Eugène Scribe - Opernlibretti en gros

  • In diesem Thread soll ein weiterer sehr erfolgreicher und produktiver Opernlibrettist (diesmal des 19. Jahrhunderts) gewürdigt werden:


    Augustin Eugène Scribe
    (24.12.1791 Paris – 20.02.1861 Paris)



    Sohn eines Pariser Mode- und Seidenhändlers. Studierte zunächst Rechtswissenschaft, ging aber bald zur Literatur über, da er früh vom Pariser Theaterleben fasziniert und „infiziert“ wurde.

    So studierte er intensiv die dramatischen und dramaturgischen Künste. 1810 führten die „Variétés“ sein erstes -noch anonym verfasstes- Stück „Le prétendu sans le savoir“ ohne Erfolg auf, aber schon 1811 verfasste er in Gemeinschaft mit seinem auch in späterer Zeit eifrigsten Mitarbeiter Germain Delavigne (1790-1868 ) sein erstes erfolgreiches Bühnenstück „Les dervis“.
    Er begann für kleine Theater zu schreiben und der Erfolg seiner Stücke stellte sich recht schnell ein. 1820 wurde er „Hausdichter“ am „Théatre de Madame“ (das spätere „Théatre de Gymnase“).
    1822 debütiert er am Théatre Francais mit seiner Comédie „Valérie“. Innerhalb weniger Jahre wurde er einer der beliebtesten Bühnenschriftsteller, der mit seinen zahllosen Lustspielen, die er häufig mit einem zweiten Autor zusammen schrieb, nicht nur das Theater seines Heimatlandes, sondern der ganzen abendländisch geprägten Welt beherrschte – vor allem natürlich in Paris im Zeitraum zwischen 1820 und 1850.
    Ebenso bekannt wurde er als gewandter, einfallsreicher Opernlibrettist. Als solcher wirkte er vor allem für Auber und Meyerbeer.
    Daneben fand er noch Muße zur Romanschriftstellerei. Insgesamt verfasste Scribe 345 Theaterstücke. Die Gesamtausgabe seiner dramatischen Werke umfasst 9 Bände Schauspiele, 33 Bände Comédies-Vaudevilles (bei einem Vaudeville handelt es sich um ein in im 18. Jahrhundert in Paris entstandenes Volksstück bzw. Liederspiel – der Vorläufer der späteren „Opéra comique“) und 26 Bände Operntexte und Ballette – hinzu kommen noch einige Romane und Novellen. Sein Schwerpunkt lag aber –wie unschwer zu erkennen ist, auf Operntexten. Seine gesammelten Werke sind von 1874-85 in insgesamt 76 Bänden erschienen!


    1836 wird er als 45-jähriger Mitglied der Académie Francaise. In seiner Antrittsrede spricht er über das unterhaltsame Theaterstück und definiert hierin die „Pièce bien faite“, also das „gut konstruierte Stück“ als sein ehrgeiziges Ziel: Ein Stück, das in perfekter Weise durch eine gut gewählte Intrige, die durch interessante menschliche Charaktere entwickelt und vorangetrieben wird, quasi von selbst in spannend-unterhaltsamer Manier vor den Augen des Zuschauers abläuft. Theater soll unterhalten, bezaubern und amüsieren - nicht belehren oder moralisieren, so lautet sein Credo.


    In Frankreich war es vor allem im 19. Jahrhundert nicht unüblich, dass ein Opern-Libretto von einem Autorenteam verfasst wurde, dies ist z. B. auch bei Opern wie Gounods „Faust“ (1859), Verdis „Don Carlos“ (1867), Bizets „Carmen“ (1875) oder Massenets „Manon“ (1884) der Fall – um nur 4 berühmte Beispiele zu nennen.

