Elena Obraszowa

  • Lieber Rheingold!

    … bei dieser "Cavalleria" kommen wir nicht zusammen. Ich besaß sie sogar mal, denn ich hatte mich seinerseits auch vom Obraszowa-Hype anstecken lassen. Das ist sich aber gründlich geändert - und hat nichts mit dem zu tun, was unlängst hier ein Streitpunkt gewesen ist. Mir klingt sie zu brustig, zu effekthascherisch, zu alt und - ich sage es ganz offen - zu ordinär.

    Ich habe die Santuzza live von der Obraszova gehört und war begeistert - von der großen klangvollen Stimme, ihrer Bühnenpräsenz und ihrer Leidenschaft Es war wohl die erste italienische Partie, mit der ich sie gehört habe. Vorher hatte ich sie nur in russischen Partien gehört. Als die Aufnahme rauskam, habe ich sie mir denn auch gleich besorgt. Nach dem Anhören konnte ich meine Begeisterung nicht mehr so recht verstehen. Mir geht es genau so wie Dir, lieber Rheingold. Deinen Worten schließe ich mich ganz und gar an:

    Mir klingt sie zu brustig, zu effekthascherisch, zu alt und - ich sage es ganz offen - zu ordinär.

    Trotzdem finde ich sie im italienischen Fach noch besser als im französischen, weil ihre dramatische Gestaltung etwa der Amneris, Azucena oder Ulrica schon imponierend ist. Ihre Charlotte, Carmen, Herodiade und Dalila mag ich mir beim besten Willen nicht mehr anhören. Sie hat keinen Zugang zu der Sprache, zu der französischen Gesangskultur und zu den Figuren.

    Wer aber hören will , warum sie zu den großen Mezzosopranen gezählt wird, sollte ihre Marfa, Konchakovna, Lyubasha, Hélène Bezukhova oder Lyubava Buslayevna hören!

    Bei Santuzza bevorzuge ich inzwischen andre Ideale: schlanke nervös Stimmen. Das Schicksal dieser Frau sitzt innen und nicht außen.

    Das hast Du schön gesagt!

    Ich bevorzuge in der Partie eigentlich eher Soprane (!). Mir ist wichtig, dass sie die weiten Bögen schön aussingen und mit innerer Erregung füllen können. Das Ideal sind für mich Zinka Milanov (vor allem zusammen mit Tucker 1951) und Renata Tebaldi, die ich aber beide nicht live gehört habe.

    Die beste Santuzza, die ich live gehört habe, war ein Mezzosopranistin: Irene Dalis, die ich öfter gehört habe und die mich immer gepackt und tief erschüttert hat. Aber auch Eileen Farrell(1963 mit Franco Corelli an der MET) und Regine Crespin (zusammen mit Domingo in San Francisco 1975 oder 76) haben mich sehr beeindruckt und bewegt.

    Wenn es denn eine russische Sopranistin sein sollte, wäre Irina Arkhipova meine erste Wahl.

    Gespannt bin ich jetzt auf Anita Rachvelischvili. die ich kommenden Monat in Amsterdam zusammen Brian Jagde als Turridu hören werde.


    Beste Grüße

    Caruso41

  • Als die Aufnahme rauskam, habe ich sie mir denn auch gleich besorgt. Nach dem Anhören konnte ich meine Begeisterung nicht mehr so recht verstehen.

    Wie wäre es denn mal mit einem frischen Höreindruck statt nur mit der Erinnerung an einen Jahrzehnte zurückliegenden Höreindruck?

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Lieber Stimmenliebhaber!

    Wie wäre es denn mal mit einem frischen Höreindruck statt nur mit der Erinnerung an einen Jahrzehnte zurückliegenden Höreindruck?

    Als Ihr hier die Diskussion über Obraszowa begonnen habt, habe ich mir noch mal was von ihr aufgelegt. Unter anderem auch das Duett Santuzza -Turridu. Da ist mir deutlich geworden, dass ich auf die Stimme und die Manier, in der sie eingesetzt wird, eher allergischer reagiere als ich es früher tat.


    Es gibt so viele Aufnahmen von Sängerinnen, die mir Freude machen. Warum soll ich Frau Obraszowa mit Aufnahmen anhören, die mir wirklich keine Freunde machen? Wenn ich sie denn hören wollte, könnte ich genug russisches Repertoire finden, in dem ich sie genießen kann und wirklich hervorragend finde.


    Beste Grüße

    Caruso41

  • Komisch, dass du damit erst jetzt, auf Nachfrage, um die Ecke kommst...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Komisch, dass du damit erst jetzt, auf Nachfrage, um die Ecke kommst...

    Lieber Stimmenliebhaber,


    Ich höre mir fast immer noch mal einige Aufnahmen von Sängern an, wenn ich mich über Sie äußern will. Das habe ich auch gemacht, als die Diskussionen über Frau Obraszowa begannen - obwohl es zunächst im wesentlichen nur um biografische Fragen ging.


    Eigentlich wollte ich dann über die Sängerin aber nichts schreiben. Das hatte verschiedene Gründe. Nicht zuletzt einen, der mit Dir zu tun hatte: ich hatte den Eindruck, dass du Obraszowa sehr schätzt. Bisher habe ich es meist so gehalten, dass ich in solchen Situationen keine Kontroverse mit Dir vom Zaun breche.


    Dann las ich Rheingolds Bemerkungen, die genau ausdrückten, was auch meinen Wahrnehmungen entsprach. Das wollte ich ihm sagen und darum war mein Beitrag auch explizit an ihn adressiert.


    In herzlicher Verbundenheit


    Caruso41

  • Rheingold: "Mir klingt sie zu brustig, zu effekthascherisch, zu alt und - ich sage es ganz offen - zu ordinär. Bei Santuzza bevorzuge ich inzwischen andre Ideale: schlanke nervös Stimmen. Das Schicksal dieser Frau sitzt innen und nicht außen."


    Ich habe mir gerade nochmals die DVD mit dem Opernfilm von Zefirelli „Cavalleria Rusticana“ mit Domingo, Bruson und Obraszowa angesehen und kann leider die schon fast vernichtende Kritik an der Stimme der Sängerin überhaupt nicht nachvollziehen. Für mich ist es eine wunderbare und leidenschaftliche Darstellung dieser Rolle, in der ich nun gerade nicht so ein dünnes, helles Sopranchen hören möchte.


    Diese Santuzza steht nach meinem Verständnis vor einem Abgrund, nach ihren eigenen Worten „entehrt“, da sie infolge ihrer tiefen Liebe dem Heiratsversprechen Turiddes geglaubt hatte, demzufolge vom religiösen Dorfleben ausgeschlossen infolge der damaligen bigotten Moralvorstellungen. In der jener Zeit dürfte dies alles für eine Frau fast existenzvernichtend gewesen sein. Ich kenne diesen Opernfilm schon seit Anfang der 90er Jahre (erst als Video, dann DVD), habe ihn viele Male angesehen und finde ihn immer wieder berührend.


    Übrigens besitze ich von der Cavalleria noch die DVD mit Troyanos und wieder Domingo (Metropolitan Oper, Inszenierung ebenfalls Zefirelli) sowie als CD die Aufnahme mit Renata Tebaldi und Jussi Björling, die ich ebenso schätze, des weiteren die Carmen - DVD mit Domingo und Obraszowa und finde die Sängerin in jener Rolle auch hervorragend, obwohl ich von Carmen noch mehrere weitere Aufnahmen besitze.

  • ich hatte den Eindruck, dass du Obraszowa sehr schätzt.

    Lieber "Caruso41",

    ich hatte ja hier schon mehrfach gesagt, dass ich mit generell mit russischen Sängerinnen und Sängern schwer tue und dass eigentlich unter meinen Lieblingssängern kein Russe dabei ist. Viele Russen forcieren sehr unschön sodass man mehr Kraft als Klang hört. Das empfand ich jetzt beim Hören von Frau Obraszowas Santuzza gar nicht so - und damals, als ich mich über eben diese Aufnahme in das Werk verliebte, offenbar auch nicht.

    Ich hatte Frau Obraszowa jahrelang gar nicht mehr wirklich auf dem Schirm, habe kaum Aufnahmen von ihr gehört. Das änderte sich erst jetzt mit der hier zwischenzeitlich verhängten "Damnatio memoriae" über die, was ich unmöglich fand. Erst deshalb habe ich überhaupt (wieder) diese "Cavalleria rusticana" (und wenigen dieser im Fernsehen verfolgten etwas unbefriedigenden Veranstaltung in Matera) gehört - und das war, ich kann es nur noch einmal betonen, sehr beglückend für mich.


