit in der ARD gezeigt. Die Probe allein ist die CD wert, es ist eine Pracht, wie locker Fricsay mit dem Orchester probt und zwischendurch auch mal Witze macht, und sein ungarisch gefärbtes Deutsch läßt zusätzlich Freude aufkommen.

    Ferenc Fricsay war ein weltweit bekannter und berühmter Künstler. So berichtete der Südafrikaner Tully Potter seinerzeit: "Als ich 18 wurde, bekam ich zu meinem Geburtstag Geld geschenkt. Davon kaufte ich mir die ersten drei Klassik-LPs meines Lebens, und zwar Dvoraks 'Neue Welt', Tschaikowskys 'Pathétique' und die 'Scheherazade' von Rimsky. Das war in Rosebank, einem Vorort von Johannesburg, Ende 1960. Völlig ahnungslos ging ich zur Kasse, da sagte der Ladenbesitzer: 'Mit der DGG kann man nichts falsch machen, und mit Fricsay erst recht nicht'. Ich ahnte damals gar nicht, daß ich in meiner jugendlichen Art gleich in der Spitzenklasse gelandet war. Fricsay hatte den Rimsky mit dem RSO Berlin aufgenommen, die anderen Werke mit den Berliner Philharmonikern, und der Dvorak war eine brandneue Einspielung, die gerade erst in den Läden Südafrikas aufgetaucht war."

    Im Jahr 1974 gründete der Berliner Politiker und ehemalige Berliner Kultur-Staatssekretär Lutz von Pufendorf die Ferenc-Fricsay-Gesellschaft, die sich um die Verbreitung des musikalischen und schriftlichen Nachlasses des Dirigenten kümmert und bis heute tätig ist. Zum Schluß erlaube ich mir ein persönliches Wort: Im Vergleich zu seinem fast gleichaltrigen Landsmann Georg Solti ist dieser in erster Linie ein Technokrat, Fricsay dagegen ein Vollblutmusiker mit Herzblut und einer Wärme, die seinem Kollegen auf weite Strecken abgeht.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Wo wir gerade bei Mondpreisen sind, diese erwarb ich kürzlich in einem Konvolut von 12 LP, alle davon in Top-Qualität und kein einziger Ausfall für rund 15 €. Beim in Ungnade gefallenen Urwaldfluss-Marktplatz wird nur diese LP für 70 Euronen gehandelt... Und ja, sie ist ein hervorragendes Dokument der Fricsay´schen Probenarbeit, auch seine Moldau ist überragend:

    ferenc-fricsay-probe-und-auffuhrung-der-sinfonischen-dichtung-die-moldau-von-friedrich-smetana.jpg

    De gustibus non est disputandum :saint:

  • Hallo Orffeus,


    Gratulation zu Deinem Neuerwerb, ein echtes Schnäppchen!


    Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf: Die "Probe und Aufführung der Moldau" ist, wie schon gesagt, großartig, aber leider nur Mono.


    Es gibt noch eine deutlich besser klingende, 1960 in STEREO produzierte "Moldau" mit den Berliner Philharmonikern. Hier ist sie dabei:

    Diese etwas willkürliche Zusammenstellung, die aber einen guten Überblick über das Repertoire Fricsays ermöglichte, gab es sowohl auf LP als auch auf CD. Mit ein bißchen Glück wirst Du sicher fündig.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Banner Strizzi
  • Dieselbe Aufnahme - ja, aber mit einem anderen Remastering. Finde ich irgendwie amüsant, dass man für Kabel (!) einen vierstelligen Betrag raushaut, aber einem ein gutes Remastering nicht einen deutlich geringeren Betrag wert ist…

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Mit ein bißchen Glück wirst Du sicher fündig

    Wurde ich schon, den orchestral DGG-Fricsay habe ich (digital) komplett, diese Kompilation allerdings auch ca. 1985 erworben auf LP.

    Was mich sehr wundert ist, warum in diesem Thread noch nicht die Sprache auf seinen "Fliegenden Holländer" gekommen ist, der trotz seines Alters (1952) hervorragend klingt, und von einigen noch immer als Geheimtipp für DIE Holländer-Einspielung schlechthin angesehen wird, und in der Tat, so hat man den Holländer noch nie und nie wieder gehört, sehr luftig, ungemein schnell, und mit einer fast kammermusikalischen Intimität, dazu eine exzellente Besetzung mit damaligen Spitzenkräften: Metternich, Greindl, Kupper, Windgassen, Haefliger. Ziehe ich, obwohl Mono, immer noch allen anderen vor.


    De gustibus non est disputandum :saint:

  • Eine weitere Mono Aufnahme aus dem Jahre 1952

    Joseph Haydn: Die Jahreszeiten


    Mono ist für etliche leider ein NO GO.

