Ist Glenn Gould überschätzt?

  • Sagitt meint:


    Die Gould-Welle rollt heran. Im September 30ter Todestag.


    Allein bei amazon sind heute 184 Artikel zu downloaden. Immer wieder die selben Stücke, aber in immer neuen Kombinationen, meist auf Hochpreisniveau.


    Ist Gould überschätzt? Klavierpapst Kaiser äußerte sich in seinem SZ-Blog einigermaßen abschätzig über ihn. Aber man merkte, er kannte die Aufnahmen von Gould nur zum Teil.


    Ich schätze ihn mit manchen Aufnahmen noch immer, seinen unmöglichen Beethoven zB, aber auch die Goldbergvariationen von 1955. Mit seinem Mozart wurde ich nie warm (bis auf KV 491). Moderne Musik kann ich nicht beurteilen.


    Sein Bach finde ich oftmals überschätzt. Außer den fulminanten Goldbergvariationen finde ich die anderen Aufnahmen nicht so überzeugend. Da gefallen mir andere besser: Lipatti, Pires, Argerich, Pogorelich, Katsaris.


    Ich bin auf die Diskussion gespannt!

  • Die Frage müsste eher lauten, ob Gould als Bachinterpret überschätzt werde, denn als als Interpret anderer Komponisten hatte er ja nie den Nimbus, den er als Bachinterpret hatte, sondern galt eher als originell aber nicht als Referenz.


    Ich finde Gould wird als Bachinterpret nicht überschätzt. Für mich bleiben seine Bacheinspielungen das A und O der bachschen Klaviermusik, obwohl es natürlich andere Pianisten gibt, die ich punktuell manchmal besser finde, bspw. Swjatoslaw Richter bei einigen Fugen des WTC.
    Nicht die verdiente Aufmerksamkeit erhalten seine Brahms- und Wagnereinspielungen. Auch die Platte mit Byrd, Gibbons und Sweelinck ist für mich quintessentiell.

  • Kommt drauf an verglichen mit wem. Joachim Kaiser ist zB tendenziell weit mehr überschätzt als Glenn Gould. :D :D :D


    (In jüngeren Jahren, zB in seinem Buch zu den Beethoven-Sonaten war Kaiser von einigen der Gouldschen Interpretationen durchaus angetan!)


    Allerdings kann ich nachvollziehen, dass man davon genervt ist, dass Gould beinahe der einzige Pianist aus dem CBS/Sony Katalog ist, mit dessen Aufnahmen wir immer wieder überflutet werden, Jubiläum oder nicht. Seit beinahe 20 Jahren dürfte kaum eine seiner Studioaufnahmen aus dem Katalog gefallen sein, ständig gibt es Neuauflagen und es werden Live-Mitschnitte usw. ausgegraben. Höchstens Horowitz ist annähernd ähnlich gut erhältlich (hier etwas komplizierter, da Aufnahmen auch bei RCA, DG u.a.).


    Stiefmütterlich behandelt Sony dagegen zB Rudolf Serkin (jetzt endlich ist eine Beethoven-Box rausgekommen, aber es gäbe ja noch Brahms, Schubert, Reger usw.), noch mehr Peter Serkin, der, meine ich, in den 1970ern etliche CBS-Platten gemacht hat, Leon Fleisher (praktisch keine Solo-Aufnahme zu kriegen, nur diverse Konzerte mit Szell) oder Charles Rosen (zB mit spätem Beethoven und einer sehr klaren und nüchternen Einspielung der Goldbergvar.).


    Gould ist eben Kult und verkauft sich anscheinend nach wie vor hervorragend, aber nicht bloß Kult. Inflationär wird es auch im Forum, das ist bestimmt schon der dritte oder vierte Thread...


    Das WTK finde ich auch etwas gemischt, manches ist da ziemlich seltsam und das ist natürlich auch ein Werk, bei dem es viele Alternativen gibt. Meine favorisierte Bach-Aufnahme sind vermutlich die Partiten; ich mag aber auch den Rest größtenteils sehr gern. Von Beethoven die Variationen, besonders die ersten beiden Klavierkonzerte und von den Sonaten op.10, op.28 und 31. Die Brahms-Auswahl ist ebenfalls sehr gut und kaum exzentrisch gespielt.