    Ich bin aber auch gerne bereit, mir noch einige konkret benannte Alternativaufnahmen anzuhören und zu vergleichen. Du hast ja eher von Live-Erlebnissen berichtet als von konkreten Alternativaufnahmen.


    Nachdem ich mich über diese Obraszowa-Domingo-Aufnahme in diese Oper verliebt hatte, war meine erste Live-Begegnung 1991 in der Friedenskirche Potsdam, konzertant auf Deutsch, mit Eva-Marlies Opitz als Santuzza und James O'Neal als Turiddu, die natürlich beide nicht an die von besagter Aufnahme geschätzten Protagonisten herankamen. Richtig schätzen gelernt (im Sinne von Werkerlebnis) habe ich diese Oper dann erst durch die (ebenfalls deutschsprachige) Mielitz-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin, die ich 14 oder 15x gesehen habe (kombiniert mit "Bajazzo") - da habe ich erst begriffen, dass es da nicht nur um schöne Musik geht... Damals sangen eigentlich immer Soprane die Santuzza (Christa Ranacher, Maria Slavkova und Yvonne Wiedstruck) und schlugen sicht achtbar, wenn natürlich nicht in der Liga von Obraszowa oder Simionato (mit der ich in dieser Rolle jedoch immer etwas fremdelte). Mitte der Neunziger kam an der Berliner Staatsoper eine Neuproduktion mit Frau Plowright, eine Sopranistin und nicht besonders eindrucksvoll, dann hatte ich einmal Frau Lappalainen in Dessau als Santuzza und Nedda an einem Abend (je nun...) und wer 2005 in der Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin die Santuzza sang, habe ich vergessen (was kein gutes Zeichen für eine unvergessliche Spitzenleistung ist...). Du siehst, meine Live-Rezeption dieser Oper ist bei Weitem nicht so prominent besetzt wie deine, sondern weit bescheidener. Umso mehr genieße ich die Obraszowa - Domingo-Aufnahme, mit der ich wie gesagt wunschlos glücklich bin. Und nachdem ich mich in diese mir vor 30 Jahren vielgehörte Aufnahme neu verliebt habe, muss ich sagen, dass mir Frau Obraszowa unter allen russischen Sängerinnen offenbar die liebste ist. :yes::hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • und kann leider die schon fastvernichtende Kritik an der Stimme der Sängerin überhaupt nicht nachvollziehen.Für mich ist es eine wunderbare und leidenschaftliche Darstellung dieser Rolle,in der ich nun gerade nicht so ein dünnes, helles Sopranchen hören möchte.

    Liebe "Ramona1956",

    genau so wie dir geht es mir auch, obwohl ich mir den Film nicht angesehen, sondern nur die Aufnahme gehört habe. :yes::hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Liebe Ramona,

    ohne hier speziell auf Elena Abraszova einzugehen - da müsste ich auch erst mal wieder reinhören-, würde ich doch Sängerinnen wie Callas, Tebaldi oder Milanov nicht unbedingt als "dünnes helles Sopranchen" bezeichnen.


    Es grüßt Mme. Cortese

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

  • Liebe Opernfreunde,


    ich habe mir nun auch die „Cavalleria rusticana“-Verfilmung Zeffirellis (mit Obraztsova und Domingo) auf YouTube angesehen und finde die Darstellung der 'Santuzza' durch den russischen Mezzosopran sehr glaubwürdig. Sie ist natürlich nicht Emma Gramatica oder Anna Magnani, aber Elena Obraztsova gelingt es, der Rolle (mit vielen Großaufnahmen ihres ausdrucksvollen Gesichts) tragisches Profil zu geben; sie ist eine Ausgestoßene, eine Fremde im Ort, die verzweifelt um ihr Glück und ihre Ehre kämpft. Und wer sagt denn, dass Santuzza (offensichtlich) nicht etwas älter sein kann, was durchaus Sinn machen würde, weshalb sie diesen Hallodri anfleht, sie nicht zu verlassen.


    Natürlich kenne ich schönstimmigere Interpretinnen dieser Rolle (Milanov, Simionato, Tebaldi, De los Angeles und Cossotto) und auch 'charaktervollere' (Rasa, Callas, Varnay, Rysanek und Baltsa), allerdings überwiegend nur als akustische Konserve. Ihre Stimme ist natürlich nicht jedermanns Sache, aber als 'Gesamtpaket' ist die Obraztsova schon sehr eindrucksvoll und ihre oft etwas ordinär wirkenden Brusttöne fehlen fast ganz.


    Ein Detail des Films ist mir aufgefallen: vermutlich, weil Zeffirelli auch Innenräume zeigen wollte – die gängigen Bühnen-Inszenierungen spielen meistens im Freien mit Dorfplatz und Kirche – lässt er Santuzza die Taverne der Mamma Lucia betreten, obwohl sie singt: „Non posso entrare in casa vostra! Sono scomunicata!“, Sowohl Giovanni Vergas Erzählung (die Dramatisierung als Schauspiel, 1884 mit Eleonora Duse in Turin uraufgeführt, kenne ich nicht) wie auch das Opernlibretto verraten nicht, weshalb Santuzza, die Tochter eines reichen Weinbauern, exkommuniziert wurde. Sie singt: „Turiddu mi tolse l'onore.“ Vermutlich erwartet (oder hat) sie ein uneheliches Kind (von Turiddu?) - Giancarlo Del Monaco zeigte in seiner Münchner Inszenierung von 1978 Leonie Rysanek als Schwangere. Aber wurde man deshalb damals in Italien vom Abendmahl ausgeschlossen? Obwohl diese Überlegungen im 'Tamino'-Opernthread besser aufgehoben wären, frage ich nun, ob jemand darüber etwas Genaues weiß.


    Grüße,


    Carlo


    P. S.

    Lieber 'Stimmenliebhaber', in dem Film sind viele außermusikalische Geräusche zu hören. Wenn sie auch auf der CD zu bemerken sind, dann handelt es sich um die Überspielung der Tonspur des Films. Alles klar?

  • Lieber'Stimmenliebhaber', in dem Film sind viele außermusikalischeGeräusche zu hören. Wenn sie auch auf der CD zu bemerken sind, dannhandelt es sich um die Überspielung der Tonspur des Films. Allesklar?

    Lieber "Carlo",

    na klar ist mir das klar, aber da sind keine außermusikalischen Geräusche, die hat man später im Film erst zugemischt. Es ist eine astreine Studioaufnahme, den Grundstück der Tonspur des Filmes bildet.


    Ansonsten sei herzliche bedankt für deine Rückmeldung zum Film und zur Santuzza der Obraszowa! :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Liebe Mm. Cortese,


    ich glaube nicht, dass Rheingold mit seinem Ideal von schlanken, nervösen Stimmen in der Rolle der Santuzza an die von dir genannten Sängerinnen gedacht hatte. Übrigens hatte ich die Aufnahme mit Tebaldi ebenfalls als eine von mir bevorzugte Aufnahme genannt und Callas gehört, seitdem ich sie vor über 50 Jahren zuerst kennengelernt habe, zu den für mich faszinierendsten Sängerinnen.


    Mit besten Grüßen Ramona1956

  • Lieber Stimmenliebhaber!


    Du hast ja eher von Live-Erlebnissen berichtet als von konkreten Alternativaufnahmen.

    Für mich sind halt immer Live-Eindrücke so prägend, dass ich die konkreten Aufnahmen, die man zum Vergleich heranziehen könnte, gar nicht so im Blick habe. Immerhin hatte ich Milanov und Tebaldi genannt, die ich nicht als Santuzza live gehört habe.

    Außerdem gibt es ja sehr ordentliche Mitschnitte der erwähnten Aufführungen, die ich mit der Crespin und der Farrell gehört habe.

    Von Dalis gibt es immerhin drei Mitschnitte. Sie sind leider jedoch alle drei von beklagenswerter technischer Qualität.

    Ich bin aber auch gerne bereit, mir noch einige konkret benannte Alternativaufnahmen anzuhören und zu vergleichen.

    Inzwischen hat ja Carlo schon einige Aufnahmen von Sängerinnen genannt. die man als Alternative heranziehen könnte - vielleicht sogar vorziehen sollte:

    Natürlich kenne ich schönstimmigere Interpretinnen dieser Rolle (Milanov, Simionato, Tebaldi, De los Angeles und Cossotto) und auch 'charaktervollere' (Rasa, Callas, Varnay, Rysanek und Baltsa),allerdings überwiegend nur als akustische Konserve.

