Der Organistenmacher: JAN PIETERSZOON SWEELINCK

  • Im Jahre 1562, also vor 450 Jahren, erblickte Jan Pieterszoon Sweelinck in Deventer das Licht der Welt. Das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt, es wird für die Monate April oder Mai 1562 angenommen. Und das soll auch bei Tamino ein ehrendes Gedenken wert sein.


    Wenn jemand den Namen nur aus dem Lexikon kennt, muß er sich nicht grämen, denn er befindet sich bestimmt in großer Gesellschaft. Damals war das aber noch ganz anders: Um 1600 war der Herr tatsächlich der große Musikstar der Metropole Amsterdam, den man, schlicht und einfach, den „Meester Jan“ nannte. Es ging aber auch euphorischer: „Orpheus von Amsterdam“ war so ein Titel mit gleichsam musikalischem Gottheitsanspruch.


    In Deutschland aber galt er schon früh als der „Organistenmacher“ und diesen Ehrentitel trägt Sweelinck wohl zu Recht, denn zu seinen Schülern zählen berühmte Organisten und Komponisten des Frühbarock: Die Brüder Johann und Jacob Praetorius (die mit dem Wolfenbütteler Michael Praetorius übrigens nicht verwandt waren), Heinrich Scheidemann und Ulrich Cernitz aus Hamburg; Andreas und Martin Düben aus Leipzig; Paul Siefert und Matthias Leder aus Danzig; Melchior Schildt, Hannover; Jonas Zornicht, Königsberg; nicht zu vergessen Gottfried und Samuel Scheidt aus Halle.


    Interessant und erwähnenswert ist folgendes Detail: Da ein Schüler die Ausbildung bei Sweelinck durch den Kurfürsten von Brandenburg bezahlt bekam, kennen wir aus dessen penibler Buchführung den Preis, den Sweelinck pro Studienjahr verlangt hat: 50 Dukaten. Dazu kamen noch einmal knapp 200 Dukaten, die der Schüler für seinen Lebensunterhalt bekommen hat. Das Honorar von 50 Dukaten entsprach also den Lebenshaltungskosten eines Menschen für ein Vierteljahr.


    Der Versuch, Einzelheiten über den Jubilar und seine Familie zu erfahren, fördert interessante Details zutage. Da wird zunächst von einen Musiker und römisch-katholischen Geistlichen namens Swibbert berichtet, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus dem nahe Düsseldorf gelegenen Örtchen Kaiserswerth nach Deventer zog und als Organist an der dortigen Lebuinus-Kirche wirkte. Überrascht hat mich die Information, daß diesem Geistlichen zwei Söhne geboren wurden, die auf die Namen Peter und Gerrit getauft wurden und den Nachnamen Swibbertszoon trugen. Beide bekamen vom Vater Orgelunterricht und Gerrit trat später die Nachfolge des Vaters als Organist an der genannten Kirche an.


    Peter Swibbertszoon heiratete 1558 eine gewisse Elske Sweeling, und 1562 kam dann unser Jubilar, Jan Pieterszoon, zur Welt; später noch der nach seinem Onkel benannte Gerrit, der ein ein berühmter Maler werden sollte (ein Portrait von Jan Pieterszoon Sweelinck soll von ihm stammen). 1564 berief man Peter Swibbertszoon als Organisten an die Nikolai-Kirche (später in Oude Kerk umbenannt) und so zog die Familie nach Amsterdam. Dieses Amt versah Peter Swibbertszoon bis zu seinem Tod im Jahre 1573. Jan Pieterszoon war also beim Tode des Vaters gerade mal elf Jahre alt. Sicher ist, daß der junge Jan, wenn auch nicht lange, von seinem Vater im Orgelspiel und Kontrapunkt ausgebildet wurde, eine Zeit aber auch in Haarlem gelebt und dort bei Floris van Adrichem und Jan Willemszoon Lossy weitere Ausbildung genossen haben dürfte.