    Struck by the sounds before the sun,
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    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zit. Johannes Roehl: "Joachim Kaiser ist zB tendenziell weit mehr überschätzt als Glenn Gould."

    Ich habe mir hier im Forum in meiner Hochschätzung für Joachim Kaiser schon mal eine blutige Nase geholt. Weiß der Teufel, warum der hier ein heißes Eisen ist. Aber zum Thema "Glenn Gould" aus der Sicht von Joachim Kaiser zitiere ich mal aus seiner Besprechung von Beethovens G-Dur-Sonate op.14:


    Er stellt zunächst fest, dass die Interpretation des zweiten Satzes "eindeutig gegen Beethovens Absichten" verstoße. Und dann fährt er fort:
    "Die Frage braucht also nicht zu lauten, ob Glenn Goulds Willkür-Akt statthaft und möglich ist (er ist es nicht), sondern sie muß lauten, warum das klingende Ergebnis nicht so >unmöglich< ist.
    Gould bringt das Klavier zum Klingen: mit zartem Überschwang, mit üppigem Wohllaut, mit bestechendem Klangsinn. Das ahnungslose Stück wird, ich kann es nicht anders sagen, zum Abschied aus dem Paradies. Oder: unter dem Vergrößerungsglas Gouldscher Inständigkeit erleben wir ein Düreresches Rasenstück als einen Gauginschen Urwald."

    Ich denke, dass hier ein Wesensmerkmal der Interpretation von Glenn Gould angesprochen ist: Der Begriff "Vergrößerungsglas" scheint mir diesbezüglich überaus aufschlussreich. Ich meine Glenn Goulds Interpretationsstil recht gut zu kennen (ich kenne ihn sogar als Liedbegleiter). Und ich gestehe: Ich bin höchst unsicher, wie man ihn letzten Endes einschätzen soll.


    Aber in einem bin ich mir völlig sicher: Alle seine Interpretationen von Werken für Klavier solo sind musikalisch überaus aufschlussreich. Das insofern, als sie Strukturmerkmale wie in einem "Vergrößerungsglas" aufdecken. Man kann dieses "Aufdecken" natürlich auch als "Bloßlegen" oder gar als musikalische Prostitution einschätzen und kritisieren.


    Aber da scheiden sich eben die Geister bei einem Pianisten, der alles ist, nur niemals langweilig und nichtssagend.
    (Nebenbei: Dieser Thread verspricht interessant zu werden!)

  • Die Frage der Überschätzung zielt meiner Meinung nach auch deswegen ein wenig daneben, weil Gould ja nicht aufgrund mangelnder Technik oder Einsicht zu Ergebnissen kam, die manchen nicht behagen, sondern stets aufgrund eines ganz bestimmten Konzepts. Besonders das extreme Beschleunigen oder Verlangsamen von Musikstücken hat er meistens deshalb angewandt, um wohlbekannte Stücke des Repertoires zu "diskutieren". Meistens wollte er zeigen, dass sie "schlecht" sind, beispielsweise das Italienische Konzert von Bach oder das "Rondo alla turca" in KV331. Da machte es ihm Spaß die Erwartungen des Hörers zu unterlaufen. Bei anderen Werken wiederum, wie etwa dem Siegfried Idyll, wollte er die kontrapunktische Komplexität veranschaulichen.


    Nicht so bekannte Stücke von Komponisten, die er liebte, etwa Gibbons oder Strauss, spielte er aber völlig ohne irgendwelche Extravaganzen nach allen Regeln der Kunst. Weshalb er eine so schnörkellose Interpretation der späten Klaviermusik Brahms' (nur die Intermezzi!) vorlegte, weiß ich nicht. Er bewunderte wohl den absoluten Verzicht auf jegliche Virtuosität in diesen Stücken. Womit wir schon bei einem Grundzug des gouldschen Charakters wären, dem Puritanismus. Was seine Sicht auf Musik auch stark beeinflusst hat, war seine extreme Vorliebe für Orchestermusik.