    Das wäre Namen, die ich auch genannt hätte. Im Falle Tebaldi aber rate ich zu den frühen Mitschnitten. In der Studioproduktion mit Björling klingt sie eigentlich zu alt für die Figur, fast mütterlich. Immerhin hat man da die einzige Aufnahme, die Björling und Bastianini zusammen gemacht haben.

    Ich würde noch Mitschnitte von Farrell und Crespin hinzufügen. Beide singen ganz wunderbar mit herrlich weit gespannten Bögen und verstehen es, das Spektrum der Emotionen differenziert zu entfalten. Bei Crespin hört man beispielsweise anfangs bange Töne der Unruhe und Sorge, dann vor allem des tiefen - und noch nicht eingestandenen - Leids. Ich kenne keine andere Santuzza, die das ähnlich eindringlich sänge. Dadurch gewinnt die Arie, in der sie schließlich davon etwas der Mama Lucia mitteilt, eine Intensität ohne alle Äußerlichkeiten.


    Übrigens: Bisher noch nicht genannt wurde Renata Scotto. Sie hat in der Levine-Aufnahme zwar schon einige Schärfen und harte Töne, die mir nicht recht gefallen, aber sie gestaltet die Partie auch ungemein differenziert. Unter den neueren Aufnahmen ist das für mich die rundum beste.


    Liebe Grüße

    Caruso41

  • Nach wie vor eine meine Favoritinnen als Santuzza ist Lina Bruna Rasa in der von Mascagni (übrigens ziemlich langsam) dirigierten Einspielung des Werkes. Es ist mit großer Sicherheit nicht die am schönsten gesungene Interpretation der Partie, aber die Ausdrucksstärke ist für mich unerreicht. Wenn man diese Aufnahme hört, bekommt man eine Ahnung, wie sehr der Verismo aus einer Tradition der realistischen Bühnenkunst her seinen Ursprung hat. Wenn man besonders kühn ist, kann man im Neorealismus des Italienischen Kinos der 40er eine Fortsetzung sehen.

    Wie auch immer, wer sich mit diesem Stück und dieser Partie beschäftigt, kommt meines Erachtens nicht an Lina Bruna Rasa, deren tragisches persönlich Schicksal u. U. auch Einfluss auf dieses krasse interpretatorische Ergebnis hatte, vorbei.


  • Lieber "Caruso41",

    natürlich habe ich einige "Cavalleria"-Aufnahmen einiger der von dir und "Carlo" genannten Aufnahmen bereits gehört und sie heben eben (nicht nur Simionato) bei mir keinen so vollbefriedigenden Eindruck hinterlassen wie die Obraszowa-Domingo-Bruson-Aufnahme, die ja auch von Chor, Orchester und vor allem auch von der Tonqualität her schlicht hervorragend ist.

    Mal sehen, welche Santuzzas ich mir vielleicht noch anhöre - sehr otiviert bin ich dazu gerade nicht, weil ich bei der in dieser Rubrik von mir gerühmten Aufnahme eben nichts vermisse und zu 100% glücklich bin.

    Im Übrigen sollten wir die Frage nach der besten Santuzza und einen möglichen Interpretinnenvergleich vielleicht aus dieser Frau Obraszowa gewidmeten Rubrik auslagern und eine neue eröffnen. Die Sängerin, der diese Rubrik gewidmet ist, bleibt aktuell als Santuzza jedenfalls meine Nummer 1 - und genau das wollte ich in dieser Rubrik mitteilen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Lieber Stimmenliebhaber!

    Mal sehen, welche Santuzzas ich mir vielleicht noch anhöre - sehr otiviert bin ich dazu gerade nicht, weil ich bei der in dieser Rubrik von mir gerühmten Aufnahme eben nichts vermisse und zu 100% glücklich bin.

    Dann bleib doch dabei!

    Ich habe eigentlich zwei Aufnahmen, die sehr unterschiedlich sind und die ich beide auch aus ziemlich unterschiedlichen Gründen schätze: Karajan mit Cossotto, Bergonzi und Guelfi und Levine mit Scotto, Domingo und Elvira.

    Im Übrigen sollten wir die Frage nach der besten Santuzza und einen möglichen Interpretinnenvergleich vielleicht aus dieser Frau Obraszowa gewidmeten Rubrik auslagern und eine neue eröffnen.

    Ich denke, dass es den Thread interessant und lebendig macht, wenn Obraszowa in ihren wichtigen Rollen mit anderen Interpretinnen verglichen wird.

    Sollten wir jetzt auch mal eine ihrer russischen Partien betrachten? Vielleicht die Marfa? Oder die Marina? Von der Lyubasha gibt es wohl leider keine Studio-Aufnahme


    Beste Grüße

    Caruso41

  • Hallo,


    ich hatte mir bei einem Kurzurlaub vor Jahren in Prag eine weitere „Cavalleria rusticana“-Aufnahme mit Elena Obraztsova notiert (aber nicht gekauft): erschienen auf zwei LPs der Firma 'Opus' aus Bratislava. Hier die Einzelheiten: Santuzza – Elena Obraztsova, Turiddu – Peter Dvorský, Lucia – Anna Barová, Alfio – Alexandru Agache, Lola – Jitka Zerhauová / Slovenský filharmonický sbor (Philharmonischer Chor Bratislava) / Chorltg.: Pavol Procházka / Symfonický orchester Cs. Rozhlasu v Bratislave (Das Symphonie-Orchester des Tschechoslowakischen Rundfunks Bratislava) / Dirigent: Ondrej Lenárd (Bratislava, Rundfunk-Studio, Juni 1988 und Februar 1989) 'Opus' 9316 2091/92 (2 LPs) Damit dürfte Elena Obraztsova zusammen mit den von mir im Beitrag Nr. 28 genannten Einspielungen neben Giulietta Simionato und Fiorenza Cossotto eine der bestdokumentierten Santuzzas auf Tonträgern sein.


    Im Beitrag Nr. 40 hatte ich nur die Sängerinnen aufgeführt, deren Aufnahmen auf dem deutschen Markt leicht zu erwerben sind. Natürlich habe ich auch die „Cavalleria“-Mitschnitte mit Régine Crespin und Eileen Farrell (beide von mir heiß geliebt) und dazu noch einige andere, die ich aus Platzgründen nicht nennen möchte. Von Renata Tebaldi gibt es aber nur die eine einzige Aufnahme vom September 1957 aus Florenz, wobei ich mich dem Urteil von 'Caruso41' in seinem Beitrag Nr. 43 aber nicht anschließe. ('La Tebaldi' hat die Santuzza nie auf der Bühne gesungen. Erst gegen Ende ihrer Karriere hat sie die Partie für eine Aufführungsserie an der 'Met' neu studiert, kam aber wegen eines Streiks des Bühnenpersonals damit nicht mehr zum Einsatz.) Auch Renata Scotto, die man in New York 'Little Renata' im Unterschied zur Tebaldi ('Big Renata') nannte, sang die Santuzza m. W. nur für die Schallplatte.


    Ich kann mich an ein Interview mit Renata Scotto in der „Opera News“ erinnern, in dem sie ausführt, dass Santuzzas Schrei „Bada!“ und ihr Fluch „A te la mala Pasqua!“ nach den Vorgaben in der Original-Partitur mehr gesungen denn geschrien werden sollen, weil sie von Mascagni mit einer Gesangslinie versehen wurden; dementsprechend 'sprech-singt' sie in ihrer Aufnahme unter James Levine diese Worte. Auch Turiddus „Dell' ira tua non mi curo!“ soll gesungen werden. (Mir ist das nur von Riccardo Mutis Aufnahme mit José Carreras bekannt.) In Mascagnis eigener Aufnahme von 1940 – mit der vom Komponisten gesprochenen Rede zum 50. Jahrestag der Uraufführung – wie auch in dem Mitschnitt von 1938 aus Den Haag (ebenfalls unter Mascagnis Leitung) darf Lina Bruna Rasa aber eindrucksvoll fluchen!


    Vielleicht ist es doch besser, diese ganze Diskussion in einen separaten Opern-Thread zu verschieben, wie es 'Stimmenliebhaber' vorgeschlagen hat. Wer macht den Anfang?


    Carlo

  • Sollten wir jetzt auch mal eine ihrer russischen Partien betrachten? Vielleicht die Marfa? Oder die Marina?

    Lieber "Caruso41",


    ich habe mir gerade die beiden Polen-Bilder der Ermler-Aufnahme mit ihrer Marina angehört. Am Anfang habe ich etwas etwas gefremdelt, denn das ist wieder diese typisch "russische Schule", die ich nicht so mag: alles mit viel Kraft und brustig, auch "ordinäre Tiefen", die sie als Santuzza so aber nicht angelegt hatte (wie mehrere andere außer mir hier inzwischen bestätigt haben), weshalb mich die Santuzza mehr überzeugte als jeztt die Marina, wobei das ganz sicherlich weit authentischer ist als Evelyn Lear, die Marina meines ersten Studío-"Boris" (beides wohl die Rimski-Korsakow-Fassung).