    Gut möglich, dass nicht zuletzt Scribes Erfolg mit seiner in jeder Hinsicht erfolg- und ertragreichen Arbeitsweise diese französische „Tradition“ mitbegründet hat:
    Die Organisation seiner „Stückeschmiede“ beruhte auf einer Arbeitsteilung zwischen den beteiligten Autoren: Recherche nach passenden Stoffen, Kreation der eigentlichen dramatischen Intrige des späteren Stückes, Erfindung komischer, pointierter Situationen, Ausarbeitung der Dialoge. Neben dem erwähnten Delavigne gehörten zu seinen engeren Mitarbeitern u. a. Jean Henri Dupin, Marc-Antoine Desaugiers, Charles Delestre-Poirson, Xavier Saintine und Ernest Legouvé. Angesichts dieser professionellen Arbeitsteilung (diese für damalige Zeiten sehr zukunftweisende Praktik wird übrigens auch heute noch gerne praktiziert, z. B. von etlichen „Comedians“...) wundert die oben erwähnte, nahezu unglaublich erscheinende Anzahl der in seiner „Firma“ im Lauf der Jahre entstandenen Stücke nicht. Zeitweise erschien monatlich ein neues Stück während einer einzigen Pariser Saison.

    Überhaupt scheint Scribe –für einen im künstlerischen Bereich tätigen Kreativen- ein Händchen für das wirtschaftliche „Management“ gehabt zu haben (nicht gerade häufig in einer Branche, die durch die sprichwörtlichen „armen Poeten“ und „brotlosen Künstler“ bekannt wurde!) – Scribe soll der erste Autor gewesen sein, der gegenüber den Pariser Theatern durchsetzen konnte, dass er anteilige Prozente der Einnahmen als Tantiemen bekam! Neben seiner Kreativität war er fleißig, sparsam und ordentlich, wusste zu wirtschaften, die Bücher der Firma „Scribe & Co.“ zu führen. Er wurde zu einem wohlhabenden Mann und lebte in seinem eigenen großen Villenlandsitz im „Chateau Séricourt“. Konsequenterweise gründete er dann auch eine „Autoren-Vereinigung“, die es Kollegen ebenfalls ermöglichen sollte, den Theatern gegenüber ähnliche Forderungen nach einer angemessenen Vergütung durchzusetzen.


    Ihm war durchaus bewusst, dass die Stücke, die „Scribe & Co.“ verfasste, keine unsterbliche Literatur darstellte, aber ihn störte das nicht sonderlich – für ihn war gut gemachte Unterhaltung, die seinem Publikum Vergnügen („bien content“ wie er es ausdrückte) bereitete, wichtiger. Und einen Instinkt für den gerade aktuellen Publikumsgeschmack besaß er ohne Zweifel.
    Er soll gesagt haben: „In der hohen Literatur geht man zugrunde, in der kleinen wird man zum reichen Mann!“ Ein Ausspruch, der auch nach fast 200 Jahren noch immer Gültigkeit besitzt...