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Vielleicht ja und wenn 'ja', dann wahrscheinlich aus den falschen Gründen: Eine so "extravagante" Persönlichkeit, wie Glenn Gould es gewesen ist, verführt dazu, einfach aufgrund ihrer Extravaganz, Exaltiertheit oder meinethalben auch Wunderlichkeit oder Genialität überschätzt zu werden ... insbesondere auch bei einem Publikum, welches sich nicht unbedingt mit dessen musikalischer Absicht bzw. Aussage auseinander setzt (dbzgl. finde ich übrigens Felix Beitrag sehr interessant), sondern vielmehr einfach nur von der Person an sich fasziniert ist.


    Übrigens: Ist dies eigentlich der erste Thread der "Ist ... überschätzt?", welcher sich mit einem Interpreten und nicht mit einem Komponisten beschäftigt? - Dann darf man wohl gespannt sein auch "Ist HvK überschätzt?" ;)

  • Zitat

    Meistens wollte er zeigen, dass sie "schlecht" sind, beispielsweise das Italienische Konzert von Bach oder das "Rondo alla turca" in KV331. Da machte es ihm Spaß die Erwartungen des Hörers zu unterlaufen.


    WARUM ein Ergebnis "schlecht" ist - ob aus Mangel an mechanischer Fähigkeit (die ich Gould natürlich nicht unterstelle) oder Mangel an "gutem Geschmack" oder an "fehlender Ehrfurcht vor dem Werk" - das ist letztlich gleichgültig.


    Aus meiner Sicht wäre Herr Gould besser beraten gewesen die Finger von Mozarts Klaviersonaten zu lassen - im wahrsten Sinne des Wortes. Daß jemand, der Meilensteine der Klassischen Musik bewusst kaputtinterpretiert, noch Jahre nach seinem Tod (unverdiente) Beachtung findet, das vermag mich nur zu verwundern - nicht zu verärgern.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Sagitt meint: wenn man die Zahl der Wiederveröffentlichungen anschaut, müsste Gould der grössgte Pianist der Welt sein. Denn niemand hat es auch nur annähernd geschafft, so durch remakes geehrt zu werden. Silver, Gold neue Serie, immer neue Kopplungen, sogar wenige Ausgrabungen.


    Ich erinnere noch gut die erste Phase: Vinyl. Die deutsche "Fachwelt" war empört, was Gould mit Beethoven und Mozart machte. Gould hatte das antizipiert, indem er auf der Rückseite der Platten deutsche Kritiker auftreten liess, die mit wohlgesetzer Schreibe polemisierten. Vielleicht hat noch jemand die Platten, ich leider nicht mehr ,und kann den Namen korrekt wiedergeben. Kloppweiser?


    Es war natürlich alles von ihm.


    Kontrolle war alles.


    Von dem positiven Aspekt profitieren wir heute noch. Es möchte noch so schnell gespielt worden sein. Verwischt war nie etwas.

  • Man mag mich dafür kritisieren, aber wenn ich darüber nachdenke, dann scheinen mir Glenn Gould und Sergio Celibidache in ihrem Musikverständnis sehr ähnlich gewesen zu sein: Beide verstehen die Musik bzw. die Noten als wirkliches Material, mit welchem sie arbeiten. Dabei nehmen sie, scheint mir, relativ wenig Rücksicht auf die vermeintliche Intention des Komponisten (anders z.B. als ein Günter Wand, der sich ja recht explizit gegen Interpretation im Sinne von Deutung ausgesprochen hat), sondern "vereinnahmen" die Musik und drücken ihr jeweils den ganz eigenen Stempel auf. Sicherlich ist dies für den Hörer zuweilen irritierend und reicht bis hin zur Ablehnung; andererseits macht dieser Umgang mit Tempo, Phrasierung etc. Strukturen deutlich, die man für gewöhnlich nicht wahrnimmt.