    Großartig finde ich allerdings, wie die Obraszowa gegen Ende des Duetts mit dem falschen Dimitri, nachdem dieser Marina ihre Grenzen aufgezeigt hat, ganz anders singt als vorher, nämlich verführerisch und einschmeichelnd, völlig unverbrustet und "unordinär". Für mich unterstreicht das, dass Frau Obraszowa offenbar eine große Gestaltungspalettehatt und sowohl so als auch so singen konnte - also Mittel wie Verbrustung bewusst einsetzte, wenn sie es gestalterisch für angemessen hielt, aber ebenso darauf verzichtete, wenn sie es für unangemessen hielt. Man muss also bestimmt Gestaltungsmittel von ihr nicht mögen, aber man sollte nicht den Fehler machen, dass sie nicht anders konnte (das Gegenteil ist bewiesen), sondern akzeptieren, dass sie das an den besagten Stellen als Gestaltungsmittel so wollte. :yes::hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Zitat von Carlo

    ich hatte mir bei einem Kurzurlaub vor Jahren in Prag eine weitere „Cavalleria rusticana“-Aufnahme mit Elena Obraztsova notiert (aber nicht gekauft): erschienen auf zwei LPs der Firma 'Opus' aus Bratislava. Hier die Einzelheiten: Santuzza – Elena Obraztsova, Turiddu – Peter Dvorský, Lucia – Anna Barová, Alfio – Alexandru Agache, Lola – Jitka Zerhauová / Slovenský filharmonický sbor (Philharmonischer Chor Bratislava) / Chorltg.: Pavol Procházka / Symfonický orchester Cs. Rozhlasu v Bratislave (Das Symphonie-Orchester des Tschechoslowakischen Rundfunks Bratislava) / Dirigent: Ondrej Lenárd (Bratislava, Rundfunk-Studio, Juni 1988 und Februar 1989) 'Opus' 9316 2091/92 (2 LPs) Damit dürfte Elena Obraztsova zusammen mit den von mir im Beitrag Nr. 28 genannten Einspielungen neben Giulietta Simionato und Fiorenza Cossotto eine der bestdokumentierten Santuzzas auf Tonträgern sein

    Habe ich auf CD .....

    R-5451996-1529597485-9224.jpeg.jpgKlick


    ......besser als jene mit Domingo!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Lieber Stimmenliebhaber!

    ich habe mir gerade die beiden Polen-Bilder der Ermler-Aufnahme mit ihrer Marina angehört. Am Anfang habe ich etwas etwas gefremdelt, denn das ist wieder diese typisch "russische Schule", die ich nicht so mag: alles mit viel Kraft und brustig, auch "ordinäre Tiefen", … ...

    Großartig finde ich allerdings, wie die Obraszowa gegen Ende des Duetts mit dem falschen Dimitri, nachdem dieser Marina ihre Grenzen aufgezeigt hat, ganz anders singt als vorher, nämlich verführerisch und einschmeichelnd, völlig unverbrustet und "unordinär".

    Ja, aber warum singt sie denn zuvor mit einem so barschen, ja direkt mit einem rüden Ton? Das alles hat Irina Arkhipova viel subtiler gestaltet. Arkhipowa wäre für mich denn auch eher eine Vertreterin der "russischen Schule" als Elena Obraszowa. Gerade in Russland (oder der Sowjetunion) hat sich doch eine feine, gepflegte Gesangskultur entschieden länger gehalten als im Westen. Da haben Lisitsian und Reisen, Smirnow und Koslowski, Lemeshev und Nellep gerade nicht das undifferenzierte Singen gepflegt, das auf Kraft setzte und zur Effektsteigerung die -wie John Steane das nannte- "Stalinorgel" einschaltete!

    Für mich unterstreicht das, dass Frau Obraszowa offenbar eine große Gestaltungspalettehatt und sowohl so als auch so singen konnte - also Mittel wie Verbrustung bewusst einsetzte, wenn sie es gestalterisch für angemessen hielt, aber ebenso darauf verzichtete, wenn sie es für unangemessen hielt. Man muss also bestimmt Gestaltungsmittel von ihr nicht mögen, aber man sollte nicht den Fehler machen, dass sie nicht anders konnte (das Gegenteil ist bewiesen), sondern akzeptieren, dass sie das an den besagten Stellen als Gestaltungsmittel so wollte. :yes::hello:

    Ja, so kann man das sehen!

    Ich mag diese - wie Du sagst - 'Gestaltungsmittel' nicht. Halte sie eher für geschmacklos. Aber das mag mein allzu bürgerlicher Geschmack sein.

    Darüber kann und muss man nicht streiten.


    Beste Grüße

    Caruso41

  • Ja, aber warum singt sie denn zuvor mit einem so barschen, ja direkt mit einem rüden Ton?

    Die Frage nach dem Warum ist eine gute Frage. Grundöos tut sie das nicht. Offenbar ist die der Meinung, stimmlich so am besten diese (ja nicht übermäßig sympathische) Rolle zu charakterisieren.

    Ich mag diese - wie Du sagst - 'Gestaltungsmittel' nicht.

    Ist nachvollziehbar. So geht es vielen mit dem sogenannten "Regietheater"... :D

    Halte sie eher für geschmacklos.

    Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Deswegen habe ich ja auch das "Regietheater-Forum" bei mir abgeschaltet. :saint:


    Die Frage ist nur, inwieweit man seinen persönlichen Geschmack zum objektiven Wertmaßstab erhebt? Beim Thema "Geschmack" muss ich gerade an unsere Diskussion Elisabeth Söderströms "Erlkönig" denken - da fanden "Rheingold1876", meine Wenigkeit und einige andere die von Frau Söderström gewählten Gestaltungsmittel "geschmacklos", während du ganz begeistert die Wahl ihrer Gestaltungsmittel verteidigt hast. Ich finde, das gleiche Recht zur Wahl ihrer Gestaltungsmittel hat Frau Obraszowa auch. :yes::hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Liebe Melomanen!


    Elena Obraztsova im russischen Fach kann ich natürlich auch nur nach ihren Schallplatten-Aufnahmen beurteilen, da ich sie nie live erlebt und nur einige Male im Fernsehen gesehen habe.


    1965 wurde die erste Schallplatte von Elena Obraztsova veröffentlicht: Arien aus „Samson et Dalila“ („Mon coeur s'ouvre à ta voix“ - „Samson recherchant ma présence … Amour, viens aider ma faiblesse“), „La Favorite“ (O mio Fernando! Della terra il trono“) und „Don Carlos“ (O don fatale“) und auf der zweiten Seite Arien aus russischen Opern. Aus „Orleanskaia deva“ (Die Jungfrau von Orléans) (Chaikovskii) der Monolog der Johanna aus dem 1. Akt; aus Mussorgskiis „Khovanshchina“ die Prophezeiung der Marfa (2. Akt); die Arie der Liubasha aus dem 2. Akt der „Tsarskaia nevesta“ (Die Zarenbraut) von Rimskii-Korsakov und aus der Oper „Kashchei besmertni“ (Der unsterbliche Kaschtschej) des gleichen Komponisten die Arie der Kashcheevna aus dem 2. Bild. Begleitet wurde die Sängerin vom Orchester des Bolshoi-Theaters in Moskau unter Boris Khaikin und Odisei Dimitriadi („Samson et Dalila“, „La Favorite“ und „Don Carlos“). Die 'Melodiia'-Platte erschien 1968 auch in der BRD bei 'Eurodisc', allerdings wurde dort Dimitriadi als alleiniger Dirigent des Recitals genannt.


    Eine zweite Soloplatte mit russischen Arien erschien 1969 mit folgenden Stücken: die Arie der Marina aus der 1. Szene des 3. Aktes von „Boris Godunov“ (Mussorgskii); das Lied der Marfa aus „Khovanshchina“ (3. Akt, 2. Szene); Rezitativ und Arie der Liubava aus Rimskii-Korsakovs „Sadko“ (3. Bild); das Lied des Hirten Lel aus dem 3. Akt von „Snegurochka“ (Schneeflöckchen) von Rimskii-Korsakov; das Duett Liubasha-Griasnoi (mit dem Bariton Oleg Klionov) aus „Tsarskaia nevesta“ (Die Zarenbraut, 1. Akt, 6. Szene) sowie das Duett Marina-Grigori (mit Aleksei Maslennikov) aus „Boris Godunov“. Eingeleitet wird dieses Recital mit dem Arioso Nr. 5 aus der Kantate „Moskva“ (Moskau) von Piotr Chaikovskii. Mark Ermler dirigiert das Orchester des Bolshoi-Theaters Moskau; diese LP ist bisher nicht in Westeuropa veröffentlicht worden und ich habe sie leider auch nicht.