    Überraschend ist nun die Tatsache, daß Peter Swibbertszoons Nachfolger als Organist nach nur wenigen Monaten im Amt starb und die Organistenstelle nicht neu besetzt wurde - bis 1581 Jan Pieterszoon dieses Amt übertragen bekam; dieses Datum läßt sich aus den erhalten gebliebenen Besoldungs-Rechnungen nachweisen. Dieses „Freihalten“ der Stelle dürfte kaum möglich gewesen sein, hätte man nicht das große Talent des jungen Mannes erkannt und es für sich nutzen wollen. In dieser Zeit nahmen die Brüder Jan und Gerrit Swibbertszoons den Nachnamen der Mutter an, wobei sich Jan Pieterszoon „Sweelinck“, Gerrit dagegen „Sweeling“ schrieb.


    An dieser Stelle muß ein Blick auf die politische Situation geworfen werden, denn die Frage nach der Stellung des römisch-katholisch aufgewachsenen Jan Pieterszoon Sweelinck als Organist einer nunmehr calvinistischen Kirche bedarf einer Antwort (die gleichwohl unbefriedigend bleibt):


    Damals tobte in den Niederlanden der Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten; Herzog Alba tat sein Bestes, die neue Religionsrichtung zu unterdrücken. Nach dem Sieg Wilhelm von Oraniens schlug allerdings die Stunde der Protestanten, die nun ihrerseits den Katholiken das Leben schwer machten. Der sich in einigen Provinzen der Niederlande festigende Calvinismus verbannte aus den Gottesdiensten jede Instrumentalmusik, auch Orgelbegleitung war nun verpönt. Der immer wieder geforderte Abriß der Orgeln konnte allerdings durch die Behörden, die die Instrumente nämlich finanziert hatten, verhindert werden. Wenn überhaupt, dürfte der Orgeleinsatz nur vor und nach dem Gottesdienst zustande gekommen sein, also zum Eingang und Ausgang der Gemeinde.


    Irgendwann wurden durch die Stadtoberen von Amsterdam nun öffentliche Orgelkonzerte initiiert, die also in keiner Verbindung mit Gottesdiensten standen. Das war die Stunde Sweelincks, der in städtische Dienste trat und auch vom Rat der Stadt als Organist der jetzt calvinistischen Oude Kerk mit öffentlichen Geldern besoldet und bestallt wurde. Ob Sweelinck zum Calvinismus übertrat oder Katholik blieb, konnte ich nicht recherchieren.


    Soweit bekannt ist, hat Sweelinck nie Auslandsreisen unternommen; daher hat die von Johann Mattheson in seiner „Ehrenpforte“ behauptete „Bildungsreise“ nach Italien wohl nie stattgefunden. Es blieb bei einigen wenigen Reisen als Gutachter für Orgelabnahmen, in die mehr oder weniger engere Umgebung von Amsterdam. Die weiteste Reise führte Sweelinck in diesem Zusammenhang 1604 nach Antwerpen, wo er bei dem berühmten Instrumentenbauer Johann Ruckers im Auftrag der Stadt Amsterdam ein Cembalo gekauft hat.


    Gestorben ist Sweelinck am 16. Oktober 1621 und in der Oude Kerk, seiner Arbeitsstelle, beigesetzt worden.


    Die Tamino-Werbepartner Amazon und jpc halten eine umfangreiche Diskographie dieses Komponisten bereit. Für Interessierte lohnt sich eine Umschau.

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    MUSIKWANDERER

  • In Deutschland aber galt er schon früh als der „Organistenmacher“ und diesen Ehrentitel trägt Sweelinck wohl zu Recht, denn zu seinen Schülern zählen berühmte Organisten und Komponisten des Frühbarock: Die Brüder Johann und Jacob Praetorius (die mit dem Wolfenbütteler Michael Praetorius übrigens nicht verwandt waren), Heinrich Scheidemann und Ulrich Cernitz aus Hamburg; Andreas und Martin Düben aus Leipzig; Paul Siefert und Matthias Leder aus Danzig; Melchior Schildt, Hannover; Jonas Zornicht, Königsberg; nicht zu vergessen Gottfried und Samuel Scheidt aus Halle.