    Mit anderen Worten (Achtung! Provokation!): Glenn Gould war zumindest manchmal "das Regietheater" der Klaviermusik ...

  • Ich finde MSchenks Vergleich mit Celibidache ist gar nicht so schlecht. Den mangelnden Respekt Goulds für die Intentionen des Komponisten kann man sicherlich kritisieren, wie das Alfred z.B. tut. Ich glaube aber nicht, dass das etwas mit Überschätzung oder Ablehnung zu tun hat. Hier geht es wohl eher um Ablehnung oder Zustimmung. Ich persönlich finde es gut, dass es auch Interpreten wie Gould gibt, nur werktreue Interpretationen am Markt wären doch etwas langweilig.

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  • Gould durfte angeblich (wie Horowitz) schon zu Lebzeiten bei CBS aufnehmen, was immer er wollte, da entsprechender Absatz und Gewinn praktisch sichergestellt waren. (Überdies sind Klavieraufnahmen, selbst mit einem exzentrischen und schwierigen Künstler relativ billig).
    Und die ständigen Wiederveröffentlichungen gibt es (wie bei Callas oder Karajan) aus dem simplen Grund, dass sie sich immer wieder gut verkaufen.


    Ich habe nie geglaubt, dass er Werke wie Mozarts Klaviersonaten wirklich schlecht fand, sonst hätte er sie gar nicht aufgenommen. Keine der Mozart-Sonaten wird von Gould so verzerrt wie die Appassionata. Ein paar Sätze sind entweder mit dem oben schon genannten "Vergrößerungsglas" oder aber extrem trocken und schnell gespielt. Ich höre gerade KV 332, das gefällt mir ziemlich gut; gewiss keine Standardinterpretation, aber auch nicht provokant verzerrend. Sehr klar und energisch.


    Was immer man von dem eher langsamen "alla turca" halten mag, Goulds Tempo entspricht m.E. eher dem vorgeschriebenen "Allegretto" als das übliche. Ungewöhnlicher ist der erste Satz dieser Sonate. Den spielt er am Beginn sehr langsam, zögernd, "abgehackt", unkantabel. Das mag man als bloße Provokation deuten, für mich wirkt es, als ob hier das Variationenprinzip ein wenig auf den Kopf gestellt würde: Man hat weniger den Eindruck, dass ein aufgestelltes Thema variiert würde, als dass der Satz erst im Verlauf zu sich kommt. Jedenfalls ist der Eindruck eines "Ziels" bei den beiden letzten, der stark verzierten und der "Allegro"-Variation durchaus gegeben, insofern finde ich das eine nicht uninteressante Alternative, auch wenn der lyrische Ausdruck auf der Strecke bleibt.
    Ich sehe Mozarts Klaviersonaten allerdings auch nicht als unantastbare Meilensteine. Und selbst wenn, Meilensteine müssen alternative Zugänge aushalten können.

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  • Ich habe nie geglaubt, dass er Werke wie Mozarts Klaviersonaten wirklich schlecht fand, sonst hätte er sie gar nicht aufgenommen.

    Gould hat expressis verbis gesagt, dass er die späten Klaviersonaten verabscheut, v.a. KV570, und fügte hinzu, dass er sie besser nicht aufgenommen hätte. Über die frühen Sonaten äußerte er sich relativ positiv und schätzte sie etwas höher als Clementi und etwas niedriger als Scarlatti ein. Man weiß aber natürlich bei Gould nie, wo der Ernst aufhört und wo die Provokation beginnt. Die Appassionata hasste er übrigens auch, wie fast alles aus Beethovens mittlerer Periode (5.te Symphonie, Violinkonzert)..



    Ich sehe Mozarts Klaviersonaten allerdings auch nicht als unantastbare Meilensteine. Und selbst wenn, Meilensteine müssen alternative Zugänge aushalten können.