    Einige Rollen außerhalb des russischen Stammrepertoires von Elena Obraztsova waren in Piotr Chaikovskiis „Pikovaia dama“ (Pique Dame) die Polina und der Milovzor (1963), in Sergei Prokofievs „Voina i mir“ (Krieg und Frieden) die Duniasha (1964) und die Hélène Besukhova (1971), die Frosia in „Semion Kotko“ von Prokofiev (1968), die Shenka Komelkova in Kiril Molchanovs „A zori zdes tikhie“ (Im Morgengrauen ist es noch still) (1975) und die Liubava in Nikolai Rimskii-Korsakovs „Sadko“ (1979). Die Liubasha in Rimskii-Korsakovs „Tsarskaia nevesta“ (Die Zarenbraut) hat Elena Obraztsova schon 1967 erstmals am Bolshoi-Theater gesungen, es gibt leider nur einige Ausschnitte mit ihr aus dieser Oper auf Schallplatten.


    Ich werde die Opern-Gesamtaufnahmen Elena Obraztsovas im russischen Fach ab morgen in diesem Thread vorstellen.


    Carlo

  • Hallo!


    Zunächst muss gesagt werden, dass sich der Ruhm und die Bedeutung Elena Obraztsovas überwiegend mit der Dreieinigkeit 'Person–Darstellung–Stimme' erklären lässt, wie bei so vielen anderen Sängern auch, beispielsweise Maria Callas, Magda Olivero, Leonie Rysanek, Renata Scotto oder Agnes Baltsa. Nur rein akustisch beurteilt (via Schallplatte oder CD), hat man vieles zu kritisieren: die oft aus dem Fokus geratene Stimme, das lockere Vibrato (was man im Englischen so schön als 'wobble' bezeichnet), die zur Schärfe neigende Höhe und nicht zuletzt die – allerdings als Gestaltungsmittel eingesetzte – etwas 'ordinär' klingende Bruststimme. Der Vorteil für sie war aber, dass man ihr Timbre leicht unter zig anderen Stimmen erkennen konnte, was sie für die Schallplatten-Industrie interessant machte. Verbunden mit ihrer attraktiven Optik (vor allem die berühmten grünen 'Katzenaugen') und einem stark ausgeprägten darstellerischen Temperament hat sie ihr Publikum bis ins Alter fasziniert und in ihren Bann geschlagen.


    Die Opern-Gesamtaufnahmen von Elena Obraztsova im russischen Fach sind überraschenderweise nicht sehr zahlreich, was wohl auch mit dem eingeschränkten Repertoire des Moskauer Bolshoi-Theaters – ihrem 'Stammhaus' - zusammen hängt. In allen nachfolgenden Aufnahmen wirken – sofern nicht anders verzeichnet – der Chor und das Orchester des Bolshoi-Theaters in Moskau mit: Khor i orkestr Bolshogo Teatra SSSR.


    Russisch ist eine sehr lautmalerische Sprache, daher ist es schwierig, eine allgemein gültige Transliteration mittels einer phonetischen Lautschrift zu erstellen. Eine grobe Hilfe beim Lesen und Sprechen der transliterierten Namen der Mitwirkenden: e (am Wortanfang) = je (mit Ausname von z. B. 'Eizen', weil kein russischer Name) / ia = ja / ii = i (betont) / s = ss oder ß / sh = sch / z = s (wie sausen) / zh = schtsch / ch = tsch / kh = ein kehliges ch (wie machen) / Die Rollenverzeichnisse basieren weitgehend auf der deutschen Bühnenpraxis.


    „Kniaz Igor“ (Fürst Igor) (Borodin): Fürst Igor – Ivan Petrov, Jaroslavna – Tatiana Tugarinova, Vladimir – Vladimir Atlantov, Fürst Galitski – Artur Eizen, Khan Konchak – Aleksandr Vedernikov, Konchakovna – Elena Obraztsova, Ovlur – Aleksandr Laptiev, Skula – Valeri Iaroslavtsev, Eroshka – Konstantin Baskov, Jaroslavnas Amme – Irina Terpilovskaia, Polowetzer Mädchen – Margarita Miglau / Chorltg.: Aleksandr Ribnov und Aleksandr Khazanov / Dirigent: Mark Ermler (aufgenommen 1969) Erschienen auf vier LPs u. a. bei 'Melodiia', 'EMI' und 'Eurodisc' und auf drei CDs bei 'EMI', 'BMG' und 'Le Chant du Monde'. (Eingespielt wurde die komplette Oper, also auch mit dem meistens gestrichenen dritten Akt.)


    Ich habe die amerikanische Pressung von 'Angel Records' (LP); die Aufnahme ist international sehr schlecht bewertet worden, z. B. in 'Records and Recordings' (USA): „Bolshoi at its worst!“. Die Obraztsova dreht – wie alle ihre Bolshoi-Kollegen in dieser Aufnahme - mächtig auf und klingt mehr wie Eboli und Amneris denn wie ein junges, verliebtes Mädchen. In dieser Rolle ziehe ich Olga Borodina bei weitem vor. (Beim Gastspiel des Bolshoi-Theaters Moskau an der Mailänder Scala im Oktober/November 1973 – mit Mehrfachbesetzungen in diversen Opern des Bolshoi-Repertoires - sang Elena Obraztsova an zwei Abenden die Konchakovna, in der Rundfunkübertragung der RAI wirkte aber Tamara Siniavskaia in dieser Rolle mit.)


    Carlo

  • Hier folgt der 2. Teil der 'russischen' Aufnahmen mit Elena Obraztsova: Chaikovskii's "Pique Dame".


    Bereits im Januar 1965 – mit 25 Jahren – sang Elena Obraztsova ihre erste Gräfin, wunderbar auf 'alt' geschminkt, wovon es Fotos gibt. Zuvor hatte sie in einigen Aufführungen dieser Oper die Polina, den Milovzor und die Gouvernante gesungen. 1970 nahm sie – nach dem Gewinn beim Internationalen Chaikovskii-Wettbewerb in Moskau – einige Szenen aus der „Pique Dame“ für eine 'Melodiia'-Schallplatte auf (gekoppelt mit Ausschnitten aus Rimskii-Korsakovs „Zarenbraut“): die Romanze der Polina aus dem 1. Akt, das Duett Lisa-Polina (ebenfalls 1. Akt), die 'Schäferszene' aus dem 2. Akt und die Szene der Gräfin mit dem berühmten Grétry-Chanson (2. Akt). Die Partner waren Makvala Kasrashvili als Lisa und Prilepa (Chloé) und Aleksei Bolshakov als Zlatogor (Pluto); Mark Ermler leitete das Orchester des Bolshoi-Theaters Moskau.


    „Pikovaia dama“ (Pique Dame) (Chaikovskii): Hermann – Vladimir Atlantov, Lisa – Tamara Milashkina, Die Gräfin – Elena Obraztsova, Tomski – Vladimir Valaitis, Jeletski – Iuri Mazurok, Polina – Galina Borisova, Die Gouvernante – Nina Grigorieva u. a. / Chorltg.: Aleksandr Ribnov / Dirigent: Iuri Simonov (New York, Metropolitan Opera House, 2. 7. 1975) Bisher unveröffentlicht. (Gastspiel des Bolshoi-Theaters Moskau an der Metropolitan Opera in New York.)


    dto.: Hermann – Vladimir Atlantov, Lisa – Tamara Milashkina, Die Gräfin – Elena Obraztsova, Tomski - Vladimir Valaitis, Jeletski – Iuri Mazurok, Polina – Liudmila Semenenko, Die Gouvernante – Nina Grigorieva, Tchekalinski – Konstantin Pustovoi, Surin – Valeri Iaroslavtsev, Tchaplitski – Aleksandr Arkhipov, Namurov – Vladimir Lashinski, Der Festordner – Konstantin Baskov / Chorltg. Aleksandr Ribnov und Stanislav Likov / Dirigent: Iuri Simonov / Ausstattung: Vladimir Dmitriev / Regie: Boris Pokrovskii (Moskau, Bolshoi-Theater, 1983, Fernseh-Aufzeichnung) Veröffentlicht 1987 auf VHS bei 'Kultur' in den USA.