    Nicht schlecht ... dass das alles "eine Schule" ist, hätte ich mir schon irgendwie gedacht, aber dass die alle direkte Sweelinck-Schüler waren, war mir nicht bewusst.


    Ich habe eigentlich erst Scheidemann wirklich mögen gelernt und so über den Schüler den Weg zum Lehrer gefunden.
    :hello:

  • Es ist schon interessant, dass sich Sweelinck in derselben präkären Situation befand wie William Byrd. Meines Wissens ist Sweelinck bis zum Tod Katholik geblieben, wie auch Amsterdam eine mehrheitlich katholische Stadt blieb. Zwar wurde der Katholizismus formell in den Untergrund gedrängt, tatsächlich aber ließ man die Leute eher in Ruhe. Es gibt ja so eine große "Geheimkirche" in der Kalverstraat in Amsterdam ("De Papegaai") - unmöglich, dass die Behörden davon nichts wussten (ein paar Meter vom Rathaus entfernt).


    Diskographisch ist Sweelinck dank niederländischer Künstler und Naxos ziemlich gut vertreten. Natürlich hat er nicht so eine Lobby wie Byrd, aber man kriegt wohl das meiste.

  • Es ist schon interessant, dass sich Sweelinck in derselben präkären Situation befand wie William Byrd. Meines Wissens ist Sweelinck bis zum Tod Katholik geblieben, wie auch Amsterdam eine mehrheitlich katholische Stadt blieb. Zwar wurde der Katholizismus formell in den Untergrund gedrängt, tatsächlich aber ließ man die Leute eher in Ruhe. Es gibt ja so eine große "Geheimkirche" in der Kalverstraat in Amsterdam ("De Papegaai") - unmöglich, dass die Behörden davon nichts wussten (ein paar Meter vom Rathaus entfernt).


    Ich kann mich weder für die These, daß Sweelinck nicht konvertierte, sondern römisch-katholisch blieb, noch für das Gegenteil entscheiden. Es ist aber auch (heute) völlig egal und für die Beurteilung seiner Musik und seiner eminenten historischen Bedeutung auch unwichtig.


    Man könnte als Beleg für die Konvertierung zum Calvinismus ein Projekt heranziehen, daß Sweelinck 1604 in Angriff nahm und das ihn bis zum Lebensende beschäftigte: die Vertonung der 150 Psalmen in vier Bänden nach den Melodien des Genfer Psalters, der für die Calvinisten verbindlich war. Dieses monumentale Chorwerk wird in den Lexika als eines der "gewaltigsten Werke der niederländischen Vokal-Polyphonie" bezeichnet.


    Nichts da, sagt die Gegenseite, denn 1619 ließ er in Antwerpen die "Cantiones sacrae" (37 lateinische Motetten zu fünf Stimmen) drucken, die er seinen Freund und Schüler, dem Katholiken Cornelis Plemp, widmete. Und diese Sammlung von spezifisch katholischen Devotionaltexten, liturgischen Cantica und Antiphonen ist so angelegt, daß sie zum liturgischen Gottesdienstgebrauch geeignet ist.


    Der von Felix oben erwähnte William Byrd erinnert mich an einen anderen wichtigen englischen Komponisten, mit dem Sweelinck möglicherweise zusammengetroffen ist: John Bull. Den hatte es nämlich zunächst nach Brüssel ins Exil verschlagen (wo er als Kathedralorganist tätig war), dann nach Antwerpen, in den katholisch dominierten Teil der Niederlande (wo er 1628 auch verstarb). Könnte eine mögliche Verbindung der beiden Komponisten der Grund dafür sein, daß Sweelinck mit einigen Werken Eingang in das Fitzwilliam Virginal Book fand - als einziger Ausländer?