    Andrerseits: Hätte man noch gewartet bis die Tonträgerwelt stereoreif war, dann hätte man auf die hier agierenden Sänger verzichten müssen: zu spät. !!:(


    Ich würde dagen, daß allein die Sängerbesetzung die Aufnahm unverzichtbar macht, preislich ist sie ja inzwischen in den Keller gefallen - bis irgend ein mieser Spekulant sie zur "absoluten Referenz" hochstilisiert und zu Mondpreisen anbietet.....Noch ist Zeit.



    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Was mich sehr wundert ist, warum in diesem Thread noch nicht die Sprache auf seinen "Fliegenden Holländer" gekommen ist, der trotz seines Alters (1952) hervorragend klingt

    Hallo Orffeus,


    in meiner Sammlung befinden sich sämtliche Opernaufnahmen Fricsays, vom "Blaubart" über Fidelio und die Mozart-Opern bis zum "Holländer", den ich in dieser Version besitze:

    Wagner: Der fliegende Holländer (Gesamtaufnahme)


    Wie gesagt, leider nur in Mono, aber das nimmt man bei der Besetzung und diesem Dirigenten gerne in Kauf. Es gibt eine vergleichbar gute Aufnahme, die wiederum von einem Ungarn dirigiert wurde, von Antal Dorati (DECCA) aus 1960. Die ist schon in Stereo produziert.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • von Antal Dorati (DECCA) aus 1960

    mit George London, auch eine wunderbare Einspielung, mit vergleichbaren Tempi, die dem Holländer ein wenig die Schwülstigkeit nehmen, allerdings ist Dorati dennoch ein wenig dramatischer aufgestellt als Fricsay, ich mag beide Aufnahmen, finde den Fricsay aber noch einen Tacken spannender, allein aufgrund seiner Dichte.

    De gustibus non est disputandum :saint:

  • ich mag beide Aufnahmen, finde den Fricsay aber noch einen Tacken spannender, allein aufgrund seiner Dichte.

    Da bin ich völlig mit Dir einig, nur einen Tausch würde ich gerne machen: Wenn nur Leonie Rysanek statt der zuverlässigen, aber etwas robusten Annelies Kupper Fricsays Senta gewesen wäre. Auch ich habe beide Aufnahmen in Regal und möchte keine davon entbehren:


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Mit Link zum Werbepartner!




    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Kenengelernt haben dürfte ich Ferenc Fricsay durch die Einspielung von Smetanas "Moldau" und sowie Dvořáks Sinfonie "Aus der Neuen Welt" (beide mit den Berliner Philharmonikern), die bei DG "The Originals" zu haben ist. Kaufgrund war damals aber wohl vorrangig das dort ebenfalls inkludierte "Les Préludes" von Liszt (RSO Berlin). Das war gewiss bei allen Werken ein sehr guter Einstieg. Den gesamten Zyklus "Mein Vaterland" hat Fricsay nicht eingespielt, vielleicht blieb ihm schlicht und ergreifend auch nicht mehr die Zeit dafür.


    In der Folgezeit stieß ich auf einige Mozart-Opern unter seiner Leitung, die ihre Meriten haben. "Die Entführung aus dem Serail" gibt es sogar zweifach, allerdings beide Male in Mono; sie erschienen mir seinerzeit künstlerisch am Reizvollsten. Der schlechte Klang lässt sie objektiv indes unter ferner laufen.


    Deutlich später erst kam ich auf seinen Beethoven. Seine Interpretation der 5. Sinfonie habe ich voriges Jahr nach langem wieder einmal gehört und finde sie insgesamt problematisch. Der Spannungsbogen droht für meine Begriffe da und dort abzureißen, das Andante hat so überhaupt kein brio und ist hier eher ein Adagio, kommt beinahe einer Karikatur gleich. Im Kopf- und Finalsatz ist der Furor gehemmt. Nun kann man einwenden, das sei die sehr subjektive Deutung eines Todkranken. Ich würde sie einem Anfänger jedenfalls nicht als Einstieg empfehlen.