    dto.: Hermann – Vladimir Atlantov, Lisa – Julia Varady, Die Gräfin – Elena Obraztsova, Tomski – Aleksandr Voroshilo. Jeletski – Bodo Brinkmann, Polina – Liudmila Shemchuk, Die Gouvernante – Gudrun Wewezow, Masha – Carmen Anhorn, Tchekalinski – Yoshihisa Yamaji, Surin – Karl Helm, Tchaplitski – Ulrich Reß, Namurov – Alfred Kuhn, Festordner – Friedrich Lenz / Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper München / Chorltg.: Wolfgang Baumgart / Dirigent: Algis Zhiuraitis (München, Nationaltheater, 1984) Mit verschiedenen Daten veröffentlicht auf CD bei 'Orfeo' (24. 11. 1984, Datum der Rundfunkübertragung) und bei 'Ponto' (2. 12. 1984).


    dto.: Hermann – Plácido Domingo, Lisa – Galina Gorchakova, Die Gräfin – Elena Obraztsova, Tomski – Sergei Leiferkus, Jeletski – Vladimir Chernov, Polina – Susanna Poretsky, Die Gouvernante – Suzana Guzmán, Masha – Irina Mataeva, Tchekalinski – Jonathan Mack, Surin – Alexander Vasiliev, Tchaplitski – Bruce Sledge, Namurov – James Creswell u. a. / Chorus and Orchestra of the Los Angeles Opera / Dirigent: Valeri Gergiev (Los Angeles, Dorothy Chandler Pavilion, 4. 9. 2001) 'House of Opera' (CD)


    dto.: Hermann – Sergei Larin, Lisa – Elena Prokina, Die Gräfin – Elena Obraztsova, Tomski – Vassili Gerello. Jeletski – Dmitri Hvorostovski, Polina – Marina Domashenko, Masha – Irina Vashenko, Tchekalinski – Aleksei Maslov / 'The Spiritual Revival Choir of Russia' / Chorltg. Lev Kontorovich / 'The Philharmonia of Russia' / Dirigent: Constantine Orbelian (Moskau, Großer Saal des Chaikovskii-Konservatoriums, 2001-2002) Es wurden nur Arien und Szenen aufgenommen für diese CD bei der Firma 'Delos' (78 Minuten).


    dto.: Hermann – Plácido Domingo, Lisa – Galina Gorchakova, Die Gräfin – Elena Obraztsova, Tomski – Sergei Leiferkus, Jeletski – Rodney Gilfry, Polina – Susanna Poretsky, Gouvernante – Elena Manistina, Masha – Irina Mataeva, Tchekalinski – Corey Evan Rotz, Surin – James Ingalls, Tchaplitski – John Weber, Namurov – John Marcus Bindel u. a. / Chorus and Orchestra of the Washington National Opera / Dirigent: Heinz Fricke (Washington, John F. Kennedy Center for the Performing Arts, 2. 6. 2002) 'House of Opera' (CD)


    dto.: Hermann – Gabriel Sadé, Lisa – Solveig Kringelborn, Die Gräfin – Elena Obrasztsova, Tomski – Nikolai Putilin, Jeletski – Markus Eiche, Polina – Marina Domashenko, Tchekalinski – Francisco Vas u. a. / Coro y Orquesta del Gran Teatre del Liceu, Barcelona / Dirigent: Kirill Petrenko / Ausstattung: William Orlandi / Regie: Gilbert Deflo (Barcelona, Teatre del Liceu, 1. 2. 2003) Veröffentlicht auf 'House of Opera' (DVD).


    Anmerkung: In dem 'Schäferspiel' auf dem Maskenball (2. Akt) werden die Rollen der 'Chloé' (Prilepa / Sopran), des 'Daphnis' (Milovzor / Mezzosopran) und des 'Pluto' (Zlatogor / Bariton) traditionell von den Interpreten der 'Lisa' (oder der 'Masha'), der 'Polina' und des 'Tomski' gesungen.


    Carlo

  • Elena Obraztsova in russischen Opern-Aufnahmen (3. Teil).


    So wenig ich die „Pique Dame“-Gräfin von Elena Obraztsova (mangels einer Aufnahme) beurteilen kann – 'meine' Gräfinnen sind akustisch Margarete Klose, Valentina Levko (2 mal), Irina Arkhipova, Regina Resnik und optisch Sofia Preobrashenskaia (in der Darstellung von Elena Polevitskaia), Martha Mödl (2 mal), Felicity Palmer und Liudmila Filatova – genau so wenig kann ich zur Interpretation der Marina durch die Obraztsova im „Boris Godunov“ sagen. Als 'Tonkonserve' habe ich Aufnahmen von Maria Maksakova, Eugenia Zareska, Martha Mödl (2 mal), Irina Arkhipova (2 mal), Evelyn Lear, Sena Jurinac, Galina Vishnevskaia, Bozena Kinasz, Ryszarda Racewicz und Olga Borodina sowie auf Video bzw. DVD Larissa Avdeeva, Irina Arkhipova, Liudmila Iurchenko (von einer Schauspielerin gedoubelt), Tamara Siniavskaia, Galina Vishnevskaia (in Andrzej Zulawskis Film dargestellt von Delphine Forest), Marjana Lipovsek und Olga Borodina, Allerdings habe ich nicht bewusst einen Bogen um die Obraztsova als Marina gemacht – es hat sich so ergeben...


    „Boris Godunov“ (Mussorgski): Boris Godunov – Evgeni Nesterenko, Xenia – Tamara Sorokina, Shuiski – Andrei Sokolov, Shchelkalov – Iuri Mazurok, Pimen – Mark Reshetin, Grigori Otrepev – Vladimir Atlantov, Marina Mnischek – Elena Obraztsova, Varlaam – Artur Eizen, Schwachsinniger – Aleksei Maslennikov u. a. / Chorltg.: Aleksandr Ribnov / Dirigent: Iuri Simonov (New York, Metropolitan Opera House, 25. 6. 1975) Bisher unveröffentlicht. (Gastspiel des Bolshoi-Theaters Moskau an der Metropolitan Opera in New York.) Im Oktober 1971 gastierte das Bolshoi-Theater mit dieser Oper an der Wiener Staatsoper, wovon es aber keinen Mitschnitt gibt. Es sangen außer der Obraztsova: Makvala Kasrashvili (Xenia), Aleksandr Ognivtsev (Boris), Andrei Sokolov (Grigorii), Mark Reshetin (Pimen) und Ivan Petrov (Warlaam); der Dirigent war auch hier Iuri Simonov.


    dto.: Boris Godunov – Evgeni Nesterenko, Feodor – Olga Teriushnova, Xenia – Elena Shkolnikova, Amme – Nina Grigorieva, Shuiskii – Konstantin Lisovskii, Shchelkalov – Aleksandr Voroshilo, Pimen – Anatoli Babikin, Grigori Otrepev – Vladimir Atlantov, Marina Mnishek – Elena Obraztsova, Rangoni – Iuri Mazurok, Varlaam – Artur Eizen, Missail – Konstantin Baskov, Wirtin – Larissa Nikitina, Schwachsinniger – Aleksei Maslennikov u. a. / Chorltg.: Aleksandr Ribnov und Stanislav Likov / Dirigent: Mark Ermler (aufgenommen 1985) Erschienen auf vier LPs bei 'Melodiia' und auf drei LPs bei 'Eurodisc'; die CD-Versionen stammen von 'Alto' und 'Regis'. (Diese Einspielung der Rimskii-Korsakov-Fassung enthält auch die Szene vor der Kirche 'Vassili Blashennii' in der Fassung von Anton Ippolitov-Ivanov.) Die Aufnahme wurde insgesamt gut bewertet; 'L'Avant-Scène Opéra' schreibt sogar: „Mais la palme de l'enregistrement revient à la Marina de Elena Obraztsova, redoutable tigresse, frémissante d'orgueil et de sensualité.“!


    Die Marina war die Rolle ihres Debüts am Bolshoi-Theater (17. 12. 1963) und das, ohne die dort übliche 'Ochsentour' durchlaufen zu haben. In der Folge hat sie diese Partie sehr oft gesungen, z. B. auch in Ost-Berlin, Wiesbaden, Paris, London, Tokyo und Montreal. (2003 stellte sie die Marina auf der Bühne des Moskauer Bolshoi-Theaters letztmalig dar.) Wie 'Stimmenliebhaber' in seinem Beitrag Nr. 51 schreibt, ist die Marina eine etwas unsympathische Frau (verführerisch zwar, aber auch berechnend und manipulativ) und da passen Stimme und Gestaltung der Sängerin perfekt. (Der Wechsel im vokalen Ausdruck im Duett mit Grigori ist in den Noten vorgegeben und wird von der Obraztsova zwar etwas plakativ, aber glaubwürdig umgesetzt.)