    Für Scribe war von Vorteil, dass er nicht zäh und kräfteraubend um die Schaffung neuer literarischer Gattungen ringen musste, wie andere Dichter es vor und nach ihm getan haben – er konnte, versehen mit großem Talent für bühnenwirksame Situationen und Stoffe, mit Eleganz, Leichtigkeit und Souveränität auf dramatische Formen zurückgreifen, die um 1800 bereits erprobt und erwiesenermaßen erfolgreich waren. In Frankreich hatten in den 150 Jahren vor Scribes Wirken u. a. Racine, Molière, Marivaux und Beaumarchais, der Schöpfer der „Figaro-Trilogie“ (die ersten beiden Teile hiervon kennt jeder Opernfreund!) äußerst fruchtbare Vorarbeit geleistet, so dass Scribe sich aus diesem bereits gewonnenen Erfahrensschatz nur bedienen brauchte, um sich für seine Stücke die dramaturgischen Elemente und Kniffe herauszusuchen, die er benötigte. Und dies tat er mit äußerster Virtuosität.
    Nach dem politischen Zusammenbruch der napoleonischen Ära kommt in Frankreich eine geistige Strömung in Mode, die sich rückwärtsgewandt an vergangenen großen Epochen ergötzt. Die aus Deutschland herüberwirkende romantische Idee findet in Frankreich großen Anklang, z. B. in den Werken von Victor Hugo oder Alexandre Dumas.
    So verwundert es nicht, wenn auch bei Scribe die Vorliebe für historische Kostümstücke nicht zu übersehen ist und er und seine Co-Autoren in der Literatur –bevorzugt Memoiren- vergangener Jahrhunderte forschen, ob sich hier bühnentaugliche Stoffe finden lassen. Anekdoten und Historien werden aufgegriffen und zu Lustspielen ausgebaut – mit der historischen Wahrheit nimmt man es nicht immer allzu genau. „Se non è vero, è ben trovato!” – dieser Ausspruch aus Italien gilt auch für die eifrig produzierenden Franzosen. Beliebtes Sujet ist die Darstellung bekannter historischer Persönlichkeiten, deren menschlich-allzumenschliche Seiten auf der Bühne gezeigt werden. Schon in dramatischen Werken des 18. Jahrhunderts sind solche Themen anscheinend sehr beliebt gewesen, man denke z. B. an die Darstellung eines bis über beide Ohren verliebten Julius Cäsar, der seiner Cleopatra nachsteigt...
    Das wohl bekannteste Theaterstück Scribes, das sich heute noch vereinzelt in Theater-Spielplänen finden lässt, ist das 5-aktige Lustspiel „Le verre d’eau“ („Das Glas Wasser oder Ursachen und Wirkungen“), das –von ihm allein verfasst- 1840 mit riesigem Erfolg uraufgeführt wurde und mit seiner geschickten Konstruktion quasi stellvertretend für den gesamten Aufbau und den ganzen Charme der „Piéces bien faites“ von Eugène Scribe steht.
    „Bertrand et Suzette ou Le mariage de raison“ (1826), „Bataille de dames“ (1851) und „Une nuit de la Garde Nationale“ (im Jahr 1815 sein eigentlicher Durchbruch) sind Titel einiger weiterer erfolgreicher Comédies des Dichters, von dessen Werken der Literaturwissenschaftler Ralf Steyer zusammenfassend schreibt: „Bestes Theaterhandwerk, keine Dichtung, aber gekonnt von Anfang bis Ende!“
    Am 20.02.1861 starb der nach wie vor rührige und unermüdlich kreativ tätige Siebzigjährige während einer Droschkenfahrt durch sein geliebtes Paris.


    Da nicht nur Komponisten wie Mozart häufig auf der Suche nach talentierten Librettisten für ihre Opern waren, ergab es sich quasi von selbst, dass Scribe mit seinem enormen dramaturgischen Talent und seiner Fähigkeit, spritzig-elegante Verse zu dichten, für etliche Opern (einige davon wurden weltberühmt) die Libretti verfasst hat. Er arbeitete –wie erwähnt- mit Auber und Meyerbeer wiederholt zusammen (was für ein Glücksfall für diese Komponisten!), schuf aber auch die Grundlagen für Opernlibretti von zeitgenössischen italienischen Komponisten wie Bellini, Rossini, Donizetti oder Verdi.
    Seine Libretti sind nicht nur für „Opéra-comiques“ gemacht, sondern nicht zuletzt für die durch ihn mitbegründete „Grand opéra“, die durch Aubers und Meyerbeers Vertonungen ab ca. 1830 in Frankreich (und Europa) zur herrschenden Opern-Gattung wurde und an Aufwand und luxuriöser Ausstattung alles bisher Gesehene bei Weitem übertraf.


    Richard Strauss schrieb an seinen langjährigen Librettisten Hugo von Hofmannsthal in einem seiner Briefe einmal: „Sie sind da Ponte und Scribe in einer Person!“ – ein schönes Kompliment, das zugleich die Wertschätzung auch nachfolgender Dichter und Komponisten für Eugène Scribe ausdrückt.