    Wenn Hörer der jüngeren Generation mit dem Namen Fricsay nicht mehr viel anfangen können, sollte man ihnen das nicht verübeln. Wer hörte denn in den 1960er Jahren, als Fricsay starb, die Beethoven Fünfte unter Arthur Nikisch, die damals ähnlich weit weg war von der damaligen Jetztzeit wie Fricsays Aufnahme vom Hier und Heute.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Tja, Hoheit, ich darf da einmal in die 1960er zurückschauen. Ob man da den Nikisch gehört hat wage ich zu bezweifeln. Zwischen den Aufnahmen und en 60ern lagen zwei Weltkriege, Original-Platten in Privatbesitz dürften kaum vorhanden gewesen sein. Anfang der 1960er lag die Schellackzeit allerdings nicht sehr lange zurück. Es gab sie noch zuhauf. AUfnahmen einer ganzen Sinfonie, Oper oder allgemein eine klassischen Werkes waren selten und teuer, die wenigsten besaßen so etwas. Die Schellacksammlung, die ich habe, habe ich viel später erst gekauft und gesammelt. Aus Familienbesitz gab's die Tannhäuser-Ouvertüre unter Mengelberg, verteilt auf zwei großformatige Schellacks. Mein Vater nahm Ende der 1950er die Schellacks seiner Eltern auf Tonband auf, so hörte ich sie dann später. Die Plattenfirmen, in dem Bestreben, ihr Angebot zu vergrößern, brachten zu Beginn der 1950er einige der Schellackaufnahmen auf Vinyl raus, in erstaunlich guter Tonqualität. Es war so ungefähr wie heute: diejenigen, die mit den Schellackstars vertraut waren, hörten die auch weiterhin, machten vielleicht auch Jüngere ein bisschen neugierig. Zudem waren Platten teuer und das Angebot schmal. Dank der Tonträger hatten die Alten ein zähes Leben, fast bis auf den heutigen Tag. Als dann stereo kam war das was für Freaks aus gehobene Kreisen. Wer sin in den 1950ern einen Plattenspieler mit Verstärker gekauft hatte (allein aus Platzgründen standen in den Nachkriegswohnungen oftmals Kofferplattenspieler oder Kompaktgeräte), der kaufte nicht nur wenige jahre später ein stereo-Gerät, für das er überdies (noch) keine Platten hatte. Wenn man also in die Zeit zurückblickt waren Künstler wie Fricsay was völlig Anderes als das damals Gängige (zumal in Deutschland, das aus Gründen für einige Jahre von jedweder Entwicklung abgeschnitten war).


    Fricsay gehörte zu denjenigen, die ganz unverbraucht ohne ohne den NS-Hintergrund aufspielten, aber natürlih wurde auch das Alte weiterghört und auch immer wieder aufgelegt, auch die mono-Aufnahmen. Im Rundfunk war's egal, die sendeten ohnehin bis in die 1970er mono (auch wenn die Eigenproduktionen zuweilen stereo aufgenommen wurden. Was war anders? Es gab einen wachsenden Markt, bei dem sehr genau überlegt wurde, was aufgenommen wurde, da es auf der einen Seite im Programm noch viel Luft nach oben gab, allerdings nur auf eine eingeschränkte Kaufkraft zurückgegriffen werden konnte. Man nahm auf Tonband auf, was man sich nicht kaufen konnte.Heute hast Du einen vollends übersättigten Markt. Es geht nicht mehr um das was, sondern um das wie, und horibile dictu, die Alten schwimmen immer noch mit im Becken, nach der einen oder anderen technischen Frischzellenkur klanglich fitter denn je. Und genau an diesem Punkt, der Frage nach dem wie, haben die alten Aufnahmen nach wie vor ihre Berechtigung (und werden sie auch immer haben): wir wählen unsere eigenen Vorstellungen von Interpretation. Das hat's bislang in der Form noch nie gegeben, war auch nie so beabsichtigt, ist nun aber so. Das Flüchtige -der Klang- ist konserviert, fixiert und hat die Sphäre des Beiwohnens beim Aufführungsereignis verlassen, erreicht fixiert das letzte Wohnzimmer, das sich dafür interessiert, ja, schlimmer noch: eine bestimmte Vorstellung von Klang und werk entsteht am Schnittpult in hunderten Schnitten.


    Wären wir auf das angewiesen, was uns räulich erreichbare Konzerthäuser anböten, wäre jeder Musiker kurz nach seinem Tode vergessen, wir hätten nur von einem Bruchteil an Musik Kenntnis und die Aufführungen, denen wir beiwohnten, geisterten durch unsere Erinnerung und würden in dieser zu guten oder schlechten. Da das aber nicht so ist, werden die Herren Fricsay, Ansermet oder Böhm bist in alle Ewigkeit weiterspielen.


    Tja, jetzt habe ich sehr weit ausgeholt, aber der Zeitgeist der späten 1960er und der 1970er sowieso ist mir noch sehr gut präsent um zu wissen, daß man sich seine Leidenschaft für Musik auf alle Möglichkeiten zusammensuchte und eben auch im Rahmen der vorhanden Möglichkeiten. Die waren erheblich schmaler als heute.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.