Moderne Kadenzen in klassischen Konzerten - ja oder nein ?

  • Jörg Widmann (*1973) hat für das beethovensche Violinkonzert Op. 61 für jeden der drei Sätze Kadenzen geschrieben. Widmann weicht von der Tradition ab. Er lässt die Violine nicht alleine spielen. Er fügt der Geige einen Kontrabass, eine Pauke und eine weitere Violine hinzu.


    Zu hören sind sie in der Aufnahme mit der Geigerin Veronika Eberle und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Sir Simon Rattle. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2024.


    Die Widmann-Kadenzen sind


    1. Satz bei 19 min 26 s,

    2. Satz bei 35 min 13 s,

    3. Satz bei 46 min 16 s


    Für Freunde des gefilmten Konzerterlebnisses:


    https://www.ardmediathek.de/vi…N3ci5kZS9hZXgvbzIwMDEwMzY


    Einzeln gibt es die drei Sätze mit den Kadenzen auf YouTube


    I. Allegro ma non troppo, Kadenz bei 19 min 56 s



    II. Larghetto, Kadenz bei 9 min 30 s



    III. Rondo Allegro, Kadenz bei 6 min 52 s




  • Das Besondere neben der Transparenz und beschwingten Aggressivität an dieser Einspielung ist die Kadenz: als Vorlage bedient sich Kopatchinskaja der von Beethoven nachträglich für die Clavierfassung (op. 61a) komponierten 'Pauken-Cadenz' und adaptierte sie für 2 Violinen (mit Pauke). In dieser Einspielung spielt Kopatchinskaja beide Violinparts, die später im Studio abgemischt wurden. Der Effekt ist einfach grandios! Man muß das Gehörte zunächst als (technisch!) 'unmöglich' einordnen. Besonders durch die klanglich sich ergebenden „Trompetensignale“ wird durch die Verbindung mit den Pauken und dem Marschmotiv der militärische Aspekt klar und deutlich.


    Bei einer Livedarbietung dieser Kadenz - soweit ich mich erinnere - spielte eine zweite Person den 2. Geigenpart:




    Und hier gibt's noch eine andere Fassung:


    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Ich komme zurück auf die in Beitrag Nr 31 von moderato vorgestellte Aufnahme von Monika Eberle zurück. ich nehme sie VOR der Kopatchinskaja dran. Zum einen weil sie ja auch davor vorgestellt habe, zum andern, weil die Aufnahme inzwischen schon an mich unterwegs ist. Zum Dritten weil er sich um eine soigenannte "gewagte" Aufnahme handelt. Es Ist die Frage, wieweit solche "extremen" Kadenzen" heute mehr toleriert werden als vor 44 Jahren (Die Kremer Aufnahme stammt von 1981). Bzw "toleriert " ist ja eine umschreibung für "Duldsamkeit" - also etwas zulassen, das man im Grunde eigentlich nicht mag - ich hätte hier da eher "akzeptiert" oder - besser -"gemocht" schreiben müssen.

    Entweder hat sich meine Einstellung geändert (das Tamino Klassikforum ist eine harte Schule in Sachen "Geschmack";))

    oder die Widman -Kadenz ist ein Geniestreich.

    Gelegentlich wurde beanstandet, sie sei zu lang undmache einen zu großen Teil des eigentlichen Wrkes aus. Das lasse ich nicht gelten, denn ich liebe lange Kadenzen, so sie beim Thema bleibne. Das ist hier eindeutig der Fall, wobei ich der Kandenz im ersten Satz die Siegespalme überreiche. Die zweite fand ich ein wenig schwächer , aber durchaus gut. Die dritte Kadenz erreicht beinahe die Suggestivkaraft der ersten. Die Einbeziehung der Pauken empfinde ich als Clu dieser Kadenzen - um nicht zu sagen als "Geniestreich"

    Widman schafft IMO den Spagat zwischen "Werktreue" bzw Nähe dazu und einem zeigenössischen Stil (obwohl es einen solchen ja derzeit gar nicht gibt.)

    Beethoven hätte VERMUTLICH seine schiere Freude daran.

    Die Aufnahme wurde vom LSO unter Sir Simon Rattle produziert. es gibt aber - auf youtube - eine weitere Aufnahme, mit gleicher Solistin und Dirigenten, aber mit einem anderen Orchester. (SO des Bayrischen Rundfunks)

    Ob die Kadenzen in beiden Aufführungen sklavisch genau durchgezogen werden oder ob es geringe Abweichungen in der Ausführung gibt, das kann ich nicht beantworten - aber der große Bogen stimmt.

    Für wen ist diese Aufnahme - und für wen nicht?

    a) Wenn jemand lebenslang eine ältere Aufnahme (immer wieder die gleiche) auf den Plattenteller gelegt hat, der wird entsetzt sein

    b) Wenn jemand das Konzert öfter, mit unterschiedlichen Interpreten, aber den oft gespielten Kadenzen gehört hat, und ihn das langweilt, der wird eventuell - oder wahrscheinlich - begeistert sein.


    Hier nun die youtube Version mit dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks:


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Nana, zustehen ist so eine Sache. Hier sagen dauernd irgendwelche Kollegen Bewertungen über Komponisten, wo ich lieber nicht hinterfrage, aufgrund welcher Kenntnisse das passiert.


    Mir persönlich gefällt der Stil von Gemini auch nicht so gut wie der von chatGPT. Aber die Beurteilung ist sicher einigermaßen fundiert. Gemini soll offensichtlich offensiver sprechen als der openAI Konkurrent..

    Ich will hier nicht nur einen Offtopic-Kommentar loswerden, aber ich finde es schon wichtig hier zu erwähnen dass Uli nicht so ganz Unrecht hat, eine Beurteilung einer Musik ist bei einer KI anders zu bewerten als die eines Menschen, denn meines Wissens hat die KI (noch?) keine Gefühle und bei Musik geht es sehr stark um emotionale Empfindungen. Somit ist eine subjektive Gefühlsempfindung eines Menschen legitim ohne diese im Detail begründen zu müssen. Wenn eine KI aber eindeutige Werturteile über eine Musik abgibt sollte sie das zumindest anhand klar nachvollziehbarer Kriterien begründen können, denn sie kann nicht einfach sagen "sie fesselt, sie fasziniert,...mich" das ist zum einen schwammig ausgedrückt und hört sich stark nach einem subjektiven Urteil an. Was für den einen faszinierend ist kann für den anderen total langweilig sein. Also da sehe ich schon noch einen Unterschied.


    Damit ich nicht ganz Offtopic bleibe: Es gibt ja auch misslungene Kadenzen wo jemand versucht etwas im Stil des Komponisten zu konstruieren. Da ist es mir vielleicht lieber wenn die unbegabte Person in einem eindeutig modernen Stil bleibt um sich klar davon abzugrenzen und auch diejenigen des Publikums die nicht so mit jeder Originalkadenz bewandert sind eindeutig zu signalisieren dass es nicht vom Komponisten stammt. Sonst könnte vielleicht bei einem Konzertbesuch manch einer annehmen dass hier der Komponist selbst etwas rumgepfuscht hat (sozusagen gerade einen Hänger bei der Kadenz hatte)

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)