    Eine Auswahl seiner Libretti verdeutlicht die ganze Bandbreite seines Wirkens im Opern-Genre:


    1813 La chambre à coucher; für Guénée
    1823 Leicester ou Le chateau de Kenilworth; für Auber (1782-1871)
    1823 La neige ou Le nouvel Eginhard (zusammen mit Delavigne); für Auber
    1825 La dame blanche; für Boieldieu (1775-1834)
    1825 Le macon (zus. mit Delavigne); für Auber
    1827/31 Robert le diable (zus. m. Delavigne); für Meyerbeer (1791-1864) - UA 1831
    1828 La muette de Portici (zus. m. Delavigne); für Auber
    1828 Le comte Ory (zusammen m. Delestre-Poirson, nach dem eigenen gleichnamigen Vaudeville von 1816); für Rossini (1792-1868 )
    1829 La fiancée; für Auber
    1830 Fra Diavolo ou L’hotellerie de Terracine; für Auber
    1830 Le dieu et la bayadère; für Auber
    1831 Le philtre; für Auber; in italienischer Bearbeitung durch Felice Romani als L’elisir d’amore für Donizetti (1797-1848 )
    1831 La sonnambule ou L’arrivée du nouveau seigneur (als Comédie-Vaudeville); in ital. Bearb. durch Felice Romani für Bellini (1801-35)
    1833 Les Huguenots (zus. m. Émile Deschamps); für Meyerbeer - UA 1836
    1833 Gustave III. ou Le bal masqué; für Auber; 1843 in ital. Bearb. durch Salvatore Cammarano für Saverio Mercadante als Il reggente; 1859 in ital. Bearb. durch Antonio Somma als Un ballo in maschera für Verdi (1813-1901)
    1833 Ali-Baba; für Cherubini (1760-1842)
    1834 Le chalet (zus. m. Mélesville); für Adolphe Adam (1803-56) ; 1836/37 in ital. Bearb. durch den Komponisten als Betly ossia La capanna svizzera von Donizetti
    1835 Le cheval de bronce; für Auber
    1835 La juive; für Jacques Francois Fromental Elias Halévy (1799-1862)
    1836 L’ambassadrice; für Auber
    1837 Le domino noir; für Auber
    1837 L’Africaine; für Meyerbeer - UA erst nach dessen Tod in 1865
    1838 Le prophète (zus. m. Émile Deschamps); für Meyerbeer - UA erst 1849
    1838 Guido et Ginevra ou La peste de Florence; für Halévy
    1839 Le lac des fées (zus. m. Mélesville); für Auber
    1839 Le duc d’Alba (zus. m. Charles Duveyrier); für Donizetti
    1839/40 Les martyrs; für Donizetti (Umarbeitung der ital. Donizetti-Oper „Poliuto“ von 1838 )
    1840 La favorite (zus. m. Alphonse Royer u. Gustave Vaez); für Donizetti
    1841 Les diamants de la couronne (zus. m. Saint-Georges); für Auber
    1841 Le comte de Carmagnola; für Ambroise Thomas (1811-1896)
    1843 La part du diable (nach Scribes eigener Novelle Carlo Broschi); für Auber
    1843 Dom Sébastien, roi de Portugal; für Donizetti
    1843 Ein Feldlager in Schlesien (Prosafassung; Versifizierung der dt. Übersetzung von Ludwig Rellstab); für Meyerbeer - UA 1844
    1847 Haydée ou Le secret; für Auber
    1849 Adrienne Lecouvreur (als Schauspiel zus. m. Legouvé); 1902 in ital. Bearb. v. Arturo Colautti als Adriana Lecouvreur für Francesco Cilea (1866-1950)
    1850 Giralda ou La nouvelle Psyché; für Adam
    1854 L’étoile du nord (nach Scribes Ballett La Cantinière); für Meyerbeer
    1854 La nonne sanglante (zus. m. Delavigne); für Charles Gounod (1818-93)
    1855 Les vepres siciliennes (zus. m. Duveyrier auf der Grundlage von Le duc d’Alba); für Verdi
    1856 Manon Lescaut; für Auber


    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Hallo,


    eine wirklich beeindruckende Liste. Wenn man bedenkt, für wieviele Spitzenopern Scribe die Textvorlage geliefert hat, muss man ihn wohl oder übel als den König der Opernlibretti bezeichnen!

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Interessant ist auch, dass die meisten Opern, die nach diesen Libretti entstanden sind, heute doch in jedem größeren Opernführer zu finden sind.

    Il mare, il mare! Quale in rimirarlo
    Di glorie e di sublimi rapimenti
    Mi si affaccian ricordi! Il mare, il mare!
    Percè in suo grembo non trovai la tomba?