    Sowohl die Woiwodentochter Marina Mnischek wie auch der 'falsche Dimitri' sind historische Personen. Als der entlaufene Mönch Grigori Otrepev - der behauptete, 'Dimitri', der nicht gestorbene Sohn des Zaren Ivan IV. „der Schreckliche“ zu sein - kurz nach der Hochzeit (als 'Dimitri' 2) mit Marina in Moskau im Auftrag des Fürsten Shuiskii 1606 ermordet wurde (seine Asche wurde mit einer Kanone in Richtung Polen geschossen), 'erkannte' Marina den nächsten Thronprätendenten, der sich als am Leben gebliebener 'Dimitri 2' ausgab, als ihren Gatten und gebar ihm sogar einen Sohn. Shuiskii, mittlerweile selbst Zar, ließ diesen 3. 'Dimitri' 1610 hinrichten wie auch 1612 einen 4. 'Dimitri', den Marina ebenfalls geheiratet hatte. Als die ehrgeizige Polin versuchte, ihren Sohn von 'Dimitri 3' mit Hilfe eines weiteren Ehemannes auf den Thron zu bringen, ließ Shuiskii den Dreijährigen 1614 öffentlich enthaupten und warf Marina in den Kerker, wo ihr Leben endete.


    Carlo

    Liebe Melomanen,


    hier folgt der 4. Teil:


    Modest Mussorgskiis vorletztes Bühnenwerk „Khovanshchina“ (Die Machenschaften der Khovanskis - man kann es auch drastischer übersetzen) wurde von ihm als 'Musikalisches Volksdrama' konzipiert. Obwohl der Strelitzenführer Ivan Khovanski, der Ratgeber (und Liebhaber) der Regentin Sofia, Vasili Golitsin, und der 'Raskolni' (Altgäubiger) Dosifei historische Personen sind, hielt sich der Komponist – der auch das Libretto schrieb – nicht an die tatsächlichen Ereignisse, sondern schuf vielmehr einen Spiegel der Mentalität seiner Landsleute, was Nicht-Russen den Zugang zu diesem sperrigen Werk erschwert. Denn im Gegensatz zu „Boris Godunov“ fehlt hier eine zentrale Hauptfigur, an der sich der Handlungsablauf orientiert, so dass es schwierig ist, dem Geschehen auf der Bühne – und erst recht beim Hören einer Aufnahme – zu folgen.


    Der hochgebildete, manisch-depressive Komponist arbeitete neun Jahre lang daran und hinterließ bei seinem Tod 1881 (er starb mit 42 Jahren) lediglich einen Klavierauszug mit wenigen Hinweisen zur Orchestrierung; die Finali des zweiten und fünften Aktes waren noch unvollendet. Nikolai Rimskii-Korsakov erstellte zwei Jahre später die Instrumentierung, ergänzte die fehlenden Teile, strich aber auch ca. 800 Takte der Komposition, darunter fast den kompletten dritten Akt. 1913 schuf Maurice Ravel – mit Unterstützung von Igor Stravinskii - für Serge Diagilev in Paris eine Bearbeitung, die heute ebenso vergessen ist wie die Fassung von Boris Assafev (1938). Erst 1959 gab es durch Dmitri Shostakovich auf der Grundlage des von Pavel Lamm 1931 veröffentlichten Materials Mussorgskiis eine neue Orchestrierung der kompletten Oper. Am Bolshoi-Theater Moskau wird aber bis heute die Fassung von Nikolai Rimskii-Korsakov gespielt, die auch den beiden Aufnahmen mit Elena Obraztsova zugrunde liegt.


    „Khovanshchina“ (Mussorgskii): Ivan Khovanski – Aleksandr Vedernikov, Andrei Khovanski – Georgi Andriushchenko, Golitsin – Evgeni Raikov, Shakloviti – Vladimir Valaitis, Dosifei – Aleksandr Ognivtsev, Marfa – Elena Obraztsova, Emma – Tamara Sorokina, Podiuni (Schreiber) – Andrei Fedoseev, Varsonofiev – Valeri Iaroslavtsev, Kuzka – Iuri Grigoriev, Streshnev – Vitali Vlassov / Chorltg.: Aleksandr Ribnov und Igor Agafonnikov / Dirigent: Boris Khaikin (Mailand, Teatro alls Scala, 9. 11. 1973) Ein Mitschnitt der RAI vom Gastspiel des Bolshoi-Theaters an der Mailänder Scala. (Bisher unveröffentlicht.) Elena Obraztsova sang in Mailand fünf Vorstellungen dieser Oper; erstmals hatte sie die Partie der Marfa 1968 in Moskau interpretiert. (Die Rolle der Susanna war in Mailand gestrichen worden.)


    dto.: Ivan Khovanski – Artur Eizen, Andrei Khovanski – Vladimir Shcherbakov, Golitsin – Evgeni Raikov, Shakloviti – Iuri Grigoriev, Dosifei – Evgeni Nesterenko, Marfa – Elena Obraztsova, Emma – Olga Teriushnova, Podiuni (Schreiber) – Aleksandr Arkhipov, Varsonofiev – Valeri Iaroslavtsev, Kuzka – Viktor Zhukov, Susanna – Irina Udalova, Streshnev – Dmitri Kharitonov, Erster Strelitze – Stanislav Suleimanov, Zweiter Strelitze – Nikolai Nizienko / Chorltg.: Aleksandr Ribnov und Stanislav Likov / Leitung der Bühnenmusik: Vladimir Andropov / Dirigent: Mark Ermler (aufgenommen 1988) Erschienen 1989 bei der Staatlichen Sowjetischen Schallplattenfirma 'Melodiia' auf vier LPs; eine CD-Ausgabe gibt es m. W. nur in Russland.


    Ich kenne keine der beiden Gesamtaufnahmen dieser Oper mit der Obraztsova, lediglich die Prophezeiung der Marfa aus dem 2. Akt „Zili potainiia, zili vielikie - Höret mich an, geheime Mächte“ auf ihrer ersten Soloplatte von 1965. Verglichen mit Aufnahmen anderer Altistinnen (z. B. Nadeshda Obukhova, Zara Dolukhanova, Sofia Preobrashenskaia, Irina Arkhipova und Valentina Levko) fällt sofort die individuelle Stimmfarbe mit dem charakteristischen 'Wobble' in dieser sehr tief notierten Rolle auf. Bemerkenswert ist, dass die Stimme der erst 28jährigen Sängerin sehr gereift klingt und sich im Laufe der Jahre nicht merklich verändert hat.


    Dieses eindrucksvolle, aber sperrige und blockartige Bühnenwerk habe ich am 22. 5. 1989 in der Wiener Staatsoper unter Claudio Abbado mit der szenischen Realisation durch Alfred Kirchner (Regie), Erich Wonder (Bühnenbild) und Joachim Herzog (Kostüme) in der Shostakovich-Fassung mit dem Finale von Stravinskii gesehen – und da gab es noch keine Übertitelung. (Es sangen u. a. Aage Haugland, Vladimir Atlantov, Iuri Maruzin, Paata Burchuladze und Liudmila Shemchuk; der Wiener Mitschnitt der 'DGG' stammt aus einer späteren Aufführungsserie mit teilweise anderen Solisten.) Allerdings war auch diese Aufführung nicht komplett, denn es fehlte die von Shostakovich neu komponierte – und in Mussorgskiis Textbuch enthaltene – rätselhafte Episode aus dem zweiten Akt, in der ein deutscher protestantischer Pfarrer, der seine Schutzbefohlene Emma an den Fürsten Golitsin verschachert hatte, um 'Gefälligkeiten' bittet (später wird der Pastor von Andrei Khovanski, der in Emma verliebt ist, ermordet). In der Einspielung von Valeri Gergiev bei 'Philips' (CD und DVD) ist diese Szene enthalten.


    Carlo

  • Lieber "Carlo",

    hab großen Dank für deine unermüdliche Auflistung der Aufnahmen von Jelena Obraszowa (Elena Obaztsova). :jubel:


    Ich habe mir heute mal eine andere "Cavalleria rusticana" angehört, nämlich die Atudioaufnahme mit Julia Varady, Luciano Pavarotti und Piero Cappuccilli. So sehr ich die Varady insbesondere als Verdi-Sängerin auf der Bühne geliebt und verehrt habe (und ihre Verdi-Aufnahmen immer noch sehr schätze, vor allem bestimmte Live-Mitschnitte), so sehr ist mir beim Hören doch klar geworden, dass ich als Santuzza keine Sopranstimme, sondern eine sattere, dunklere Mezzo-Stimme bevorzuge. :yes:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Lieber 'Stimmenliebhaber',


    vielen Dank für die anerkennenden Worte!