    Das sehe ich auch so. Manche groteske Bachaufnahmen, wie eben die des Italienischen Konzerts, möchte ich auch nicht missen solange ich auf Alternativen zurückgreifen kann.

  • Gould durfte angeblich (wie Horowitz) schon zu Lebzeiten bei CBS aufnehmen, was immer er wollte, da entsprechender Absatz und Gewinn praktisch sichergestellt waren...


    Es ging noch viel weiter. CBS hatte für Gould in Toronto ein Studio mit Flügel eingerichtet und zwei Tonmeister standen auf Abruf bereit und konnten von ihm jederzeit telephonisch zu Aufnahmesitzungen bestellt werden.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • MSchenk schrieb:

    Zitat

    Mit anderen Worten (Achtung! Provokation!): Glenn Gould war zumindest manchmal "das Regietheater" der Klaviermusik ...

    Exakt dieser Vergleich spukte gestern in meinem Kopf herum - aber ich wollte ihn nicht bemühen, um mich nicht der Anschuldigung auszusetzen, stets nur EIN Thema im Sinn zu haben......
    Man muß in diesem Zusammenhang betonen, daß bei Gould - was immer man von ihm halten mag - die Werke noch einigermaßen erkennbar blieben.....


    Felix Meritis schrieb

    Zitat

    nur werktreue Interpretationen am Markt wären doch etwas langweilig.

    An sich könnte man darüber diskutieren, ob das zutrifft.
    Es hängt vermutlich davon ab, wie oft man ein Werk im Plattenschrank stehen hat.
    Aber selbst "konventionelle" Interpreten weisen eine gewaltige Bandbreite der Interpetation auf -
    man muß nicht um jeden Preis Tabus brechen.
    Wenn man sich - so wie ich - auch den weniger bekannten Komponisten der klassischen und der romantischen Epoche verschrieben hat, dann kommt das Argument ohnedies nicht zum Tragen - weil man eigentlich stets "Neues" hört.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Sagitt meint:


    Insofern ist Gould nicht mit Regietheater vergleichbar. Die Stücke erkennt man. Auch wenn sie verändert klingen, man vergleiche nur einmal op. Nr. 1 Beethoven von irgendeinem Pianisten (besonders zäh die erste Aufnahme von Buchbinder) und dann Gould, wie er quasi raketenartig in den Satz einsteigt.


    Die immer wieder spannende Frage ist die nach der "Werktreue". Aufgrund der Biographie von Gould darf man ihm mit allem Recht Demut absprechen, er war Narzist in einer sehr reinen Form. Selbst eine Lenny Bernstein kapitulierte davor.


    Damit ist das Thema aber nicht durch. Er hat ja viel geforscht, nachgedacht, Werke analysiert, wie wenige vor ihm.
    Ich nehme eine seiner grössten Provokationen als Beispiel, den ersten Satz von op.57 von Beethoven, ein Werk, über das er schändlich geredet hat. Will er uns vorführen, wie "primitiv" diese Komposition ist, wenn er mehr 15 Minuten braucht, während andere meist unter 10 Minuten für das Stück benötigen?


    Selbst, wenn er es wollte, ist es ihm gelungen?


    Ich meine "Nein". Diese Aufnahme ist hoch dramatisch, perfekt, wie Gould das Stück trotz des langsamen Tempos zusammen hält. Die unmittelbare Nachbarschaft zur fünften Sinfonie blitzt auf. Ist das gegen den Beethovenschen Geist oder nur gegen unsere Hörerwartung?
    Neben den dramatischen Wiedergaben von Richter und Say ist mir diese die eindrucksvollste.


    Es ist sicher ein Verstoß gegen die Angaben in der Partitur, aber auch gegen den Geist des Stücks?


    Ich frage bei seinen Interpretationen immer, ob mich das Stück so anspricht, wie er gespielt hat. Ausgerechnet bei Bach sprechen mir häufig andere mehr an. Nehme ich die B-Dur Partita. So wie sie Lipatti und Pires gespielt haben, ist Gould für mich DA nicht Konkurrent, so wenig lebendig, zuviel Struktur.