    :hello:

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    MUSIKWANDERER

  • Der von Felix oben erwähnte William Byrd erinnert mich an einen anderen wichtigen englischen Komponisten, mit dem Sweelinck möglicherweise zusammengetroffen ist: John Bull. Den hatte es nämlich zunächst nach Brüssel ins Exil verschlagen (wo er als Kathedralorganist tätig war), dann nach Antwerpen, in den katholisch dominierten Teil der Niederlande (wo er 1628 auch verstarb). Könnte eine mögliche Verbindung der beiden Komponisten der Grund dafür sein, daß Sweelinck mit einigen Werken Eingang in das Fitzwilliam Virginal Book fand - als einziger Ausländer?

    Deine Vermutung ist durchaus zutreffend. Gemäß der niederländischen Wikipedia war Sweelinck persönlich mit Bull, Gibbons und Philipps bekannt, ja teilweise befrendet.

  • Das Opus Magnum Jan Pieterzoonn Sweelincks sind die Vertonungen der Psalmen Davids.


    Das Label Glossa hat das gesamte Werk des niederländischen Komponisten unter dem Titel Das Sweelinck Monument eingespielt. Wahrlich ein riesiges Denkmal. Der vokale Teil umfasst dies:


    Die weltlichen Gesänge auf 3 CDs, die sakralen Werke auf 2 CDs und zusätzlich die Psalmen auf 12 CDs.


    Man sieht allein an der Zahl der Scheiben, welchen Wert der Komponist diesen Psalmen beimass. Es sind mehr als 12 Stunden Musik.


    Das Gesualdo Consort mit seinen 13 Sängerinnen und Sängern unter seinem Leiter Harry van der Kamp haben sich dieser Aufgabe gestellt. Es gibt eine Ausgabe mit drei Boxen mit den CDs und je einem Booklet sowie eine Ausgabe mit je 3 CDs und je einem Buch. Zuerst erklingt jeweils der Psalm, danach die kunstvolle mehrstimmige Vertonung Sweelincks. Lee Santana (Laute) und Bernard Winsemius (Orgel) lockern zwischen den rein vokalen Werke mit anderen Werken Sweelincks die Darbietungen auf.


    Im calvinistischen Gottesdienst war das Orgelspiel untersagt. Der Organist Sweelinck verlor 1578 nach dem Umsturz des katholisch ausgerichteten Stadtrates durch calvinistisch orientierte Stadträte sofort seine Aufgabe als Organist. Jedoch erlaubte ihm der Rat der Stadt vor und nach dem Gottesdienst Psalmenvertonungen aufzuführen. Das erklärt die grosse Zahl der Werke: In 288 Gesängen hat er ganze Psalmen oder Teile davon komponiert und in vier Psalmenbüchern veröffentlicht..


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    I think laughter is preferable to tears.

    John Cage


    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden.

    Hans Winking

  • Diese CD des Labels DENON mit Orgelmusik Jan Pieterszoon Sweelincks stammt aus dem Jahr 1883. Antiquarisch ist sie noch zu erwerben. Jacques Oortmerssen spielt auf der Orgel in St. Johann in Schiedam in den Niederlanden. Sie wurde im 16. Jahrhundert von Heijndrick Neijenhoff gebaut. Die Wiedergabe findet auf einem Instrument statt, das zu Lebzeiten des Komponisten entstand, was einen authentischen Klang gewährleistet. Auf der CD enthalten sind:


    Mein junges Leben hat ein End, Variationen

    Toccata in C

    Echo Fantasie in C

    Präludium in F

    Allein Gott in der Höh sei Ehr', Variationen

    Echo Fantasie in A

    Hexachord Fantasie

    Ballo da Granducca


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    I think laughter is preferable to tears.

    John Cage


    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden.

    Hans Winking