    Da fahre ich gleich mit dem 5. Teil (Elena Obraztsova im russischen Repertoire) fort, u. z. mit Sergei Prokofiev:

    „Semion Kotko“ ist die erste der zwei 'sowjetischen' Opern Sergei Prokofievs – das andere Bühnenwerk dieser Art ist „Povest o nastoiashchem cheloveke – Die Geschichte eines wahren Menschen“. Den „Semion Kotko“ komponierte Prokofiev 1939 nach der Erzählung „Ich, ein Sohn des werktätigen Volkes“ von Valentin Kataev, der zusammen mit Prokofiev auch das Libretto schrieb. (Ort der Handlung ist die Ukraine im Jahre 1918.) Als Regisseur für die Uraufführung war Vsevolod Meyerhold - der Prokofievs Verständnis von Musiktheater stark beinflusst hat - vorgesehen, der aber 1939 (wie Zigtausende anderer Sowjet-Bürger der Stalin-Zeit) 'verschwand', eine damals gebräuchliche Metapher für einen politischen Mord. Nach dem 'Nichtangriffspakt' zwischen Hitler und Stalin mussten die im Textbuch als Feinde gezeichneten Deutschen gegen ukrainische Nationalisten ('Haidamaken') ausgetauscht werden. Die Uraufführung 1940 am Stanislavskii-Theater in Moskau war nur ein lauer Erfolg; das Werk geriet in die Kritik und wurde erst 1970 (Bolshoi-Theater, Moskau) in der Sowjetunion wieder aufgeführt, dann aber wieder in der Originalfassung, d. h. mit den deutschen Okkupanten.


    „Semion Kotko“ (Prokofiev): Semjon Kotko, ein Soldat – Vladimir Atlantov; Seine Mutter – Nina Novosiolova; Frosja, Semjons Schwester – Elena Obraztsova; Remenjuk, Vorsitzender des Dorfsowjets – Mark Reshetin; Tkatchenko, ein ehemaliger Feldwebel – Artur Eizen; Chivrja, seine Frau – Veronika Borisenko; Sofja, ihre Tochter – Galina Vishnevskaia; Zarjev, ein Matrose – Iuri Mazurok; Ljubka, seine Braut – Nina Lebedeva; Mikolka, ein junger Bursche – Aleksandr Arkhipov; Ivassenko, ein alter Mann – Stanislav Frolov; Klembovski, Gutsbesitzer – Aleksei Maslennikov; von Virchow, deutscher Oberleutnant – Vladimir Valaitis; Ein alter Dolmetscher - Vitali Vlassov; Zwei alte Männer – Boris Morozov und Iuri Korolev; Vier alte Frauen – Nina Fomina, Galina Borisova, Nina Grigorieva und Klavdiia Popova; Zwei Dorfbewohner – Vladimir Filipov und Anatoli Mishutin; Zwei Altergenossen – Vitali Nartov und Konstantin Baskov; Ein Bursche – Mikhail Shapsov; Ein Bandura-Spieler – Valeri Iaroslavtsev; Ein deutscher Unteroffizier – Konstantin Samsonov; Ein Adjutant – Juri Streltsov / Chorltg.: Aleksandr Ribnov und Igor Agafonnikov / Dirigent: Gennadi Roshdestvenskii (Mailand, Teatro alla Scala, 6. 11. 1973) Live aufgenommen durch die RAI Milano beim Gastspiel des Moskauer Bolshoi-Theaters; auf Tonträgern bisher nicht veröffentlicht.


    LG


    Carlo

  • "Elena Obraztsova und die russische Oper (6. Teil)."



    Die Schwierigkeit ist, dass es keine definitive Fassung der Oper „Voina i mir“ (Krieg und Frieden) gibt. Sergei Prokofiev hat bis zu seinem Tod 1953 die Oper (komponiert 1941/1942) immer wieder bearbeitet, um eine vollständige Aufführung dieses epischen Werks zu erreichen. Am 16. 10. 1944 gab es in Moskau die konzertante Uraufführung (mit Klavier), der im Juni 1945 am Moskauer Konservatorium eine - ebenfalls konzertante – Aufführung mit Orchester folgte. Wegen umfangreicher Ergänzungen war die Oper nur in zwei Teilen auf die Bühne des Maly-Theaters in Leningrad zu bringen: am 12. 6. 1946 (1. Teil) und am 4. 12. 1948 (zweiter Teil). Die erste (leicht gekürzte) sowjetische Inszenierung der Oper an einem Abend war am 1. 4. 1955 ebenfalls am Leningrader Maly-Theater (Regie: Boris Pokrovski); Joachim Herz war 1961 für die Inszenierung der deutschen Erstaufführung am Opernhaus Leipzig verantwortlich.



    „Voina i mir“ (Krieg und Frieden) (Prokofiev): Natasha Rostova – Olga Guriakova, Sonia – Margarita Mamsirova, Graf Ilia Rostov – Mikhail Kit, Andrei Bolkonski – Nathan Gunn, Maria Bolkonska – Susanna Poretsky, Fürst Nikolai Bolkonski – Leonid Tsimnenko, Maria Akhrosimova – Elena Obraztsova, Pierre Besukhov – Robert Brubaker, Hélène Besukhova – Elena Tsaremba, Anatoli Kuragin – Stefan Margita, Leutnant Dolokhov – Aleksandr Morotsov, Kutscher Balaga – Vladimir Matorin, Vaska Denisov – Andrei Baturkin, Feldmarschall Kutusov – Anatoli Kocherga, Napoleon Bonaparte – Vassili Gerello, Platon Karatajev – Konstantin Pluzhnikov u. v. a. / Choeurs et Orchestre de l'Opéra Bastille / Chorltg.: David Levi / Dirigent: Gary Bertini / Choreographie: Denni Sayers / Bühnenbild: John Macfarlane / Kostüme: Nicky Gillibrand / Regie: Francesca Zambello (Paris, Opéra Bastille, Februar 2000) 'TDK' (VCR) und 'Arthaus' (DVD) Ein TV-Zusammenschnitt von zwei Vorstellungen. In Paris wurde die Oper ohne die Ouvertüre, aber wesentlich vollständiger als 2002 in New York aufgeführt.



    dto.: Natasha Rostova – Anna Netrebko, Sonia – Ekaterina Semenchuk, Graf Ilia Rostov – John Cheek, Andrei Bolkonski – Dmitri Hvorostovski, Maria Bolkonska – Delores Ziegler, Fürst Nikolai Bolkonski – Vladimir Ognovenko, Maria Akhrosimova – Elena Obraztsova, Pierre Besukhov – Gegam Grigorian, Hélène Besukhova – Victoria Livengood, Anatoli Kuragin – Oleg Balashov, Leutnant Dolokhov – Evgenii Nikitin, Kutscher Balaga – Sergei Kopchak, Vaska Denisov – Sergei Murtsaev, Feldmarschall Kutusov – Samuel Ramey, Napoleon Bonaparte – Vassili Gerello, Platon Karatajev – Nikolai Gassiev u. v. a. / Chorus and Orchestra of the Metropolitan Opera House, New York / Chorltg.: Raymond Hughes / Dirigent: Valeri Gergiev (New York, Metropolitan Opera House, 2. 3. 2002) 'House of Opera' (CD) ' A Saturday Afternoon Broadcast.Recording' Diese weit gereiste Produktion des St. Petersburger Mariinski-Theaters (auch Covent Garden in London und Teatro alla Scala in Mailand) – Regie: Andrei Konchalovskii – brachte das Debüt von Anna Netrebko an der 'Met'; zuvor hatte sie schon mit dem Ensemble des damaligen Kirov-Theaters 1998 als Luisa (Prokofievs „Die Verlobung im Kloster“) und als Liudmila (Mikhail Glinkas „Ruslan und Liudmila“) am New Yorker Metropolitan Opera House gastiert. (Ein kurzer Ausschnitt der Vorstellung vom 2. 3. 2002 ist auf der CD „Anna Netrebko live at the Met“ der 'DGG' zu hören: die erste Begegnung von Natasha und Andrei im 1. Akt „Ia ne budu, ia ne mogu spat … Kak zolnsa sa goroi plenitelen sakat – Ich will nicht, ich kann nicht schlafen … Wie schön die Sonne hinter dem Berge schläft.“)


    Carlo