    Vielleicht können die Mitstreiter bei Tamino sich auch zu einzelnen Interpretationen äussern?

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  • Es ist schwierig auf Gouldeinspielungen speziell einzugehen, wenn man noch nicht alle allgemeinen Charakteristika seines Spiels diskutiert hat. Deswegen möchte ich zu seinen Bachaufnahmen noch nachtragen, dass das hervorstechendste Merkmal seines Spiels sein fast völliger Verzicht auf Legato ist, der einen cembaloähnlichen Klang erzeugt. Gerade jetzt habe ich mir im Vergleich die erste englische Suite von Gould von Peraiha gespielt durchgehört. Gould spielt dieses Werk mit seiner üblichen "trockenen" Technik, Peraiha benutzt viel Legato. Meiner Meinung nach kommt in Goulds Interpretation die rhytmische Gestaltung der Sätze viel besser zur Geltung, während bei Peraiha alles in einer Art Wohlklangnebel erklingt, ohne natürlich richtig verwischt zu sein aber mit deutlich weniger rhytmischer Kontur. Während dieses Werk in den Händen Goulds wundervoll klingt, ist es bei Peraiha ein Gähner.


    Bei der ersten Partita gibt es natürlich viel Konkurrenz, ich persönlich bevorzuge trotzdem Gould vor Lipatti, eben wegen der strukturellen Interpretation. Ohne Konkurrenz, so finde ich, steht Goulds Interpretation der 6.ten Partita da.

  • Gould hat expressis verbis gesagt, dass er die späten Klaviersonaten verabscheut, v.a. KV570, und fügte hinzu, dass er sie besser nicht aufgenommen hätte. Über die frühen Sonaten äußerte er sich relativ positiv und schätzte sie etwas höher als Clementi und etwas niedriger als Scarlatti ein. Man weiß aber natürlich bei Gould nie, wo der Ernst aufhört und wo die Provokation beginnt. Die Appassionata hasste er übrigens auch, wie fast alles aus Beethovens mittlerer Periode (5.te Symphonie, Violinkonzert)..


    Eben.
    Verbal ist er m.E. wesentlich provokanter, obwohl er zweifellos einen sehr idiosynkratischen Geschmack hatte. Dass man einzelne "gehasste" Werke im Rahmen einer GA aufnimmt, ist ja nachvollziehbar, aber er hat letztlich eben Mozarts Sonaten komplett aufgenommen, aber von Clementi gar nix und von Scarlatti gibt es nur zwei oder drei Sonaten aus dem Nachlass. (Ich finde die Einschätzung übrigens keineswegs unrealistisch, selbst wenn sie mit Scarlatti nicht gut vergleichen kann.). Und warum spielte er Liszts Bearbeitung der 5., wenn er sie hasste?
    Ich habe jetzt nicht alle Mozart-Sonaten durchgehört, sondern gestern abend nur KV 331, 332 und 457. Zu 331 s.o. Ansonsten höre ich hier zwar natürlich Goulds individuellen Stil, weitgehend non-legato, rhythmisch sehr deutlich, sehr deutliche linke Hand, ingesamt oft etwas trocken, viele sehr rasche und einige überraschend langsame Tempi, aber keine bewusste "Hinrichtung" oder Verzerrung.


    Auch der o.g. Mittelsatz aus Beethovens op.14/2 ist zwar sehr langsam (ignoriert die alla breve Vorzeichnung), aber Gilels spielt ihn etwa im gleichen Tempo (Spieldauer sogar ein paar sec. länger). M.E. ist das meiste bei Gould, wenngleich oft ungewöhnlich, durchaus im Rahmen interpretatorischer Freiheit, die sich andere Interpreten genauso nehmen. Was sollte der Sinn von unterschiedlichen Interpretationen sein, wenn sie alle möglichst ähnlich sind? Und manchmal offenbart eben eine Lesart nahe an der Karikatur besondere Aspekte des Werks.


    Bei Bach gab es vor Gould ja kaum eine echte Tradition auf dem modernen Flügel, weil nur einzelne Werke regelmäßig gespielt wurden (und das oft in Bearbeitungen). In den 1950ern war durch die ersten prominenten Cembalisten wie Landowska, Kirkpatrick u.a. jedenfalls der romantische Ansatz von Fischer oder Kempff keineswegs mehr schlicht "Standard". Es gab vor Gould meines Wissens keinen berühmten Pianisten, der so viel Bach gespielt und aufgenommen hat (und danach sehr wenige, wobei zB Joao Carlos Martins ähnlich exzentrisch ist wie Gould, wenn auch anders). Insofern kann man auch nachvollziehen, dass Goulds Ansatz so etwas wie ein Standard geworden ist.

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  • Eben.
    Verbal ist er m.E. wesentlich provokanter, obwohl er zweifellos einen sehr idiosynkratischen Geschmack hatte. Dass man einzelne "gehasste" Werke im Rahmen einer GA aufnimmt, ist ja nachvollziehbar, aber er hat letztlich eben Mozarts Sonaten komplett aufgenommen, aber von Clementi gar nix und von Scarlatti gibt es nur zwei oder drei Sonaten aus dem Nachlass. (Ich finde die Einschätzung übrigens keineswegs unrealistisch, selbst wenn sie mit Scarlatti nicht gut vergleichen kann.). Und warum spielte er Liszts Bearbeitung der 5., wenn er sie hasste?

    Gould war ja nicht der Chef von CBS und konnte einfach spielen, was er wollte. Er unterschrieb einen Vertrag, alle Mozartsonaten einzuspielen, parallel zu seinem Beethoven- und Bach-Gesamteinspielungen. Zum Ausgleich durfte einige seiner Außenseiterprojekte durchziehen, etwa die Byrd/Gibbons/Sweelinck-Platte oder seine Wagner- und Strauss-Platten. Von Mozart schätzte er summa summarum die Sonaten wesentlich mehr als die Konzerte, von denen er meines Wissens keines einspielte (evtl. das 24.te?). Weiters "musste" er keinen Chopin oder Schumann einspielen. Vor allem letzteren mochte er überhaupt nicht. Aus irgendeinem Grund hat er dann trotzdem die h-moll Sonate von Chopin eingespielt. An Scarlatti und erst recht Clementi war bei CBS keiner interessiert, weshalb hätte er also mehr bzw. überhaupt etwas davon einspielen sollen?
    Die Frage der Liszt-Transkriptionen ist schon schwieriger zu beantworten. Es war jedenfalls eines seiner Hobbies Orchesterwerke am Klavier zu spielen und die Liszt-Transkriptionen schätzte er als sehr gelungen ein. Möglicherweise war CBS bereit etwas davon zu publizieren, wenn es dann auch wenigstens die 5.te war - und nicht die 8.te, Goulds Favorit.

  • Wie soll man den besten Pianisten der Neuzeit überschätzen?


    Gould ist deshalb der Beste, weil er exzellente Musik exzellent spielt.


    Wen er auch immer sonst verhunzt haben mag, bei Bach ist er die Referenz. Seine Interpretationen sind beinahe durchgängig an Klarheit, Kontur und Ausdruckskraft nicht zu übertreffen, man vergleiche z.B. den ersten Satz der Partita Nr. 6 (zum Glück auf youtube vorhanden und nicht dem Sony-Zensurwahn zum Opfer gefallen: http://www.youtube.com/watch?v=K6wuIgSSKPg&feature=related) mit denen, die sich sonst noch so daran versucht haben. Ich will allerdings nicht ausschließen, daß ich hier einer milden Form der self-fulfilling-prophecy zum Opfer falle, da ich Gould so oft gehört habe, daß mir möglicherweise schon deshalb andere Interpretationen "weniger richtig" erscheinen. Andererseits ist das woanders häufig vorhandene Gestolpere ja tätsächlich hörbar; man mag das nun als künstlerisch besonders gelungene Phrasierung begreifen und Goulds "Tempohärte" als zu metronomisch oder mechanistisch empfinden, ich sehe es andersrum.


    Insbesondere den Teil zwischen der zweiten und der achten Minute der Toccata spielt Gould so transparent und klar, wie eben nur Gould.


    Felix Meritis hat den Unterschied zwischen Goulds Spiel und dem Spiel anderer weiter oben mit fehlendem Legato erklärt, ich meine, daß es zusätzlich auch noch etwas weiteres sein müßte (ich weiß nicht, was, vielleicht ein besonders kurzes Aufsetzen der Finger, vielleicht ein anderer Druck...).


    Wenn man einen zugegeben etwas überpointierten Vergleich anstellen wollte, könnte man Goulds Bach-Spiel als HD-Auflösung bezeichnen, während es die anderen (Weissenberg einmal ausgenommen) - ob nun aufgrund fehlender technischer Fähigkeiten oder überschäumender Virtuosität - nur auf HD-Ready bringen.

  • Vor einigen Tagen habe ich mir die hier gezeigte 6 CD Box gekauft. Das erweitert meine Gould Collection auch insgesamt 8. CDs

    Man wird einfach mürbe, wenn man die andauernden Lobhudeleien über einen Pianisten liest, der eigentlich fast alles was er spielt verbiegt.

    Das war der Anlass diesen Thread hervorzukramen und wiederzubeleben. Es gibt unzähliche Glenn Gould Threads in diesem Forum (weiß der Teufel warum) aber ich habe diesen gewählt, weil das Thema "überschätzt" (wenngleich in Bezug auf Komponisten) derzeit aktuell am Laufen ist:

    Ich habe hier einige Zitate aus der Vergangenheit zusammengeklaubt.Interessant, auch Mitglieder zu zitieren, die längst keine mehr sind.....

    Ist Gould überschätzt? Klavierpapst Kaiser äußerte sich in seinem SZ-Blog einigermaßen abschätzig über ihn.

    Da bin ich aber froh. So stehe ich nicht alleine da - als der ewige Querulant und Aussenseiter.

    Kommt drauf an verglichen mit wem. Joachim Kaiser ist zB tendenziell weit mehr überschätzt als Glenn Gould

    Das würde ich unter den Begriff "bösartig" einordnen. Joachim Kaiser ist ein hochintellektueller Schöngeist, elitär abgehoben, letzteres ist manchem ein Dorn im Auge. Kaisers Stellenwert ist schon dadurch ersichtlich, daß sein legendäres Buch "Große Pianisten in unserer Zeit" keinen Nachfolger gefunden hat und bis heute als "Bibel" gehandelt wird.

    Die Frage müsste eher lauten, ob Gould als Bachinterpret überschätzt werde, denn als als Interpret anderer Komponisten hatte er ja nie den Nimbus, den er als Bachinterpret hatte, sondern galt eher als originell aber nicht als Referenz.

    Darauf wollte ich heute antworten. Zu meiner Überraschung fand ich ein Statement von mir, das fast wörtlich das enthält, was ich heute schreiben wollte:


    WARUM ein Ergebnis "schlecht" ist - ob aus Mangel an mechanischer Fähigkeit (die ich Gould natürlich nicht unterstelle) oder Mangel an "gutem Geschmack" oder an "fehlender Ehrfurcht vor dem Werk" - das ist letztlich gleichgültig.


    mfg aus Wien

    Alfred

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  • Die realtiv späten Beethoven Aufnahmen von op. 2 und vor allem op. 26, op. 27,1 und op. 28 haben meines Erachtens Bestand.


    Goulds Spiel hatte und hat die Kraft, Zuhörer für die Musik von Bach zu gewinnen. Er zieht einen in den Bann. Auch wenn man dann später entdeckt, dass es andere Möglichkeiten gibt, diese Musik zu spielen, kenne ich viele, die über ihn und insbesondere seinem Bachspiel den Weg zur klassichen Musik gefunden haben.


    Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.